Der neue Nachmittag bei RTL (Berliner Zeitung, Klaudia Wick)
“War der Nachmittag früher die Sendestrecke für das ‘junge Programm’, ist es nun für alle gemacht, die die Zeit bis zum Abend irgendwie rumkriegen müssen. Ein Programm, das nicht stört, aber auch nichts bietet, das man gedanklich jederzeit ein- und wieder ausschalten kann.”
ARD und das Erste starten Mediatheken (onlinejournalismus.de, Thomas Mrazek)
“Mein erster Eindruck: Navigationstechnisch müssen sich die federführenden Köpfe vom Südwestrundfunk da dringend noch etwas einfallen lassen, die Orientierung fällt selbst einem einigermaßen geübten Nutzer schwer.”
Onlinepläne der Öffentlich-rechtlichen (taz, Steffen Grimberg)
Was darf mit Gebührengeldern im Internet publiziert werden? “… die Medienpolitik scheint sich vom zunächst recht siegessicheren Verleger-Lager abgewendet zu haben, von ‘strategischen Fehlleistungen’ der Verlage ist die Rede.”
Die Jelinek-Österreicher triumphieren (Joachim Lottmann)
“Endlich sind sie da, die man immer nur behauptet, ja herbeigebetet und -gebettelt hatte, und die es bis gestern partout nicht geben wollte: Pritzlowil oder wie er hieß, der Kampusch-Peiniger, Fritzl der Superfreak, der endlich den Monströsitätsgrad von Adolf erreicht.”
Sieben verstörende Minuten (Spiegel Online, Henning Lohse)
Eine Gruppe Jugendlicher zieht durch Paris, schlägt wahllos Menschen nieder, randaliert, klaut – das ist das neue Musikvideo der französischen Elektro-Band Justice. Besonders an dem Gewaltclip sind die meisterhaft komponierten Szenen, die extrem sorgfältig ausgewählten und bearbeiteten Bildern, die geradezu eine Sogwirkung entwickeln. Vorsorglich fürchtet man schon neue Gewalt in den Banlieus.
Wie man im Internet Bilder findet (Random knowledge, Kurt)
Ausführliche Liste mit Links zu Suchmaschinen und Archiven, darunter sowohl kommerzielle Anbietern als auch Behörden und freie Quellen.
In eigener Sache: Das Ergebnis unserer Umfrage zu den kleinen Bildern hier ist 50:50 ausgegangen, wir werden deshalb nur in Ausnahmefällen Bilder oder Videos zeigen. Ronnie Grob, den ich bei “6 vor 9” diesen Monat vertrete, schreibt solange aus China.
Zwei Medienkampagnen, das Ende des Interviews, ein Spielverderber, neue Pop-Recherche und der entfesselte Internet-Mob.
Vor dem Ende des Interviews warnt Adrian Schimpf, Ex-Chefjustiziar der Financial Times Deutschland und Manager bei Gruner und Jahr, auf Spiegel Online. Anlass ist ein Urteil der Zivilkammer 24 des Hamburger Landgerichts, nachdem Medien für die Wahrheit von Interviewäußerungen Dritter haften. (Wir hatten dazu zwei Tage vorher auf eine Meldung von newsroom.de verlinkt.)
NZZ wittert Kampagne gegen Rechts (NZZ, Heribert Seifert)
Peter Krause, CDU-Politiker und ehemalige Redakteur der Jungen Freiheit, wird nicht Minister in Thüringen: “Was dort geschah, wirft ein düsteres Licht auf die deutschen Diskursverhältnisse, zeigt es doch, dass Medien ohne professionelle Selbstkontrolle an Kampagnen mitmachen, wenn diese die Stossrichtung ‘gegen rechts’ haben.”
Vorspann vor Gericht (umblaetterer.de, Marc Reichwein)
Redaktion schreibt spitzen Lead, Autor landet vor Gericht: “Ein Weltwoche-Journalist hatte sich wegen angeblich rassistischer Wortwahl vor Gericht zu verantworten. Das Kuriose: Dieser Journalist war für Teile seines Artikels angeklagt, die er nachweislich gar nicht geschrieben hatte.”
Interview mit Kriegsfotograf Hetherington (davidbauer.ch, Olivia Kühni und David Bauer)
“Der Umgang mit Brutalität beschädigt etwas in einem. Sie werden nicht durch die Strassen gehen und denken, das Leben ist einfach wunderbar, alles ist grossartig und gut.” Mit dem Bild eines erschöpften US-Soldaten in Afghanistan gewann Tim Hetherington den World Press Photo Award 2007.
Mutlose Auswahl (Indiskretionen Ehrensache, Thomas Knüwer)
Die Nominierungen für den Grimme Online Award stellt Thomas Knüwer vor. “Richtig dicke Überraschungen, Angebote, die mich staunen lassen, vermisse ich.”
Beleidigungen und ernste Fragen (taz, Heide Oestreich)
Die Alphamädchen begehen “Muttermord” an Alice Schwarzer: “Sie definieren sich nun einen neuen Feminismus zurecht. So what?, möchte man sagen: Es ist schließlich noch genug Patriarchat für alle da.”
Spiegel Online entdeckt die Langsamkeit
Auf der neuen “Seite 2” werden Reportagen, Analysen und Interviews aus den vergangenen 24 Stunden gezeigt. Aufmacher ist derzeit das Geständnis von Josef Fritzl, der lächelnd auf einem Riesenfoto (515×420 Pixel) gezeigt wird.
Falsch und gefährlich (Das Magazin, Reto E. Wild)
“In welcher Art das Gros der Schweizer Medien über Israel informiert und bewusst oder unbewusst wesentliche Fakten vorenthält, hat sich in den letzten Monaten besonders bei der Berichterstattung über den Gazastreifen gezeigt.”
Gegen den Wellness-Feminismus (faz.net, dpa)
In Büchern wie “Neue deutsche Mädchen” und “Wir Alphamädchen” wird nur ein Wellness-Feminismus propagiert, ätzte Schwarzer bei der Entgegennahme des Ludwig-Börne-Preises in Frankfurt. Dabei sei Zwangspostitution weiter “ganz und gar ungeil”. Laudator Harald Schmidt war ganz bei ihr: “Zeig mir wo die Girlies sind!”
Hinsehen gegen Nazis Die Zeit hat die Seite “Netz gegen Nazis” gestartet: “Hier finden Sie alles, was Sie über Rechtsextremismus wissen müssen, täglich mehrmals aktualisiert von unserer Redaktion. Helfen Sie, die zwölf wichtigsten Fragen im Umgang mit Neonazis zu beantworten. Und diskutieren Sie mit anderen Nutzern über Ihre Erfahrungen.” Mit täglicher Presseschau.
Große Erwartungen an Krimiserie KDD (dwdl.de, Uwe Mantel)
“Aufatmen beim ZDF wie auch bei Kritikern: Die mehrfach preisgekrönte, in Staffel 1 aber eher schwach gelaufene Serie ‘KDD’ startete solide in die neuen Folgen.” Im Fernsehlexikon gibt’s die Langfassung eines Werkstattgesprächs mit KDD-Autor Orkun Ertener von Stefan Niggemeier.
Gott weint jetzt (Spiegel Online, Antonie Rietzschel)
“16.000 Jugendliche aus evangelikalen Gemeinden und Freikirchen in Deutschland treffen sich von Mittwoch bis Sonntag in Bremen. Sie besuchen Musikfestivals, Seminare, Workshops und Gottesdienste. Es könnte eine große Party für junge fromme Leute sein, aber das ‘Christival’ will mehr – und genau darum ist es so umstritten.”
Willkommen in der Blogosphäre (Gawker.com, Pareene)
“Atlantic contributor Jeffrey Goldberg started his very first blog this week, with a charmingly naive post mostly about how he knows nothing about blogging … Lord fucking save us.”
Endlich mal erschien ein deutschsprachiger Zeitungsartikel über Weblogs, der nicht in Grund und Boden verdammt werden musste (sogar Thomas Knüwer war davon angetan). Thomas Thiel beschritt in der Frankfurter Allgemeineneine Reise durch die Blogosphäre, die ihn zu obskuren Orten wie Ingolstadt oder Usingen führte. Wissen würde ich aber gerne, wer dieser Blogger ist, der seine Meinungsbekundungen (vorgetragen “im Dünkel argumentativer Überlegenheit und im Bewusstsein der durch die Anonymität geminderten Rechenschaftspflicht”) standardisiert mit “Ugugu” beginnt. Read On…
Nein, “Bild” ist hier nicht allein mit dieser faustdicken Ente (siehe Ausriss). Ganz und gar nicht. Aber auch Europas größte Tageszeitung hat sich nicht die Mühe gemacht, eine Sekunde innezuhalten, als die Nachrichtenagentur AFP gestern um kurz nach 16 Uhr die geradezu wahnwitzige Neuigkeit verkündete:
Fernsehfilme in Englisch oder anderen Sprachen sollen nach dem Willen des Europaparlaments künftig in ARD und ZDF nur noch im Original mit Untertiteln laufen. Eine entsprechende Erklärung gegen die Synchronisierwut nahmen die Abgeordneten am Mittwoch in Brüssel an.
Okay, dass das nicht stimmt und die EU nur fordert, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihr Programm (zur besseren Verständlichkeit für Schwerhörige, Gehörlose und Nichtmuttersprachler) komplett untertiteln, hätte man mühelos in der öffentlich zugänglichen, zweiseitigen EU-Erklärung nachlesen können. Aber wenn selbst der Presserat der Ansicht ist, dass eine Zeitung “darauf vertrauen können [muss], dass das, was eine Nachrichtenagentur verbreitet, auch inhaltlich richtig ist” und “die pressegemäße Sorgfalt (…) demnach keine eigene Überprüfung des Wahrheitsgehaltes mehr [verlangt]”…
… dann hat’s wohl seine Richtigkeit, dass “Bild” heute auf der Titelseite eine Falschmeldung verbreitet.
Vielen Dank an Dennis für den sachdienlichen Hinweis!
Nachtrag, 13.4.2008: Anders als etwa Spiegel Online oder AFP selbst hält “Bild” es offenbar nicht für notwendig, den Lesern wenigstens im Nachhinein mitzuteilen, dass es sich dabei um eine Falschmeldung handelte.
Gebt den Sauriern Saures! (Lesetipp) (werbewoche.ch, Oliver Reichenstein)
Die Rezession ist das Beste, was uns passieren kann. Uns Lesern. Uns Konsumenten. Uns neuen Medienmachern.
“Der größte Überwachungsapparat der Welt” (spiegel.de, Thorsten Dörting und Sascha Klettke)
Mit perfiden Methoden kümmern sich Chinas Medienwächter um das Image des Landes im Ausland. ZDF-Korrespondent Johannes Hano sprach mit SPIEGEL ONLINE über verängstigte Interviewpartner, schwarze Bildschirme und Kollegen, die mit der Staatssicherheit Tee trinken müssen.
Alle hassen Peter (zuender.zeit.de, Chris Köver)
Peter Sunde betreibt die Pirate Bay, ein Download-Portal. Die Musikindustrie versucht seit Jahren, die Seite zu schließen. Hat er manchmal ein schlechtes Gewissen?
Internet-Attacken “schlimmer als 9/11” (taz.de, Ben Schwan)
Internetangriffe könnten ähnlich gefährlich sein wie der 11. September, warnt das US-Heimatschutzministerium. Dessen Chef Chertoff startet eine gigantische Initiative, um das Netz abzusichern.
“Wir sind ja kein Streichelzoo” (tagesspiegel.de, Sonja Pohlmann)
Die “Bunte” wird 60. Chefredakteurin Patricia Riekel spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über das Geschäftsmodell Klatsch mit Fakten.
“Handys im Flugzeug müssen verboten bleiben!” (zoomer.de, Video, 1:28 Minuten)
Ulrich Wickert überrascht mit humoristischem Talent. Er will, dass in Flugzeugen nur E-Mail zugelassen wird – Handygespräche möchte er keine hören.
Wenn “Bild” heute im Sportteil über die Formel 1 in besonders großen Buchstaben schreibt, Michael Schumacher meine, “BMW kann Weltmeister werden!”, ist das falsch.
Aber dafür kann “Bild” nichts.
Michael Schumacher habe sich gestern “in großer Runde” auf einer Pressekonferenz in Brüssel “missverständlich ausgedrückt”, sagt seine Sprecherin. Gemeint habe er eigentlich das, was er der Nachrichtenagentur Reuters in einem Gespräch auf derselben Pressekonferenz erzählte:
“BMW here and there will have a few highlights, maybe more than we think. But calculating all things, I believe, no, they cannot sustain it over the season,” Schumacher told Reuters in an interview in Brussels (…). “I believe it is a straight fight between Ferrari and McLaren,” he said “There will be no other team fighting realistically towards the end of the championship.”
Kurz gesagt: Schumacher meint, BMW wird nicht Weltmeister.
Schumi im “Bild”-Zitat
“Es sind drei Teams, die jetzt um die WM fahren. Neben Ferrari und McLaren kann auch noch BMW gewinnen. Das wird sehr spannend.”
Insofern ist es etwas unglücklich, dass “Bild” ausgerechnet aus dem, was Schumacher nicht meinte, eine große Schlagzeile mit fast ganzseitigem Artikel gemacht hat. “20 Minuten”, die “Abendzeitung” oder Sport1.de, waren nämlich offenbar so beeindruckt von der großen “Bild”-Schlagzeile, dass sie meinten, die vermeintliche Nachricht heute Vormittag weiterverbreiten zu müssen, und dabei (anders als etwa motorsport-total oder adrivo.com) die Reuters-Meldung wohl übersehen haben.
Sonst wären sie womöglich auf die Idee gekommen, mal kurz bei Schumachers Sprecherin nachzufragen, was er nun gesagt oder gemeint hat. Dauert keine fünf Minuten.
Mit Dank an Michael L. für den sachdienlichen Hinweis.
Nachtrag, 4. April 2008:“Bild” interviewt heute Mario Theissen, den BMW-Motorsport-Direktor, zu den WM-Chancen von BMW Sauber:
Eine Korrektur der gestrigen Schlagzeile ist das nicht. Es sei denn, “Bild” meint “Experten wie die beiden Schumis” im Sinne von wie einer der beiden Schumis und nicht wie der andere. (Das Reuters-Interview mit Michael Schumacher gibt es übrigens bei “Spiegel Online” als Video).
Flirtsprüche, Brummkreisel, Körpergerüche, Puff beim RBB.
“Ich trink Ouzo – was machst du so?” – Spiegel Online, das erfolgreichste Medienportal Deutschlands, glänzte mit den “Top Ten der schlechtesten Flirtsprüche“. Zwei Tage später auf 20 Minuten, dem erfolgreichsten Medienportal der Schweiz: “Die acht schlechtesten Anmachsprüche“. Urheber: “Eine Umfrage unter 4500 Usern des Onlinedienstes spin.de”.
Korrespondenten des ZDFkritisierten ihren Sender. Frankreich-Korrespondent Alexander Sobeck: “Seit sich der Präsident benimmt wie ein rasender Brummkreisel, bin ich froh, wenn ich in einem Beitrag über sein Privatleben fünf Halbsätze Politik unterbringe”. Balkan-Korrespondent Klaus Prömpers hingegen, der sich mal bei der F.A.Z. des Fernsehens wähnte, fühlt sich nun immer mehr wie bei der Bild-Zeitung. Als Beispiel führt er diesen Arbeitsvorschlag an: “Mach mal was über die Wahl in Bulgarien – aber ohne die Politiker. Die kennt ja sowieso kein Mensch.” Read On…
Die Liste derjenigen, bei denen sich die “Bild”-Zeitung entschuldigen sollte, ist vermutlich so lang, dass sie nicht ausgedruckt werden kann, ohne eine Explosion des Papier-Preises zu verursachen. Vergangene Woche ist sie wieder um ein paar Namen länger geworden.
Denn in der vergangenen Woche hat “Bild” ein Video veröffentlicht, das angeblich zeigt, wie der frühere Hamburger Richter und Innensenator Ronald Schill Kokain schnupft und erklärt, wie er die Öffentlichkeit mithilfe eines Haartests über seinen Drogenkonsum getäuscht habe. Das ist insofern überraschend, als sich “Bild” vor sechs Jahren, nachdem Schill diesen Test gemacht hatte, ganz außerordentlich sicher war. “Bild” Hamburg titelte am 19. Februar 2002:
Diese Schlagzeile scheint nicht nur aus heutiger Sicht falsch zu sein — sie war auch aus damaliger Sicht schon falsch, nämlich durch nichts gedeckt. “Bild” wusste genau, dass die Aussagekraft des Haartestes, den Schill hatte machen lassen, nicht weiter als knapp eineinhalb Jahre zurückreichte. Und “Bild” selbst schrieb, die Mediziner hätten “sporadische Einnahmen” von Kokain als “unwahrscheinlich” bezeichnet — also nicht ausgeschlossen.
Der Name des Autors über dem “Bild”-Artikel vom vergangenen Samstag (“Ein deutscher Politiker schnupft ungeniert Kokain!”) ist übrigens derselbe, der über dem “Bild”-Artikel von 2002 (“Schill nahm nie Kokain”) stand: Christian Kersting. — Lustig.
Jedenfalls behauptete “Bild” 2002, die Münchner Rechtsmedizin, die die Probe damals untersuchte, habe “die genauestmögliche Messmethode angewandt, die es gibt”. Dabei hatte der Toxikologe Hans Sachs laut “Bild” bloß gesagt: “Das war die genaueste Analyse, die je an diesem Haus durchgeführt wurde.” Wolfgang Eisenmenger, der Vorstand des Instituts, erklärte jetzt gegenüber morgenpost.de, andere Labors hätte empfindlichere Tests durchführen können — Schill habe das aber abgelehnt.
Das wusste man damals noch nicht; bekannt war aber, wie begrenzt die Aussagekraft dieser Untersuchung war. Am selben Tag, an dem “Bild” titelte: “Schill nahm nie Kokain”, berichtete z.B. die “taz”:
Die Aussagekraft der Haarprobe war im Vorfeld allerdings selbst vom durchführenden Toxikologen Prof. Hans Sachs in Frage gestellt worden. Auch sein Frankfurter Kollege Gerold Kauert betonte, dass “nur relevanter Drogenkonsum nachgewiesen werden kann, so bei einem Menschen, der jedes Wochenende Drogen nimmt”. Ähnlich hatte sich auch der Leiter des Institutes für pharmazeutische Forschung in Nürnberg, Prof. Fritz Sörgel, geäußert.
Schill ignorierte diese wichtigen Einschränkungen natürlich — und seine Freunde von “Bild” auch. Für die Zeitung, die den “Richter Gnadenlos” in Hamburg in den Monaten zuvor maßgeblich groß gemacht und zum einsamen, durchgreifenden Kämpfer gegen Kriminelle hochstilisiert hatte, blieb nicht der Hauch eines Zweifels.
“Bild” über “Panorama”
“Bild”, 12.2.2002:
Hamburgs Innensenator Ronald Schill (43) will ein für alle Mal die unglaublichen Kokain-Vorwürfe gegen sich aus der Welt schaffen! Als erster Politiker unterzog er sich gestern im Gerichtsmedizinischen Institut München einem Haartest.
Schill reagierte mit seinem aufsehenerregenden Schritt auf unbewiesene Vorhaltungen des NDR-Magazins “Panorama”. In der TV-Sendung hatte ein angeblicher Zeuge behauptet, Schill habe sich bei einer Wahlparty am 23. September 2001 in Hamburg mit dem Finger “weißes Pulver” auf das Zahnfleisch gerieben. Laut “Panorama” eine gängige Methode, um Kokain zu konsumieren.
“Bild”, 21.2.2002: Verlierer
Das TV-Magazin “Panorama” (NDR) hat vor dem Landgericht Hamburg eine schwere Niederlage erlitten. Das Polit-Magazin darf nicht mehr behaupten, dass Hamburgs Innensenator Schill Kokain genommen hat. Sonst droht ein Ordnungsgeld von 250 000 Euro. BILD meint: Bitte nicht von unseren Rundfunkgebühren…
Zur Untersuchung der Haarprobe sah sich Schill gezwungen, nachdem das ARD-Magazin “Panorama” am 7. Februar 2002 einen unkenntlich gemachten Zeugen präsentiert hatte, der angab, Schill beim offenkundigen Kokain-Konsum gesehen zu haben. (Entsprechende Gerüchte waren schon vorher aufgetaucht.) “Bild” listete deshalb am 22. Februar 2002 unter der Überschrift “Wer sich bei Schill entschuldigen sollte” unter anderem auf:
Jobst Plog, NDR-Intendant. Er ist der oberste Chef und verantwortlich für den Bericht. Gegen ihn erwirkte Schill eine einstweilige Verfügung.
Kuno Haberbusch, Panorama-Chefredakteur. Sein Magazin präsentierte den offenbar falschen Zeugen und montierte angeblich widersprüchliche Aussagen Schills aneinander.
Prof. Wolfgang Hoffmann-Riem, Bundesverfassungsrichter. Er hatte in einem offenen Brief Schill aufgefordert, sich zu den Kokain-Vorwürfen zu äußern. Scheinheilig dozierte er dabei, er sei nur um das Ansehen des Amtes besorgt.
Bei wem sich die “Bild”-Zeitung nun ihrerseits entschuldigt hat (unser erster Vorschlag: die Leser), ist unbekannt.
PS: Auch den “Bild”-Kolumnisten Franz Josef Wagner beschäftigte der Fall. Am 12. Februar 2002 schrieb er an Schill einen Brief:
Lieber Innensenator Schill,
obwohl ich Ihr Law-and-Order-Gedöns überhaupt nicht mag, finde ich mich plötzlich unter denen, die Sie verteidigen. “Panorama” hat einen anonymen Zeugen auftreten lassen, der behauptete, Sie hätten sich auf einer Party weißes Pulver auf Ihr Zahnfleisch gerieben. Von da an standen Sie unter dem Anfangsverdacht zu koksen. (…)
Ich finde die “Panorama”-Sendung beschämend. Genauso könnte “Panorama” per anonymen Zeugen verbreiten, ich, Franz Josef Wagner, Kolumnist der BILD-Zeitung, hätte Sex mit Kindern. Was um Gottes willen kann ich dann machen? Selbstmord? (…)
“Anonym” war der Zeuge zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Schon zwei Tage nach der “Panorama”-Sendung wurde er als Funktionär der Schill-Partei und namentlich “enttarnt”. Von “Bild”.