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dpa  

Schluss, Aus, Dr. House?

In der vergangenen Woche veröffentlichte die Nachrichtenagentur dpa eine Meldung, die sie offenbar selbst nicht glaubte. Schon die Überschrift klang zweifelnd:

Hugh Laurie steigt angeblich bei “Dr. House” aus

London (dpa) – Hauptdarsteller Hugh Laurie (50) will angeblich aus der amerikanischen Krankenhausserie “Dr. House” aussteigen. Wie der “Daily Mirror” im Internet meldet, soll Schluss ein, wenn die letzte Episode der achten Staffel im Sommer abgedreht sein wird. Laurie verriet einem englischen Radiosender, warum er diese Entscheidung gefällt hat: Er möchte wieder mehr Zeit für seine Familie zu Hause in England haben. (…)

Klickt man auf den Link, den die Nachrichtenagentur ihren Kunden freundlicherweise als Service mitliefert, stellt man fest, dass die Quelle für den “Daily Mirror” keineswegs ein “englischer Radiosender” ist, sondern die “Radio Times”, eine britische Programmzeitschrift.

Das ist schon mal peinlich, aber das grundsätzliche Problem ist viel größer: Warum verlässt sich die vermeintlich seriöse deutsche Nachrichtenagentur auf ein britisches Boulevardblatt, dem sie selbst nicht traut, anstatt kurz in der Originalquelle nachzusehen, was Hugh Laurie wirklich gesagt hat?

Schon in der Überschrift des insgesamt dreiseitigen Artikels in der “Radio Times” wird die Behauptung von “Daily Mirror” (und dpa) deutlich relativiert. Von einer bereits gefallenen Entscheidung kann dort keine Rede sein. Dort heißt es nur:

Hugh Laurie’s days as the world’s highest paid actor in a TV drama may be numbered.

Im Artikel selbst steht:

The family are used to the transatlantic routine, even if it might be coming to an end — after filming this summer for the forthcoming eight series, “the end of that season, right now, looks like the end of the show”.

Is that Laurie’s choice? “Well, that’s as far as they’ve got me for,” he replies carefully, referring, presumably, to the limits of his contract.

Mit anderen Worten: Laurie sagt bloß, dass sein aktueller Vertrag als Darsteller des “Dr. House” nur bis zum Ende der nächsten Staffel läuft, für die die Dreharbeiten im Sommer beginnen. Danach könnte Schluss sein. Es ist aber weder von einem bereits gefallenen Entschluss die Rede, danach aufzuhören, noch davon, dass die Trennung von seiner Familie der Grund dafür ist.

Die dpa-Ente fand großen Anklang bei deutschen Medien. Sie schaffte es unter anderem in die “B.Z.” (die lustigerweise zwei Tage zuvor unter Berufung auf den vermeintlichen “Branchendienst” quotenmeter.de schon dasselbe gemeldet hatte), in die “Welt”, den “Tagesspiegel”, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” und — mit Tagen Verspätung, aber nicht weniger falsch — heute in die “Süddeutsche Zeitung” und auf “Spiegel Online”.

(via fernsehlexikon.de)

Nachtrag, 17. Mai. dpa hat heute eine berichtigte Fassung der Meldung herausgegeben:

Lauries Tage als “Dr. House” könnten gezählt sein

London (dpa) – Der britische Schauspieler Hugh Laurie (51) hat in einem Interview angedeutet, dass seine Zeit als Hauptdarsteller in der US-Krankenhausserie “Dr. House” zu Ende gehen könnte. Das werde möglicherweise nach der achten Staffel sein, die diesen Sommer abgedreht werden soll, schreibt der “Daily Mirror”. Die britische Boulevardzeitung beruft sich dabei auf das Magazin “Radio Times”. Laurie sagte der BBC-Programmzeitschrift: “Es sieht im Moment so aus, als würde das Ende der Staffel das Ende der Show bedeuten.” Vorsichtig schränkte er ein: “Nun, nur bis dahin haben sie mich engagiert.” (…)

Die Agentur teilt Ihren Kunden darüber hinaus mit, dass es sich um eine Berichtigung handelt:

Die Meldung dpa 0744 vom 10. 5. wurde neu gefasst und mit Zitaten aus der Originalquelle versehen, um deutlich zu machen, was Laurie genau zu einem möglichen Ende seiner Tätigkeit als “Dr. House” sagte. Außerdem wurde geändert: das Magazin “Radio Times” rpt das Magazin “Radio Times” – statt einem englischen Radiosender. Alter: 51 rpt 51 – nicht 50.

Eurozone, Nina Kunzendorf, Jörg Kachelmann

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Spiegel-Online-Style: Die Informationen sind zwar falsch, aber exklusiv!”
(print-wuergt.de, Michalis Pantelouris)
Michalis Pantelouris schreibt zur Exklusiv-Meldung von “Spiegel Online”, Griechenland plane, aus der Eurozone auszutreten. Artikel-Autor Christian Reiermann sei entweder auf eine rein theoretische Floskel hereingefallen (“dann müssten wir/dann müssten die aus dem Euro austreten”) – “oder er hat die durchgesteckte Fehlinformation von jemandem weiterverbreitet, der ein Interesse an der Destabilisierung der griechischen Regierung oder des Euro hat, aus politischen Gründen oder zugunsten gelenkter Spekulation (der Euro Kurssturz war ja vorhersehbar, wenn man diese Informationen hatte).”

2. “Vor Scham fast vom Stuhl gefallen”
(taz.de, Sven Sakowitz)
“Tatort”-Schauspielerin Nina Kunzendorf erzählt, wie sie ein Nacktfoto von sich in “Bild” fand. “Die haben ja gar nicht mit mir gesprochen. Der Aufhänger des Artikels war ein elf Jahre altes Theaterfoto von mir, auf dem ich nicht besonders viel anhatte. (…) Als ich mir das dann online angeschaut habe, bin ich vor Scham fast vom Stuhl gefallen, weil das wirklich ein aus dem Zusammenhang gerissenes und grauenhaftes Foto war, und dazu gab es einen ganz schmierigen Text, bei dem man hätte denken können, dass ich aus der Porno-Ecke komme.”

3. “Neue Policy gegenüber Publikationen der Axel Springer AG”
(excitingcommerce.de, Jochen Krisch)
Exciting Commerce zieht Konsequenzen aus einer Schadensersatzforderung der Rechteverfolgung der Axel Springer AG: “Natürlich respektieren wir die Rechtsauffassung der Axel Springer AG. Um jedoch weiteren Konflikten mit der Axel Springer AG vorzubeugen, werden wir bei Exciting Commerce die Publikationen der Axel Springer AG künftig nicht mehr als Quelle nutzen und uns weder direkt noch indirekt auf online gestellte Inhalte der Axel Springer AG beziehen.”

4. “Royaler Dauerorgasmus”
(fernsehkritik.tv, Video, 9:47 Minuten)
Die Hochzeit des britischen Thronfolgerfolgers im deutschen Fernsehen.

5. “Digitaler Werkzeugkasten für Journalisten”
(digitalerwandel.de, Julius Tröger)
Julius Tröger stellt Werkzeuge zur Multimedia-Produktion im Web vor.

6. “Die Liebe in Zeiten der Kamera”
(berlinonline.de, Malte Welding)
“Noch nie wurde das Intimleben eines Menschen so umfassend durchleuchtet, wurden die Details eines Lebens von einem ganzen Volk zerredet, bequatscht, verhöhnt, bis das ganze Leben selbst der Lächerlichkeit preisgegeben war”, schreibt Malte Welding in einem langen Text über den Prozess gegen Jörg Kachelmann: “Jedes Gerücht kann gestreut, jede Mutmaßung rumgemeint werden. Jedes Käseblatt bietet psychologische Ferndiagnosen, jeder Mensch, der Kachelmann einmal eine Gurke verkauft hat, kann in der Zeitung ein psychologisches Gutachten über ihn verfassen. Aber Tatsachen? Ja, die gibt es, aber die sind langweilig und damit irgendwie doof.”

Bin Laden zu Tode geshopt

hihi, BILD macht einen auf BILDBlog RT @Doener: Wirbel um falsches Bin-Laden-Foto: http://bit.ly/m7gSYc

So lautet ein Tweet, der bei Twitter aktuell die Runde macht.

Gemeint ist ein Artikel auf Bild.de, der nach mehreren Änderungen so aussieht:

Al-Qaida-Chef tot Der Beweis: Osama-Foto ist eine Fälschung Osama bin Laden Wirbel um falsches Foto Das Foto zeigt deutlich: Hier wurde retuschiert

Damit liegt Bild.de, wo das gefälschte Foto genauso wie auf n24.de, ntv.de, sueddeutsche.de und web.de zwischenzeitlich zu finden war, richtig und inzwischen berichten auch “Spiegel Online”, sueddeutsche.de oder tagesschau.de über das falsche Foto. Wer einen starken Magen hat, kann sich die einzelnen Komponenten der Montage, die schon seit Jahren durch das Netz geistert, etwa hier ansehen: Un fake la foto di bin Laden morto

Auf abendblatt.de findet man das vermeintliche Bild des toten Terroristenführers trotzdem noch — nebst moralischer Rechtfertigung für die Veröffentlichung dieses “mutmaßlich historischen Dokuments”:

Der tote Osama bin Laden auf einem Fernsehbild. Das Hamburger Abendblatt und abendblatt.de zeigen normalerweise keine Bilder von Toten. Die Redaktion hat sich jedoch entschlossen, dieses mutmaßlich historische Dokument zu veröffentlichen. Ähnliches hatte zum Beispiel für den hingerichteten Diktator Saddam Hussein gegolten.

Wie schwer sich Bild.de dann doch tut, selbst einmal Medienkritik zu üben, erkennt man nicht nur an der Steffen-Seibert-Gedächtnis-Überschrift, unter der der Artikel ursprünglich erschienen ist:

Obama-Foto ist eine Fälschung

Ebenfalls in der Ursprungsversion stand folgende inzwischen unauffällig entfernte Passage:

Doch, was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnte: Das Foto ist eine Fälschung!

Schon 2008 trat der damalige US-Präsident George W. Bush mit dieser Foto-Montage vor die Presse, verkündete die Nachricht: Bin Laden ist tot!

Etwas derartiges hat Bush nie verkündet. Hier ist Bild.de höchstwahrscheinlich selbst auf eine weitere Fotomontage hereingefallen, die die amerikanische Online-Satirezeitung “Unconfirmed Sources” für den Fakenews-Artikel “Bush Confirms Death of Osama bin Laden” angefertigt hatte:

Bush Confirms Death of Osama Bin Laden

Aus diesem meist nur im Cache lesbaren Artikel dürfte auch die oben genannte Fotomontage der Leiche bin Ladens, die heute morgen noch so fleißig verwendet wurde, stammen. Der Name der Fotodatei, 20060923-torturedosama, weist darauf hin, dass das gefälschte Bild und die Falschmeldung über den angeblichen Presseauftritt von George W. Bush schon seit dem 23. September 2006 im Umlauf sind.

Das mit dem BILDbloggen sollte Bild.de noch üben.

Mit Dank an die Hinweisgeber.

Wer im Glabhaus sitzt…

So viel Selbstironie hätten wir “Spiegel Online” gar nicht zugetraut.

Im Zuge des Livetickers zum Tod von Obama Osama bin Laden ging auch diese Nachricht über den Äther:

Regierungssprecher Seibert vertippt sich

Dumm nur, dass die Überschrift des Livetickers einige Zeit lang so lautete:

US-Militär soll Obama auf See bestattet haben

Immerhin hat “Spiegel Online” den eigenen Vertipper inzwischen transparent korrigiert:

+++ 10.00 Uhr +++ Tückische Vertipper +++

Im Eifer des Gefechts kann es schon einmal passieren – auch SPIEGEL ONLINE rutschte der gleiche Buchstabendreher für ein paar Minuten durch – in diesem Fall ist der Vertipper besonders unglücklich. Zuvor verwechselte schon Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter das “s” mit dem “b” – und beschuldigte versehentlich den US-Präsidenten unfassbarer Taten: “Obama verantwortlich für Tod tausender Unschuldiger, hat Grundwerte des Islam und aller Religionen verhöhnt.”

Mit Dank an die zahlreichen Hinweisgeber.

Bild  

Dicke Schamlippe riskiert

Drogen! Korrupte Bullen! Schamlippen!

Bei einem angeblichen “Drogen-Skandal im Polizeipräsidium” waren zwei “Bild”-Redakteure derart in ihrem Element und dazu auch noch so urteilsschnell, dass man sich fragt, warum überhaupt noch ermittelt wird.

Bereits die Überschrift lässt eigentlich keinen Zweifel daran, dass die Schuldigen bereits überführt sind:

Mainzer Polizisten klauen Rauschgift und Geld aus Asservatenkammer: Drogen-Skandal im Polizei-Präsidium

“Bild” spart nicht an Superlativen, Ausrufezeichen und Vorwürfen:

Es ist DER absolute Sicherheits-Gau, ein Polizei-Skandal unfassbaren Ausmaßes! Im Mainzer Polizeipräsidium sollen Ermittler Drogen und Geld aus der Asservatenkammer geklaut haben! Um sich zu bereichern – und den Stoff zu konsumieren!

Doch die Situation stellt sich dann doch deutlich anders dar, wie die “Rhein-Zeitung” heute schreibt:

Wenn bei der Polizei 1200 Euro und ein Tütchen mit Aufputschmitteln verschwinden, ist das sicherlich eine ernste Sache.

Fünf Kamerateams und ein Dutzend Zeitungs- und Rundfunkreporter strömen deshalb noch lange nicht ins Präsidium. Dafür muss schon der Boulevard mit einem “Drogen-Skandal” titeln, gewürzt mit Details tief im Schambereich der Betroffenen. Das füllt die eiligst anberaumte Pressekonferenz, bei der der Leitende Oberstaatsanwalt Klaus-Peter Mieth versichert: Der Artikel in der “Bild”-Zeitung sei “relativ wenig zutreffend”.

Dabei schien “Bild” doch so genau Bescheid zu wissen. Oder zumindest irgendwelche “Informationen” aufgespürt zu haben, inklusive der “Details tief im Schambereich”:

Nach BILD-Informationen sollen die Polizisten Heroin, Kokain, Amphetamin, Hasch und Geld geklaut haben! Unglaublich: Die Polizistin soll Heroin selbst konsumiert haben, es sich in die Schamlippen gespritzt haben – um Einstichspuren an den Armvenen zu vermeiden.

Bei der Pressekonferenz stellen Oberstaatsanwalt und Polizeipräsident klar:

Drogen sind außer den 116 Gramm Amphetamin auch nicht verschwunden. Kein Heroin, kein Kokain, wie “Bild” behauptet hat.

Und das Spiel geht so weiter. “Bild” behauptete:

Die drei Beamten wurden nach Polizeiangaben an einen anderen Arbeitsplatz versetzt. Die Polizistin wurde in die Psychiatrie der Rheinhessen-Klinik eingewiesen.

Oberstaatsanwalt und Polizeipräsident sagen laut “Rhein-Zeitung”:

Zwar werde ermittelt, aber gegen unbekannt.

Vier Beamte seien im Fokus, aber eben nur deshalb, weil gerade sie Zugang zu der Asservatenkammer des Präsidiums haben. Suspendiert ist keiner, er habe die drei hauptamtlichen Mitarbeiter der Asservatenkammer “aus Fürsorgegründen” in andere “Verwendungen” innerhalb der Kriminaldirektion geschickt. (…)

Es wurde auch keine Beamtin in die Nervenklinik “eingewiesen”. Vielmehr habe die stationäre Behandlung der Frau schon begonnen, bevor Geld und Drogen überhaupt vermisst wurden.

“Bild”:

Alle 3 erwartet ein Strafverfahren, der Ausschluss aus dem Polizeidienst sowie der Verlust der Beamtenpension.

Dabei ist nach derzeitigem Stand noch nicht einmal sicher, ob überhaupt Drogen verschwunden sind. Der Oberstaatsanwalt gegenüber “Spiegel Online”:

Zum verschwundenen Amphetamin sagte Mieth, er gehe nicht zwingend von einem Diebstahl aus. “Es ist aus meiner Sicht nicht ausgeschlossen, dass das Material tatsächlich zu uns gelangt ist.” Im täglichen Dienst geschehe es immer wieder, dass Asservate bei ihrem Weg in andere Behörden falsch zugeordnet würden.

Egal, zu welchem Ergebnis die Ermittlungen führen, einen Skandal gibt es tatsächlich schon jetzt: die reißerische und vorverurteilende Berichterstattung von “Bild”.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Four Lions, Frankfurter Rundschau, Fußnägel

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wer sticht wen”
(zeit.de, Matthias Kalle und Tanja Stelzer)
Das Magazin der “Zeit” widmet sich diese Woche der Frage, “was Journalisten anrichten”. Es geht unter anderem um die Methoden des Boulevard: “Man ruft grundsätzlich ohne Nummernkennung an. Man überrumpelt Verwandte von Prominenten, man schickt junge Reporter zu Partys, die am Buffet die Prominenten in ein Gespräch verwickeln.”

2. “Four Lions: Wir erfinden uns eine Zensurdebatte”
(buttkickingbabes.de, Rochus Wolff)
“Spiegel Online” (“CSU will Islamistensatire verbieten”) und andere Medien deuten eine Aussage eines CSU-Politikers zur Filmkomödie “Four Lions” als Aufruf zur Zensur: “Die CSU hat nie etwas in Bezug auf Four Lions gefordert, und auch Stephan Meyer hat weder von Zensur noch von Verbot gesprochen.”

3. “Aus der Redaktion – Heute: schwatzgelb, Nuri und der Boulevard”
(schwatzgelb.de)
Wie das Borussia-Dortmund-Fanzine schwatzgelb.de seit 2009 versucht, sich “Bild”-frei zu halten.

4. “WAZ muss für Schleichwerbung kein Bußgeld zahlen”
(blogs.taz.de/rechercheblog, Sebastian Heiser)
Sebastian Heiser schreibt, wieso die WAZ trotz Gesetz kein Bußgeld für Schleichwerbung bezahlt. “Das Landespressegesetz sieht vor, dass Schleichwerbung mit einem Bußgeld von bis zu 10.000 DM geahndet werden kann (ja, in dem Gesetz steht wirklich noch ‘Deutsche Mark’).

5. “Ihr Charme, ihr Drama”
(freitag.de, Ina Hartwig)
Ina Hartwig erinnert an die guten Zeiten der “Frankfurter Rundschau”: “Überhaupt, das Rauchen und Trinken! Der ältere Kollege, nachdem er den ganzen Tag leidenschaftlich telefoniert (und geraucht) hatte oder mit der Schreibmaschine Briefe zusammengehackt, öffnete abends seinen Schrank, wo eine Selektion von Rotweinflaschen mehr über seine Einstellung zum Leben und Arbeiten aussagte, als es die heutigen aseptischen, mit Energiesparlicht abgetöteten Arbeitsplätze im Großraumbüro vermögen.”

6. “Toemageddon 2011 – This Little Piggy Went to Hell”
(thedailyshow.com, Video, 6:11 Minuten)
US-Medien beschäftigen sich mit den pink bemalten Fußnägeln eines fünfjährigen Jungen.

Ganz Alberne Unsitte

Wer gleich jedes Wort auf die Goldwaage legt, dürfte in den letzten Wochen kaum noch zum Arbeiten, Essen und Schlafen gekommen sein. Seit im japanischen Atomkraftwerk Fukushima in Folge eines Erdbebens und eines Tsunamis die Kühlsysteme ausgefallen sind und auch die Betreibergesellschaft offenbar nicht weiß, was in ihren Reaktoren vor sich geht, ist bei den deutschen Medien eine Art Metaphern-Weitwurf ausgebrochen.

Vorläufiger Höhepunkt war wohl die “Bild”-Titelseite vom Montag:

Die Atom-Wahlen: Grüne Strahlen! CDU-Mappus abgeschaltet. SPD-Beck runtergefahren. FDP vom Netz. 1. grüner Ministerpräsident glüht vor Glück.

Doch auch andere Zeitungen schrieben auf ihren Titelseiten vom “Wahl-GAU”, wie der Mediendienst DWDL.de dokumentiert.

Während Formulierungen wie “Das schlug ein wie ein Verkehrsflugzeug” auch fast zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 noch von jedem Redakteur gestrichen werden dürften und Radiohörer nach dem Tsunami vom Dezember 2004 empört bei jenen Sendern anriefen, die Julis “Perfekte Welle” noch nicht aus dem Programm genommen hatten, scheinen sich die Ereignisse in Japan, die immer noch anhalten und deren Ausmaß nicht abzusehen ist, jetzt schon hervorragend als Bildspender zu eignen.

Die “F.A.Z.” veröffentlichte am Dienstag einen Artikel, in dem Mit-Herausgeber Berthold Kohler nur marginal bemüht vom “Restrisiko” eines grünen Ministerpräsidenten, dem “als absolut sicher gerühmten Politikreaktor Baden-Württemberg I” und vom “Abklingen” des “politischen Ausnahmezustands” fabulierte. Frank Patalong, der bei “Spiegel Online” ausführlich die Vorzüge von Echtzeit-Medien gegenüber den Print-Erzeugnissen preisen durfte, schrieb:

Aus Perspektive der gedruckten Presse war das Timing der Katastrophenserie von Japan somit eine Art Doppel-GAU.

Die “taz” zeigte darüber hinaus besondere Fähigkeiten im Spagat der Uneigentlichkeit:

Wäre der Vergleich nicht etwas unfein, ließe sich sagen: Der FDP ergeht es derzeit wie einem havarierenden Atomreaktor.

So beginnt ein Artikel, über dem folgende Überschrift prangt:

Führungsdebatte gerät außer Kontrolle: FDP droht Kernschmelze

Das alles fällt womöglich noch unter “Wortklauberei”. Spezieller ist da schon der “Nürnberger Stadtanzeiger”, der einen Mann, der gegen Hundehaufen im Stadtbild kämpft, ernsthaft fragt:

Die Welt hofft dieser Tage, dass sich die radioaktive Strahlenbelastung beim havarierten Atomreaktor in Japan nicht weiter ausdehnt. Sie kämpfen für weniger Hundekot in Grünanlagen. Stimmt da noch die Verhältnismäßigkeit?

Mit Dank auch an Thomas P. und Dennis.

Bild  

Ups, verheiratet

Es ist angesichts der weltweiten Nachrichtenlage etwas in den Hintergrund gerückt, aber vor dem Mannheimer Landgericht wird immer noch ein Prozess gegen Jörg Kachelmann geführt, dem vorgeworfen wird, eine frühere Lebensgefährtin vergewaltigt zu haben. Die Scharmützel, die sich Kachelmanns Verteidiger mit der Gegenseite liefern, werden dabei für juristische Laien zunehmend uninteressant und niemand will zum hundertsten Mal lesen, dass Kachelmanns Anwalt den Aktenkoffer eines Sachverständigen “samt Brotdose” hatte beschlagnahmen lassen.

Doch dann ist endlich etwas passiert: Jörg Kachelmann war vergangene Woche “mit einem Ring aus Weißgold am Finger” vor Gericht erschienen. “Spiegel Online” vermeldete daher am Samstag, Kachelmann habe geheiratet, und “Bild” “erfuhr” am Montag “aus Justizkreisen”:

Kachelmann ist wieder Ehemann!

Die “Justizkreise” müssen in Plauderlaune gewesen sein, denn “Bild” fasste mal eben auch noch die mutmaßliche Lebensgeschichte der mutmaßlichen Frau Kachelmann zusammen, wie diese sie in ihrer Vernehmung angegeben haben soll — einer nicht-öffentlichen Vernehmung, offensichtlich.

Gestern war “Bild” dann noch näher an die junge Frau herangekommen:

Das ist die neue Frau Kachelmann

Da wurden “Freunde” herangezogen, die “die neue Frau Kachelmann als ruhig und verschlossen” beschreiben — und selbst vor der Familie machten die “Bild”-Reporter nicht halt:

Nicht einmal ihre Großeltern haben von ihrer Hochzeit etwas mitbekommen. Oma Heidemarie gestern traurig zu BILD: “Ich hätte ihr gerne gratuliert.”

Blöd nur, dass “Bild” beim Versuch, an Fotos der Frau heranzukommen, im Internet ein (inzwischen gelöschtes) Foto gefunden hat, das eine ganz andere Frau zeigt.

Heute entschuldigt sich “Bild” dann auch für dieses Versehen:

Berichtigung: Eines der gestern veröffentlichten Bilder auf Seite 6 -das Bühnenfoto - zeigt nicht die Ehefrau von Jörg Kachelmann, sondern eine Schauspielerin aus Berlin. Für die Fotoverwechslung bittet BILD um Entschuldigung.

Die vielen Eingriffe in die Privat- und Intimsphäre der Frau sind dagegen offenbar nichts, wofür “Bild” um Entschuldigung bitten will.

PS: Jörg Kachelmann selbst scheint unterdessen einen eigenen Weg gefunden zu haben, mit der ständigen Belagerung durch Boulevard-Reporter umzugehen, und fotografiert jetzt einfach zurück.

Mit Dank an Stephanie H.

Lira Bajramaj, Brandanschlag, WAZ

6 vor 9

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1. “Die veränderten Interview-Zitate”
(blogs.taz.de/hausblog, Maria Rossbauer)
Fußball: Das Management von Lira Bajramaj schreibt ein Interview mit der Nationalspielerin neu: “Es schien fast so, als wollten sie Bajramaj nicht so haben, wie sie uns im Gespräch vorkam: Witzig, temperamentvoll und durchaus eine Meinung vertretend.”

2. “Strohfeuer um fiktiven Brandanschlag”
(oldenburger-lokalteil.de, Maik Nolte)
Maik Nolte blickt zurück auf einen von den Medien als “Anschlag” bezeichneten Brand in Ahlhorn vor einem halben Jahr. Für die Staatsanwaltschaft habe sich “kei­ner­lei Anhalts­punkte dafür erge­ben, dass Tier­schüt­zer, dritte Per­so­nen, die Fami­lie Gro­te­lü­schen selbst oder der Wach­mann den Papier­korb ange­steckt haben”.

3. “ZDF dementiert: Gottschalk-Nachfolge völlig offen”
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Die WAZ verschickt nach einem Interview mit ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut eine Pressemitteilung mit der Überschrift “Nur Kerkeling und Pilawa haben noch Chancen auf Gottschalk-Nachfolge”. Das ZDF dementiert und spricht von einer Falschmeldung.

4. “Spielen Japans Medien die Atomkrise herunter?”
(zeit.de, Georg Blume)
Japanische Journalisten halten sich mit Kommentaren zur Einschätzung der Lage am Kernkraftwerk Fukushima zurück. “Viele der besser informierten” in Japan würden auf ausländische Medien und Webseiten zurückgreifen. “Besondere Aufmerksamkeit finden in Tokyo die Grafiken von Spiegel Online und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien, die genau die Ausbreitung der radioaktiven Wolke von Fukushima nachzeichnen.”

5. “Die heulen ja gar nicht!”
(medien-monitor.com, Agnes Heitmann)
Deutsche Journalisten können die gefassten Reaktionen der Japaner auf die Katastrophe nicht nachvollziehen. Agnes Heitmann fragt: “Sind wir vielleicht diejenigen, die sich befremdlich verhalten?”

6. “Wie Frauen flirten”
(graphitti-blog.de, katja, Grafik)

Vorfreude ist die schönste Freude

“Spiegel Online” macht seit kurzem immer wieder mit besonders großen Abbildungen auf. Journalistisch ist das, was dort gefühlt überlebensgroß präsentiert wird, aber nicht immer. Den Ausgang der heutigen Landtagswahl in Baden-Württemberg illustrierte die Seite so:

Schönes Foto, nur zeigt es — anders als man denken könnte — nicht, wie sich Nils Schmid und Winfried Kretschmann, die Spitzenkandidaten von SPD und Grünen, über die “Sensation” freuen. Das Foto entstand bei einem gemeinsamen Wahlkampfauftritt vor vier Tagen in Karlsruhe.

Es handelt sich also bloß um ein Symbolfoto. Den Lesern verriet “Spiegel Online” dies nicht.

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