Sie leben manchmal in einer sehr eigenen Welt bei der Axel Springer AG:
Die Diskussion um deutsche Gehälter ist in vollem Gange, entzündete sich an TV-Mann Jauch. Der wurde am Sonntagabend in seiner Talkshow in der ARD von den eigenen Gästen attackiert.
Seitdem hält die Debatte an.
“Attackiert” wurde Günther Jauch ungefähr so stark, als wäre er mit einem einzelnen Wattebausch beworfen worden (BILDblog berichtete), die “Diskussion” findet zum großen Teil bei “Bild” und Bild.de statt und die “Debatte” “hält an”, weil “Bild” und Bild.de jeden Tag nachlegen, in der Hoffnung, dass der Funke doch noch überspringt.
Bild.de hat deshalb eine 20-teilige Klickstrecke veröffentlicht, in der aufgeführt ist, was die “Top-Manager” im Jahr 2011 so verdient haben. (Einen Großteil dieser Zahlen hat etwa “Spiegel Online” schon vorgestern veröffentlicht, ohne dass es zu spontanen Zusammenrottungen empörter Bürger gekommen wäre.)
Auf Platz 1 liegt Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, der laut Bild.de 16.596.206 Euro verdient hat. Es folgen Peter Löscher von Siemens (8.708.633 Euro) und Dieter Zetsche von Daimler (8.654.000 Euro), die Liste endet auf Platz 20 mit Thomas-Bernd Quaas, Vorstandsvorsitzender der Beiersdorf AG, der 1.421.000 Euro bekam.
Diese Aufzählung ist nicht ganz aussagekräftig, weil nicht alle Unternehmen die Bezüge ihrer Manager offenlegen (müssen). Die Axel Springer AG, bei der die “Bild”-Zeitung erscheint, hält sich etwa bedeckt, was das Einkommen ihres Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner angeht. Das “Manager Magazin” schätzte dessen Jahresgehalt im Juni 2010 auf Elf Millionen Euro. Springer bezeichnete diese Angaben damals als “grob falsch”, doch die “Süddeutsche Zeitung” taxierte Döpfners Einkünfte im April 2011 auf ähnlich hohe zehn Millionen.
Mit einer Zahl dieser Größenordnung hätte er sich in der Auflistung bei Bild.de den zweiten Platz verdient.
Sie leben manchmal in einer sehr eigenen Welt bei der Axel Springer AG.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Habt keine Angst!” (wasmitmedien.de, Dennis Horn)
Viele Journalisten übertragen ihre eigene Angst vor dem Internet auf die Medienkonsumenten. Das muss nicht sein, findet Dennis Horn.
2. “‘Bild’ bleibt ‘Bild’ – ganz tief unten” (vocer.org, Christoph Lütgert)
“Wie ekelhaft!!!” – so kommentiert Christoph Lütgert das Erscheinen von Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer auf der Titelseite von “Bild”. “Da bringt einer viele tausend Menschen um ihre Ersparnisse, rafft sich selbst unvorstellbare Reichtümer zusammen, und die ‘Bild’-Zeitung feiert diesen Mann als Helden, stilisiert ihn sogar zu einem Idol. Jeder, so die Botschaft, könne von ihm lernen.” Am 13. März fragte Lütgert: “Und wann wird Maschmeyer verknackt?”
3. Interview mit Moritz Bleibtreu (planet-interview.de, Denis Demmerle)
Schauspieler Moritz Bleibtreu über den Umgang mit der Presse: “Grundsätzlich ist das ein Spiel, bei dem du dir überlegen musst, ob und wieweit du daran teilnehmen willst. Die Annahme, dass Musiker, Schauspieler & Co diese Medien brauchen, um erfolgreich zu sein, ist nur bedingt richtig.” Und über die Werbekampagne von “Bild”: “Das ist eine perfide, aber intelligente Kampagne. Ich lese die Bild nicht, deshalb würde ich nicht für sie werben.”
4. “leistungsschutz?” (wirres.net, Felix Schwenzel)
Felix Schwenzel analysiert einen Artikel auf “Spiegel Online” und spannt einen Bogen zum von Presseverlegern geforderten Leistungsschutzrecht: “vielleicht können wir über das leistungsschutzrecht nochmal reden, wenn verlage für interviews (also das absaugen von geistigem eigentum aus interviewpartnern), tweets des tages auf dem titelblatt oder paraphrasierungen von fremden inhalten (aus zeitungen, büchern, fernsehen oder blogs) lizenzgebühren oder honorare zahlen.”
5. “Dürfen Print-Medien Tweets abdrucken?” (netzwoche.ch, Marcel Maurice Urech)
Die Schweizer Rechtsanwältin Lilian Snaidero Kriesi wird zum Urheberrecht an Tweets befragt: “Meiner Ansicht nach hängt die Frage, ob retweetet werden darf, nicht davon ab, ob dies online oder in der Printversion erfolgt. Liegt ein urheberrechtlich geschütztes Werk vor, hat man sich an die Zitierregeln zu halten. Das heisst, Zitate müssen einen bestimmten Zitatzweck verfolgen.”
6. “Ein VZ, eine Verlobung und ein Versuch” (elektrischer-reporter.de, Video, 14 Minuten)
Aufstieg und Fall der von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck aufgekauften VZ-Netzwerke, die Medienberichterstattung über die Verlobung von @laprintemps und die Schwierigkeiten, Medien im Netz auf legale Weise zu erwerben.
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1. “API – das bald wichtigste Werkzeug des Journalisten” (blog.zeit.de, Kai Biermann)
Kai Biermann regt Journalisten dazu an, vermehrt Schnittstellen auszulesen und zu verarbeiten: “Noch sind viele Verlage leider sehr mit der Idee beschäftigt, ihre Inhalte so gut wie möglich gegen eine Nutzung durch andere abzuschotten. Es wäre nicht schlecht, wenn sich das bald änderte. Immerhin sind auch Zeitungsarchive riesige Datenschätze, aus denen sich neue Erkenntnisse gewinnen lassen.”
2. “dapd sagt: Schadenersatzforderung gegenstandslos” (jensweinreich.de)
Die Nachrichtenagentur dapd zieht die am 9. März durch eine Anwaltskanzlei verschickte Schadenersatzforderung wegen einer Urheberrechtsverletzung an Jens Weinreich zurück. “Ein Problem besteht darin, dass nicht nur die dapd, sondern viele andere Medienunternehmen mit Kanonen auf Spatzen schießen. Sie schicken Heerscharen von Abmahn- und Inkasso-Anwälten in die Spur. Irgendwas bleibt dann schon hängen, weil manche Betroffene, selbst wenn sie sich nichts zu Schulden kommen ließen, vielleicht nicht die Laune, nicht den Mut oder was auch immer nicht hatten, um sich zur Wehr zu setzen.”
3. “Marvin Oppong und PR in der Wikipedia” (blog.oldmedia.de)
Der “Spiegel Online”-Artikel “Das geschönte Bild vom Daimler-Konzern” berichtet über die Tatsache, “dass jemand einen kritischen Abschnitt im Wikipedia-Artikel des Autobauers gelöscht hat. Die (anonyme) Bearbeitung wurde schnell rückgängig gemacht, sie hatte gerade mal eine Minute Bestand. So etwas ist nichts Ungewöhnliches und passiert tagtäglich in der Wikipedia. In diesem Fall konnte die IP des Bearbeiters aber zur Daimler AG zurückverfolgt werden.” Siehe dazu auch “Der pöse Daimler” (dieganzewahrheit.org, Thomas Weiss).
4. “In Syrien riskieren Berichterstatter ihr Leben” (drs.ch, Fredy Gsteiger)
Verschiedene Hintergründe zu journalistischen Aktivitäten in Syrien: “Zwar lädt das Regime in Damaskus ihm wohlgesonnene Leute ein, aus Deutschland etwa Peter Scholl-Latour oder Jürgen Todenhöfer. Mit ihnen trinkt Syriens Präsident Bashar al-Assad Tee und erkauft sich so ihm zusagende Berichte. Unabhängige Berichterstatter jedoch will der Diktator fernhalten oder loswerden.”
5. “Handelsblatt-Leser schlecht beraten” (heise.de/tp, Peter Mühlbauer)
Peter Mühlbauer erinnert an die “Handelsblatt”-Aktion “Wir kaufen griechische Staatsanleihen!” von 2010 (“Es geht um ein Zeichen der Mitverantwortung, auch unter Inkaufnahme eines nicht bestreitbaren finanziellen Risikos. Am Freitag habe ich daher für 5.000 Euro griechische Staatsanleihen geordert. Gabor Steingart, Chefredakteur des Handelsblatt.”
6. “…dann schreibe ich halt ein paar Zeilen” (blog.bernerzeitung.ch, Johannes Hofstetter)
Ein Interview mit Walter Krebs, der der “Berner Zeitung” in zwölf Monaten 60 Leserbriefe geschrieben hat.
In einer Volksabstimmung haben sich die Schweizer gegen eine Verlängerung des gesetzlichen Mindesturlaubs von bisher vier auf sechs Wochen ausgesprochen.
Die Gewerkschaften hatten argumentierten (sic), Arbeitnehmer bräuchten angesichts eines gestiegenen Leistungsdrucks mehr Zeit für Erholung. Nach der Niederlage sagte Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerkschaftsverbandes (SGV), die Abstimmenden hätten wohl “Realitätssinn” gezeigt.
Nun erscheint es etwas paradox, dass der Direktor des Schweizerischen Gewerkschaftsverbandes den Wählern “Realitätssinn” unterstellt, während die Gewerkschaften doch für eine Verlängerung der Urlaubszeit waren. Spontaner Sinneswandel? Resignation? Zerwürfnis?
Nö. Einfach ein klitzekleines Missverständnis: Zwar ist Hans-Ulrich Bigler Direktor des SGV, aber das ist der Schweizerische Gewerbeverband.
Im Kontext wird auch klarer, was Bigler mit “Realitätssinn” meinte:
In den Augen von Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV), hätten die Schweizer “Realitätssinn” bewiesen. “Die Arbeitnehmenden wollen flexibel sein bei der Einteilung ihrer Ferien.” Lösungen seien in den Gesamtarbeitsverträgen zu erarbeiten, nicht in überflüssigen Gesetzen, sagte Bigler. Das deutliche Ergebnis zeige zudem, dass “die Schweiz im Vergleich mit Ländern wie Deutschland, Belgien und Frankreich kein Feriendefizit hat”.
Mit Dank an Jan W.
Nachtrag, 22.35 Uhr: dpa hat eine korrigierte Fassung der Meldung verschickt.
Es ist nicht ohne Fallstricke, das Geschäft, aus irgendwelchen oft viertelseriösen Quellen Klatschnachrichten abzuschreiben und durch freie Improvisation daraus so etwas wie eine eigene Meldung zu machen.
Das Panorama-Ressort von “Spiegel Online” ist voll solcher Geschichten. Heute berichtet es darüber, dass der britische Starkoch Jamie Oliver von einer Reporterin auf sein Gewicht angesprochen wurde:
Auf die Frage nämlich, ob Oliver zugenommen hätte, soll er der britischen “Sun” zufolge gesagt haben: “Sind Sie von einem Boulevardblatt? Vielen Dank für die Feststellung, Sie Schlampe!” Was seine Körpermaße betrifft, versteht Jamie Oliver also nicht allzu viel Spaß.
Allerdings ist dies in Anbetracht der britischen Boulevardpresse fast schon verständlich. Es gibt wohl keine fiesere und menschenverachtendere Darstellung von möglichen Gewichtsproblemen bei Stars. Überflüssige oder neue Pfunde werden gern auch mit riesigen roten Pfeilen versehen.
“Etwa das falsche Schulessen gegessen?”, titelte zum Beispiel die “Daily Mail” hämisch und veräppelte damit Olivers Programm “Jamie’s School Dinners”. Mit dem Projekt setzt sich der Starkoch für gesünderes Essen in Schulkantinen ein.
Kleines Problem: Es ist nicht die britische “Sun”, die über die Frage und Olivers Reaktion berichtet hat. Es ist die australische “Herald Sun”.
Das ist auch kein Wunder, denn Jamie Oliver ist zur Zeit in Australien. Und dort fragte ihn die Reporterin, ob er seit seinem letzten Besuch im Land zugenommen habe …
… was die ganze freie “Spiegel Online”-Interpretation des “Schlampen”-Ausbruchs als Reaktion auf die angebliche Menschenverachtendstität der Boulevardpresse in Großbritannien einigermaßen deplatziert wirken lässt.
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4. “Lobbyisten erfolgreich: Leistungsschutzrecht soll kommen” (lobbycontrol.de)
Hintergründe zur Lobbyarbeit der Presseverlage Burda und Springer, die das Leistungsschutzrecht für Presseverleger erfolgreich in die Regierungskoalition getragen hat.
5. “Die Achse des Boulevards” (nzz.ch, Rainer Stadler und Beat Gygi)
Die Boulevard-Aktivitäten der Verlage Axel Springer und Ringier in Osteuropa. “Nun arbeiten Ringier und Springer daran, ihre starke Stellung im Pressesektor auf den Online-Markt auszuweiten.”
Die Katholische Nachrichtenagentur KNA hatte es besonders eilig. Keine zehn Minuten, nachdem die “Bild”-Zeitung in ihrer Online-Ausgabe über eine ihr exklusiv vorliegende Studie des Bundeninnenministeriums berichtet hatte, verbreitete die KNA in einer eigenen Meldung die “Bild”-Behauptungen ungeprüft weiter.
Die Agentur verfügte zu diesem Zeitpunkt allem Anschein nach über keinerlei eigene Informationen, was die Studie “Lebenswelten junger Muslime” herausgefunden hatte oder auch nur, was genau ihr Gegenstand war. Die KNA-Meldung beruht vollständig und ausschließlich aus dem, was die “Bild”-Zeitung behauptete, und macht es sich zu eigen, bis hin zur Überschrift: “Studie: Viele junge Muslime sind gegen Integration”
Dies ist die Geschichte, wie “Bild” vorab die Studie über “Lebenswelten junger Muslime in Deutschland” zugespielt wurde, wie das Blatt sie nutzte, um Stimmung gegen Muslime in Deutschland zu machen, und wie andere Medien dabei zu Komplizen wurden. Ein Lehrstück.
Wolfgang Frindte, einer der Autoren der Studie, formulierte im Nachhinein seine Fassungslosigkeit über die Rezeption der Untersuchung so:
Manche Journalisten suchen sich bei komplexen Dingen das heraus, was spannend ist und in die Philosophie des Mediums passt. In unserem Team hat es nach der Veröffentlichung in einer Boulevardzeitung große Entrüstung gegeben, sogar Verzweiflung. Da wurde ein Detail der Studie auf eine Weise in die Öffentlichkeit getragen, dass sich die von uns befragten Muslime missbraucht fühlen könnten — das ist traurig. Und wir haben uns in den vergangenen drei Tagen ziemlich alleingelassen gefühlt.
Der Psychologe Peter Holtz, ebenfalls einer der Autoren der Studie, schildert auf “Spiegel Online”, wie er drei Jahre lang Gespräche mit jungen Musliminnen und Muslimen führte, und wie skeptisch die ihm teilweise gegenüber traten.
Ein jüngerer Diskussionsteilnehmer sagte (…): “Egal was Ihr wollt und egal was Ihr macht, letztendlich heißt es doch wieder so und so viele Muslime sind radikal und wollen sich nicht integrieren.” Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde es für mich auch zum Ziel, diesen Menschen, über die in Deutschland so viel geredet wird und mit denen so wenig geredet wird, durch meine Arbeit eine Stimme zu geben.
Er hat dieses Ziel nicht erreicht. Es kam die “Bild”-Zeitung dazwischen. Jemand hatte ihr die Studie schon vorab zugesteckt. Bild.de machte aus ihr eine “Schock-Studie”. Und “Bild” am nächsten Tag die Schlagzeile:
“Bild” behauptete:
Gut 20 Prozent aller Muslime in Deutschland lehnen eine Integration ab. Besonders radikal sind junge Muslime ohne deutschen Pass.
Das ergibt eine Studie des Bundesinnenministeriums, die BILD exklusiv vorliegt. Laut der Untersuchung lehnt jeder vierte nichtdeutsche Muslim Integration ab, ist tendenziell gewaltbereit und stellt westliche Werte in Frage.
In den nächsten Stunden übernahmen die Nachrichtenagenturen den verzerrten “Bild”-Blick auf die Studie.
dpa:
Jeder vierte nichtdeutsche Muslim lehnt Integration ab
dapd:
Studie: Ein Viertel aller junger Muslime nicht integrationswillig
AFP:
Ein Viertel aller jungen Muslime ohne deutsche Staatsbürgerschaft ist einer Studie im Regierungsauftrag zufolge latent gewaltbereit und nicht an Integration in Deutschland interessiert.
Später am Abend war die Studie immer noch nicht öffentlich. Die “Schock-Studien”-Interpretation von “Bild” bildete weiter die alleinige Grundlage für die Auseinandersetzung mit ihr. Die Agentur dpa verbreitete, dass der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion der “Neuen Osnabrücker Zeitung” gesagt habe, die hohe Zahl nicht integrierter und auch nicht integrationswilliger Muslime sei “erschreckend”.
Die evangelische Agentur epd kam spät, war aber auch nicht schlauer, als sie am Donnerstagmorgen meldete:
Rund ein Fünftel der Muslime will sich offenbar nicht in Deutschland integrieren. Das geht laut “Bild”-Zeitung (Donnerstagsausgabe) aus einer noch unveröffentlichten Studie des Bundesinnenministeriums hervor.
Erst um 12:21 Uhr brachte sie eine längere Meldung, die sich erstmals von der “Bild”-Perspektive löst und differenziert über die Studienergebnisse berichtet:
Studie: Mehrheit deutscher Muslime für Integration – Teil junger Muslime hat jedoch radikale Einstellungen
In der Meldung findet sich auch der folgende Absatz, der angesichts der gerade demonstrierten medialen Reflexe besonders bemerkenswert ist:
Gemein ist den in Deutschland lebenden Generationen von Muslimen laut einer Auswertung von Interviews, dass sie eine Pauschalverurteilung der Muslime als Terroristen und eine vorschnelle Verknüpfung des Islam mit dem Terrorismus erleben. Eine stark negative Rolle wird demnach auch den Medien zugeschrieben, die aus Sicht der Befragten oft negativ und undifferenziert berichteten. Insgesamt fühlen Muslime sich in Deutschland wohl, auch wenn sie die deutsche Bevölkerung oft als distanziert und abweisend erlebten.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte inzwischen die Studie selbst vorgestellt, so dass sich die Gelegenheit zu einem differenzierteren, nicht von “Bild” verzerrten Blick auf ihre Ergebnisse ergab. Genau umgekehrt stellte es dpa in einer Meldung vom Donnerstagnachmittag dar und behauptete:
Kaum ist die Studie des Bundesinnenministeriums über junge Muslime bekanntgeworden, sieht sich Ressortchef Friedrich veranlasst, sie zu relativieren: Kein Generalverdacht gegen junge Andersgläubige.
So ist das also für dpa: Das “Bild”-Zerrbild der Studie ist die Wahrheit, und der genaue Blick auf die Studie ist eine Relativierung ihrer Ergebnisse.
Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger warnte ebenfalls am Donnerstagnachmittag vor verkürzten Interpretationen:
“Ich warne davor, aus einer wissenschaftlichen Studie nur Schlagzeilen zu produzieren. (…) Wir sollten die Vorurteile der Vergangenheit und althergebrachte Reflexe endlich hinter uns lassen. Wir brauchen keine Debatte, die ein Zerrbild des Einwanderungslandes Deutschland vermittelt.”
“Bild” fühlte sich — sicher nicht zu unrecht — gemeint und machte Leutheusser-Schnarrenberger dafür am Freitag zum “Verlierer des Tages” (Ausriss rechts).
Am selben Tag zeigte die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”, was man überraschendes entdecken kann, wenn man die Studie tatsächlich liest. Auf Seite 399 betonen die Forscher den Zusammenhang: Wer sich als nichtintegrierbar wahrgenommen fühle, fühle sich auch nichtintegrierbar. Und auf Seite 277 steht folgender Warnhinweis:
Was für ein Schock: Die Zahlen der “Schock-Studie” über junge Muslime sind nicht repräsentativ.
Aber noch einmal zurück zum Mittwochnachmittag, als Bild.de zum ersten Mal über die Untersuchung berichtete. Der Innenminister hatte der “Bild”-Zeitung für ihre Vorabveröffentlichung ein Zitat gegeben, das deren Interpretation als “Schock-Studie” stützte und ergänzte:
“Deutschland achtet die Herkunft und kulturelle Identität seiner Zuwanderer. Aber wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten.”
Am Donnerstagabend stellte sich Friedrich im “heute journal” den Fragen von Marietta Slomka:
Friedrich: Die Studie hat 760 Seiten und sagt auf 760 Seiten, dass es um sehr viele komplexe Fragestellungen geht. Und es wäre sicher falsch, eine spezielle Randerscheinung rauszugreifen.
Slomka: Aber genau das ist jetzt natürlich geschehen, weil Sie oder Ihr Sprecher oder sonst jemand in Ihrem Ministerium diese Studie vorab, bevor sie veröffentlicht wurde, an die “Bild”-Zeitung weitergegeben hat. Daraus wurde dann prompt eine “Schock-Studie”.
Friedrich: Also, diese Studie ist nicht aus meinem Haus herausgegeben worden. Sie ist heute veröffentlicht worden. Sie ist heute auch ins Internet gestellt worden. Und kann von jedem eingesehen werden.
Slomka: Nachmittags. Die “Bild”-Zeitung hatte sie schon gestern.
Friedrich: Ja, das weiß ich nicht, müssen Sie die “Bild”-Zeitung fragen, woher sie sie hat. Von mir nicht. (…)
Slomka: Aber auch Sie haben sich in den Zitaten, die Sie abgegeben haben, gegenüber der “Bild”-Zeitung, sehr stark auf diese eine Untergruppe konzentriert, die nicht integrationswillligen Muslimen. Die werden dadurch in den Fokus gerückt. Was nicht gesagt wird, und worauf nicht die Betonung liegt, ist, dass die allermeisten Muslime zum Beispiel strikt gegen islamistischen Terrorismus sind und sich alle sehr unter Generalverdacht fühlen. Wird das nicht durch eine solche Veröffentlichung in der Form eher noch wieder verstärkt?
Man könnte das als rhetorische Frage betrachen.
PS (Nachtrag, 16:40): Auch Marietta Slomka wurde wegen ihrer Kritik von “Bild” zum “Verlierer des Tages” erklärt:
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1. “‘Tab Two’: Spiegel-Mitarbeiter verkauft Promo-CD” (swp.de, Dana Hoffmann, 22. Februar 2012)
Ein an den “Spiegel” verschicktes Rezensionsexemplar des Albums “Two Thumbs Up” der Band Tab Two wird noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin im Netz verkauft. Verkäufer Frank Mundt, der ein Musik- und Literatur-Antiquariat in Hamburg führt, gibt an, “kistenweise” solche Rezensionsexemplare zu erhalten. “Ein mal pro Woche, vorzugsweise samstags, kämen Journalisten in seinem Geschäft vorbei, um ihre neuesten Errungenschaften feil zu bieten. ‘Ich könnte einige nennen, die sich ein Einfamilienhaus mit Promoexemplaren gebaut haben’, sagt Mundt.” Siehe dazu auch “TAB TWO album leaked!” (tabtwo.eu, englisch) und “Offener Brief an den KulturSPIEGEL” (36music.de).
3. “Tanze Tango mit mir!” (klatschkritik.blog.de, Antje Tiefenthal)
Antje Tiefenthal liest die Zeitschrift “Tango” aus dem Promedia Verlag. “Selten habe ich ein so schludrig gemachtes Magazin in den Händen gehalten.”
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1. “Acta oder der Schutz der Raubritter” (faz.net, Volker Grossmann und Guy Kirsch)
Zwei Ökonomen aus der Schweiz argumentieren, dass das geltende Urheberrecht dem Rechtsempfinden vieler Menschen widerspricht, weil es in Wahrheit gar nicht die Interessen der Urheber selbst schütze, sondern die der Unterhaltungsindustrie: “Urheberrechte manifestieren oftmals eine im vordigitalen Zeitalter erworbene Machtposition, mittels derer die Unterhaltungsindustrie eine Rente, das heißt ein leistungsloses Einkommen, erwirtschaftet. Wie ehedem die Raubritter: Auch diese nahmen die Bauern aus, die ihre Waren in die Stadt bringen wollten, ebenso die Städter, die auf dem Markt einkaufen wollten – und rechtfertigten dies damit, dass sie die Sicherheit der Wege gewährleisteten.”
2. “Syria Correspondent Wanted Her Reporting Read Outside Pay Walls” (mediadecoder.blogs.nytimes.com, Brian Stelter, englisch)
Kurz vor ihrem Tod in Syrien hat die amerikanische Kriegskorrespondentin Marie Colvin darüber geklagt, dass ihr Auftraggeber, die “Sunday Times”, ihren Bericht über die mörderische Situation in Homs online hinter einer Paywall versteckt und er dadurch nicht die größtmögliche Aufmerksamkeit bekommt.
3. “Talkshow-Leaks” (V.i.S.d.P.)
“Die interne ARD-Talkkoordinierungs-Webseite zeigt, wie die Redaktionen um Themen und Gäste kämpfen. V.i.S.d.P. veröffentlich exklusiv Screenshots daraus.” So gab “Hart aber fair” an, das Thema “Jetzt sage ich endlich die Wahrheit” u.a. mit Helmut Kohl und den Baronen Guttenberg und Münchhausen besetzen zu wollen.
4. “Pressefreiheit für Baku” (pressefreiheit-fuer-baku.de)
Mit Interviews, Dokumenten und einer Chronik über Verletzungen der Pressefreiheit (pdf) macht “Reporter ohne Grenzen” vor dem Eurovision Song Contest in Baku auf die “Diskrepanz zwischen der glitzernden PR-Fassade und der bitteren Wirklichkeit Aserbaidschans” aufmerksam. “Juli 2011: FAZ-Journalist Michael Ludwig und sein aserbaidschanischer Kollege Hakimeldostu Mehdijew werden bei Recherchen in der Autonomen Republik Nachitschewan behindert. Mehdijew, der als Korrespondent für das Institut für die Freiheit und Sicherheit von Journalisten arbeitet und Ludwig bei seinen Recherchen begleitete, wird am 27. September 2011 wegen ‘illegalen Gebrauchs von Elektrizität’ zu einer Geldstrafe verurteilt.”
5. “Boulevard Of Breaking News” (coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
“Bei ‘Spiegel Online’ wollen sie auch ganz dringend Boulevard machen, aber sie können es nicht”, schreibt Lukas Heinser und dokumentiert aktuelle Anschauungsstücke wie einen nacherzählten und erklärten Witz von Russell Brand. “Die gute Nachricht: Den vierten Absatz erreichen die wenigsten Leser wach oder lebendig.”
6. “Japan Earthquake: Before and After” (theatlantic.com, englisch)
20 großformatige Fotos zeigen die Verwüstungen in Japan nach dem Tsunami und wie es heute, fast ein Jahr später, an exakt denselben Stellen aussieht.
Seit Montag war “Bild” da einer ganz großen Sache auf der Spur:
Gut, das “renommierte Forscher-Team” ist kein “renommiertes Forscher-Team”, wie “Spiegel Online” kurz zusammenfasst:
Wissenschaft kann so einfach sein. Der RWE-Manager Fritz Vahrenholt und der ebenfalls bei dem Energiekonzern arbeitenden Geologe Sebastian Lüning haben ein Buch geschrieben, in dem sie die Klimakatastrophe absagen.
Und zur Person und Rolle Vahrenholts hatte die “Zeit” schon vor zwei Wochen geschrieben:
So meint Hermann Albers, der Präsident des Bundesverbands Windenergie, dass der RWE-Manager “versucht, den Prozess der Energiewende deutlich abzubremsen, um so Marktanteile für den Monopolisten RWE zu erhalten” – produziert der doch rund 56 Prozent seines Stroms mit dreckiger Kohle.
Aber als Debattenbeitrag könnte man das von “Bild” beworbene Buch von Vahrenholt und Lüning ja trotzdem sehen, wenn sie halbwegs wissenschaftlich argumentieren und sich an die Fakten halten würden. Das tun sie aber nicht, schreibt das Team vom Klima-Lügendetektor: