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dapd, Reuters  etc.

Highway to Helium

Am Freitagabend veröffentlichte die Nachrichtenagentur Reuters folgende Meldung:

Explosion von Ballons verletzt mehr als 140 Menschen in Armenien

Jerewan, 04. Mai (Reuters) – Bei einer Explosion von Luftballons sind in der armenischen Hauptstadt Eriwan mehr 140 Menschen verletzt worden. Das berichtet die Nachrichtenagentur Interfax am Freitag unter Berufung auf das Katastrophenschutzministerium. Zwei Tage vor der Parlamentswahl explodierten lokalen Medienberichten zufolge mit Helium gefüllte Ballons während einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Platz der Republik. Das Gas sei durch eine Zigarette entzündet worden. […]

Wir haben nicht überprüft, was die lokalen Medien berichtet haben, aber unter der Reuters-Meldung stehen die Namen von drei Mitarbeiten: einem Reporter, einer bearbeitenden Autorin und einem Redakteur — und keinem von ihnen ist aufgefallen, dass Helium nicht brennbar ist.

Das scheint auch niemand der Agentur dapd verraten zu haben, die zweieinhalb Stunden später vermeldete:

144 Armenier bei Explosion von Ballons verletzt

Eriwan (dapd). Vor der Parlamentswahl in Armenien sind bei einer Explosion von Ballons in der Hauptstadt Eriwan mindestens 144 Menschen verletzt worden. Der Unfall ereignete sich bei einer Wahlkampfveranstaltung der Republikaner, wie das Katastrophenschutzministerium am Freitag mitteilte. 104 Menschen seien mit Brandverletzungen ins Krankenhaus gebracht worden. Die Explosion sei von einem Raucher verursacht worden, der sich nahe der mit Helium gefüllten Ballons eine Zigarette angesteckt habe. […]

Die Deutsche Presseagentur dpa hatte lediglich von einer “schweren Explosion von mehreren Gasballons” geschrieben, bei AFP war es die “Explosion zahlreicher mit Gas gefüllter Ballons”.

Heute Mittag immerhin verschickte Reuters eine Korrektur der eigenen Meldung:

ARMENIEN/EXPLOSION (KORREKTUR)
KORRIGIERT-Mehr als 140 Verletzte bei Explosion in Armenien

(stellt klar, dass in den Ballons nicht Helium sondern anderes Gas war)
Eriwan, 04. Mai (Reuters) – Bei einer Explosion von Luftballons sind in der armenischen Hauptstadt Eriwan mehr als 140 Menschen verletzt worden. Das berichtet die Nachrichtenagentur Interfax am Freitag unter Berufung auf das Katastrophenschutzministerium. Zwei Tage vor der Parlamentswahl explodierten lokalen Medienberichten zufolge mit Gas gefüllte Ballons während einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Platz der Republik. Das Gas sei durch eine Zigarette entzündet worden. […]

Dieser Korrekturversuch hat erstaunlich gut funktioniert, das Wort “Helium” jedenfalls wurde nachträglich aus den Reuters-Meldungen auf Portalen wie “Welt Online” und fr-online.de entfernt — das “Hamburger Abendblatt” spricht allerdings im Vorspann immer noch von Helium.

Das Reuters-Video von gestern, in dem die Off-Sprecherin über “zahllose weiße Ballons, gefüllt mit Helium” referiert, findet sich immer noch bei Nachrichtenportalen wie “Spiegel Online”, “Welt Online”, “Focus Online” und stern.de.

Die Agentur dapd, die sich selbst für ihre “hohen journalistischen Standards” feiert, hat ihre fehlerhafte Meldung bisher nicht korrigiert.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Unsinn über irgendeinen Soli (3)

Wir hatten das Thema jetzt schon zweimal, aber bis zur “Bundeszentrale für politische Bildung” bzw. zur “Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen” scheint der Unterschied zwischen Solidaritätszuschlag und Solidarpakt noch nicht durchgedrungen zu sein. Naja, sie beschäftigen sich ja auch nur mit politischer Bildung:

Soli

These 30 des Wahl-O-Maten zur anstehenden Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, der beispielsweise auf “Spiegel Online” prominent verlinkt wird, lautet:

Der Solidaritätszuschlag soll auch für strukturschwache Regionen in Nordrhein-Westfalen verwendet werden.

Die sinnvollste Antwort ist hier wohl “These überspringen”, denn der Solidaritätszuschlag (=Soli) ist eine Bundessteuer, die direkt in den Bundeshaushalt fließt. Da der Solidaritätszuschlag schon lange nicht mehr ausschließlich für den Aufbau Ost verwendet wird, stellt sich auch nicht die Frage, ob er “auch für strukturschwache Regionen in Nordrhein-Westfalen verwendet werden” soll. Die These im Wahl-O-Mat bezieht sich wohl auf den Solidarpakt II, über den sich vor einigen Monaten mehrere Bürgermeister aus dem Ruhrgebiet beklagt hatten.

Scheint so, als sei der Soli das neue EU-Gericht.

Mit Dank an Thorsten H. und Ralf P.

Sehen alle gleich aus (5)

Der FC Chelsea ist nach einem Sieg (letzten Mittwoch) und einem Unentschieden (gestern) gegen den FC Barcelona ins Finale der Champions League eingezogen. Das würde gebührend gefeiert.

Aber wer feiert da eigentlich?

Umso größer war die Freude bei Fernando Torres und Didier Drogba.

Laut “Spiegel Online” zeigt dieses Bild “Fernando Torres und Didier Drogba”.

Sehen alle gleich aus

Das ist schon insofern unwahrscheinlich, als der spätere Torschütze Torres für Drogba eingewechselt wurde — und Drogba dann sicher nicht bis zum Abpfiff im Trikot ohne Jacke rumlaufen würde. Auch hat Drogba eine ganz andere Frisur.

Und so zeigt das Foto dann auch Ramires, den zweiten Chelsea-Torschützen des Abends — gut zu erkennen an seinem Tattoo auf dem linken Unterarm.

Mit Dank an Christian S.

Nachtrag, 14.02 Uhr: “Spiegel Online” hat die Bildunterschrift geradezu vorbildlich korrigiert:

Umso größer war die Freude bei den Torschützen Fernando Torres und Ramires (und nicht, wie zuvor fälschlicherweise geschrieben: Didier Drogba).

Uns wiederum haben ein paar Leser darauf hingewiesen, dass Didier Drogba tatsächlich auch nach dem Abpfiff noch im Trikot rumgelaufen ist — womit aber immer noch Haare, Tattoo und Gesicht zur Unterscheidung von Ramires bleiben.

dpa  

YouTube war das falsche Pferd

Heute hat das Landgericht Hamburg über eine Klage der Musikverwertungsgesellschaft GEMA gegen das Video-Portal YouTube entschieden. Das Urteil wurde mit Spannung erwartet, weil es grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Internet haben könnte.

Entsprechend hatte die Deutsche Presseagentur dpa zwei verschiedene Eil-Meldungen vorbereitet, um – je nach Ausgang des Verfahrens – möglichst schnell “auf dem Draht” zu sein.

Und so verschickte die dpa um 13.40 Uhr diese Meldung:

Internet/Musik/Urheberrecht/Prozesse/Urteile/
(Eil)
Landgericht: YouTube muss Musiktitel nicht aus dem Netz nehmen

Hamburg (dpa) – Das Video-Portal YouTube darf entgegen einer Klage der Musik-Verwertungsgesellschaft Gema zwölf Musiktitel weiter in seinem Angebot bereitstellen. Dies entschied das Landgericht Hamburg am Freitag in erster Instanz. Dem Urteil wurde grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Internet beigemessen.

… und hatte damit exakt aufs falsche Pferd gesetzt, wie die Agentur vier Minuten später selbst zugeben musste:

Internet/Musik/Urheberrecht/Prozesse/Urteile/
(Eil )
(Achtung)
Bitte verwenden Sie die Eil-Meldung nicht rpt nicht. Es wurde versehentlich eine vorbereitete unzutreffende Meldung gesendet. Sie erhalten in Kürze eine berichtigte Neufassung.

Eine weitere Minute später stellte dpa klar:

Internet/Musik/Urheberrecht/Prozesse/Urteile/
(Eil)
Landgericht: YouTube muss zwölf Musiktitel aus dem Netz nehmen

Hamburg (dpa) – Das Video-Portal YouTube muss zwölf von der Musik-Verwertungsgesellschaft Gema genannte Musiktitel aus seinem Angebot entfernen. Dies entschied das Landgericht Hamburg am Freitag in erster Instanz. Dem Urteil wurde grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Internet beigemessen. Ob Revision eingelegt wird, war zunächst unklar.

Doch diese vier bis fünf Minuten reichten offenbar aus, um zumindest bei “Spiegel Online” das falsche Pferd ebenfalls zu satteln:

Gema-Prozess: YouTube darf Musiktitel im Netz lassen. Wegweisendes Urteil für Millionen Internetnutzer: Im Prozess der Gema gegen Youtube hat das Landgericht Hamburg für das Videoportal entschieden - zwölf strittige Musiktitel müssen nicht gelöscht werden. Der Richterspruch hat grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Netz.

Aber auch dort ging alles recht schnell und so behauptet der Artikel inzwischen das Gegenteil — und wartet mit diesem Hinweis auf:

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels hieß es, YouTube sei nicht verpflichtet worden, Titel zu löschen. Dies war die falsche Information einer Nachrichtenagentur. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 16.30 Uhr: Die dpa hatte noch mehr Pech: Tatsächlich hatte die Agentur um 13.39 Uhr zunächst die korrekte Eil-Meldung veröffentlicht, die aber noch den internen Vermerk “HOLD HOLD” (für “noch nicht senden”) in der Überschrift trug. Beim Versuch, diese “verwirrende” Version zu korrigieren, sei es dann zu dem “sehr ärgerlichen Fehler” mit der gänzlich falschen Meldung gekommen, wie uns die dpa-Pressestelle erklärte.

Unterdessen geht die Verwirrung um das Gerichtsurteil weiter: Um 13.56 Uhr verschickte die Nachrichtenagentur AFP eine Berichtigung ihrer elf Minuten alten Eilmeldung:

EILMELDUNG
Berichtigt: YouTube darf sieben Videos nicht mehr zeigen
+++ YouTube darf sieben (statt zwölf) Videos nicht mehr zeigen +++

Hamburg, 20. April (AFP) – Im Rechtsstreit mit der Internetplattform YouTube hat das Landgericht Hamburg der deutschen Musikrechte-Gesellschaft Gema zum Teil Recht gegeben. YouTube dürfe sieben Musikvideos in Deutschland nicht mehr zugänglich machen, entschied der Richter Heiner Steeneck am Freitag. Fünf Videos dürfen weiter gezeigt werden.

Das stimmt in dieser Form auch nicht: In den fünf Fällen, in denen das Gericht die Klage der GEMA abgewiesen hatte, geschah dies aus formalen Gründen, wie der NDR berichtet. Es habe keine Grundlage mehr für eine Löschung gegeben, da die Songs bereits bei YouTube entfernt und nicht erneut hochgeladen worden seien.

Bild, Breivik, Borchert

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Bild.Macht.Politik – Deutschlands größte Tageszeitung wird 60”
(ardmediathek.de, Video, 43:45 Minuten)
“Die Story im Ersten” fragt nach dem Einfluss von “Bild” auf Politik und Politiker (BILDblog berichtete).

2. “Wie Medien Breiviks Spiel mitspielen”
(deranderefellner.wordpress.com)
Sebastian Fellner kommentiert die Berichterstattung über den Prozess gegen Anders Behring Breivik: “Bitte verschont mich mit Breivik. Ich will keine Fotos mehr sehen von diesem selbstverliebten Wahnsinnigen, wie er zufrieden lächelt ob der Aufmerksamkeit, die er bekommt. Ich will nicht lesen, dass er ‘gerührt’ ist, weil sein Video vor Gericht gezeigt wird. Gebt mir Bescheid, wenn es ein Urteil gibt. Bringt meinetwegen eine Meldung, wenn ein Zeuge oder eine Zeugin etwas bisher Unbekanntes aussagt. Aber füttert Breivik nicht mit der Aufmerksamkeit, die er sich wünscht.” Siehe dazu auch “Die Medien sollten Breiviks Spiel nicht mitmachen” (tagesschau.de, Albrecht Breitschuh).

3. “Verifikation von Inhalten in Social Media”
(konradweber.ch)
Konrad Weber gibt Tipps, wie man Twitter-Accounts, Websites, Bilder und Videos verifiziert.

4. “Katharina Borchert: Von der Bloggerin zum Spiegel-Online-Chef”
(t3n.de, Yvonne Ortmann)
Yvonne Ortmann porträtiert Katharina Borchert, Ex-Bloggerin und heute Geschäftsführerin von “Spiegel Online”.

5. “Griechenlands Medienhäuser fürchten den Kollaps”
(zeit.de, Ferry Batzoglou)
Viele griechische Medienhäuser haben sich in den 1990er-Jahren hoch verschuldet. “In Zeiten des Booms haben viele Medienhäuser ihre Glaubwürdigkeit im Volk verspielt. Es grassierten Vetternwirtschaft und Hofjournalismus. Die Devise lautete zu oft: Mitregieren statt kontrollieren.”

6. “Was ist besser? Gratis-Bildzeitung und -Koran im großen Praxistest”
(der-postillon.com)
In fünf Punkten vergleicht der Postillon die Gratis-“Bild” mit dem Gratis-Koran.

Negatives emotionales Potential aus der Kindheit

Frage: 374 Studentinnen und Studenten (im Folgenden: “Studenten”) besuchen im Wintersemester die Mathematik-Vorlesung für Lehramtsstudenten an der Universität zu Köln. 305 von ihnen treten zur Abschlussklausur an, doch nur 22 bestehen diese. An der Nachklausur nehmen 242 Studenten teil, von denen 79 bestehen. 6 weitere Studenten melden sich krank und dürfen eine weitere Nachklausur schreiben. Wie hoch ist die Durchfallquote der Vorlesung?

Boah, okay, das ist fies. Zählen die 69 Studenten, die zur Prüfung zugelassen waren, aber gar nicht erschienen sind, mit? Ich sag mal nein. Wer nicht antritt, kann ja weder bestehen noch durchfallen.

Rechnung: (22+79) / 305 * 100 = 33,1147541
100 – 33,1147541 = 66,8852459

Ach, verdammt, da sind ja noch die Krankmeldungen. Da weiß ich gar nicht, wie viele von denen bestehen. Bei meiner Rechnung ja null. Und wenn alle sechs bestehen …

Rechnung 2: (22+79+6) / 305 * 100 = 35,0819672
100 – 35,0819672 = 64,9180328

Antwort: Die Durchfallquote liegt zwischen 64,9 und 66,9 %.

Oh, Mist. Oder hätte ich die 79 Leute aus der Nachklausur in Relation zu den 242 setzen müssen, die dazu überhaupt nur erschienen sind? Ach nee, die anderen sind ja auf jeden Fall durchgefallen. Oder? Verdammt, warum hab ich mich nur für Mathe als Nebenfach entschieden?

Was Studenten an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringen kann, ist für “Spiegel Online” kein Problem: Die Hochschulredakteure dort setzen einfach die 22 Studenten, die im ersten Anlauf bestanden haben, ins Verhältnis zu den 374 Studenten, die für die Klausur zugelassen waren, und kommen so auf eine noch viel beeindruckendere Zahl:

Proteste nach harter Mathe-Klausur: Durchfallquote 94 Prozent

“Spiegel Online” schließt sich damit der Lesart von “Kölner Stadtanzeiger”, “WAZ” und WDR 5 an, die in den letzten Wochen und Monaten über den Fall berichtet hatten.

Das Seminar für Mathematik und ihre Didaktik der Uni Köln hatte sich schon vor Erscheinen des “Spiegel Online”-Artikels in einer ausführlichen Stellungnahme (PDF) zu den Vorwürfen der Studenten geäußert.

Neben Einlassungen zur Zahl der bestandenen Klausuren (“Damit werden am Ende der Veranstaltung 101 bis 107 diesen Modul bestanden haben”) gibt es einen ziemlich langen Teil zur Presseresonanz:

Die Skandalisierung eines solchen Ereignisses nimmt für uns eine neue Qualität an, wie sie uns bislang nur von englischen Kollegen berichtet wurde. […]

Unerträglich ist es für uns jedoch zu lesen, wenn Studierende, Journalisten, Leserbriefschreiber, Blogger und andere – meist ohne Kenntnis der Hintergründe – denken, den Grund für den Ausgang der Klausur in der Person der Dozentin ausgemacht zu haben. Sie schädigen den Ruf einer ausgewiesenen Dozentin. Seit dem Bekanntwerden des Klausurergebnisses wurde die Dozentin in der Öffentlichkeit persönlich angegriffen. […] Eine Teilnehmerin der Vorlesung schrieb am 29.02.2012 in einem Leserbrief: “Wie kann es sein, dass eine Professorin lehrt, die anscheinend keinerlei Interesse an den Studenten beziehungsweise ihren Zielen hat?”. Von ihr hat die Dozentin sieben E-Mails mit Mathematikfragen erhalten, die sie alle nachweisbar freundlich und sachlich beantwortet hat. Sie hat auch einige unfreundliche und sogar grob beleidigende E-Mails von Studierenden erhalten. Diese hat sie noch am selben Tag oder in einem Fall am folgenden Tag ausführlich beantwortet. Dies alles kann belegt werden. Diese Studierenden haben sich bis heute nicht von ihrer Aussage in der Zeitung distanziert, noch dafür entschuldigt.

Auch von Journalisten wurde ihr unterstellt, Dinge gesagt zu haben wie “Ihr habt nicht mal das Niveau einer fünften Klasse.” (Stadt-Anzeiger) oder dass sie die Studierenden für ‘zu blöd’ halte und ihnen ‘ein beschränktes Denken’ (WAZ) unterstelle. Diese angeblichen Zitate passen nicht zu ihrem nachweisbar großen Engagement. Wenn sie dieser Haltung wäre, würde sie nicht bis 21 Uhr freiwillig und unbezahlt Tutorien anbieten, um die aus der Schule mitgebrachten Defizite zu bearbeiten. Dass es diese Defizite gibt, hat sie allerdings sehr wohl angesprochen. Studierende, die behaupten, die Hilfe der Dozentin nicht in Anspruch genommen zu haben, weil sie sich eingeschüchtert fühlten, haben auch die Sprechstunden der Mitarbeiter und Hilfskräfte nicht besucht. Selbst in seriösen Medien (WDR 5, Deutschlandfunk) finden sich falsche oder aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. Der dortige Verweis auf den kulturellen Hintergrund der Dozentin (‘Was sie hier verlange entspräche dem Niveau der neunten Klasse in ihrer Heimat Rumänien, meinte sie gegenüber den Studierenden in ihrer Vorlesung.’) stimmt in Anbetracht der ausgiebigen Erfahrungen der Dozentin an deutschen Universitäten und ihrer perfekten Beherrschung der deutschen Sprache nachdenklich.

Die Dozentin dieser Vorlesung hat sich weit über das von ihr geforderte Maß eingesetzt. […] Die E-mail Korrespondenz mit den Studierenden ist nachweisbar freundlich und auf die Sache bezogen – selbst dann noch, wenn sie mit frustrierten, polemischen Äußerungen von Studierenden konfrontiert wurde. […]

Die vielen Beschimpfungen der Dozentin durch Menschen, die sie gar nicht kennen, können wir uns vor allem nur durch das negative emotionale Potential erklären, dass Mathematikunterricht in Deutschland bei vielen Menschen in ihrer Kindheit erzeugt haben muss. Aber genau hier können wir nur mit mathematisch kompetenten Lehrerinnen und Lehrern Abhilfe schaffen.

Mit Dank an Thomas F.

Die ultimative Chart-Show

Fast ein Jahr nach dem Tod von Osama Bin Laden hat das FBI den Terroristen von der berühmt-berüchtigten Liste der “Ten Most Wanted” genommen. Damit die zehn meistgesuchten Verbrecher wieder zehn sind, muss natürlich einer nachrücken: In diesem Fall der frühere Privatschullehrer und Zeltlager-Betreuer Eric Justin Toth, der wegen des Besitzes und der Produktion von Kinderpornographie gesucht wird.

Und weil Toth auf der Übersichtsseite an erster Stelle genannt wird, ist für Bild.de klar:

Nummer 1 auf der FBI-Fahndungsliste: Kinderschänder löst Bin Laden als "most wanted" ab.

Er nutzte seine Stellung als Lehrer schamlos aus und verging sich an den Wehrlosesten der Gesellschaft: Kinderschänder Eric Justin Toth (30) ist der meist gesuchte Verbrecher der USA. Das FBI hat den Lehrer knapp ein Jahr nach dem Tod von Osama bin Laden auf Platz 1 der Fahndungsliste gesetzt.

Und auch wenn diese zehn Namen und Gesichter natürlich eine willkommene Vorlage für eine zehnteilige Klickstrecke von “Nummer 1” bis “Nummer 10” abgeben, so hat Bild.de auf der Website des FBI ein winziges Detail übersehen:

Are members of the “Ten Most Wanted Fugitives” list ranked?

No.

Nein, die Mitglieder der Liste sind in keiner Rangfolge sortiert.

Eine kleine, inoffizielle Rangfolge könnte man natürlich dennoch ableiten: Die Belohnung für Victor Manuel Gerena, “Nummer 9” auf der Bild.de-Liste, ist mit einer Million US-Dollar angegeben, die von Toth und sieben weiteren Gesuchten jeweils mit 100.000. (James J. Bulger, die “Nummer 10”, ist bereits in Haft. Für ihn standen bis zu zwei Millionen Dollar Belohnung aus. Osama Bin Laden ist mit einer ausgeschriebenen Belohnung von 25 Millionen Dollar der inoffiziell “meist-meistgesuchte” Verbrecher in der Geschichte des FBI.)

Zwar haben das mit der Rangfolge auch einzelne amerikanische Medien falsch verstanden und die Formulierung von “Spiegel Online”, “Kinderporno-Produzent löst Bin Laden ab”, ist auch ein bisschen irreführend, aber so falsch wie bei Bild.de ist die Geschichte bei keinem deutschen Nachrichtenportal. Bisher.

Mit Dank an Matthias M.

Nachtrag, 23.20 Uhr: Bild.de hat sich korrigiert und dem Artikel folgende Erklärung hinzugefügt:

Korrektur: BILD.de hatte irrtümlich berichtet, Eric Justin Toth sei der meistgesuchte Verbrecher der USA und habe Osama bin Laden als Nummer 1 der Fahndungsliste abgelöst. Mehrere BILD.de-Leser haben zwischenzeitlich jedoch darauf hingewiesen, dass die Verbrecher auf der FBI-Fahndungsliste nicht nach einer bestimmten Rangfolge sortiert sind. Wir danken unseren Lesern für diesen Hinweis.

2. Nachtrag, 12. April: Die gedruckte “Bild” von heute macht die gleichen Fehler wie Bild.de gestern. Sie schreibt:

Ganz oben steht jetzt der Kinderporno-Produzent mit dem Milchgesicht.

Unter einem Foto von Toth steht:

Grundschullehrer Eric Justin Toth (30) ist die neue Nr. 1 auf der FBI-Fahndungs-Liste.

Langeweile, Leserreporter, Prognosen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Stirbt das Land vor Langeweile?”
(berliner-zeitung.de, Malte Welding)
Deutschland sei ein Entwicklungsland der Unterhaltung, schreibt Malte Welding in einem langen Text zum deutschen Fernsehen: “Das deutsche Fernsehen steht so patschzufrieden im eigenen Saft, dass es mit großer Fröhlichkeit darin ersaufen wird, in der Karnevalsbrühe aus Küstenwachenwiederholungen und Serien mit Tieren in der Hauptrolle und Selbstversicherungskabarettsendungen und Redaktionen nach Parteiproporz, die Politsendungen simulieren, und ist die Rente sicher und kippt der Euro und stirbt das Land? Ja, das Land stirbt. Vor Langeweile.”

2. “Die Gesellschaft hat auf ‘live’ umgeschaltet”
(tageswoche.ch, Peter Sennhauser und Matieu Klee)
Welche Auswirkungen auf den Journalismus das Zusammenspiel von Leserreportern und Redaktionen hat. “Heute kann die Verbreitung von Unfallbildern via Soziale Medien nicht und in den professionellen Medien je länger je weniger gebremst werden. Diesen Trend sehen die Infostellen des Basler Sicherheitsdepartementes an Bagatellfällen: ‘Wir verzeichnen eine deutliche Zunahme von Anfragen aus Redaktionen, wenn schon nur irgendwo drei Streifenwagen zugleich stehen’, sagt Martin Schütz. Alarmiert von den Amateurberichterstattern auf Twitter, verlassen sich Journalisten nicht mehr auf herkömmliche Informationskanäle und fragen nach. Auch dann, wenn die Polizisten lediglich in der Pause gemeinsam einen Kaffee trinken wollen.”

3. “Eine Nase tankt Super”
(zeit.de, Anne Kunze)
Anne Kunze beschäftigt sich mit Verträgen zwischen der ARD und Moderatoren: “Der Vertrag für Gottschalk live wurde zwischen der privaten Produktionsfirma Grundy Light Entertainment und der ARD-eigenen Gesellschaft Degeto geschlossen. Der Medienforscher Horst Röper spricht von einem ‘Trick, den die Intendanten schon mehrfach angewendet haben, um die Gremien zu umgehen. Es geht nicht um Peanuts, sondern um Riesenaufträge. Eine wirkungsvolle Kontrolle durch die Gremien findet nicht statt. Das geht doch nicht.'”

4. “Journalismus und Prognosen”
(lukaskiepe.de)
Lukas Kiepe stört sich daran, dass “Spiegel Online” Prognosen zu den Landtagswahlen im Saarland in der Überschrift als Tatsachen darstellt.

5. “Ich bin nicht immer meiner Meinung”
(nzz.ch, Georg Renöckl)
Georg Renöckl interviewt Karl-Markus Gauß: “Ich glaube, dass sich die Zeitungen am ehesten selbst abschaffen, wenn sie ihre ureigenen Qualitäten zurückdrängen und versuchen, sich mittels aufgeblähter Fototeile und anderer Dinge, die nicht ihr genuines Merkmal sind, eine fadenscheinige Modernität zu verleihen. Zeitungen werden überleben, wenn sie wirklich im klassischen Sinne aufklärende Medien sind, mit anspruchsvollem Programm.”

6. “Günther Grass leiht sich Martin Walsers Hund”
(welt.de, Hans Zippert)

Grosse-Bley, iPad-Fabriken, Ahmadinedschad

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Studie zur Wirkung des Nichtraucherschutzgesetzes in Deutschland ist fragwürdig”
(heise.de/tp, Bastian Rottinghaus)
Verschiedene Medien haben eine Studie unkritisch verbreitet, stellt Bastian Rottinghaus durchaus selbstkritisch fest. “Sowohl Telepolis als auch Spiegel Online glänzen hier wie fast alle in- und ausländischen Medien nicht gerade durch kritische Distanz zur DAK, auf deren Patientendaten die Studie basiert und die mit unnachahmlicher Brillanz bilanziert: ‘Weniger Qualm bedeutet weniger Herzerkrankungen – eine einfache Formel für die Gesundheit.’ Nun ist es mit der Eindeutigkeit der Studienbefunde leider nicht so weit her, wie es einem die DAK und das Medienecho nahelegen möchte – denn um genau zu sein: es gibt gar keine Befunde.”

2. “Würden es wieder so machen”
(medienwoche.ch)
“Blick”-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley, kritisiert wegen dem Abdruck von Opferbildern des Busunfalls im Wallis, würde sich in einer vergleichbaren Situation wieder so entscheiden: “Schauen Sie, um dieser Tragödie ein Gesicht zu geben, um sie fassbar zu machen, kann man nicht einfach nur bloss einen Tunnel, einen zerstörten Bus und eine Pannen-Nische zeigen. 22 tote Kinder – das ist keine Zahl, das ist eine Katastrophe. Die Bilder von Menschen, von Betroffenen, machen das Ausmass des Dramas wenigstens ansatzweise fassbar.”

3. “Der erfundene Horror der chinesischen iPad-Fabriken”
(faz.net, Frank Kelleter)
Inszenierte Berichte von Mike Daisey über die Arbeitsbedingungen in einem chinesischen Zulieferbetrieb ernten viel Aufmerksamkeit und Empörung. “Zwar war er tatsächlich zu Besuch in einigen chinesischen Fabriken gewesen und hatte dort mit Arbeitern gesprochen, aber die folgende Broadwayshow war eine Aufführung, ihre Hauptfigur ein Schauspieler, der Anekdoten und Gerüchte aus unterschiedlichen Quellen verdichtete und in der ersten Person vortrug. Die Menschen, deren unerhörtes Schicksal er uns mit kraftvoller Stimme näherbrachte, existierten in dieser Form nur in seiner Phantasie.”

4. “Unbeobachtet, unschuldig, unfehlbar?”
(faz.net, Peter Penders)
Peter Penders fragt sich, warum es immer noch Profi-Fußballspieler gibt, die “noch nicht verinnerlicht zu haben, dass jedes Spiel im Fernsehen übertragen wird und dass sogar Dutzende Kameras rund um das Spielfeld verteilt sind, denen einfach nichts entgeht, nicht einmal, wenn nebenbei Schnick, Schnack, Schnuck gespielt wird.”

5. “sachen aus protest weglassen”
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Wie Google das von Presseverlegern angestrebte Leistungsschutzrecht umsetzen könnte.

6. “Ahmadinedschad im ZDF: ‘Atomwaffen sind unmoralisch'”
(youtube.com, Video, 42:29 Minuten)
Ein sehenswertes Interview von Claus Kleber mit dem iranischen Präsidenten, Mahmud Ahmadinedschad. Zitat ab Minute 35: “Wir lieben alle. Und wir suchen keinen Krieg. Gegen kein Land. Wir wollen auch keine Atombomben.” Siehe dazu auch “Wie das ZDF sein Exklusiv-Interview nachts versendet” (meedia.de, swi), “Das unmögliche Interview” (navigarenecesseest.wordpress.com) und “Unwidersprochener Judenhass” (taz.de, Philipp Gessler)

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Wiederholungstäter

Es ist nur eine kleine Meldung auf Seite 2, wonach die “Griechen” bzw. “griechische Politiker” “wieder” bzw. “erneut” Reparationszahlungen von Deutschland fordern, für die Schäden, die Griechenland unter der deutschen Besatzung (1941-44) erlitten hat.

Etwas länger ist der Kommentar von Paul Ronzheimer, dem “Pleite-Griechen”-Beauftragten bei “Bild”, geworden:

Dreister Griechen-Wahlkampf

Wer soll diese griechischen Politiker noch verstehen?

Ihr Land steckt mitten in seiner schwersten Krise – und sie haben nichts Besseres zu tun, als von Deutschland mal wieder Reparationen zu verlangen.

Um eines ganz klar zu sagen: Über die Schrecken der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg gibt es keinen Zweifel, das Nazi-Regime hat den Griechen schweres Leid angetan.

Aber Reparationszahlungen sind längst geleistet worden. Wenn jetzt griechische Politiker das Thema für ihren Wahlkampf missbrauchen, ist das verantwortungslos und unverschämt zu gleich. (…)

Da dachten wir uns: Wenn die Griechen ihre Reparationsforderungen wiederholen und “Bild” ihre Behauptung, dass alle Reparationsforderungen beglichen seien, dann können wir auch einfach unseren Eintrag vom vergangenen Juli wiederholen, in dem wir das Thema schon einmal behandelt hatten:

Die Reparationsforderungen, die 18 Staaten (darunter Griechenland) im Pariser Reparationsabkommen von 1946 gestellt hatten, wurden mit dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 zurückgestellt. Die Reparationszahlungen sollten erst nach Abschluss eines Friedensvertrags mit Deutschland wieder eingefordert werden, doch den gibt es bis heute nicht: Der Zwei-plus-Vier-Vertrag zwischen den alliierten Siegermächten (USA, Großbritannien, Frankreich und UdSSR) auf der einen und der Bundesrepublik und der DDR auf der anderen Seite wurde ausdrücklich “anstatt eines Friedensvertrags” geschlossen. Experten sind sich uneins, ob die Ansprüche früherer deutscher Kriegsgegner wie Griechenland auf Reparationszahlungen damit ebenfalls verfallen sind oder nicht.

“Geregelt” ist im Fall Griechenlands also nichts und “beglichen” schon gar nicht: Hagen Fleischer, Historiker an der Universität in Athen, hat in einem Gespräch mit dem Deutschlandradio Kultur vom März 2010 erklärt, dass Griechenlands Forderungen nach der Wiedervereinigung “im Allgemeinen bereits vom Türsteher abgewiesen” worden waren. Hinzu komme ein Zwangsdarlehen der griechischen Staatsbank an Nazi-Deutschland, das sich nach heutiger Kaufkraft auf über fünf Milliarden Euro beliefe (“ohne einen Pfennig Zinsen”).

Der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl sagte im Juni in einem Interview mit “Spiegel Online”:

Die Griechen kennen die feindlichen Artikel aus deutschen Medien sehr gut. Wenn die Stimmung im Land umschlägt, alte Forderungen nach Reparationszahlungen laut und auch von anderen europäischen Staaten erhoben werden und Deutschland diese je einlösen muss, werden wir alle bis aufs Hemd ausgezogen.

Ebenfalls bei “Spiegel Online” findet sich die stolze Zahl von 162 Milliarden Euro plus Zinsen, mit der der griechische Nationalheld Manolis Glezos die deutschen Schulden gegenüber Griechenland beziffert hat.

Mehr zu den Besatzungskrediten steht bei labournet.de.

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