1. Tichy & Co: Warum es legitim ist, Unternehmen zu einer politischen Positionierung zu zwingen (metronaut.de, Mikael in den Fahrt)
Roland Tichy, auf dessen Portal ein Autor “grün-linke Gutmenschen” als “geistig-psychisch krank” bezeichnet hatte, gibt seinen Posten als Herausgeber von XING News ab. Ursache waren vor allem der lautstarke Twitter-Protest und die vielen Kündigungsankündigungen. Nun gibt es kritische Stimmen wie die von Fefe, die sich gegen eine “Existenzvernichtung als Mittel des politischen Diskurses” wenden. War es also legitim, wenn Menschen von Unternehmen wie Xing eine politische Positionierung einfordern? Eine ähnliche Frage stellt sich Johnny Haeusler bei Wired: “War die „Abstimmung mit den Konten“ hilfreich?”
2. Zuckerbrot und Twitter (tagesspiegel.de, Thomas Seibert)
Donald Trump fährt in Sachen Öffentlichkeitsarbeit eine Doppelstrategie: Wichtige Stellungnahmen posaunt er über Twitter direkt an seine rund 19 Millionen Follower raus. Und nur, wenn es ihm ausdrücklich passt, redet er mit Zeitungen und Fernsehen. Die Presse hätte noch kein Konzept gefunden, wie sie mit dieser Doppelstrategie umgehen soll, schreibt Thomas Seibert im “Tagesspiegel”. Die Vorteile von Trumps Vorgehens lägen auf der Hand: Auf Twitter braucht sich der zukünftige US-Präsident keinen kritischen Fragen zu stellen.
3. Der Rockstar-Finanzminister (de.ejo-online.eu, Dominik Speck)
Dominik Speck hat sich im Rahmen seiner Bachelorarbeit die Berichterstattung über den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis in deutschen und französischen Qualitätszeitungen angeschaut. Varoufakis galt während seiner kurzen Amtsperiode von Januar bis Juli 2015 als eine Art “Rockstar Finanzminister” und erlangte zusätzliche Berühmtheit durch die Causa Stinkefinger.
4. Von ganz links nach ganz rechts (blog.zeit.de, Jürgen P. Lang)
Im Störungsmelder-Blog der “Zeit” und ihren Partnern schreiben Autoren aus allen Regionen Deutschlands über Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Im aktuellen Beitrag von Jürgen P. Lang geht es um Jürgen Elsässer, den Chefredakteur des rechtspopulistischen Monatsmagazins “Compact”. Der Autor diskutiert gleich zu Beginn Elsässers politische Wandlung, die so überraschend dann doch nicht sei: “Wer die Rechts-Links-Brille beiseitelegt, wird allerdings erkennen, dass Elsässers Vita mehr Brücken als Brüche aufweist. Im Kern war er schon immer Nationalist.”
5. Her mit der Wahrheit! (mdr.de)
In Tschechien hat man 20 Mitarbeiter des Innenministeriums zu einem sogenannten “Abwehrzentrum” zusammengefasst, in dem Falschmeldungen in sozialen Netzwerken aufgedeckt, gekennzeichnet und entkräftet werden sollen. Doch das Projekt ist umstritten. Tschechiens Präsident Miloš Zeman sagte in seiner Weihnachtsansprache: “Wir brauchen keine Zensur, keine Ideenpolizei, wir brauchen kein Amt für Presse und Information, solange wir in einem freien, demokratischen Staat leben wollen.”
6. Jetzt geht’s rund (sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Entertainer Thomas Gottschalk feiert sein Radio-Comeback: Einmal im Monat drei Stunden bei Bayern 1. Eine “Radio-Sendung, in der er vor allem seinen Ruf als größte Ich-AG Deutschlands pflegt”, so Hans Hoff in seiner Kritik.
1. Ein Todes-LKW im Museum: Wie die DPA sich eine Nachricht strickt (salonkolumnisten.com, Martin Niewendick)
Die Nachricht, der Lastwagen, mit dem Anis Amri den Anschlag in Berlin ausgeführt hat, könne womöglich einen Platz im Haus der Geschichte bekommen, sorgte für einigen Wirbel und wurde in den Medien oft aufgegriffen und kontrovers diskutiert. Der Schönheitsfehler: Man diskutierte über eine Forderung, die niemand gestellt hat, so Martin Niewendick. Die Nachrichtenagentur “dpa” hätte die Sache trickreich ins Rollen gebracht: “Es ist ein journalistischer Taschenspieler-Trick, einem Interviewpartner etwas in den Mund zu legen, um daraus eine Meldung zu stricken. Der Klassiker geht etwa so: „Herr Politiker, finden Sie die Äußerungen der Opposition unverschämt?“ „Ja.“ Und schon hat man die Meldung: „Politiker findet Äußerungen der Opposition unverschämt.“ Self-Made-Journalismus at its best.”
2. Wenn Facebook in Sekunden eskaliert (rp-online.de, Sebastian Dalkowski)
“RP Online”-Redakteur Sebastian Dalkowski hat für ein Interview bei Facebook nach Nordafrikanern gesucht, die Silvester in Köln waren. Dazu hat er eine Anfrage im “Nett-Werk Köln” platziert, einer Facebook-Gruppe mit fast 170.000 Mitgliedern, eine Art schwarzes Brett für alle Themen, die mit Köln zu tun haben. Innerhalb von Minuten führte die Anfrage zur Eskalation. Sein Posting wurde von den genervten Administratoren schließlich gelöscht. Im Video erzählt er vom Ablauf des Geschehens und liest aus den Hasskommentaren.
3. Mein erstes Mal (freitag.de, Bartholomäus von Laffert)
Bartholomäus von Laffert ist freier Journalist und hat das mühselige und spartanische Reporterleben kurzfristig gegen eine von der türkischen Regierung bezahlte Pressereise inklusive Luxushotel eingetauscht. In seinem Artikel berichtet er, wie es dazu kam, wie eine derartige Pressereise abläuft und was das mit ihm und den anderen Pressevertretern gemacht hat. Und er erinnert die Kollegen an den Pressekodex: “Wenn Journalisten über Pressereisen berichten, zu denen sie eingeladen wurden, machen sie diese Finanzierung kenntlich.” Wer dies nicht tue, und die Kollegen von “FAZ”, “Tagesspiegel” und “Süddeutsche” hätten es nicht getan, laufe Gefahr, seine Integrität zu verspielen und den „Lügenpresse“-Schreiern gefällig zu sein.
4. “Wir müssen furchtbare Dinge aushalten” (zeit.de, Bastian Brauns)
Dominik Höch ist Fachanwalt für Medien- und Persönlichkeitsrecht und beschäftigt sich speziell mit der Haftung für Äußerungen im Internet. “Zeit Online” hat mit ihm über Fake-News, Hetze im Netz, Facebook und Löschfristen gesprochen, innerhalb derer eine falsche Nachricht gelöscht werden müsse. Höch findet pauschale und starre Fristen schwierig: “Zu ergründen, was wahr und was falsch ist, ist Teil des gesellschaftlichen Diskurses. Es braucht ja nur eine vermeintlich falsche und deshalb gelöschte Nachricht, die im Nachhinein doch stimmt. Das würden AfD und zweifelhafte Medien wie Russia Today genüsslich ausweiden. Das kann es nicht sein.”
5. Der Hochglanz-Verleger von Kilchberg (tagesanzeiger.ch, Stefania Telesca & Thomas Knellwolf)
Der Schweizer “Tagesanzeiger” berichtet über einen kuriosen Fall: Ausgerechnet ein Herausgeber von Luxusmagazinen soll seit Jahren Journalisten, Druckereien, Fotografen und andere Dienstleister um ihre Bezahlung geprellt haben.
6. Here’s 520 Hours of Trump Interviews So You Can Fact-Check the President (motherboard.vice.com, Jordan Pearson)
Donald Trump hat sich in den letzten Jahrzehnten auf die vielfältigsten Weisen geäußert. Wer sich dafür interessiert, was der Mann so alles von sich gegeben hat: Das “Internet Archive” präsentiert ein noch wachsendes Archiv mit seinen Fernsehinterviews und TV-Auftritten der letzten acht Jahre. Doch Achtung: Wer sich alles anschauen will, sollte jedoch genügend Zeit (um exakt zu sein: 520 Stunden) mitbringen.
1. Wir schämen uns (djv.de, Hendrik Zörner)
Hendrik Zörner distanziert sich auf der Seite des “Deutschen Journalisten Verbandes” von der Arbeitsweise der “Berliner Morgenpost”. Diese habe Live-Bilder vom Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz bei Facebook gepostet, auf denen auch Verletzte zu sehen gewesen seien. Dieses Vorgehen sei nicht nur wahnsinnig geschmacklos, sondern auch ein Verstoß gegen den Pressekodex. Zörner dazu wörtlich: “Klar ist und klar muss sein: So arbeiten Journalisten in unserem Land nicht! Das verbieten ihnen ihr Informationsauftrag und das ethische Fundament, auf dem Journalistinnen und Journalisten stehen.”
2. Was wir wissen — oder gerade für nicht ganz unwahrscheinlich halten (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der Ansatz, einen Artikel mit “Was wir wissen” und “Was wir nicht wissen” zu überschreiben, sei einmal eine schöne Idee gewesen, so Stefan Niggemeier bei “Übermedien”. Leider werde diese Artikelform mittlerweile inflationär eingesetzt. Mit einer damit einhergehenden Senkung der Standards, wie er an einigen Beispielen festmacht.
3. “Deutschland und Europa sind zu fettleibig, um den Weckruf zu hören” (sueddeutsche.de)
Die “Süddeutsche” hat zusammengestellt, wie die internationale Presse auf den Anschlag in Berlin reagiert. Mit dabei sind “Telegraph” (Großbritannien), “Financial Times” (Großbritannien), “De Volkskrant” (Niederlande), “Magyar Idők” (Ungarn), “Wedomosti” (Russland), “Pravda” (Slowakei), “Sme” (Slowakei) und “Evenimentul Zilei” (Rumänien).
4. Der Unfall, der ein Anschlag war (faz.net, Michael Hanfeld)
Michael Hanfeld kritisiert die Arbeitsweise der Fernsehsender: “Die Öffentlich-Rechtlichen haben die Ruhe weg. Was sagt uns das? Hat es Verweischarakter? Es hat und deutet darauf hin, dass sich die Sender ihrer Sache ganz und gar nicht sicher sind. Sie agieren in einer Weise zurückhaltend, die — sehen wir einmal von RTL ab — ans Absurde grenzt.”
5. Die Stunde der Reporter (Joachim Huber, tagesspiegel.de)
Auch Joachim Huber kommentiert die Berichterstattung der Fernsehsender. Alle hätten sich angestrengt, möglichst nah am und vom Tatort Informationen einzuholen und zu vermitteln. Es sei die Stunde der Reporter gewesen, besonders die von “RBB”-Reporterlegende Ulli Zelle: “Er schafft es mehrfach via Solo-Einsatz hinter dem Absperrband, dem nicht gesehenen und nicht sichtbaren Geschehen ein Narrativ zu geben. Er bindet zusammen, erschafft Zusammenhänge, er ist Reporter, der für den Zuschauer das Geschehen und das Geschehene visualisiert. Und er ist betroffen, ohne seine Betroffenheit auszustellen.”
6. Warum Facebook sofort vom “Anschlag in Berlin” ausging (zeit.de, Patrick Beuth)
Facebooks Safety-Check-Funktion ermöglicht es Nutzern, ihren Freunden zu signalisieren, dass sie in Sicherheit sind. Das System sei hilfreich, weise aber nach einem Umbau Schwächen auf, so Patrick Beuth bei “Zeit Online”. So wurde der Ort des Geschehens mit Berlin-Heinersdorf anfangs falsch angegeben. Zum anderen könne man die (wechselnde) Art der Verschlagwortung (Anschlag/Gewalttat/Vorfall) hinterfragen: “Man kann Facebook also durchaus vorwerfen, durch seine Wortwahl möglicherweise für noch mehr Unruhe gesorgt zu haben. Den Vorwurf müssen sich aber auch alle Medien und alle Nutzer gefallen lassen, die ohne jede offizielle Bestätigung von einem Anschlag berichteten.”
7. Journalisten können den Wettbewerb mit Social Media nicht gewinnen (stefan-fries.com)
Den Wettbewerb mit sozialen Netzwerken könnten Redaktionen nicht gewinnen, sie sollten sich gar nicht erst darauf einlassen, findet Stefan Fries. Der Wettbewerb finde unter ungleichen Bedingungen statt. Oft würden sich Gerüchte schon auf ihren Weg durch die Sozialen Netzwerke gemacht haben, während Journalisten immer noch nicht loslaufen könnten, weil sie erst Informationen recherchieren müssten. (Siehe dazu auch das “Deutschlandfunk”-Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörsken: “Medien können den Geschwindigkeitswettbewerb nicht gewinnen”.)
8. Nach dem Unglück in Berlin: Es geht nicht darum, wer die erste Eilmeldung raushaut (t3n.de, Lisa Hegemann)
Auch Lisa Hegemann plädiert für kontrollierte Langsamkeit bei der Berichterstattung. Es ginge nicht darum, der Schnellste zu sein: “Für uns Nutzer bedeutet das aber auch: Nicht gleich auf den Medien rumhacken, nur weil sie zwei Minuten nach einem Vorfall noch nicht berichten! Wir müssen lernen, die Ungewissheit auszuhalten. Notfalls auch mal länger als eine Stunde.”
9. Anschlag in Berlin – wie (gut) haben die Medien reagiert? (dbate.de, Stephan Lamby, Video, 7:55 Min.)
Medienjournalist Daniel Bouhs (u.a. “taz”, “Zapp”) analysiert in einem mitgeschnittenem Skype-Videogespräch auf “dbate” die Berichterstattung der Medien in Berlin. Nach dem Gespräch hat Bouhs noch einen ergänzenden Facebookeintrag verfasst, in dem er sich mehr Medientrainings für Krisensituationen wünscht: “Jedes mittelständische Unternehmen — Konzerne sowieso — üben die Krise. Ich habe selbst mal an so etwas teilgenommen: Eine Molkerei wurde in einem fiktiven Szenario erpresst, minutiös geplant per Drehbuch, umgesetzt zwei Tage lang mit Statisten europaweit. Call-Center (“Mir ist schlecht — Ihr Produkt ist vergiftet!”), Geschäftsleitung (“Was tun?!”), Wachschutz (“da ist ein RTL-Team auf unserem Gelände!”), Pressestelle (“schon wieder ein Anruf von dpa!”) — sie alle haben die Großlage durchgespielt, mit beeindruckendem Schauspiel, bei dem die Beteiligten nach fünf Minuten vergessen hatten, dass das bloß eine Übung war.”
10. Hey AfD, ihr bekommt meine Empörung nicht! (medium.com, Simon Hurtz)
Simon Hurtz schlägt vor: “Lasst uns 2017 nicht zu einem Festjahr für Populisten machen” — und richtet sich damit auch an Journalisten und Medien, die häufig und gerne jedes Skandälchen aufgreifen, das die AfD mit grässlichen Aussagen herbeiführen will. Hurtz selbst hat die Ausfälle von Marcus Pretzell, Landesvorsitzender der NRW-AfD, zum Geschehen in Berlin ganz bewusst ignoriert: “Einen Tag und viele Gespräche später glaube ich, dass die richtige Reaktion auf bewusste Provokation zweistufig verlaufen muss: souveräne Ignoranz, gefolgt von entschiedenem Widerspruch.” Was er damit genau meint, erklärt er in seinem Beitrag.
11. Der Anschlag von Berlin und die Medien (bildblog.de, Moritz Tschermak)
Last but not least ein Link auf einen Beitrag aus dem eigenen Haus. BILDblogger Moritz Tschermak hat sich die Berichterstattung von berliner-zeitung.de, Bild.de, bz-berlin.de, Welt.de und “Zeit Magazin” angeschaut. Sein Fazit nach vielen Beispielen: “Das Gegenteil von all dieser Hysterie und dem Gerüchtehinterherlaufen wäre: abwarten, die ermittelnden Behörden ihre Arbeit machen lassen, dann berichten, wenn es gesicherte Fakten gibt.”
Vor knapp fünf Stunden, als bekannt wurde, dass die Berliner Polizei daran zweifele, gestern Abend den Richtigen festgenommen zu haben, sagte ein Moderator von “N24” sinngemäß: Da sehe man mal, was passieren könne, wenn man ungeprüft Dinge verbreite.
Oh ja. Und die Berichterstattung gestern und heute zum Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz zeigt einmal mehr, wie heftig Journalisten in solchen Extremsituationen, die dann auch zu medialen Extremsituationen werden, Gerüchten hinterherjagen, sie in die Welt setzen und am Ende doch wieder zurückrudern müssen.
Man könnte an den vielen Artikeln und Live-Streams und TV-Beiträgen rund um das Geschehen am Breitscheidplatz sicher einiges kritisieren. Da wäre zum Beispiel ein Reporter der “Berliner Morgenpost”, der über Facebook Livebilder von Opfern und Helfern zeigte, obwohl die Berliner Polizei explizit darum gebeten hatte, dies nicht zu tun. Einige TV-Sender sollen ähnliche Aufnahmen vom Weihnachtsmarkt verbreitet haben, mit Zooms auf Opfer, die gerade behandelt wurden. Die “Berliner Morgenpost” hat ihr Video inzwischen gelöscht.
Bleiben wir aber mal bei dem einstigen Tatverdächtigen, der gerade erst wieder von der Polizei freigelassen wurde, und den Berichten über ihn. Die Spekulationen, Mutmaßungen und Ratereien über ihn zeigen, wie hysterisch Medien agieren, wie sie Halbwissen herausposaunen, sich widersprechen.
“Unbestätigte Informationen”, soso. Sowieso war Welt.de gestern und heute immer ganz vorne mit dabei, wenn es Neuigkeiten gab — egal, ob diese nun richtig oder falsch waren. Nur 16 Minuten nach der Tschetschenen-Meldung tauchten die nächste “unbestätigten Informationen” bei Welt.de auf:
Da war das Gerücht mit dem Tschetschenen aber schon raus und bei anderen Portalen aufgetaucht, auch weil “Welt”-Chefredakteur Ulf Poschardt die Falschinformation seines Teams über den Twitter-Account des “Zeit Magazins” verbreitete, wo er momentan Gast-Twitterer ist. Der Tweet des “Zeit Magazins” ist inzwischen gelöscht. Die Journalistin Lena Niethammer hat das Ganze aber dokumentiert:
Bild.de übernahm dann sowohl Pakistan als auch Afghanistan als Herkunftsland und erklärte den Festgenommenen direkt zum “Todes-Fahrer von Berlin”:
Die Onlineredaktion der “B.Z.” machte den Verdächtigen ebenfalls schon zum “Täter” und produzierte diese merkwürdige Überschrift:
Als heute, am frühen Nachmittag, bekannt wurde, dass die Ermittler sich nicht mehr so recht sicher seien, ob der festgenommene Mann aus Pakistan tatsächlich der Fahrer des Lkw ist, hatten zahlreiche Medien schon etliche Informationen über ihn verbreitet: Alter, Herkunft, dass er als Flüchtling gekommen sei, wo und wann er die Grenze nach Deutschland übertreten habe. Jetzt, wo es so scheint, als habe er nichts mit der Tat zu tun, stellt es sich als großes Glück heraus, dass bisher kein Foto von ihm veröffentlicht wurde.
In der Zwischenzeit haben auch die Medien Zweifel bekommen. Völlig egal, dass sie vorher schon vermeldet haben, dass der Verdächtige auch der Täter sei. Hierzum Beispiel Bild.de:
Das Gegenteil von all dieser Hysterie und dem Gerüchtehinterherlaufen wäre: abwarten, die ermittelnden Behörden ihre Arbeit machen lassen, dann berichten, wenn es gesicherte Fakten gibt. Das machen viele Redaktionen auch. Zu viele aber auch nicht. “Zeit”-Journalist Yassin Musharbash schlägt vor: “An einem Tag wie diesem heißt es geduldig sein.”
*Nachtrag, 21. Dezember: Ziemlich früh nach den ersten Meldungen zum Vorfall am Breitscheidplatz nannte die “heute”-Redaktion des “ZDF” bei Twitter den eigentlichen Fahrer des Lkw aus Polen als Verursacher. Die Redaktion bezog sich dabei auf eine angebliche Feuerwehrmeldung:
Wenige Minuten später schickte das “ZDF”-Team eine Korrektur raus:
1. Vertrauen gibt es nicht umsonst (taz.de, Peter Weissenburger)
Die “dpa”-Meldung „Türkische Behörden verbieten Weihnachten.“ sei nicht ganz präzise gewiesen, habe sich jedoch als Segen für die Fakenews-Debatte erwiesen, findet “taz”-Autor Peter Weissenburger: “Ein Gewinn ist diese Episode dennoch. Zwar ist es verunsichernd für JournalistInnen, dass in Zeiten nach Pegida, Köln und der US-Wahl ihre Arbeit regelmäßig angezweifelt wird. Andererseits ist zu begrüßen, dass die etablierten Medien so lernen, sich mehr nach außen hin zu erklären. Das kann verlorenes Vertrauen wieder aufbauen.”
2. Gericht verbietet Journalistenschule falschen Faktencheck (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die Kölner Journalistenschule KJS darf nicht mehr behaupten, dass „gut ein Viertel“ der von ihr in einem vermeintlichen „Faktencheck“ überprüften Talkshow-Aussagen von AfD-Chefin Frauke Petry zu beanstanden waren, so Stefan Niggemeier auf “Übermedien”. Petry hätte vor dem Oberlandesgericht Köln eine einstweilige Verfügung gegen das Projekt „Faktenzoom“ erwirkt. Für Niggemeier sicher keine große Überraschung. Er selbst hatte schon im Sommer über die Angreifbarkeit der Auswertung berichtet und auf konkrete Fehler hingewiesen.
3. Flüchtlingsforschung gegen Mythen 4 (fluechtlingsforschung.net)
Auch im vierten Teil der Serie “Flüchtlingsforschung gegen Mythen” kommentieren Mitglieder des Netzwerks Flüchtlingsforschung zweifelhafte Politikeraussagen zur Flüchtlingsthematik. Absolut lesenswert für jeden, der sich nicht damit abfinden will, dass wir (angeblich) in postfaktischen Zeiten leben.
4. Ex-Moderator postet Ku-Klux-Klan-Szene (tagesspiegel.de, Rosa Feigs)
Der ehemalige Radiomoderator Elmar Hörig äußert sich auf Facebook regelmäßig auf menschenverachtende und geschmacklose Weise. Nun hat die rheinland-pfälzische SPD-Landtagsabgeordnete Giorgina Kazungu-Haß den Social-Media-Pöbler angezeigt. Konkreter Anlass: Eine von Hörig mit Schokoladenweihnachtsmännern nachgestellte Ku-Klux-Klan-Hinrichtungsszene.
5. Digitale Dopingjagd (dasnetz.online, Martin Einsiedler)
Nach all den Dopingvorfällen der Vergangenheit ist vom “sauberen Sport”, zumindest im Hochleistungssport, nicht viel übrig geblieben. Sportjournalist Martin Einsiedler glaubt, dass neue Methoden des Journalismus bei der Jagd nach Betrügern helfen können. Als Beispiel führt er das von Hajo Seppelt mitgegründete Webportal “sportsleaks.com” an, über das Whistleblower Betrugsfälle im Sport melden und belastende Datensätze, Dokumente oder Ton- und Videoaufnahmen einreichen können. Natürlich unter Wahrung der Anonymität, wie man betont.
6. Zeitschriften, die sich nicht durchgesetzt haben (titanic-magazin.de)
Die Fachleute von der “Titanic” haben zum Jahresende eine Übersicht der Zeitschriften zusammengestellt, die sich auf dem Markt nicht durchsetzen konnten.
So sieht die heutige Titelseite des “Tagesspiegel” aus:
Die Redaktion hat sich dazu entschlossen, auf der ersten und auf den drei folgenden Seiten große Fotos aus Syrien zu drucken, die das schreckliche Leid der Menschen dort zeigen. Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff schreibt dazu:
Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Darum zeigen wir heute viele Bilder: Damit sie uns sagen, was in Syrien geschieht. Wir hören davon, wir berichten darüber, so gut es geht, so gut wir können, wir kommentieren, was sein sollte — aber nichts ist authentischer als die Authentizität des Augenblicks.
Und, gerichtet an seine Leser:
Sie mögen einwenden, dass wir auf eine andere, durchdachte, reflektierte, intellektualisierte Ebene heben sollten, was dort, in Syrien, in Aleppo geschieht. Und Sie hätten recht mit dem Einwand. Aber das haben wir getan, Mal um Mal. Das werden wir auch weiter tun, vermutlich noch viele Male. Weil die Tragödie, steht zu befürchten, mit dem Fall von Aleppo nicht enden wird. Heute aber unterbrechen wir den Fluss der Nachrichten und Analysen, der Worte, der vielen tausend. Wir zeigen Bilder. Und das, was Menschen, die in diesen Bildern wohnten, der Welt geschrieben haben.
Casdorff beendet seinen Text mit dem Satz: “Wir hoffen, Sie verstehen. Die Bilder. Und uns.”
Es klingt nach einer Rechtfertigung, die eigentlich gar nicht nötig ist. Die Entscheidung der “Tagesspiegel”-Redaktion ist völlig legitim und in unseren Augen eine gute. Genauso gut finden wir beispielsweise auch, dass Bild.de heute morgen die Startseite für eine Stunde komplett der grausamen Situation in Aleppo gewidmet hat. Mediale Aufmerksamkeit für die Menschen in Aleppo und Kritik an den Gräueltaten des Assad-Regimes sind notwendig.
Was so gar keine glückliche Entscheidung des “Tagesspiegel” war: Eine — vermutlich schon länger geplante — Werbeaktion für heute nicht abzusagen. Denn so sieht die “Tagesspiegel”-Titelseite aus, wenn man sie in Berlin am Kiosk kauft:
Einem leidenden Jungen aus Aleppo einen dicken Aufkleber ins Gesicht zu pappen, der frohe Weihnachten wünscht und “15% Rabatt auf Schmuck und Uhren” im Onlineshop eines edlen Juweliers verspricht, ist so grotesk, dass es fast schon wieder ein treffender Kommentar zur aktuellen Lage in dieser Welt und zum Desinteresse vieler Menschen an der Situation in Syrien sein könnte. Leider ist es aber nur eine völlig deplatzierte Werbung.
Mit Dank an Joachim P. für den Hinweis!
Nachtrag, 16:59 Uhr: Der “Tagesspiegel” hatte sich heute morgen für den Fauxpas entschuldigt:
Nachtrag, 16. Dezember: Auf der Titelseite der heutigen Ausgabe hat sich die “Tagesspiegel”-Redaktion für die “Kombination von Titelbild und Werbung” entschuldigt:
1. “Nationalität spielt bei Kriminalität keine Rolle” (wdr.de, Dominik Reinle)
Die wichtigste Aussage diese Interviews steht schon in der Überschrift. Der Kriminologe Christian Pfeiffer stellt die aufgeregte Diskussion um vermeintlich überdurchschnittlich kriminelle Migranten vom Kopf auf die Füße. Nahezu jeder Satz eignet sich als Punchline für einen Tweet. Drei Vorschläge:
1. “Richtigerweise müsste gefragt werden: Wie sind die Merkmale von Männern, die Frauen vergewaltigen? Dann merken Sie, dass Nationalität bei Kriminalität keine Rolle spielt.”
2. “Die Kriminalität in Deutschland geht im Gewaltbereich um 15 Prozent nach unten, gleichzeitig haben wir ein starkes Anwachsen des Anteils der ‘Fremden’. Die Schnellschuss-Antwort, die Ausländer sind die Bösen und verantwortlich für die Kriminalität, ist einfach falsch.”
3. “Wenn Max von Moritz verprügelt wird, ist die Anzeigebereitschaft 19 Prozent, wird Max von Mehmet verprügelt, ist sie über 31 Prozent.”
2. “Die ganzen Verschwörungstheoretiker irren” (br.de, Florian Schairer)
Hannes Grassegger und Mikael Krogerus haben etwas geschafft, das vor einer Woche undenkbar schien: Hunderttausende teilen einen Text über Big Data und Psychometrie — beides bislang nicht unbedingt als besonders populäre Themen bekannt. Sogar der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar schaltete sich ein und warnte vor “der Manipulation demokratischer Wahlverfahren durch Massendatenauswertung”. Auf die gewaltige Aufmerksamkeit folgte binnen weniger Tage eine mindestens genauso gewaltige Welle der Kritik, teilweise aggressiv und polemisch, nicht immer fair. Hannes Grassegger scheint aber ganz gut damit umgehen zu können: “Wir begrüßen wirklich jede Form des Weiterdenkens — und dazu gehört natürlich auch Kritik.” Außerdem sind gestern die wohl drei besten und differenziertesten Auseinandersetzungen mit dem Thema erschienen: von Daniel Mützel bei “Motherboard”, von Patrick Beuth bei “Zeit Online” und von Matthias Kolb bei süddeutsche.de, der den Text vor allem aus US-amerikanischer Perspektive beleuchtet und erklärt, welche politischen Faktoren zum Sieg von Donald Trump geführt haben.
3. Ein Thema, das keins sein sollte (taz.de, Anne Fromm)
Halb Mediendeutschland streitet sich über eine Nachricht, die gar keine war — zumindest nicht in der “Tagesschau” am Samstag, was wiederum viele haupt- und nebenberufliche Medienkritiker für ein Problem halten. Oder, wie es Anne Fromm ausdrückt: “Freiburg ist das neue Köln.” Das mag eine recht steile These sein, der aktuellen Diskussion fügt ihr Text aber einen interessanten Aspekt hinzu: “Dass nun aber Politiker bewerten, wann, was und wie Journalisten über den Mord in Freiburg hätten berichten sollen, ist fatal. Es spielt denen in die Hände, die der Meinung sind, Journalisten seien von oben gelenkt.”
4. Wie Facebook bei Hetze gegen Künast mit Fake-Zitat zuschaut (morgenpost.de, Lars Wienand)
Am Sonntag teilte der Schweizer Rechtspopulist Ignaz Bearth auf seiner Facebook-Seite ein erfundenes Zitat von Renate Künast, als Quelle gab er die “Süddeutsche Zeitung” an. Der Bild-Post ging viral, Facebook tat — nichts. Stefan Plöchinger, Chefredakteur von süddeutsche.de, schrieb wiederum auf seiner Facebook-Seite: “Ein paar Stunden lang nicht wissen, was man mit so einem demokratiezersetzenden Dreck machen soll — das kann man sich als Multimilliardenmedienkonzern schon mal erlauben, gell?”. Mittlerweile hat Facebook reagiert und das Posting gesperrt, das Grundproblem aber bleibt: Wie schnell muss das Unternehmen reagieren, wenn sich auf der Plattform strafbare Inhalte (ein erfundenes Zitat erfüllt den Straftatbestand der Verleumdung) verbreiten, die den Opfern (in diesem Fall Renate Künast) schaden können?
5. Empörung über deutsche Werbung auf rechter Hetz-Seite (spiegel.de, Ann-Kathrin Nezik)
Ein bekanntes (wenn auch umstrittenes) Bonmot aus der Werbebranche lautet: “There is no such thing as bad publicity.” Insofern könnte es durchaus eine gute Idee sein, Anzeigen auf der rechten Nachrichtenseite “Breitbart” zu schalten. In den vergangenen Tagen taten das etliche bekannte deutsche Unternehmen, darunter die “Telekom”, “Vapiano”, “Lieferheld” oder der Elektronikmarkt “Conrad” — meist, ohne es überhaupt zu merken. Während etwa “Lieferheld” sagt, man sei “nicht von der Gesinnungspolizei”, wollen andere Firmen die fragwürdige Platzierung ihrer Werbung zumindest prüfen, “BMW” und “Braun” haben “Breitbart” sogar auf eine Blacklist gesetzt.
6. Wie wahr ist wahrscheinlich? (gutjahr.biz, Richard Gutjahr)
Die Wahrscheinlichkeit, dass MH17 von pro-russischen Militärs abgeschossen wurde? Exakt 95,3 Prozent. Und wer hat das Giftgas in Syrien eingesetzt? Zu 92,4 Prozent waren es Rebellen, nicht Assad. Das behauptet jedenfalls das israelische Start-up “rootclaim”. Richard Gutjahr hat mit den beiden Gründern der Plattform gesprochen, die mit Hilfe von Algorithmen Fakten checken wollen.
1. Krankes Geschäftsmodell (spiegel.de, Nina Weber & Jörg Römer)
Es gibt da einen netten Begriff: “Empfehlungsmarketing”. Nina Weber und Jörg Römer fänden in vielen Fällen allerdings das Wort “Schleichwerbung” deutlich passender. Sie haben jeweils fünf Ausgaben von 13 verschiedenen Frauenzeitschriften analysiert und dort zahlreiche Erwähnungen von rezeptfreien Medikamenten entdeckt. Oft entdeckten sie nicht nur diese Nennungen im redaktionellen Teil, sondern auch Anzeigen für dasselbe Produkt. Das alles riecht stark nach einer Vermischung von journalistischer Arbeit und Werbung. Zusätzlich hat Nina Weber überprüft, ob die Gesundheitstipps denn wenigstens “medizinisch sinnvoll sind oder gar gesundheitlich bedenklich”: “Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie nicht Ihre Frauenzeitschrift”.
2. Warum die Lügenpresse-Vorwürfe gegen die „Tagesschau“ falsch sind (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die “ARD” musste sich in den vergangenen Tagen einiges an Kritik anhören, auch von anderen Medien. Die zentrale Frage: Warum hat die “Tagesschau” nicht über die Festnahme eines Verdächtigen in einem Mordfall in Freiburg berichtet? Der zentrale Vorwurf: Weil es sich um einen Flüchtling aus Afghanistan handele. Stefan Niggemeier kommentiert, die “Tagesschau” habe eigentlich so wie immer entschieden, wenn es um Mord geht: “Es ist nicht so, dass die ‘Tagesschau’ eine Ausnahme von ihrer sonstigen Regel gemacht hat. Sondern der ‘Stern’ und all die anderen Empörten fordern, dass sie im Fall von Flüchtlingen eine Ausnahme machen soll.” Dazu auch Alexander Krei bei “DWDL”: “Morde in der ‘Tagesschau’: Eine Frage der Relevanz”.
3. Fall Maria L.: Ein Blick in die Abgründe von Facebook (badische-zeitung.de)
Noch einmal zum Sexualmord in Freiburg: Seit Bekanntwerden der Nationalität des mutmaßlichen Täters ist auf der Facebookseite der “Badischen Zeitung” die Hölle los: Lynchfantasien, Mordaufrufe, purer Hass. Die Redaktion dokumentiert einige der von ihr gelöschten Kommentare.
4. Football Leaks — der “Fall” Özil und ein kurzer Blick auf die Rolle des Spielervermittlers (sportsandlaw.de, Robert Golz)
“Der Spiegel” macht aktuell mit einer großen Geschichte zu den Finanztricks von Fußballstars auf. Robert Golz, der sich als Anwalt mit Urheber-, Persönlichkeits- und Presserecht im Fußball beschäftigt, hat sich die Recherche mal angeguckt. Sein Urteil: “Was als große Enthüllungsstory beginnt und mit dem reißerischen Titel ‘Das sieht richtig übel aus’ überschrieben ist, fällt im Verlauf des Studiums des Beitrags ziemlich schnell in sich zusammen und läuft letztlich darauf hinaus, dass es erhebliche Kommunikationsschwierigkeiten zwischen der deutschen und der spanischen Steuerberatungskanzlei von Mesut Özil gegeben haben muss”.
5. Trump telefoniert mit Tsai — Medien machen Panik (intaiwan.de, Klaus Bardenhagen)
Ein Telefonat mit Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen — und schon habe Donald Trump laut Medienberichten beinahe die erste diplomatische Krise ausgelöst. Klaus Bardenhagen findet, dass die Redaktionen mit ihren Beiträgen Chinas Propaganda gleich mit erledigt hätten: “Für die Machthaber in Peking muss es ein Fest gewesen sein, diese Reaktionen zu beobachten. Bevor sie überhaupt eine Chance hatten, sich zu äußern (Zeitverschiebung), hatten Journalisten und Trump-kritische Experten ihnen schon die Entscheidung abgenommen, wie sie sich zu verhalten haben.”
6. Der Mosel Kurier — eine Fake Fake News Seite für mehr Medienkompetenz (schleckysilberstein.com, Christian Brandes)
Das Team von “Schlecky Silberstein” hat eine eigene Onlinezeitung gegründet: den “Mosel Kurier”. Also zumindest fast. Der “Mosel Kurier” verbreitet vor allem Fake-Nachrichten à la “Grünen-Politiker setzt Kinderheim in Brand” oder “Bei Kreisliga-Spiel: Großfamilie bedroht Schiedsrichter mit Säbel” — alles ausgedacht. Der Trick dabei: Teilen Leute nun diese wahnwitzigen Geschichten bei Facebook, und folgt ein “bestätigungswütiger Wutbürger” dem Link, bekommt dieser nur einen Warnhinweis angezeigt: “REINGEFALLEN!!!!!!”
1. Die Presse hat kein Recht auf Informationen des Bundestages mehr (tagesspiegel.de, Jost Müller-Neuhof)
Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat Auskunftsansprüche von Journalisten gekürzt: Der Bundestag muss keine Auskünfte über staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen Abgeordnete geben. Das Gericht wies eine Informationsklage des “Tagesspiegel” ab und hob ein Urteil der Vorinstanz auf. Als Grund wurde angegeben, dass “der deutsche Bundestag als besonderes Organ der Gesetzgebung” keine auskunftspflichtige Behörde im Sinne des Presserechts sei.
2. Dranbleiben am Thema (taz.de, Daniel Bouhs)
Nach dem Berliner Recherchebüro “Correctiv” setzt nun eine weitere journalistische Plattform auf Einzelspenden und Fördermittel von Stiftungen: “Codastory” heißt das Portal, das bereits mit dem britischen “Guardian” zusammenarbeitet, aber in Deutschland noch Partner sucht. Daniel Bouhs hat sich in Berlin mit “Coda”-Mitgründer Ilan Greenberg unterhalten.
3. „Trump ist ein dunkler Twitter-Präsident“: Zeit-Online-Chef Wegner über Wahlen, Bots und ein neues Transparenz-Blog (meedia.de, Alexander Becker)
Bei “Meedia” analysiert “Zeit-Online”-Chefredakteur Jochen Wegner den US-Wahlkampf, den Einfluss von Bots, Fake-News und die Rolle der Medien. “Dass die meisten Journalisten diese Entscheidung nicht nachvollziehen können, ist zunächst einmal das Problem der Journalisten. Vielleicht helfen etwas Abstand und eine gewisse Demut dabei, sich den Ausgang der Wahl zu erklären, statt sich jetzt mit Erklärungsversuchen zu überschlagen.” Wegner überlegt, welche Lehren Journalisten daraus für die Bundestagswahl ziehen können und kündigt ein Transparenz-Blog an, in dem journalistische Arbeitsweise erklärt wird. Zum Schluss wünscht er sich Medien, die den “gefühlten Mainstream durchbrechen, eine große Zahl von Lesern erreichen und dabei journalistische Prinzipien respektieren” und denkt dabei an “eine sehr konservative FAZ”.
4. Maschmeyers Image – frisch geliftet? (ndr.de, Sabine Schaper, Video, 6:09 Minuten)
Seit jüngstem gibt sich der ehemalige AWD-“Drückerkönig” Carsten Maschmeyer bei “Die Höhle der Löwen” (Vox) als väterlicher Mentor junger Startup-Unternehmer und arbeitet auch ansonsten an seinem Image-Wechsel zum Saubermann. Viele Medien würden das Spiel mitmachen, so “Zapp”-Autorin Sabine Schaper.
5. Bundespressekonferenz empört mit fiktiver Anzeige (sueddeutsche.de, David Denk)
Die Bundespressekonferenz gibt seit 1951 einen satirischen “Almanach” heraus. (Zitat aus der Erklärung der Bundespressekonferenz im Original-Wortlaut: “Seitdem begleitet er das abgelaufene Politik-Jahr mit satirischen Beiträgen, die in ihrer zugespitzten Form politische Debatten aufgreift und begleitet”) In der diesjährigen Ausgabe erschien eine Fake-Anzeige der fiktiven “Bundesbade-Agentur”, die “Schwimmkurse für Flüchtlinge” anbietet, darunter ein “Vorschul-Flüchtlingsschwimmen (ab 3 Jahre)”. Dies löste vielerlei kontroverse Meinungsäußerungen aus (“Ihr habt sie nicht mehr alle, oder?”). Eine Gruppe von zehn ARD-Korrespondenten hat einen Brief an den BPK-Vorsitzenden Gregor Mayntz geschrieben, in dem sie den Vorstand aufforderten, sich von dem Beitrag zu distanzieren. Der Vorstand der Bundespressekonferenz hat als Antwort auf die Kritik eine Erklärung veröffentlicht.
6. Lance Armstrong will sich zurückquatschen (tagesanzeiger.ch, Andreas Tobler)
Der einstige Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong hat neuerdings einen Podcast. “Tagesanzeiger”-Autor Andreas Tobler hat reingehört und findet es “zum Zyankalinehmen”.
1. Aus für Spiegel Plus? Keiner kauft Nachrichten im Netz (jensrehlaender.com)
Jens Rehländer greift einen “Horizont”-Beitrag heraus, in dem von Querelen um das wenig erfolgreiche Spiegel-Online-Bezahlmodell berichtet wird. Rehländer nimmt den “Spiegel” in Schutz, um dann umso deutlicher zu werden: “Häme ist hier auch deshalb fehl am Platz, weil die Medien selbstverständlich nur durch Experimente herausfinden können, wie sie sich in Zukunft refinanzieren. Dass Experimente scheitern, liegt in der Natur der Sache und verdient keinen Tadel. Dass man aber Irrwege nochmal beschreitet, um genauso zu scheitern wie die anderen vorher – das verwundert dann doch.”
2. In Abwesenheit (sueddeutsche.de, Paul-Anton Krüger)
Es ist schon makaber: Der ägyptische Fotograf Shwakan hat den “International Press Freedom Award” bekommen, kann ihn aber nicht annehmen, weil er sich in U-Haft befindet. Sein “Vergehen”: Shwakan hatte im Auftrag der Fotoagentur “Demotix” Bilder von einem der Protestcamps der islamistischen Muslimbruderschaft in Kairo gemacht. Seine Untersuchungshaft dauert nun schon drei Jahre an, obwohl sie selbst nach ägyptischem Recht auf zwei Jahre begrenzt ist. Dieses Jahr wurden zweifelhafte strafrechtliche Vorwürfe gegen ihn erhoben, weswegen ihm nun die Todesstrafe droht.
3. Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann (geschichten.detektor.fm, Isabelle Klein, André Beyer)
Frauen haben es auch in der Musik nicht leicht. Bei großen Festivals wie “Rock am Ring” hätte in diesem Jahr nur bei jedem zehnten Act eine Frau auf der Bühne gestanden, bei Indie-Festivals wie dem “Appletree Garden Festival” bei jedem fünften. Isabelle Klein und André Beyer lassen in ihrem Longread über die männerdominierte Musikszene vor allem Frauen zu Wort kommen, so z.B. die “Spex”-Redakteurin Jennifer Beck: “Wenn über Künstlerinnen berichtet wird, dann häufig von älteren, weißen Männern.”
4. In Zeiten der Lügenpresse (rnd-news.de, Ulrike Simon)
Ulrike Simon hat Nachrichten aus dem Deutschlandfunk: Dank des gestiegenen Interesses für Medien strahlt der Sender von März kommenden Jahres an ein tägliches Medienmagazin aus. Der Kulturchef hätte das Vorhaben bestätigt: “Ausschlaggebend war der Erfolg unseres wöchentlichen Medienmagazins “Markt und Medien”, das bei den Hörern einen hohen Einschaltimpuls erzeugt. Das Thema verdient einfach mehr Sendezeit. Die Zeit schreit geradezu danach. Medien stehen wie nie zuvor im Fokus der Öffentlichkeit. Daher braucht es mehr Orte wie diesen, um zu reflektieren, wie Medien funktionieren, um transparent zu machen, wie wir Journalisten arbeiten.”
5. Kein Geld Für Rechts. Lasst uns rechtsradikalen Medien den Geldhahn zudrehen.” berichten (davaidavai.com, Gerald Hensel)
Gerald Hensel ist Strategy Director bei “Scholz & Friends” und betreibt unter “davaidavai.com” einen Blog, in dem er sich aktuell dafür stark macht, rechten Seiten die Geldquellen zu entziehen. Er appelliert dabei sowohl an Markeninhaber und Werbeagenturen als auch an die Verbraucher, ihren Einfluss zu nutzen.