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Rassismus-Stammtisch beim WDR, Privilegierte Quelle?, Lehrstück

1. “Das Diskriminierendste, das ich seit Langem gesehen habe”
(jetzt.de)
In der WDR-Sendung “Die letzte Instanz” haben sich vier weiße und privilegierte Promis zum Rassismus-Talk zusammengesetzt und allerlei unreflektierte Aussagen auf Stammtisch-Niveau getätigt. So jedenfalls die Wertung vieler Personen, die die Sendung gesehen haben: “Das hier ist das mit Abstand ignoranteste, arroganteste und diskriminierendste was ich seit langem im deutschen TV gesehen habe. Vier weiße Menschen, die erklären wie anstrengend und albern es ist sich mit Rassismus-Kritik auseinanderzusetzen. DANKE @WDR”, kommentierte beispielsweise Jasmina Kuhnke auf Twitter.
Um sich ein vollständiges Bild von den Dimensionen des TV-Debakels zu machen, lohnen zwei Twitter-Threads: Claudius Rück erklärt dem WDR in einem offenen Brief die Folgen des Talks: “Sie haben mit diesem Teil der Sendung übelste sprachliche Rassismen reproduziert, die ein Leben (und Überleben) der betroffenen Personengruppen erschweren oder unmöglich machen.” Und auch Anatol Stefanowitsch macht sich Gedanken über die Verantwortung der Sender: “Demokrat_innen und Humanist_innen verteidigen den ÖR seit Jahren gegen Angriffe von Rechts und halten sich mit eigener Kritik zurück, aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen erfüllt seine Aufgabe nicht auf eine Art und Weise, mit der sie sich das verdienen würden.”
Und als letzte Empfehlung ein kurzer Ausschnitt aus dem “Kölner Treff”, in dem Gianni Jovanoviç, Sohn einer Roma-Familie, aus eigener Betroffenheit berichtet: “Das Wort Z wurde meinen Verwandten und Menschen aus meiner Familie in der Zeit von 1939 bis 1945 in der Haut eintätowiert und dann wurden sie vergast.” (Video: 1:55 Minuten)

2. PR-Agentur bot Wirecard an, Journalisten auf eine “schwarze Liste” zu setzen
(stern.de, Hans-Martin Tillack)
Hans-Hermann Tiedje, Medienmanager und früherer Chefredakteur der “Bild”-Zeitung, soll mit seiner PR- und Lobby-Agentur jahrelang für Wirecard tätig gewesen sein. Internen Mails zufolge, die dem “Stern” vorlägen, habe die Firma bis zumindest Ende 2019 für das Unternehmen unter anderem die Berichterstattung in der Presse beobachtet und Wirecard beim aggressiven Vorgehen gegen kritische Journalistinnen und Journalisten mindestens indirekt unterstützt. Außerdem habe Tiedjes Agentur eine “Kommunikationsstrategie” angeboten, um die Firma “unverwundbar” zu machen. Der reißerische Titel des Angebots: “Drachenblut”.

3. Intrigen, Eifersucht, Missgunst
(sueddeutsche.de, Angelika Slavik)
Die mehrköpfige Chefredaktion des “Spiegel” scheint zerstritten zu sein. So sehr, dass sich ein Teil der Redaktion mit einem Brief an die Chefredaktion und die Geschäftsführung wandte und sich über den Umgang mit der Chefredakteurin Barbara Hans beschwerte. Worin könnten die Gründe für das Zerwürfnis liegen? “Hans ist die einzige mit Digital-Background im Trio, da drängt sich auf, das für einen Kulturkonflikt zu halten. Es gibt aber auch die Deutung, das Ganze sei ‘ein Frauen-Männer-Ding’: Für die Elternzeit hätten die Chefredaktionskollegen ebenso wenig Verständnis gehabt wie für Hans’ Vorstellungen von Führung.”

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4. Privilegierte Quelle? – Über das schwierige Verhältnis zwischen Polizei und Presse
(stefan-fries.com, Audio: 40:21 Minuten)
Ist die Polizei wirklich eine neutrale Instanz und die sogenannte privilegierte Quelle, der Reporter und Reporterinnen unbedingt vertrauen dürfen sollten? Über diese Frage und das schwierige Verhältnis zwischen Polizei und Presse hat Stefan Fries im Deutschlandfunk mit dem Investigativjournalisten Olaf Sundermeyer und dem DLF-Hörer Marcel Brakhane gesprochen. Hier direkt zum Gespräch.

5. Die Fake-News-Fahnder
(ndr.de, Video: 3:50 Minuten)
Alice Echtermann ist die kommissarische Leiterin des “Correctiv”-Faktenchecks, auf den auch Facebook zurückgreift. Der NDR hat sich angeschaut, wie Echtermann und ihr Team arbeiten. Der kurze Beitrag ist ein willkommener Anlass, an die Faktencheck-Kategorie von “Correctiv” zu erinnern und eine Leseempfehlung auszusprechen: Hier gibt es zahlreiche Richtigstellungen zu allerlei Online-Mythen, die einem über die verschiedensten Social-Media-Kanäle begegnen.

6. Das Lehrstück vom Klubhaus – Brecht und der Verfremdungseffekt sozialer Medien
(54books.de, Robert Heinze)
Robert Heinze ordnet die Audio-Chat-App Clubhouse medientheoretisch ein und nimmt dabei Bezug auf Bertolt Brechts Gedanken über den “Rundfunk als Kommunikationsapparat”: “Die Atemlosigkeit und unreflektierte Geschwätzigkeit einer App wie Clubhouse steht der aktiv teilnehmenden kritischen Reflexion, die Brechts episches Theater in der Zuschauer*in hervorbringen will, und die auch hinter seiner Vorstellung vom Radio als Kommunikationsapparat steht, jedenfalls diametral entgegen – mal ganz abgesehen vom kalkuliert elitären Rollout der App oder ihrer Datensaugerei.”

Rock ‘n’ Roll im Ausverkauf, Elitenhouse, TV-Macher-Partywissen

1. Rock’n Roll im Ausverkauf
(sueddeutsche.de, Joachim Hentschel)
Joachim Hentschel hat selbst viele Jahre für die deutsche Ausgabe des “Rolling Stone” geschrieben. Es trifft ihn daher besonders, wenn das US-amerikanische Mutterhaus neuerdings Artikel von Interessenvertretern aus der Wirtschaft untermischt und sich dafür bezahlen lässt. Wer beim “Rolling Stone” einen werbenden beziehungsweise interessengeleiteten Text unterbringen wolle, müsse zahlendes Mitglied in einem extra dafür geschaffenen “Club” werden: “Was der Verlag hier beabsichtigt, erscheint klar: Analog zu den Premium-Accounts von Wirtschaftsdiensten wie LinkedIn oder Forbes soll hier eine Art Business-Netzwerk entstehen, bei dem – anders als bei der derzeit heiß brummenden, noch gratis verfügbaren Chat-Plattform Clubhouse – auch die vierstellige Abogebühr als Exklusivitätsbarriere fungiert.”

2. Wie fühlt es sich an, wenn man Sayed, Alaa oder Ahmad heißt?
(journalist.de, Stephan Anpalagan)
Beim Fachmagazin “journalist” erzählen Journalistinnen und Journalisten regelmäßig von ihrem “Blick auf den Journalismus”. Die empfehlenswerte Reihe umfasst bereits 25 Beiträge. In der aktuellen Ausgabe schreibt Stephan Anpalagan unter anderem über verantwortungsvolle Berichterstattung und journalistische Distanz, Missstände in der Berichterstattung, wenn es um das Bild von Muslimen oder Zuwanderern geht, und seine erste Begegnung mit dem “Spiegel” als 16-Jähriger: “Der Spiegel und ich hatten einiges gemeinsam. Wir waren beide uncool, altbacken und umstandskrämerisch. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb ich ihn langsam aber sicher lieben lernte.”

3. Franziska Augstein “Was zu lange währt”. Eine kommentierte Durchsicht.
(anselmneft.de)
Seit kurzem gibt es eine neue “Spiegel”-Kolumnistin: Franziska Augstein, die Tochter des “Spiegel”-Gründers Rudolf Augstein. Anselm Neft hat Augsteins neueste Kolumne zu den Corona-Maßnahmen absatzweise analysiert und kommentiert: “Anhand des Textes lässt sich meines Erachtens exemplarisch zeigen, wie Meinungsartikel arbeiten, wenn sie nicht auf Erkenntnisgewinn, sondern auf Stimmungsmache abzielen.”

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4. Gendern – machen oder lassen?
(youtube.com, ndr.de, Audio: 18:32 Minuten)
Viele Medien bemühen sich mit unterschiedlichen Methoden um eine geschlechtergerechte Sprache. Was manchen nicht zu weit geht, ist für andere der blanke Sprach-Horror. Das Medienmagazin “Zapp” hat sich mit Medienschaffenden über die Herausforderungen in der journalistischen Praxis unterhalten, unter anderem mit Eva Schulz (“Deutschland3000”), Marcus Bornheim (“ARD-aktuell”) und Hannah Lühmann (“Welt”).

5. Clubhouse ist elitär und undemokratisch
(t-online.de, Nicole Diekmann)
In ihrer aktuellen Kolumne beschäftigt sich die Fernsehjournalistin und Politik-Berichterstatterin Nicole Diekmann mit der derzeit gehypten Audio-Chat-App Clubhouse. Diekmann stört sich vor allem am undemokratischen Prinzip und elitären Zugang: “Ein gemeinsamer Club, in dem Medienschaffende und Politikerinnen und Politiker viel Zeit miteinander verbringen, also Menschen, deren Aufgabe es vielfach eigentlich ist, für die öffentliche Allgemeinheit da zu sein? Und deren Distanz zueinander ein wichtiges Element funktionierender Demokratien darstellt? Und das bei geschlossener Tür?”
Weitere Lesehinweise: “Der Verbraucherzentrale Bundesverband wirft der neuen Social-Media-App gravierende rechtliche Mängel vor. In einer Abmahnung geht es auch um Datenschutz.” – Verbraucherschützer mahnen Clubhouse ab (zeit.de).
“Ein Hamburger Sicherheitsexperte hat dem SPIEGEL eine Reihe von Schwachstellen in der App Clubhouse demonstriert. Sie erlauben es, Nutzer gezielt auszusperren, massenhaft Daten abzufragen und zufällige Konten zu kapern.” – Clubhouse bietet Hackern zahlreiche Angriffsmöglichkeiten (spiegel.de, Patrick Beuth).

6. David E. Kelley: Was Sie über einen der erfolgreichsten Fernsehmacher der Welt wissen müssen
(rnd.de, Matthias Halbig)
David E. Kelley ist einer der erfolgreichsten Fernsehmacher der Welt und als Autor und Produzent unter anderem für Serienhits wie “Ally McBeal”, “Boston Legal”, “Big Little Lies”, “Chicago Hope”, “Doogie Howser” und “The Undoing” verantwortlich (um nur einige zu nennen). Ein unterhaltsames Kelley-ABC führt durch das beeindruckende Gesamtwerk des umtriebigen TV-Machers. Leseempfehlung für alle Serienfans, die ihr Partywissen erweitern wollen.

Es ist kompliziert, Kaschierte Politwerbung, Streaming boomt

1. Löschstatus – es ist kompliziert
(zeit.de, Lisa Hegemann & Meike Laaff & Jakob von Lindern)
Spätestens nach dem plattformübergreifenden Rauswurf von Donald Trump ist die Diskussion über die Verantwortung von Social-Media-Konzernen in der Öffentlichkeit angelangt: “Üben die Unternehmen nur ihr Hausrecht aus, so wie ein Wirt eben auch einen rüpeligen Gast rauswerfen darf? Greifen sie in die Meinungsfreiheit ein? Oder gar in die Demokratie, weil sie einem Staatsoberhaupt ein wichtiges Sprachrohr nehmen? Oder sehen wir einfach derzeit den Moment, in dem die Plattformen nicht länger so tun können, als stünden sie als unbeteiligte Beobachter am Spielfeldrand?” Die Analyse von “Zeit Online” hat nicht auf alles eine Antwort, stellt aber die richtigen Fragen.

2. YouTube verlängert Sperre von Trumps Nutzerkonto
(spiegel.de)
Aus Furcht vor Anstiftung zu Gewalt hat Youtube Donald Trumps Nutzerkonto für eine weitere Woche gesperrt. Kommentare unter Videos des Kanals seien “weiterhin auf unbestimmte Zeit deaktiviert”. Damit ist Trump der Zugang zu wichtigen Onlineplattformen nach wie vor versperrt: Auch Twitter, Facebook, Snapchat und Twitch haben den Ex-Präsidenten von ihren Plattformen verbannt.

3. Mehr als doppelt so viele Angriffe auf Journalisten
(sueddeutsche.de, Florian Flade & Ronen Steinke)
Die Bundesregierung hat auf Anfrage der Grünen offizielle Zahlen zu Angriffen auf Medienschaffende im Jahr 2020 mitgeteilt. Bundesweit habe es 252 Straftaten “gegen Medien” gegeben. Die Zahl der Vorfälle habe sich damit im Vergleich zu den Vorjahren mehr als verdoppelt.

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4. Heute im Ausverkauf: Journalismus
(republik.ch, Elia Blülle)
Noch vor einem Jahr habe der Schweizer Medienkonzern Ringier beteuert, keine als Journalismus getarnten politischen Anzeigen zu schalten. Nun sei genau das passiert: Der Verlag habe auf seinen Medienportalen Native Ads zur kommenden Abstimmung über das Gesetz zur E-ID, einer elektronischen Identitätskarte, platziert. Elia Blülle kommentiert: “Kaschierte Polit­werbung schädigt die Meinungs­bildung und verfeuert das einzige Kapital, das der sogenannte Qualitäts­journalismus noch hat: das Vertrauen seiner Kundschaft.”

5. Die lokalen Hoffnungsträger
(deutschlandfunk.de, Peter Weissenburger, Audio: 5:07 Minuten)
In den USA genössen die lokalen Zeitungen, Radio- und TV-Stationen noch ein breites Vertrauen in der Bevölkerung. Dies sei Chance und Gefahr zugleich, so Peter Weissenburger im Deutschlandfunk: “Verschwörungsmythen und billige Aufreger werden zur kostengünstigen Alternative zu guten Recherchen.”

6. Netflix vermeldet mehr als 200 Millionen Abonnenten
(wuv.de, dpa)
Netflix hat mittlerweile mehr als 200 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten. Die aktuellen Zahlen hätten die eigene Prognose und die Erwartungen der Analysten deutlich übertroffen: Allein im laufenden (vom Zuhause-Bleiben geprägten) Jahr seien 37 Millionen Abos dazugekommen. Doch auch die anderen Streamingdienste erlebten während der Corona-Pandemie einen Boom. So sieht sich Netflix zunehmend dem Druck der Mitbewerber ausgesetzt.

Inauguration Day, Wir alle sind Bosbach, Steingarts Seemannsgarn

1. Journalisten in Kampfmontur
(sueddeutsche.de, Jürgen Schmieder)
Heute findet in Washington die Amtseinführung des US-Präsidenten Joe Biden statt. Seit Tagen gleicht die Stadt einem Militärstützpunkt mit Straßensperren und Kontrollpunkten. Für den reibungslosen Ablauf der Inauguration sollen rund 25.000 Nationalgardisten sorgen. Journalisten und Journalistinnen würden sich auf das Event wie auf einen Kriegseinsatz vorbereiten samt Schutzausrüstung, kugelsicherer Weste und Bodyguard. Reporterin Katie Miller (“Washington Post”) schreibt dazu auf Twitter: “Ich habe mir gerade einen neuen Wintermantel gekauft, der über die kugelsichere Weste passt, damit ich sicher (und warm) von der Amtseinführung des nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten berichten kann. Wie absurd ist das eigentlich?”

2. Trumps Verbannung von Social Media – Kritiker verkennen Gesetze
(netzpolitik.org, Julia Reda)
Angela Merkel äußerte sich vergangene Woche kritisch zur Twitter-Sperre von Donald Trump und meldete juristische Bedenken an. Darüber ist Julia Reda verwundert: “Diese Aussage ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Denn es gibt sehr wohl einen rechtlichen Rahmen für die Moderation von Inhalten auf Social Media-Plattformen in den USA, an dem sich Twitter und Facebook orientiert haben. Außerdem wäre die Entscheidung in Deutschland, wo das Netzwerkdurchsetzungsgesetz den rechtlichen Rahmen absteckt, vermutlich genauso ausgefallen.” In ihrem Beitrag beschreibt Reda, wie eine zeitgemäße europäische Plattformregulierung aus ihrer Sicht aussehen sollte.

3. “Bild” veröffentlicht keine Rügen des Presserates mehr in der gedruckten Zeitung
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der Verlag Axel Springer hat sich, wie viele andere Medienhäuser, gegenüber dem Presserat verpflichtet, Rügen “in dem jeweils betroffenen Medium aktualitätsnah und in angemessener Form zu publizieren”. Die “Bild”-Redaktion fühlt sich an die Selbstverpflichtung anscheinend nicht gebunden: Bereits seit eineinhalb Jahren habe die gedruckte “Bild” keine der gegen sie ausgesprochenen Rügen veröffentlicht, berichtet “Übermedien”. Einen Grund dafür habe der Verlag auf Nachfrage nicht genannt. Da “Bild” sich so sperrig in Sachen Fehlerkultur gibt, erinnert Medienkritiker Stefan Niggemeier an einige der gerügten Verstöße des Boulevardblatts.

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4. Durch- und weggezappt
(taz.de, Steffen Grimberg)
Die Meldung klingt zunächst positiv: “Das NDR-Medienmagazin ‘Zapp’” baut sein Online- und Social-Media-Angebot aus”. Dahinter steckt jedoch ein rigoroses Sparprogramm. Die Sendung wird zukünftig nicht mehr im Wochenrhythmus, sondern nur noch einmal im Monat im NDR-Fernsehen zu sehen sein. Steffen Grimberg befürchtet negative Folgen durch Etatkürzung und Umstrukturierung: “Was passiert, wenn die garantierte ‘Abwurfstelle’, also die Fachsendung, verloren geht oder drastisch beschnitten wird, konnte man bei der Zeit oder im Spiegel besichtigen. Seitdem hier die Medienseite(n) beziehungsweise die Medienressorts abgeschafft wurden, hat die Zahl der verhandelten Medienthemen massiv abgenommen.”

5. Seemannsgarn von der «Pioneer One»: Wie der Berliner Medienunternehmer Gabor Steingart die Geschichte eines möglichen Parteiwechsels von Friedrich Merz in die Welt setzte
(nzz.ch, Marc Felix Serrao)
Steht CDU-Politiker Friedrich Merz vor einem Wechsel zur FDP, wie der Publizist Gabor Steingart in seinem Newsletter “Morning Briefing” zu wissen glaubte? Keineswegs, wie der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner auf Twitter in einem Statement klarstellt und juristische Schritte gegen die Berichterstattung ankündigt: “Berichte von Gabor Steingart über einen angebotenen Parteiwechsel sind aber (wieder mal) Fake News. Gemeinsam wehren Friedrich Merz und ich mich anwaltlich dagegen.”

6. Endlich wieder loslabern
(zeit.de, Daniel Erk)
Daniel Erk hat sich bei der neuen Plapper-App Clubhouse umgeschaut: “Wenn es einen Ort gibt, dessen Leitspruch ‘Es ist alles gesagt, aber noch nicht von allen’ lautet, dann Clubhouse, dieses nicht enden wollende Stammtischgespräch. Und nicht zufällig ist eines der in Deutschland derzeit erfolgreichsten Formate eine tägliche Lunchrunde im Regierungsviertel. Twitter ist eine Hölle redundanter Diskussionen unter Politikstudierenden und Instagram eine Hölle ewiger Dia-Abende von Menschen mit Modelambitionen. Clubhouse dürfte langfristig die Hölle der Talkshowgesellschaft werden. Schon bald werden wir merken: Wir alle sind Wolfgang Bosbach. Allzeit bereit, halbinformiert zu labern.”

Clubhouse-Hype, Todesanzeigen, Reportageformat “Strg_F”

1. Social-Hype Clubhouse: Die fünf großen Probleme der App
(linkedin.com, Martin Hoffmann)
Ist der Hype um die Soziale Audio-Plattform Clubhouse der Anfang einer neuen Social-Media-Erfolgsgeschichte? Martin Hoffmann ist skeptisch. Seine Kritik: Die Plattform tue zu wenig gegen Hate Speech und sei nicht “divers” und “catchy” genug. Clubhouse sei ein vorübergehendes Phänomen und werde den Sprung in die breite Masse nicht schaffen.
Weiterer Lesehinweis: Dirk von Gehlen erklärt, warum Clubhouse Einladungs-Marketing mittels “Invites” betreibt: “Wegen der Begrenzungs-Mechanik. Sie ist das perfekte Beispiel dafür wie Aufmerksamkeit als zentrale Währung im digitalen Ökosystem verteilt wird. Ob Clubhouse dabei tatsächlich auch ein interessantes Produkt ist? Das kann zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich niemand so richtig beurteilen. Sehr sicher kann man aber lernen, wie man einen Hype anzettelt: Wenn du viel erreichen willst, musst du den Eindruck erwecken, es gebe einen Lieferengpass.”

2. Sieben Ideen, sie zu zähmen
(spiegel.de, Patrick Beuth & Max Hoppenstedt & Marcel Rosenbach)
Die Regulierung Sozialer Netzwerke ist eine oft gehörte Forderung, doch wer soll in der Praxis die Kontrolle übernehmen? Die Politik? Die Polizei? Die Community? Der “Spiegel” liefert sieben mögliche Strategien gegen Online-Extremismus, die wiederum wertvolle Ansätze zum Weiterdenken und Diskutieren liefern.

3. Nah dran
(sueddeutsche.de, Aurelie von Blazekovic)
Das Reportageformat “Strg_F” gehört zur Familie von Funk, dem Jugendangebot von ARD und ZDF. Jeden Dienstag gibt es bei Youtube eine neue Reportage, die Aufrufzahlen liegen in der Regel im sechs- bis siebenstelligen Bereich. Aurelie von Blazekovic hat sich mit Projektleiter Dietmar Schiffermüller im Hamburger Redaktionsbüro beim NDR getroffen und ihn unter anderem zu seinem Umgang mit Empörungswellen befragt.

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4. Seitenweise Totengedenken
(taz.de, Anne Fromm)
Sind die überdurchschnittlich vielen veröffentlichten Todesanzeigen in Tageszeitungen auf die Corona-Pandemie zurückzuführen, wie sich als erste Vermutung aufdrängen könnte? Anne Fromm hat bei der “Freien Presse” in Chemnitz nachgefragt. Dort bestätigte man eine Häufung derartiger Anzeigen. Ein Zusammenhang mit Corona sei jedoch nicht beweisbar, da der Zeitung die Sterbeursache in den meisten Fällen nicht bekannt sei.

5. Facebook blockiert Veranstaltungen im Umkreis des Kapitols
(faz.net)
Am 20. Januar findet die Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden statt. Seit Tagen gleicht Washington einem Militärstützpunkt samt Straßensperren und Kontrollpunkten. Rund 15.000 Nationalgardisten würden das Kapitol sichern. In Vorbereitung auf die Inauguration habe Facebook Veranstaltungen im Umkreis des Gebäudes blockiert.

6. Ich war ein Star – macht endlich Schluss!
(tagesspiegel.de, Kurt Sagatz)
Kurt Sagatz hat sich die Dschungel-Ersatz-Show bei RTL angeschaut und stellt als Resümee die Frage: “Wann, wenn nicht jetzt, wäre der richtige Zeitpunkt, das Format sanft entschlafen zu lassen?” Weiterer Lesehinweis: Bei “DWDL” kommentiert Manuel Weis: Ich bin ein Star, gebt mir ein Konzept!

Zu spät beim Kapitol-Sturm?, Takeover-Problem, Fragwürdiges

1. ARD und ZDF beim Sturm auf das Kapitol: Late to the party?
(ndr.de, Nils Altland & Daniel Bouhs)
Bei der Berichterstattung über aktuelle Ereignisse hagelt es gegen ARD und ZDF immer wieder Kritik. Regelmäßig beanstanden Zuschauer und Zuschauerinnen, dass zu spät, zu wenig oder zu spät und zu wenig berichtet wird. Auch bei den Ausschreitungen am und im US-Kapitol mussten sich die öffentlich-rechtlichen Sender Spott und Kritik gefallen lassen. Selbst der ehemalige “Tagesschau”-Chefredakteur Ulrich Deppendorf beklagte sich via Twitter: “In Washington gibt es einen Anschlag auf die US-Demokratie und DAS ERSTE sendet Hans Albers! Verstehen tue ich das nicht mehr. Auch nicht das ZDF.” Nils Altland und Daniel Bouhs haben sich angeschaut, was an der Kritik dran ist.
Weiterer Lesehinweis: Auch beim “Spiegel” beschäftigt man sich mit der Live-Problematik von ARD und ZDF: Bedingt sendefähig (spiegel.de, Christian Buß & Anton Rainer & Alexander Kühn).

2. »An euren Händen klebt Blut«
(spiegel.de, Markus Böhm)
Markus Böhm analysiert den Umgang der Sozialen Netzwerke mit Donald Trump und die damit verbundenen Schwierigkeiten: “Schmeißen die Firmen Trump ganz von ihren Plattformen oder sperren sie ihn länger, wird ihnen in ihren eigenen Netzwerken der Unmut von Millionen Trump-Fans entgegenschlagen. Zündelt der Präsident online aber weiter, können sich die Dienste auch nicht aus ihrer Verantwortung stehlen: Was die Worte Trumps auslösen könnten, zeichnet sich seit Langem ab. Nach dem Sturm auf das Kapitol lässt es sich aber überhaupt nicht mehr wegdiskutieren.”
Weiterer Lesehinweis: Beim Bayrischen Rundfunk schreibt Christian Schiffer über die möglichen Folgen von Moderation und Regulierung: “Diese Maßnahmen könnten dazu führen, dass sich die Anhänger von kruden Ideen in ihre eigenen Filterblasen zurückziehen. Sie könnten aber zugleich dazu führen, dass diese Ideen ein sehr viel kleineres Publikum finden.” Angriff auf das Kapitol: Facebooks Werk & Twitters Beitrag (br.de).

3. Die “Zeit”, das Takeover-Problem und eine erstaunlich kurze Zündschnur
(weicher-tobak.de, Frederic Servatius)
Die “Zeit” hat via Twitter eine Falschmeldung über den US-Vizepräsidenten Mike Pence verbreitet. Als Frederic Servatius auf den Fehler hinwies, antwortete der “Zeit”-Account in einem merkwürdigen und passiv-aggressiven Ton. Es ist aber nicht die Patzigkeit der Antwort, die Servatius nachdenklich macht, sondern die “Takeover-Kultur”, die er als das eigentliche Problem ausmacht. Bei der “Zeit” übernehmen nämlich regelmäßig Einzelpersonen und Gäste den Account – mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

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4. Exklusiv: Die meistzitierten Medien des Jahres 2020
(kress.de, Marc Bartl)
Der Mediendienst “kress” hat das Ranking der in Deutschland meistzitierten Medien des vergangenen Jahres veröffentlicht. Es basiere aus Qualitätsgründen nicht auf computerunterstützten Analysen, sondern werde von Medienanalytikern vorgenommen. Auf den ersten fünf Plätzen liegen “Spiegel”, “New York Times”, “Bild”, “Handelsblatt” und “Financial Times”.
Ergänzend dazu aus dem “taz”-Archiv: Steffen Grimberg über das Institut, das dieses Ranking seit Jahren erstellt: “Bei Media Tenor handelt es sich um einen Laden, der mit der Kneifzange anzufassen ist.”

5. Haben Sie Verständnis für solche Umfragen? Gut 100 Prozent sagen: Nein!
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Das konservative Lokalblatt “Siegener Zeitung” führt immer wieder Online-Umfragen durch, die alles andere als unvoreingenommen sind. Zuletzt war es der ehemalige Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen, der die hübsch aufbereiteten Ergebnisse eines “Stimmungsbilds” der “Siegener Zeitung” für sich und seine Anti-Coronamaßnahmen-Agenda nutzte. Boris Rosenkranz erklärt, wie tendenziös und unseriös derlei Umfragen sind und warum die “Siegener Zeitung” dennoch an ihnen festhält.

6. Das Wikipedia Versprechen
(arte.tv, Jascha Hannover & Lorenza Castella, Video: 51:28 Minuten)
Zum Wochenende noch ein Filmtipp: Wikipedia ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte und als Onlinelexikon nicht mehr wegzudenken. Doch die Utopie hat Kratzer: Interessengeleitet werden Inhalte manipuliert, bestimmte Gruppen sind unterrepräsentiert. In der Arte-Doku geht es um die Licht- und Schattenseiten des Projekts.

Bild  

“Wenn ich Reichelt hier sehe, habe ich den Eindruck, dass er in einer Art Kriegszustand lebt”

Günter Wallraff recherchierte einst investigativ und verdeckt als “Hans Esser” bei “Bild” und sorgte mit seinen Büchern “Der Aufmacher” (1977) und “Zeugen der Anklage” (1979) für viel Aufsehen. Jakob Buhre hat für BILDblog Wallraff am 12. Dezember in Köln getroffen und mit ihm einige Passagen der neuen Amazon-Doku “Bild.Macht.Deutschland?” angeschaut.

Protokoll/Interview: Jakob Buhre

***

Heiko Maas nach einem “Bild-Live”-Interview in der “Bild”-Redaktion, Folge 1: “Die ‘Bild’ ist eines der größten Printmedien in Deutschland, sie vermittelt einem Zugang zu der breiten Masse der Öffentlichkeit, und Politiker sind darauf angewiesen, dass sie kommunizieren können, in die Öffentlichkeit, mit dem was sie tun, mit dem was sie für richtig halten. Und dafür ist die ‘Bild’ ein richtig gutes Instrument.”

Wallraff: Man kann es schon fast als Unterwerfung deuten, wie staatstragende Politiker hier bei “Bild” ihre Aufwartung machen und antichambrieren. Aber hat unser Außenminister so etwas wirklich nötig?

Peter Tschentscher, Folge 1: “Die ‘Bild’ ist eine konservative Zeitung, ich bin ein konservativer Mensch und die Sozialdemokraten in Hamburg sind sehr bodenständig. Insofern passt das gut zusammen.”

Wallraff: Da bekennt ein Sozialdemokrat vor dem Springer-Hochhaus: “ich bin konservativ”. Ehrlich gesagt hat mich das jetzt erstmal verunsichert, ob Tschentscher nicht am Ende CDU-Mitglied ist. Warum dieser Kotau? Was passt denn da so gut zu zusammen?

Karl Lauterbach, Folge 3: “Es kommt drauf an, ob ich, um Hetze zu betreiben, kleine Unterschiede hochjazze und damit den Eindruck erwecke, die widersprechen sich alle, oder ob ich das Gemeinsame betone und einräume: an der Spitze gibt es noch unterschiedliche Bewertungen.”

Wallraff: Ich bin mit Karl Lauterbach befreundet. Für mich ist er ein Ausnahme-Politiker. Er hat kein sicheres Bundestagsmandat, redet keinem nach dem Mund und macht sich nicht gemein, sich denen anzubiedern. Er spricht hier davon, dass “Hetze betrieben wird”, das finde ich mutig. Und immerhin zeigen uns die Filmemacher das.


“Allein die Liaison “Bild”-Amazon ließ das Schlimmste befürchten.” (Foto: Christoph Michaelis)

Wie ist denn Ihr Eindruck insgesamt vom Filmischen her?

Wallraff: Da waren gerade sehr viele Zeitungen zu sehen. Können wir nochmal dahin spulen? – Hier, diese Stapel, das sind alles “Bild”-Exemplare. Entweder liegen in den Redaktionen auf den Schreibtischen wirklich keine anderen Zeitungen oder ist es eine plumpe Werbung?

Die Auswahl der Themen und Schauplätze wirkt auf mich sehr beliebig. Man erfährt nur wenig über den Durchschnitt der Artikel, die in der Zeitung erscheinen, welche Themen dort bevorzugt werden. Mir fehlen auch die “Bild”-Leserinnen und -Leser.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass das alles sehr im gegenseitigen Einvernehmen von Amazon und “Bild” stattgefunden hat. Wären die Filmemacher unabhängig, hätten sie auch mit Opfern der “Bild”-Berichterstattung oder externen Medienkritikern gesprochen. So ist das die reinste “embedded”-Reportage.

Christian Lindner, von dem “Bild” einen Paparazzo-Abschuss druckte, äußert sich allerdings auch in der Doku.

Wallraff: Na, und. Aber wenn es um die namenlosen Opfer von “Bild” geht, das sehe ich hier nicht, dass die einmal zu Wort kommen. In Folge 7, von der Sie mir gerade Auszüge gezeigt haben, ist die Diskussion der Redaktion über Persönlichkeitsrechte zu sehen, immerhin. Allerdings vermute ich, dass die wenigsten Zuschauer sich diese ermüdende Serie bis zur letzten Folge antun werden.

Auch von Ihren Recherchen bei “Bild” gibt es Filmaufnahmen. Wie sind Sie damals mit Kameras in die “Bild”-Redaktion gekommen?

Wallraff: Das war gar nicht so einfach, es gab ja noch keine versteckten Kameras. Mir half damals ein Freund vom niederländischen Fernsehen, Jan Kuiper. Sein Sender hat vorgegeben, dass sie im Rahmen einer Städtepartnerschaft-Reportage auch in Hannovers Redaktionen filmen wollten. Die erste Anfrage hatte mein Redaktionsleiter abgelehnt. Also hat ein Team zwei bis drei andere Drehs simuliert und so getan, als würden sie zum Beispiel bei der “Hannoverschen Allgemeinen Zeitung” Filmaufnahmen machen. Das hat bei “Bild” die Eitelkeit geweckt, und sie sind drauf angesprungen. Meine Freunde kamen schließlich mit zwei Teams. Die einen haben den Chefredakteur in ein Dauer-Interview verwickelt, die anderen haben im Großraumbüro das zynische Treiben gefilmt.


Günter Wallraff 1977 als “Hans Esser” in der “Bild”-Redaktion Hannover. (Foto: Günter Zint)

Zurück zur Amazon-Doku: Wie beurteilen Sie die Aussagen der Blattmacherinnen und Blattmacher, die Sie hier sehen?

Wallraff: Es kommen hier welche zu Wort, wo ich sagen würde: Diesen Typus gab es zu meiner Zeit höchst selten. Durchaus reflektierte, vielleicht auch entsprechend ausgebildete Journalisten, die in anderen Blättern vermutlich einen seriösen Journalismus vertreten würden, ihn hier aber nur schwerlich durchsetzen können.

Zu meiner Zeit gab es viel mehr den Drücker-Typ, der den Opfern halb-betrügerisch ins Haus einfiel. Und dann vor allem Machos: Mein Redaktionsleiter hatte einen Schießstand in seiner Penthouse-Wohnung, es wurde Blitzschach gespielt, und man musste sich als trinkfest beweisen. Es war sehr männerbündlerisch. Hier sehe ich, zumindest zwischendurch, auch vereinzelt Frauen, und die kommen eher nachdenklich zu Wort.

Ein großer Unterschied ist auch: Zu meiner Zeit bei “Bild” wurde dem Chef so gut wie nie widersprochen. Der Redaktionsleiter duzte alle, musste aber gesiezt werden.

Wir hatten damals auch viele Kettenraucher, und Whiskey war in der Redaktion das Leitgetränk. Es scheint doch einiges harmloser geworden zu sein, jetzt kaut der Chefredakteur seine Gummibärchen.

Redaktionskonferenz, Folge 1, Redakteur aus dem Off: “Wir wollen die Rede [von Angela Merkel] vernichten?” – Julian Reichelt: “Nein, ich will sie nicht vernichten.”

Wallraff: “Abschießen, vernichten” waren zu meiner Zeit bei “Bild” Alltagsbegriffe. Es ging oft darum, Menschen “fertig zu machen”. “Bring die Sau zur Strecke!” Es gab auch keine Trennung zwischen Berichterstattung und Meinung.

Wenn ich Reichelt hier sehe, habe ich den Eindruck, dass er in einer Art Kriegszustand lebt. Dazu passt ja auch sein Feldbett im Büro. Man weiß von ihm, dass er sich als jemand sieht, der Politik macht – und nicht begleitet.

“Bild am Sonntag”-Chefredakteurin Alexandra Würzbach in einer Redaktionskonferenz, Folge 4: “Wir haben gesagt ‘Refugees Welcome’ und haben es uns zwei, drei Jahre später anders überlegt.” […] – 
Julian Reichelt: “Wir haben uns ‘Refugess Welcome’ nicht anders überlegt, das ist falsch, das lasse ich so nicht stehen.” Es folgen Filmaufnahmen von Paul Ronzheimer im Flüchtlingslager Moria.

Wallraff: Das überrascht mich und entspricht tatsächlich nicht dem Klischee. Vielleicht liegt es auch daran, dass Reichelt noch unter Kai Diekmann selbst in Kriegsgebieten war, in Afghanistan, in Syrien und im Irak, und sogar Flüchtlingen geholfen haben soll, nach Deutschland zu kommen, wie einst der “Spiegel” berichtete. So etwas prägt. Wenn “Bild” Not und Elend im Flüchtlingslager zeigt, könnte man daraus die Forderung an die Politik ableiten, dass sie sich des Themas annimmt.

Filipp Piatov in Folge 3: “Ich bin bei ‘Bild’, weil mir gewisse Grundlinien des Hauses sehr zusagen: Transatlantische Partnerschaft, gutes Verhältnis zu Israel, klares Verhältnis zur Marktwirtschaft, Ablehnung von linken und rechten extremen Ideologien.”

Wallraff: Naja, das sind so Gemeinplätze. Ein paar Gebetssäulen. Ich finde, das ist ein bisschen wenig.

Alexander von Schönburg in Folge 3: “Ich war früher bei der ‘FAZ’, bin jetzt bei der ‘Bild’ und empfinde das, was ich hier mache, als Aufstieg, auch als intellektuellen Aufstieg. […] Wer Wichtiges zu sagen hat, kann es in kurzen Sätzen sagen, dazu zwingt einen ‘Bild’. Darum habe ich persönlich profitiert, für mein eigenes Schreiben, dass man sich zwingt, kurz und präzise zu schreiben. Und nicht, wie das bei der ‘FAZ’ oder ‘SZ’ zum Teil ist: Du schreibst, um deine Kollegen zu beeindrucken.”

Wallraff: Ach, du Schande. Er tut mir richtig leid. Was muss der Mann erlitten haben, dass er sich hier so klein macht? Konnte er sich früher beim Schreiben nicht klar ausdrücken? Es gibt in der “FAZ” und der “SZ” doch genug Artikel, die eine deutliche und klare Sprache benutzen und trotzdem verständlich und differenziert sind.

Früher steckte in der “Bild”-Sprache sehr oft eine Aggression, Verächtlichmachung und Vernichtungswille bis hin zum Rufmord. Für mich benutzt “Bild” immer wieder eine in der Versimplung auch denunzierende Sprache.


“Das ist doch lächerlich und anmaßend.” (Foto: Christoph Michaelis)

Julian Reichelt in Folge 3: “Unser natürlicher Aggregatszustand ist zu hinterfragen. Und wie sehr wir hinterfragen, sieht man uns halt ein bisschen mehr an, weil unsere Überschriften größer sind und unsere Sprache klarer.”

Wallraff: Das ist doch lächerlich und anmaßend. Es klingt so, als würden andere Medien weniger hinterfragen, weil sie kleinere Buchstaben verwenden. Dabei sind es gerade sie, die differenzieren und auch zwischen Kommentar und Bericht zu trennen wissen.

Und zum “Hinterfragen”: Wenn sie Christian Drosten eine Stunde Zeit geben, um eine Anfrage zu seiner wissenschaftlichen Kompetenz abzuverlangen, nennen sie das “hinterfragen”? Ich fand, das war gegenüber Drosten eine Unverfrorenheit, eine Allmachtsallüre. Dass Drosten sich darauf nicht eingelassen hat, das ehrt ihn.

Die Causa Drosten wird in der Doku sehr ausführlich behandelt, mit vielen kritischen Stimmen von innerhalb und außerhalb der Redaktion.

Wallraff: Da blieb ihnen wohl nichts anderes übrig. Ich habe da jetzt Redakteure gesehen, die sich als Opfer gerieren, keinerlei Reue zeigen, sich auch nicht entschuldigen. Und wenn es Reue gab: Wurde sie in der “Bild” zum Ausdruck gebracht? Ich habe nichts davon gehört.

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Wenn Sie einmal “Bild” 1977 und “Bild” 2020 vergleichen …

Wallraff: Die “Bild” hat heute nicht mehr die zerstörerische Kraft und Macht, auch längst nicht mehr das kriminelle Potential wie damals. “Harmlos” wäre der falsche Begriff, aber sie hat nicht mehr die Relevanz. Damals war es ein beherrschendes, flächendeckendes Medium. Und was ich erlebt habe, war ein Hetzblatt, das auch Menschen mit Falschberichterstattung in den Suizid getrieben hat wie zum Beispiel den Schauspieler Raimund Harmstorf. Ich meine, dass ich mit dazu beitragen habe, dass diese Ära überwunden wurde.

Es gab damals die Rubrik “Bild hilft”, die vielen Menschen aber gar nicht geholfen, sondern hilfsbedürftige Personen bis ins Privateste hinein vorgeführt hat. Ein Junge mit Schulproblemen wurde als “Deutschlands faulster Schüler” und eine Frau, die sich wegen Problemen mit ihrer Fahrschule an “Bild hilft” gewandt hatte, fast kampagnenartig als “Deutschlands schlimmste Fahrschülerin” abgestempelt. Ich habe einen Rechtshilfe-Fonds finanziert, durch den “Bild”-Opfern zu Gegendarstellungen und Unterlassungen verholfen wurde bis hin zu Schadenersatz und Schmerzensgeld: Zum Beispiel für die hinterbliebenen minderjährigen Söhne eines Mannes, der sich nach einem Verleumdungsartikel umbrachte. In seinem Abschiedsbrief rief er zum “Bild”-Boykott auf: “Diese Schande kann ich nicht überwinden, ich wollte zuerst diesen Verbrecher, der K. [der “Bild”-Reporter] heißt, umbringen. Aber ihr solltet keinen Mörder als Vater haben. Durch meinen Tod aber ist er zum Mörder geworden. Wer etwas Ehrgefühl und Verstand hat, der sollte dieses Lügenblatt nicht kaufen!”

Es gibt heute natürlich auch eine andere Gegenöffentlichkeit: Es gibt die Rügen des Presserats, “Bild” liegt hier mit weitem Abstand vorne, lehnt es aber häufig ab, sie abzudrucken. Es gibt die Kollegen vom BILDblog, einige Prominente boykottieren “Bild”, und viele Gerichte betrachten die Persönlichkeitsrechtsverletzungen nicht mehr als Kavaliersdelikt.

Mehmet Scholl, Folge 6: “Die ‘Bild’-Zeitung hat mich ein Jahr lang völlig zerlegt, weil ich nicht mit ihnen gesprochen habe. […] Wenn die “Bild” im Sport alles schreiben würde, was sie wissen … Das tun sie aber nicht, weil sie schlau genug sind, zu wissen: Wir bekommen andere Informationen im Austausch dafür.”

Wallraff: Das sagt natürlich sehr viel aus. Da wird jemand zum Feindbild, weil er nicht mit “Bild” spricht. Und dass man bestimmte Geheimnisse nutzt, um an andere Informationen zu gelangen, das ist eigentlich eine Geheimdienst-Strategie: Wenn bestimmte Dienste Material über Verfehlungen von Politikern besitzen, können sie diese bei Bedarf “gefügig” machen.

Mehmet Scholl: “Ich habe mit der ‘Bild’ die Abmachung: keine privaten Storys. Wenn eine kommt, fragt mich – und dann haben wir es immer gemeinsam entschieden.”

Wallraff: Es gibt Prominente, die der “Bild” bis ins Intimleben hinein Dinge preisgeben, weil sie glauben, dass es ihnen nützt und dass sie geschont werden. Christian Wulff hat sich bis hin zur Home-Story zur Verfügung gestellt, aber es hat ihm nichts genützt. Er war für “Bild” irgendwann fällig, vermutlich aufgrund seiner Äußerung “Der Islam gehört zu Deutschland”. Da ging der Daumen nach unten, und es folgte eine der infamsten Rufmordkampagnen.

Was denken Sie heute über Journalisten, die für “Bild” arbeiten?

Wallraff: Ich differenziere. Wir haben jetzt einen gesehen, der von der “FAZ” zur “Bild” gegangen ist, die Mehrheit hat, glaube ich, eine Journalismus-Ausbildung. Aufgrund meiner früheren Erfahrungen würde ich mich aber nicht auf ein Interview oder eine Home-Story einlassen. Und denjenigen, die es tun, würde ich einen Warnhinweis mitgeben: “Alles, was Sie fortan sagen oder auch nicht sagen, kann gegen Sie verwendet werden.”

Ich kenne auch Menschen, die, durch meine Aufdeckungen inspiriert, zur “Bild” gegangen sind, weil sie es selber wissen wollten. Sandra Maischberger zum Beispiel erzählte in einem “Tagesspiegel”-Interview [Ausgabe vom 10. Februar 2002], dass sie deswegen bei “Bild” ein Praktikum machte und dann ein bisschen enttäuscht gewesen sei, weil sie das “Über-Leichen-gehen” dort nicht erlebt habe. Sie wurde dann übrigens am Ende gefragt, wie oft sie in dem Interview gelogen habe, worauf sie antwortete: einmal. (lacht)

Sollten Politiker heute “Bild” boykottieren?

Wallraff: Das wagt doch kaum noch jemand, aber sie sollten der eigenen Glaubwürdigkeit wegen zumindest Distanz wahren.


Günter Wallraff heute als Günter Wallraff. (Foto: Privat)

Hat man Sie eigentlich für die Amazon-Dokumentation angefragt?

Wallraff: Nein, ich hätte da auch abgesagt. Allein die Liaison “Bild”-Amazon ließ das Schlimmste befürchten.

Sie selbst sagen von sich, dass Sie Amazon boykottieren. Warum kann man dann Ihre Bücher dort kaufen?

Wallraff: Das kann ich leider nicht verhindern. Ich habe meinen Verlag schon vor langer Zeit angewiesen, meine Bücher nicht an Amazon auszuliefern. Mir wurde gesagt, ich würde dadurch zehn bis 15 Prozent Umsatz verlieren – damit kann ich leben. Amazon unterläuft meinen Boykott, indem sie meine Bücher jetzt über Zwischenhändler ordern. Das kann ich nicht verhindern, aber so muss Amazon sie etwas teurer einkaufen, als wenn mein Verlag sie direkt beliefert. Für mich ist Amazon eine globale Seuche, gegen die auch kein Impfstoff hilft.

Seuche ist ein starkes Wort, nicht nur angesichts der aktuellen Situation, wo Menschen froh sind, wenn sie Geschenke online kaufen können.

Wallraff: Das ist das Tragisch-Vertrackte, so ist Amazon auch noch der größte Corona-Krisengewinner, kann seine Umsätze verdoppeln und durch Steuervermeidungsstrategien Milliarden am Staat vorbei einstreichen. Ich verstehe jeden, der keine Möglichkeit hat, in ein Geschäft zu gehen, und deswegen online etwas bestellt. Ich selbst kann und möchte dieses Allmachtstreben von Jeff Bezos nicht unterstützen, der sein Unternehmen ursprünglich “Relentless”, “Gnadenlos” nennen wollte und Konkurrenten als Gazellen bezeichnet, die man jagen müsse. Die Innenstädte sterben aus, die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind miserabel – es ist eine seelenlose, total überwachte Arbeitsorganisation. Ich kenne Menschen, die bei Amazon gearbeitet haben und von unheimlichem Druck erzählen. Wer nicht mindestens im Durchschnitt der übrigen Mitarbeiter liegt, fällt heraus. Und nach dem Weihnachtsgeschäft wird aussortiert. Dafür nutzt Amazon den Begriff “ramp down”, der aus dem Vieh-Transport stammt und so viel bedeutet wie “die Rampe runter treiben”. Diejenigen, die entlassen werden, können sich ja dann später neu bewerben, man will so ihre Festanstellung verhindern.

Zum Schluss: Haben Sie mit “Team Wallraff” aktuell jemanden bei “Bild” eingeschleust?

Wallraff: Kein Kommentar.

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Große und kleine Architekten, RTL und der Lynchmob, Location-Gambit

1. “Er zieht Ihr Niveau ins Unendliche hinab”
(sueddeutsche.de, Elisa Britzelmeier)
Auch große Architekten können zuweilen ganz klein sein: Weil einem Architekten des Berliner Stadtschlosses und Sitzes des Humboldt-Forums eine Kritik in der “FAZ” nicht gefällt, fordert er die “Entfernung” des Kritikers. Elisa Britzelmeier kommentiert: “Dass Kritisierte mitunter das Maß verlieren, kennen Journalistinnen und Journalisten. Beim Thema Humboldt-Forum sind die Emotionen besonders heftig, erst recht, wenn die Berichterstattung schlosskritisch ausfällt. (…) Es geht aber im Kern nicht um mehr oder weniger berechtigte Kritik, sondern darum, dass offensichtlich Außenstehende so weit gehen, Einfluss darauf nehmen zu wollen, wer in der Redaktion wie über sie schreibt.”

2. Warum die Nutzung von öffentlich-rechtlichen Videos schwierig bleibt
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 5:23 Minuten)
Viele Schulen und Bildungseinrichtungen möchten gerne gebührenfinanzierte Inhalte aus dem ARD- oder ZDF-Portfolio nutzen – dem stehen jedoch oftmals rechtliche Hürden im Weg. So müsse jedes Mal überprüft werden, ob der Sender die hundertprozentigen Rechte besitzt. Fast alle Beiträge mit Archivbildern oder Musiken fallen dabei heraus. Das verhindere oft auch die Nutzung in der Online-Enzyklopädie Wikipedia.

3. Filmfolgen: Anklage gegen ein RTL-Team
(verdi.de, Eckhard Stengel)
Eine schier unfassbare Geschichte: RTL strahlte einen Bericht über “eine neue Masche von Pädophilen” aus und gab dabei indirekte Hinweise auf einen angeblichen Täter und den von ihm bewohnten Mietsblock. Daraufhin habe ein Lynchmob von fünf bis zehn Männern das Gebäude gestürmt, die Wohnungstür des vermeintlich Verdächtigen eingetreten und ihn halb totgeschlagen. “Was die Schläger nicht ahnten: Ihr Opfer war gar nicht der im Fernsehen verpixelt gezeigte Mann, sondern wohnte wohl nur im selben Haus. Aber auch der Mann aus dem Film war völlig unschuldig, wie die Ermittler schnell herausfanden. Eine doppelte Verwechslung also.”

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4. Es bleibt ein ze.tt!
(blog.zeit.de, Leonie Seifert)
Vor fünfeinhalb Jahren startete die “Zeit”-Verlagsgruppe ihr zunächst eigenständiges Jugendportal “ze.tt”. Nun wandert das Angebot ins Mutterhaus. Die “ökonomische Basis” habe sich in den vergangenen Jahren nicht so entwickelt, wie es sich der Verlag erhofft habe (Mitbewerbern ist es mit ihren Jugendangeboten ähnlich ergangen – siehe: “Spiegel” stampft junges Angebot “bento” ein). Die neuen Inhalte sind über zeit.de/zett erreichbar.

5. Irische Datenschützer verhängen Strafe gegen Twitter
(spiegel.de)
Mit Twitter wurde erstmals eine US-amerikanische Internetfirma wegen Verstößen gegen die Datenschutz-Grundverordnung zu einer Geldstrafe verdonnert. Anfang 2019 seien wegen eines Programmierfehlers zeitweilig einige geschützte Tweets für jedermann lesbar gewesen. Twitter hatte es damals versäumt, die irische Datenschutzbehörde innerhalb der vorgeschriebenen Frist von drei Tagen über das Problem zu informieren. Das kostet den Kurznachrichtendienst nun 450.000 Euro.

6. “Die Fassade passt”
(freitag.de, Thomas Abeltshauser)
Achtung, Spoiler-Gefahr zur Serie “Das Damengambit”: Im Oktober erschien auf Netflix die sechsteilige Drama-Miniserie “Das Damengambit”, die den Aufstieg einer Frau in die Schach-Elite nachzeichnet: Vom Wunderkind im Waisenhaus bis hin zur jungen Erwachsenen, die gegen Medikamenten- und Alkoholmissbrauch ankämpft. Die Serie punktet nicht nur mit guten Schauspielerinnen und Schauspielern sowie einer spannenden Geschichte, sondern auch mit ihrer äußerst liebevollen, detailversessenen Ausstattung und Nachempfindung der 50er-Jahre. “Der Freitag” hat sich mit Locationscout Stefan Wöhleke unterhalten, der die halbe Welt von Mexiko über Paris bis Moskau in einer einzigen Stadt gefunden hat: Berlin.
Tipp des “6 vor 9”-Kurators: Erst die (eh empfehlenswerte) Serie anschauen und dann, quasi als Auflösung, den Artikel lesen. Das verspricht doppelten Genuss.

So brachte “Bild” die Hisbollah in Zusammenhang mit den Explosionen in Beirut (mit falscher Recherche) (2)

Vor gut einem Monat ist im “Spiegel” ein großer Artikel über “Die perfekte Bombe” erschienen (online nur mit Abo lesbar, als englische Übersetzung auch ohne Abo lesbar). Die Autoren Uwe Buse, Christoph Reuter und Thore Schröder rekonstruieren darin, wie es im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut zu der riesigen Explosion kommen konnte, die Anfang August mehr als 200 Menschen tötete und weite Teile Beiruts verwüstete.

Der “Spiegel” hat Dokumente zusammengetragen, mit vielen Leuten vor Ort gesprochen und den Weg der 2750 Tonnen Ammoniumnitrat nachgezeichnet, die für die Explosion sorgten. Das Ergebnis dieser Recherche widerspricht Behauptungen der “Bild”-Medien in entscheidenden Punkten.

Zur Erinnerung: Keine 48 Stunden nach der Explosion stand für die “Bild”-Autoren Julian Röpcke und Mohammad Rabie schon fest, wer Schuld hat. Sie hatten ihre grobe Freund-Feind-Schablone über das Thema gehalten – und siehe da:

Screenshot Bild.de - So brachte die Hisbollah den Sprengstoff nach Beirut - Und dieser windige Russe half den Terroristen dabei

Das war dann vielleicht doch etwas zu flott formuliert. Bild.de änderte die Überschrift und fügte immerhin ein Fragezeichen hinzu:

Screenshot Bild.de - Russischer Geschäftmann bekam eine Million Dollar für den Transport - Brachte die Hisbollah den Sprengstoff nach Beirut?

Schon einen Tag zuvor schrieben dieselben “Bild”-Autoren über eine mögliche Rolle der Hisbollah:

Screenshot Bild.de - Gerichtsdokumente warnten beireits 2016 - Dieses Schiff brachte den Tod nach Beirut - Einmischung der Hisbollah könnte den Abtransport des Ammoniumnitrats verhindert haben

Unterlagen oder Aussagen, die belegen, dass die Terrormiliz Hisbollah etwas mit dem Ammoniumnitrat im Beiruter Hafen zu tun hatte, sind bis heute nicht bekannt. Röpcke und Rabie ließen sich davon allerdings nicht beeindrucken und schrieben am 6. August:

BILD-Recherchen zeigen: Die Terrororganisation Hisbollah trägt zumindest eine Mitverantwortung, wenn nicht gar die alleinige Schuld an der Tragödie [in Beirut].

Ihr “Verdacht”: Das Ammoniumnitrat sollte gar nicht, wie offiziell angegeben, nach Mosambik geliefert, sondern im Beiruter Hafen “in Hisbollah-Reichweite” gebracht werden. Und es wird …

Es wird noch irrer: Die libanesische Firma “Majid Shammas & CO.”, fast gleichnamig mit der 1967 von Israel eroberten Stadt “Majdal Shams” im Golan, bietet Anfang 2014 an, die knapp 3000 Tonnen Sprengstoff zu kaufen. Die Firma hatte bereits 2013 heimlich Sprengstoff an Syrien-Diktator Assad verkauft – einen der engsten Verbündeten der Hisbollah.

Das ist die Verbindung, die Röpcke und Rabie zwischen dem Ammoniumnitrat und der Hisbollah herstellen und auf der der Schuldspruch der “Bild”-Redaktion fußt: Die Firma “Majid Shammas”, die Hisbollah-nah sein soll:

Unterlagen des Zolls, die BILD vorliegen, enthüllen: Zwei Zolldirektoren drängen im August 2016 und Juni 2017 ein libanesisches Gericht, dem Kauf durch die offenbar der Hisbollah nahe Firma zuzustimmen. Erstens handele es sich um “gefährliche Materialien”, die “unter unangemessenen Außenbedingungen im Lager aufbewahrt” würden. Zweitens könne “die Fracht auch, wie von der Armee empfohlen, an das libanesische Sprengstoff-Unternehmen ‘Majid Shammas’ verkauft werden”.

(Die Episode, in der Julian Röpcke und Mohammad Rabie anfangs den Namen des Unternehmens falsch mit “Majdal Shams” übersetzt und daraus eine ziemlich wilde Spekulationskette entwickelt haben, lassen wir in diesem Beitrag mal komplett weg – man kann sie detailliert hier nachlesen.)

In der ausführlichen “Spiegel”-Rekonstruktion geht es auch um den Vorschlag der libanesischen Armee, das Ammoniumnitrat an eine Sprengstofffirma zu verkaufen:

Die zwischenzeitlich angefragte libanesische Armee teilte mit, sie habe keinen Bedarf an 2750 Tonnen Ammoniumnitrat. Stattdessen schlug sie vor, die Säcke an einen Sprengstoffhändler zu verkaufen. Der lehnte ebenfalls ab: Er sei nicht interessiert an Ammoniumnitrat unklarer Herkunft und Qualität.

Christoph Reuter, einer der “Spiegel”-Autoren, sagte uns auf Nachfrage, dass es sich bei diesem Sprengstoffhändler um die Firma “Majid Shammas” handelt. Es liege ein Schreiben der Firma vor, aus dem klar hervorgehe, dass sie kein Interesse an dem Ammoniumnitrat im Beiruter Hafen habe.

Das heißt: Die angeblich Hisbollah-nahe Firma, die laut “Bild” endlich dafür sorgen sollte, dass das Ammoniumnitrat in die Hände der Hisbollah gelangen kann, wollte das Ammoniumnitrat gar nicht haben und lehnte einen Kauf ab.

Auch die Mutmaßung von Röpcke und Rabie, warum der Richter den Bitten der Zolldirektoren nicht nachkam, basiert auf einer falschen Grundannahme. Die “Bild”-Autoren schrieben:

Doch der Richter bleibt stur. Aus bislang unklaren Gründen antwortet er weder mit Ja noch mit Nein. Ein Insider zu BILD: Dies könnte ein Akt zivilen Ungehorsams gewesen sein, um die Terror-Organisation Hisbollah davon abzuhalten, in Besitz des Sprengstoffs zu kommen.

Im “Spiegel” steht:

Zollchef Shafiq Merhi will die Ladung offenbar nicht entsorgen. Im Gegenteil: Beim Eilgericht beantragt er, das Schiff beschlagnahmen und versteigern zu dürfen. Das Schiff, argumentiert er, könne jederzeit sinken, es stelle eine Gefahr für den Hafen dar.

Da das Eilgericht nur für Notfälle zuständig ist, ordnet der Richter am 27. Juni 2014 lediglich an, die Ladung “an einen sicheren Ort zu bringen” und das Schiff anschließend aus dem Hafenbecken zu ziehen. (…)

Ende Oktober 2014 werden die 2750 Säcke ausgeladen und in die Halle 12 gefahren, eine Art Resterampe für Gefahrgüter aller Art. Zuständig für diese Art von gefährlichen Gütern: Shafiq Merhi, der Zollchef, und Badri Daher, beim Zoll verantwortlich für die Ladungskontrolle.

Dass die beiden nicht wussten, dass das Eilgericht für Eigentumsfragen gar nicht zuständig war, ist unwahrscheinlich. Vermutlich wollten sie nur dokumentieren, wie sie ihrer Verantwortung gerecht wurden – ohne dass sich etwas änderte. Noch drei Jahre lang werden sie denselben Antrag immer wieder an dasselbe Gericht stellen und immer dieselbe Antwort erhalten: dass dieses Gericht die Eigentumsverhältnisse der Ladung nicht klären und folglich auch keinen Verkauf genehmigen könne.

Anders als von “Bild” behauptet, hat das Gericht also durchaus geantwortet: dass es nicht zuständig ist. Es handelte sich damit nicht, wie “Bild” schreibt, um einen “Akt zivilen Ungehorsams”, “um die Terror-Organisation Hisbollah davon abzuhalten, in Besitz des Sprengstoffs zu kommen.”

Im “Spiegel”-Artikel spielt die Hisbollah generell keine Rolle, sie wird nicht einmal erwähnt. Christoph Reuter sagte uns, dass er und seine Kollegen bei der Recherche auf keine nennenswerten Verbindungen zur Miliz gestoßen seien. Und Reuter steht nun wahrlich nicht im Verdacht, rücksichtsvoll mit der Hisbollah umzugehen: Im September erst schrieb er in einem “Spiegel”-Artikel über die düsteren Machenschaften der Terrororganisation.

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Wieder Clan-Krieg bei “Bild”

In der Nacht von Samstag auf Sonntag hat im Berliner Stadtteil Charlottenburg ein Fußgänger auf mehrere Männer geschossen, die kurz zuvor aus verschiedenen Autos ausgestiegen waren und sich begrüßt hatten. Der Täter konnte flüchten.

In der Nacht von Sonntag auf Montag stellte sich ein 26-Jähriger auf einer Polizeiwache in Hamburg – er habe die Schüsse in Berlin abgefeuert. Der Mann wurde festgenommen. Nach einer Durchsuchung seiner Wohnung hätten sich neue Anhaltspunkte ergeben, so die Hamburger Polizei. Man gehe inzwischen von einem rassistischen Motiv aus. Der Polizeiliche Staatsschutz habe die Ermittlungen übernommen.

Als von all dem noch überhaupt nichts klar war, erschien am Sonntagmorgen bei Bild.de dieser Artikel:

Screenshot Bild.de - In der Nähe vom Kurfürstendamm - Schüsse in Berlin - wieder Streit unter Clans?

Schüsse? Berlin? Das kann doch nur …

In der Nacht zu Sonntag soll es in Berlin erneut zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Clans gekommen sein.

… schreibt Bild.de, ohne irgendwelche Belege dafür zu liefern. In der offiziellen Polizeimeldung steht nichts von Clans. Eine Polizeisprecherin konnte die Information auf rbb-Nachfrage auch nicht bestätigen:

Informationen, nach denen es sich bei den Wageninsassen um Angehörige eines bekannten Clans handelte, konnte die Polizeisprecherin nicht bestätigen.

Aber Bild.de bringt die Clans ins Spiel. Am Montag (der rbb veröffentlichte die Aussage der Polizeisprecherin am Sonntagmittag) berichtete auch die “Bild”-Bundesausgabe groß:

Ausriss Bild-Zeitung - Schüsse am feinen KaDeWe - Unbekannter feuert auf Männer in Luxus-Autos

Und wieder: die Clans:

Es war 0.45 Uhr in der Nacht zu Sonntag in einer Parallelstraße des Nobel-Kaufhauses, als Schüsse fielen: Ein Unbekannter feuert auf mehrere Männer!

Ist es wieder eine Tat im berüchtigten Berliner Clan-Milieu?

Am späten Montagnachmittag vermeldete dann auch Bild.de:

Screenshot Bild.de - POLIZEI PRÜFT AUSLÄNDERFEINDLICHEN HINTERGRUND - Schütze vom KaDeWe stellt sich in Hamburg

Der mutmaßliche Schütze vom KaDeWe hat sich nun nach BILD-Informationen bei der Hamburger Polizei gestellt.

Offiziell sagt die Polizei Hamburg nichts – Berlin ist zuständig. Aber nach BILD-Informationen hat sich Montagnacht gegen 0.30 Uhr ein Mann an der Davidwache gemeldet und behauptet, er habe etwas mit den Schüssen auf das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) in Berlin zu tun. (…)

Aus Ermittlerkreisen erfuhr BILD, dass ein ausländerfeindlicher Hintergrund der Tat geprüft wird.

Da war das falsche Clan-Gerücht, das die “Bild”-Redaktion verbreitet hat, schon über 30 Stunden in der Welt. Und das ist es immer noch: Der Bild.de-Artikel, der am Sonntagmorgen Clans als falsche Tatverdächtige nannte, ist unverändert online, ohne irgendeinen Hinweis zu den aktuellen Entwicklungen. In der “Bild”-Zeitung gibt es heute nur in einzelnen Regionalausgaben einen kleinen Artikel, der vom geständigen Täter mit dem möglichen rassistischen Motiv berichtet. Im Bild.de-Artikel zur Festnahme des Mannes ist ein Video eingebettet, das mit der Überschrift “WIEDER CLAN-KRIEG IN BERLIN? Schüsse am KaDeWe in Charlottenburg” versehen ist. Es scheint der “Bild”-Redaktion nicht besonders wichtig zu sein, die falschen Spekulationen aus der Welt zu schaffen.

Andere Medien haben die “Bild”-Mutmaßungen einfach abgeschrieben. t-online.de meldete beispielsweise: “Laut der ‘Bild’ könnte es sich um einen Clinch zwischen Clans handeln. Die Insassen der Fahrzeuge sollen laut Informationen der Zeitung einer arabischen Großfamilie angehören.” (t-online.de hat die Stelle inzwischen geändert.) Und der “Tagesspiegel” schreibt: “Mehrere Berliner Medien spekulieren, dass es sich erneut um einen Streit im Clanmilieu gehandelt haben könnte.” Die Redaktionen tun so, als wäre “Bild” eine seriöse Quelle.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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