Es stimmt tatsächlich, Thomas Gottschalk “protestiert” gegen die neue Rechtschreibung. Schlägt man nämlich das Wort “protestieren” z.B. bei Langenscheidt nach, dann steht da u.a. “Ablehnung, Missfallen, Mangel an Übereinstimmung kundtun”. Genau das tut Gottschalk wirklich im “Bild”-Interview und so steht es auch in dessen Überschrift.
Laut “Bild”-Titelseite geht Gottschalk aber noch über den Protest hinaus. Jedenfalls steht dort das hier:
Und das hier steht bei “Bild”-Online:
Am Ende des Interviews allerdings steht dann folgendes:
BILD: Und wie soll’s weitergehen? Gottschalk: Es ist nicht so, dass mir dieses Thema den Schlaf raubt. Meinetwegen soll jeder schreiben, wie er will. Ich lese lieber etwas Vernünftiges falsch geschrieben als richtig buchstabierte Dummheiten.
Schröder war in Brandenburg. Dort wurde er 1. mit Eiern beworfen und schlug sich 2. beim Bieranstich auf die Hand.
(Es war übrigens, laut “Bild”, exakt ein Ei, aber das ist nun auch schon fast egal.)
Wir warten jetzt auf folgende ähnlich sinnstiftende Doppelüberschriften in “Bild”:
“Bärbel Schäfer heiratet Michel Friedman — Rechtsradikale gehen auf die Straße”
“Gurkenlaster umgefahren — Küblböck bekommt Führerschein”
“Britney lässt den Busen baumeln — schwere Verwüstungen in den USA”
Wie bereits erwähnt, machte “Bild” ja kürzlich die “Zeit” zum “Verlierer” des Tages, weil sie ihre Leser “kleinlaut” (so “Bild”) darauf hinwies, zur Bebilderung eines Textes ein Symbolfoto abgedruckt zu haben. “Nanu?” schrieb “Bild” und empfahl: “Zeitig aufklären!”Und wenn “Bild” nun, einen Tag später, in ihrer Berlin-Ausgabe über “sechs angehende Krankenschwestern” berichtet, die gegen ihren Willen “nackt beim Duschen” gefilmt wurden, und “Bild” die Meldung u.a. mit dem Foto einer nackten Frau beim Duschen bebildert (siehe Ausriss), bei der es sich natürlich mitnichten um eine der betroffenen Krankenschwestern, sondern bloß – wie “Bild” offenbar zu erwähnen vergaß – um ein Symbolfoto handelt, dann hoffen wir mal, dass wir das hiermit zeitig genug aufklären konnten!
Enthüllen ist ein schönes Wort und bedeutet laut Duden so viel wie “offenkundig machen”, “entlarven” oder “aufdecken”. Deshalb versteht sich auch von selbst, was damit gemeint ist, wenn beispielsweise bild.de den schönen Satz “US-Pornostar Jenna Jameson enthüllt” ganz oben über eine Meldung schreibt. (Was genau Jameson enthüllt, kann übrigens hier nachgelesen werden. Oder hier. Muss aber nicht, weil bild.de die ganze Sache sowieso bloß anderweitig – O-Ton: “Das berichtet der Online-Dienst ‘freenet’.” – aufgeschnappt hat…)
So richtig überzeugt von dem, “was sexy Jenna da verrät”, scheint allerdings nicht einmal bild.de zu sein: “Jenna hat eine Autobiografie geschrieben, braucht also PR“, heißt es in der dazugehörigen Berichterstattung, was offenbar sogar die bild.de-Berichterstatter stutzig macht:
“Ist es nur ihre blühende Porno-Fantasie, die da mit Jenna durchgeht? Oder ist an den Enthüllungen tatsächlich etwas dran?”
Und dass bild.de die Leser derart an der eigenen Skepsis teilhaben lässt, ist zweifelsohne löblich, zumal wir jetzt auch endlich wissen, was außerdem damit gemeint sein kann, wenn irgendwerirgendwoirgendwas zu enthüllen weiß.
Der “Spiegel” berichtet, dass der Handelsexperte Walter Gunz im kommenden Jahr Chef von bild.de wird. Gunz ist einer der Gründer der Elekronikmarktkette “Media Markt”.
Und so einer soll der Richtige sein, den Online-Ableger von “Bild” zu leiten?
Was erwarten wir uns von einem Zeitungsartikel? Halbwegs aktuell sollte er sein, irgendwie relevant, möglichst korrekt und wenigstens im Kern zutreffend? Dann schauen wir uns mal diese Meldung von der Seite 1 der “Bild”-Zeitung an:
Deutschlands Fischhändler brauchen jetzt ein Lateinlexikon! Der Grund: Laut einer EU-Verordnung (Fischetikettierungs-Gesetz) sollen Fische mit ihrem lateinischen Namen ausgezeichnet werden. Erste Fischhändler haben schon auf die Sprache der alten Römer umgestellt (Pflicht ist das nur für Großhändler).
Das betreffende “Gesetz zur Durchführung der Rechtsakte der Europäischen Gemeinschaft über die Etikettierung von Fischen und Fischereierzeugnissen (Fischetikettierungsgesetz — FischEtikettG)” ist vom 1. August 2002.
Es geht nicht um die “Sprache der alten Römer”, sondern die wissenschaftliche Bezeichnung der Fische.
Der atlantische Hering heißt wissenschaftlich nicht “Clupea harngus”, sondern “Clupea harengus”.
Kein Fischhändler braucht ein Lateinlexikon, um zu verstehen, was er da (ver)kauft, denn laut Gesetz ist der wissenschaftliche Name zusätzlich zur üblichen Handelsbezeichnung zu verwenden.
Der Rollmops heißt nicht “jetzt” “Clupea har(e)ngus”, sondern immer schon, vor allem aber heißt er auf deutschen Etiketten auch weiterhin “Rollmops”.
Tja. Vielleicht erwarten wir uns von einem Artikel in “Bild” auch einfach nichts — außer dass er Vorurteile gegen die EU wiederholt und bestärkt.
Nachtrag, 16:30: n-tv.de hat aus der “Bild”-Meldung eine lustig gemeinte Bilderserie gemacht und einfach mal alle Fehler übernommen.
Noch ein Nachtrag, 17:20: Die EU-Kommission sah sich inzwischen veranlasst zu reagieren. Sie bezeichnete den “Bild”-Artikel laut “Rheinischer Post” als “schlichtweg falsch”. In einer Pressemitteilung schrieb sie:
Erstaunlich ist …, dass die sonst so gut informierte BILD-Zeitung eine “Geschichte” aufwärmt, die bereits vor zwei Jahren das britische Boulevardblatt Sun verbreitete. Denn auch nach zwei Jahren bleibt eine Ente eine Ente. Nur ist der Bart jetzt deutlich länger… .
Niemandem kann man mehr trauen heutzutage – nicht mal der Werbung. Das hat „Bild“ herausgefundenen und schreibt auf Seite 7 der Berlin-Ausgabe:
Platzeck wirbt mit falschem Lehrer …für bessere Bildung
Wie das? Nun, auf Wahlwerbeplakaten mit dem Slogan “Gemeinsam für bessere Bildung” ist Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck inmitten von Kindern zu sehen in einem Raum, der aussieht wie ein Klassenzimmer, im Hintergrund steht ein Mann. Doch, so „Bild“:
Auf dem Plakat ist nichts, wie es scheint.
Der Mann ist nämlich gar kein Lehrer, sondern Arbeitsrichter und seit 1982 in der SPD, wie „Bild“ enthüllt. Und:
Auch lernen die Kinder nicht in der Karl-Förster-Schule, in der das Bild entstand.
Und es gibt noch ein anderes Werbeplakat. Der Slogan lautet “Gemeinsam für mehr Arbeit”, und Platzeck scheint sich hier in einem Handwerksbetrieb zu befinden. Rechts von ihm steht ein Mann in einem blauen Kittel, schräg hinter ihm zwei Jugendliche, das Mädchen trägt eine Latzhose. „Bild“ hat wieder nachgefragt und fand heraus:
„Meister“ und „Azubis“ arbeiten hier nicht.
Außerdem soll der Betrieb, in dem das Foto entstand, in den letzten drei Jahren 40 Arbeitsplätze abgebaut haben (von wie vielen steht leider nicht in “Bild”). Diese Enthüllungen geben natürlich zu denken. Wenn schon in der Werbung der Schein trügt, wodannnoch?
Natürlich kann eine Zeitung, wenn sie will, auf ihrer Titelseite eine Kooperationsaktion großflächig bewerben. Wenn sie dann sowas wie “Sommer-Knaller von LIDL und BILD: Heute Eis für alle! Eins kaufen, eins geschenkt!” dazuschreibt, ist dagegen nichts zu sagen. Ganz hinten in der “In/Out”-List der “Bild” taucht am selben Tag allerdings auch folgende Empfehlung auf:
“Schlecken, z.B. mit dem supi-dupi‘Lidl’-zwei-für-ein-Eis-Angebot“
Aber was heißt das? Nur weil die “Bild” auf der Titelseite groß Werbung in eigener Sache macht, darf der Hinweis auf die Kooperation im redaktionellen Teil weggelassen werden?! Befragen wir doch den Pressekodex (Ziffer 7):
“Verleger und Redakteure (…) achten auf ein klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken.”
Lange nichts gehört von der Tochter von Uschi Glas. Vor gut einer Woche berichtete “Bild” in größter Aufmachung, die 17-jährige sei in eine “Drogen-Affäre” verwickelt, wohinter sich möglicherweise das Rauchen einer Drittel Marihuana-Zigarette verbarg, möglicherweise aber auch gar nichts. Einen Tag danach fand sich der konkrete Tatvorwurf nur noch zwischen den Zeilen. Seitdem: Funkstille. Gab es Razzien? Wurden Drogen-Sümpfe trockengelegt? Sitzt sie im Knast? Darf ihre Mutter noch im Fernsehen auftreten? Wir wissen es nicht.
Eine Konkretisierung der Vorwürfe gab es nicht, zurückgenommen hat “Bild” sie auch nicht. Eine 17-jährige Jugendliche stand halt mal einen Tag groß auf der Titelseite neben dem Wort “Drogen-Affäre”.
Im Straßenverkehr übrigens nennt man das Verhalten, wenn jemand “die erforderliche Sorgfalt gröblich, im hohen Grade außer Acht lässt” oder “unbekümmert und leichtfertig handelt” “grob fahrlässig“. Aber vielleicht gilt das ja nicht bei Boulevardzeitungen.