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Der nette, hilfsbereite Angreifer von nebenan

Bei manchen Geschichten, die wir auf dieser kleinen Seite so erzählen, hat man ein gewisses Gefühl dafür, wie der Fehler, den man da gerade schildert, entstanden sein könnte: Irgendwas wurde verwechselt, vielleicht auch mal schlampig recherchiert — oder man versteht einfach mal was falsch.

Und dann gibt es die Kategorie, bei denen man nur noch zwei Möglichkeiten entdeckt. Entweder, jemand hat etwas fürchterlich falsch verstanden. Oder frei erfunden. Bei der folgenden Geschichte muss man befürchten, dass auf sie letztere Variante zutrifft.

Erst einmal zu den Fakten: In München saß, wie die Polizei im einigermaßen umständlichen Deutsch eines Polizeiberichts schildert, ein 26-jähriger Serbe mit zwei Begleitern in einer Eisdiele. Die drei wurden plötzlich von einer Gruppe angegriffen, deren Größe die Polizei mit “10 bis 20” angibt. Angeführt wurde die Gruppe von einem 24-jährigen Türken. Offenbar hatte es die Gruppe insbesondere auf den Serben abgesehen. Sie malträtierte ihn mit Schlägen, benutzte dazu auch diverse Gegenstände — und umringte den Mann schließlich.

Den weiteren Verlauf schildert die Polizei so:

Dieser zog daraufhin ein Messer und stach auf die Angreifer ein. Er selbst trug Schnittverletzungen an beiden Händen davon, die ambulant in einem Krankenhaus versorgt werden mussten. Der 24-jährige Türke erlitt einen Stich in die Brust und verstarb wenig später in einem Münchner Krankenhaus.

Der 26-Jährige ist inzwischen wieder auf freiem Fuß und hat laut Staatsanwaltschaft keine Strafverfolgung zu befürchten, da er ganz offensichtlich aus Notwehr gehandelt hat.

Das ist die Geschichte, wie sie die Polizei erzählt (und auch andere Münchner Medien). Kommen wir jetzt zu der Geschichte, wie sie die Münchner Ausgabe der “Bild” schildert. Aus dem 24-jährigen Türken, den die Polizei als Rädelsführer und Hauptangreifer schildert, wird plötzlich ein Opfer. Ein Mann, der jedem gerne half — und den seine Hilfsbereitschaft das Leben gekostet hat, wie “Bild” säuselt:

Blutiges Ende einer Massenschlägerei in der Blumenau: Muskelmann vor Eiscafé tot gestochen. Immer so aufmerksam. Der Nachbarin die Einkaufstaschen hoch - und den Abfall runtergetragen. Wenn Freunde Hilfe brauchten – Eftal K. (24) war sofort da. Doch am Sonntagabend hätte Eftal sein Handy mal besser klingeln lassen. Denn dieser Anruf und seine Hilfbereitschaft führten ihn direkt in den Tod.

Und auch der Rest der Erzählung ist nicht weniger erstaunlich: Demnach war der 24-Jährige ursprünglich gar nicht dabei, als die Schlägerei zwischen den Jugendlichen begann. Dazu gekommen sei er erst, als einer seiner in die Prügelei verwickelten Freunde einen (O-Ton “Bild”) “verhängnisvollen Anruf ” absetzte: “Eftal hilf!”. Der hilfsbereite “Muskelmann” (ebenfalls O-Ton “Bild) sei direkt von der gegenüberliegenden Wohnung seiner Mutter an den Ort des Geschehens gelaufen — und dort erstochen worden: Er “starb weil er helfen wollte”.

Und wenn man schließlich ein wenig vergleicht, was von dem, was im Polizeibericht stand, in “Bild” angekommen ist, kommt man schnell zu dem Resultat: ungefähr gar nichts. Nur, warum das so ist, ist uns auch nach vierfachem Durchlesen der Geschichte nicht klar…

Mit Dank an Florian B.!

Klinsi will einfach nicht fliegen

Über den Fußball-Lehrer Jürgen Klinsmann ist in letzter Zeit viel geschrieben, gesendet und spekuliert worden. Nicht alles war zutreffend, wie man rückwirkend sehr schön an einem Beispiel des Bayerischen Rundfunks erkennen kann. Dort hatte ein Sportreporter am Morgen nach der Niederlage der Bayern in Barcelona live auf Bayern 3 angekündigt, sich jetzt mal “ganz weit aus dem Fenster zu lehnen” – und mit aufgeregter Stimme angekündigt: “Ich gehe so weit und sage: Jürgen Klinsmann tritt heute zurück.” Klinsmann tat ihm bekanntermaßen den Gefallen nicht und irgendwie hatte man danach den Eindruck, die Stimmen der BR-Leute hätten an diesem Tag etwas belegter (enttäuschter?) als sonst geklungen.

Trotzdem trommelten die Sportredaktionen des Landes munter weiter. “Fliegt Klinsi, wenn…” (entsprechenden Anlass bitte hier einsetzen) hätte man als Überschrift eigentlich auch bis zum Saisonende auf Vorrat drucken oder als Template anlegen können. Half alles nix. Klinsi flog einfach nicht.

Vor allem bei der Klinsmann nicht übermäßig gewogenen “Bild” wuchs darob anscheinend zunehmend die Verzweiflung. Also ließ man wahlweise beispielsweise den Spieler Luca Toni schon über einen Nachfolger sprechen, Oliver Kahn einen “Geheimplan” mit Uli Hoeneß aushandeln und die Fans die Macht übernehmen:

Die Bayern-Krise: Können die Fans Klinsi stürzen?

Half wieder nix. Klinsmann sitzt immer noch da, ist unverschämterweise bei drei Punkten Rückstand auch noch der Meinung, dass man eine echte Chance auf die Meisterschaft habe und bereitet demonstrativ die nächste Saison vor. Den ganzen anscheinend vorhandenen Frust lässt die “Bild am Sonntag” heute raus. Wieder nichts mit dem Rausschmiss, die Bayern gewannen in Bielefeld, Klinsmann bleibt – also titelte man:

Danke, Klinsi! Ich muss dich nicht feuern

Einen weiteren Tiefschlag hatten die “Bild”-Leute indessen schon am Samstag von einem bekommen, den sie bis dato immer wieder gerne mal als Münchens next Top-Coach ins Gespräch gebracht hatten. Die “Bild”-Frage “Was läuft denn da mit Sammer?” hat Matthias Sammer bei Premiere ziemlich eindeutig (und: irgendwie etwas verärgert) beantwortet:

“Das ist frei erfunden. Es hat keinen Kontakt gegeben. Ich heiße auch nicht Oliver Kahn. Ich heiße Matthias Sammer und ich weiß davon nichts. Die Diskussion ist einfach unsäglich.  (…) Was soll ich da eigentlich dementieren? Vielleicht kommt ja irgendwann mal jemand, vielleicht nicht. Das ist doch alles Spekulation.”

Mit Dank an Martin E.

Berlin Mitte, wie es in der Zeitung steht

Recherche ist ein zeitraubendes und oft gar nicht besonders interessantes Ding. Man wird in den seltensten Fällen für sie bezahlt, und 99,97% aller Leser des fertigen Artikels nehmen Dahinbehauptetes entweder für bare Münze oder sind zu träge, sich zu beschweren […]

schrieb Kathrin Passig in ihrem Grußwort zum Start von “BILDblog für alle”.

Apropos Dahinbehauptetes: Am Montag erschien bei FAZ.net ein Artikel über das Betahaus in Berlin, der schon ein paar Wochen vorher in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” gestanden hatte. Dort heißt es unter anderem:

Montag, siebzehn Uhr im St. Oberholz am Rosenthaler Platz. Berlin Mitte, wie es in der Zeitung steht. [...] Aber dann tut sich doch was. Um neunzehn Uhr kommen die Vordenker Kathrin Passig, die einen Bachmann-Preis gewonnen hat, und Holm Friebe, der mit seinen Büchern vor allem an seiner eigenen Marke baut. In fast perfekter Symbiose entwickeln sie dann ein neues „Projekt“, texten irgendwas für ihre „Riesenmaschine“ oder verschieben das Ganze auf morgen.

Frau Passig schreibt uns dazu:

Ich war 3x im Oberholz und kann Tag und Anlass noch genau benennen, keinmal davon mit Holm.

Und falls Sie geglaubt haben, das mit “Tag und Anlass benennen” sei nur so ein Spruch: Pah!

Ich war zum ersten Mal im St. Oberholz am 21. Januar 2009 so um 17:00 herum, wie man hier nachlesen kann:
http://twitter.com/kathrinpassig/statuses/1136565300
Ich habe mit niemandem geredet und ein Buch gelesen. Holm Friebe war nicht dabei.

Zum zweiten Mal war ich am 20. März 2009 kurz vor drei dort, um Sebastian Sooth zu einem Treffen im Gorki Park abzuholen. Ohne Holm Friebe.

Zum dritten Mal war ich anlässlich der pl0gbar am Abend des 31. März 2009 im St. Oberholz. Es waren viele Menschen anwesend, Holm Friebe aber nicht.

Holm Friebe lässt sich zu den Vorwürfen dem Geschehen wie folgt zitieren:

Ich war in den letzten zwei Monaten unter Garantie nicht da.

Von ihrem erfundenen Auftauchen im Trendlokal mal ab, so Frau Passig weiter, sei der ganze Rest “auch Unfug” und das Betahaus (oder “Betahaus Kreuzberg”, wie es auf betahaus.de heißt) stehe in Kreuzberg — anders als die “FAZ” schreibt:

Montag, siebzehn Uhr im Betahaus. Berlin Mitte, wie es in der Zeitung steht.

… und nur in der Zeitung.

All Along the Watchblog

von Kathrin Passig

Gibt es nicht schon viel zu viel Erbsenzählerei, Besserwisserei und Bastiansickness auf der Welt? Und muss es nicht auch irgendwie ungesund für einen netten Menschen wie Stefan Niggemeier sein, sich so viel mit dem Schlechtfinden anstatt mit dem Gutfinden oder dem Ausdenken neuer, ganz anderer Dinge zu befassen? Ja und ja, und trotzdem brauchen wir dringend mehr Watchblogs. Denn der Mensch ist ein träges Geschöpf, das sich durch gute Vorsätze wie “ordentlich recherchieren” und “nicht immer lauter haltlosen Unfug in die Zeitung schreiben” nur begrenzt motivieren lässt. Eine viel robustere Antriebskraft ist der Wunsch, von anderen Menschen nicht bescheuert gefunden zu werden. Das erklärt David Simon, Autor der Serie “The Wire”, in einem Interview, das Nick Hornby 2007 geführt hat:

“Ich will, dass Mordermittler, Dealer, Hafenarbeiter oder Politiker in Amerika sagen können: Tatsache, genau so sieht mein Tag aus. Das ist mein Ziel. Und zwar nicht aus Stolz oder Ehrgeiz oder irgendeiner Autoreneitelkeit heraus, sondern aus Angst. Nackter Angst. Wie viele Autoren beschäftigt mich ständig der vage Albtraum, dass sich eines Tages jemand, der mehr vom Thema versteht als ich, hinsetzt und in epischer Breite auflistet, in welchen Punkten meine Texte oberflächlicher Betrug sind und auf lahmen, halbherzigen Annahmen fußen. Ich trage das Autorenetikett, und ich kriege gute Rezensionen, aber bei allem Erfolg hege ich immer noch die gleichen latenten Zweifel. Ich nehme an, so geht es sehr vielen Autoren.”

Das mag stimmen, aber es gibt eben auch sehr viele Autoren, deren Texte oberflächlicher Betrug sind und auf lahmen, halbgaren Annahmen fußen, und die nie von solchen Vorstellungen heimgesucht werden. Was daran liegt, dass es in der Praxis einfach viel zu selten vorkommt, dass jemand, der mehr vom Thema versteht als man selbst, sich hinsetzt und ganz genau auflistet, wo man überall schlampig gearbeitet hat.

Der Ethnologe Richard K. Nelson hat in den 1960er Jahren Orientierungstechniken der Inuit in Alaska untersucht und dabei unter anderem die öffentliche Bloßstellung als Motivationsinstrument beschrieben. Junge Inuit begleiten Erfahrenere auf der Jagd und werden bei jedem Fehler zurechtgewiesen und verspottet. Später erzählt man die Fehler überall herum, damit auch die Nichtdabeigewesenen noch einmal wie Nelson Muntz bei den Simpsons mit dem Finger auf den armen Trottel zeigen und “Ha-ha!” rufen können. “Die Angst vor solchem Spott”, so Nelson (jetzt wieder der Ethnologe, nicht die Simpsonsfigur), “zwingt den Eskimo dazu, sich solide Navigationskenntnisse anzueignen und bei seinen Unternehmungen Vorsicht walten zu lassen”. (Ich habe die Originalquelle übrigens nicht gelesen und zitiere hier nur fahrlässig aus der Sekundärliteratur; diejenigen Leser, die ordentliche Journalisten sein oder werden wollen, machen das bitte zu Hause nicht nach.) (Immerhin habe ich mir die Mühe gemacht, herauszufinden, ob Nelson auch auf Deutsch ein “Kulturanthropologe” ist. Ist er nicht.)

Recherche ist ein zeitraubendes und oft gar nicht besonders interessantes Ding. Man wird in den seltensten Fällen für sie bezahlt, und 99,97% aller Leser des fertigen Artikels nehmen Dahinbehauptetes entweder für bare Münze oder sind zu träge, sich zu beschweren, selbst wenn offensichtlich erfundene Statistiken zum Einsatz kommen. Das macht das gründliche Recherchieren (wie so viele andere Tätigkeiten, die mit “gründlich” anfangen) zu einer Beschäftigung, der sich kein normaler Mensch freiwillig widmet. So wie Ärzte und anderes Krankenhauspersonal mehrmals täglich dazu angehalten werden müssen, sich die Hände zu waschen, weil sie es trotz aller Einsicht eben nicht von sich aus tun, so muss irgendjemand sich die Mühe machen, mehrmals täglich mit dem Finger auf schludrige Journalisten zeigen und “Ha-ha!” zu rufen. Weil es der Weltverbesserung dient.

Kathrin Passig ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie ist Mitglied der “Zentralen Intelligenz-Agentur” (ZIA), bloggt in der Riesenmaschine, hat 2006 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen und u.a. die Bücher “Lexikon des Unwissens” (mit Aleks Scholz) und “Dinge geregelt kriegen — ohne einen Funken Selbstdisziplin” (mit Sascha Lobo) geschrieben.

“Bild” macht Wessi aus Sandmännchen

Jürgen Helfricht, der Mann, der für “Bild” aus Katzen Benzin macht, kennt sich damit aus, anderen Sand in die Augen zu streuen.

Und so schrieb Helfricht gestern unter der (insbesondere in den ostdeutschen “Bild”-Ausgaben, in denen die folgende Geschichte ausschließlich zu lesen war) berückenden Überschrift…

"Sandmann in den Westen verkauft"

… dass “der Osten” ab 1. April “die Lizenz für seinen größten TV-Liebling” verliere:

Generationen von Kindern brachte Sandmännchen (…) seit 1959 ins Bett. Und bis heute schalten ihn täglich 1,5 Mio. Fans ein. Genauso erfolgreich ist der TV-Knirps als Märchenfigur auf den Bühnen zwischen Rügen und Fichtelberg.

Doch damit ist jetzt Schluss. Ausgerechnet zum 50. Sandmann-Geburtstag hat der RBB die Sandmann-Lizenz in den Westen verkauft. Und zwar an das Kölner Theater Cocomico.

(…) Der Vertrag läuft vorerst zwei Jahre. Danach können wir wieder auf unseren Sandmann hoffen!

Schnüff. Beziehungsweise so irreführend, dass der öffentlich-rechtliche RBB gestern bei Helfricht anrief, um ihn darauf hinzuweisen.

“Sächsische Zeitung” vom 21.2.2009:

“Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat die Lizenz an den Aufführungsrechten neu vergeben. (…) Die Ausstrahlung im Fernsehen bleibt von den Aufführungsrechten unbeeinflusst.”

Denn “verkauft” (im Sinne von neu vergeben) hat der Sender, wie uns heute ein RBB-Sprecher auf Anfrage sagt, “ausschließlich die Musical-Rechte” fürs Sandmännchen, mehr nicht. Für Figur, Sendung usw. bleibt alles wie gehabt – was, wie offenbar auch “Bild”-Mann Helfricht wusste, zwei Tage vor “Bild” auch schon in der “Sächsischen Zeitung” stand (siehe Kasten). Statt bislang jährlich 10 Sandmännchen-Aufführungen im Osten Deutschlands soll es ab August 60 Aufführungen in zwei Jahren geben – in Bonn und Bergisch Gladbach, aber auch in Potsdam, Berlin, Neubrandenburg, Frankfurt/Oder, Gera, Rostock, Schwerin, Dresden …

Genutzt hat der RBB-Anruf bei Helfricht wenig.

Denn heute berichtet er in “Bild” wieder über das Sandmännchen:

Der schnelle Verkauf unseres Sandmännchens in den Westen – Tausende Kinder zwischen Rügen und Fichtelberg sind traurig. (…) “Die Entscheidung, die Lizenz nach Köln zu geben, ist uns nicht leicht gefallen”, räumt RBB-Sprecher Ralph Kotsch (48) ein.

Letzteres sei übrigens, wie uns der RBB-Sprecher glaubhaft versichert, ein Satz, den “Bild”-Mann Helfricht “komplett frei erfunden” habe. Er selbst habe das “nie gesagt” – nicht zuletzt deshalb nicht, weil das Sandmännchen im Westen ohnehin längst so beliebt ist wie, ähm, “zwischen Rügen und Fichtelberg” und 20 Jahre nach dem Mauerfall eigentlich nicht zum Ost-West-Konflikt tauge.

Wie ich Freiherr von Guttenberg zu Wilhelm machte

— Ein Gastbeitrag von Anonym* —

"Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Müssen wir uns diesen Namen merken?"

“Müssen wir uns diesen Namen merken”, fragt die “Bild”-Zeitung heute auf ihrer Titelseite. Die Antwort lautet: Nein, müssen wir nicht! Denn der Minister heißt in Wirklichkeit anders. Zumindest einer seiner vielen Vornamen ist frei erfunden: von mir.

Zugegeben, der Scherz war anfangs nicht gerade originell. Innerhalb weniger Stunden bekam er aber eine höchst interessante Eigendynamik, die mich an den Recherche-Methoden vieler Journalisten erheblich zweifeln ließ.

Es war Sonntag, kurz nach 21 Uhr – der Abend bevor Karl-Theodor zu Guttenberg von CSU-Chef Horst Seehofer als neuer Bundeswirtschaftsminister vorgestellt wurde. In zu-Guttenbergs-Wikipedia-Eintrag fielen mir die zahlreichen Vornamen des adeligen Politikers auf. Ich fragte mich, ob es jemand merken würde, wenn ich zu der langen Namensliste einfach einen weiteren hinzufügen würde. Es stellte sich heraus: Niemand merkte es – und etliche Online-Medien, Zeitungen und Fernsehsender schrieben meine Erfindung ungeprüft ab.

Der Minister heißt:

Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jakob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg.

Quelle: Genealogisches Handbuch des Adels, Bd. 110, Freiherrliche Häuser XIX

“Wilhelm” ist der Name, den ich in die Minister-Biografie reinmogelte – und der sich innerhalb von 24 Stunden rasant quer durch die deutsche Medienlandschaft verbreitete. Am Morgen nach meiner Wikipedia-Änderung war er überall zu lesen: Bei Handelsblatt.com zum Beispiel, bei heute.de und rp-online.

“Spiegel Online” schrieb sogar, der neue Minister würde sich selbst mit dem Namen vorstellen, den ich ihm wenige Stunden zuvor gegeben hatte: “Eine beliebte Journalistenfrage an ihn ist jene nach seinem kompletten Namen. Ob er den bitte einmal aufsagen möge. Manchmal macht er das dann auch. Und los geht’s: ‘Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg.’ Er sei aber so erzogen worden, dass nicht der Name, sondern die Leistung zähle, fügt er dann regelmäßig an.”

Skeptische Wikipedia-Autoren hatten in der Zwischenzeit Verdacht geschöpft: “Die Namen glaube ich erst mit dezidiertem Einzelnachweis”, schrieb einer von ihnen. Doch der falsche Vorname verschwand nur kurzzeitig aus der Online-Enzyklopädie. Denn der Einzelnachweis war schnell gefunden: Schließlich konnte man ja bei “Spiegel Online” nachlesen, dass sich der Minister selbst so nennt. Weil Journalisten ungeprüft von Wikipedia abschreiben und Wikipedia journalistische Texte als glaubwürdige Quelle betrachtet, wurde der erfundene Vorname schnell zur medialen Wirklichkeit.

Der Minister und sein neuer Name kamen unter anderem ins “RTL-Nachtjournal”, in die “taz”, die “Rheinische Post” und die “Süddeutsche Zeitung” (und andere). Und eben auch auf die Titelseite der “Bild”.

Ich fürchte, der junge Minister wird diesen Namen wohl nicht so leicht wieder los. Das hat er nicht verdient, finde ich. Also bitte: Merken Sie sich diesen Namen nicht!

*) Name ist der Redaktion bekannt

neu  

“Bild” macht Mann zum “Kinderschänder”

Bei der “Bild”-Zeitung ist die Meinung weit verbreitet, dass Angeklagte eigentlich irgendwie auch immer schuldig sind. Entsprechend hat “Bild” kein Problem damit, Angeklagte vor einer Verurteilung vorzuverurteilen. Wie schlecht diese Idee ist, zeigt der Fall “Frank M.”:

Anfang Dezember 2008 stand in der “Bild”-Zeitung eine Geschichte, die wie gemacht war für den Boulevard. Es ging darum, “wie die Thea (14) aus Leipzig einen Sexstrolch fing”. “Bild” berichtete groß und ziemlich eindeutig:

"Wie die Thea (14) aus Leipzig einen Sexstrolch fing - Mädchen überführte Fummler mit Handy"

Thea ist erst 14 aber unterschätzen sollte man sie nicht. (…) Mit einem Trick und einer großen Portion Mut überführte sie einen Kinder-Schänder! (…) Der Vorwurf laut Staatsanwalt Michael Höhle: zwischen 2001 und 2007 soll er vier Mädchen (11-12) an ihren intimsten Stellen befummelt haben, darunter seine eigene Tochter.

“Bild” ließ kaum Zweifel daran, dass der vermeintliche “Kinder-Schänder” Frank M. schuldig sei. Zwar ließ sie ihn und dessen Anwalt die Vorwürfe kurz abstreiten (“Alle Vorwürfe sind falsch”, “Was meinem Mandanten vorgeworfen wird, stimmt nicht”), schrieb aber direkt im Anschluss:

Doch die Beweislage lastet schwer. Denn es gibt eine Tonaufzeichnung von einer der Taten des Kinderschänders. Die mutige Thea hat Frank M. damit zur Strecke gebracht!

Detailliert schildert “Bild”, wie “Thea” und ihr Bruder mit einem “Handy-Trick” Frank M. “zur Strecke” brachten:

“Am 13. Januar 2007 lockte er mich zu sich (…)”, erzählt das Mädchen. (…) [Ihr Bruder] sollte sie anrufen, nachdem sie bei Frank M. eingetroffen war. Damit er alles mithören und aufzeichnen konnte. In der Wohnung zog sich Frank M. aus, befummelte die Schülerin. (…) Am anderen Ende der Leitung hörte Theas Bruder alles mit, zeichnete das Gespräch auf. (…) “Dann sind wir mit den Handyaufzeichungen zur Polizei, haben ihn angezeigt”, sagt das tapfere Mädchen.

Anfang Januar sprach das Amtsgericht Leipzig Frank M. von “allen Vorwürfen” des sexuellen Missbrauchs frei.

Das überrascht angesichts der geradezu erdrückenden “Beweislage”, die “Bild” nach dem ersten Verhandlungstag schilderte. Allerdings hatte die mit dem Verlauf der Verhandlung ohnehin nur sehr wenig zu tun.

Was womöglich kein Wunder ist. “Bild”-Autorin Angela Wittig war offenbar einen erheblichen Teil der Verhandlung gar nicht im Saal. So schildert es uns jedenfalls der von “Bild” als “Fummler”, “Sexstrolch” und “Kinder-Schänder” verunglimpfte Frank M.: Der erste Verhandlungstermin habe ein paar Stunden gedauert, die “Bild”-Mitarbeiter seien jedoch nach etwa einer Dreiviertelstunde aus dem Saal gegangen und hätten “Thea” draußen “bearbeitet” und offenbar auch fotografiert (siehe Ausriss oben). Am zweiten Verhandlungstermin im Januar, an dem auch der Freispruch verkündet wurde, sei indes niemand mehr von “Bild” da gewesen.

Und anders als das Gericht, das bereits nach dem ersten Verhandlungstermin den seit 2007 bestehenden Haftbefehl gegen Frank M. aufhob, glaubte “Bild” der “mutigen Thea” offenbar jedes Wort und schrieb das am nächsten Tag ohne jede Distanz auf.

Wäre die “Bild”-Zeitung etwas länger geblieben und hätte der Verhandlung mehr Aufmerksamkeit geschenkt, hätte sie eigentlich mitbekommen müssen, was uns der Anwalt von Frank M., Stephan Bonell, erzählt:

  • dass auf dem vermeintlichen Handy-Mitschnitt des sexuellen Missbrauchs außer Rauschen nichts zu hören gewesen sei;
  • dass die Polizei das bereits am Tag, als “Thea” Frank M. angezeigt hatte, festgestellt hatte;
  • dass die Widersprüche in den Aussagen der Mädchen, die Frank M. sexuell missbraucht haben sollte, so groß gewesen seien, dass das Gericht sie als “unglaubwürdig” eingeschätzt habe.

Laut Frank M. handelt es sich bei den Anschuldigungen um eine pubertäre Racheaktion an ihm und seiner Tochter.

Unabhängig davon zeigt die Urteilsbegründung vom Januar, was das Gericht von den Aussagen der “Opfer” hielt. Zu den Anklagepunkten 4., 5. und 6. (insgesamt waren es sechs), die auf der Aussage von “Thea” beruhten und in denen es jeweils darum ging, wie Frank M. sie und andere Mädchen sexuell missbraucht haben sollte, heißt es unter anderem:

Diese Zeugin ist als völlig unglaubwürdig einzuschätzen, nachdem sie (…) dargelegt hat, dass sie das Tatgeschehen zu 4. frei erfunden habe und sich an das Tatgeschehen zu 5. überhaupt nicht mehr erinnern konnte. Ihre Aussagen (…) besonders auf Punkt 6. bezogen, sind darüberhinaus derart widersprüchlich, dass ihnen nicht gefolgt werden kann. Insbesondere durch die Aussagen ihres Bruders (…), der ohne Umschweife in der Hauptverhandlung kundtat, den Angeklagten in den Knast bringen zu wollen, wurde deutlich, dass dem Angeklagten auch das Tatgeschehen vom 13.01.2007 nicht angelastet werden kann.

Pressekodex:

Richtlinie 13.2 – Folgeberichterstattung
Hat die Presse über eine noch nicht rechtskräftige Verurteilung eines Betroffenen berichtet, soll sie auch über einen rechtskräftig abschließenden Freispruch (…) berichten, sofern berechtigte Interessen des Betroffenen dem nicht entgegenstehen.

Zu den zwei weiteren Zeuginnen (die Tochter von Frank M. hatte die Aussage verweigert), merkt das Gericht an, ihre Aussagen seien “bemerkenswert widersprüchlich” zu vorherigen gewesen.

All das hätte die “Bild”-Zeitung spätestens am 6. Januar bei der Verkündung des Freispruchs zumindest in groben Zügen erfahren können – hätte sie sich die Mühe gemacht, über den Ausgang des Verfahrens zu berichten, wie es ihre Pflicht gewesen wäre (siehe Kasten). Hat sie aber nicht.

Für die “Bild”-Zeitung und ihre Leser ist Frank M. immer noch der “Fummler”, der “Sexstrolch” und der “Kinder-Schänder”.

Mit Dank auch an Mario S. und Uwe H.

Meyer, Twitter, Freitag, Zerbst

1. “‘Frauentausch’ mit Folgen”
(faz.net, Harald Staun)
Über eine RTL2-Sendung mit Auswirkungen auf die Realität in der Kleinstadt Zerbst: “Am Mittwochabend, rund eine Woche nach der Ausstrahlung der Folge am 8. Januar, standen dann plötzlich rund fünfzig aufgebrachte Menschen vor dem Haus der Leps, beschimpften die Familie und warfen rohe Eier und Flaschen gegen die Hauswand. Eine Woche später wiederholten sich die Proteste, wobei die mittlerweile mit vier Wagen Streife fahrende Polizei schlimmere Ausschreitungen verhinderte.”

2. Knödel-Sepp, Herr Strudel und der Stierwascher
(medienschelte.at, Daniel)
Zeitungen aus Österreich sind irgendwie anders: “Interessanterweise lassen sich in fast allen Zeitungen Satire-Rubriken finden, zeichnerisch im Comic-Stil umgesetzt. Einige davon, diese Aufreihung erhebt schließlich nicht den Anspruch der Vollständigkeit, haben wir mal gesammelt.”

3. “Zum Freitag”
(kutter.antville.org)
Der Kutter erwartet den Relaunch des Freitag am Donnerstag gespannt, aber kritisch: “Wenn mich Privatmeinungen und allgemeine Klugscheißereien interessieren würden, würde ich Weblogs lesen oder meinetwegen Leserbriefe in Zeitungen und Kommentare in deren Online-Ausgaben. (Mache ich übrigens nie.) Aber ich kaufe keine Zeitung, um zu lesen, was ihre Leser denken. (Diese Pein!) Und ich habe meinerseits auch nie das Bedürfnis empfunden, zu den Lesern der Zeitungen zu sprechen, die ich lese. (Und ich hatte das Gefühl, dass auch die ganz gut damit leben konnten.)”

Read On…

Oliver Neuville läuft “Bild” in den Konter

Das Verhältnis zwischen Oliver Neuville und “Bild” war nie ein besonders gutes.

Es ist also schon eine kleine Überraschung, dass die Zeitung gestern “das exklusive BILD-Interview”, das Dirk Krümpelmann mit dem Kapitän von Borussia Mönchengladbach geführt hat, im Blatt hatte.

Besonders spannend aber ist diese Stelle:

BILD: Nach nur acht Einsätzen in der Hinrunde gab es Gerüchte, dass Sie nach Duisburg in die 2. Liga wollen und Sie sich mit MSV-Boss Walter Hellmich in der Schweiz getroffen hätten... Neuville: "Erstens haben mich hartnäckige Verletzungen lange geplagt. Deswegen hatte ich auch nicht die gewohnten Einsätze. Zweitens: Die Sache mit Duisburg ist völliger Quatsch! Ich habe weder mit Duisburg-Chef Hellmich gesprochen noch mich mit ihm getroffen."

Schon am 3. Januar hatte die offizielle Vereinswebsite den Stürmer wie folgt zitiert:

Das ist alles erfunden, entweder von der Zeitung oder von Herrn Hellmich. Ich prüfe, ob ich rechtliche Schritte einleite, denn so etwas nervt mich einfach.

Wo es diese “Gerüchte” gab und von welcher Zeitung Neuville sprach, ahnen Sie nie.

Am 2. Januar hatte “Bild” geschrieben:

Duisburgs umtriebiger Chef macht zur Zeit Urlaub in seinem Haus im Tessin. Dort lief ihm Oliver Neuville (35/Foto) über den Weg. Gladbachs Kapitän erholt sich derzeit in seiner Heimat in Ascona von einer Verletzung. Fans entdeckten die beiden angeregt plaudernd in einem Cafe.

Einer der Autoren war damals ebenfalls Dirk Krümpelmann.

Mit Dank auch an Michael R.

Die halbe Wahrheit über Christian Klars BE-Absage

Der frühere RAF-Terrorist Christian Klar hat sein geplantes Praktikum als Bühnentechniker am Berliner Ensemble [BE] abgesagt. Das teilte das von Claus Peymann geleitete Theater am Freitag mit.

Die Begründung: Er fürchte, dass das Theater, Direktor Peymann und er selbst Schaden nehmen könnten, heißt es in einer Erklärung.

Peymann erklärte: “Das angestrebte Leben in Normalität nach 26-jähriger Haft scheint unter diesen Umständen nicht möglich.”

So steht’s z.Zt. auf Bild.de – und stimmt.

Was jedoch mit “diesen Umständen” gemeint ist, darüber kann der Bild.de-Leser nur spekulieren – oder es in anderen Medien nachlesen. In der Erklärung heißt es nämlich:

Nach den Erfahrungen der letzten Wochen befürchtet er, dass durch die sensationslüsterne Berichterstattung in einem Teil der Medien und die anhaltende Belagerung des BE durch Paparazzi das Theater, dessen Direktor Claus Peymann und er selbst Schaden nehmen könnten. Das angestrebte Leben in Normalität nach 26-jähriger Haft scheint unter diesen Umständen nicht möglich. Die in Lessings Theaterstück “Nathan der Weise” postulierte Idee von Vergebung und Verzeihen bleibt offenbar ein Traum.
(Hervorhebung von uns.)

Anlass für Klars überraschende Absage ist offenbar die heutige Ausgabe der Boulevardzeitung “B.Z.” (siehe Ausriss mit Unkenntlichmachung von uns). Unter der Überschrift “KLAR DA!” zeigt die kleine Berliner Schwester der “Bild”-Zeitung auf der Titelseite und im Blatt “exklusiv” mehrere offenbar gestern vorm Berliner Ensemble aufgenommene Paparazzi-Fotos von Christian Klar (“die ersten Fotos von ihm seit 17 Jahren!”).

Der “Tagesspiegel” schreibt dazu:

Die Bilder und Texte in der “BZ” zum Thema sind ohne Hinweise auf Fotograf und Autor erschienen, denn der Veröffentlichung wird ziemlich sicher auch eine juristische Aufführung folgen. Klar hatte, nach seiner Freilassung aus der Haft kurz vor Weihnachten, die Veröffentlichung von Fotos untersagen lassen. Er wolle und werde nicht öffentlich auftreten.

Und die Nachrichtenagentur dpa berichtet unter Berufung auf Klars Anwalt, es sei “ein Berliner Medienrechtler eingeschaltet worden, der bereits eine Abmahnung an die ‘B.Z.’ geschickt habe. Er werde das Blatt auf Unterlassung, Schadenersatz und Vernichtung des Fotomaterials verklagen”.

Bei “Bild” glaubt man aber offenbar, diese Hintergrundinfos den Lesern vorenthalten zu können müssen.

  • Mehr zu “Bild” und ihrem Umgang mit Ex-Terroristen auch hier und hier und hier und hier und hier.

Mit Dank an Andreas F. für den Hinweis.

Nachtrag, 21.12 Uhr: Bezüglich der “B.Z.”-Fotos wurde laut “Tagesspiegel” inzwischen eine Unterlassungsverfügung erwirkt*, die eine erneute Verwendung der Fotos untersage.

*) Nachtrag, 10.1.2009: Dass Klars Anwalt tatsächlich bereits eine Unterlassungsverfügung “erwirkt” hat, können wir bislang nicht bestätigen. Die erneute Veröffentlichung der Paparazzi-Fotos von Christian Klar in “B.Z.” und “Bild” (mehr dazu hier) erweckt zudem einen anderen Eindruck.

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