Wie schon so oft, war es Bild.de auch heute wieder nicht gelungen, die Unkenntlichmachung von Personen zum Schutz ihrer Persönlichkeit konsequent durchzuhalten. Seit gestern abend zeigte Bild.de auf ihrer “News”-Seite einen Teaser (“Inzest-Mutter (21) – 5. Baby! Zum 1. Mal war es nicht der Bruder, sondern ER”), auf dem u.a. die “Inzest-Mutter” und ihr viertes Baby zu sehen sind. Doch während das Gesicht des Kindes im eigentlichen Artikel von Bild.de durch Verpixelung unkenntlich gemacht worden war, fehlte die Unkenntlichmachung im Teaser.
Nachdem wir Bild.de auf die abermalige Inkonsequenz beim Schutz der Persönlichkeit aufmerksam gemacht und um Stellungnahme gebeten hatten, erhielten wir abermals keine Antwort. Abermals aber wurde die unterlassene Unkenntlichmachung anschließend nachgeholt.
Mit Dank an die vielen Hinweisgeber — auch für die Screenshots.
Offenbar wurde bei “Bild” malwieder ausgelost, auf welchen Abbildungen Personen unkenntlich gemacht werden sollen und auf welchen nicht. Und die Auslosung hatte ergeben, dass die Prostituierten, die in einem Bordell arbeiten, das mit Einstiegsgeld von der Arbeitsagentur gefördert wurde, nur in der Druckausgabe und in der Fotogalerie auf Bild.de anonymisiert werden sollen. Auf den Teasern der Einstiegsseiten von Bild.de jedoch lächelten dieselben Frauen seit vergangener Nacht völlig unverpixelt in die Kamera:
Nachdem wir Bild.de auf die Inkonsequenz im Umgang mit dem Persönlichkeitsschutz der abgebildeten Frauen hinwiesen, bekamen wir zwar keine Antwort. Wenig später wurde das Foto jedoch entsprechend bearbeitet und sieht jetzt ungefähr so aus wie auf unserem Ausriss.
Die “Bild”-Zeitung hat sich dazu entschieden, den Namen der Psychologin nicht mehr zu nennen, die sie unter anderem unter der Überschrift “Stephanies Vergewaltiger – Diese Gutachterin ließ ihn laufen” zeigte. Stattdessen hieß die Frau in “Bild” gestern nur noch “Dr. Michaela H. (58)”.
Bei Bild.de musste man in diesem Artikel allerdings nur auf einen Link unter dem Foto der Frau klicken, um ihren wahren Namen zu erfahren (siehe Ausriss; schwarze Balken von uns). Auf unsere Frage an Bild.de, ob das Absicht ist, erhielten wir keine Antwort. Der entsprechende Archiv-Artikel wurde allerdings ersatzlos entfernt.
Bei Bild.de gibt es einen Artikel, in dem ein mutmaßlicher Betrüger nur gepixelt abgebildet ist. Klickt man auf den Link unter dem gepixelten Foto kommt man auf einen Artikel vom Vortag — und dasselbe Foto, ungepixelt.
Und jetzt fragen Sie uns nicht, ob die Anonymisierung von Menschen für Bild.de nur ein Witz oder ein Glücksspiel ist, ob sie von der Tagesform des zuständigen Redakteurs abhängt oder die Pixel bei Bild.de rationiert sind — und ob niemand bei Bild.de mal auf den eigenen Link klickt, um zu sehen, was sich dahinter verbirgt. Wir wissen es nicht, und Antworten auf Fragen bekommen wir von “Bild” seit einiger Zeit nicht.
Danke für die vielen Hinweise!
Nachtrag, 15. Februar. Bei Bild.de liest man anscheinend nicht Bild.de, aber BILDblog: Auch im älteren Artikel ist das Gesicht nun unkenntlich gemacht.
“Alles klar, aber ihr druckt nicht meinen vollen Namen, okay?!”
“Nein, nein, keine Sorge.”
Diese Geschwister, zum Beispiel, die miteinander drei Kinder zeugten, von denen mindestens zwei behindert sind. Dank “Bild” kennt ganz Deutschland das “Inzest-Paar”: ihre Gesichter, ihre Vornamen, ihr Alter, ihren Heimatort. Nur ihre Nachnamen verschwieg das Blatt. Doch bei Bild Online sieht sie jeder, der einen Internet Explorer benutzt und mit der Maus über das Foto fährt. (Rote Balken von uns.)
Oder die ehemalige Geliebte von Frank Zander, die anscheinend mit “Bild” geredet und von der “Bild” auch ein Privatfoto hat, deren Namen das Blatt aber nur als “Michaela M.” abkürzt. Die vermeintliche Diskretion wirkt ein wenig albern, wenn der vollständige Name in den Foto-Informationen steckt, die der Explorer anzeigt.
Es gibt Dinge, die beherrschen sie bei der “Bild”-Zeitung. Das Anonymisieren von Personen gehört nicht dazu (vgl. etwa hier, hier, hier und hier). Da ist diese 16-jährige Vanessa aus Bayern, die im Gefängnis in Ankara sitzt, weil in dem Wagen, in dem sie und ihr Freund unterwegs waren, elf Kilo Heroin gefunden wurden. Den Versuch der “Bild”-Zeitung, das Gesicht der “süßen Schülerin” unkenntlich zu machen, muss man wohl halbherzig nennen: Sie hat nicht einmal den üblichen schwarzen Balken über den Augen bekommen. Stattdessen wurde dieser Bereich ein wenig gepixelt, was der Erkennbarkeit wirklich keinen Abbruch tut.
Die Online-Redaktion wollte die Minderjährige (und ihre Angehörigen) offenbar ein bisschen besser schützen und hat dasselbe Bild anders retuchiert: nämlich mit dem klassischen schwarzen Balken. Richtig gelungen ist das mit der Anonymität allerdings nicht. Denn in die Zusatzinformation, die erscheint, wenn man im Internet Explorer mit dem Mauszeiger über das Bild fährt, hat irgendein Scherzkeks oder Dilettant den kompletten Namen der Verdächtigen geschrieben (siehe Abbildung rechts — der rote Balken über dem Nachnamen ist von uns).
Danke für den Hinweis an Gerhard M., der sagt, dass sowas bei bild.de häufiger vorkommt. In Browsern wie Firefox, Mozilla etc. wird die Namensangabe, die im “ALT”-Tag steckt, übrigens nur sichtbar, wenn man die Anzeige von Bildern abschaltet. Dann zeigt der Browser statt der Grafik den Ersatztext – in diesem Fall die Namensangabe.
Nachtrag 12.10., 9.00 Uhr: Anscheinend ist die halbversteckte Namensnennung bei bild.de tatsächlich gängige Praxis. Wer den vollen Namen eines “Heroin-Mädchens” wissen will, die als 18-jährige in der Türkei verhaftet wurde, muss ebenfalls nur mit der Maus über ihr Foto fahren. (Der rote Balken ist wieder von uns.)
Nachtrag 12.10., 17.00 Uhr: Auch bei “Bild” wird BILDblog gelesen. Seit heute Mittag ist der Nachname von Vanessa verschwunden. Dass das ganze Prinzip der Schein-Anonymisierung durch winzige schwarze Balken eine Farce ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt.
Nachtrag 12.10., 18.00 Uhr:Zugegeben: Das zweite Beispiel mit dem Heroin-Mädchen ist schief. Dessen Name ist längst bekannt aus Auftritten in Funk und Fernsehen.
1. EU-Kommission will Netz mit Alterskontrollen zupflastern (netzpolitik.org, Sebastian Meineck)
Der vollständige Gesetzentwurf zum “EU Kids Act” gehe laut geleakten Dokumenten (PDF) deutlich über bisherige Eckpunkte hinaus und plane weitreichende Zugangshürden für große Teile des Internets. Neben einer Altersgrenze von 15 Jahren für Social-Media-Accounts sollen auch Videospiele, KI-Chatbots, Begleit-KIs und App-Stores verpflichtet werden, ihr Angebot nur noch in einer kindgerechten Version oder nach einer Altersprüfung zugänglich zu machen. Bürgerrechtsorganisationen und der Chaos Computer Club würden den Entwurf stark kritisieren. Die Pläne untergrüben die anonyme Netznutzung, würden eine unausgereifte Überwachungsinfrastruktur erfordern und die Grundrechte einschränken.
2. Ulrich Siegmund: freundlich lächeln, radikal denken (youtube.com, Daniel Bröckerhoff, Video: 48:59 Minuten)
In der aktuellen Folge von “Flugmodus”, dem Videopodcast des NDR-Medienmagazins “Zapp”, geht es um Ulrich Siegmund, den “Feelgood-Rechtspopulisten” der AfD und dessen Arbeitsweise: “In dieser Folge zerlegen wir genau diese Methode – Baustein für Baustein. Warum wirkt ‘der nette Uli’ auf viele so vertrauenswürdig? Was steckt hinter der Taktik der ‘Selbstverharmlosung’? Und warum weicht er Fragen so geschickt mit Gegenfragen aus?”
3. Krawallmedien nicht auf den Leim gehen! (verdi.de, Bärbel Röben)
Rechte Plattformen wie “Nius” und konservative Medien wie “Bild”, “Welt” und “Cicero” hätten die zeitweise Reservierung des vom Berliner Theater Volksbühne initiierten “Volksbads” für Schwarze Kinder zu einer bundesweiten Hetzkampagne über angebliche “Rassentrennung” aufgebauscht, woraufhin das Projekt wegen Gewaltandrohungen abgesagt werden musste. Die Medienwissenschaftlerin Bärbel Röben warnt vor dem Zusammenspiel rechter Krawallmedien mit der bürgerlichen Presse, das gezielt gesellschaftliche “Triggerpunkte” aktiviere und juristisch legitime Schutzräume diffamiere.
4. Meta haftet für Fakeanzeigen bei Facebook und Instagram (spiegel.de)
Das Landgericht Frankfurt habe geurteilt, dass der Social-Media-Konzern Meta für gefälschte Werbeanzeigen und Betrugsprofile auf Facebook und Instagram unmittelbar hafte. Geklagt hätten die Plattform “Finanzfluss” und deren Gründer Thomas Kehl, dessen Name und Gesicht massenhaft für betrügerische Anlage-Scams missbraucht worden seien. Das Gericht habe Metas Argumentation zurückgewiesen, man sei lediglich ein neutraler Speicherplatz. Das Urteil sei noch nicht rechtskräftig.
5. Verbraucherschutzverein geht gegen Sky, Netflix und Apple TV vor (dwdl.de, Timo Niemeier)
Wegen angeblich einseitiger und unzulässiger Preiserhöhungen habe der Wiener Verbraucherschutzverein (VSV) Verbandsklagen gegen Netflix, Apple TV und den Sky-Streamingdienst Wow angekündigt. Der Verein werfe den Anbietern vor, laufende Abonnements über unwirksame AGB-Klauseln verteuert zu haben, ohne die gesonderte Zustimmung der Kundinnen und Kunden einzuholen. Zusammen mit einer Berliner Kanzlei und einem Prozessfinanzierer fordere der VSV Rückzahlungen von 200 bis 700 Euro pro Person. Eine Sprecherin von Sky habe das Vorliegen einer Klage bestätigt, wolle sich wegen des laufenden Verfahrens aber vorerst nicht äußern. Netflix widerspreche den Vorwürfen. Man habe bei Preiserhöhungen in Deutschland stets die Zustimmung der Kundschaft eingeholt.
6. Musikjournalismus zwischen Format und Experiment (dfjv.de, Gunter Becker)
Der Journalist Gunter Becker beschreibt in seinem Beitrag die strukturelle Krise des traditionellen Musikjournalismus in Deutschland, der trotz des allgemeinen Musikbooms unter dem Sterben gedruckter Magazine, zeitlichem Druck und der Verdrängung in Radiorandzeiten leide. Musikerinnen und Musiker würden ihr Publikum heute über Social Media meist direkt erreichen und klassische journalistische Gatekeeper umgehen. Es gebe aber auch neue digitale Auswege und alternative Finanzierungsmodelle.
1. ZDF verteidigt Interview mit AfD-Spitzenkandidat in Kindernachrichten (zeit.de)
Das ZDF habe die Ausstrahlung eines Interviews mit Ulrich Siegmund, dem AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, in der KiKa-Nachrichtensendung “logo!” verteidigt. Dem Sender sei vorgeworfen worden, dem Vertreter eines gesichert rechtsextremen Landesverbands eine Bühne in einem Kinderformat zu bieten. Redaktionsleiterin Constanze Knöchel habe die Vorhaltungen zurückgewiesen. Der öffentlich-rechtliche Auftrag verlange verlässliche Informationen, damit sich auch junge Menschen eine eigene Meinung bilden könnten.
2. Reichweite für Radikale: Wie Medienaktivisten die Pressefreiheit ausnutzen (ardsounds.de, Johannes Leininger, Audio: 24:31 Minuten)
Bei “BR24 Medien” spricht Johannes Leininger mit Maik Fielitz vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena über die Rolle der Medienaktivisten im Wahlkampf der AfD und über die handfesten Vorteile, die sich manche von ihnen bei einem AfD-Wahlsieg erhoffen würden: “Weil Streamen recht prekär ist, versuchen Streamer, sich sehr nah an die AfD anzuschmiegen, weil man dadurch einerseits Medienpartnerschaften erwartet, aber auch in Sachsen-Anhalt eventuell zukünftige Jobs, die die AfD in diesem Sektor versprechen würde.”
3. Zwei Männer im “Blaulichtprozess” zu Haftstrafen verurteilt (mdr.de)
Das Landgericht Dessau-Roßlau habe zwei Männer wegen mehrfacher Brandstiftung im Raum Bitterfeld-Wolfen zu Freiheitsstrafen verurteilt. Die Angeklagten hätten im Sommer 2025 vorsätzlich Brände an Gebäuden, Wäldern und Feldern gelegt und dabei Sachschäden im sechsstelligen Bereich verursacht. Als freie Pressefotografen hätten sie exklusive Blaulichtaufnahmen für Soziale Medien produzieren und an Redaktionen verkaufen wollen. Das Urteil sei noch nicht rechtskräftig.
4. Bernhard Pörksen warnt: “Zu viel Misstrauen unterspült unser Realitätsempfinden” (fr.de, Lisa Berins)
Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen warnt im Interview davor, dass die Schwemme von synthetischen KI-Inhalten und Deepfakes eine “entfesselte Pseudo-Skepsis” befeuere. Wenn Bürgerinnen und Bürger aus Misstrauen potenziell alles für gefälscht halten, erodiere das Realitätsempfinden, was eine zentrale Ursache für die gesellschaftliche Gereiztheit darstelle. Gleichzeitig erschwere die von Digitalkonzernen forcierte Aufmerksamkeitsökonomie konzentriertes Zuhören und verletze die Grundlagen des demokratischen Dialogs.
5. Erst berichten, dann recherchieren: Der angebliche OP-Skandal um Bablers Vater (kobuk.at, Andrea Gutschi)
Andrea Gutschi analysiert die Berichterstattung der österreichischen “Kleinen Zeitung” und nachziehender Medien rund um eine angebliche Bevorzugung des Vaters von Vizekanzler Andreas Babler bei einem Krankenhaustermin. Ausgehend von einer parlamentarischen FPÖ-Anfrage und anonymen Klinikquellen habe die Redaktion über eine vermeintlich ungerechtfertigte Begünstigung berichtet, ohne zuvor eine Stellungnahme des betroffenen Krankenhauses einzuholen. In der späteren Berichterstattung zu dem Fall lasse sich der Vorwurf nicht erhärten.
6. Vereinte Nationen stimmen auf Antrag Togos für Reform der Weltkarte (spiegel.de)
Die UN-Generalversammlung habe mit großer Mehrheit eine Resolution verabschiedet, die eine schrittweise Abkehr von der traditionellen Mercator-Weltkarte einläute. Das von Togo eingebrachte Vorhaben “Correct the map” fordere weltweit Regierungen, Bildungseinrichtungen und Digitalkonzerne dazu auf, flächentreue Alternativen wie die Equal-Earth-Projektion zu nutzen. Dahinter stecke der Wunsch, die gravierenden Größenverzerrungen, insbesondere die systematische optische Verkleinerung des afrikanischen Kontinents, auf Weltkarten zu beheben. Als einziger Staat hätten die USA gegen den Beschluss votiert.
1. Die stille Selbstabschaffung (journalist.de, Martin Andree & Stephan Weichert)
Die Medienwissenschaftler Martin Andree und Stephan Weichert appellieren an Journalistinnen und Journalisten, der schleichenden Verlagerung der öffentlichen Kommunikation Richtung der Kontrolle durch marktbeherrschende Tech-Konzerne entgegenzutreten. Die Autoren formulieren fünf Handlungsschritte für die Branche: die Gefährdung der eigenen Infrastruktur selbst zum Medienthema zu machen, Reichweiten wieder auf eigenen Kanälen aufzubauen, den Regulierungsdruck für faire Wettbewerbsbedingungen zu verstärken, medienübergreifende Allianzen zu schmieden und den Einsatz für die institutionellen Voraussetzungen der Pressefreiheit als journalistisches Selbstverständnis zu begreifen.
2. Meta kauft sich frei (netzpolitik.org, Sebastian Meineck)
Sebastian Meineck kritisiert den Vergleich der US-Bundesstaaten in der Auseinandersetzung mit dem Facebook- und Instagram-Mutterkonzern Meta bezüglich der zahlreichen Versäumnisse beim Jugendschutz: “Es wäre eine historische Chance gewesen, mit weltweiter Signalwirkung. Es hätte das Leben junger Menschen nachhaltig verbessern können, auch über die nächsten fünf bis zehn Jahre hinaus. Aber, und hier zeigt sich die unrühmliche Gemeinsamkeit von Klägern und Beklagtem: Das Geld war wichtiger.”
3. 56 Empfehlungen und trotzdem eine Lücke (belltower.news, Charlotte Lohmann)
Die Expertenkommission “Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt” habe mit 56 Handlungsempfehlungen eine Abkehr von verengten Verbotsdebatten vorgelegt, indem sie den Schutz und die Befähigung junger Menschen in den Mittelpunkt stelle und Plattformen stärker in die Pflicht nehme. In ihrem Kommentar argumentiert Charlotte Lohmann, dass dem Bericht eine entscheidende Dimension fehle: die aufsuchende pädagogische Präsenz. Als “Empfehlung 57” empfiehlt sie daher eine dauerhaft finanzierte Offensive für “Digital Streetwork”.
4. Schlechte Zeiten für Lokaljournalismus (verdi.de, David Bieber)
Die Mediengruppe DuMont schließe im Zuge des digitalen Umbaus beim “Kölner Stadt-Anzeiger” (“KStA”) die Rheinische Redaktionsgemeinschaft zum 30. September, wodurch 57 Vollzeitstellen wegfallen würden. Demgegenüber stünden 30 neu zu schaffende Digitalstellen. Gewerkschaften kritisieren den Schritt als schweren Schlag für den regionalen Journalismus und vermuten Einsparungsabsichten. Die “KStA”-Chefs würden die Neuaufstellung mit sinkenden Printauflagen sowie der verstärkten Automatisierung von Produktionsschritten mithilfe von KI begründen.
5. Creator Economics: Was Meta, Snapchat, TikTok & YouTube zahlen (dwdl.de, Simon Pycha)
Simon Pycha analysiert die zunehmend restriktiven Monetarisierungsmodelle großer Plattformen wie Facebook, TikTok, Snapchat und YouTube. Ab Februar 2027 verdopple YouTube die Zugangshürden für sein Partnerprogramm drastisch auf 8.000 Wiedergabestunden beziehungsweise 20 Millionen Shorts-Views, was kleineren Kanälen den Zugang zu Werbeerlösen massiv erschwere. Die offengelegten Einnahmen des Vollzeit-Creators Paul Bunne verdeutlichten zudem, dass sinkende Klickvergütungen und undurchsichtige Abrechnungskriterien die reinen Plattformhonorare schrumpfen lassen.
6. Wem gehört das Spiel? (taz.de, Martin Seng)
Rund zweieinhalb Monate vor dem geplanten Erscheinen des Videospiels “Grand Theft Auto VI” werde die Marketingstrategie von Computerspiele-Entwickler Rockstar Games durch massive Vorab-Leaks durchkreuzt. Eine anonyme Quelle mit dem Pseudonym “Cyberleek” veröffentliche seit Mitte August fast täglich Spielszenen aus einer offenbar spielbaren Entwicklerversion und verbinde dies mit Kritik an digitalen Monopolen, dem Ende physischer Datenträger sowie der berüchtigten Arbeitskultur bei Rockstar. Allerdings entpuppe sich der aktivistische Coup zunehmend als eigennütziges Projekt.
1. “Exxpress”-Schwesterportal “Nius” kostet Financier Gotthardt eine Million Euro pro Monat (derstandard.at, Harald Fidler)
Der deutsche Software-Unternehmer Frank Gotthardt habe gegenüber der “Zeit” (nur mit Abo lesbar) offengelegt, dass ihn die von Ex-“Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt geführte Plattform “Nius” monatlich rund eine Million Euro oder mehr koste. Die Betreibergesellschaft halte zudem die Mehrheit am österreichischen Onlineportal “Exxpress”. Trotz kumulierter Verluste im zweistelligen Millionenbereich in den vergangenen Jahren verteidige Gotthardt sein finanzielles Engagement als Gegenpol zum aus seiner Sicht belehrenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
2. Was sollte das eigentlich? Vor 5 Jahren startete Bild TV (dwdl.de, Thomas Lückerath)
Fünf Jahre nach dem Sendestart von “Bild TV” rekapituliert Thomas Lückerath das Scheitern des linearen TV-Projekts des Axel-Springer-Verlags: “Boulevard-Journalismus der ‘Bild’ funktioniert maßgeblich über Zuspitzung in Schlagzeilen. Legendär sind Titelseite a la ‘Wir sind Papst’. Schlagzeilen, egal ob online oder gedruckt, die bleiben. Doch in mehrstündigen Live-Strecken versendet sich Gesagtes, lässt sich nur bedingt wiederholen. Bild TV lieferte viel Sendestrecke, aber das Medium lässt weniger Pointierung zu.”
3. Und am Wochenende ist Disco mit Peter (taz.de, Doris Akrap)
Doris Akrap porträtiert die Magdeburger “Volksstimme” und deren Redaktionsalltag unter Chefredakteur Marc Rath. Trotz des digitalen Medienwandels und anhaltender Auflagenverluste behaupte sich das Blatt als auflagenstärkste Regionalzeitung Sachsen-Anhalts. Die Redaktion sehe sich und ihren bodenständigen Lokaljournalismus auch gegenüber politischem Druck und gesellschaftlichen Spannungen gut gerüstet.
4. Juristin Brosius-Gersdorf fordert besseren Schutz vor Hass im Netz (zeit.de)
Die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf spreche sich im Interview mit dem “Tagesspiegel” für schärfere gesetzliche Vorgaben gegen Hetze und Desinformation auf Onlineplattformen aus. Soziale Netzwerke seien zwar ein demokratischer Gewinn für die freie Meinungsäußerung, brächten durch Anonymität jedoch erhebliche Gefahren mit sich. Sie plädiere daher für eine Verpflichtung der Plattformen, bei der Registrierung Klarnamen und Adressen der Nutzerinnen und Nutzer zu erfassen. Dies ermögliche später einen Auskunftsanspruch.
5. Medien und Boulevard: Der Superlativ ist nicht super (fr.de, Tanjev Schultz)
Journalistik-Professor Tanjev Schultz kritisiert in seinem Beitrag für die “Frankfurter Rundschau” den inflationären Einsatz von Superlativen und Zuspitzungen in der Berichterstattung verschiedener Medien. Anhand von Artikeln über die vermeintlich “gefährlichste Schule Deutschlands” oder Schlagzeilen, die einzelne Politiker zum “gefährlichsten Mann” des Landes erklären, warnt Schultz vor einer Erosion journalistischer Standards. Die permanente Skandalisierung und Personalisierung führe zu einer sprachlichen Verrohung und drohe, das Publikum abzustumpfen.
6. Kinder von Robin Williams kämpfen gegen KI-Williams auf Social Media – bei Social Media (spiegel.de)
Zwölf Jahre nach dem Tod von Schauspieler Robin Williams hätten seine drei Kinder den seit 628 Wochen stillgelegten Instagram-Account ihres Vaters reaktiviert. Sie würden der Flut an KI-generierten Fälschungen, die Stimme und Aussehen des Komikers imitieren, ein authentisches, verlässliches Archiv entgegensetzen wollen. Tochter Zelda Williams sehe darin die beste Handhabe, um das künstlerische Erbe ihres Vaters vor Verwässerung und Missbrauch zu schützen.
7. Ave Maria in der Endzone (mit Lorenz Meyer) (youtube.com, Gavin Karlmeier, Video: 1:02:44 Stunden)
Zusätzlicher Link, da in eigener Sache: Gavin Karlmeier und der “6-vor-9”-Kurator analysieren bei “Haken dran” den Auftakt des US-Prozesses gegen Meta, in dem die Richterin den Versuch des Social-Media-Konzerns, den ehemaligen Mitarbeiter und Kronzeugen Arturo Béjar per Verfahrensantrag auszuschließen, abgewiesen habe. Béjar belaste die Unternehmensführung schwer. Er werfe Mark Zuckerberg vor, Profit und Verweildauer über den Schutz Minderjähriger gestellt zu haben. Außerdem geht es um die Untersuchungen gegen TikTok wegen riskanter Algorithmen-Tests bei Jugendlichen, um Metas smarte Kamerabrillen sowie um die Kontroverse um die W-Social-Plattformchefin Anna Zeiter.