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Nuhr Einsicht oder Nuhr eingeknickt?, Hayali-Dreh, “Rolling Stone”-Cover

1. Dunja Hayali bricht ZDF-Dreh bei Demo gegen Corona-Regeln ab
(tagesspiegel.de)
Die ZDF-Journalistin Dunja Hayali hat sich für einen Dreh unter die Demonstrierenden gegen die Corona-Maßnahmen gemischt, brach die Dreharbeiten jedoch wegen Sicherheitsbedenken vorzeitig ab (die gesamten 37 Minuten des Drehs gibt es bei Instagram). Der Deutsche Presserat kritisiert den Vorfall auf Twitter: “Es ist absolut unakzeptabel, wenn Journalisten ihre Arbeit nicht machen können, weil sie beschimpft und bedroht werden. Der Schutz von Journalisten muss dringend verbessert werden!” Es gibt jedoch auch andere Sichtweisen auf den Vorfall. Autor und Journalist Franz Sommerfeld kritisiert Hayalis Vorgehen: “Sie versteht sich als journalistische Aktivistin. Sie will einzelne Demonstranten überzeugen, wenn das nicht gelingt, sie zumindest wegen der Absurdität ihrer Vorstellungen bloss stellen. Sie meint es gut. Aber das misslingt natürlich. Und nun zeigt sich Dunja Hayali in ihrem Schlusskommentar beleidigt und gekränkt, weil jeder ihr etwas anderes vorhält, und freut sich noch einmal auf ihren ‘schmutzigen’ Hund. Das wäre zu vermeiden gewesen, wenn die Journalistin professionelle Distanz gewahrt hätte. Damit hätte sie ihrem Anliegen mehr gedient.”

2. Kanzel Culture
(hellojed.de, Moritz Hoffmann)
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wirbt zu ihrem 100-jährigen Bestehen für die Wissenschaft und setzt dazu verschiedene prominente Fürsprecherinnen und Fürsprecher ein. Eines der Testimonials stammt von Komiker Dieter Nuhr, dem Kritiker ein gebrochenes Verhältnis zur Wissenschaft vorwerfen – sie lehnen ihn als Werbegesicht für die Kampagne ab. Moritz Hoffmann kommentiert: “Das eigentliche Thema muss die DFG sein. Sie hat Nuhr angefragt, sie hat Nuhr abgenommen, sie hat Nuhr veröffentlicht, sie hat Nuhr auf den sozialen Netzwerken beworben und sie hat nach ein paar Stunden kritischem Gegenwind beschlossen, ohne weitere Erklärungen eine Kehrtwende zu vollziehen. Das alles spricht nicht für besonders viel Denkaufwand, es spricht für wenig Souveränität und für einen bemerkenswerten Mangel an Einfühlungsvermögen in die verschiedenen Arten, auf denen im Jahr 2020 in Deutschland Sachverhalte ausverhandelt werden.”
Weiterer Lesehinweis: Auch von anderer Seite wird Kritik an die DFG herangetragen. Diesmal jedoch nicht wegen des Testimonials von Dieter Nuhr, sondern wegen des vermeintlichen “Einknickens” der Forschungsgemeinschaft: “Damit gibt die DFG auf erbärmliche Weise ihre Prinzipien preis. Sie leistet als Wissenschaftsorganisation einen Offenbarungseid.” (faz.net, Michael Hanfeld)

3. Bewusst exponiert
(taz.de, Peter Weissenburger)
Die österreichische Journalistin Natascha Strobl schreibt bevorzugt über Rechtsextremismus und gerät damit immer wieder in den Fokus eines rechtsradikalen Mobs, der sie beschimpft und bedroht. Nach einem Beitrag eines “Welt”-Kolumnisten mit dem Namen “Don Alphonso” erlebt sie eine besonders stark ausgeprägte Hasswelle.
Weiterer Lesehinweis: In der “Frankfurter Rundschau” spricht Strobl über die massiven Drohungen, die ihr gegenüber ausgesprochen werden, und über ihren Widersacher “Don Alphonso”: “Ich bin da nicht die erste und werde nicht die letzte Frau sein, die er so angeht. Und das zweite ist, dass er ein sehr großes Problem mit eher links stehenden Menschen hat. Da geht es nicht um Meinungsaustausch, er will sie einfach persönlich zerstören. Das ist alles ganz offensichtlich durch persönliche Motivation getrieben, aber es ist auch ein Geschäftsmodell.”

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4. Lässt sich TikTok überhaupt verbieten?
(zeit.de, Anna-Lena Schlitt)
US-Präsident Donald Trump will die chinesische Videoplattform TikTok – zumindest in den USA – verbieten. Als Grund dafür wird die Befürchtung genannt, die App könne heimlich die Daten der Nutzerinnen und Nutzer an China weitergeben. Ist ein derartiges Verbot überhaupt möglich? Und wie könnte es umgesetzt werden? Gibt es bereits TikTok-Verbote? Und könnte TikTok verkauft werden? Anna-Lena Schlitt gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

5. Die perfekte Welle
(journalist.de, Jennifer Garic & Olaf Wittrock)
Wie leicht nachzuvollziehen ist, bestimmt die Corona-Pandemie seit Monaten die Berichterstattung, doch die Nachrichtenflut ebbe langsam ab. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erkennten darin ein wellenförmiges Muster: Nach spätestens drei Monaten träten Gewöhnungs- und Ermüdungseffekte ein, das mediale Interesse lasse nach. Jennifer Garic und Olaf Wittrock von der Wirtschaftsredaktion “Wortwert” haben sich die Wellenbildung anhand der bisherigen Corona-Berichterstattung angeschaut.

6. Wie es einmal fast zwei Frauen aufs Cover des “Rolling Stone” schafften
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
In der Musik-Zeitschrift “Rolling Stone” ist ein längeres Interview erschienen, in dem die Soulsängerin Joy Denalane und die Rockmusikerin Ilgen-Nur über Rassismus, Sexismus und Homophobie in der Musikindustrie sprechen. Beide Künstlerinnen gingen davon aus, dass ihr Gespräch die Cover-Geschichte des Heftes werden würde, es habe auch ein entsprechendes Cover-Shooting gegeben. Schlussendlich sei das Magazin jedoch den vermeintlich sicheren Weg gegangen und habe Altrocker Bruce Springsteen aufs Cover gehoben. Stefan Niggemeier kommentiert: “Während das amerikanische Schwesterblatt politischer und diverser geworden ist, will der deutsche Ableger lieber nicht riskieren, seine Stammleser mit nicht-weißen Frauen auf dem Cover zu verschrecken, nicht einmal, wenn der Sexismus und Rassismus der Branche Thema im Heft ist. Es hätte ein kleines Statement werden können in Zeiten, in denen einiges in Bewegung gerät, dass man sich mitbewegt.”

Gefährliche Wendung, Prinzenfonds, Bitcoin-Hack und Bitcoin-Werbung

1. Gefährliche Wendung
(taz.de, Levent Tezcan)
Die Debatte über Rassismus nimmt laut Levent Tezcan, Professor am Institut für Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, eine gefährliche Wendung: “Mit einem quasireli­giö­sen Furor will eine neue Generation People of ­Color jede auch noch so verborgene rassistische Regung in der Seele ausrotten. Selbst die Liberalen, gar die Linken, die immer schon ein sicherer Hafen für die Fremden im Lande waren, sind nicht mehr davor gefeit, als Rassisten gebrandmarkt zu werden.”

2. Prinzenfonds hilft Journalisten
(deutschlandfunk.de, Christian Orth, Audio: 7:41 Minuten)
Wer über die Forderungen der Hohenzollern an den Bund und den Umgang der Familie mit journalistischer Berichterstattung schreibt, sollte sich darauf einrichten, eventuell am nächsten Tag Anwaltspost im Briefkasten zu haben. Arne Semsrott (“FragDenStaat”) kommentiert im Deutschlandfunk: “Aus meiner Sicht ist dieser Versuch, gegen alle möglichen Medien mit Abmahnungen, vielleicht dann auch mit einstweiligen Verfügungen, vorzugehen, der Versuch, die öffentliche Meinungsbildung stark zu beeinflussen. Und ich glaube, das ist teilweise tatsächlich auch erfolgreich aus Sicht von Herrn von Preußen. Denn ich sehe es ja an mir selbst und wie ich meine Worte wähle, und viele andere Journalistinnen, mit denen ich rede, auch – es wird dann doch schon zwei Mal überlegt, ob man tatsächlich einen Beitrag machen soll mit Herrn von Preußen”. “FragDenStaat” habe deshalb einen Rechtshilfefonds für Abmahnopfer eingerichtet, der sich aus Spenden der Community speist: den “Prinzenfonds”.

3. Google News ab sofort mit neuem Layout und einer Quelle pro Nachricht
(t3n.de, Patrick Büttgen)
Vor einem Jahr habe Google optische Änderungen für seine News-Suchergebnisse angekündigt, nun wurden sie offensichtlich umgesetzt. Technikjournalist Patrick Büttgen hat sich das neue Layout angeschaut, das aufgeräumter wirke, jedoch nicht nur Gutes mit sich bringe: Google zeige fortan nur eine Quelle pro Nachricht an, was zu Trafficverlusten der anderen Quellen führe.

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4. Techkonzerne gehen gegen von Trump geteilte Videos vor
(spiegel.de, Max Hoppenstedt)
Facebook, Twitter und Youtube gehen gegen Videos vor, in denen Falschinformationen zum Maskentragen und zum angeblichen Corona-Heilmittel Hydroxychloroquin verbreitet werden. Ein Präparat, das US-Präsident Donald Trump zum Entsetzen von Fachleuten als mögliches “Geschenk des Himmels” bezeichnet. Die Löschaktion wirkte sich auch auf Trumps Twitter-Account aus: Er hatte das Videomaterial öffentlich geteilt.
Weiterer Lesehinweis, weil damit in Zusammenhang stehend: Trump zweifelt an seiner Persönlichkeit: “Niemand mag mich” (fr.de, Anna-Katharina Ahnefeld).

5. Immer Ärger mit dem Rechtsstaat | Fahrradstraßen | Stadt duldet Gehwegparken
(rums.ms, Ralf Heimann)
Wer sich anschauen will, wie Lokaljournalismus der Zukunft aussehen könnte, sollte einen Blick auf “Rums” werfen. Dort findet Regionalberichterstattung rund um Münster statt, jenseits der verstaubten Klischees und auf eine frische und zeitgemäße Art. Ergänzt wird das Angebot durch Kolumnen von prominenten Stadtkindern wie Marina Weisband, Ruprecht Polenz und Klaus Brinkbäumer. Ein Projekt, das durchaus Vorbild für andere Regionen sein könnte.
Transparenzhinweis: Ralf Heimann schreibt auch für BILDblog. Zum Beispiel in seiner viel beachteten Serie über Fehlerkultur im Journalismus: Kleine Wissenschaft des Fehlers.

6. So leicht war es, Promis auf Twitter zu hacken
(zeit.de, Meike Laaff)
Am 15. Juli sorgte ein Hack für Verwirrung in der Twitter-Gemeinde: Promis wie Barack Obama, Joe Biden, Elon Musk, Jeff Bezos und Kim Kardashian schienen ein vermeintlich lohnendes Bitcoin-Investment zu versprechen – ihre Accounts waren zuvor gehackt worden. Wie konnte das geschehen? Wer steckt hinter den Angriffen? Und was befürchten Experten angesichts dieses Hacks? Meike Laaff ordnet den Fall ein, der auch mit Blick auf die bevorstehenden US-Wahlen besorgniserregend erscheint.
Weiterer Lesetipp: Michael Nöhrig macht in seinem Blog auf einen Fall von Bitcoin-Abzocke aufmerksam, bei dem man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll: “Da berichtet ein STANDARD-Artikel darüber, wie betrügerische Bitcoin-Werbung mit Prominenten getrieben wird, und die via AdSense zugeschaltete betrügerische Clickbait-Werbung bewirbt, akkurat!, eine ‘Sonderbericht’-Fakeseite, auf der betrügerische Bitcoin-Werbung mit Prominenten getrieben wird”.

Einzelfall Vergessenwerden, Eva Herman, Corona-Reisejournalismus

1. Google darf wahre Berichte zeigen
(taz.de, Christian Rath)
Der Bundesgerichtshof (BGH) hat eine wichtige Entscheidung zum sogenannten “Recht auf Vergessenwerden” gefällt, das auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2014 zurückgeht. Demnach können Privatpersonen von Google verlangen, bestimmte Resultate des Suchergebnisses zu ihrer Person entfernen zu lassen. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn laut der aktuellen BGH-Entscheidung müssen die Grundrechte der Beteiligten gegeneinander abgewogen werden: “Auf der einen Seite steht das Persönlichkeitsrecht des Antragstellers, auf der anderen Seite die unternehmerische Freiheit von Google, die Pressefreiheit des verlinkten Mediums sowie das Informationsinteresse der Öffentlichkeit.” Damit sei es jedes Mal als Einzelfallentscheidung zu betrachten.

2. Weiß ist nicht gleich objektiv
(projekte.sueddeutsche.de, Theresa Hein & Hadija Haruna-Oelker)
Die “Süddeutsche” lässt in einer neuen Artikelreihe Medienschaffende zu Wort kommen, die darüber schreiben, wie Journalismus diverser werden kann. Den Anfang macht die Politologin und Journalistin Hadija Haruna-Oelker, die sich zur Wirkung von Sprache, Gewohnheitslösungen in Redaktionen und dem Konzept des sogenannten “Allys” (Unterstützer) äußert.

3. Wegen Datenabfrage: Facebook klagt gegen EU-Wettbewerbsaufsicht
(derstandard.at)
Es klingt zunächst ein wenig lustig, wenn sich ausgerechnet die Datensammler von Facebook darüber beschweren, man habe ihnen zu viele Daten abverlangt. Doch es ist tatsächlich so: Der Netzwerkriese gehe gerichtlich gegen die europäische Wettbewerbsaufsicht wegen deren Datenabfrage vor. Die Kommission habe laut Facebook Informationen angefordert, die “über das Nötigste hinausgingen”.

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4. Aus für “Aufwachen”-Podcast
(radioeins.de, Jörg Wagner, Audio: 1:14:10 Stunden)
Im aktuellen radioeins-“Medienmagazin” von Jörg Wagner geht es unter anderem um das Ende des medienkritischen “Aufwachen”-Podcasts. Wagner hat dafür Tilo Jung, einen der beiden Podcast-Macher, sowie den “Aufwachen”-Dauergast Hans Jessen ins Studio eingeladen und sie zu den Gründen befragt (ab Minute 22:52). Die Folge ist natürlich auch im Podcastplayer zu hören – dazu nach “radioeins” und “Medienmagazin” suchen, die Folge herunterladen oder gegebenenfalls den Podcast komplett abonnieren.

5. Keine Reisen, keine Reiseberichte
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 5:11 Minuten)
Der professionelle Reisejournalismus hat es in der Vergangenheit wahrlich nicht leicht gehabt. Die Welt ist zusammengerückt, auf diversen Plattformen gibt es Videos und Berichte aus fernen Ländern in schier endloser Zahl und zur freien Verfügung. Die aktuelle Pandemie stellt die Tourismus-Branche vor große Herausforderungen und sorgt für zusätzliche Schwierigkeiten. Annika Schneider berichtet vom Reisejournalismus unter Corona.

6. Geschäfte mit dem Weltuntergang: Der tiefe Fall der Eva Herman
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Wie konnte es nur dazu kommen, dass eine einst respektierte ARD-Moderatorin wie Eva Herman in die Verschwörungswelt abtauchte und von Kanada aus eine sechsstellige Anzahl von Fans mit Telegram-Statements und Videos versorgt? Matthias Schwarzer zeichnet die vergangenen 17 Jahre in der Karriere der ehemaligen “Tagesschau”-Sprecherin nach.

Lanz-Liebeserklärung, “Princess of Science”, Rechtschreibungsfehler

1. Schluss mit Peter Lustig
(sueddeutsche.de, Johannes Nebe)
“Princess of Science”, so lautet der Name des neuen Kika-Wissensmagazins. In insgesamt acht Folgen geht es darum, wie sich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik im Alltag von Kindern und Jugendlichen auswirkt. Wer sind die drei Moderatorinnen des Wissensmagazins, die allesamt aus der Wissenschaft kommen? Und sind Sendungstitel und Aufmachung tatsächlich zu kritisieren, wie es vor allem auf Twitter der Fall gewesen sei?

2. Buch: Leiser Abschied vom Journalismus
(medienwoche.ch, Lothar Struck)
Birk Meinhardt war lange Zeit ein etablierter und preisgekrönter Reporter der “Süddeutschen Zeitung”, doch irgendwann “entfremdeten” sich Medium und Journalist. Über eben jene Entfremdung hat Meinhardt ein Buch geschrieben (“Wie ich meine Zeitung verlor”). Rezensent Lothar Struck kann die Ansichten des Autors an vielen Stellen nicht teilen: “Meinhardt dokumentiert einen leisen Abschied von einem Ideal, das es vielleicht so nie gegeben hat.”

3. Er will’s wirklich wissen
(taz.de, Peter Unfried)
Der Chefreporter der “taz”, Peter Unfried, hat eine Art Liebeserklärung an den ZDF-Moderator Markus Lanz verfasst. Er geht dabei auch auf die vielfach geäußerte Kritik an Lanz ein (wie zum Beispiel am Gespräch mit Sahra Wagenknecht ) beziehungsweise versucht, sie zu entkräften. Es ist einer dieser Texte, bei denen es sich lohnt, auch andere Stimmen zu hören (oder diesen immer noch aktuellen Text von Stefan Niggemeier aus dem Jahr 2012 zu lesen).
Weiterer Lesehinweis aus der Feder des “6 vor 9”-Kurators (Archiv): Die Moderationskarten von Markus Lanz für die Gottesmutter (Teil des satirischen Adventskalenders auf “Übermedien”).

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4. Warum Rechtschreibung in der Kultur der Digitalität an Bedeutung verliert
(schulesocialmedia.com, Philippe Wampfler)
Die Digitalisierung und die damit verbundenen Einsparmaßnahmen wirken sich gelegentlich an überraschenden Stellen aus, wie man gerade in der Schweiz sehen kann. Dort hätten Schweizer Medienkonzerne damit begonnen, Korrektorate zuerst ins Ausland auszulagern, dann ganz abzuschaffen. Mit fatalen Folgen hinsichtlich der Orthografie, wie die Korrektoratsleiterin der “Schaffhauser Nachrichten” Jaqueline Preisig auf Twitter an einem Beispiel festgemacht hat. Philippe Wampfler kommentiert: “Korrekturabteilungen einzusparen ist eine (falsche) Antwort auf die Frage, [wie] mit dem (vermeintlichen) Produktionsgewinn umgegangen werden soll.”
Weiterer Lesehinweis: “Bei grossen Schweizer Medienkonzernen, allen voran bei der TX Group, werden Korrektorinnen zur bedrohten Spezies. Wie lange kann beim Korrektorat gespart und abgebaut werden, ohne dass die Qualität leidet?” Daniel Meyer schreibt in der “Republik” über “Die Lücke, die uns ersetzt”.

5. Panama Papers: Anonyme Suchmaschine für Journalisten
(heise.de, Stefan Krempl)
Das Internationale Netzwerk investigativer Journalisten hat eine Schweizer Universität mit der Entwicklung eines “Datashare Networks” beauftragt, eines nach eigenen Angaben “vollständig anonymen dezentralen Forschungs- und Informationsaustauschsystems”. Damit solle es den mehr als 200 Mitgliedern in 70 Ländern leichter gemacht werden, über das Internet zusammenzuarbeiten und umfangreiche Datenpakete mit Data-Mining-Techniken zu analysieren. Stefan Krempl erklärt, wie das innovative System funktioniert.

6. Spotify reagiert auf Kundenkritik und löscht rechtsextreme Musik von Plattform
(rnd.de)
Nach zahlreichen Protesten hat der Musikstreamingdienst Spotify die Songs des als Rechtsextremist eingestuften Musikers Chris Ares von der Plattform entfernt. Bei Amazon Music und Deezer seien die Ares-Lieder gar nicht erst abrufbar gewesen. Doch beim, im Vergleich zu Spotify wesentlich kleineren, Anbieter Apple Music stünden die Titel noch immer zum Download bereit.

“Probleme bei der Rechteklärung”, Ver­un­glimp­fung von Frauen, Burda

1. Warum die ARD “Wuhan – Chronik eines Ausbruchs” kurzfristig abgesetzt hat
(spiegel.de, Klaus Raab)
Gestern Abend sollte im Ersten die SWR-Doku “Wuhan – Chronik eines Ausbruchs” ausgestrahlt werden. Die Produktion war im Vorfeld stark kritisiert worden, vor allem wegen der Verwendung von Filmmaterial einer chinesischen Propagandastelle. Nun kam es zu einer kurzfristigen Absetzung des Films, bei der vor allem die Begründung überraschte: Es gebe “Probleme bei der Rechteklärung”. Klaus Raab erklärt, was es damit auf sich hat.

2. Ver­un­glimp­fung von Frauen kann Volks­ver­het­zung sein
(lto.de)
Ein Mann hatte auf seiner Internetseite Frauen in zahlreichen Beiträgen als “Menschen zweiter Klasse”, “minderwertige Menschen” und “den Tieren näherstehend” bezeichnet und war dafür zunächst wegen Volksverhetzung verurteilt, danach jedoch freigesprochen worden. Nun hat das Oberlandesgericht Köln den Freispruch aufgehoben. Hauptanwendungsbereich der Volksverhetzung sei zwar immer noch rechtsradikale Hetze gegen Minderheiten, diskriminierende Äußerungen gegen Frauen seien jedoch auch vom Tatbestand erfasst.

3. RTL startet neuen Sender für Kinder
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 4:47 Minuten)
In Deutschland existieren zahlreiche Radiosender, doch das Hörfunkangebot für Kinder ist relativ begrenzt. Nun will Super RTL mit seinem neuen Sender Toggo die Lücke schließen. Doch wie groß ist der Markt eigentlich? Zumindest bei den Öffentlich-Rechtlichen habe man das Angebot reduziert: Der Kinderradiokanal KiRaKa sei vergangenes Jahr eingestellt worden, das bekannte Kindermagazin “Kakadu” gebe es nur noch digital auf Abruf. Michael Borgers hat bei einem Experten für Kinderradio nachgefragt.

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4. Nichtrassistische Sprache: Abschied von Blacklist und Whitelist
(heise.de, Matthias Parbel)
In der Softwareentwickler-Szene gebe es derzeit Diskussionen, wie man sich im Sinne einer diskriminierungsfreien Sprache von althergebrachten Fachtermini wie “Master” und “Slave” oder “Blacklist” und “Whitelist” lösen kann. Ganz neu seien die Vorstöße jedoch nicht. Beispielsweise habe das Drupal-Projekt bereits 2014 entsprechende Neudefinitionen vorgenommen, denen sich andere Entwicklerinnen, Entwickler und Teams angeschlossen hätten.

5. Newsletter Netzwerk Recherche, Nr. 186, 15.06.2020
(netzwerkrecherche.org, Daniel Drepper & Albrecht Ude)
Das Netzwerk Recherche widmet sich vornehmlich der “Förderung der Bildung durch Vermittlung von Recherchetechniken, Vermittlung von Wissen über professionelle Recherche zur Qualitätssteigerung der Medienberichterstattung, Erfahrungsaustausch über investigativen Journalismus”. Der Verein wird in der Branche für seine Jahreskonferenz geschätzt, eine Art Pflichtveranstaltung für Journalisten und Journalistinnen mit und ohne Rechercheambitionen. Und gelegentlich gibt es einen Newsletter, der eine wahre Fundgrube an weiterführenden Links und spannenden Beiträgen ist und allen Medieninteressierten ausdrücklich empfohlen werden kann.

6. Burda erweckt Fake-Tochter von Prinzessin Diana zum Leben
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Regenbogenpresse-Experte Mats Schönauer macht auf einen besonders beschämenden Fall von Betrug an Leserinnen und Lesern aufmerksam: Die Burda-Zeitschrift “Freizeit Spaß” präsentiert die angebliche Tochter von Prinzessin Diana (“Lady Di”) und spricht dabei von einer “sensationellen Enthüllung”. Sensationell ist dabei jedoch höchstens, wie scham- und gewissenlos die Geschichte zusammengebaut und zusammengelogen wurde.

Billiger Ruf nach härteren Strafen, Umstrittene Wuhan-Doku, Irrglaube

1. Härter, härter, härter
(diekolumnisten.de, Heinrich Schmitz)
Der Jurist Heinrich Schmitz kommentiert die neue “Bild”-Kampagne für höhere Strafen bei Kindesmissbrauch und “Kinderpornographie”: “Wer den Missbrauch von Kindern verhindern will, muss früher ansetzen. Strafgesetze greifen immer erst, sobald eine Tat begangen wurde. Dann ist es zu spät. Aber – und das macht den großen Reiz von Gesetzesverschärfungen für Politiker aus – verschärfte Gesetze kosten nichts und lassen sich im Wahlkampf gut vermarkten. Das ist wohl der Hauptgrund, warum so gerne lautstark nach ihnen gerufen wird. Wirksame Maßnahmen hingegen sind teuer und unpopulär.”

2. Gesetz gegen Hasskriminalität im Netz soll verabschiedet werden
(spiegel.de, Frank Patalong)
Diese Woche stimmt der Bundestag über das “Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität” ab. Es gehe darum, die Identifizierung von Netz-Hetzern und -Hetzerinnen zu ermöglichen oder zu erleichtern sowie die Durchsetzbarkeit von Klagen zu verbessern. Der Gesetzesentwurf werde wahrscheinlich eine Mehrheit finden, doch es gebe auch Kritik an den neuen Bestimmungen, wie Frank Patalong erklärt.

3. Die ARD zeigt Chinas Kampf gegen Corona – wie China ihn sehen will
(uebermedien.de, Hinnerk Feldwisch-Drentrup)
Heute Abend um 22:45 Uhr strahlt das Erste die SWR-Doku “Die Story im Ersten: Wuhan – Chronik eines Ausbruchs” aus, zu der es bereits vor wenigen Tagen Kritik in der “SZ” gab. Bemängelt wurde zum Beispiel, dass die Filmproduktionsfirma nicht in China gewesen sei und stattdessen Material des chinesischen Propagandaapparats verarbeitet habe. Hinnerk Feldwisch-Drentrup hat den Fall für “Übermedien” nochmal gründlich aufgearbeitet: “Auch wenn der Sender sich ‘von Anfang an der nicht unheiklen Materiallage bewusst’ gewesen sei, wie ein Sprecher betont, übernimmt die Doku in weiten Strecken die Inszenierung der KP: Nach dieser kam in der Coronakrise die Wende, als die Zentralregierung in Peking ‘die Zügel’ in die Hand nahm. Dabei war Xi schon Anfang Januar über den Ausbruch informiert und damit befasst. Das lässt der Film aber ebenso unerwähnt wie viele andere Probleme aus der Frühphase der Pandemie.”

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4. Markus Lanz im ZDF: Ein Moderator verblüfft mit gewaltiger Ignoranz
(fr.de, Daland Segler)
Daland Segler kritisiert den ZDF-Moderator Markus Lanz, den er für politisch voreingenommen hält: “Drei Dinge sollte mitbringen, wer als Gast zu einer Talkshow geht: Selbstbewusstsein, Kompetenz beim Thema und eine gewisse Dickfelligkeit. Wer sich von Markus Lanz einladen lässt, braucht allerdings noch etwas mehr: Ein gerüttelt Maß an Masochismus. Wobei: Das gilt vor allem für Menschen, die der Moderator (der keiner ist), verdächtigt, links zu sein.”

5. Verschwörungstheorien: Was gegen den Irrglauben hilft
(aerzteblatt.de, Alina Reichardt)
Alina Reichardt wendet sich mit ihrem Beitrag über Verschwörungserzählungen vornehmlich an Ärztinnen und Ärzte. Im medizinischen Alltag gebe es immer wieder Patientinnen und Patienten, die dem klassischen Gesundheitssystem und “der Schulmedizin” misstrauisch gegenüberständen, weil sie allerlei Mythen, Spekulationen und Verschwörungsideen aufsäßen. Der Artikel ist auch für medizinische Laien geeignet und kann dazu beitragen, die Gründe für derartige Verhaltens- und Denkmuster besser zu verstehen.

6. “Immer die gleiche Polizeiarbeit”
(taz.de, Erica Zingher)
Die “taz” hat sich mit der Kulturwissenschaftlerin und Literaturexpertin Sandra Beck über Krimis unterhalten. Wie wirken sich TV-Polizeiserien auf unser Verständnis von Wahrheit und Gerechtigkeit aus? Warum sind Polizeigewalt und Rassismus in Polizeiserien eher selten ein Thema? Und wie könnte eine neue Ethik des Erzählens im Krimi aussehen?

Rezos Medienkritik, Schüsse auf Presse in USA, Datteln IV

1. Die Zerstörung der Presse
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
“Die Zerstörung der Presse” nennt Rezo sein neues Video, in dem er sich fast eine Stunde nicht nur mit den Auswüchsen des Boulevardjournalismus und den Methoden der Regenbogenpresse, sondern auch mit den Unzulänglichkeiten der seriösen Medien beschäftigt. Markus Reuter hat das Video gesehen und zieht folgendes Fazit: “Regelmäßigen Leser:innen von Bildblog oder Übermedien wird Rezos Video nicht allzuviel Neues bringen. Aber das ist egal: Es ist eine unterhaltsame, solide und vor allem konstruktive Medienkritik, die Rezo da auf seine Weise für ein großes Publikum produziert. Und das kann nun wirklich kein Fehler sein.” Dieser Einschätzung schließt sich der “6 vor 9”-Kurator an, empfiehlt das Video jedoch ausdrücklich auch den BILDblog-Leserinnen und -Lesern.
Weiterer Lesehinweis: Youtuber Rezo übt schonungslose Medienkritik (rbb24.de, Daniel Bouhs).

2. Brutale Gewalt gegen Journalisten bei Protesten
(reporter-ohne-grenzen.de)
In den USA kam es im Zusammenhang mit dem Tod von George Floyd durch Polizeigewalt zu zahlreichen Protesten. Dabei habe es mindestens 68 Übergriffe auf Medienschaffende gegeben. Journalistinnen und Journalisten seien mit Gummigeschossen, Pfefferspray und Tränengas angegriffen und vertrieben worden. “Es war vorauszusehen, dass die Art von Präsident Trump, die Medien zu dämonisieren und ein klares Feindbild aufzubauen, tatsächlich zu Gewalt führen würde. Die beispiellose Brutalität, mit der sowohl die Polizei als auch Protestierende in den vergangenen Tagen auf Reporterinnen und Reporter losgegangen sind, ist das Ergebnis dieser feindseligen Rhetorik”, so Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen.
Weiterer Gucktipp: Auf Twitter kann man sehen, wie ein Reporter und ein Team der Deutschen Welle wiederholt von der Polizei beschossen und bedroht werden: Video 1 und Video 2.
Weiterer Lesehinweis: Police targeted journalists covering the George Floyd protests (vox.com, Katelyn Burns, in englischer Sprache).

3. Corona und wir – Die Tagesthemen-Moderatorin
(spotify.com, Imre Grimm, Audio: 36:31 Minuten)
Imre Grimm leitet beim “Redaktionsnetzwerk Deutschland” das Gesellschaftsressort und veröffentlicht regelmäßig den Podcast “Corona und wir”. In der aktuellen Folge spricht er mit der “Tagesthemen”-Moderatorin Caren Miosga über die Berichterstattung zur Corona-Pandemie, die Abläufe im Sender sowie die Vor- und Anwürfe von verschwörungsgläubigen Zuschauern und Zuschauerinnen.
Wer Spotify nicht nutzen will oder kann, kann den Podcast bei radio.de anhören (allerdings können wir dort nicht direkt zur aktuellen Folge verlinken).

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4. Das letzte “Hoff zum Sonntag”: The Last Time – Der Abgesang
(dwdl.de, Hans Hoff)
Der Medienkolumnist Hans Hoff verabschiedet sich in den Ruhestand und packt in seiner letzten Kolumne nochmal die schönsten Anekdoten seiner Karriere aus. Dabei sind einige herrliche Begegnungen mit Promis und Fehleinschätzungen zu internationalen Popstars. Hoff hat es sogar mal zu einer Erwähnung im BILDblog gebracht, die wir jedoch für längst verjährt erachten. Viel öfter haben wir ihn hier in den “6 vor 9” zur Lektüre empfohlen. Lieber Hans Hoff, falls Sie hier mitlesen: Wir werden Sie vermissen und wünschen Ihnen alles Gute für den neuen Lebensabschnitt!
Weiterer Lesehinweis: WDR-Intendant Tom Buhrow wünscht Hoff in einem Gastbeitrag zum Abschied in den Ruhestand alles Gute: “Ich war oft Zielscheibe seiner Kritik. Dennoch: Die Artikel von Hans Hoff werden mir fehlen, wenn er demnächst in den Ruhestand geht.” (dwdl.de).

5. Polizeiwillkür muss Folgen haben
(taz.de, Malte Kreutzfeldt)
Ein bedenklicher Angriff auf die Pressefreiheit sei derzeit in Nordrhein-Westfalen zu beobachten, so Malte Kreutzfeldt in der “taz”. Die Polizei Recklinghausen habe mehreren Journalisten und Journalistinnen Aufenthaltsverbote für die Straßen rund um das Gelände des Kohlekraftwerks Datteln IV erteilt. In einem Schreiben habe die Polizei mitgeteilt, dass die betroffenen Reporter und Reporterinnen sich ihre Informationen bei der Pressestelle der Polizei einholen könnten. Damit gäbe es keinen Grund, sich dem Kraftwerk zu nähern.

6. Was wurde aus… Sex-Werbung im Videotext?
(spiegel.de, Markus Böhm)
Videotext wird 40 Jahre alt. Ein Großteil der Infotafeln war von Anbeginn an mit Kurznachrichten, Klatsch, Wetterbericht, Fernsehprogramm und Aktienkursen gefüllt. Es gab aber auch die Schmuddelecke, in der teure 0190-Hotlines mit “scharfen Hausfrauen” und “gierigen Schülerinnen” beworben wurden, versehen mit Nacktbildern in Klötzchengrafik. Zum Videotext-Jubiläum hat sich Markus Böhm noch einmal durch die Teletext-Erotikwelten von Sendern wie RTL II, Sat.1 und Sport1 geklickt beziehungsweise geschaltet.

Ruhe im BILDblog

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe BILDblog-Unterstützerinnen und -Unterstützer,

obwohl “Bild”-Chef Julian Reichelt mit dem Versuch, den Virologen Christian Drosten fertig zu machen, seinen Laden momentan kräftig an die Wand fährt, ist es hier auf der Seite merkwürdig ruhig.

Das liegt nicht daran, dass unser gesamtes Team beim Höhlentauchen verschollen ist oder dass uns allen die Internetverbindung gekappt wurde und wir nichts mitbekommen haben. Der Grund ist viel erfreulicher: Vor gut anderthalb Wochen habe ich Nachwuchs bekommen. Ich kümmere mich derzeit also weiterhin intensiv um Mist — allerdings um den in vollen Windeln und nicht um den in der “Bild”-Zeitung.

Zugegeben, mir ist es etwas peinlich, dass vom BILDblog aktuell so wenig kommt, gerade in diesen Tagen. Aber so ein Kind, puh, das beansprucht ganz schön Zeit. Und bei dem ziemlich kleinen Team, das hinterm BILDblog steht, kommt es schnell zum Stillstand, wenn einer komplett ausfällt.

Ich sehe zu, dass sich die Abläufe hier zu Hause bald besser eingespielt haben. Und dann auch im BILDblog wieder mehr los ist. Mal sehen, ob Julian Reichelt dann noch “Bild”-Chefredakteur ist.

Liebe Grüße und vielen Dank für die Treue
Moritz Tschermak

PS: Völlig unbeeindruckt von diesen privaten Entwicklungen, ist unser “6 vor 9”-Kurator Lorenz Meyer weiterhin fleißig und liefert montags bis freitags immer um 8:54 Uhr sechs lesenswerte Links aus der Medienwelt.

“Bild” und die Drosten-Studie, Kuckuckszitate, Steingart-Experiment

1. Wie berechtigt ist die Kritik an der “Drosten-Studie”?
(spiegel.de, Julia Köppe)
“Bild” missbrauchte wissenschaftliches Feedback zu Teilaspekten einer Studie im Pre-Print-Stadium, an der der Virologe Christian Drosten mitgearbeitet hat, um diese in ihrer Gesamtheit zu diskreditieren. Julia Köppe erklärt die Hinweise von Statistikern und kommentiert: “Unter Forschern ist es üblich, einen eigenen Beitrag zu verfassen, wenn es Anlass zur Kritik gibt und in sachlicher Sprache darzulegen, wo der Fehler liegt. Das kann auf Laien schon mal harsch wirken. Die aktuelle ‘Bild’-Berichterstattung skandalisiert einen in der Wissenschaft völlig üblichen Vorgang.”
Weitere Hörempfehlungen: Der aktuelle “FAZ”-Podcast: “Wir haben allerbeste Chancen” – Virologe Drosten über Corona und die “Bild” (Audio, 26:46 Minuten) mit einem Gesprächsangebot von Christian Drosten an “Bild” in den letzten Minuten.
Und die aktuelle Folge des “Coronavirus-Updates” (NDR), in der Christian Drosten ebenfalls Stellung zu den Vorwürfen der “Bild”-Zeitung nimmt (Audio, 52:30 Minuten).

2. Meine (fast) sechs Monate mit Gabor Steingart
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer hatte Großes vor: “Ein halbes Jahr lang Gabor Steingarts ‘Morning Briefing’ auf den Prüfstand stellen, um zu sehen, wie nah er an seinem Markenversprechen ‘100% Journalismus. Keine Märchen’ liegt.” Knüwer hat das Experiment nicht durchgehalten, aber die immerhin vier Monate haben gereicht, um die Methode Steingart zu dechiffrieren: “1. Nur Fakten einblenden, die eine These stützen. 2. Behauptungsjournalismus galore. 3. Niemals an das Gute im Menschen glauben. 4. Hasse die Medien – aber bediene Dich ihrer. 5. Erschwere die Recherche. 6. Korrigiere Dich niemals. 7. Habe keine Meinung – tu nur so.”
Weiterer Lesehinweis aus dem Archiv: Die Weihnachtsgeschichte im Gabor-Steingart-Style aus der Feder des “6 vor 9”-Kurators: Steingarts “Morning Briefing” über Marias neues Religions-Startup (uebermedien.de, Lorenz Meyer).

3. “Das Wort Idiot hätte Loriot nie verwendet”
(sueddeutsche.de, Mareen Linnartz)
Die “Süddeutsche Zeitung” hat sich mit Gerald Krieghofer unterhalten, einem Experten für sogenannte Kuckuckszitate. Dabei handelt es sich um Falschzitate, die allerlei Berühmtheiten untergeschoben werden. In seinem Blog führt Krieghofer 493 dieser vermeintlichen Zitate auf, von Adorno bis Zola. Anlass für das Gespräch ist ein erfundenes Loriot-Zitat, das gerade in den Sozialen Medien die Runde macht.

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4. Ärger um einen Hörfunkklassiker: Darum steigt der NDR beim “Zeitzeichen” aus
(rnd.de, Imre Grimm)
Der NDR will in den kommenden Jahren 300 Millionen Euro einsparen und sich dabei auch von Sendungen trennen. Der Hörfunkklassiker “Zeitzeichen” soll zum Beispiel komplett ins Netz verlegt werden. Imre Grimm kommentiert: “Ist das zeitgemäß? Gewiss. Ist das sinnvoll? Gewiss nicht. Das ‘Zeitzeichen’ gehört zu den profiliertesten Radiomarken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es passt blendend ins Profil. Der Verweis auf die Audiothek schließt Hunderttausende aus, die dem Tagestakt des Radios noch immer massenhaft bereitwillig folgen und den Podcast-Kosmos kaum je für sich entdecken werden.”

5. Der Rassismus einiger Medien
(deutschlandfunk.de, Mirjam Kid, Audio: 6:18 Minuten)
Thuy-Tien Nguyen vom post-migrantischen, asiatisch-deutschen Netzwerk korientation beobachtet die Corona-Berichterstattung und entdeckt dabei immer wieder Formen von anti-asiatischem Rassismus. Auch bei Medien, von denen man dies eigentlich nicht erwarte würde: “Die Bildzeitung und das Cicero-Magazin sind natürlich mit dabei. Aber auch ganz vorne ist der Spiegel, die Frankfurter Allgemeine, die Tagesschau — da ist auch mal ein Fall passiert — Hamburger Morgenpost, Mitteldeutsche Zeitung, die Abendzeitung München.”

6. Twitter zerpflückt Trump-Tweet in erstem Faktencheck
(spiegel.de)
US-Präsident Donald Trump nutzt Twitter gern als sein tägliches Verlautbarungsorgan für Lügen, Stuss und Hetze, und Twitter ließ ihn dabei stets gewähren. Dies scheint sich zu ändern. Erstmals hat Twitter einen Trump-Tweet auf Richtigkeit überprüft und den Tweet des Präsidenten mit einem Link zur Richtigstellung versehen. Die Reaktion des US-Präsidenten ließ nicht lange auf sich warten: “Twitter unterdrückt das Recht auf freie Meinungsäußerung, und ich, als Präsident, werde das nicht zulassen!”
Weiterer Lesehinweis: Das Interview von “Zeit Online” mit dem US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz: “Das Bewusstsein wächst, dass Trump nicht der Richtige ist” (zeit.de, Marcus Gatzke).

VWs Werbeclip, Symbolbild-Idylle, Intimitätskoordinatorin

1. VW entschuldigt sich für rassistischen Werbeclip: “Falsch und geschmacklos”
(rnd.de)
Volkswagen veröffentlichte auf seinem Instagram-Kanal einen rassistischen Werbeclip und reagierte auf die aufbrandende Kritik zunächst uneinsichtig und latent patzig (“Wie ihr euch vorstellen könnt, sind wir überrascht und schockiert, dass unsere Instagram Story derart missverstanden werden kann”). Nach etwas Nachdenken wurde dem Unternehmen anscheinend die Dimension und Brisanz des Falls klar, und man schickte eine Entschuldigung hinterher, die sich ganz anders las: “Es [das Video] beleidigt alle Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung. Es beleidigt jeden anständigen Menschen. Wir schämen uns dafür und können es heute auch nicht erklären. Umso mehr werden wir dafür sorgen, dass wir diesen Vorgang aufklären.”

2. Behind the Scenes II – Talk mit dem Podcast-Team
(ndr.de, Korinna Hennig, Audio: 28 Minuten)
Zum zweiten Mal hat sich das Podcast-Team vom “Coronavirus-Update” (NDR) zum Backstage-Talk getroffen. Wie bereitet sich die Moderatorin auf die Gespräche mit dem Chefvirologen der Berliner Charité Christian Drosten vor? Unter welchen technischen Umständen wird produziert? Warum lässt man Drosten zur Verbesserung der Soundqualität nicht einfach seine eigene Tonspur aufnehmen, wie in der Podcast-Szene oft gefordert? Und was gibt es zu den Abrufzahlen des erfolgreichen Podcast-Formats zu sagen?

3. “Mut und viel Durchhaltevermögen gehören dazu”
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Der “Fachjournalist” hat mit Lara Gonschorowski, Chefredakteurin der “Cosmopolitan”, über Modejournalismus gesprochen: Was empfiehlt Gonschorowski Einsteigerinnen und Einsteigern? Welche Qualifikationen sollte man mitbringen? Wie sieht der Alltag in einer Moderedaktion aus? Und wie bespielt man erfolgreich so unterschiedliche Kanäle wie Heft, Online, Podcast und Social Media?

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4. Filmlöwinnen – Alles außer Cat Content
(podplayer.net, Audio, 1:09:11 Stunden)
Beim “Filmlöwinnen”-Podcast ist die Schauspielerin und Intimitätskoordinatorin Julia Effertz zu Gast. In dem Gespräch geht es um “Sex vor der Kamera” und die Frage, wie dabei verantwortungsvoll Grenzen gezogen und gewahrt werden können. Triggerwarnung: Ein Thema, das angesprochen wird, ist sexualisierte Gewalt. Das betrifft sexuelle Übergriffe am Set wie auch die filmische Darstellung von Vergewaltigung.

5. Offenbar nichts gelernt
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell)
Matthias Dell fühlt sich beim medialen Umgang mit Teilen der Corona-Maßnahmen-Kritiker an die Zeit der “Pegida”-Proteste erinnert. Medien würden Gefahr laufen, in dieselbe Falle zu tappen: “Wieso können Medien nicht begreifen, dass nicht jeder, der sich auf Meinungsfreiheit beruft, auch an einem Austausch von Meinungen interessiert ist? Dass das Mit-dem-Grundgesetz-Rumfuchteln noch nicht bedeutet, an einer Diskussion von Standpunkten teilnehmen zu wollen? Sondern dass solche Gesten nur dazu dienen, sich in die öffentliche Debatte zu bomben, um dort kindisch die kritiklose Durchsetzung der eigenen Weltsicht zu fordern. Und zwar sofort.”
Weiterer Lesetipp: Hasnain Kazim fragt und antwortet in der “Zeit”: “Ist die Kritik an Corona-Maßnahmen falsch, nur weil Wirrköpfe und Neonazis auf den Demos mitlaufen? Nein. Aber wer sich von ihnen nicht abgrenzt, wird auch nicht gehört.”

6. Sind so brave Kinder
(sueddeutsche.de, Barbara Vorsamer)
Die dpa hat ein Foto veröffentlicht, das Redaktionen bereits hunderte Male als Symbolbild für das Thema Home-Office verwendeten. Es zeichnet ein geradezu idyllisches und friedvolles Bild: “Die Mutter des sechsjährigen Jakob und des vierjährigen Valentin arbeitet Zuhause an einem Laptop, während ihre Kinder neben ihr malen und ein Buch ansehen.” In ihrer Kolumne stellt Barbara Vorsamer die Symbolbild-Idylle infrage: “Echtes Familienleben passt nicht auf ein Symbolfoto, dafür bräuchte es eher ein Wimmelbild. In der Bildunterschrift würde dann stehen: ‘Links im Bild liegen Legosteine im Flur, in der Mitte stolpert jemand übers Ladekabel. Der kleine Junge in der Ecke (rechts) muss ganz dringend aufs Klo, aber Papa hat grad Telko und die Noise Canceller auf, deswegen hört er ihn nicht und muss nachher den See wegwischen.”

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