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Theater, Panorama, Überwachung

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Mediale Vorverurteilung”
(dradio.de, Brigitte Baetz)
Vor der erstinstanzlichen Urteilsverkündung im Prozess gegen Jörg Kachelmann stellt Brigitte Baetz fest: “Die Medien übernehmen immer mehr die Rolle eines modernen Prangers. Der Grundsatz, dass jeder zunächst als unschuldig zu gelten hat, scheint in der Berichterstattung immer öfter in den Hintergrund zu rücken.” Berichte in der NZZ und der FAZ stellen Vergleiche zum Theater an.

2. “Ex-‘Handelsblatt Online’-Chefredakteur räumt Plagiate ein”
(sueddeutsche.de, Marc Felix Serrao)
Sven Scheffler, bisheriger Chefredakteur von handelsblatt.de, hat “mitunter ganze Absätze kopiert”. “Warum er abgeschrieben habe, wisse er beim besten Willen nicht mehr: ‘Das war ein Riesenfehler. Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte.’ Er wisse nur, dass er an dem Tag unter enormem Zeitdruck gestanden habe.”

3. “Mal ehrlich, ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’!”
(titanic-magazin.de)
Die Titanic entdeckt eine Bildbeschriftung auf faz.net, die so auch in der Wikipedia zu finden ist. “Die Texte zum zweiten, dritten und vierten Foto der Klickstrecke stehen ja – genau so bei Wikipedia! Bis auf einige kosmetische Änderungen sogar wortwörtlich!”

4. “Tabloid complains about ‘perving’ over Pippa”
(tabloid-watch.blogspot.com, MacGuffin, englisch)
Die Zeile “Sick Germans target royal sister” auf der Titelseite von “Daily Star Sunday” – und was “Bild” damit zu tun hat.

5. 50 Jahre Panorama
(daserste.ndr.de/panorama)
Die ARD-Sendung “Panorama” macht zum 50. Geburtstag Sendungen im Archiv zugänglich. Zu sehen sind nun Berichte wie “Klauen, lügen, schikanieren – Boulevardreporter auf Bilderjagd” (1997), “Piep, peep und Provokation – Wie Kultstars gemacht werden” (1998) oder “Blablabla vom Boulevard – Bild-Kampagne diffamiert Politiker und Parlamente” (2003).

6. “Die Anti-Terror-Lüge”
(gutjahr.biz, Richard Gutjahr)
Richard Gutjahr prüft die Anlässe für Telekommunikationsüberwachung 2009.

Killerkeime, Handschellen, Franz Josef Wagner

6 vor 9

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1. “Alarm im Darm des Journalismus”
(taz.de, Michael Ringel)
“Ganz Deutschland” fürchtet sich vor EHEC? Michael Ringel zweifelt daran. Und erinnert sich an den Norovirus. “Noro klang wie Dr. No und war der Darmschrecken, bevor Ehec auftauchte. Noro kostete bislang weitaus mehr Menschen das Leben als Ehec, aber in unseren aufgeregten Zeiten braucht es eben immer neue Säue, die das Mediendorf in Atem halten.”

2. “Angriff der Killerkeime”
(fagri.de)
Ein Tod durch EHEC ist im Vergleich zu anderen Todesarten eher unwahrscheinlich. Trotzdem fürchten sich die Menschen. “Ein Grund dafür ist, dass der Mensch nicht die Größe der Gefahr selbst wertet, sondern wie andere darauf reagieren. Wenn nun aber die Medien durch die Bank auf ihren Titelseiten suggerieren: ‘Wir haben ein Problem!’ wird dies zum allgemeinen Konsens.”

3. “Facie prima”
(ad-sinistram.blogspot.com, Roberto J. De Lapuente )
Viele Medien zeigen Dominique Strauss-Kahn in Handschellen. Roberto J. De Lapuente fragt, was dagegen spricht, ein neutrales Foto zu verwenden: “Solche Fotos sind ein Affront gegen die Unschuldsvermutung und untergraben den fairen Verlauf des Rechtsstaates. Selbst wenn eine mögliche Unschuld am Ende herauskäme, die Bilder brennen sich ein.”

4. “Der rasende Regierungssprecher”
(zeit.de, Steffen Seibert)
@RegSprecher Steffen Seibert schreibt seine Erfahrungen mit Twitter und Twitter-Nutzern auf: “Der dogmatische Teil der Twittergemeinde, und der meldet sich gerne bei mir, erregt sich ebenso lustvoll über abweichendes Verhalten wie manch Schrebergärtner über Wildwuchs in der Parzelle nebenan.”

5. “Blogs als Quelle für traditionelle Medien: Keine Lust mehr, euer Fußvolk zu sein”
(basicthinking.de, Jürgen Vielmeier)
Jürgen Vielmeier stellt fest, dass viele traditionelle Medien Blogger nicht richtig zitieren.

6. “BILD-Kolumnist Franz Josef Wagner und seine Mutter”
(mediensalat.info, Ralf Marder)

Viele, viele bunte Smartphones

Vor zehn Jahren war man froh, wenn man mit einem Handy nicht nur telefonieren und Kurznachrichten verschicken, sondern auch eine Bierflasche öffnen konnte. Letzteres ist eine Funktion, über die die meisten Smartphones nicht mehr verfügen, dafür können sie jetzt fast alles andere — und sollen noch mehr können.

Im April veröffentlichte “Chip online” eine Übersicht über 50 Designstudien von Smartphones, die so oder so ähnlich irgendwann mal auf den Markt kommen könnten. Einen aktuellen Grund für den Artikel gab es nicht, die Redaktion hielt es nur für eine nette Idee. Zu Beginn dieser Woche wurde der Artikel mit aktualisiertem Datum auch auf der Startseite von “Chip online” verlinkt.

Gestern erschien bei Bild.de eine Übersicht über 35 Designstudien von Smartphones, die so oder so ähnlich irgendwann mal auf den Markt kommen könnten.

Für eine kurze Text-Vorstellung hatte sich Bild.de die gleichen drei Geräte ausgesucht, die auch “Chip online” vorgestellt hatte. Und auch bei den Überschriften gab es erstaunliche Ähnlichkeiten:

Samsung Brix: Der mobiler Transformer, Samsung Brix: Mobil-Transformer; Nokia 888: Einer für alles, Nokia 888: Eins für alles; LG Hi-Fi: Headphone-Handy, LG Hi-Fi: Kopfhörer-Handy

Die 35 Geräte, die Bild.de in seiner Fotostrecke vorstellt, waren Teil der 50 Handys auf “Chip online”. Nach Angaben der Redaktion von “Chip online” hatten die Fotos auf Bild.de sogar exakt die gleiche Größe wie die Fotos bei ihnen, was darauf hindeutet, dass Bild.de die Bilder direkt bei “Chip online” gemopst hat und nicht auf die originalen Pressefotos der Hersteller zurückgegriffen hat.

Die zuständige Redakteurin von “Chip online” rief heute bei Bild.de an und bekam schließlich einen zerknirschten Ressortleiter ans Telefon, der die Schuld auf eine “studentische Hilfskraft” schob. Die Geschichte tue ihm außerordentlich leid, aber er hielte es für übertrieben, zu behaupten, der Artikel wäre abgekupfert.

Kurz darauf verschwand der Artikel bei Bild.de, für “Chip online” ist die Sache damit nach eigenen Angaben erledigt.

Horror-Keime, Versuchungen, Enzensberger

6 vor 9

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1. “EHEC – nix gelernt”
(zapp.blog.ndr.de, Zapp Redaktion)
EHEC als “Horror-Keime”, “Killer-Keime” und “Gefährliche Bakterien”. Für die Zapp-Redaktion wiederholt sich die Geschichte mit der Angst, “nicht genauso, aber ähnlich”: “Von wegen Sex sells – Angst sells.”

2. “Nun also doch EHEC”
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
“Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke bloggt erneut zu EHEC. Anfang und Schluß des Beitrags lauten so: “Gestern habe ich hier ausführlich begründet, warum wir in der 20Uhr nicht mit EHEC aufgemacht haben. Seither hat es keine weiteren bestätigten Todesfälle gegeben und auch die Fallzahlen sind nicht dramatisch gestiegen. Trotzdem war EHEC heute auf Platz 1 in der Tagesschau. (…) Ich werde schon in wenigen Wochen sicher wieder auf irgendeinem Podium eines Medienkongresses sitzen und darüber diskutieren, dass die Medien bei EHEC (oder war es SARS oder H2N1?) mal wieder übertrieben haben.”

3. “Gruselkeim statt Kernschmelze!”
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
“Dreifache Kernschmelze in Fukushima? Nimmt man mal so mit, weil man im Journalistensprech sagen würde: Hatten wir schon. Hatten wir oft genug. Will keiner mehr lesen. Dagegen: Ein neuer, unheimlicher, gruseliger Killerkeim? Dem bereits eine 83jährige Frau zum Opfer gefallen ist? Endlich was neues, nachdem Rinderwahn, Schweinegrippe, Vogelgrippe und all die anderen unheimlichen Epidemien durch sind und nicht mal mehr Berufshysterikern Angst machen.”

4. “Die alltägliche Versuchung”
(ankommen.nordbayerischer-kurier.de, jbraun)
Joachim Braun, Chefredakteur des “Nordbayerischen Kuriers”, wird ein “Wagner-Wochenende in Bayreuth” angeboten: “Anreise per Flugzeug oder im Testwagen, Übernachtung in einem Luxushotel ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, eine Ehrenkarte für die Bayreuther Festspiele – ja, richtig, Normalsterbliche müssen dafür zehn Jahre anstehen. Dazu eine persönliche Einweisung in Wagner und der Transfer von zu Hause nach Bayreuth, vom Hotel zum Grünen Hügel – natürlich – wieder im Testwagen, und das alles mit Partner oder Partnerin.”

5. “Wieviel Schleichwerbung passt in eine einzige Tageszeitung?”
(kobuk.at, Alex Calanducci)
Redaktionelle Inhalte und die dazu passende Werbung in der Tageszeitung “Österreich”.

6. “Die Sprache des Spiegel”
(spiegel.de, Hans Magnus Enzensberger, 1957)
Meedia.de erinnert an einen Essay von Hans Magnus Enzensberger in der “Spiegel”-Ausgabe 10/1957 (“mit dessen Einverständnis hier eine unwesentlich gekürzte Fassung”): “Objektivität ist ein Kriterium, das auf die Story schlechterdings nicht anwendbar ist. Maßgebend für das Gelingen einer Story ist einzig und allein ihr Effekt.”

Spiegel, EHEC, Brisant

6 vor 9

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1. “Eine Anmerkung zum Thema Qualitätsjournalismus”
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Die Berichterstattung der “Süddeutschen Zeitung” über den Prozess vor dem Münchner Landgericht: “Ottried Fischer hat keineswegs eine Klage gegen einen Reporter verloren, weil er eine solche gar nicht angestrengt hatte. Der besagte Reporter war vielmehr im Rahmen eines Strafverfahrens von der Staatsanwaltschaft angeklagt worden. Fischer ist in diesem Strafprozess lediglich als sog. Nebenkläger aufgetreten. Die feinsinnige Unterscheidung zwischen Klage und Anklage zwischen Zivil- und Strafprozess darf man von einer Zeitung, die den Anspruch erhebt, eine der besten des Landes zu sein, erwarten.” Die Berichterstattung von Stern.de analysiert der Trittbretttreter im Beitrag “Journalistische Redundanz – und andere Kunstfehler”.

2. “Spiegel. Sex. Power. Bullshit.”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier analysiert die aktuelle “Spiegel”-Titelgeschichte, die sich dem Thema “Sex & Macht” widmet. Ullrich Fichtner und Dirk Kurbjuweit schreiben über “Die Affäre Strauss-Kahn u.a.”.

3. “EHEC – der neue Erreger”
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
“Haben nicht viele Journalisten bei früheren Fällen insgeheim damit gehadert, dass den Phänomenen Schweinegrippe, SARS, Vogelgrippe und BSE ein bisschen zu viel Ehre angetan worden war?” fragt Tagesschau-Chef Kai Gniffke. Allerdings sei EHEC “seit gestern das zentrale Gesprächsthema in Deutschland” und müsse darum “in einer Nachrichtensendung vorkommen – nüchtern, sachlich und seriös. Aber sehr bewusst haben wir uns dagegen entschieden, das Thema an die Spitze der Sendung zu setzen.”

4. “Oberlehrer im Blindflug”
(theeuropean.de, Alexander Kissler)
“Politikerhass und Obszönität” seien die beiden Mittel, mit denen die öffentlich-rechtlichen Satireformate “Neues aus der Anstalt”, “Satire Gipfel” und “heute show” versuchen, Lacherfolge zu erzielen, meint Alexander Kissler: “Ganz offensichtlich genießt es eine wachsende bürgerliche Klientel, sich ihr Vorurteil von der Politik als einer Veranstaltung für Dödel bestätigen zu lassen.”

5. “Blöd On Blöd”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Das ARD-Boulevardmagazin “Brisant” feiert den 70. Geburtstag von Bob Dylan.

6. “Why I Will Never, Ever Hire A ‘Social Media Expert'”
(businessinsider.com, Peter Shankman, englisch)

Ottfried Fischer, Sportblogs, Vorlesungen

6 vor 9

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1. “Journalismus und Skepsis: Der Knabe, der doch nicht magnetisch war”
(scienceblogs.de/zoonpolitikon, Ali Arbia)
Ali Arbia greift die Story eines Jungen aus Kroatien auf, der angeblich magnetisch ist: “Wenn sich Journalistinnen und Journalisten sich schon nicht ein Minimum an Skepsis leisten um offensichtliche billige Tricks zu hinterfragen, wie sollen dann ihre Leserinnen und Leser, deren Beruf dies meist nicht ist, eine entsprechende Kompetenz entwickeln?”

2. “Grübler und Schüler”
(fr-online.de, Sarah Mühlberger)
Sarah Mühlberger porträtiert Sportblogs. Im Artikel erwähnt sind: FuPa.net, Hartplatzhelden.de, Allesaussersport.de, Gruebelei.de und die Blogs auf spox.de.

3. “Wie frei ist die deutsche Presse wirklich?”
(doppelpod.com, Christian Y. Schmidt)
Ein Vortrag von Christian Y. Schmidt über die ökonomischen und politischen Abhängigkeiten der deutschen Presse (im Video ab Minute 7). Die Journalisten in Berlin hält er “eng verflochten” mit den Politikern: “Journalisten stellen gegen gute Honorare Bücher vor, die Politiker geschrieben haben, Politiker und Journalisten besuchen dieselben Partys und Empfänge, und manchmal heiraten Journalisten und Politiker gar, so wie die Bild-Zeitungs und Focus-Journalistin Doris Köpf (Schwerpunkt: Innenpolitik) den damaligen Bundeskanzler Schröder.”

4. “Kein Beweis für Nötigung”
(faz.net, David Klaubert)
David Klaubert berichtet aus dem Münchner Landgericht: “Ottfried Fischer hat viel auf sich genommen für diesen Prozess, der für ihn auch ein Feldzug gegen die Berichterstattung der ‘Bild’-Zeitung ist – ein vergeblicher Anlauf, wie es nun scheint, denn das Münchner Landgericht hat in zweiter Instanz das Urteil gegen den Angeklagten Wolf-Ulrich Sch. aufgehoben.”

5. “Für Fußball keine Gebühren verpulvern”
(meedia.de, Alexander Becker)
Alexander Becker spricht mit Claudius Seidl über seine Bewerbung als ZDF-Intendant (Facebook-Gruppe). Die aktuelle Logik des öffentlich-rechtlichen Fernsehens schätzt er so ein: “Es muss das ZDF geben, weil wir das Fernsehen nicht nur kommerziellen Anbietern überlassen dürfen. Wir produzieren aber den gleichen Mist wie die kommerziellen Sender, weil wir von allen Gebühren verlangen und deshalb allen etwas bieten müssen.”

6. “Hier rein, da raus”
(zeit.de, Martin Spiewak)
Martin Spiewak schlägt vor, Uni-Vorlesungen abzuschaffen: “Statt dem Dozenten zu folgen, verschicken die Studenten E-Mails, mehren die Zahl ihrer sozialen Kontakte bei Facebook – oder laden sich das Skript der nächsten Vorlesung aus dem Netz. Sinnloser lässt sich akademische Zeit kaum vergeuden.”

Bild  

Misserfolg durch Wiederholung

Rolf Kleine ist ein Mann, der sich auskennt: Er leitet das Parlamentsbüro bei “Bild”.

Das hielt ihn offenbar trotzdem nicht davon ab, im heutigen Leitartikel über die Bremen-Wahl seine Ahnungslosigkeit unter Beweis zu stellen:

Besonders bitter für CDU-Herausforderin Rita Mohr-Lüllmann: Zum ersten Mal seit 1949 sind die Christdemokraten bei einer deutschen Landtagswahl nur noch drittstärkste Kraft – 20,1 %, 5,5 % weniger als 2007.

Wie man es dreht und wendet: Das ist völliger Unfug.

Und wird nicht richtiger, wenn man es auf die Titelseite schreibt:

Die CDU ist zum 1. Mal bei einer Landtagswahl nur noch drittstärkste Kraft.

Noch mal für alle Journalisten:

  • 1950 wurde die CDU bei den Landtagswahlen in Hessen drittstärkste Kraft hinter SPD und FDP.
  • Ebenfalls 1950 erreichte die CDU bei den Wahlen in Schleswig-Holstein nur die drittmeisten Stimmen hinter der SPD und dem Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten, verfügte wegen der Direktmandate im Landtag aber über ebenso viele Sitze wie die SPD (16) und stellte mit Walter Bartram den Ministerpräsidenten.
  • Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen 1951 wurde die CDU sogar Vierter hinter der SPD, der Deutschen Partei (DP) und der FDP.
  • In Brandenburg kam die CDU bei der Landtagswahl im Jahr 2004 hinter SPD und PDS nur auf Platz 3.
  • Fünf Jahre später hieß die PDS nun Linkspartei, aber die CDU landete in Brandenburg erneut hinter ihr und der SPD.

Interessant auch diese Formulierung von Kleine:

Übrigens: Bei der Bremen-Wahl durften erstmals in Deutschland auch Jugendliche ab 16 Jahren mitstimmen – trotzdem sank die Wahlbeteiligung auf 54 %, den niedrigsten Wert aller Zeiten. Das Endergebnis wird erst Mitte der Woche vorliegen.

Wenn mehr Leute abstimmen dürfen als beim letzten Mal, diese aber vermutlich nicht sehr engagiert von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, dann ist die Wahlbeteiligung nicht “trotzdem” gesunken, sondern “deshalb”.

Botox, Brand eins, John Demjanjuk

6 vor 9

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1. “Niggemeiers Stern.de-Kritik und das wahre Problem”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Für Thomas Lückerath ist nicht nur die mangelnde Eigenleistung ein Problem des Online-Journalismus, sondern auch die Beliebigkeit: “Wo man im Print seine traditionsreichen Marken klar positioniert und deutlich gegeneinander abgrenzt, zeigt sich online nicht mal ansatzweise eine solch klare Differenzierung. Wenn sich besserer Online-Journalismus bei so vielen Marktteilnehmern nicht rechnet, bleibt uns wohl nichts anderes übrig als eine baldige Marktbereinigung zu wünschen.”

2. “Ein Schwindel für die Medien?”
(taz.de)
“Die skandalöse Geschichte von einer Mutter in Kalifornien, die ihrer achtjährigen Tochter angeblich das Anti-Falten-Mittel Botox spritzte, war womöglich ein Schwindel.”

3. “mein schwindender respekt vor der brandeins”
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Ein Artikel in “Brand eins” macht Felix Schwenzel “ein bisschen wütend”: “das alles ist deshalb ärgerlich, weil ich lieblos zusammengeflanschte und tendenziöse müll-artikel zum urheberrecht überall lesen und sehen kann, von der brandeins aber einen ticken mehr erwarte.”

4. “Der Fall Demjanjuk – die mediale Hetzjagd auf BILD.de nimmt kein Ende”
(mediensalat.info, Ralf Marder)
Ralf Marder fasst zusammen, wie Bild.de seit 2009 über John Demjanjuk schreibt.

5. “Der Blogger”
(arte.tv, Video, 26:11 Minuten)
“Der Blogger” besucht Boulevardzeitungen in Polen und Finnland und diskutiert die Absenz solcher in Frankreich. Ab Minute 24 wird Bildblog kurz vorgestellt.

6. “Stanislaw rennt”
(sprengsatz.de, Michael Spreng)
“In einem langen Journalistenleben trifft man schon eine Menge bizarrer und kranker Typen. Die größte Ansammlung erlebte ich, als ich stellvertretender Chefredakteur von BILD wurde.”

Das gibt’s nur drei Mal (2)

Die meisten Menschen außerhalb Bremens (und womöglich gar viele Bremer selbst) haben es vielleicht nicht mitbekommen, aber heute wurde in Bremen eine neue Bürgerschaft gewählt.

Für die CDU kein schöner Tag, wie auch Bild.de zusammenfasst:

Bei allen Landtagswahlen in den vergangenen 60 Jahren kam die CDU immer auf den ersten oder zweiten Platz.

Jetzt sind die Christdemokraten erstmals nur noch dritte Kraft!

Nochmal zum Mitschreiben: Bei den Landtagswahlen in Brandenburg 2004 und 2009 ist die CDU jeweils nur drittstärkste Kraft (hinter SPD und Linke) geworden.

Mit Dank an Jonas I.

Wie dränge ich ein Land aus der Eurozone?

Nachdem BILDblog vor einem Jahr aufgezeigt hatte, wie man erfolgreich gegen ein Land aufhetzt, ist es nun Zeit für die Königsdisziplin: Der ultimative Leitfaden für das Herausdrängen eines Landes aus der Eurozone — veranschaulicht anhand einiger ausgesuchter Artikel von “Bild” und Bild.de aus den vergangenen vier Wochen:

1. Stellen Sie rhetorische Fragen, die entweder nicht zu beantworten sind oder deren Antworten eigentlich schon klar sind. Wichtig: Bereits die Fragestellung muss eine Provokation beinhalten.

Etwa so:

EU zögert mit finanzieller Hilfe: Muss Griechenland die Akropolis verkaufen?

Oder fragen Sie:

EIN JAHR NACH DER STAATSPLEITE Haben die Griechen die Kurve gegriecht?

Sorgen Sie außerdem mit Fragen wie “Was machen die anderen Euro-Versager?” dafür, dass klar ist, dass Sie Griechen für Versager halten, auch wenn Sie es nicht konkret ansprechen.

Oder fragen Sie:

Nach Berichten über Ausstiegs-Pläne: Macht Griechenland den Euro kaputt?

2. Damit sind wir auch schon beim zweiten Punkt: Verwenden Sie möglichst symbolische Bilder. Hier: Ein Foto der alten griechischen Währung neben einer griechischen Euromünze unterstreicht Ihre Forderung nach der Rückkehr der Griechen zur Drachme.

3. Heizen Sie Spekulationen, dass Griechenland aus dem Euro austreten wolle, fleißig selbst mit an:

Angeblich Krisen-Gipfel Steigt Griechenland aus dem Euro aus? Premier Papandreou will möglicherweise eigene Währung einführen

EU-Geheimtreffen nach Gerüchten: Wie ernst meinen es die Griechen mit dem Euro-Austritt?

Verschweigen Sie anschließend unbedingt, dass es sich bei den “Gerüchten” um eine unbestätigte Falschmeldung von “Spiegel Online” gehandelt hatte.

4. Natürlich gilt wieder: Lassen Sie fast ausschließlich “Top-Ökonomen” zu Wort kommen, die sich negativ über Griechenland äußern — oder in anderen Worten: Lassen Sie fast ausschließlich Hans-Werner Sinn zu Wort kommen:

Top-Ökonom Hans-Werner Sinn "Griechenland muss aus dem Euro raus!"

ifo-Chef Hans Werner Sinn: Griechenland muss wieder wettbewerbsfähig werden

Ignorieren Sie dabei völlig, wenn Ihr Experte seine Position anderswo später relativiert:

Er fordere nicht den Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Gerade erst hat Sinn gegenüber der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” einen Austritt Griechenlands als “das kleinere Übel” bezeichnet. Dies sei aber keine Empfehlung gewesen, präzisiert er nun, er habe lediglich die Möglichkeiten aufgezählt; die Journalisten neigten dazu, Dinge zu überspitzen.

Sollte doch einmal ein Verteidiger zu Wort kommen, dann kompensieren Sie diesem Umstand am besten mit einer krawalligen Überschrift:

Ex-Minister Theo Waigel: Euro-Gefahr Griechenland: "Wir können die Griechen nicht einfach rauswerfen" sagt Ex-Minister Waigel

5. Als flankierende Maßnahme empfiehlt es sich, den Austritt Griechenlands aus der Eurozone auch ganz unverblümt und direkt in Kommentaren zu fordern. Etwa so:

Kommentar: Bye, bye, Griechenland

6. Lassen Sie Ihre bereits aufgehetzten Leser zwischendurch auch gerne über eine Frage abstimmen, bei der das Ergebnis dank Ihrer einseitigen Berichterstattung ohnehin schon klar ist: “Soll Griechenland raus aus der Euro-Zone?”

Fühlen Sie sich in Ihrer Kampagne bestätigt, wenn 84 Prozent diese Frage mit “Ja” beantworten!

7. Geben Sie Aussagen von Experten wie dem Ökonom Thomas Straubhaar möglichst verzerrt wieder, sodass es aussieht, als müsste Griechenland austreten, um nicht so unterzugehen wie seinerzeit die DDR:

Top-Ökonom spekuliert Endet Griechenland wie die DDR? Gauweiler fordert Ausscheiden Athens aus dem Euro - Noch mehr Geld aus Brüssel?

Man beachte das harmonische Zusammenspiel von rhetorischer Frage (siehe 1.) und Symbolbild (siehe 2.).

Ignorieren Sie, dass Straubhaar in Wahrheit das exakte Gegenteil dessen gesagt hatte — nämlich dass ein Austritt für Griechenland einen ähnlichen Niedergangseffekt haben könnte, wie er in der Endphase der hochverschuldeten DDR zu beobachten war.

8. Sie können den Niedergang der Wirtschaft des Landes, das Sie loswerden wollen, sogar selbst beschleunigen. Berichten Sie einfach darüber, dass Griechen ihr Geld auf deutschen Konten in Sicherheit bringen, damit noch mehr Griechen ihr Geld auf deutschen Konten in Sicherheit bringen:

Griechen bringen ihr Geld auf deutsche Konten

9. Berichten Sie über die durch die Sparmaßnahmen hervorgerufenen Streiks stets so, als wären die Griechen zu faul zu arbeiten:

Europa stützt Griechenland mit Milliarden Euro, die nächste Hilfsaktion ist in Vorbereitung – doch die Griechen weigern sich weiter, den Gürtel richtig eng zu schnallen. Stattdessen gehen sie wieder auf die Straße.

Unterstützen Sie dies durch weitere Schlagzeilen:

Griechenland-Krise: Griechen-Streiks kosten 11 Milliarden Euro ...aber Athen baut neue Formel-1-Strecke!

10. Nutzen Sie überhaupt jede Gelegenheit, um Missstände unter Verwendung wenig repräsentativer Extrembeispiele anzuprangern. Wichtig: Ignorieren Sie dabei alle bisher gemachten Fortschritte und scheuen Sie sich nicht vor schalen Wortspielen!

Euro: Darum kriechen die Griechen nie aus der Krise +++ 18 Monatsgehälter +++ Doppel-Pensionen +++ Prämie für Händewaschen und Pünktlichkeit +++ Freie Tage haben 28 Stunden +++ 800 Politiker wollen Millionen-Gehaltsnachschlag +++

11. Berichten Sie groß darüber, wenn sich ein Politiker dazu hinreißen lässt, etwas zu sagen, was auch von Ihnen stammen könnte:

Merkel erhöht Druck auf Europas Schuldenstaaten Griechen sollen weniger Urlaub machen

Ignorieren Sie dabei jegliche Kritik innerhalb Deutschlands — etwa von der Opposition oder Wirtschaftsexperten und Wirtschaftsjournalisten, die das Gegenteil belegen können.

Berichten Sie stattdessen über die Reaktion im betroffenen Land. Denken Sie dabei immer daran, dass alle Aussagen, die Ihnen nicht passen, als “Pöbelei” bezeichnet werden müssen:

Nach Standpauke: Griechen pöbeln gegen Merkel. Fleiss-Appell unseren Kanzlerin löst Empörung aus ++ Lage in Griechenland immer desolater

Viel Erfolg! Ihre Leser werden die bemitleidenswerten Opfer Ihrer Kampagne so schnell wie möglich loswerden wollen, die Politik wird sich Ihnen womöglich anschließen.

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