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dapd  

Agentur missbraucht BILDblog

So sieht die Arbeit von BILDblog aus, nachdem man sie von hinten durch die Brust ins Auge geschossen hat und mit dem verbliebenen Auge drauf schaut: Die Grafik stammt aus in einem Dokument, das die journalistischen Qualitäten zweier Nachrichtenagenturen vergleichen soll.

Nachrichtenagenturen beliefern nicht nur Zeitungen und Onlinenewsportale mit ihren Meldungen aus aller Welt, sondern auch Behörden wie das Auswärtige Amt. Das hat im Januar entschieden, seine Informationen nach über 50 Jahren nicht mehr von der Deutschen Presseagentur (dpa) zu beziehen, sondern von der Agentur dapd, von der niemand weiß, was die Abkürzung bedeuten soll.

Die dpa wollte das so nicht hinnehmen und legte Beschwerde ein, inzwischen müssen sich Gerichte mit der Vergabe beschäftigen.

In einem neunseitigen Dokument mit dem Titel “Zusammenstellung Qualitätsmängel bei dapd”, das die dpa dem Gericht vorlegte, beruft sie sich bei der Dokumentation von Fehlern ihres Konkurrenten offenbar auch auf BILDblog. (Das Dokument liegt uns nicht vor.)

dapd nun gab eine Gegen-“Studie” in Auftrag, die die Agentur gestern in ihrem “Themenportal” der Öffentlichkeit zugänglich machte.

Dr. Ernst Seibold von “InMediasRes Mediendienste” erklärt darin:

Eine objektive und lückenlose Ermittlung sämtlicher Fehlermeldungen der beiden Agenturen erscheint technisch nicht möglich. Insoweit muss auf Hilfsüberlegungen zurückgegriffen werden.

Diese “Hilfsüberlegung” besteht konkret darin, BILDblog mit “einer hohen Wahrscheinlichkeit” als Quelle für die dpa-Studie ausfindig zu machen und dann einen wissenschaftlichen Ausfallschritt zu vollführen:

Zwar erfüllt der Bildblog nicht die Anforderungen an eine objektive und statistisch relevante Quelle, andererseits wurde Bildblog jedoch von dpa als Quelle ausgewählt, so dass für eine vergleichende Studie auf der gleichen Quellenbasis gearbeitet werden kann.

An anderer Stelle gelingt Seibold fast die Quadratur des Kreises:

Bildblog als Quelle heranzuziehen ist sicherlich methodisch problematisch, allerdings kann von einer überwiegenden Neutralität und Drittkontrolle des Watchblogs ausgegangen werden. Für einen rein quantitativen Vergleich zweier Publikationen kann er daher als geeignet angesehen werden, zumal dpa selbst den Bildblog als Quellenbasis gewählt hat.

Triumphierend stellt die Studie fest:

Aufgrund der Auswertung des Bildblogs ergibt sich, dass dapd 22 Fehler angelastet werden. Im gleichen Zeitraum wurden für dpa 46 Fehlermeldungen festgestellt.

Diese Zahlen werden dann in Monatszahlen zerlegt (Erkenntnis: Außer in drei Monaten hatte die dpa immer mehr Fehler als dapd) und in Relation zum Output der Nachrichtenagenturen gesetzt:

Bei einer geschätzten Anzahl von jeweils ca. 620.000 Meldungen (dapd) bzw. 600.000 Meldungen (dpa) in den vergangenen 25 Monaten ergibt dies eine Fehlerquote von 0,0035 % für dapd und 0,0076 % für dpa.

Beide Werte liegen weit unter den Toleranzgrenzen und sprechen für eine durchgehend gute Qualität der Berichterstattung.

Bevor jetzt noch die Mondphasen, die Gewichtsentwicklung unserer Autoren und der Fruchtbarkeitszyklus unserer Redaktionskatze hinzugezogen werden, hier ein paar Anmerkungen aus dem Auge des Hurricanes:

In eigener Sache

Wir haben wenig Lust, hier in die Auseinandersetzung zweier privatwirtschaftlicher Unternehmen hineingezogen zu werden. Es ist legitim, unter Berufung auf uns die Existenz von Fehlern belegen zu wollen, aber der “rein quantitative Vergleich”, den dapd anstrengt, ist grober Unfug.

Und wenn dapd in einer Pressemitteilung schreibt …

Die verschwindend geringe Zahl der Fehler erlaubt den Rückschluss, dass die beiden großen deutschen Vollagenturen hohe journalistische Standards erfüllen.

… ist das komplett falsch.

Ob ein Fehler im BILDblog dokumentiert wird, hängt von vielen Faktoren ab: Zunächst einmal muss er uns oder unseren Lesern auffallen; dann muss er uns gravierend, interessant und allgemein bedeutsam genug erscheinen, um ihn aufzuschreiben. Manche Recherchen führen aus verschiedensten Gründen ins Nirgendwo und münden dann nicht in einem BILDblog-Eintrag. An Tagen, an denen sonst wenig los ist, landen eher auch mal kleine und harmlose Fehler im Blog, als an Tagen, an denen gerade wieder ein Verbrechen “das ganze Land beschäftigt” oder an denen mal wieder eine Studie über Migranten oder Hartz-IV-Empfänger völlig falsch verstanden wurde.

Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen haben wir z.B. den Fall aus dem vergangenen November nicht dokumentiert, in dem dapd zwei Fotos zurückziehen musste, weil diese nicht – wie ursprünglich behauptet – die Rechtsterroristin Beate Zschäpe auf dem Weg zum Haftrichter zeigten. Aber natürlich gab es auch dpa-Fehler, die nie den Weg ins Blog gefunden haben.

Ein Kriterium bei der Auswahl dessen, was wir bloggen, ist auch die Fallhöhe eines Mediums: Nicht auszuschließen, dass wir uns häufiger achselzuckend gegen einen Eintrag entschieden haben: “Ach, ist ja nur dapd.”

Und natürlich macht es auch einen Unterschied, was für Fehler sich ein Medium so erlaubt — und wie es damit umgeht.

Wenn wir hier jetzt als schon gewissermaßen als Kronzeugen im Raum stehen, wollen wir Gericht und Auswärtigem Amt gerne eine kostenlose, offiziell subjektive Expertise angedeihen lassen:

Wenn bei uns Leserhinweise eingehen, dass auf vielen verschiedenen Nachrichtenportalen der gleiche haarsträubende Fehler zu lesen ist, wetten wir gerne auf dapd als Fehlerquelle. Häufig liegen wir richtig.

Nach unserem Eindruck hat man bei dpa erkannt, dass es wichtig ist, eigene Fehler zu korrigieren. Bei dapd sind wir uns da nicht so sicher.

Dass dapd jetzt einen solchen Unsinn als “Studie” in Auftrag gibt und ihn auch noch bedeutungshubernd öffentlich verbreitet, bestätigt den Eindruck, den wir von der Agentur haben.

Bild, Breivik, Borchert

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Bild.Macht.Politik – Deutschlands größte Tageszeitung wird 60”
(ardmediathek.de, Video, 43:45 Minuten)
“Die Story im Ersten” fragt nach dem Einfluss von “Bild” auf Politik und Politiker (BILDblog berichtete).

2. “Wie Medien Breiviks Spiel mitspielen”
(deranderefellner.wordpress.com)
Sebastian Fellner kommentiert die Berichterstattung über den Prozess gegen Anders Behring Breivik: “Bitte verschont mich mit Breivik. Ich will keine Fotos mehr sehen von diesem selbstverliebten Wahnsinnigen, wie er zufrieden lächelt ob der Aufmerksamkeit, die er bekommt. Ich will nicht lesen, dass er ‘gerührt’ ist, weil sein Video vor Gericht gezeigt wird. Gebt mir Bescheid, wenn es ein Urteil gibt. Bringt meinetwegen eine Meldung, wenn ein Zeuge oder eine Zeugin etwas bisher Unbekanntes aussagt. Aber füttert Breivik nicht mit der Aufmerksamkeit, die er sich wünscht.” Siehe dazu auch “Die Medien sollten Breiviks Spiel nicht mitmachen” (tagesschau.de, Albrecht Breitschuh).

3. “Verifikation von Inhalten in Social Media”
(konradweber.ch)
Konrad Weber gibt Tipps, wie man Twitter-Accounts, Websites, Bilder und Videos verifiziert.

4. “Katharina Borchert: Von der Bloggerin zum Spiegel-Online-Chef”
(t3n.de, Yvonne Ortmann)
Yvonne Ortmann porträtiert Katharina Borchert, Ex-Bloggerin und heute Geschäftsführerin von “Spiegel Online”.

5. “Griechenlands Medienhäuser fürchten den Kollaps”
(zeit.de, Ferry Batzoglou)
Viele griechische Medienhäuser haben sich in den 1990er-Jahren hoch verschuldet. “In Zeiten des Booms haben viele Medienhäuser ihre Glaubwürdigkeit im Volk verspielt. Es grassierten Vetternwirtschaft und Hofjournalismus. Die Devise lautete zu oft: Mitregieren statt kontrollieren.”

6. “Was ist besser? Gratis-Bildzeitung und -Koran im großen Praxistest”
(der-postillon.com)
In fünf Punkten vergleicht der Postillon die Gratis-“Bild” mit dem Gratis-Koran.

Bild  

Wie “Bild” Politik und Politiker macht

Ihre Millionenauflage macht “Bild” stark. Aber sie hat nur soviel Macht, wie Politiker ihr einräumen.

Das ist das Fazit einer Dokumentation, die die ARD über die “Bild”-Zeitung gedreht hat. Die Autoren Christiane Meier und Autor Sascha Adamek haben unter anderem mit Politikern wie Claudia Roth und Gregor Gysi gesprochen, die sich erfolgreich gegen Lügen der “Bild”-Zeitung gewehrt haben; mit dem Lobbyisten Hans-Olaf Henkel, einem ehemaligen “Bild”-Freund, den das Blatt, nachdem er in Ungnade gefallen war, publizistisch vernichten wollte; mit Bela Anda, dem ehemaligen “Bild”-Redakteur und Regierungssprecher unter Gerhard Schröder; mit Edmund Stoiber, der “Bild” als “eine Art direkte Demokratie” bezeichnet, und mit Lukas Heinser, dem Chef des “renommierten, kritischen BILDblogs im Internet“.

Es ist eine unaufgeregte, unspektakuläre, aber erhellende Dokumentation geworden — über die Art wie “Bild” Politik und Politiker macht.

Nachtrag, 23.35 Uhr:

Bild  

Alle gegen Bild

Im Juni wird “Bild” 60. Die Axel Springer AG will das feiern, indem sie am 23. Juni eine einmalige Sonderausgabe veröffentlicht, die kostenlos an alle Haushalte verteilt werden soll.

Die Branchenzeitschrift “Kontakter” berichtete vor zwei Wochen, dass das ganze Projekt “auf der Kippe” zu stehen scheint:

Offenbar bekommt das Mammutprojekt im Anzeigenmarkt weniger Zuspruch als erwartet. Zudem ist immer noch nicht klar, mit welchem Vertriebspartner die Haushalte beliefert werden sollen.

Kritik an der Aktion gab es von Anfang an auf Facebook und anderen Webseiten. Viele Menschen wollten keine “Bild” in ihrem Briefkasten — nicht mal geschenkt.

Gestern ist deshalb die Kampagne “Alle gegen Bild” gestartet. Unter dem Motto “Wer austeilt, muss auch einstecken können!” kann man via Internet ganz einfach Widerspruch gegen die Verteil-Aktion einlegen und der Axel Springer AG untersagen, die Sonderausgabe (oder irgendeine andere “Bild”-Ausgabe) in den eigenen Briefkasten zuzustellen.

Alle gegen Bild (Logo).

Mitmachen kann man auf alle-gegen-bild.de und bei campact.de.

Letztere sind gleichzeitig so freundlich, Spenden für uns zu sammeln. Selbstverständlich können Sie uns aber auch weiterhin wie gewohnt direkt unterstützen.

Hinweis: Offenbar wegen des großen Andrangs ist alle-gegen-bild.de zur Zeit nicht zu erreichen. Der Link zu Campact sollte aber funktionieren.

Quote, Pressefotos, Werbung für “Bild”

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Quote und öffentlich-rechtlicher Programmauftrag”
(funkkorrespondenz.kim-info.de, Gert Monheim)
Ex-WDR-Dokumentarfilmer Gert Monheim erinnert sich an seine erstmalige Begegnung mit der Quote: “Die Quote spielte in den 70er Jahren für meine Arbeit direkt keine Rolle, die tauchte meiner Erinnerung nach bezeichnenderweise 1984 zum ersten Mal im Zusammenhang mit einer meiner Dokumentationen auf. (…) Sowohl die Auswahl der Themen als auch ihr Stellenwert, sprich: Sendeplatz im Programm, wurde ursprünglich nach qualitativen Gesichtspunkten und gesellschaftlichen Bedürfnissen getroffen.”

2. “Wie Pressefotos die Wirklichkeit manipulieren”
(zeit.de, Carsten Luther)
Der 22-jährige Journalist Ruben Salvadori (Website) blickt aus einem anderen Blickwinkel auf die Pressefotografie (Fotos). “Lediglich die Wahl eines anderen Ausschnitts, eines anderen Blickwinkels lässt dramatische Szenen plötzlich harmlos wirken. Zugleich entlarvt sie die kleinen und großen Tricks der Fotografen, die von der leichten Verfälschung durch Weglassen bis zur bewussten Manipulation und Inszenierung reichen.”

3. “Studie weist hohe soziale Auslese bei Journalistenschulen nach”
(heise.de/tp, Rudolf Stumberger)
Der unausgewogene soziale Hintergrund von Absolventen deutscher Journalistenschulen: “Während bereits 51 Prozent aller Studierenden ein Elternteil mit Hochschulabschluss haben, sind es bei Journalistenschülern sogar 71 Prozent. Wen wundert es dann, dass an Journalistenschulen keine Schüler aus der Herkunftsgruppe ‘niedrig’ zu finden sind: ‘Kinder von Facharbeitern oder ungelernten Arbeitern, mit dem Blickwinkel und dem Erfahrungshorizont dieser Gruppe, existieren an den Journalistenschulen nicht.'”

4. “Wer wirbt für BILD?”
(arne-nordmann.de)
Arne Nordmann stellt seine Website wirbt-fuer-bild.de vor: “Eine Web­site, die nichts anderes tut, als klar und über­sicht­lich diejenigen Pro­minen­ten auf­zu­füh­ren, die trotz der – sehr wohl be­kannten – Kritik an der ‘Bild’-Zei­tung für die­se wer­ben.”

5. “Der Radiergummi der Tagesschau”
(netz10.de, linuxnetzer)
Obwohl am 21. März um 0:37 Uhr noch nicht klar ist, welchen Hintergrund die Anschläge in Toulouse und Montauban haben, liefert Tagesschau.de bereits einen Hintergrundartikel mit dem Titel “Die blutige Spur des rechtsextremen Terrors”, der wie folgt angekündigt wird: “Die Anschläge in Frankreich haben möglicherweise einen rassistischen und antisemitischen Hintergrund. Damit wären innerhalb eines Jahres in Europa mehr als 80 Menschen bei rechtsextremen oder rassistischen Anschlägen ermordet worden.”

6. “Ahmadinedschad will Antworten!”
(unter3.net, Dima Romashkan)
Das Gespräch zwischen Claus Kleber und Mahmud Ahmadinedschad (youtube.com, 42:29 Minuten) gibt weiterhin zu reden. Während Stefan Buchen auf cicero.de von einer “Selbstdemontage eines Nachrichtenstars” spricht, hält Wolfgang Michal auf carta.de moralische Empörung für übertrieben: “Journalisten sind keine Oberlehrer oder Moralprediger, auch wenn das derzeit – angesichts der jüngsten Skandalberichterstattung – von ihnen manchmal verlangt wird.”

“Bild” zeigt’s dem Suffraser

Das muss man auch erst einmal können: Sich auf die Straße hocken, wo gerade ein Unfall passiert ist und ein junger Mann tot auf dem Asphalt liegt, und ein Foto davon machen, wie der Vater sein Gesicht in der Hand des Jungen vergräbt und weint und um seinen Sohn trauert.

Das muss man auch erst einmal können. Das muss man auch erst einmal wollen.

Der Fotograf Tim Foltin kann das und will das. Auf seiner Internetseite steht:

ICH KANN WEIL ICH WILL WAS ICH MUSS

In seinem Portfolio zeigt er auch eindrucksvolle Fotos, die er von den Toten auf der Loveparade in Duisburg gemacht hat, wie sie im Müll liegen, ihre nackten Arme und Füße ragen unter den notdürftigen Abdeckungen heraus.

In der Nacht zum Samstag überfuhr ein alkoholisierter Autofahrer vor einer Discothek in Dinslaken zwei Fußgänger, die die Straße überquerten. Einer kam mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus, der andere verstarb noch am Unfallort. Hier machte Foltin das eingangs beschriebene Foto.

Foltin arbeitet für die “Bild”-Zeitung. Am nächsten Tag erschien die “Bild am Sonntag”:

Der Artikel liest sich, als zeige “Bild am Sonntag” das Foto aus pädagogischen Gründen. Als diene die Veröffentlichung nicht, die Schaulust zu befriedigen, sondern als könne sie helfen, die Zahl der Opfer von alkoholisierten Autofahrern zu reduzieren. Der Text endet mit den Worten:

Vielleicht wird der Totraser irgendwann dieses Foto sehen. Und mit ihm jeder, der immer wieder betrunken Auto fährt und damit das Leben anderer aufs Spiel setzt.

Vielleicht wollte “Bild” bloß ganz sicher gehen, dass der “Totraser und mit ihm jeder, der immer wieder betrunken Auto fährt” das Foto sieht, und hat es deshalb am Montag noch einmal gebracht:

Diesmal soll das Foto — ergänzt u.a. um eine Aufnahme, wie die eingepackte Leiche weggetragen wird — offenbar nicht nur andere aufrütteln, sondern auch Teil der Strafe für den Verursacher des Unfalls sein:

Schau her, Suffraser, das hast DU angerichtet! Vielleicht sehen dieses Foto auch andere Fahrer, die gerne mal ein Gläschen trinken — und lassen das Auto jetzt lieber stehen!

Ist das eine realistische Annahme? Ist das ein legitimes Anliegen?

Das sind ernst gemeinte, keine rhetorische Fragen. Aber dazu kommt die folgende: Ist das eine glaubwürdige Rechtfertigung für die Veröffentlichung, wenn sie von einem Blatt kommt, das regelmäßig beweist, dass ihm die Befriedigung niederer menschlicher Instinkte im Zweifel wichtiger sind als die Möglichkeit, Positives zu bewirken?

Und noch eine Frage: Wäre nicht trotzdem die Einwilligung der Familie des getöteten Jungen notwendig, die Zustimmung des Vaters, bevor man ihn in diesem intimsten Moment zeigt?

Wir haben Tim Foltin, den Fotografen gefragt, ob er eine Genehmigung hatte und ob er sie für notwendig hält. Seine Antwort:

Eine Einwilligung des Vaters habe ich nicht.

Sowas macht im Prinzip aber niemand bei Unfällen.

Wie aber da die genaue Rechtslage aussieht, weiß ich leider nicht.

Gedruckt wurde das Foto ja und von daher wird das so auch OK sein.

Die “Bild”-Zeitung teilte uns mit, sie äußere sich grundsätzlich nicht zu “Redaktionsinterna”.

Nachtrag, 23:45 Uhr. Foltins Homepage ist nicht mehr zugänglich. Und Bild.de hat seinen Namen unter dem Foto entfernt.

Nachtrag, 20. März. Jetzt ist Foltins Homepage wieder da — anscheinend auch in ihrer ursprünglichen Form.

Stern  etc.

Die Bilderhändler von Winnenden

Nach dem Amoklauf von Winnenden hatte der örtliche Schulfotograf plötzlich etwas, das alle wollten: Fotos von Täter und Opfern. Zuerst verbreiteten viele Medien die Aufnahmen ohne seine Genehmigung. Dann suchte er sich Partner und machte ein Geschäft daraus. Nun erschienen die Fotos mit seiner Einwilligung und brachten ihm Geld. Nur die Angehörigen der Opfer wurden weiterhin nicht gefragt.

Sechs Eltern von getöteten Kindern erstatteten daraufhin Anzeige gegen die Bilderhändler. Die Beschuldigten erhielten zunächst einen Strafbefehl, gegen den sie Widerspruch einlegten. Gestern hat das Amtsgericht Schorndorf das Verfahren gegen die Zahlung von 5700 Euro an den Förderverein der Albertville-Realschule eingestellt.

Die “Winnender Zeitung” berichtet ausführlich über das Verfahren und seine Vorgeschichte:

Eine besonders traurige Rolle spielt in dem Fall die Hamburger Illustrierte “Stern”. Sie hatte laut “Winnender Zeitung” mit dem Anwalt des Fotografen sogar für eine begrenzte Zeit einen Exklusivvertrag für alle Schulfotos abgeschlossen. Als verzweifelte Eltern eines der ermordeten Mädchens wissen wollten, wie ein privates Foto ihrer Tochter unter anderem in den “Stern” gelangen konnte, mauerte das Blatt und verweigerte die Auskunft. Auf Nachfrage des NDR-Magazins “Panorama”, woher die vom “Stern” gezeigten Bilder der Opfer stammen, ob die Angehörigen ihrer Veröffentlichung zugestimmt haben und wenn nein, warum man sie trotzdem zeigte, hatte der “Stern” damals lapidar geantwortet:

“Zu Redaktions-Interna erteilen wir keine Auskunft.”

“Bild” will keine Toten in anderen Medien sehen

Bild.de scheint ehrlich fassunglos:

Das Geschäft mit der toten Whitney Houston († 48) kennt keine Skrupel! Das US-Magazin “National Enquirer” hat jetzt ein Foto der Sängerin im offenen Sarg veröffentlicht.

In Frieden ruhen… Das kann Whitney Houston wohl vorerst nicht!

Bild.de zitiert eine Twitter-Userin, die den Verkäufer des Fotos als “niederträchtigen, verdorbenen, skrupellosen Untermensch” bezeichnet, und den Promi-Blogger Perez Hilton, der die Veröffentlichung “geschmacklos, unsensibel und morbide” nennt.

Bild.de ist der Online-Ableger des Blattes, das am 27. Juni 2009 auf der Titelseite mit einem riesigen Foto aufgemacht hatte, auf dem Michael Jackson auf einer Trage liegend und an Beatmungsgeräte angeschlossen zu sehen war. Die Schlagzeile lautete: “Hier verliert er den Kampf um sein Leben”.

Bild.de selbst brachte wenig später ein computergeneriertes Bild eines entstellten Michael Jackson ohne Haare, unter dem stand: “so in etwa könnte Jackson bei der Obduktion ausgesehen haben”. Beide Veröffentlichungen wurden als “unangemessen sensationell” vom Presserat gerügt.

Im Vergleich dazu ist das Foto von Whitney Houston im offenen Sarg harmlos — schon weil sie natürlich eigens dafür hergerichtet worden war, angesehen zu werden (wenn auch mutmaßlich nicht von der Weltöffentlichkeit). Wie Bild.de selbst schreibt, zeigt das Foto die Sängerin “mit sorgfältigem Make-up, hochgesteckten Haaren, in einem violetten Kleid und goldenen Schuhen”.

Skrupellos das Sterben eines Prominenten ausschlachten. Und anderen vorwerfen, skrupellos den Tod eines Prominenten auszuschlachten. Das ist die ganz spezielle doppelte Skrupellosigkeit von “Bild”.

Mit Dank an Simon.

Irrtümliche Bildunterschrift

Eine interessante Art der Korrektur bzw. Gegendarstellung hat die Website des Kölner “Express” gewählt, die in einem Artikel über den FC-Neuzugang Chong Tese schreibt:

Im Übrigen legt Sportchef Volker Finke Wert auf die Feststellung, dass Teses Vertrag nicht, wie von EXPRESS irrtümlich berichtet, bis 2015 läuft, sondern kürzer datiert ist – und die Ablöse unter den kolportierten 400.000 € liegt.

Das kann man natürlich so machen. Eher kontraproduktiv wirkt in einem solchen Artikel dann aber eine Bildunterschrift wie diese:

Vertrag bis 2015: Neuzugang Chong Tese.

Mit Dank an Frank N.

Nachtrag, 13.55 Uhr: express.de hat die Bildunterschrift auf ein unverfängliches “Neuzugang Chong Tese” zusammengekürzt.

Bild.de demütigt Timoschenko

Diese Aufnahme sorgt für einen Sturm der Entrüstung in der Ukraine. Darauf zu sehen: die inhaftierte Julia Timoschenko.

Sie liegt in einem Krankenbett im berüchtigten Lukjaniwska-Gefängnis in Kiew. Offenbar wurde sie gegen ihren Willen gefilmt.

Sie hebt die Arme, als wollte sie sagen: Lasst mich in Ruhe! Müsst ihr mich auch noch demütigen?

So weit die Ausführungen der Menschenrechtsaktivisten von Bild.de.

Das Demonstrativpronomen “diese” im ersten Satz ist dabei bewusst gewählt: Der Satz steht unterhalb eines Screenshots aus einem Video, in dem die inhaftierte Julia Timoschenko offenbar gegen ihren Willen gefilmt wurde.

Inhaftierte Oppositionspolitikerin: Ukraine demütigt Timoschenko mit Video-Aufnahme. Politikerin gegen ihren Willen im Krankenbett gefilmt. Diese Aufnahme sorgt für einen Sturm der Entrüstung in der Ukraine. Darauf zu sehen: die inhaftierte Julia Timoschenko.

Wir sind uns nicht sicher, ob die Redakteure von Bild.de den Rouge-Test bestehen würden.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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