Selbst, wenn es genau so in einem Text des Bild.de-Kolumnisten Heiko Roloff steht, ist es doch mehr als unwahrscheinlich, dass Hillary Clinton bezüglich ihrer Haltung gegenüber illegalen Einwanderern “eine 360-Grad-Wende” vollzogen hat.
Mit Dank an Axel M., Jan und Philip W.
Nachtrag, 3.12.2007: Inzwischen hat Bild.de eine 180-Grad-Wende vollzogen.
Keine Krähen, Abgang verpasst, Geld von Belgien, Schleichwerbung.
Der Schweizer Textkünstler Christoph Geiser (“kein morgen | kein wind | keine krähen | in den ästen | wartet laub | den mond | vergass ich | zwischen den gittern wächst | frost | die steine waren noch warm | als ich starb”, Zuger Tagblatt, 2. Juni 1971) blitzte vor dem Presserat ab mit einer Beschwerde gegen einen Artikel aus dem inzwischen eingestellten Facts. Die implizite Unterstellung, er benütze seine sexuelle Orientierung zur Beschaffung von Fördermitteln, entbehre jeglicher tatsächlichen Grundlage. Der Text von Daniel Arnet nannte sich “Die Subventionskünstler” und nannte die Schweizer Literaturförderung ein dunkles Kapitel. Wer ein Gesuch schreiben könne und Modethemen verwurste, habe alle Chancen, Steuergelder abzusahnen. Talent brauche es kaum.
Der Ringier-Verlag baute einige wenige Stellen ab (“Es besteht ein grosszügiger Sozialplan. Wenn immer möglich werden den Betroffenen intern Stellen angeboten.”) und will ab Februar nicht mehr mit dem Karikaturisten des hauseigenen Boulevardblatts Blick zusammenarbeiten. Der “geniale”, aber “schon beim Tagi völlig überbezahlte Nico mit seinen horrenden Lohnforderungen” habe “wohl den Abgang verpasst” (persoenlich.com Kommentare).
Der Millionenraub (brandeins.de, Oliver Gehrs)
Die Verlage werden panisch, weil ihre schönen Werbegelder ins Internet fließen. Also: nichts wie hinterher!
Ist Podcasting noch zu retten? (praegnanz.de, Gerrit van Aaken)
Vor über drei Jahren als hoffnungsvolles neues Online-Medium gestartet, fristet Podcasting heute ein Schattendasein zwischen Zweitverwertung und Stagnation. Wie konnte das passieren? Ein paar Gedanken über den drohenden Untergang des zeitversetzten Webradios.
?BILD?-ZEITUNG: Ein Köder für den Boulevard (merkur.de, Antje Hildebrandt)
Sie steht nicht im Verdacht, das Privatleben von Prominenten zu respektieren. Umso erstaunlicher, dass mit Maybrit Illner und Anne Will jüngst gleich zwei bekannte TV-Moderatorinnen ihre Liaisons über das Blatt lancierten.
Putschversuch wird zum Medienereignis (tagesanzeiger.ch, Oliver Meiler)
Auf den Philippinen haben abtrünnige Militärs den Aufstand geprobt – in einem Luxushotel, mit Live-Übertragung. Szenen einer dramatischen Routine.
(+.+) (-.-)(__) (zeit.de, Harald Martenstein)
Emoticons sind die ältesten Kulturdenkmäler des Internets, findet unser Kolumnist. Nur ihre Übersetzung ist manchmal verwirrend.
Man kann das ja bewundern, wie Franz Josef Wagner es schafft, von irgendeiner aktuellen Nachricht aus seine Gedanken auf Reisen zu schicken, für die niemand außer ihm Tickets zu bekommen scheint, und uns als Passagiere mitzunehmen in eine fremde Welt, ein Nicht-ganz-Paralleluniversum, das sich mit dem, was wir Realität nennen, in einem einzigen Punkt kreuzt: dem Gehirn von Franz Josef Wagner.
Und wenn er heute über den Erfolg der RTL-Doku-Soap “Bauer sucht Frau” sinniert und den Gegensatz zwischen dem Milchbauern Michael vom Bodensee und der Fußpflegerin Bianca als Ausgangspunkt nimmt und schreibt:
Du, Bauer, verkörperst das Ideal: Die Sonne geht auf, der Hahn kräht, der Bauer steht auf.
Du, Bianca, verkörperst das Gegenteil. Du kommst aus der Stadt. In einer Stadt leben Penner. Du hast ein graues Gesicht, Du stehst in der U-Bahn, S-Bahn, Du frierst, niemand umarmt Dich. Der Wind rüttelt durch Deine Kleidung.
…dann haben diese Worte in all ihrer abstoßenden Schönheit natürlich eine innere Wahrheit, die völlig unabhängig davon ist, dass Bianca aus einer Stadt namens Geisingen stammt, die mit ihren 6000 Einwohnern nur unwesentlich belebter ist als Wagners Wohnort Paris-Bar, und heute in einer “kleinen Gemeinde bei Singen” wohnt, einem Mittelzentrum, von dessen 45.000 Einwohnern vermutlich diejenigen am meisten im Rüttelwind frieren, die täglich an der Bushaltestelle darauf warten, dass mal eine U- oder S-Bahn vorbei kommt (Penner optional).
Kürzlich hat von Roon “Grendels nackte Mutter” Angelina Jolie getroffen und für Bild.de ein blumiges Rührstück darüber geschrieben (“Frauen verachten sie ob ihrer Schönheit, Männer folgen ihrer Aura wie Motten dem Licht”). Zu Beginn des Artikels allerdings geht’s um Fakten:
Grendel? — Dahinter verbirgt sich die Geschichte um “Beowulf”, ein Phantasie-Buch, das in Hollywood kürzlich verfilmt wurde und derzeit die amerikanischen Kinokassen klingeln lässt.
Ein “Phantasie-Buch”?! Was auch immer von Roon damit meint: Es dürfte der Tatsache nicht wirklich gerecht werden, dass es sichbei“Beowulf” um ein vermutlich im 8. Jahrhundert entstandenes episches Heldengedicht in angelsächsischen Stabreimen mit 3.182 Versen handelt, das laut Wikipedia das “bedeutendste erhaltene Einzelwerk angelsächsischer Sprache” ist.
Mit Dank an Markus S. für den sachdienlichen Hinweis.
Nachtrag, 1.12.2007: Bild.de-Kolumnist Alexander von Roon fühlt sich missverstanden und teilt uns mit, der “Beowulf”-Regisseur Robert Zemeckis habe basierend auf dem Heldengedicht “einen Film gedreht und selbst eingestanden, viel Phantasie bei der Umsetzung verwandt zu haben. Soviel Phantasie, dass er insgeheim hofft, die Literaturwelt mit seiner Version zu verblüffen.” Nach von Roons Ansicht “gehören derartige Hintergründe nicht in eine Kolumne, daher die Abkürzung ‘Phantasiebuch’.”
Bunz: Nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen (dwdl.de, Jochen Voß)
Sie zieht Bilanz und blickt nach vorn: tagesspiegel.de-Chefredakteurin Mercedes Bunz blickt im DWDL.de zurück auf das erste halbe Jahr des neuen tagesspiegel.de, spricht über die Zusammenarbeit mit der Print-Redaktion und erklärt ihre Vision für den Online-Journalismus nach Web 2.0.
«Die Haltung beim Blick wird offener werden» (werbewoche.ch, Carole Scheidegger)
Die Blick-Gruppe streicht Stellen, will aber gleichzeitig mehr investieren. Blick-Chefredaktor Bernhard Weissberg gibt Auskunft über Sparmassnahmen, inhaltliche Verlagerungen und die unvoreingenommene politische Haltung, die der neue Blick pflegen will.
Tip & Zitty sourcen ihre Kernkompetenz aus (taz.de/blogs/reptilienfonds, Heiko Werning) Die Berliner Stadtmagazine Tip und Zitty lassen sich ab 2008 ihre Veranstaltungstipps von der Cine Marketing GmbH organisieren. Die verlangt dann von den Berlinern Veranstaltern 30 Euro im Jahr – damit die Veranstaltung überhaupt im Blatt steht.
Fernsehen statt Fantasie (dradio.de, Henning Hübert)
Die Erlebniswelt vieler Jugendlicher wird durch die Medien bestimmt.
Oliver Gehrs – Das DUMMY-Konzept (Tipp) (sevenload.de, Video, 88:25 Minuten)
Dummy-Chefredakteur Oliver Gehrs spricht fast eineinhalb Stunden am Medienforum Mittweida, unter anderem darüber, dass man den Stern im Stadtbild nie sieht, den Spiegel aber dauernd.
Eigenlob muss man sich leisten können. (Unbekanntes Sprichwort)
Mit etwas Pech ist das eine neue, babyblaue “BamS”-Rubrik. Bereits in der vergangenen Woche hatte die “Bild am Sonntag” eine halbe Zeitungsseite ihres “Leser-Forums”, wo “BamS”-Lesern ja gerne mal Geschichtenaufgetischtwerden, für einen “Rückblick auf die vergangene Woche” verwendet:
BamS setzt die Nachrichten des Wochenendes. Meldungen, Interviews und Berichte, die zuerst in BILD am SONNTAG standen, werden noch Tage später von anderen Zeitungen zitiert, von Fernsehsendern aufgegriffen.
Das ist zwar alles andere als ungewöhnlich im Mediengeschäft, aber okay: Wenn nun mal in der “BamS” stand, wessen “sexy Hinterteil das Cover der Hit-CD von Alex C. feat. Y-ass ziert” und die kleine Berliner “Bild”-Schwester “B.Z.” das interessant genug findet, um darüber anderntags ebenfalls zu berichten — bitte schön. In welchem Zusammenhang indes ein “BamS”-Bericht über das MyVideo-Sternchen Mina mit einem Mina-Bericht in der Münchner “Abendzeitung” stehen soll (“Schon am 28. Oktober berichtete BILD am SONNTAG über die Karriere der 14-jährigen Sängerin Mina im Internet. Zwei Wochen später präsentiert die “Münchner Abendzeitung” ihren Lesern einen Bericht über die Schülerin.”), das weiß wohl nur die “BamS”-Redaktion. Denn über Mina berichtete nicht etwa die “BamS” zuerst. Bereits zwei Tage vorher machte Spiegel Online auf Mina aufmerksam, anschließend berichteten u.a. RP-Online, PCwelt.de und, ebenfalls zwei Tage vor der “BamS” — sogar Bild.de.
Aber kommen wir zu dieser Woche. Da heißt es nämlich unterhalb der netten “wissen es zuerst”-Schlagzeile:
Die spektakulärste Liebesnachricht des Jahres, exklusive Berichte aus Politik, Show und Technik — mit BILD am SONNTAG waren Sie auch in der vergangenen Woche früher, schneller und besser informiert als andere.
Und einer der Beweise für die Behauptung sieht heute so aus:
Der komplette “exklusive Bericht” der “BamS” sah am 18. November übrigens so aus:
Allerdings enthielt die kleine 14-Zeilen-Meldung eine kinderfaustdicke Lüge: Amazon-Gründer Jeff Bezos “präsentierte” gar nichts — jedenfalls nicht, als es die “BamS” behauptete. Im Gegenteil: Das “Computerbuch” Kindle wurde von Bezos erst am vergangenen Montag nach Erscheinen der “BamS” um kurz vor 10 Uhr (Ortszeit New York) offiziell vorgestellt, was dann die “‘Süddeutsche Zeitung’ und andere Blätter” (nicht jedoch “Bild” und “BamS”) zum Anlass nahmen, anschließend ausführlich darüber zu berichten.
Bleibt noch die Frage, woher die “BamS” denn überhaupt schon am Sonntag davon wusste.
Antwort: Möglicherweise hatten die “BamS”-Redakteure darüber im “Wall Street Journal”, möglicherweise auch auf irgendeiner, x-beliebigenanderenInternetseite gelesen. Oder sie haben’s einfach aus einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa übernommen, die das, was die “BamS” heute als “BILD-am-SONNTAG-Leser wissen es zuerst!” verkauft, bereits am 16. November um ca. 14.10 Uhr (MEZ) unter Berufung auf den US-Fachdienst C’net verbreitete, der die Präsentation zuvor exklusiv angekündigt hatte.
Aber wer nur die “Bild am Sonntag” liest, weiß natürlich alles zuerst aus der “BamS” — mehraberauchnicht.
Seit dem überregionalen Start der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« Ende 2001 hat der Sonntagszeitungs-Markt an Qualität und Dynamik gewonnen. Weil es für ihn bisher noch keinen regelmäßigen Übersichtsdienst gibt, gehen medienlese.com (Ronnie Grob, Florian Steglich) und Der Umblätterer (Frank Fischer, Marc Reichwein) in einer einmaligen konzertierten Aktion mit gutem Beispiel voran. Das Ganze geschieht im Stil des Perlentauchers, den wir von hier aus herzlich grüßen. Wahrscheinlich muss nur noch die lange geplante »Süddeutsche am Sonntag« an den Start gehen, bevor der Perlentaucher auch am Sonntag nicht mehr um eine Feuilleton-Rundschau herumkommt. Wir freuen uns darauf. Read On…
Pfeifenbläser, Telefonabspielgeräte, Kolumnenbeamte, kleine böse Brüder.
Wallpaper-Erfinder und Monocle-Herausgeber Tyler Brûlé kritisierte das Blabla, dass Printmedien verschwinden würden, das zeuge von Faulheit und Kurzsichtigkeit. Der Schaden wurde vor langer Zeit angerichtet und man könne nicht das Internet dafür verantwortlich machen: “Viele Fehlentwicklungen hat es gegeben, weil die falschen Leute an der Spitze von Medienunternehmen sitzen. Vor etwa 15 Jahren haben nämlich Geschäftsleute die Redaktionen übernommen. Ich sage: Wenn man ein guter Journalist ist, kann man auch ein guter Geschäftsmann sein, denn gute journalistische Arbeit macht das Medium attraktiv für Werbekunden.”
Schon 11 Leute haben eine Petition gegen die Heute-Kolumne “Zora Off” unterschrieben. Sie wendet sich gegen ihre wiederholte unbedachte Wortwahl. Es sei “nicht sonderlich klug, wenn sich eine Kolumnistin als Kifferin outet und öfters von anderen Drogen wie bspw. Heroin spricht. Jungen Lesern könnte damit der Eindruck erweckt werden, dass Kiffen oder das Konsumieren von Drogen etwas Tolles sei.”
“Raus aus der Kuschelecke”
(tagesspiegel.de, Mercedes Bunz und Christian Meier)
Tyler Brûlé will die Leser von “Monocle” mit vergessenen Themen konfrontieren.
Sechshundert Dollar Kriegskasse (faz.net, Lutz Mükke)
Jahrelang brillierte das Erste mit Reportagen aus Somalia. Großen Anteil daran hatte der Einheimische Ahmed Jimale. Er nahm die Bilder des ermordeten amerikanischen Soldaten in Mogadischu auf, die um die Welt gingen. Von der ARD gekündigt, lebt Jimale heute als Flüchtling in Schweden.
“Google ist nicht gut genug” (faz.net, Roland Lindner)
Jimmy Wales hat das Online-Lexikon Wikipedia gegründet und damit eine sagenhafte Erfolgsgeschichte im Internet geschrieben. Jetzt steigt er ins Suchmaschinen-Geschäft ein und attackiert Google. Anders als bei Wikipedia will er damit richtig Geld verdienen.
E-zines: journalistische Avantgarde im Web (punkt.ch, wil)
Online-Medien werden immer beliebter, zunehmend bei den Jungen und auch auf Kosten des Print. E-zines könnten damit in der Zukunft an Bedeutung gewinnen. Die Online-Magazine verbinden Print-Ästhetik mit der Multimedialität und Interaktivität des Web.
Nahaufnahme: Computerspiel-Junkie (rbb-online.de, Video, 6:15 Minuten)
Florian hat keine Ausbildung, keinen Job und keine Freunde. Dafür hat er keine Zeit. Denn er spielt rund um die Uhr ?World of Warcraft“, ein Online-Rollenspiel.