Suchergebnisse für ‘BILD’

Russland, News 1, Reisejournalismus

1. “Von Geschäftsreisen und Reisegeschäften”
(bildblog.de, Clarissa)
In der Adventszeit beschäftigt sich das Bildblog nicht nur mit der Bild, sondern auch mal mit anderen Publikationen, zum Beispiel mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Im Fokus ist ein Fall von Reise-Journalismus, wie er auch in anderen Zeitungen oft zu lesen ist, “kein Einzelfall”.

2. “News1.ch: No News, aber etwas Social Dingsbums”
(medienspiegel.ch, Martin Hitz)
“Seit einigen Wochen ist ‘News1‘, der ‘Google News’-Killer der Schweizer Regionalverleger, in einer registrierungspflichtigen Betaversion zugänglich. Dass kaum jemand darüber berichtet, ist irgendwie verständlich, denn noch lässt einen das Angebot ziemlich ratlos zurück.”

3. “Russland: Sterben für die Pressefreiheit”
(ardmediathek.de, Video, 6:41 Minuten, Stephan Stuchlik)
“Es gibt nur noch wenige mutige Journalisten in Russland – und die riskieren alles. In Moskau wird derzeit der Mord an der Journalistin Politowskaja vor Gericht verhandelt. Derweil kämpfen die Ärzte um das Leben von Michail Beketow. Der kritische Umweltjournalist hatte sich mit seinen Recherchen mächtige Feinde gemacht und wurde brutal überfallen. Eine Spurensuche, wenige Tage vor dem 60. Jahrestag der UN-Menschenrechtserklärung.” (Protokoll des Beitrags)

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Von Geschäftsreisen und Reisegeschäften

Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” informierte ihre Leser am vergangenen Donnerstag im Reiseteil ausführlich darüber, dass Lufthansa erstmals im Winter eine durchgängige Verbindung von München nach Boston anbietet (ab 2299 Euro). Und das nicht etwa auf 15 Zeilen. Nein, die FAZ hat dafür keine Kosten und Mühen gescheut, um das Angebot selbst zu testen (“Unser Nachmittagsflug von München nach Boston wird von einem nicht enden wollenden Sonnenuntergang begleitet. (…) Maja, die Purserette, rät uns, den französischen Rotwein zu testen. Beim Menü können wir zwischen Gänsebraten und Zander aus der Küche des kanadischen Sternekochs Susur Lee wählen.”) – und die große deutsche Qualitätszeitung ist nicht nur angetan vom “sehr persönlichen Service an Bord”, sondern auch von der Grundidee.

Hier ein kleiner (!) Ausschnitt:

(...) Die Abflugzeit des Fluges LH 424 in München um 15.40 Uhr ist so terminiert, dass Fluggäste aus ganz Europa die Maschine bequem erreichen und abends nach der Landung noch ein Geschäftsessen in Boston wahrnehmen können. Der Rückflug nach München startet um 20.25 Uhr - die Reisenden können sich also tagsüber noch ganz auf ihre Geschäftstermine konzentrieren. Die morgendliche Ankunft im Erdinger Moos ermöglicht es ihnen, ausgeruht in den nächsten Arbeitstag zu starten oder einen frühen innereuropäischen Anschlussflug zu nehmen. (...) Ein weiterer wichtiger Vorteil der reinen Business Class-Flüge ist die niedrige Anzahl der Passagiere. Die Ein- und Aussteigezeiten sind dadurch deutlich reduziert. (...) Die kleine Boeing 737 kommt zehn Minuten vor einem Jumbo von British Airways aus London an. Läuft alles nach Flugplan, dann haben die Business Class-Passagiere die Kontrollen der amerikanischen Einreisebehörden schon hinter sich, bevor die ersten British-Airways-Passagiere den Immigrationsschalter erreicht haben.

Das FAZ-Resümee unter einem Foto, das die Autorin des FAZ-Artikels, Catharina P., nach erfolgreicher Teilnahme an einer Lufthansa-Pressereise gleich mitgeliefert hat, lautet:

"Klein, aber fein"

Das Resümee eines FAZ.net-Lesers zum Artikel liest sich… anders:

“Dass sich die FAZ für einen solchen plumpen Werbeartikel für diese Airline hergibt, ist schon verwunderlich und störend.”

Lufthansa-O-Ton:

“(…) Durch die späte Rückflugzeit haben Sie in der Ostküsten-Metropole genügend Zeit, sich ganz auf Ihre Termine zu konzentrieren. In München kommen Sie morgens an und können ausgeruht in den neuen Arbeitstag starten.”

Und natürlich könnte man das mit dem “plumpen Werbeartikel” für eine plumpe Unterstellung halten — auch wenn sich in der FAZ Text-Passagen finden, die quasi wörtlich auch in LufthansaPressemitteilungen stehen (siehe Kasten). Und was heißt es schon, dass die Autorin vor Jahren selbst mal für ein Lufthansa-Magazin geschrieben hatte? Was soll’s, dass sie für die FAZ auch schon aufgeschrieben hatte, wie toll man im Münchner Flughafen einkaufen kann (so toll, dass sie das ein gutes halbes Jahr später auch noch mal für die “Financial Times Deutschland” aufschrieb), wie toll man vom Münchner Flughafen aus kleine Kinder auf Flugreisen schicken kann (FAZ vom 10.4.2008), und was für eine tolle Fluggesellschaft Qatar Airways ist (FAZ vom 2.10.2008)?

Die djd über sich selbst:

“Die deutschen journalisten dienste – djd – sind führender Dienstleister für verbraucherorientierte Pressearbeit im deutschsprachigen Raum. In mehr als 5.000 verschiedenen Medien konnte djd bis heute Veröffentlichungen für seine Kunden erzielen: Vom Anzeigenblatt und der Lokalzeitung über Spezialtitel wie ‘medizin heute’ oder ‘fit for fun’ bis hin zu ‘FAZ’, ‘HÖRZU’, ‘Stern’ oder ‘Spiegel’ und von brigitte.de über MDR, WDR oder SWR bis hin zu RTL und ZDF. (…)

Alle Medien stehen vor der Herausforderung, in regelmäßigen Abständen immer wieder interessante Lektüre für ihre Leser bzw. attraktive Sendungen für ihre Hörer und Zuschauer zu erstellen. Um das in zunehmend dünner besetzten Redaktionen leisten zu können, nehmen sie gerne gezielte Unterstützung in Anspruch, die selbstverständlich den strengen presserechtlichen Kriterien entspricht.”

Tatsache ist, dass Catharina P. neben ihrer freien Journalistentätigkeit für FAZ, FTD und andere auch seit Jahren für die PR-Agentur “deutsche journalisten dienste” (djd) arbeitet. Auf der Website der djd (die — siehe Kasten — sich vor Werbekunden dafür rühmt, PR-Texte bei Print-, TV-, Hörfunk- und Online-Medien unterzubringen) wird sie als Redaktionsmitglied für die Bereiche “Gesundheit/Reise” geführt, von ihr verfasste PR-Texte werden von der djd verbreitet — und in djd-eigenen Broschüren werden ihre PR-Texte als Beispiele für gelungene Platzierung von Themen präsentiert. Aber die djd schwärmt zudem davon, wie sie selbst jedwedes PR-Thema “sicher in TV- und Hörfunksendungen unterbringen kann” und veröffentlicht u.a. entsetzlich lange Listen mit “Abdruckerfolgen” in Zeitschriften und Zeitungen (darunter auch die FAZ).

Öffentlich möchte sich die FAZ-Autorin, die einen Zusammenhang zwischen den FAZ-Texten und ihrer PR-Arbeit bestreitet, uns gegenüber weder zu ihrer PR-Tätigkeit noch zu ihrer journalistischen Arbeit äußern oder zitieren lassen.

Dabei sind wir sicher: Catharina P. ist kein Einzelfall im Reise-Journalismus. Aber genau darum schreiben wir’s ja auf.
 
Nachtrag, 11.12.2009: Nach Veröffentlichung dieses Eintrags wird Catharina P. auf der Website der PR-Agentur djd unter “Redaktion” nicht mehr zu den Themen “Gesundheit/Reise” geführt, sondern nur noch zum Thema “Gesundheit”. Und die FAZ-Reiseredaktion bestreitet in einer Stellungnahme uns gegenüber, einen reinen Werbeartikel für die Lufthansa veröffentlicht zu haben.

WAZ, Redakteurspflege, TV 3.0

1. “Überwiegend Enttäuschung: Kündigungen nicht vom Tisch”
(medienmoral-nrw.de)
Das “Blog zur Situation bei WAZ, NRZ, WR und WP” berichtet von einer Betriebsversammlung. Interessant dabei die Kommentare, in denen sich offenbar viele Mitarbeiter, ein Grossteil davon anonym, zur Lage äussern: “Die Betriebsversammlung war ENTTÄUSCHEND, bei jeder noch so lächerlich anberaumten Pressekonferenz sind mehr Neuigkeiten zu erfahren.” – “Nun also zeigen die Rendite-Jäger im WAZ-Konzern offen die häßliche Fratze des Kapitalismus.” – “Ich habe bislang geglaubt, als alleinerziehende Mutter mit zwei unterhaltspflichtigen Kindern und 23 Berufsjahren im WAZ-Konzern genug Sozialpunkte gesammelt zu haben, um mir keine Gedanken über einen Rauswurf machen zu müssen…”

2. “Zahlen zur geplanten WAZ-Axt”
(pottblog.de, Jens Matheuszik)
Auch Jens Matheuszik berichtet über die Veranstaltung: “Dem Pottblog liegen einige Informationen vor, wie sie in der Betriebsversammlung anscheinend mitgeteilt worden sind.”

3. “SPD will Zeitungs-Abo von der Steuer absetzen”
(lumma.de, Nico Lumma)
“Ah ja. Das ist ja eine sehr zukunftsweisende Sicht der Dinge. 500 Millionen Euro pro Jahr soll der Spaß kosten, damit die Verlage für ihre Versäumnisse der letzten mindestens 10 Jahre nicht zu sehr vom Markt bestraft werden? Ich glaube ja nachwievor nicht daran, dass das Trägermedium über die Qualität des Journalismus entscheidet, also sehe ich nicht, warum Tageszeitungsabos jetzt von der Steuer abgesetzt werden sollten.”

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Supi, beim Nachbarn brennt’s!

Unter der Überschrift “Leser glücklich – Mein Video steht schon bei Bild.de” dokumentiert Bild.de schon mal die Wirkung der jüngsten, großen “Bild”-Verkaufsaktion:

(Anonymisierungen von uns.)

Nachtrag, 9.12.2008: Bild.de hat die überglückliche “Video-Reporterin” aus dem Artikel entfernt.

Kurz korrigiert (487)

Vor nicht allzu langer Zeit nannte Bild.de den ehemaligen Football-Star O.J. Simpson mal einen…

Heute weiß Bild.de das natürlich besser*:

Mit Dank an Julian P., FKTozz, Sebastian P., gambit, Mark L. und Eric H.

Nachtrag, 6.12.2008: Tatsächlich muss Simpson offenbar mindestens 9 und maximal 33 Jahren ins Gefängnis. Verschiedene Nachrichtenagenturen und Medien hatten gestern jedoch zunächst gemeldet, er sei zu 15 oder 16 Jahren Haft verurteilt worden.

Gier-Spezial

“Ein Heft über die wahren Gründe der Krise” hat die Redaktion des “Süddeutsche Zeitung Magazin” gemacht, “Umdenken!” auf den Titel geschrieben und “Wirtschaft Spezial”. Tolle Texte stehen darin, mit tollen Sätzen, und vier tolle Uhrenanzeigen. Dazu kommen wir noch.

Erst einmal die Texte.

Ein Wirtschaftssystem, “das so viel Wohlstand schafft, aber nur so wenigen zugänglich macht – wird auf Dauer kaum tragen”, darf der Soziologe Richard Sennett in einem Interview sagen. Und vorschlagen, ein neues zu entwickeln, “das auf Kooperation basiert, statt die Menschen nur auszusaugen”.

Christian Nürnberger beschreibt “die Krise als Moment der Selbsterkenntnis” und einen prototypischen Michael M., der Träger eines “Virus” sei, Opfer einer “Geisteskrankheit”: “Regelmäßig fährt er mit seinem Geländewagen zu Aldi und Lidl, und noch nie hat er auch nur einen Gedanken an die Frage verschwendet, wie es eigentlich den Beschäftigten von Aldi und Lidl geht, was sie verdienen, wie sie leben, wie sie ihre Kinder erziehen.”

“Die allgemeine Dummheit, die dieses Land erfasst hat in den letzten Jahren, die hat alles verdeckt. Diese Krise verdanken wir der Ideologie des freien Marktes”, zitiert Georg Diez in seinem Stück über die Wall Street einen Ex-Anwalt, der nun Buchautor ist. Und nennt den Zustand selbst “das Ende der Vernunft”, an dem alle Schuld sind: “Von ganz unten bis ganz oben, eine Kette der Gier.”

Wahre Sätze sind das. Hier noch einer aus dem Interview: “Wer jetzt so weitermachen will wie bisher, hat nicht verstanden, dass die Nachfrage weltweit sinkt.”

Tolles Heft, dieses “Wirtschaft Spezial”. An seinem Ende findet sich die Rubrik “Stil leben”. Dort steht auf fünf Seiten wenig Text, dafür zeigt die Redaktion — passend zu den tollen Uhrenanzeigen — viele Bilder von sehr teuren Uhren. Darüber steht: “Es gibt Uhren, die sind so schön, dass sie alle anderen in den Schatten stellen. Vorausgesetzt, man trägt sie mit Haltung.”

Zum Beispiel die “Ergon von Bulgari aus 18-Karat-Gelbgold, mit braunem Alligatorband”. Die kostet schlappe 11.000 Euro; die Rolex Oyster Perpetual GMT-Master II gibt’s für 19.500 Euro (aber das erwähnt das “SZ-Magazin” nicht). Nichts für einfache Leute, nein, nein, sondern: “Für harte Hunde”.

So viel zur Moral im Angesicht der Rendite.

Der Kernsatz übrigens steht auch bei Diez. Es ist sein letzter, er soll all den Zynismus beschreiben, der sicher bald zu einer neuen Krise führen wird:

I gotta get back to work.

Passt auch gut zum “SZ-Magazin”.

Zwei Kessel Buntes

Was sich am 29. November im Bremer Steintorviertel zutrug, fand die “Bild”-Zeitung offenbar so wichtig, dass sie dem Ereignis am 1. Dezember in ihrem Online-Angebot gleich zwei verschiedene Artikel widmete: einen eher nachrichtlichen und, wie man denken könnte, einen boulevardesken. Doch das wäre untertrieben.

Der eine Text erschien in der Leserreporter-Rubrik. “Leser-Reporter Florian G.” hatte “von oben” beobachtet und fotografiert, wie die Polizei Frankfurter Fußballfans einkesselte. Unter der Überschrift “Hier randalieren Hooligans” heißt es:


Polizisten fesseln Männer mit Kabelbindern, Festgenommene liegen am Boden und ein Block aus Hooligans wird von der Polizei umzingelt. Kunden flüchten verängstigt in die Geschäfte. Und das mitten in Bremen!

Randale beim Werder-Spiel gegen Frankfurt.

Es ging schon früh morgens los. Mit mehreren Bussen kamen die Chaoten in Bremen an. (…)

Plötzlich flogen Fäuste, brüllten Hooligans ihre Parolen. Die Stimmung wurde immer aggressiver. (…)

In den Taschen der Frankfurter Gewalt-Fans fanden die Beamten Sturmhauben, Abschussgeräte und Feuerwerkskörper. (…)

In dem anderen, eher nachrichtlichen Text, der auf der Eintracht-Frankfurt-Seite im Bundesliga-Ressort erschienen ist, steht indes quasi das Gegenteil:


238 Eintracht-Fans wurden vor dem Spiel bei Werder in Gewahrsam genommen, obwohl diesmal nichts vorgefallen war. (…)

Eintrachts ehemaliger Fan-Beauftragter Andreas Hornung empört: “Wir wurden wie Gangster behandelt. Wenn etwas vorgefallen wäre, dann wäre die Sache ja in Ordnung gewesen. So nicht.”

Und welche Version der Geschichte stimmt nun?

Nicht mal die Polizei selbst, die wegen ihres Vorgehens von Eintracht-Fans stark kritisiert wird, spricht von gewalttätigen Ausschreitungen, wie “Bild” sie nahelegt. In einer Pressemitteilung heißt es:

Für die dort formierten Einsatzkräfte war deutlich eine aggressive Stimmung aus dem Aufzug spürbar. (…) Es war offenkundig, dass man es darauf anlegte, Bremer Fans zu finden und sich mit diesen körperlich auseinander zusetzen. (…) Nachdem zunächst ein äußerst lauter Böller an der Sielwallkreuzung zur Explosion gebracht worden war, ging die Gruppierung in breiter Front über die Fahrbahn durch das Steintorviertel. (…) Darüber hinaus hätte es ohne Zweifel beim Aufeinandertreffen mit Bremer Fans eine körperliche Auseinandersetzung gegeben. (…) Im Steintor ließen sie nach den Ingewahrsamnahmen u.a. diverse Böller, Sturmhauben, Mundschutze, Abschussgeräte für Signalmunition inkl. Kartuschen und weitere Pyrotechnik (Selbstlaborate) zurück. (…)

Es bleibt festzustellen, dass es nach dem konsequenten Einschreiten der Polizei für ein Fußballspiel dieser Größenordnung in der Stadt absolut ruhig blieb.

So gesehen meint “Bild”-Chef Kai Diekmann, wenn er sagt, Leserreporter-Einsendungen würden sorgfältig überprüft und nachrecherchiert, offenbar etwas anderes, als das, was man landläufig darunter versteht.

Mit Dank an Mario G. für den sachdienlichen Hinweis.

(…)

Die “Bild”-Zeitung ist immer noch außer sich vor Wut, dass der ehemalige RAF-Terrorist Christian Klar im Januar auf Bewährung freikommt und auch noch einen Praktikumsplatz als Bühnentechniker am Berliner Ensemble (BE) bekommen soll. Heutiger Anlass für die Empörung ist ein Interview, das Dirk Meinelt, der Betriebsratsvorsitzende des BE, der Berliner Stadtzeitschrift “Zitty” gegeben hat. Oder wie “Bild” titelt:

Nicht ganz unwiderlich auch, wie “Bild” Meinelts Zitate manipuliert, um beim Leser maximale Empörung zu erreichen.

“Bild” schreibt:

Und was meint Meinelt zu dem Vorwurf vieler Politiker, dass Klar bis heute keine Reue gezeigt hätte? “Was stellen sich eigentlich die Leute unter Reue vor? (…) Soll er in der Presse einen Kniefall machen?”

Die Auslassungszeichen sind interessant. Das ganze Zitat lautet nämlich so:

“Was stellen sich eigentlich die Leute unter Reue vor? Ich kenne die Briefe von Christian Klar, ich kenne das Gnadengesuch an den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, ich kenne seine Briefe an Horst Köhler und den ganzen Schriftverkehr. Er hat in allen Briefen geschrieben, dass er bedauert. Soll er in der Presse einen Kniefall machen?

Das ist nicht die einzige Manipulation. “Bild” schreibt:

Und dann klingt sogar ein bisschen Mitleid für den neuen Mitarbeiter durch: “Wir haben lange mit ihm darüber gesprochen, dass natürlich Fragen zu seiner Vergangenheit von den Kollegen kommen werden. Das können Sie sich ja vorstellen, was so jemand von einem einfachen Bühnentechniker gefragt wird. Die Arbeit in der Technik, das ist richtiges Milieu. Das ist schon ein bisschen derb und ein sehr raues Klima.”

Einem einfachen Bühnentechniker – ist das nicht genau die Abteilung, in der Klar dann arbeiten wird? Und was ist Klar dann bitte? Ihr da unten, ich – der gerade freigelassene RAF-Terrorist – hier oben? So ein Schmierenstück hat es noch nie im BE gegeben. Hoffentlich wird’s bald abgesetzt…

“Bild” hat sich Meinelts Sätze aus verschiedenen Stellen des Interviews zusammengeklaubt, um diesen Eindruck zu konstruieren. In der “Zitty” heißt es:

Christian Klar wurde Anfang 2007 stark kritisiert, weil er ein kapitalismuskritisches Grußwort an die Rosa-Luxemburg-Konferenz der Zeitung “Junge Welt” geschrieben hatte. Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Er hat gesagt, dass er bereut, was durch die Presse gegangen ist. Er weiß auch, dass wir im BE politische Aktivität nicht dulden werden. Das ist von vorneherein klar. Wir haben lange mit ihm darüber gesprochen, dass natürlich Fragen zu seiner Vergangenheit von den Kollegen kommen werden. Das können Sie sich ja vorstellen, was so jemand von einem einfachen Bühnentechniker gefragt wird. Wenn man Klar als Menschen kennenlernt, merkt man: Die Angst vieler ist unbegründet. Von diesem Menschen geht keine Gefahr aus.

(…) Wie bereiten Sie Klar auf das Ensemble vor?

Die Arbeit in der Technik, das ist richtiges Milieu. Die werden ihn fragen: Hast du denn überhaupt was gelernt? Kannst du nach 26 Jahren überhaupt etwas? Das ist schon ein bisschen derb und ein sehr raues Klima. Er muss mit allen Sachen umgehen lernen, er kommt ja in Kontakt mit den Kollegen von der Bühnentechnik, den Beleuchtern, der Requisite und den Schauspielern.

Es ist schwer, aus diesen Antworten zu schließen, dass das BE meint, Christian Klar stünde in irgendeiner Form über den einfachen Bühnenarbeitern. Dazu muss man die Sätze schon kunstvoll neu montieren und Teile ganz weglassen. Sogar ohne Auslassungzeichen.

Das “Zitty”-Interview, auf dem der “Bild”-Artikel beruht, trägt übrigens die Überschrift “Christian Klar im Berliner Ensemble: “Der hat sich hier anzupassen. Fertig.” Das ist auch ein Zitat von Dirk Meinelt.

Schmus, Vado, LED-Scheinwerfer

1. “Euphoriker sterben jung”
(zeit.de, Harald Martenstein)
Auch Harald Martenstein wird überrascht von der Medienkrise und erfährt bei der morgendlichen Zeitungslektüre, dass er seinen Job los ist. Aber es ist ja nur einer von vielen Jobs, denn er ist “breit aufgestellt”. Dass junge Journalisten sozusagen nur noch Zeitverträge erhalten, hält er für die vielleicht “menschenfreundlichere Variante” als das alte System der Festanstellung: “Der Unternehmer muss nicht darüber nachdenken, wen er kündigt und wen er behält. Es ergibt sich irgendwie automatisch. Der Gekündigte muss sich nicht sagen, dass er den Job verliert, weil er schlecht gearbeitet hat. Es gibt keine Schurken und keine Versager. Es gibt nur die Logik des Systems. Zeitvertrag, kurz im Betrieb, und du bist draußen.”

2. Interview mit Matthias Zuber und Thomas Franke
(bildjournalisten.djv-online.de, “Redaktion”)
Heute kommt die Kleinkamera “Vado” von Creative auf den Markt, eine Gemeinschaftsaktion der Boulevardzeitung Bild und des Lebensmittelhändlers “Lidl”. In einem langen Interview äussern sich zwei freie Journalisten über den Unterschied zwischen dieser Billigkamera und professionellem Equipment. Matthias Zuber: “Lustiges Teil, wird wohl bald noch mehr davon geben, aber, um ein halbwegs professionelles Produkt zu erstellen absolut ungenügend. Im Homevideo- und Experimentalfilmbereich hat das Teil sicher einen Sinn und kann inspirierend wirken.”

3. “Autojournalismus”
(bildblog.de, lupo)
“Der Autohersteller Audi ist begeistert von seinen neuen LED-Scheinwerfern und ihren Möglichkeiten. ‘Spiegel Online’ auch.”

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In der Krise den Hitler an die Wand malen

Von Friedhelm Greis

Der “Spiegel” erlaubt sich in seiner aktuellen Ausgabe eine perfide Form der Geschichtsklitterung.

In der elfseitigen Titelgeschichte zur Wirtschaftskrise (“Angela Mutlos”) versucht das Magazin u.a., Parallelen zwischen der untätigen Regierungspolitik unter Angela Merkel und der Politik des Reichskanzlers Heinrich Brüning in der Weimarer Republik während der Weltwirtschaftskrise zu ziehen. Der Vergleich gipfelt darin, dass Brüning damals von sich aus zurückgetreten sei und damit die Machtergreifung Hitlers ermöglicht habe.

Mit anderen Worten: Das alles kann passieren, wenn man in der gegenwärtigen Lage nicht die Auffassung des “Spiegel” vertritt und ein dickes Konjunkturprogramm auflegt. Die Passage (S.31) lautet:

"Der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning hingegen versuchte damals, die Wirtschaftskrise mit eiserner Sparsamkeit zu kontern - mit verheerenden Folgen. Er kürzte die öffentlichen Ausgaben für Wohnungsbau, drückte die Gehälter der Staatsbediensteten und hielt die Bürger an, ein "Übermaß an Feiern und Vergnügen" zu vermeiden. Dass er die Wirtschaft mit seiner Sparpolitik förmlich erdrosselte, wollte Brüning nicht einsehen. Forderungen nach einem staatlichen Konjunkturprogramm wies er zurück. Wenige Wochen später trat er zurück und eröffnete den Weg für Hitlers Machtergreifung."

Da wird zunächst der Eindruck erweckt, als habe Brüning überhaupt finanzielle Möglichkeiten gehabt, mit einem üppigen Konjunkturprogramm der Krise entgegen zu steuern. Aber:

  • Faktisch war Deutschland damals pleite, es hatte ein deutliches Haushaltsdefizit, nur minimale Devisenreserven, hohe Auslandsschulden und musste obendrein Reparationen nach dem Young-Plan zahlen.
  • Kredite aus dem Ausland waren kaum mehr zu bekommen.
  • Gegen eine Kreditausweitung per Notenpresse sprachen die traumatischen Erfahrungen der Hyperinflation von 1923.

Kurzum: Die Forschung ist sich inzwischen einig darüber, dass Brüning aus wirtschafts- und finanzpolitischen Gründen keinen Spielraum für eine aktive Konjunktur- und Arbeitsmarktpolitik sah. Darüber hinaus wollte er die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands aber auch dazu nutzen, die Alliierten zu einem kompletten Verzicht auf die Reparationszahlungen zu bewegen. Und nicht zuletzt ging die Lohnsenkung mit einer staatlich verordneten Preissenkung einher, um den Binnenmarkt nicht gänzlich lahmzulegen und die Exportchancen zu steigern.

Das alles ignoriert der “Spiegel” geflissentlich. Und am Schluss lapidar zu schreiben, dass Brüning (quasi in der Erkenntnis seiner wirtschaftspolitischen Erfolglosigkeit) zurückgetreten sei, ist natürlich ein Witz.

Zu Brünings Entlassung:

“Brünings Entlassung brachte die Befürworter einer autoritären Krisenlösung ihrem Ziel ein gutes Stück näher. Wäre es Hindenburg darum gegangen, von Weimar soviel wie möglich zu bewahren, hätte er an seinem vom Reichstag tolerierten Kanzler festhalten müssen.”

(Aus: Heinrich August Winklers Standardwerk “Weimar. 1918-1933”, S. 476.)

Im Reichstag hatte er wenige Wochen vor seinem Sturz noch den bekannten Satz geprägt, er stehe “hundert Meter vor dem Ziel”. Wenige Wochen nach seiner Ablösung erreichte Deutschland dann auch, dass die Reparationen bis auf eine Restsumme von drei Milliarden Goldmark gestrichen wurden. Die Gründe für Brünings Sturz sehen Historiker indes darin, dass seine Agrarpolitik die Interessen der ostelbischen Großgrundbesitzer gefährdete und er sein Kabinett nicht weit genug nach rechts ausrichten wollte (siehe auch Kasten).

Das alles passt offenbar nicht in die Argumentation des “Spiegel”. Aber der will gerade ohnehin nur agitieren, wie Finanzminister Peer Steinbrück ein paar Seiten später während eines Interviews bemerkt.

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