Suchergebnisse für ‘BILD’

Kehraus 2008

… und wieder ist es an der Zeit, schnell noch ein wenig Gerümpel wegzuräumen, das während unseres Winterschlafs liegengeblieben ist.

Denn dass Dieter Althaus kein “CSU-Ministerpräsident” ist, hat man bei “Bild” inzwischen immerhin selbst gemerkt. Ob Britney Spears, wie Bild.de behauptet, wirklich über Weihnachten in Indien war, ist zumindest fraglich; so fraglich wie die Bild.de-Behauptung, DJ Tommek DJ Tomekk habe 2007 “auf RTL” mit einem Hitlergruß geschockt. (Soweit wir uns erinnern, schockte “Bild” damit.) Doch wenn es auf Bild.de heißt…

"Sexy Schlamm-Grätschen - Der schärfste Kick des Jahres als Video"

Pünktlich zum Jahresende in der bundesligafreien Zeit begeistert uns die US-Sportseite dbbsports.com mit dem heißesten Kick des Jahres!

… dann wollen wir an der Begeisterung der Bild.de-Redaktion nicht zweifeln. Die 14-teilige Screenshot-Galerie zum Thema und eine Bild.de-Version des Videos (“Es ist das schärfste Fußballspiel des Jahres, was das amerikanische Sport-Portal dbbsports.com seinen Lesern zum Ende des Jahres beschert!”) sprechen für sich. Weshalb wir nur mal kurz darauf hinweisen wollen, dass es sich, wenn überhaupt, um den schärfsten/heißesten Kick des Jahres 2007 handelt – genauer: um ein vor anderthalb Jahren veröffentlichtes Musikvideo, das nun von dbbsports.com bloß wiederverwertet wurde.

Und dann war da noch der Versuch der “Bild”-Zeitung, eine “Spiegel”-Geschichte zu entkräften, die den Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in Schwierigkeiten brachte. Im “Spiegel” hatte der ehemalige US-General James Marks gesagt, dass zwei deutsche Geheimagenten im Irak-Krieg den Amerikanern mit Wissen des Kanzleramtes wertvolle Informationen für ihre Kriegsführung geliefert hätten. Eine solche “aktive Unterstützung” hat Steinmeier, der das Kanzleramt damals leitete, immer bestritten.

Rolf Kleine, Leiter des “Bild”-Hauptstadtbüros und so etwas wie Pressesprecher, Schönfärber und Ausputzer für Steinmeier, veröffentlichte daraufhin in “Bild” und auf Bild.de einen Artikel, in denen er dem “Spiegel” vorwarf, “offenbar einem bezahlten Propagandisten des Pentagon aufgesessen” zu sein. Marks Aussagen seien deshalb nicht ernst zu nehmen. Kleine nahm damit exakt die Verteidigung Steinmeiers am selben Tag vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss zur Rolle der BND-Agenten vorweg (und erklärte schon vorab: “Jetzt deutet alles darauf hin, dass der SPD-Kanzlerkandidat unbeschadet aus der Affäre herauskommt”).

Auf den “Bild”-Artikel antwortet in der aktuellen Ausgabe nun wieder der “Spiegel” — mit einem “Münchhausen-Test”. Unter Berufung auf detaillierte Aussagen mehrerer Journalisten, des Pentagons und von Marks selbst kommt der “Spiegel” zu dem nüchternen Ergebnis: “Es finden sich keine Belege, dass Marks ein ‘bezahlter Propagandist’ des Pentagon ist.”

Mit Dank an diverse Hinweisgeber und kleinefragen.de.

Recherchieren Sie mit!

– Von Peter Knorr und Elsemarie Maletzke –

Déjà Vu?


Im August 1970 erschien das Satiremagazin “Pardon” mit einem 12-seitigen “Sonderdruck” zur “Bild”-Zeitung, aus dem wir unter dem Titel “BILDblog vor 40 Jahren” in den vergangenen Tagen (mit herzlichem Dank an den Ex-“Pardon”-Macher Gerhard Kromschröder!) wesentliche Teile dokumentieren durften.

Zum Abschluss (und bevor wir morgen wieder aus unserem alljährlichen Winterschlaf zurückkehren und uns wie gehabt über sachdienliche Hinweise freuen) gibt’s heute noch einige “Arbeitshilfen” der “Pardon”-Redaktion für die Suche nach der Wahrheit in “Bild”.

Aber auch da scheint es, als hätte sich über die Jahre bei “Bild” nicht wirklich viel geändert…

Wenn Sie schon Springers BILD lesen – jeder macht mal was Dummes – dann ärgern Sie sich nicht hinterher und sagen “Sowieso alles erstunken und erlogen!”, sondern schaun Sie doch mal genauer hin! (…) Aber Vorsicht! Übernehmen Sie sich nicht! (…) Suchen Sie erst mal nach dem berühmten Körnchen Wahrheit. Bei all den Vergewaltigungen, Studentendemonstrationen, Raubüberfällen, Politikerworten, Geheimdokumenten, Selbstmorden und Boenisch-Kommentaren, da muß doch mal was Wahres dransein!

Hier ein paar Tips aus unserer BILD-Erfahrung:

  • In Schlagzeilen und Vorspännen ist die Suche nahezu hoffnungslos!
  • Suchen Sie nach Zitaten!
    Steht die wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen? Dann hat sich BILD nicht getraut, das verdrehte Zitat seinem Urheber wieder zuzusprechen.
    Wenn dahinter ein voller Name steht, kommt es vor, daß das Zitat stimmt. Ein schöner Fund!
    Steht dagegen eine Abkürzung (“Herr K. aus B.”) bei dem Zitat, so dient das dem Schutz der Persönlichkeit, gleichgültig, ob diese frei erfunden ist oder nicht.
  • Nicht jede Abkürzung ist erfunden! Es gibt ganze Stories, in denen nur die Abkürzungen stimmen.
  • Es gibt BILD-Geschichten, an denen was Wahres* dran ist. (…) Finden Sie in BILD etwa die Nachricht, dass bei Ihrem Nachbarn Herrmann Kuffler der Weihnachtsbaum, die Gardinen sowie das Kleinkind verbrannt sind, obwohl der Mann kinderlos und über Weihnachten auf Mallorca ist, so sollten Sie immerhin positiv registrieren, daß Adresse sowie Vor- und Nachname richtig vermeldet sind. Immer, wenn Sie so auf ein Körnchen Wahrheit stoßen, haben Sie etwas Seltenes, Rares gefunden.
  • Wenn Sie und Ihre Familie in einem Bericht vorkommen, wissen Sie ohnehin, was erstunken und erlogen ist.

*) Was dabei nicht zählt: Toto- und Lotto-Zahlen und Sportereignisse. Auch das jeweilige Erscheinungsdatum und das Impressum dürfen als wahr unterstellt werden. Und schließlich stimmt der Wetterbericht auch in anderen Zeitungen manchmal.

Mit Absicht ungenau (2)

– Von Wilhelm Genazino –

Déjà Vu?

Im August 1970 erschien das Satiremagazin “Pardon” mit einem 12-seitigen “Extra” zur “Bild”-Zeitung. Den “Pardon”-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere “Stern”-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem “Pardon Extra” erfahren zu haben) ging es in ihrem “Sonderdruck” vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft “Bild” auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und “BILD-Lügen” zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der “BILD-Lügen” aus dem “Pardon” von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei “Bild” nicht wirklich viel geändert…

Es gibt eine besondere Spezies von BILD-Artikeln: sie brillieren mit einem hohen Grad von Unwahrscheinlichkeit und Kuriosität. Dementsprechend fehlen in den Berichten fast alle konkreten Daten wie z.B. Zeitangaben oder Namen der Personen. So sichert sich BILD vor Nachprüfungen von erfundenen oder halberfundenen Geschichten.

Ein Beispiel von vielen:

[…] Am 21. Juli brachte BILD die Story: “Chef entließ Sex-Protz”. In der Geschichte ging es um einen Angestellten der Städtischen Sparkasse Köln, dem gekündigt worden sei, weil er mit permanenten Erzählungen aus seinem Liebesleben den Betrieb aufgehalten habe.

Ergebnis der PARDON-Recherchen:

  • Der Sprecher der Personalabteilung der Städtischen Sparkasse Köln: “Das hat sich ganz bestimmt nicht bei uns zugetragen. Ein derartiger Fall ist mir nicht bekannt, und ich müßte es eigentlich wissen, denn wir sind auch für die Filialen zuständig.”

Zur Sicherheit rief PARDON auch bei der Kölner Kreissparkasse an.

  • Ergebnis: “Der Fall ist total unbekannt.”
  • Und auch die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen in Köln, die sich berufsmäßig mit gekündigten Angestellten aus der Branche befaßt, kann nur passen: “Der Fall ist uns nicht bekannt.”

 
Lesen Sie morgen: Wie “Bild” einer jungen Mutter zum Urlaub mit ihrem Sohn verhalf – oder auch nicht. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.

Schwetzingen dementiert

– Von Horst Dreif –

Déjà Vu?


Im August 1970 erschien das Satiremagazin “Pardon” mit einem 12-seitigen “Extra” zur “Bild”-Zeitung. Den “Pardon”-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere “Stern”-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem “Pardon Extra” erfahren zu haben) ging es in ihrem “Sonderdruck” vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft “Bild” auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und “BILD-Lügen” zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der “BILD-Lügen” aus dem “Pardon” von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei “Bild” nicht wirklich viel geändert…

Das ist ein Skandal – so richtig hergerichtet fürs empörte Herz der großen BILD-Familie: Zu Hause in Schwetzingen können die Schwerverletzten nicht operiert werden, weil der Herr Chefarzt den Schlüssel zum OP-Saal mit in den Urlaub genommen hat.

Aber es war halt wieder mal alles ganz anders. Denn richtig an diesem Artikel sind nur sein Anfang (“Fünf schwerverletzte Unfallopfer wurden ins Städtische Krankenhaus Schwetzingen gebracht. Aber sie konnten nicht operiert werden.”) und die Nachricht, daß sich Chefarzt Dr. Voll im Urlaub befand.

Die BILD-Behauptung jedoch, Dr. Voll habe den Schlüssel zum OP-Saal mit an den Gardasee genommen, bezeichnete Schwetzingens Bürgermeister Kurt Waibel schlicht als “Treppenwitz”. Denn der Schlüssel habe dort gehangen, wo er immer hänge, nämlich in einem für ihn angebrachten Kasten.

Aber das ganze Schlüssel-Problem hat mit der Operation von Unfallopfern hier gar nichts zu tun. Denn die Schwerverletzten werden in der Schwetzinger Klinik ohnehin nur zwischenbehandelt (Erste Hilfe; Narkose etc.) und dann entweder in die jeweils etwa zehn Kilometer entfernten Kliniken von Heidelberg oder Mannheim weitertransportiert.

Denn die Schwetzinger Klinik ist für große Operationen überhaupt nicht eingerichtet. Sie tritt nur, und “das seit neun Jahren” (Bürgermeister Waibel) als Zwischenstation in der Versorgung von Unfallverletzten auf. Herr Hoffmann, Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Schwetzingen: “Wir dürfen Verletzte nicht gleich nach Heidelberg oder Mannheim fahren. Denn wenn sie unterwegs sterben, wäre unser Fahrer schuld oder mindestens mitschuldig.”

Mit anderen Worten: In Schwetzingen ist nichts anderes passiert als das, was dort immer passiert. Das ist den BILD-Journalisten, wie Frau Moos, Personalbearbeiterin im Schwetzinger Bürgermeisteramt, PARDON gegenüber sagt, auch erklärt worden. Trotzdem lasen sie und das Personal des Krankenhauses am nächsten Morgen eine ganz andere Geschichte: wie gehabt.
 
Lesen Sie morgen: Die Wahrheit über den “Sex-Protz” der Städtischen Sparkasse Köln. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.

Mit Absicht ungenau (1)

– Von Wilhelm Genazino –

Déjà Vu?

Im August 1970 erschien das Satiremagazin “Pardon” mit einem 12-seitigen “Extra” zur “Bild”-Zeitung. Den “Pardon”-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere “Stern”-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem “Pardon Extra” erfahren zu haben) ging es in ihrem “Sonderdruck” vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft “Bild” auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und “BILD-Lügen” zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der “BILD-Lügen” aus dem “Pardon” von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei “Bild” nicht wirklich viel geändert…

Es gibt eine besondere Spezies von BILD-Artikeln: sie brillieren mit einem hohen Grad von Unwahrscheinlichkeit und Kuriosität. Dementsprechend fehlen in den Berichten fast alle konkreten Daten wie z.B. Zeitangaben oder Namen der Personen. So sichert sich BILD vor Nachprüfungen von erfundenen oder halberfundenen Geschichten.

Ein Beispiel von vielen:

Am 8. Juli veröffentlichte die Zeitung folgende Story: Einem Kölner Autofahrer sei auf der Autobahn nach Frankfurt der Wagen stehengeblieben; der Fahrer habe den ADAC zu Hilfe gerufen. Als jedoch der ADAC-Helfer nicht ganz so schnell gekommen sei, habe sich der Autofahrer derweil mit einer Anhalterin angefreundet. Die Frau sei schwanger geworden. Der Kölner Autofahrer habe daraufhin den ADAC verklagt. Grund: wenn der ADAC-Helfer früher erschienen wäre, wäre das Ganze nicht passiert.

Ergebnis der PARDON-Recherchen zu diesem seltsamen Fall.

  • Der Kölner und der Frankfurter ADAC wissen nichts davon!
  • Auch der Leiter der Juristischen Zentrale des ADAC in München, Dr. Johann Seehon, der sich mit allen Rechtssachen des ADAC befaßt, weiß nichts von einer solchen Klage, obwohl “ich davon hätte erfahren müssen” (Dr. Seehon).

 
Lesen Sie morgen: Warum laut “Bild” ein Krankenhaus fünf Schwerverletzte nicht operieren konnte – und wie’s wohl wirklich war. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.

Leichenfledderei im Zigeunergrab

– Von Eckhard Henscheid –

Déjà Vu?


Im August 1970 erschien das Satiremagazin “Pardon” mit einem 12-seitigen “Extra” zur “Bild”-Zeitung. Den “Pardon”-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere “Stern”-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem “Pardon Extra” erfahren zu haben) ging es in ihrem “Sonderdruck” vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft “Bild” auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und “BILD-Lügen” zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der “BILD-Lügen” aus dem “Pardon” von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei “Bild” nicht wirklich viel geändert…

In der Nacht vom 17. zum 18. Juli 1970 wurde in Magstadt bei Sindelfingen (Württemberg) das Grab des zwei Tage vorher beerdigten Rentners Anton Lauster, Mitglied einer ortsansässigen Zigeunergruppe von Unbekannten geöffnet. Aus dem Sarg wurde eine goldene Uhr gestohlen. Ursache der Leichenfledderei war ein Artikel, der am 17. Juni in der BILD-Zeitung erschienen war. Überschrift:

Im Zigeunergrab liegen 45 000 Mark

BILD hatte berichtet, im Grab des “Zigeunerbarons” Lauster befänden sich nach dessen testamentarischem Willen außer den 45 000 Mark Bargeld auch noch Schmuck im Wert von 15 000 Mark, das Bett, in dem Lauster gestorben sei, und sein Lieblingsmantel aus Schafsfell.

Dazu Magstadts Bürgermeister Bohlinger, der alle rechtlichen Angelegenheiten der Familie Lauster betreute und also auch das Testament kannte: Im Grab waren lediglich der Mantel des Toten, ein Ring, zwei Kissen und eine Uhr.

Bohlinger weiter: Rentner Lauster, Vater von 11 Kindern zwischen 3 und 22 Jahren, habe keineswegs über die Geldsummen verfügt, die man ihm angedichtet habe. Es sei völlig absurd, daß er so viel Geld mit ins Grab genommen habe.

Die Witwe des Verstorbenen hatte schon am 17. Juli – noch vor der Grabschändung – gegen die BILD-Zeitung eine Zivilklage wegen Verleumdung und wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener eingereicht.

Ein Sohn des Verstorbenen nach der Grabschändung: “Hier in der Gegend weiß jeder, daß wir so viel Geld nicht haben.”

Urheber des Berichts, der zu der Leichenfledderei geführt hat, ist das mit BILD zusammenarbeitende Pressebüro Teichmann aus Stuttgart.

Teichmann auf Anfrage von PARDON, woher er seine Informationen bezogen habe: “Das Gerücht geht durch die Straßen von Magstadt.”

Nach der Grabschändung, am 20. Juli, veröffentlichte BILD eine Richtigstellung (siehe Faksimile), die für den Uneingeweihten als solche nicht erkennbar ist.

Der BILD-Chef von Baden-Württemberg, Reinhold Stimpert, auf den BILD-Türken angesprochen:

“Was soll’s? Das gibt allenfalls ‘ne Rüge vom Presserat”.

 
Lesen Sie morgen: “Bild” über eine Autopanne mit Folgen – und was der ADAC dazu sagte. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.

Nicht vergewaltigt! Märchen zu einem Foto

– Von Wilhelm Genazino –

Déjà Vu?


Im August 1970 erschien das Satiremagazin “Pardon” mit einem 12-seitigen “Extra” zur “Bild”-Zeitung. Den “Pardon”-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere “Stern”-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem “Pardon Extra” erfahren zu haben) ging es in ihrem “Sonderdruck” vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft “Bild” auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und “BILD-Lügen” zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der “BILD-Lügen” aus dem “Pardon” von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei “Bild” nicht wirklich viel geändert…

Wahr an der wüsten Vergewaltigungsgeschichte [oben] sind nur ihre ersten beiden Sätze:

Eine Frau liegt nackt zwischen Büschen und Bäumen auf dem Boden eines Parks im Hamburger Villenvorort Othmarschen. Polizeibeamte haben sie notdürftig mit einem Mantel zugedeckt.

Diese beiden Sätze allerdings sind nichts weiter als eine schlichte Fotobeschreibung. Eine Vergewaltigung läßt sich daraus nicht ableiten. Trotzdem heißt es in dem BILD-Artikel weiter:

Vor Scham wagt die Frau nicht ihre Augen zu öffnen: Drei Männer haben sie kurz vorher vergewaltigt!

Haben sie das?

Harry Benze, Kriminalbeamter in der Pressestelle der Hamburger Polizei: Die Frau war, als die Polizei sie im Park liegend antraf, zunächst einmal “restlos voll” (Benze). Sie war zusammen mit einer anderen Frau und drei Männern auf St. Pauli gewesen. Die fünf müssen dort “ganz schon reingeblasen haben” (Benze).

Und dann?

Noch immer ist keine Vergewaltigung in Sicht. Die Wahrheit sieht friedlicher und sogar lustvoller aus; denn “Liebesgelüste” (Benze) überkamen die fünf fröhlichen Zecher. Also zogen sie – durchaus in “gegenseitigem Einvernehmen” – in einen Park in Othmarschen und verzogen sich ins Gebüsch.

Kripomann Harry Benze: “Die Frau hat sich selbst ausgezogen” und sei dann, als das St. Pauli-Abenteuer endgültig in dem Gebüsch sein Ende gefunden habe, einfach liegen geblieben und eingeschlafen. “Als unsere Beamten in den Park zu ihr kamen, sagte sie nur: ‘Laßt mich doch liegen…'”

Aber der Kripomann wollte selbst erfahren, wie die BILD-Zeitung zu ihrer groß aufgemachten Vergewaltigungs-Version gekommen war. “Ich habe bei BILD angerufen und mich erkundigt. Da haben die mir gesagt: Das ist doch so ein herrliches Foto, das müssen wir doch irgendwie verkaufen…”
 
Lesen Sie morgen: Wie “Bild” für eine Leichenfledderei sorgte. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.

Genauer, als die Polizei erlaubt

Kommen wir noch einmal zurück auf die beiden “Autodiebe”, denen n-tv ein “standesgemäßes Ende” bescheinigt hatte – allerdings in einem etwas anderen Zusammenhang.

Die “Bild”-Zeitung berichtete gestern nämlich in ziemlich großer Aufmachung in ihrer Berliner Ausgabe über denselben Fall:

"Zwei Einbrecher rasen in den Tod"

Der Artikel ist garniert mit diversen Fotos einer Drogerie (Polizeiauto vor der Drogerie, der aufgehebelte Rolladen der Drogerie, Blick in die Drogerie auf ein umgestürztes Regal). Und fast als wären sie dabei gewesen, berichten Jörg Bergmann und Matthias Lukaschewitsch, wie sich die Geschichte zugetragen haben soll:

Sie hatten es auf Parfumflacons, Scheren und Kosmetikartikel abgesehen – ein paar Minuten später waren die beiden Einbrecher tot!

0.15 Uhr. In die Drogerie “Rittmeier” in Blankenfelde (Teltow-Fläming) wird eingebrochen, die Diebe steigen durch ein Fenster an der Vorderseite des Ladens ein. Sie kippen ein Regal mit Parfumflaschen, Kosmetik und hochwertigen Scheren um. Sie breiten ein Laken aus, wollen die Sachen mitgehen lassen.

Eine Zeugin ruft die Polizei. Als die Täter die Sirenen hören, flüchten sie ohne Beute aus dem Laden. Sie steigen in einen Mercedes, den sie vor Wochen in Berlin geklaut hatten* – und geben Vollgas.

Das Ende ist bekannt: Beide Insassen des Mercedes sterben, als der Wagen gegen einen Baum prallt.

Und das ist auch so ziemlich das Einzige, was bisher sicher ist. Alles, was Bergmann und Lukaschewitsch sich da sonst noch so zusammenreimten und als Tatsachen darstellten, ist unbestätigt. Der Stand der Ermittlungen lässt sich im Grunde auch heute noch so zusammenfassen, wie die Nachrichtenagentur ddp am Sonntag schrieb:

Parallel zu dem Verkehrsunfall wurde bei der Polizei ein Einbruch in einen Laden in Blankenfelde gemeldet. Ein Zusammenhang zu dem Verkehrsunfall wird nicht ausgeschlossen. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei des Schutzbereiches Teltow-Fläming dauern an.

Es gibt allerdings Hinweise, nach denen die beiden Getöteten, anders als “Bild” schrieb, gar nicht selbst in der Drogerie waren, sondern womöglich zwei Komplizen dort abgesetzt hatten. Wie uns eine Polizei-Sprecherin bestätigt (und die Nachrichtenagentur dpa gestern berichtete), will eine Zeugin gesehen haben, wie aus dem später verunglückten Mercedes zwei Männer ausstiegen, deren Beschreibung nicht auf die Getöteten passt.

Wohl deswegen klingt das, was “Bild” gestern noch so genau zu wissen schien, in einem “Bild”-Artikel von heute denn auch sehr viel weniger präzise:

In ihrer Todesnacht waren die Brüder an einem Einbruch in einen Drogeriemarkt in Blankenfelde (Teltow-Fläming) beteiligt.

*) Tatsächlich war der Wagen entgegen einer ersten Pressemitteilung der Polizei doch nicht gestohlen gewesen.

Mit Dank für den Hinweis an Phil.

Topp, die Meldung gilt!

"Sender-Schlacht um Wetten dass..?"

So stand es gestern in der “Bild am Sonntag”. Und das mit der “Sender-Schlacht” ist sicher etwas übergeigt (tatsächlich kann man die neue RTL-Show nämlich auch ziemlich unbrisant finden, wie sich bei DWDL.de nachlesen lässt). Aber darum geht es gar nicht, sondern um das, was die Nachrichtenagentur AP daraus machte:

"RTL plant show wie Wetten dass...?"

Diese AP-Überschrift fasst in etwa den Nachrichtenwert der “BamS”-Geschichte zusammen. Doch AP verbreitete die “BamS”-Geschichte nicht nur mehr oder weniger unkritisch weiter, sondern auch noch falsch. In der AP-Meldung heißt es nämlich:

In der niederländischen Sendung von RTL4 war im November laut “Bild am Sonntag” schon Peter Siener zu sehen, der bei “Wetten dass…?” mit einem durch die Nase eingezogenen Wasserstrahl aus seiner Tränendrüse zehn Kerzen gelöscht hatte.

Und dieser Satz findet sich nun unter anderem bei Standard.at, bei Stern.de, bei der Netzeitung oder natürlich bei RP-Online. Auf Welt.de und bei Spiegel-Online sogar ohne Hinweis auf die Agentur AP.

Dabei hätte ein flüchtiger Blick in die “BamS” offenbart, dass die das gar nicht behauptet. Dort heißt es nämlich:

Im Februar 2004 lieferte Kandidat Peter Siener (35) einen der schrägsten Momente in der 27-jährigen “Wetten, dass..?”-Geschichte: Er löschte mit einem Wasserstrahl aus seiner Tränendrüse zehn Kerzen (…). Am 9. November 2008 sehen Millionen holländische Zuschauer dieselbe Wette in “Ik Wed Dat Ik Het Kann” – durchgeführt durch einen anderen Mann!
(Hervorhebung von uns)

Bei AP hat man das in der Aufregung um die “Sender-Schlacht” offenbar überlesen – und die anderen haben sich nicht mal die Mühe gemacht, das zu merken.

Aber bei AP scheint man in diesen besinnlichen Tagen ohnehin etwas zur Aufgeregtheit zu neigen. Vorgestern schrieb AP über den Fehlstart eines Flugzeugs in Denver:

Die Boeing 737 der Continental Airlines kam beim Beschleunigen von der Startbahn ab, stürzte in eine Schlucht und fing Feuer.

Auch diese AP-Meldung findet sich nun in diversen Medien, und zum Teil haben die “Schlucht” und das “stürzen” es sogar in die Überschrift geschafft (siehe Scrrenshots). Andere nennen die “Schlucht” hingegen wesentlich unaufgeregter “Graben” (oder auf Englisch: “ditch”) oder schreiben schlicht, die Maschine sei von der Startbahn abgekommen. Das scheint den Vorfall dann doch etwas präziser zu beschreiben.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Sebastian M.

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