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Die Griechenland-Blasen von “Bild”

Gestern hat “Bild”-Chef Kai Diekmann seine Twitter-Freunde um Rat gebeten:

Manche Vorschläge hatten mit Angela Merkels Kette zu tun, manche mit Haste-mal-nen-Euro-Fragen, manche mit Ouzo. Also richtig um die Ecke gedacht.

Kai Diekmann muss von den Vorschlägen ebenfalls so begeistert gewesen sein, dass er ganze zwei genommen hat. Und die auch nicht im Original, sondern nur in modifizierter Form. Einen dritten Merkel-Tsipras-Dialog mit dem Themenschwerpunkt Feta (hihi) hat sich dann noch seine Redaktion ausgedacht. Und schon war die Geschichte druckreif: Heute hat sich Diekmann bei Twitter für die Vorschläge bedankt (explizit auch bei @SOSOJAJAde, der die Idee mit den zinslosen ESC-Punkten hatte und dem seine Krönung durch “Bild” mächtig peinlich ist):

Dabei gab es noch viel tollere Ideen, die es aber aus irgendeinem Grund nicht ins Blatt geschafft haben:

“Bild”-Reporter lässt Heidi Klum schreiend aus der Halle rennen

Sie werden es mitbekommen haben: Gestern wurde das Finale von „Germany’s Next Topmodel“ wegen einer Bombendrohung abgebrochen.

Für die „Bild“-Medien war Klatsch- und Quatschreporter Daniel Cremer vor Ort, der den ganzen Abend eifrig twitterte. Sein mit Abstand erfolgreichster Tweet war der hier:

Viele Medien übernahmen die Information oder bauten Cremers Tweet direkt in ihre Artikel ein:

Heidi Klum lief schreiend aus SAP Arena

(abendzeitung-muenchen.de)

Heidi Klum soll “schreiend” aus der Halle gelaufen sein – noch bevor das Publikum diese verlassen durfte.

(tz.de)

“Schreiend” soll Heidi Klum (41) die SAP-Arena in Mannheim nach der Bombendrohung verlassen haben.

(“InTouch” online)

Heidi Klum (41) hätte allerdings angeblich “schreiend” die Halle verlassen.

(promiflash.de)

Laut einem Bild-Reporter soll Heidi Klum die Halle schreiend verlassen haben.

(yahoo.com)

Die „Bild“-Zeitung selbst druckte die Info heute sogar auf die Titelseite. Über Nacht sind dann auch alle Restzweifel, die Anführungszeichen und das „soll“ verschwunden:

„Heidi Klum verließ mit Tochter Leni schreiend die Arena“.

Nunja. Pro7 teilte heute mit:

Das muss man den Leuten von Pro7 natürlich nicht glauben. Recht haben sie aber trotzdem, und lustigerweise kommt der Beleg dafür von „Bild“ selbst:

Auf dem Video ist zu sehen, wie Heidi Klum ganz ruhig ihre Tochter in Empfang nimmt und die Halle verlässt. Ohne ein einziges Mal zu schreien.

Diese Geschichte war auch nicht die einzige Meldung des “Bild”-Reporters, die heute dementiert wurde. Gestern Abend schrieb er:

Pro7 entgegnet heute:

Die Polizei hat inzwischen bestätigt, dass es keine Verletzten gab.

“Bild”-Mann Daniel Cremer war übrigens auch einer der ersten, die schon von einer Bombendrohung sprachen, während der Sender noch auf „technische Probleme“ verwies. Wie Sender-Sprecher Christoph Körfer später erklärte, wollte man so eine Panik verhindern:

(…) deswegen mussten wir auch zunächst von einem technischen Defekt sprechen, um eine Panik zu verhindern. Daran haben sich leider nicht alle Medien gehalten. [Manche] Medien haben relativ unreflektiert von einer Bombendrohung gesprochen und haben damit billigend in Kauf genommen, dass hier eine Panik in der Halle ausbricht.

“Bild”-Chef Kai Diekmann fällt zu all dem aber nur eins ein:

Mit Dank an Boris R., Benedikt S. und Johannes K.!

Bild, Bild.de  etc.

Das “Bild”-Tagesmenü: Gerüchte aus eigenem Anbau

“Bild” fragt heute:

Dieses Gerücht — Gündoğan (Dortmund) gegen Götze (Bayern) — mache derzeit die Runde, und weil dieser “Mega-Tausch” “wirklich ein Hammer” wäre, erschien online kurz darauf gleich der nächste Artikel:

Was Zorc dazu sagt (“Ich kann mir das nicht vorstellen”), stand zwar schon im ersten Artikel, aber warum die Kuh nicht zweimal melken, wenn’s gerade so gut flutscht?

Jedenfalls: Eine Sache verschweigen “Bild” und Bild.de in allen Artikeln konsequent, nämlich wer diese “wilden Gerüchte” überhaupt in die Welt gesetzt hat. Nur soviel:

Beim “Sport1-Doppelpass” sprachen die Experten über ein mögliches Tauschgeschäft zwischen dem BVB und Bayern.

Nun ja. Genauer gesagt wurde das Tauschgeschäft nur von einem ganz speziellen Experten in die Runde geworfen, und zwar von Walter M. Straten — dem Sport-Chef der “Bild”-Zeitung. Der war nämlich auch zu Gast bei “Doppelpass” und sagte:

Wir müssten mal wissen, was Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke bei ihrem Vier-Augen-Gespräch im Käfer letzte Woche besprochen haben. Ich weiß nicht, ob Ihr da Wanzen versteckt hattet — wir hatten’s leider nicht –, deswegen können wir nur spekulieren. (…) Das war nicht das Vorstandsessen, wo mehrere Ohrenzeugen am Tisch saßen, sondern das waren nur die beiden. Da kann ich mir vorstellen, dass es a) um Gündogan ging… ich weiß es nicht, ich erzähl’ jetzt einfach mal: Vielleicht geht’s ja auch mit Tausch, Götze zurück… Gündogan…

(Gelächter in der Runde und im Publikum)

Moderator: Also das wird jetzt ‘ne gewaltige Kaffesatzleserei! Vielleicht sollten wir an dieser Stelle stoppen. (…)

Straten: Also es ist wirklich Spekulation. Aber es wäre ja nicht unlogisch, Götze und Pep Guardiola, das ist irgendwie auch nicht so die ganz große Liebe, und man hat das Gefühl, dass sich Mario Götze auch nicht so weiterentwickelt hat… ich weiß nicht, ob er noch ein Jahr bleiben will bei Bayern oder ob man wirklich darüber gesprochen hat.

Darauf basieren also die “wilden Gerüchte”, die unzähligen Artikel und die ganze Aufregung um Götze und Gündoğan: auf dem, was “Bild”-Mann Walter M. Straten nicht weiß.

Mit Dank an Andreas G.

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“Bild” braucht keine Erlaubnis für Opferfotos

Vor vier Wochen hat die „Bild“-Zeitung in ihrer Print- und Online-Ausgabe mehrere unverpixelte Fotos von Menschen veröffentlicht, die zwei Tage zuvor beim Absturz der Germanwings-Maschine in den Alpen gestorben waren. „Bild“ nannte auch ihre Vornamen, abgekürzten Nachnamen, in einigen Fällen auch ihre Wohnorte, Berufspläne, Hobbies und andere private Dinge.

(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Als wir vom Axel-Springer-Verlag wissen wollten, ob die Angehörigen der Veröffentlichung zugestimmt hatten, verwies „Bild“-Sprecherin Sandra Petersen zunächst auf eine imaginäre Twitter-Diskussion der „Bild“-Chefs, inzwischen hat sie nach mehrfacher Nachfrage aber doch geantwortet. Sie schreibt:

Wir halten es für wichtig, die Opfer und ihre Geschichten abzubilden, nur so wird die Tragik deutlich und fassbar. Bei dem Flugzeug-Absturz handelt es sich um ein furchtbares zeitgeschichtliches Ereignis, in solchen Fällen halten wir es für möglich, Fotos von Betroffenen ohne explizite Einwilligung zu zeigen. Wir haben auf Fotos zurückgegriffen, die im medialen Umfeld oder im Umfeld der Trauer-Aktionen veröffentlicht wurden.

Heißt konkret: „Bild“ hat sich die Fotos bei Facebook besorgt oder irgendwo abfotografiert. Im Blatt selbst hieß es:

Gestern postete eine Freundin von […] dieses Foto …

Im Feuerwehrhaus der Stadt steht ein Bild des Verstorbenen …

Dieses Gruppen-Selfie der Verstorbenen wurden [sic] auf dem Marktplatz in […] aufgehängt …

Dieser Bilderrahmen […] steht in einem Versicherungsbüro auf dem Arbeitsplatz von …

Ob der Schreibtisch eines Verstorbenen zu seinem „medialen Umfeld“ oder zum „Umfeld der Trauer-Aktionen“ zählt, wissen wir allerdings nicht.

Immerhin, so schreibt die „Bild“-Sprecherin:

Dem vereinzelten Wunsch von Betroffenen, ihre Angehörigen nicht weiter abgebildet zu sehen, kommen wir nach.

Dann muss man sich also, wenn man zwei Tage zuvor ein Familienmitglied verloren hat, nur schnell durch die „Bild“-Redaktionen telefonieren und schon wird das Foto künftig nicht mehr gezeigt. Es ist dann zwar schon millionenfach gedruckt und auf der ganzen Welt herumgereicht worden, aber so ist das nun mal, wenn jemand ohne eigenes Zutun Teil eines Ereignisses wird, bei dem die „Bild“-Zeitung sich nicht in der Lage sieht, die Tragik ohne Opferfotos “fassbar” zu machen.

Übrigens: Als es um die Namensnennung des Co-Piloten ging, wurde „Bild“-Chef Kai Diekmann ja nicht müde, den Pressekodex zu zitieren:

Richtlinie 8.2 hat leider nicht mehr draufgepasst, darum reichen wir sie gerne nach:

Richtlinie 8.2 – Opferschutz
Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.

Nachtrag, 8. Juli: “Bild” und Bild.de sind für die Veröffentlichung der Opferfotos vom Deutschen Presserat öffentlich gerügt worden.

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Einzelhändler sagen Nein zu “Bild”

Vor drei Wochen haben wir hier ein Interview mit Winfried Buck veröffentlicht, der in seinem Hamburger Kiosk seit fünf Jahren keine “Bild”-Zeitung mehr verkauft.

Inzwischen gibt es noch mehr Verkaufsstellen, die sich dazu entschlossen haben, “Bild” aus dem Sortiment zu nehmen:

Eine Tankstelle in Bendorf (Rheinland-Pfalz):

Ein Zeitschriftenladen in Rutesheim (Baden-Württemberg):

Eine Tankstelle in Papenburg (Niedersachsen):

Und ein Supermarkt in Chemnitz:

Nachtrag, 31. März: Dieser Späti in Marburg ist fortan ebenfalls “Bild”-frei:

In diesem Laden in Stuttgart wird schon länger keine “Bild”-Zeitung verkauft:

Und dieser Kiosk in Hannover boykottiert “Bild” seit 2010:

Nachtrag, 1. April (keine Sorge, ist ernst gemeint): Auch dieser Supermarkt in Bremen ist nun “Bild”-frei (und hier hat der Besitzer ein paar Gedanken zum Boykott aufgeschrieben). Nachtrag, 13. April: Inzwischen hat er “Bild” wieder ins Sortiment genommen.

Nachtrag, 2. April: Im Wittener Stadtteil Bommern haben sich gleich vier Einzelhändler dazu entschlossen, “Bild” bis auf Weiteres zu verbannen: ein Supermarkt (Edeka Schwalemeyer), zwei Kioske (Trinkhalle Bonema & Kiosk Auf dem Brenschen) und eine Bäckerei (Elberfelder Straße).

Ein Supermarkt in Lübz (Mecklenburg-Vorpommern) tut sich derweil etwas schwer mit dem Boykott-Gedanken, hat sich aber einen anderen Weg überlegt, gegen die Berichterstattung zu protestieren:

Mit Dank an Chris W., Thomas, Henning M., Michael, Michael B., Michael S., Sandra H., Björn H., Klaus W., Jascha G., Raphael F. und Daniel D.!

Sollten Sie noch mehr Geschäfte kennen, die keine “Bild”-Zeitung mehr anbieten, freuen wir uns über einen Hinweis.

Bild.de, sid  etc.

Bild.de bringt falschen Zwanziger in Umlauf

Theo Zwanziger, der ehemalige DFB-Präsident, hat der “Bild”-Zeitung vor ein paar Tagen ein Interview gegeben. Es geht um irgendeinen Streit zwischen ihm und seinem Nachfolger Wolfgang Niersbach. Die genauen Details ersparen wir Ihnen lieber, aber an einer Stelle kommt was Interessantes zum Thema Ehrenamt. Zwanziger sagt:

„Es geht nicht um Sieg oder Niederlage, sondern nur um eine sachgerechte Bewertung der ehrenamtlichen Tätigkeit. Millionen Menschen im Sportbund Kultur bringen Geld mit, weil ihnen ihre Aufgabe so wichtig ist. Sie verstehen das als Ehre.

Moment mal. “Sportbund Kultur”? Schon mal davon gehört? Wir auch nicht. Aber wenn da “Millionen Menschen” drin sind, müsste es ja eigentlich was Bekannteres sein.

Also haben wir mal gegoogelt und sind schnell beim SID gelandet, dem Sport-Informations-Dienst, der das Zwanziger-Interview von “Bild” zu einer eigenen Meldung verwurstet und (mehrfach) über den Ticker gejagt hat. Gelandet ist die dann unter anderem bei “Zeit Online”, “11 Freunde”, “Sport1”, “Focus Online”, Goal.com, “T-Online”, in der “Frankfurter Rundschau”, auf den Seiten des Landessportbunds NRW, der “tz”, des “Hamburger Abendblatts”

Und überall sagt Zwanziger:

Millionen Menschen im Sportbund Kultur bringen Geld mit, weil ihnen ihre Aufgabe so wichtig ist.

Außer in diesem Interview taucht der “Sportbund Kultur” allerdings nirgendwo mehr auf. Es gibt zwar den Kultur- und Sportbund Freital-Wurgwitz, der unter anderem das alljährliche Wurgwitzer Dorffest organisiert, aber nach einem Millionenpublikum sieht’s da nicht gerade aus.

Was Zwanziger tatsächlich meinte, wird spätestens dann klar, wenn man sich die gedruckte Version des “Bild”-Interviews anschaut. Dort steht nämlich:

Millionen Menschen in Sport und Kultur bringen Geld mit, weil ihnen ihre Aufgabe so wichtig ist.

Daraus machte Bild.de den “Sportbund Kultur”, der vom SID gedankenlos übernommen und in der Welt verbreitet wurde. Und bis heute (das Interview ist drei Tage alt) hat sich keiner der Fachjournalisten darüber gewundert.

Mit Dank an Christian M.

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“Die von der ‘Bild’ sind ja nicht doof — aber eben schlechte Menschen”

Seit fast fünf Jahren verkauft Winfried Buck in seinem Kiosk in Hamburg-Ottensen keine „Bild“-Zeitung mehr. Wir haben ihn besucht.

BILDblog: Auf dem Weg hierher habe ich eine Passantin gefragt, wie ich denn zu dem Kiosk komme, bei dem es keine „Bild“ mehr zu kaufen gibt. Sie sagte: „Sowas gibt’s hier nicht. Ein Kiosk ohne ‘Bild’ kann ja gar nicht überleben.“ Nagen Sie schon am Hungertuch, Herr Buck?

Nein, mir geht’s prima. Fairerweise muss man aber sagen, dass hier in dieser Gegend die „Bild“ nicht das vorherrschende Medium ist. Hätte ich jetzt einen Laden im Hamburger Hafen oder im Industriegebiet von Duisburg, dann wäre das sicherlich eine andere Geschichte.

BILDblog: Warum haben Sie damals entschieden, die „Bild“-Zeitung zu boykottieren?

Das war eine ganz spontane Idee. Damals kam diese berühmte Ausgabe raus, die mit dem Sarazzin-Thema …

BILDblog: … “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen”.

Buck: Genau. Und da waren der Herr Krause [der ein paar Meter weiter eine Bäckerei betreibt, Anm.] und ich dermaßen wütend, dass wir gesagt haben: Jetzt ist Schluss. Wir verkaufen die nicht mehr.

BILDblog: Wie haben die Leute darauf reagiert?

Wir wurden regelrecht überflutet. Viele haben uns gelobt und beglückwünscht, manche haben uns auch gehasst und gefragt, was das soll, und dann kamen der Deutschlandfunk und die “taz” und andere Medien, das war aber alles gar nicht beabsichtigt. Ich meine, wir haben nur ein Blatt rausgenommen. Das riesige Echo hat uns total überrascht. Dann breitete sich auch im Internet ein tierischer Schwall aus, auch in den rechtsradikalen Foren, sogar mit Drohungen gegen uns. Da kann man auch schon sehen, in welchem Spektrum die Freunde der „Bild“-Zeitung angesiedelt sind.

Ein Kunde kommt rein, legt wortlos die „Süddeutsche“ auf den Tresen, stellt sich in eine Ecke und hört dem Interview zu. Offenbar kommt er öfter hierher.

BILDblog: Das heißt, Sie haben sich auch vorher schon über die „Bild“-Zeitung aufgeregt, nicht nur über die Sarazzin-Geschichte?

Buck: Die „Bild“-Zeitung hab’ ich immer schon gehasst. Ich hab’ auch noch nie in meinem Leben eine gekauft. Das war schon in meinem Elternhaus ein No-Go. Aber wenn du so einen Laden hast, verkaufst du halt auch alles, was dazugehört.

Kunde: Musst du auch, Winnie. Auch wenn’s wehtut. Das ist Pluralismus. Geht nicht anders.

BILDblog (zum Kunden): Sie finden es also nicht gut, dass es hier keine „Bild“-Zeitung gibt?

Kunde: Eigentlich kannst du das nicht machen.

Buck: Hmm …

Kunde: Das ist so! Das ist Pluralismus. Was man machen kann: Die Leute, die das Ding kaufen, mal ein bisschen strafend angucken. Aber zu sagen: “Bild” verkaufe ich nicht, ist eigentlich nicht haltbar im demokratischen Sinne.

Buck: Streng genommen hast du da recht.

BILDblog: Aber es ist auch nicht haltbar im demokratischen Sinne, gegen die Griechen zu hetzen.

Kunde: Ja, aber … es ist schwierig. Wo die Meinungsfreiheit enden darf und kann, ist ja immer auch von Subjektivität getragen.

Buck: Presserechtlich ist es auf jeden Fall interessant. Ich bin zum Beispiel verpflichtet, das, was ich geliefert bekomme, auch anzubieten. Das mache ich natürlich nicht, weil ich so viele Sachen geliefert bekomme, von denen ich weiß, dass ich sie auf keinen Fall verkaufen werde. „Fisch & Wurm“ und „Angel & Watt“ und so, die remittiere ich, das machen auch de facto alle so. Und wenn ich die [rechtsextreme, Anm.] „National-Zeitung“ kriege, schicke ich die auch zurück, obwohl ich sie eigentlich anbieten müsste. Es gibt ja auch Einzelhändler, die sagen: Ich verkaufe keine Produkte von Nestlé. Oder Produkte mit Gen-Food von Monsanto.

Kunde: Es ist schwierig. Ich hab’ einfach schnell Bauchschmerzen, wenn es darum geht, das Recht der Medien zu kappen. Ich finde aber auch: Wenn man eine Zeitung machen will, muss man sich verdammt im Klaren darüber sein, was für eine Verantwortung man da hat.

Buck: Zwei „Bild“-Ausgaben kriege ich auch immer noch geliefert. Also wenn jetzt jemand unbedingt darauf bestehen würde, sie zu bekommen, dann würde ich sie ihm auch geben. Und es ist ja nicht so, dass es hier keine „Bild“ sonst gäbe. Man muss nur ein paar Meter weiter gehen, zum Griechen, der verkauft sie noch.

Der Kunde muss los, seine Tochter wartet schon, er bezahlt und geht.

BILDblog: Diskutieren Sie häufiger mit Kunden über das Thema?

Buck: Am Anfang war das schon so, ja. Inzwischen wissen die Leute, die hier herkommen, aber meistens schon Bescheid, darum kommen solche Grundsatzdiskussionen nicht mehr so häufig vor. Wobei die allermeisten ohnehin gesagt haben, dass sie die Aktion gut finden.

BILDblog: Haben Sie denn auch Kunden verloren?

Buck: Natürlich. Aber auch viele neue dazugewonnen, die ihre „Zeit“ oder ihr „Abendblatt“ jetzt eben bei mir kaufen. Aber das war wirklich nicht beabsichtigt.

BILDblog: Konnten Sie auch Leute dazu bewegen, die „Bild“-Zeitung nicht mehr zu lesen?

Buck: Es gab, wie ich gehört habe, tatsächlich einige Familiendiskussionen über das Thema. Und mir sind drei Leute bekannt, die gesagt haben: Im Grunde ist das richtig — und sie seitdem nicht mehr lesen. Ich habe auch einen Brief aus Süddeutschland bekommen: Da hat jemand den „taz“-Artikel ausgeschnitten, ist damit zu seinem Kiosk gegangen und hat gesagt: Hier, guck mal, es geht!

BILDblog: Hat er die „Bild“ dann auch rausgenommen?

Buck: So weit ich weiß, nicht.

BILDblog: Kennen Sie denn andere Kioskbetreiber, die keine „Bild“ mehr verkaufen?

Buck: Nein, nur den Kollegen Krause hier aus der Straße.

BILDblog: Was glauben Sie, woran das liegt?

Buck: Mein Eindruck ist, dass es vielen Kioskbetreibern eigentlich völlig egal ist, was sie verkaufen. Die verkaufen auch Biersorten, die ich nie anbieten würde. Das sind Gewinnmaschinen, denen ist das egal.

BILDblog: Wie viele “Bild”-Ausgaben haben Sie vorher pro Tag verkauft?

Buck: 15 bis 20.

BILDblog: Und wie hoch ist da der Gewinn?

Buck: In der Regel 18 bis 20 Prozent.

BILDblog: Also gut 13 Cent pro Ausgabe. Insgesamt drei Euro pro Tag.

Buck: Ja, es hält sich also in Grenzen. Aber wenn du einen Kiosk hast, ist es ja so: Der Kunde kauft nicht nur die „Bild“, sondern nimmt auch eine Schachtel Zigaretten mit oder den „Stern“ oder was auch immer.

BILDblog: Ihnen geht also schon Geld durch die Lappen.

Buck: Im ersten Schritt, ja. Aber jeder Kioskbetreiber verkauft natürlich lieber eine „Zeit“ für 4,50 als eine „Morgenpost“ für 80 Cent. Ich kann 12 „Mopos“ verkaufen oder einmal die „brand eins“ oder den „Cicero“, und da verkauft man natürlich lieber das höherwertige Produkt.

BILDblog: Was sagt eigentlich der Grossist, der Sie mit Zeitungen beliefert?

Buck: Erstmal war natürlich großer Aufruhr. Der Grossist hier in Hamburg gehört ja zum Axel-Springer-Verlag, der dachte sich bestimmt: Was macht der Irre aus Ottensen denn jetzt schon wieder?

BILDblog: Hatten Sie ihm denn vorher Bescheid gesagt?

Buck: Nö, der hat das auch erst aus der Presse erfahren. Er meinte zwar, dass das so nicht geht, aber er wollte es vermutlich nicht an die große Glocke hängen, und jetzt ist es halt so. Ich hab’ aber auch nicht damit gerechnet, dass der Springer-Verlag irgendwas gegen uns macht. Das kann ja nur peinlich für so einen Konzern werden, wenn er sich einen 15-Quadratmeter-Kiosk vorknöpft.

BILDblog: Andere Zeitungen von Springer verkaufen Sie aber weiterhin.

Buck: Ja. Das wird von den Leuten auch häufiger mal angesprochen. Die sagen: Wenn du konsequent wärst, dürftest du die „Mopo“ auch nicht mehr verkaufen. Ich sehe das nicht so. Die „Mopo“ ist auch ein Boulevardblatt, aber der Unterschied zur „Bild“ ist, dass die „Bild“ definitiv eine politische Agenda hat. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Ich verkaufe auch die „Bild der Frau“ oder die „Auto Bild“. Springer stellt ja auch vernünftige Zeitungen her. Das Entscheidende ist, dass die „Bild“-Zeitung diese widerliche politische Agenda hat. Und für dieses Ansinnen ist die schon verdammt gut gemacht: Die Anordnung, wie Themen zusammengebracht werden, wie Dinge immer wiederholt werden, wie Meinungshoheit geschaffen wird, wie Themen überhaupt erst angerührt werden, das machen die schon sehr gut. Die sind nicht doof. Aber eben schlecht. Das sind schlechte Menschen.

Ein älterer Herr steht schon länger im Laden und verfolgt kaffeetrinkend das Interview.

Buck (zeigt auf den Kunden): Der Herr da drüben war übrigens dabei, als alles losging. (Zum Kunden:) Du hast doch damals sogar noch eine „Bild“-Zeitung gekauft und zerknüllt draußen hingelegt.

Kunde (grinst): Echt? Zerknüllt? Pfui, war ich damals radikal! Gut, dass ich inzwischen die Altersmilde erworben habe.

Buck: Das Problem an der „Bild“-Zeitung ist auch, dass sie permanent spaltet. Mal sind es Rentner gegen Beamte, dann Beamte gegen Selbstständige, dann Selbstständige gegen Griechen … und immer wieder: Islam. Islam. Islam. Wie Hagen Rether schon im Kabarett sagt: Das Wort muss man immer nur wiederholen, dann spürt man schon, wie die Angst den Rücken hochgekrochen kommt: Islam. Islam. Islam. Die spalten halt immer — unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit.

Kunde: Sie benutzen das größte Machtmittel: Angst.

Buck: Genau. Verlustangst, Rentenangst …

Kunde: Das haben schon alte Philosophen gesagt: Beherrsche die Angst eines Volkes, und du hast es in der Hand.

Buck: … Krebsangst, Arbeitsplatzangst, Griechenangst, Islamangst …

Kunde: Die Angstkette darf nicht abreißen.

BILDblog: Und wie lange wollen Sie mit Ihrem Boykott noch dagegensteuern?

Buck: Bis zum Schluss. Solange ich hier drin bin, wird es keine „Bild“-Zeitung geben.

Sibel Kekilli will nicht mit “Bild” sprechen

Sibel Kekilli hat kein besonders gutes Verhältnis zur “Bild”-Zeitung, und das verwundert wenig, wenn man weiß, was das Blatt der Schauspielerin vor zehn Jahren angetan hat.

Zwei Tage nachdem der Film „Gegen die Wand“, in dem Kekilli die Hauptrolle spielt, den Goldenen Bären gewonnen hatte, breitete “Bild” wochenlang genüsslich ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin aus. Kekilli sagte danach gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Die ‘Bild’-Zeitung sagt mir zum Beispiel: Wir wollen jetzt an deine Eltern ran. Aber wir können sie in Ruhe lassen, wenn du uns ein Interview gibst. Ich laß mich ganz bestimmt von denen nicht erpressen.“

Die “Bild”-Berichterstattung wurde später vom Presserat mit einer Rüge belegt (die “Bild” erst zwei Jahre später unauffällig abdruckte) und vom Berliner Kammergericht als unzulässiger “Eingriff in die Würde eines Menschen“ bezeichnet (Genaueres s. Kasten).

Seitdem hat Sibel Kekilli der „Bild“-Zeitung (mit zwei Ausnahmen) keine Interviews mehr gegeben und würde es nach eigener Aussage auch nicht mehr tun. Darum waren wir auch etwas überrascht, als wir vor gut drei Wochen lasen:

Jetzt erzählt Sibel Kekilli BILD bei der Berlinale, wie ihr neues Leben in Hollywood läuft und wie es weitergeht.

Unser Verdacht war zuerst, dass „Bild“ sich das Interview (das wortgleich auch in der „B.Z.“ erschienen ist) in guter alter Sportteil-Tradition aus den Antworten von einer allgemeinen Pressekonferenz zusammengestückelt hat, doch inzwischen wissen wir, dass es doch ein wenig anders war:

Die Reporterin selbst erinnert sich offenbar anders. In einer Anmerkung schiebt die Redaktion hinterher:

Mit Dank auch an Christian M. und Bernhard W.

Bild, Bild.de  etc.

Kachelmann vs. Bild

Verhandlungen vor deutschen Gerichten sind selten so spannend und ereignisreich, wie man es aus amerikanischen Serien und Filmen gewohnt ist. Noch dazu, wenn es sich nicht um einen Straf- sondern einen Zivilprozess handelt und eigentlich vorher schon klar ist, dass heute wenig bis nichts passieren wird.

Mehr als ein Dutzend Kameraleute und Fotografen stehen sich trotzdem gegenseitig auf den Füßen herum im Flur des Kölner Landgerichts, um gleich für zwei Minuten absolut nichtssagende Schnittbilder des Klägers Jörg Kachelmann, seinen Anwälten und einigen beeindruckenden Aktenbergen, auf die ein Gerichtsdiener extra hinweist, zu produzieren. Für die Gegenseite interessiert sich niemand.

Die Gegenseite, die Beklagten, das sind die Axel Springer SE als Herausgeberin der “Bild”-Zeitung und Bild Digital als Verantwortliche hinter Bild.de. Beide Medien hatten vor fünf Jahren eine beispiellose Berichterstattung über den Meteorologen Jörg Kachelmann begonnen, dem eine frühere Lebensgefährtin damals vorgeworfen hatte, sie vergewaltigt zu haben. “Bild” und Bild.de hatten – neben anderen Medien wie “Focus” und “Bunte”, gegen deren Verlag Kachelmann in einem weiteren Prozess vorgeht – anhaltend und ausführlich aus dem Intimleben Kachelmanns berichtet und dafür schon zahlreiche juristische Schlappen erlitten. Nach seinem Freispruch im Jahr 2011 fordert Kachelmann jetzt 2,2 Millionen Euro Geldentschädigung von “Bild” und Bild.de.

Die Menschen im Gerichtssaal versuchen, die ganze Zeit über interessiert zu wirken, was ihnen aber nicht immer gelingt. So werden viele Zeigefinger an Schläfen gelegt und Schriftsätze begutachtet. Die anwesenden Journalisten machen sich Notizen über die Kleidung Kachelmanns (dunkler Anzug, blaue Krawatte) und die Optik des Gerichtssaals (helles Holz, viel Braun). Das Kölner Landgericht ist schön wie die Ruhr-Universität Bochum.

Begriffe wie “Selbstöffnung” (wer sein Privatleben in der Öffentlichkeit ausbreitet, hat weniger Anrecht auf Privatsphäre als jemand, der sich zu intimen Details nicht äußert — das Gericht sieht bis heute keine solche Selbstöffnung bei Kachelmann), “kumulative Berichterstattung” und “Schmähkritik” werden engagiert diskutiert und zu definieren versucht.

Im Wesentlichen geht es hier um die Frage, in wie vielen Fällen “Bild” und Bild.de Kachelmanns Persönlichkeitsrechte verletzt haben (diese Zahl hat dann Auswirkungen auf die Höhe der Geldentschädigung), und darum, ob auch Berichte dazugerechnet werden, gegen die Kachelmann gar keine Unterlassungsansprüche geltend gemacht hatte. Kachelmanns Anwalt Ralf Höcker hatte zuvor argumentiert, dass sein Mandant gar nicht gegen alle zweifelhaften Artikel von “Bild” und Bild.de hätte vorgehen können, weil der Verlag durch alle Instanzen gehe und sich die Gerichtskosten im schlimmsten Falle auf 3,5 Millionen Euro summiert hätten — Geld, das Kachelmann im Gegensatz zu Springer nicht habe.

Es dürfte das Verlagshaus daher auch nicht wirklich schmerzen, sollte es am Ende die von Kachelmann geforderten 2,2 Millionen Euro zahlen müssen — wonach es allerdings nicht aussieht: Der Vorsitzende Richter Dirk Eßer lässt von Anfang an durchblicken, dass das Gericht eine Entschädigung für richtig hält, diese aber deutlich niedriger ausfallen dürfte. Das Gericht sieht 36, womöglich 47 schwerwiegende Persönlichkeitsrechtsverletzungen: mindestens 15 von Bild.de und mindestens 21 von “Bild”.

Eine organisierte Pressekampagne zwischen Springer und Burda, wie sie Kachelmanns Anwälte erkannt haben wollen, sieht das Gericht eher nicht — die Springer-Anwälte sehen die Schuld an der damaligen Berichterstattung erwartungsgemäß nicht bei einer “Bande von Journalisten”, sondern bei der offensiven Pressearbeit der Staatsanwaltschaft und des Landgerichts Mannheim.

Für ein paar kurze Momente wird es dann doch noch lustig und geistreich, als Höcker und Gegenanwalt Hegemann durchspielen, wie sie an Stelle des jeweils anderen auf Argumente der Gegenseite reagiert hätten. Der Unterhaltungswert fällt dann aber sehr schnell wieder von dem Niveau einer Folge “Liebling Kreuzberg” auf das der Verlesung der Lottozahlen.

Eher nebensächlich lässt Höcker einfließen, dass ihm eine E-Mail der Gegenseite aus der Zeit des Verfahrens gegen Kachelmann vorliege, die er als “Erpressungsversuch” bezeichnet: “Bild” hätte einen Ausblick auf die zukünftige (wohl besonders negative) Berichterstattung über Kachelmann und dessen damaligen Verteidiger Reinhard Birkenstock geboten, bei einer gewissen Kooperationsbereitschaft aber freundlichere Artikel in Aussicht gestellt.

Es war, wie gesagt, klar, dass es hier heute keine Einigung und kein Urteil geben würde, mithin keine Summe, die gleich aufgeregt in die Redaktionen getickert werden kann. Der Vorsitzende Richter gibt den beiden Seiten sechs Wochen Zeit, sich zu einigen. “Sprechen kann man immer”, sagt Springer-Anwalt Hegemann, was aber auch eher nach einer halbherzigen Zusage zum Besuch beim Paartherapeuten klingt als nach der Aussicht auf eine außergerichtliche Einigung. Wenn dabei nichts rumkommt, will das Gericht am 24. Juni ein Urteil verkünden — “mein Namenstag”, wie Anwalt Jan Hegemann feststellt.

Fans etwas grobschlächtigerer Metaphern kommen anschließend aber auch noch auf ihre Kosten, als Kachelmann und Höcker gemeinsam mit den sie belagernden Kameraleuten in der automatischen Drehtür des Gerichtsgebäudes stecken bleiben.

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Männer die Macher, Frauen die Objekte – über Sexismus in “Bild”

Seit vier Monaten setzt sich die Kampagne “StopBildSexism” gegen Sexismus in der “Bild”-Zeitung ein und fordert in einer Online-Petition die Abschaffung des “Bild-Girls” und den Verzicht auf sexistische Berichterstattung (bisher wurde die Petition über 34.000 Mal unterzeichnet). In einem BILDblog-Gastbeitrag erklären die beiden Initiatorinnen — Kristina Lunz studiert in Oxford Global Governance and Diplomacy, Sophia Becker arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag im Bereich Außenpolitik –, warum sie die Kampagne gestartet haben und wogegen sie dort eigentlich kämpfen.

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Das “Bild-Girl” ist ein wahres Politikum. Immer wieder werden wir gefragt, was denn eigentlich das Problem sei, da diese Frauen das doch alle freiwillig machen würden. In der Tat, alle “Bild-Girls” lassen freiwillig die Hüllen fallen, sie scheinen selbstbewusst und mit sich und den Fotos im Reinen. Ja, die “Bild”-Zeitung erfüllt ihnen sogar einen lang ersehnten Wunsch. “Ich lasse mich gerne fotografieren”, sagt zum Beispiel “Bild-Girl” Jessica, und “Bild-Girl” Alina verrät: “Es ist mein Traum, in den Playboy zu kommen.” Wieso können wir also nicht einfach den freien Willen dieser Frauen akzeptieren? Ist das der neue Feminismus, der anderen Frauen vorschreiben will, was sie zu tun und zu lassen haben? Was soll diese Prüderie? Was ist denn so schlimm an ein paar Brüsten in einer Boulevardzeitung? 

Das Problem mit dem “Bild-Girl” liegt im Kontext. Täglich blickt es uns lasziv von den Seiten einer Tageszeitung entgegen, die 2,1 Millionen Mal verkauft und von zirka fünfmal so vielen Menschen gelesen wird. Es räkelt sich neben Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport und suggeriert somit, dass es sich auch hier um die Abbildung der Realität handelt. Die Nachricht, die das “Bild-Girl” sendet, ist: Frauen sind immer verfügbar und ausschließlich für die männliche Bedürfnisbefriedigung da.

Das “Bild-Girl” ist jedoch bei weitem nicht das größte Problem. Es ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs, denn der Sexismus schlägt einem aus fast jedem Artikel über Frauen entgegen. Die weibliche Hälfte der Bevölkerung wird in “Bild” fast ausschließlich auf ihr Äußeres und ihre Sexualität reduziert. Frauen werden im Vergleich zu Männern als schwach, verwundbar und passiv dargestellt. Sie werden objektifiziert und sexualisiert. Artikel über Frauen zeigen sie entweder als Pendant zu einem Mann, berichten über ihren Körper und ihre Kleidung oder zeigen Frauen als Opfer. Dafür gibt es jeden Tag unzählige Beispiele.

Besonders pervers ist, wie “Bild” Fälle von Gewalt gegen Frauen benutzt, um den Voyeurismus und die Sensationslust der Boulevardpresse zu befriedigen. Unter dem Deckmantel des Journalismus und der Anteilnahme mit den Opfern und ihren Angehörigen werden Geschichten wie die von Tuğçe A. oder Maria P. bis ins kleinste Detail, ohne Rücksicht auf ihre Privatsphäre, ausgeschlachtet. 

So berichtete “Bild” zum Beispiel empört über einen Spanner in einer Sonnenbank. Die Verurteilung des Täters nahm “Bild” als Anlass, selbst ein Foto abzudrucken, das die nackte Geschädigte zeigt. Ein weiteres Beispiel findet sich in der Berichterstattung zum Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das die Kündigung eines Mannes für unzulässig erklärte, der einer Reinigungskraft in seinem Betrieb an die Brust gefasst hatte. “Bild” gibt sich empört über diesen Sexismus und druckt gleichzeitig als Aufmacher das Bild eines weiten Ausschnitts über den Artikel. 

BILDblog hat vor einigen Tagen aufgezeigt, wie “Bild” sich seit Monaten am Buch und Film “50 Shades of Grey” ergötzt. Diese Berichterstattung ist auch ein treffendes Beispiel für den Sexismus und Voyeurismus, der täglich im Blatt zu finden ist. Im Artikel „BILD zeigt den Busen, auf den die Welt wartet“ druckte “Bild” schon vor Kinostart, bevor Screenshots veröffentlicht werden durften, ein Oben-ohne-Foto von Dakota Johnson, der Hauptdarstellerin des Films. Das Foto entstand jedoch vermutlich ohne Einwilligung der Schauspielerin während ihres Urlaubs. “Bild” behandelt Frau Johnson damit, als sei ihr Körper ein öffentliches Gut, das jedem zugänglich gemacht werden darf.

Männer hingegen werden in “Bild” grundsätzlich anders dargestellt: ob als Sportler, Staatsmänner oder Wirtschaftsbosse — Männer bekommen eine Berichterstattung, die sie als vollständige Person wahrnimmt, als Mensch mit Charakter, Interessen und Ideen.

Der anderen Hälfte der Bevölkerung wird diese respektvolle Berichterstattung nicht zuteil, was beispielsweise sehr eindringlich in der Ausgabe vom 11. Februar deutlich wurde: Männer diskutieren über Politik, Frauen werden zum Lustobjekt.

Wenn Sie auf Bild.de gehen, werden Sie feststellen, dass die große Mehrheit an Artikeln über Frauen diese auf ihren Körper und ihre Sexualität reduziert und die nebenstehenden Abbildungen ebenfalls die Frau ausschließlich zum Objekt degradieren. Ein kleiner Auszug von Artikeln vom 18. Februar, die ebenfalls mit Fotos von Frauen werben, auf denen diese auf ihr Äußeres reduziert oder sexualisiert dargestellt werden:











Eine ähnliche Zusammenstellung von Bild.de-Artikeln über einen Zeitraum von vier Tagen hinweg, die Frauen thematisieren, machten wir Anfang Februar:

Man kann dieses kleine Experiment jeden Tag machen und wird immer wieder das gleiche, diskriminierende Muster entdecken: Männer die Macher, Frauen die Objekte. Besonders auffällig ist dies im Sportteil der “Bild”-Zeitung, der ebenfalls von Männern dominiert wird. Es ist nicht so, als gebe es in Deutschland nicht genügend erfolgreiche Sportlerinnen — die sportlichen Leistungen von Frauen werden in “Bild” einfach nicht ansatzweise so gewürdigt wie die sportlichen Leistungen von Männern. Wenn Frauen es dann mal in den Sportteil schaffen, dann beispielsweise nicht etwa, weil sie erfolgreiche Tennisspielerinnen, sondern eben die Freundinnen mit Modelmaßen von berühmten Fußballern sind.

Deutschlands einflussreichste Zeitung zeichnet also ein klares Bild und bietet kaum Plattformen, respektvoll über Frauen als eigenständige Persönlichkeiten zu berichten, da sie keine Daseinsberechtigung über die sexuelle Bedürfnisbefriedigung von Männern hinaus zu haben scheinen. So wird in den Millionen von Haushalten, in denen “Bild” gelesen wird, allen — auch Mädchen und Jungen von klein an — ein klares Rollenbild vermittelt und damit die gläserne Decke verstärkt.

Denn Forschung und Wissenschaft haben gezeigt, dass sexualisierte Darstellungen in den Medien auch Implikationen für das wahre Leben haben und beschreiben die Verbindungen zwischen Objektifizierung, Dehumanisierung und Gewalt. So beobachten Puvia und Vaes, dass wenn Frauen objektifiziert werden, sprich: auf ihren Körper reduziert und als Objekt dargestellt, dann werden ihnen von Männern sowie von Frauen menschliche Eigenschaften abgesprochen, sie werden also dehumanisiert. Die Forscher Rudman und Mescher fanden zudem heraus, dass Männer, die Frauen als Objekt — also dehumanisiert — betrachteten, eine größere Neigung zu Vergewaltigungen und sexueller Gewalt im Allgemeinen zeigen. Auch Dr. Linda Papadopolous, die Autorin des Berichts „Sexualisation of young people” des britischen Innenministeriums legt dar, wie die sexuelle Objektifizierung als eine von vielen Formen der Unterdrückung von Frauen zu weiteren Benachteiligungen wie Diskriminierung am Arbeitsplatz und sexueller Gewalt führt.

Massenmedien beeinflussen bewusst und unbewusst unsere Meinungen und Werte. Sie formen unsere Normalität und geben uns Verhaltensrichtlinien vor. Deshalb ist es so gefährlich, wenn Deutschlands einflussreichste Zeitung täglich Frauen diskriminiert, auf ihren Körper reduziert und ihren Wert an ihrer Sexualität misst. Dieser Blick auf Frauen wird — bewusst oder unbewusst — von Leserinnen und Lesern übernommen und in ihr tägliches Leben übertragen.

Angesichts der vielen Fälle von Gewalt gegen Frauen in Deutschland geht es hier weit über ein paar nackte Brüste in einer Boulevardzeitung hinaus. Laut einer Studie der Bundesregierung (PDF) werden knapp 60 Prozent der Mädchen und Frauen in Deutschland im Laufe ihres Lebens mindestens einmal sexuell belästigt, und etwa 40 Prozent haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren.

Frauen sind, genauso wie Männer, mehr als die Summe ihrer Körperteile und Sexualität. Sie leisten ebenso herausragende Dinge und ihre Taten verdienen es, beachtet zu werden. Wir, unsere Freundinnen, Schwestern und alle Frauen sind ebenso vielfältig, sportlich, top ausgebildet, stark und kreativ wie Männer. Frauen sind keine Vorlagen zur sexuellen Bedürfnisbefriedigung, so wie es die Kommentare von “Bild”-Lesern und -Leserinnen unter den “Bild-Girls” suggerieren:

Deshalb haben wir, die zehn Männer und Frauen hinter “StopBildSexism”, uns vor vier Monaten zusammengetan, um diese Form der Diskriminierung zu bekämpfen. Wir verlangen eine respektvolle Darstellung aller Menschen in Deutschlands einflussreichsten Medien und allen voran in “Bild”. Wir wollen mehr erfolgreiche Frauen und weniger Gewaltopfer sehen. Eigentlich ist unsere Forderung extrem simpel: Wir wollen, dass “Bild” über Frauen ebenso berichtet wie über Männer: über ihre Arbeit in Bereichen wie Sport, Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Alle Quoten dieser Welt werden uns nicht die Gleichberechtigung bringen, so lange Deutschlands einflussreichste Medien ein eindimensionales, schwaches und passives Bild von Frauen verbreiten.

Unsere Kritiker greifen selten zu echten Argumenten. Persönliche Angriffe („Ihr müsst wohl arg unzufrieden mit eurem Sexleben sein“, „Ihr seid nur neidisch und habt sicher kleine Brüste.”) paaren sich mit einer vermeintlich heroischen Verteidigung der Meinungsfreiheit („Ihr wollt die Zensur!“) und einem beängstigenden Fatalismus („Wenn es euch stört, kauft halt die Zeitung nicht.“ „Was regt ihr euch so auf, das Bild-Girl gab es doch schon so lange ich denken kann.“)

Davon werden wir uns sicher nicht abhalten lassen, denn „der gefährlichste Satz einer Sprache ist: ‚Das haben wir schon immer so gemacht.’” (Grace Hopper). Wir stellen den Status Quo in Frage und akzeptieren nicht, dass Sexismus eine Form von Diskriminierung ist, die in unserer Gesellschaft noch immer heruntergespielt und belächelt wird. “This has never been about being ‘offended’, but being affected by it”, wie die britische Abgeordnete Stella Creasy das “Page 3 Girl” in der “Sun” einmal kommentierte. Es geht um die Konsequenzen der oben beschriebenen Darstellung von Frauen in unseren Massenmedien, die uns am Ende alle betreffen.

Natürlich führt das Durchblättern einer “Bild”-Zeitung nicht unverzüglich zur Belästigung einer Frau. Wir werden jedoch täglich mit Hunderten solcher Bilder konfrontiert. Ob wir es wollen oder nicht, diese Darstellungen beeinflussen unsere Wahrnehmung und tragen dazu bei, dass Leistungen von Frauen in unserer Gesellschaft schneller belächelt werden, dass Sexismus als Witz abgetan werden kann und dass eine Fixierung auf das Aussehen von Frauen Normalität ist. Dies, verbunden mit der Degradierung und Objektifizierung, kann eben auch zu sexueller Belästigung und Gewalt beitragen.

Wir stellen nicht in Frage, dass Frauen sich freiwillig dazu entscheiden können, Nacktfotos aufzunehmen. Uns geht es auch nicht um die einzelnen “Bild-Girls”, um ihre Motivation oder Gründe. Alle Menschen können ihr Leben so gestalten, wie sie möchten, so lange sie damit nicht die Freiheit anderer einschränken. Das gehört zu den Grundlagen unserer Demokratie. Zu den Grundwerten unserer Demokratie gehört jedoch auch, das Menschen weder aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft, ihrer Religion, ihrer Sexualität noch aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Doch das findet jeden Tag in der “Bild”-Zeitung statt.

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