Suchergebnisse für ‘BILD’

Bild.de, die Fehler-Konstante in politisch turbulenten Zeiten

Wer derzeit das Gefühl hat, bei der komplizierten politischen Lage in Deutschland den Überblick verloren zu haben, aber gern wieder etwas mehr Durchblick bekommen möchte, sollte auf jeden Fall nicht bei Bild.de vorbeischauen. Dort herrscht das völlige Durcheinander: Der letzte Ministerpräsident der DDR ist auf einmal Bundesinnenminister, Schlagersänger Patrick Lindner ist plötzlich Politiker, und ein CDUler wird zum “Juso”-Chef. Die Bild.de-Redaktion zeigt, dass sie noch immer beides beherrscht: die kleinen Dämlichkeiten und die große Falschinformation.

Fangen wir klein an. Laut Bild.de gab es eine personelle Sensation, die sonst keine Redaktion mitbekommen hat: Lothar de Maizière sitzt wieder im Bundestag — und er hat gleich einen Ministerposten abbekommen:

Screenshot Bildunterschrift bei Bild.de - Bei der zweiten Sitzung des Bundestages saß die alte und aktuelle Regierung auf der Regierungsbank im Bundestag. Hier Innenminister Lothar de Maizière (l.) und Außenminister Sigmar Gabriel im Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel

Wir haben noch mal ganz genau hingeschaut: Es ist gar nicht Lothar de Maizière (weiße Haare, weißer Bart), sondern dessen Cousin Thomas de Maizière (graue Haare, kein Bart). Immerhin: Beide tragen eine Brille.

Bild.de konnte noch eine weitere falsche Personalsensation präsentieren: Schlagersänger Patrick Lindner ist neuer FDP-Chef!

Intensives Hingucken hat ergeben: Es ist doch weiterhin Christian Lindner.

Paul Ziemiak ist laut Bild.de zwar in der CDU, aber gleichzeitig auch Chef der “Jusos”, der Jugendorganisation der SPD:

Screenshot Bild.de - Paul Ziemiak (32, CDU). Der Juso-Chef war optimistisch: Jamaika kann funktionieren. Pustekuchen!

Tatsächlich ist Ziemiak Chef der “Jungen Union”.

Bild.de macht aber nicht nur diesen kleinen Fehler. In einem Kommentar zum Scheitern der Gespräche zwischen CDU/CSU, FDP und Grüne schreibt “Bild”-Chefchef Julian Reichelt:

Die Grünen sind nicht nur, aber auch eine autoritäre Verbotspartei, die dazu aufruft, den Nachbarn zu denunzieren, wenn er sich das Bad schick fliesen lässt (“Luxussanierung”). Dass Menschen die Fliesen in ihrem eigenen Bad nicht frei wählen sollten, ist eine Überzeugung, die man haben kann — bloß passt sie nicht zur FDP, hat sie nie.

Erstmal: Schade, dass die Jamaika-Sondierungen an ein paar Fliesen im Bad gescheitert sind.

Reichelt hat recht, dass die Grünen sich gegen die “Verdrängung aufgrund von Luxussanierung” aussprechen. Allerdings hat das nichts mit dem Denunzieren des Nachbars zu tun, der “sich das Bad schick fliesen lässt”, außer dieser Nachbar schickt die Handwerker nicht in sein eigenes Bad, sondern in meines, weil er mein Vermieter ist, und verlangt danach mehr Miete von mir. Dann könnte man von einer “Luxussanierung” sprechen. Was Reichelt schreibt, ist allerdings Unsinn.

Ebenfalls Unsinn ist diese Meldung, die bei Bild.de auftauchte:

Screenshot Bild.de - Neuer Vorschlag von Malu Dreyer (SPD) - Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz machte am Dienstagabend bei der Talkmasterin Sandra Maischberger einen neuen Vorschlag: eine GroKo mit Kanzlerwechsel! Malu Dreyer: Jetzt mache ich mal einen verrückten Vorschlag. Sie verhandeln mit Angela Merkel und sagen, dass sie zwei Jahre lang regiert, und danach regiert jemand aus der SPD.

Schaut man sich die “Maischberger”-Folge an, erkennt man schnell: Der Vorschlag kommt gar nicht von Malu Dreyer, sondern von Sandra Maischberger, die Dreyer von ihrer “verrückten” Idee des Kanzlerwechsels erzählt. Bild.de hat diesen Fehler nach einiger Zeit klammheimlich und ohne irgendeinen Hinweis vertuscht korrigiert.

Falsche Namen, falsche Posten, falsche Verbote, falsche Zitatgeber — in politisch komplizierten Zeiten ist immerhin auf die Unfähigkeit der Bild.de-Redaktion Verlass.

Mit Dank an @WieselerSusanne, @MarkusMK73, Markus T., Tim F. und Ralf H. für die Hinweise!

Bild.de machte Werbung für menschenverachtendes Unternehmen

Bei Sätzen wie diesen …

Sein Geschäftsmodell ist so menschenverachtend, dass BILD bewusst darauf verzichtet, den Namen der Webseite zu nennen — um keine Werbung für dieses Unternehmen zu machen.

… könnte man fast meinen, dass es in der Bild.de-Redaktion doch noch ein letztes Fünkchen Anstand gibt. Vielleicht sitzt dort irgendwo ein einsamer Mitarbeiter, der kurz vor der Veröffentlichung eines Textes etwas sagt wie: “Moment mal! Das können wir aber nicht machen!” Doch so ist es leider nicht. Der oben zitierte Satz hat nichts mit Anstand zu tun — er ist einfach nur verlogen.

Man findet ihn in einem Artikel vom vergangenen Donnerstag über eine 19-Jährige, die im Internet ihre Jungfräulichkeit für 2,5 Millionen Euro versteigert haben soll. Auch “ein Hollywood-Star” sowie “ein russischer Politiker” sollen laut Bild.de am Wettbieten teilgenommen haben (Bild.de: “krass”). Am Ende soll ein Geschäftsmann aus Abu Dhabi am meisten geboten haben:

Screenshot Bild.de - Ein Hollywood-Star bot auch mit - Model verkauft Jungfräulichkeit für 2,5 Millionen

Im Text steht:

Die Versteigerung wurde von Deutschland aus organisiert. Dort wohnt der Mann (27), der die Webseite betreibt. Er lebt noch bei seinen Eltern, obwohl er inzwischen steinreich sein dürfte. Dem Magazin “Forbes” sagte er, er erhalte von jedem Verkauf 20 Prozent.

Sein Geschäftsmodell ist so menschenverachtend, dass BILD bewusst darauf verzichtet, den Namen der Webseite zu nennen — um keine Werbung für dieses Unternehmen zu machen.

Soso, einmal den Namen genannt — schon Werbung für ein Unternehmen mit menschenverachtendem Geschäftsmodell gemacht. Vor etwas mehr als einem Jahr, im September 2016, schrieb “Bild”-Chefreporter John Puthenpurackal einen Artikel über einen damals 26-Jährigen, der von Deutschland aus Versteigerungen organisiert, in denen Frauen ihre Jungfräulichkeit anbieten können. Der Mann nehme eine Provision von 20 Prozent, schrieb Puthenpurackal. Und er nannte selbstverständlich die Namen des Unternehmens und des Unternehmers:

Aber das Geschäft macht ein Unternehmer aus Deutschland! Die Firma [XY] von Geschäftsführer [YX] (26) hat ihren Sitz in Kamen (NRW). […]

Die Jungfrauen aus den Auktionen zahlen 20 Prozent Provision an die Betreiber.

Zweieinhalb Stunden, nachdem sein erster Artikel online ging, veröffentlichte John Puthenpurackal noch einen zweiten zum Thema. Auch darin macht er — aus Sicht von Bild.de — Werbung für ein menschenverachtendes Geschäftsmodell:

Ariana (20) aus Russland möchte ihre Jungfräulichkeit an den Höchstbietenden verkaufen. Mindestgebot: 150 000 Euro! Kunden aus der ganzen Welt bieten auf der Seite von [XY] für sie.

Wir haben bewusst die Namen des Unternehmers uns seiner Firma durch Platzhalter ersetzt und verzichten auf Links zu den zwei Bild.de-Artikeln, in denen die Name genannt werden — um keine Werbung für dieses menschenverachtende Unternehmen zu machen. Und damit meinen wir ausnahmsweise mal nicht Bild.de.

Gekränktes “Bild”-Ego, Untragbare Tragbar-Abstimmung, Söderbesuch

1. Kleine Geschichte am Rande
(facebook.com, Nora Hespers)
Die freie Journalistin Nora Hespers berichtet von einem bemerkenswerten Erlebnis im Zusammenhang mit dem Videodreh der Band “Erdmöbel” mit Judith Holofernes in Köln. Holofernes, von der man spätestens seit ihrem offenen Brief “Ich glaub, es hackt” weiß, wie sie zu “Bild” steht, wollte — wenig überraschend — nicht mit einem “Bild”-Reporter sprechen. Daraus entwickelte sich eine seltsame Eigendynamik, die dazu führte, dass der “Bild”-Reporter bei der bereits anwesenden Polizei nachfragte, ob es stimme, dass keine Drehgenehmigung vorliege. Wahrscheinlich, um wenigstens mit einer Aufreger-Story in die Redaktion kommen zu können, so Nora Hespers. Sie fasst das Verhalten zusammen, dass sie symptomatisch für unsere Gesellschaft hält: “Erstens: Nicht kommunizieren und dafür grundsätzlich erst mal das Negativste vom Gegenüber annehmen, statt Fragen zu stellen oder sich zu informieren. Zweitens: Den Fokus auf das möglicherweise Negative an der Geschichte legen, statt sich eine differenzierte Betrachtung des Geschehens zur Aufgabe zu machen. Drittens: Es laufen zu viele beleidigte und gekränkte Egos durch die Gegend.”

2. Ist Schutzbach noch tragbar?
(franziskaschutzbach.wordpress.com)
Die an der Universität Basel lehrende Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach ist ins Visier der “Basler Zeitung” geraten: Angeblich sei sie gegen die Meinungsfreiheit und wolle ihre politischen Gegner aus dem Alltag verdrängen. Der “BaZ”-Beitrag endet mit einer fragwürdigen Abstimmung, in der die Leser gefragt werden, ob Schutzbach für die Universität Basel noch “tragbar” sei. In ihrem Blog wehrt sich Schutzbach gegen den Artikel. Nicht nur der “BaZ”-Text, sondern auch das Vorgehen der Zeitung sei ein Lehrstück für Kampagnen-Journalismus und unsaubere journalistische Arbeit.

3. Fleet Street verliert letzte Bastion des britischen Journalismus
(kontakter.de, Franz Scheele)
Einst galt die Londoner Fleet Street als das Zentrum der britischen Zeitungsbranche, doch das ist nun wohl für alle Zeiten vorbei: Nachdem die Zeitungsverlage längst abgewandert sind, schließt Ende des Jahres auch die Journalisten-Gewerkschaft “British Association of Journalists” ihr Büro. Dennoch sei die Geschichte des britischen Zeitungsjournalismus in London auch heute noch erlebbar: Franz Scheele verweist in seinem Artikel auf einen Onlineführer, mit dessen Hilfe man alle wichtigen Örtlichkeiten auffinden könne. Dort soll es auch Empfehlungen für Pubs geben, die lange als Hauptumschlagplatz für Informationen (und ein gutes Bier) galten.

4. Kritisierte Kooperation – NDR, WDR und SZ
(ndr.de, Daniel Bouhs)
Seit vier Jahren kooperieren NDR, WDR und “Süddeutsche Zeitung”, wenn es um größere Recherche-Projekte geht. Die Mitbewerber aus der Medienbranche sehen die Zusammenarbeit der Konkurrenz kritisch. Von einem “Zitier-Kartell” ist da die Rede, von Quersubventionierung und Bevorzugung in der “Tagesschau”. Daniel Bouhs hat ein Stimmungsbild eingeholt und auch die Kritiker des Rechercheverbunds zu Wort kommen lassen.

5. Ausverkauf: Die Süddeutsche Zeitung und ihre chinesischen Propagandaanzeigen
(savetibet.de, Kai Müller)
Der Geschäftsführer der Berliner Dependance der “International Campaign for Tibet”, Kai Müller, kritisiert die “Süddeutsche Zeitung”. Diese habe am 10. November mit ihrer Deutschlandausgabe eine Sonderbeilage des chinesischen Staats- und Parteiblatts “China Daily” verbreitet. Kai Müller kommentiert die Beilage des “Pamphlets”, wie er es nennt: “Die Süddeutsche Zeitung, will sie wirklich ihrem Anspruch als Qualitätszeitung gerecht werden und will sie ihre Glaubwürdigkeit als unabhängiges Medium wahren, darf keine Propaganda autoritärer Staaten verbreiten, die sich schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben.”

6. Eine Facebook-Real-Satire: Wir haben drei Wochen auf dem Facebook-Profil von Söder verbracht, damit ihr es nicht tun müsst
(zuendfunk-netzteil.br.de, Sebastian Spallek)
Sebastian Spallek hat in einem Akt der Selbstaufopferung drei Wochen auf dem Facebookprofil des bayerischen Finanzministers Markus Söder verbracht, der als Anwärter auf die Seehofer-Nachfolge gehandelt wird. Dies blieb nicht ohne Folgen: „Der hat 1live! Und er ist viele. Zumindest im fränkischen Fasching ist er Punker! Drag Queen!!! Shrek und Mahatma Ghandi!!!! Edmund Stoiber!! Wowwww! Dr. Söder mag Fasching, trägt Trachtenjanker und hat ein uneheliches Kind. Herrgottsakra und ja mei, so modern ist halt die CSU.”

“Ik” und “mik” findet Bild.de “unfreiwillig komisch”

Auf der “Bild”-Titelseite gab es gestern noch mehr Fehler als sonst — und die waren sogar absichtlich dort:

Ausriss Bild-Titelseite - Zum Thema Grundschul-Irrsinn Schreiben nach Gehör hat die Bild-Redaktion vier der Schlagzeilen auf der Titelseite so verfasst, als wären sie nach Gehör geschrieben - Facebook-Schrtreit Schweiger for Gäricht - Kesh Col 1,25 Mio im Pot - Stindl rättet Jogis Särie - Eltan alamiat Darum lärn unsre Kinda nich mehr richtich schreibn

Die Methode “Schreiben nach Gehör” sorge “für Ärger und Verunsicherung”, schreibt die “Bild”-Redaktion, die weiter hinten in derselben Ausgabe auch titelt:

Ausriss Bild-Zeitung - Auch Miss-Bayern baggert um den Bachelor sprich: Bettschälla

Bei dieser Bild.de-Geschichte von vorgestern …

Screenshot Bild.de - Bauer-sucht-Frau-Star Tiwaporn im Interview - Ik schließe mein Schlafzimmer naks ab

… könnte man beim ersten Hinsehen meinen, dass es ebenfalls ums “Schreiben nach Gehör” geht. Dabei dürfte es dem Bild.de-Team nur darum gehen, sich über das Deutsch einer Ausländerin lustig zu machen.

“Bild”-Chefreporter John Puthenpurackal (der offenbar mal auf eine Betrügerin reingefallen ist und in “Bild” groß die vermutlich falsche Geschichte verbreitet hat, dass es sich bei der Frau um die Ex-Freundin des “Germanwings”-Piloten Andreas Lubitz handelt) hat mit der “Bauer sucht Frau”-Kandidatin Tiwaporn gesprochen. Er schreibt:

Die Narumol [eine “Bauer sucht Frau”-Teilnehmerin einer früheren Staffel] der 13. Staffel ist Tiwaporn, mindestens genauso unterhaltsam und unfreiwillig komisch.

“Unfreiwillig komisch” wohl, weil sie nicht perfekt deutsch spricht. Um das zu zeigen, hat Puthenpurackal Tiwaporns Aussagen eins zu eins transkribiert. Das Interview fängt schon so an:

BILD: Was heißt Tiwaporn?

Tiwaporn: “Die Übeletzung lautet ‘schöne Tag'”.

Und so geht es auch weiter:

Ist denn alles schön mit Klaus?

Tiwaporn: “Ik habe spontan bei ‘Bauer sucht Frau’ mitgemakt und habe guten Mann gefunden. Ik glaube, das ist der lichtige Mann für mik. Da habe ich Glück gehabt. Er ist ein lieber Mensch. Er sagt nie Nein! Wir laken viel.”

Was mögen Sie an Klaus?

Tiwaporn: “Er ist ganz ehlich! Er ist ganz lieb und verständnisvoll. Wenn ik ihn bitte, iss langsam, dann versukt er es, aber schafft es nit. Wenn ik was pauke, hat er sofort alles besorkt. Ik glaube, ik habe mik nok nie sooo gut gefühlt. Klaus ist sooo toll.”

Den Rest sparen wir uns.

In machen Fällen kann es sicher Sinn machen, sprachliche Besonderheiten zu verschriften, beispielsweise in einem Artikel, in dem es konkret ums Berlinern geht oder um den Slang von Jugendgangs. Aber was soll in Puthenpurackals Artikel der Mehrwert der “Ik”s und “mik”s sein — außer, dass er und die “Bild”-Redaktion damit die Frau vorführen können und ein paar billige Lacher bekommen?

Dass John Puthenpurackal und seine Kollegen es in einem Beitrag, in dem sie sich über das falsche Deutsch einer Person lustig machen, nicht mal hinbekommen, eine Bildunterschrift unfallfrei zu verfassen, ist nur ein weiterer trauriger Punkt:

Screenshot Bildunterschrift Bild.de - Tiwaporn und Bauer Klaus verstehen, bis auf wenige Ausnahmen (Gemüse!), prächtig

Mit Dank an @NymosArno, @1A_Entrepreneur und Sorgenboy für die Hinweise!

Selbstzensur, “Bild”-Strafanzeige, “Pro7Sat1”-Zuschauer fett und arm?

1. Deutscher Wissenschaftsverlag zensiert Angebot
(deutschlandfunk.de, Steffen Wurzel)
Der deutsche Wissenschaftsverlag “Springer Nature” ist auch in China vertreten, dort aber nicht mit dem kompletten Angebot: Der Verlag habe bestätigt, dass er den Zugang zu bestimmten Artikeln in China blockiert habe. Diese Maßnahme sei nach Angaben des Verlags “zutiefst bedauerlich, wurde aber ergriffen, um wesentlich massivere Auswirkungen für unsere Kunden und Autoren zu vermeiden.” Die Organisation “Reporter ohne Grenzen” kritisiert das Vorgehen und fordert den Verlag auf, seine Entscheidung zu überdenken und die Zusammenarbeit mit den chinesischen Zensurbehörden sofort zu stoppen. Eine besondere Brisanz bekommt der Vorgang dadurch, dass “Springer Nature” eine Kooperation mit “Tencent” vereinbart habe, einem der größten chinesischen Medien- und Onlinekonzerne — in zeitlicher Nähe zur kritisierten Selbstzensur, der wohl mehr als 1000 Beiträge zum Opfer gefallen sind.

2. Nach Strafanzeige von Herbert Grönemeyer: Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt gegen Bild-Verantwortliche
(meedia.de, Marvin Schade)
Nach Informationen des Branchendienstes “Meedia” hat Herbert Grönemeyer Strafanzeige gegen mehrere Verantwortliche der “Bild”-Zeitung erstattet. Neben den Verantwortlichen in der “Bild”-Chefredaktion, also die Chefredakteure Julian Reichelt und Tanit Koch, könnte sich die Anzeige auch gegen Mitarbeiter der Rechtsabteilung des Axel-Springer-Verlags richten. Vereinfacht gesagt, geht es um Paparazzi-Aufnahmen, gegen die Grönemeyer vorgegangen war, und die damit verbundene Berichterstattung. Doch die Angelegenheit hat noch einen zusätzlichen Twist: Ein Fotograf hatte behauptet, von Grönemeyer geschlagen und verletzt worden zu sein, und hatte versucht, dies mit manipuliertem Bildmaterial zu belegen.

3. “Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache.” Hanns Joachim Friedrichs (angeblich)
(falschzitate.blogspot.de, Gerald Krieghofer)
Gerald Krieghofer knöpft sich im neuesten Beitrag seines Falschzitate-Blogs die angebliche Äußerung von Journalistenlegende Hanns Joachim Friedrichs vor, nach der man einen guten Journalisten daran erkenne, dass er sich nicht gemein mache mit einer Sache: “Das ist ein Falschzitat, weil es eine Aussage des deutschen Fernsehjournalisten Hanns Joachim Friedrichs aus einem SPIEGEL-Gespräch über die notwendige emotionale Distanz eines Fernsehmoderators zu der Nachricht, die er präsentiert, ins Unsinnige verallgemeinert.”

4. ProSiebenSat.1-Chef Ebeling lästert über seine Zuschauer
(dwdl.de, Timo Niemeier & Thomas Lückerath)
In einer Telefonkonferenz mit Analysten und Börsen-Experten habe sich der Vorstandsvorsitzende von “ProSiebenSat.1”, Thomas Ebeling, abfällig über Zuschauer geäußert: “All die Hollywood-Blockbuster gibt es auf unseren Sendern und nicht jeder Netflix-Film ist ein Homerun. Und sehr oft sind deren Inhalte sehr, sehr Arthouse-like. Es gibt Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen. Das ist eine Kernzielgruppe, die sich nicht ändert.” Ein Sprecher von “ProSiebenSat.1” dementiert die Aussagen nicht und spricht davon, dass sie “womöglich missverstanden werden” könnten.

5. Heil Heiler!
(taz.de, Matthias Kreienbrink)
Aus der deutschsprachigen Ausgabe des Computerspiels “Wolfenstein II” wurden nicht nur Hakenkreuze oder SS-Runen entfernt, hier fehlt auch der nationalsozialistische Völkermord an den Juden. Das Problem: “Wolfenstein II” ist kein Nazi-Game, sondern — ganz im Gegenteil — ein antifaschistisches Computerspiel. Matthias Kreienbrink ist in seinem Beitrag auf die Schwierigkeiten des Umgangs mit der Geschichte eingegangen und hat Experten befragt. Es sei Zeit für eine öffentliche Debatte: “Wann endlich trauen wir Videospielen mehr zu?”

6. Aufwachen #250: Claus Kleber ist zu Gast + Fortpflanzung, Lobbyismus (mit Hans Jessen)
(youtube.com, Tilo Jung & Stefan Schulz)
Der “Aufwachen”-Podcast mit Tilo Jung und Stefan Schulz feiert seine 250. Ausgabe mit zahlreichen Gratulanten und Special Guest Claus Kleber, der seit vielen Jahren das “heute journal” im ZDF moderiert. Mit Kleber haben sich die Medien-Podcaster unter anderem über dessen neues Buch “Rettet die Wahrheit!” unterhalten, das vom Verlag als “flammendes Plädoyer für die Unabhängigkeit der Medien und gegen die Kampagnen der Hetzer” bezeichnet wird. Außerdem mit dabei in der mehr als vierstündigen Jubiläumssendung: “Jung & Naiv”-Coproduzent Alexander Theiler und der langjährige ARD-Hauptstadtkorrespondent Hans Jessen. BILDblog gratuliert und wünscht alles Gute für die nächsten 250 Folgen!

Für “Bild”-Kritik ist in “Bild” kein Platz

Zum Boulevard-Murks von “Bild” gehört nicht nur das Verbiegen und Erfinden von Fakten, sondern auch das gezielte Weglassen von Informationen.

Diese Passage hier zum Beispiel — gibt es an der irgendetwas Offensichtliches auszusetzen?

Immerhin: Torwart Manuel Neuer (31) steht trotz drei Mittelfußbrüchen 2017 hinter Braun, schrieb bei Facebook: “Ihn trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.”

Sie stammt aus einem Text, der in der “Bild”-Ausgabe vom Mittwoch erschienen ist. In dem Artikel “Brazzo wollte Bayern-Doc loswerden” geht es um die Trennung des FC Bayern München und Volker Braun, der bis vor Kurzem noch Mannschaftsarzt der Profifußballer war.

Die zwei “Bild”-Autoren lassen es so erscheinen, als hätte sich Manuel Neuer einfach mal so und ohne äußeren Anlass in einem Facebook-Post für Braun starkgemacht. Die Information, die sie weglassen: Neuer äußerste sich nur deswegen öffentlich zum “Bayern-Doc”, weil er keine Lust hatte, sich von den “Bild”-Medien instrumentalisieren zu lassen.

Zwei Tage zuvor, am Montag, hatte Bild.de einen ersten Artikel zum Aus von Volker Braun beim FC Bayern München veröffentlicht. Darin auch dieser Absatz:

Nach BILD-In­for­ma­tio­nen waren Mann­schaft und Klub-Mit­ar­bei­ter über­rascht vom plötz­li­chen Braun-Aus. In­tern al­ler­dings war der Doc seit ei­ni­ger Zeit um­strit­ten. Unter an­de­rem, weil er bei Ver­let­zun­gen nicht die idea­len Be­hand­lungs­me­tho­den ge­wählt hatte, Spie­ler nach Rück­schlä­gen für län­ge­re Zeit aus­fie­len. Bes­tes Bei­spiel: Ma­nu­el Neuer (31). Der Torwart brach sich im Sep­tem­ber zum drit­ten Mal in die­sem Jahr den Mit­tel­fuß.

Das wollte Manuel Neuer so nicht stehen lassen und verfasste am Dienstag einen Facebook-Post:

Screenshot des Facebook-Posts von Manuel Neuer, der die betreffende Bild.de-Passage zitiert. Dazu schreibt Neuer: In den Medien wird heute der Eindruck erweckt, Dr. Volker Braun sei für die Entwicklung meiner Verletzung verantwortlich, da er nicht die idealen Behandlungsmethoden angewandt habe (siehe Foto). Dem möchte ich vehement widersprechen. Den ehemaligen Vereins-Arzt des FC Bayern trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.

Einen Tag später nutzte “Bild” dann Neuers “Bild”-Kritik — ohne den “Bild”-kritischen Teil –, um einen neuen “Bild”-Artikel zu füllen. Das schafft auch nur diese Redaktion: Jemanden, der sich nicht von ihr instrumentalisieren lassen will, direkt wieder zu instrumentalisieren.

Mit Dank an Julia F. und @tuschelball für die Hinweise!

Die Verlierer von “Bild”

Es braucht nicht viel, um für die “Bild”-Redaktion der “VERLIERER” des Tages zu sein. Ein Tweet reicht schon. Und in diesem Tweet muss nur ein einziger Buchstabe an der falschen Stelle stehen — schon landet man schwarzumrandet auf der “Bild”-Titelseite:

Ausriss Bild-Zeitung - Verlierer des Tages - FDP-Chef Christian Lindner (38) betätigt sich als Geschichtslehrer. Auf Twitter erinnerte er an die Bedeutung des Datums 9. November (1918 Republikgründung, 1938 Reichspogromnacht, 1989 Mauerfall): lehrt, dass Demokratie immer neu gewonnen werden muss. Allerdings schrieb er statt Pogrom Progrom. BILD meint: Nachsitzen!

Da müssen wir aber erstmal schauen, ob in dem Raum mit all den Nachsitzern noch Platz für Christian Lindner ist. Dort befinden sich schließlich schon einige Mitarbeiter der “Bild”-Medien.

Bild.de gestern, also an dem Tag, an dem Lindner “Progrom” twitterte:

Screenshot Bild.de - Landes-, Stadt- und Regionspolitiker legten an der Roten Reihe Kränze mit weißen Nelken nieder, vor der Gedenktafel zur Reichsprogromnacht vor 79 Jahren.

Im Teaser zu dem Artikel derselbe Fehler:

Screenshot Bild.de - Landes-, Stadt- und Regionspolitiker legten an der Roten Reihe Kränze nieder, vor der Gedenktafel zur Reichsprogromnacht.

Bild.de am 4. Mai dieses Jahres:

Screenshot Bild.de - Die Skulptur steht in unmittelbarer Nähe zu dem Ort, an dem bis zur Progromnacht am 9. November 1938 die Synagoge der jüdischen Gemeinde Hannovers stand.

Bild.de am 11. November 2016:

Screenshot Bild.de - Unfassbar! Zum Gedenktag der Reichsprogromnacht haben Neonazis auf einer widerlichen Hass-Seite eine Karte mit 70 Standorten veröffentlicht, die jüdische Einrichtungen und Geschäfte in Berlin markiert.

Bild.de am 16. Juli 2016:

Screenshot Bild.de -In der Reichsprogromnacht 1938 wurde das Geschäft verwüstet und angezündet.

Bild.de am 2. Mai 2015:

Screenshot Bild.de - Die Hauptsynagoge der Deutsch-Israelitischen Gemeinde wurde 1938 in der Reichsprogromnacht verwüstet, im Juli 1939 abgerissen.

Bild.de am 11. November 2013:

Screenshot Bild.de - Reichsprogromnacht: Gedenken an ermordete Mitbürger

Im Artikel kommt auch noch diese Variante vor:

Screenshot Bild.de - Zur Gedenkfeier anlässlich der Reichsprogomnacht vor 75 Jahren kamen deutlich mehr Menschen ins Alte Rathaus als vorgesehen.

Bild.de ebenfalls am 11. November 2013:

Screenshot Bild.de - Bewegende Rede von Bundespräsident Joachim Gauck (73) zum Gedenken an die Progromnacht vom 9. November 1938

Bild.de am 13. Mai 2009:

Screenshot Bild.de - Bremens Juden erhielten erst 1850 ihre vollen Bürgerrechte. Nationalsozialisten zerstörten in der Reichsprogromnacht (1938) die erste Synagoge im Schnoor.

Bild.de am 10. November 2006:

Screenshot Bild.de - Nach Gedenken an Progromnacht in Frankfurt (Oder)

Und:

Screenshot Bild.de - Neonazi-Randale nach einer Gedenkveranstaltung zur Progromnacht vom 9. November 1938.

Nachtrag, 13. November: Die “Bild”-Redaktion hat sich heute selbst zum “VERLIERER” des Tages erklärt:

Ausriss Bild-Zeitung - Verlierer des Tages - Am Freitag forderten wir FDP-Chef Christian Lindner (38) an dieser Stelle zum Nachsitzen auf. Grund: Er hatte das Wort Pogrom (russisch für Zerstörung) falsch geschrieben. Allerdings nicht er allein: Bild leider auch. Sogar ziemlich oft. Bild meint: Wer im Glashaus nachsitzt

Mit Dank an Patrick für den Hinweis!

“Bild” denkt auch an die Kleinen

Regt sich hier irgendjemand über die Millionäre, Milliardäre und Riesenkonzerne auf, die laut “Paradise Papers” der “Süddeutschen Zeitung” in Steuerparadiesen und mit Briefkastenfirmen unglaublich viel Steuern sparen? Ja? Dann mal halblang! “Die kleinen Leute” machen das doch auch:

Ausriss Bild-Zeitung - Sind die kleinen Leute wirklich ehrlicher als die Reichen? Die Wahrheit über Steuer-Betrug in Deutschland

So sah vorgestern die Titelseite der “Bild”-Zeitung aus. Bild.de stellte bucklige Einkaufstütenschlepper und lachende Champagnerschlürferinnen gegenüber:

Screenshot Bild.de - Sind die kleinen Leute wirklich ehrlicher als die Reichen? Die Wahrheit über Steuer-Betrug in Deutschland

Auf Seite 2 der “Bild”-Zeitung war es schon keine Frage mehr, ob “die kleinen” besser sind als die “großen Fische”:

Ausriss Bild-Zeitung - Milliardenbetrug durch die großen Fische, doch die kleinen sind nicht besser

Was soll das werden? Das typische “Bild”-Spiel, das auch Gertjan Verbeek, einst Trainer des VfL Bochum, erkannte, als er einen “Bild”-Reporter bei einer Pressekonferenz anblaffte: “Warum schreibt ihr dann immer solche Scheiße? Warum spielt ihr immer zwei Parteien gegeneinander aus?” Will die “Bild”-Redaktion eine Neid-Debatte? Will sie die Enthüllungen der “Paradise Papers” kleinschreiben, weil ja auch der Büroangestellte bei der Pendlerpauschale schummelt, und die Putzfrau zweimal die Woche schwarz arbeitet: Schaut da, die Kleinen, die machen das doch auch — regt euch also mal nicht so auf?

Natürlich summiert sich dieses Ergaunern im Kleinen bei Millionen jährlichen Familienfeiern, die als Geschäftsessen deklariert werden. Dem Staat fehlt dadurch enorm viel Geld, das er eigentlich bekommen müsste. Darüber kann man sich zurecht ärgern. Aber die Schwerpunktsetzung, die Aufmachung und der Zeitpunkt der “Bild”-Titelgeschichte vom Dienstag nehmen Dampf aus einem aktuellen, wichtigen Thema: das systematische Verhindern von Steuerzahlungen durch Reiche und Superreiche in einem riesigen Ausmaß. Und dank “Paradise Papers” gibt es für manche dieser Fälle nun Unterlagen, die dies nahelegen oder sogar beweisen.

Wirklich konsequent ist das Relativieren der “Bild”-Redaktion auch nicht. Normalerweise regt sie sich tierisch auf, wenn der Staat von Einzelpersonen übers Ohr gehauen wird.

Ein Beispiel. Wenn ein Asylbewerber aus dem Sudan sich mit Hilfe von sieben verschiedenen Identitäten 21.701 Euro ertrickst, titelt “Bild” groß:

Ausriss Bild-Zeitung - Asyl-Abzocke - So wird der Staat noch immer ausgetrickst!

Das sei “ein krasser Fall von Sozialbetrug”, schreiben die Autoren dann. Ralf Schuler, Leiter des “Bild”-Parlamentsbüros, kommentiert, dass der Fall “richtig wütend” mache. Das sei “kriminelle Energie. Sozialbetrug als Geschäftsmodell!” Kriminelle Energie, Betrug als Geschäftsmodell — das passt auch zu zahlreichen Fällen in den “Paradise Papers”. Nur die Wut verspürt Schulers Redaktion dazu offenbar nicht.

Noch ein Beispiel. Wenn eine Frau “(31, polizeibekannt)” aus Serbien in Berlin lebt und mit ihren sechs Kindern “Tausende Euro Leistungen bezogen” hat, “obwohl ihr Asylantrag abgelehnt wurde”, titelt “Bild” groß:

Ausriss Bild-Zeitung - Asylbetrug - So leicht ist es, in Deutschland abzukassieren

Das sei “ein unglaublicher Fall”, schreiben die Autoren dann. In seinem Kommentar fordert Dirk Hoeren, Chefkorrespondent der “Bild”-Zeitung, “Missbrauch und Betrug” zu stoppen.

Noch ein Beispiel. Wenn ein Mann aus Deutschland bei seinem Antrag auf Sozialhilfe Einkünfte aus Häusern im Ausland verschwiegen haben soll, schreibt “Bild” tagelang:

Ausriss Bild-Zeitung - Berlins schlimmster Sozial-Schmarotzer aufgeflogen

Noch ein Beispiel. Wenn sich eine obdachlose Hartz-IV-Empfängerin, die für ihre Essens-Bons keinen Alkohol und keinen Tabak bekommt, 113 Flaschen Mineralwasser besorgt, diese direkt vor dem Geschäft auskippt und sich vom Pfandgeld Alkohol und Tabak kauft, schreibt “Bild”:

Ausriss Bild-Zeitung - Unfassbar - Hier kippt eine Hartz-IV-Empfängerin Wasserflaschen aus, die sie für ihre Essens-Bons bekommen hat. Vom Pfand will sie Alkohol und Zigaretten kaufen

Wegen einer 50-Euro-Trickserei mit Steuergeld echauffiert sich die “Bild”-Redaktion und stellt diese Frau, die wohl zu den Ärmsten der Armen gehört, an den Pranger.

Wenn einige Millionäre und Milliardäre sich niedrige bis gar keine Steuern erschummeln, die dem Staat dadurch fehlen, titelt “Bild” zwar auch groß, aber nur um mit dem Finger auf die buckligen Einkaufstütenschlepper zu zeigen und zu fragen: Und was ist mit den Kleinen?

Mit Dank an @ThomasLaschyk für den Hinweis!

Die miesen Mobber von “Bild”

Mariah Carey soll sich den Magen verkleinert haben lassen. Das berichtet Bild.de und beruft sich dabei auf einen Artikel des “Promi-Portals ‘Page Six'”, das sich wiederum auf eine “anonyme Quelle” beruft:

Screenshot Bild.de - Mariah Carey - Magen verkleinert - wegen miesem Mobbing

Ja, zugegeben, wir haben auch schon mal eine bessere Quellenlage gesehen. Doch ob es nun stimmt oder nicht, dass die Sängerin sich “bereits vor einem Monat” von einem “Star-Chirurgen aus Bevery Hills” “Teile ihres Magens” operativ entfernen lassen hat, ist gar nicht so wichtig. Interessant ist der angebliche Grund, den Bild.de nennt:

Der Grund demnach: das explodierende Gewicht von Mariah Carey — und fiese Online-Kommentare von bösen Mobbern!

Nein! Da machen sich Leute im Internet lustig über das Gewicht von Mariah Carey? Denken sich blöde Wortspiele zu ihrer Figur aus? Schau an!

Wir wissen sogar, wo manche dieser “bösen Mobber” sitzen und ihre “fiesen Online-Kommentare” verfassen: im Axel-Springer-Hochhaus.

“Bild” im Juli 2017:

Ausriss Bild-Zeitung - Carey im Glitzer-Fummel - Echt SPECK-takulär, Mariah!

Außen prall, darunter streich(el)fähig.

Pop-Presswurst Mariah Carey (47, “Butterfly”) treibt die Zahl überzeugter Vegetarier mit ihren ewig einschneidenden Bühnenoutfits dramatisch in die Höhe.

Fleischeslust wecken ihre hautfarben bestrumpften XL-Kurven im XS-Fummel nämlich NICHT!

Bild.de im Juli 2016:

Screenshot Bild.de - Mariah Carey urlaubt auf Capri - Die Pop-Diva im Neoprall-Anzug

Carey klettert von einer Millionen-Dollar-Jacht und lässt sich von ihrem Gefolge helfen, wie es sich für eine Pop-Prinzessin gehört. Dabei trägt sie einen hautengen Neopren-Anzug, der ihre prallen Kurven zusammenquetscht — der dazugehörige Reißverschluss hat allerdings schon aufgegeben und bleibt auf Bauchnabel-Höhe hängen.

Bild.de im April 2015:

Screenshot Bild.de - Fiese Glitzer-Pelle - Mariah Carey trägt in Las Vegas dick auf

Bild.de im November 2014:

Screenshot Bild.de - Zehn um zehn - Zehn knackige Presswurst-Outfits von Mariah Carey

In China war es gerade wieder so weit: für ein Konzert zwängte sich Mariah Carey (44) in einen Ultra-Mini und bewies einmal mehr, dass sie die prominenteste Presswurst der Welt ist.

Bild.de im Oktober 2010:

Screenshot Bild.de - Sängerin XXL - Mariah Carey: Die fetten Jahre sind nicht vorbei

Wurde Mariah Carey (40) aufgepumpt? Oder ist sie tatsächlich schwanger? Sicher ist: Die fetten Jahre sind nicht vorbei, wie das Foto oben beweist!

Mit Dank an Moritz D. für den Hinweis!

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Erzähl deinem Erdkunde-Lehrer bloß nicht von diesem “Bild”-Quiz

Die “Bild”-Redaktion will ja nicht nur Erwachsene mit falschen Fakten versorgen informieren, sondern auch junge Leute. Deswegen ist sie auch auf den Plattformen aktiv, die junge Leute eben so nutzen, zum Beispiel Snapchat.

Und wie ließe sich Wissen komprimiert besser vermitteln als in einem Quiz?

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Erzähl deinem Erdkunde-Lehrer von diesem Quiz

Ähm, ja, nee. Besser du erzählst niemandem von diesem Quiz. Und erst recht nicht deinen Erdkunde- und Politik-Lehrern.

Denn während die “Bild”-Redaktion es noch hinbekommt, den Kölner Dom in Nordrhein-Westfalen zu verorten, Nürnberg als zweitgrößte Stadt in Bayern zu nennen und Helgoland, Föhr sowie Sylt nicht zu den Ostfriesischen Inseln zu zählen, geht bei dieser Usedom-Frage schon mal alles schief:

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Frage: Der größte Teil der Insel Usedom gehört zu - die vier Antwortmöglichkeiten: Polen, Niederlande, Österreich, Dänemark - laut Bild richtig: Polen

Es verläuft zwar ein Stück der deutsch-polnischen Grenze auf Usedom — die Insel gehört also zum Teil zu Polen. “Der größere Teil der Insel Usedom gehört” allerdings zu Mecklenburg-Vorpommern — und damit zu Deutschland.

Bei einer anderen Frage in ihrem Erzähl-das-mal-deinem-Lehrer-Quiz gibt die Redaktion ein noch traurigeres Bild ab:

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Frage: Der Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten ist ... - die vier Antwortmöglichkeiten: das Berghain, Schloss Bellevue, der Bundestag, Schloss Charlottenburg - laut Bild richtig: Schloss Charlottenburg

In den Jahren 2004 bis 2006 wurde das Schloss Charlottenburg tatsächlich mal vom Bundespräsidenten genutzt, allerdings nur als Zwischenlösung, als der eigentliche Amtssitz, Schloss Bellevue, renoviert wurde.

Wenn das Schloss Charlottenburg aktuell “der Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten” sein soll, dann ist das Axel-Springer-Hochhaus der Berliner Amtssitz versierter Quizmaster.

Mit Dank an @politischernate, @PatKloe und für die Hinweise!

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