Suchergebnisse für ‘BILD’

Bild.de lässt Greta Thunberg ein ganzes Jahr schwänzen

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg wird für ein Jahr nicht in die Schule gehen. Sie wolle sich in dieser Zeit voll auf ihren Kampf für das Klima konzentrieren und erst anschließend aufs Gymnasium wechseln. Die meisten Redaktionen bekommen es hin, das auch so zu berichten. “Zeit Online” schriebt zum Beispiel: “Greta Thunberg setzt die Schule für ein Jahr aus”. Oder Süddeutsche.de: “Greta Thunberg macht ein Jahr Schulpause”.

Bei Bild.de klingt das anders:

Greta Thunberg (16) wird das kommende Schuljahr ganz schwänzen — um sich dem Kampf gegen die Klima-Krise zu widmen!

… steht gleich am Anfang des Artikels. Und auch wenn man ihn bei Facebook oder Twitter verbreitet, erscheint direkt der Vorwurf, Thunberg schwänze das kommende Schuljahr:

Screenshot eines Facebook-Posts - Greta Thunberg: Klimaaktivistin wird ein Jahr lang die Schule schwänzen
Screenshot eines Tweets der Bild-Redaktion -

Doch das ist kompletter Unsinn. Die Schule “schwänzen” kann man nur, wenn man eigentlich zur Schule gehen müsste. Aber das muss Thunberg bald nicht mehr: In Schweden endet nach den neun Jahren in der Grundschule, die sie gerade abschließt, die Schulpflicht.

Das weiß auch die Bild.de-Redaktion. In ihrem Artikel, der zu großen Teilen auf einer dpa-Meldung basiert (in der die Passage mit dem “schwänzen” allerdings nicht vorkommt), steht:

Um ihre Schulzeit mache sie sich keine Sorgen, sagte Thunberg. Sie werde einfach ein Jahr später aufs Gymnasium wechseln. Normalerweise stünde für die junge Schwedin im August der Wechsel auf eine weiterführende Schule an. In den ersten neun Jahren gilt Schulpflicht.

Obwohl es einige Hinweise an die Redaktion gibt, dass das mit dem “schwänzen” nicht stimmt, lässt sie den Absatz weiter im Text.

Die “Bild”-Medien können aber auch anders, wenn eine 16-Jährige ihrem großen Ziel folgt, statt dem Schulunterricht. Für Laura Dekker, die als Jugendliche allein die Welt umsegelte, gab es Anerkennung statt Schwänzvorwürfe:

Screenshot Bild.de - Laura Dekker - Das Mädchen, das stärker war als tausend Stürme

Einen Schulabschluss hat Laura nie gemacht. Bis sie 16 Jahre alt wurde und der Schulpflicht unterlag, musste sie den Lehrplan der sogenannten Weltschule absolvieren. “Ich habe mich da durchgequält”, sagt sie, “diese ganze Theorie war fürchterlich.” Ab dem sechzehnten Geburtstag lebte Laura nach ihrem eigenen Lehrplan: Sie spielte Gitarre und Flöte, studierte Fliegende Fische, die immer wieder an Bord landeten, hörte Metallica, las Segelbücher, fotografierte, skypte, tauschte über SSB-Funk Erfahrungen aus: “Es war toll, mit den Seglern aus anderen Ländern in Kontakt zu stehen. Einsam habe ich mich nie gefühlt.”

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Bild.de befördert Angela Merkel

Manche Hauptstadtjournalisten spekulieren derzeit, ob Angela Merkel noch bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode Bundeskanzlerin bleiben wird oder ob sie schon vorher abtritt. Andere betreiben ihre Kaffeesatzleserei auf EU-Ebene: “Wechselt Merkel nach Brüssel?” Einen Knaller aber bekommen mal wieder nur die Politik-Experten aus der “Bild”-Redaktion mit: Merkel ist inzwischen nicht mehr nur Regierungschefin, sondern auch Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland.

Heute soll Angela Merkel die Ehrendoktorwürde der US-Universität Harvard verliehen bekommen und die Rede vor dem aktuellen Absolventenjahrgang halten. Die Harvard University veröffentlichte als Ankündigung ein bemerkenswertes Video.

Bei Bild.de schreibt Korrespondent Heiko Roloff über Merkels Besuch in den USA:

Screenshot Bild.de - Wie ein House-of-Cards-Trailer - Elite-Uni Harvard feiert Merkel wie eine Legende



In Deutschland ist sie seit Langem hochumstritten. Doch in den USA wird Bundeskanzlerin Angela Merkel (64) geradezu verehrt. (…)

Einer schwelgte freilich nicht im Lob. Amerikas 45. Präsident Donald Trump. Angeblich hatten sowohl das Kanzleramt in Berlin als auch das Weiße Haus versucht, ein Treffen der beiden Staatsoberhäupter zu arrangieren. Doch dann passte es nicht in den Terminkalender …

Sollte sich in letzter Zeit nicht irgendetwas ganz Grundsätzliches am Aufbau der Bundesrepublik geändert haben, ist das Staatsoberhaupt Deutschlands noch immer der Bundespräsident, aktuell also Frank-Walter Steinmeier.

Mit Dank an Stefan T. und Tim für die Hinweise!

Nachtrag, 13:59 Uhr: Die Bild.de-Redaktion hat reagiert und die Stelle ausgebessert. Dort steht nun:



Einer schwelgte freilich nicht im Lob. Amerikas 45. Präsident Donald Trump. Angeblich hatten sowohl das Kanzleramt in Berlin als auch das Weiße Haus versucht, ein Treffen der beiden zu arrangieren. Doch dann passte es nicht in den Terminkalender …

Einen Hinweis auf diese Korrektur im Sinne der Transparenz gibt es nicht.

“Verlagsleitung BILD Gruppe” hübscht “Bild am Sonntag” bei Wikipedia auf

Auf der Wikipedia-Seite zu “Bild am Sonntag” gibt es in der Regel kaum Änderungen. Im Januar wurde mal ein bisschen was ergänzt, davor im September 2018, davor im April und im Februar desselben Jahres. Also: alles recht ruhig. Aber vorgestern — da ging’s los. Ein Wikipedia-Benutzer mit dem Namen “Verlagsleitung BILD Gruppe” fing an, den “BamS”-Eintrag zu überarbeiten, oder genauer: kritische Stellen abzuschwächen oder komplett zu löschen und positive PR-Passagen hinzuzufügen.

In einem ersten Schritt ergänzte der Benutzer am Montag diese zwei Absätze …

Die Bild am Sonntag (kurz: BamS) ist mit einer Auflage von 741.159 Exemplaren die reichweitenstärkste Sonntagszeitung Deutschlands. Sie ist die meist zitierte Sonntagszeitung und gehört mit Platz3 überhaupt zu den meist zitierten Medien Deutschlands.

Die Bild am Sonntag gehört zur BILD-Gruppe der Axel Springer SE. Die Axel Springer SE ist eines der größten multimedialen Verlagshäuser mit Hauptsitz in Berlin.

… und löschte diesen:

Die BamS ist familienfreundlicher konzipiert als die von Montag bis Samstag erscheinende “Bild”. Sie erscheint außerdem im kleineren Zeitungsformat “Nordisches Tabloid”.

Mit dem Kommentar “Abschnitt ergänzt, zuvor kein gesonderter Abschnitt zu Inhalt und Stil vorhanden” fügte “Verlagsleitung BILD Gruppe” dann dieses Marketinggeschwurbel ein:

Ziel der “Bild am Sonntag” ist es, bereits am Sonntag die Themen zu setzen, über die Deutschland in der Woche spricht. Unter dem Claim “Deutschland am Sonntag — Bild am Sonntag” möchte die Zeitung ein entspanntes Sonntagsgefühl bei ihren Lesern vermitteln. Dabei beinhaltet sie einen Mix aus aktuellen, politischen und unterhaltenden Themen. Diese spiegelt die Redaktion häufig aus persönlichen Perspektiven wider, um dem Leser eine hohe Identifikationsmöglichkeit zu bieten.

Und:

Darüber hinaus hat die Bild am Sonntag Deutschlands größten Sportteil, welcher sich als eigene Sportzeitung in der Mitte zum Herausnehmen befindet.

Außerdem kamen noch Angaben zum Verkaufspreis der “Bild am Sonntag” hinzu und Informationen, wo man die Zeitung so kaufen könne. Am Montagnachmittag gab es dann auch den ersten Versuch, die “BamS”-Auflagenentwicklung ein bisschen aufzuhübschen. “Verlagsleitung BILD Gruppe” löschte diese Grafik:

Screenshot einer Wikipedia-Grafik mit der fallenden Auflage der Bild am Sonntag

Der Bearbeitungskommentar dazu:

Die Basis, anhand welcher sich die Auflagenzahl bemisst, wurde in der Vergangenheit mehrfach geändert, daher macht ein Vergleich/ Diagramm wenig Sinn; zudem müssen diese Angaben kontinuierlich aktualisiert werden, weshalb ein Verweis auf IVW, wo aktuelle Auflagenzahlen, auch im Vergleich zu anderen Zeitungen abgerufen werden können, sinnvoller ist als Diagramme oder Ähnliches

Im selben Schritt machte der Benutzer aus …

Die Bild am Sonntag gehört ebenso wie die Bild-Zeitung zu den deutschen Zeitungen mit den größten Auflagenverlusten der vergangenen Jahre.

… das hier:

Die Auflagen-Entwicklung der Bild am Sonntag verhält sich analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien.

Und das ist nicht nur Augenwischerei, sondern schlicht falsch. Die Auflage der “Bild am Sonntag” verhält sich nicht “analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien.” Der Auflagenverlust des Blattes ist viel dramatischer als der aller anderen Wochen- und Sonntagszeitungen (und auch aller überregionalen Tageszeitungen).

Andere Wikipedia-Benutzer intervenierten immer wieder und machten viele Änderungen rückgängig, etwa das Löschen der Auflagen-Grafik. Sie wiesen auch darauf hin, dass die Beiträge zu werblich seien:

Sie sind bereits einmal aufgefordert worden, Marketing- und Werbeeinträge zu vermeiden. Ich weise ausdrücklich noch einmal darauf hin, leider aus gegebenem Anlass. Wikipedia ist ausdrücklich keine Basis für verkaufsfördernde Maßnahmen, sondern ein Enzyklopädie-Projekt.

Das hielt “Verlagsleitung BILD Gruppe” aber nicht davon ab, die Änderungen erneut einzubringen — zum Beispiel jene mit dem herausnehmbaren Sportteil und dem “BamS”-Claim und der Bereits-am-Sonntag-die-Themen-setzen-PR.

Am Dienstagmorgen folgte der nächste Versuch, die wenig schmeichelhafte Auflagen-Grafik aus dem Wikipedia-Eintrag zu tilgen und den Quatsch mit “analog zum strukturellen Rückgang” unterzubringen. Der Bearbeitungskommentar dazu: “Aktualisierung von Angaben”. Eine Minute später wollte “Verlagsleitung BILD Gruppe” mit dem Hinweis “unpassende Angabe” das Kapitel “Kritik” komplett löschen und mit ihm den Verweis auf die von “Bild am Sonntag” ausgelöste “Medienkontroverse” um Peter Lustig.

Dann sollten noch “Auszeichnungen” hinzugefügt werden, woraufhin erstmal eine sechsstündige Sperre des Accounts folgte (Begründung: “kurze Pause zum Lesen der Hinweise auf der Diskussionsseite und den dort verlinkten Hilfeseiten”). Nach Freischaltung fügte “Verlagsleitung BILD Gruppe” gestern Nachmittag weitere Auszeichnungen sowie Links zur “BamS”-Facebookseite und zu einem Lesershop hinzu. Anschließend gab es eine Sperre für eine Woche, da der Benutzer sein Konto trotz Aufforderung nicht verifiziert hatte.

So peinlich das alles sein mag — die Aktion war durchaus erfolgreich: Die Auflagen-Grafik ist aus dem Wikipedia-Eintrag verschwunden und die falsche Aussage, die “BamS”-Auflagenentwicklung verhalte sich “analog zum strukturellen Rückgang von Print-Medien”, nun drin. Das Kapitel “Kritik” heißt inzwischen “Weblinks”. Und die Auszeichnungen werden (in einer deutlich abgespeckten Version) erwähnt.

Wir haben bei “Bild”-Sprecher Christian Senft nachgefragt, ob der Wikipedia-Benutzer “Verlagsleitung BILD Gruppe” zum Axel-Springer-Verlag gehört und ob es gängige Praxis dort ist, Wikipedia-Artikel mit PR-Botschaften aufzupeppen. Bisher haben wir keine Antwort von ihm erhalten.

Auf eine der Fragen scheint es aber inzwischen eine Antwort zu geben. Auf der Benutzerseite von “Verlagsleitung BILD Gruppe” steht inzwischen:

Dieses Benutzerkonto wurde gegenüber dem Support-Team mit einer E-Mail-Adresse von axelspringer.de verifiziert.

Damit ist der Account wieder freigeschaltet. Sie können jetzt also weitermachen.

Nachtrag, 14:03 Uhr: Nach Veröffentlichung dieses Beitrags wurden einige Änderungen auf der “BamS”-Wikipedia-Seite rückgängig gemacht. Zum Beispiel ist die Auflagen-Grafik nun wieder da. Momentan gibt es offenbar einen sogenannten Edit-War.

Nachtrag, 16:23 Uhr: “Bild”-Sprecher Christian Senft hat es bisher leider immer noch nicht geschafft, uns auf unsere zwei Fragen zu antworten. Dafür hat aber die Springer-Pressestelle dem Branchendienst “turi2” zu der Sache geschrieben:

Wir wissen, dass Wikipedia für viele eine bedeutende Quelle der Recherche ist. Daher ist es wichtig, dass die Fakten korrekt und aktuell sind. Dies war bei vielen Einträgen für “Bild am Sonntag” nicht mehr der Fall, weshalb wir diese für alle transparent und begründet geändert haben. Alle Anpassungen erfolgten mit klarer Absenderschaft, niemand hat versucht, wie von BildBlog behauptet, etwas “werblich unterzuschummeln”. Es gehört zu Wikipedia, dass diese Einträge oder bestimmte Formulierungen durch andere Nutzer anders bewertet und eingeordnet werden können.

Interessant finden wir das wörtliche Zitat “werblich unterzuschummeln”, dass uns die Springer-Pressestelle zuschreibt. Wir haben zwar von aufhübschen und aufpeppen gesprochen. Die Worte “werblich unterzuschummeln” haben wir hingegen an keiner Stelle benutzt.

Nachtrag, 17. Juni: Auf Nachfrage des Medienmagazins “Zapp” (ab Minute 2:05) ist der Springer-Pressestelle noch eine lustige Begründung eingefallen, warum das Kapitel “Kritik” von “Verlagsleitung BILD Gruppe” gelöscht wurde:

Das Kapitel wurde nur vorübergehend gelöscht, um es als Ganzes aktualisiert zu ergänzen.

Das Hochladen des aktualisierten Artikels habe dann blöderweise wegen der zwischenzeitlichen Sperre nicht mehr funktioniert.

Relotius-Skandal ist Spiegel-Skandal, AKKs Äußerungen, “Bild” doxt Rezo

1. Betrug, Eitelkeit, Versagen
(taz.de, Horand Knaup & Hartmut Palmer)
Horand Knaup und Hartmut Palmer haben fast zwei Jahrzehnte für den “Spiegel” gearbeitet und waren daher besonders auf den Abschlussbericht zum Fall Relotius gespannt, der für sie eher ein Fall “Spiegel” war. In ihrem äußerst lesenswerten Beitrag wird klar, dass es sich um einen Einzelfall handelt, aber einen Einzelfall mit System: “Gewiss: Claas Relotius war Einzeltäter, er hat gefälscht und betrogen, und das gezielt und kunstvoll. Daran besteht kein Zweifel. Ermöglicht habe ihm dies allerdings ein Umfeld, das ihn geradezu ermunterte, Geschichten zu erfinden und Fakten zu fälschen: Ressortleiter, die ihn anstachelten, Chefredakteure, die sich mit den Preisen schmückten; ein Dokumentar, der nicht pingelig genug prüfte; Juroren von Journalistenpreisen, die sich von der literarischen Wucht der Texte blenden ließen. Dass in diesem Wettlauf der Eitelkeiten die Kontrollinstanzen des Magazins versagten, ist nicht verwunderlich. Im System Spiegel wurden Reporter zu Sonnenkönigen, denen man vieles, zu vieles durchgehen ließ.”
Weiterer Lesetipp: Auch Willi Winkler glaubt in seinem Beitrag für die “SZ” an ein systemisches Versagen: “Relotius hat so gedichtet, wie es das Spiegel-Statut von Anfang an vorsah und wie es unter den Chefredakteuren Aust, Büchner und Brinkbäumer mit Blick aufs schwindende Publikum noch forciert wurde. Die reumütig vorgetragenen Zweifel an der “schön geschriebenen” Reportage kommen daher ein bisschen spät”. Die “SZ” hat außerdem bei Journalistenschulen nachgefragt, welche Werte dort gelehrt werden und wie die Ausbildungseinrichtungen auf die neuesten Entwicklungen reagieren: “Für Starreporter ist da wenig Platz”.

2. Zur Löschung vorgeschlagen
(journalist-magazin.de, Matthias Holland-Letz)
Matthias Holland-Letz wollte wissen, wie journalistisch es auf Wikipedia zugeht und hat dort zwei Monate mitgeschrieben. Immer wieder musste sich Holland-Letz damit abfinden, dass Einträge von ihm kommentarlos gelöscht wurden. Seine unterhaltsam geschriebene Reportage eines Selbstversuchs ist auch eine Beschreibung strukturellen Versagens der Online-Enzyklopädie.

3. Die Unterschätzung des digitalen Raums durch Politik und Medien
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
“Diese Wahl wurde maßgeblich durch das Internet im Ausgang beeinflusst und wir mussten erkennen, dass sowohl der weiteste Teil der Politik als auch klassische Medien auch im Jahr 2019 den digitalen Raum drastisch unterschätzen.” Thomas Knüwer arbeitet in einem längeren Lesestück das peinliche Versagen der Politik im digitalen Raum, ihren Umgang mit der jungen Generation und das aktuelle Wahldebakel mancher Parteien auf.

4. Anders denken als die CDU
(dirkvongehlen.de)
Dirk von Gehlen kommentiert die verstörenden Einlassungen Annegret Kramp-Karrenbauers über eine Begrenzung der Meinungsäußerung: “Kramp-Karrenbauers Worte schaden aber nicht nur dem Image der Union. Sie schüren den Verdacht, dass es hier jemand nicht ernst meint mit den Grundrechten. Das darf nicht passieren, diesen Verdacht muss sie bald möglichst und sehr viel deutlicher als bisher ausräumen. Denn wenn die Frau, die Bundeskanzlerin werden will, tatsächlich das grundlegende Recht auf freie Meinungsäußerung diskutieren will, wenn ein paar junge Menschen davon Gebrauch machen, möchte man sich nicht ausmalen, wie sie reagiert, wenn mehr auf dem Spiel steht als ein paar Prozentpunkte für die CDU.”
Weiterer Lese- beziehungsweise Hörtipp: Das “Deutschlandfunk”-Gespräch mit dem CDU-Digitalpolitiker Tankred Schipanski, der die Äußerungen Kramp-Karrenbauers verteidigt. Tankred Schipanski hat sich auch hier und hier auf Twitter geäußert und hat dafür viel Kopfschütteln geerntet.
Und zum Schluss: Die Redaktion von “quer” hat sich ausgemalt, wie der neue Artikel 5 GG nach einer AKK-Intervention aussehen könnte (“Wladimir, Recep Tayyip und Kim gefällt das”).

5. Redaktionsgeheimnis in Gefahr
(reporter-ohne-grenzen.de)
Wenn es nach den Plänen des Bundesinnenministeriums geht, sollen deutsche Inlands- und Auslandsgeheimdienste Server, Computer und Smartphones von Verlagen, Rundfunksendern sowie freiberuflichen Journalistinnen und Journalisten bald schon hacken dürfen. Damit fiele, so Reporter ohne Grenzen, eine der Säulen der Pressefreiheit: das Redaktionsgeheimnis.

6. @rezomusik schreibt noch, dass er auch Morddrohungen bekommt…
(twitter.com/intr4venous)
Vor ein paar Tagen schrieb der durch sein Video (“Die Zerstörung der CDU”) berühmt gewordene Rezo: “Hätten wir Klarnamen-Pflicht im Internet, hätte ich nun schon ein paar Steine durchs Fenster geworfen bekommen und nach dem was man mir so androht, wären ich und meine Familie tot.” Ein Medium war davon gänzlich unbeeindruckt …
Weiterer Lesetipp: Doxing (wikipedia.de).

Bild.de entlässt verstorbenen Niki Lauda aus dem Krankenhaus

Vor einer Woche ist der frühere Formel-1-Rennfahrer und Unternehmer Niki Lauda gestorben.

Heute Nachmittag brachte Bild.de auf verschiedenen Kanälen, nun ja, überraschende Meldungen:

Screenshot-Collage mit Überschriften wie Schwere Grippe! Lauda nach Lungen-OP wieder in Klinik - Lungen-Entzündung? Neue Sorgen um Niki Lauda - Niki Lauda aus Krankenhaus entlassen
(Hier klicken für größere Version.)

Irgendwann bemerkte dann auch die Redaktion diesen “peinlichen Fehler”. Es seien “einige ältere Artikel zu Niki Lauda versehentlich neu publiziert worden.”

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Bild.de lässt mit riesigem “Frauen-Ball” im DFB-Pokal-Finale spielen

Gestern, beim DFB-Pokal-Finale zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern München — da war doch irgendwas merkwürdig mit dem Spielball, oder? War der …

Screenshot Bild.de - Bei Bayerns Pokal-Triumph - War der Frauen-Ball nicht richtig aufgepumpt?

Nee, das war’s nicht, was uns aufgefallen war. Aber: Was ist denn ein “Frauen-Ball”? Bild.de erklärt das so:

Leipzig und Bayern spielten beim Finale (0:3) nicht mit dem Bundesliga-Ball von Derbystar, sondern mit einem bunten Adidas-Ball. Das Modell “Conext 19” wird ab dem 7. Juni bei der Frauen-WM verwendet.

Okay, es ist also kein “Frauen-Ball”, sondern ein ganz normaler Fußball, der bald auch bei der Weltmeisterschaft der Frauen eingesetzt werden soll. Das schreibt auch Bild.de irgendwie:

Klar ist aber natürlich: Obwohl er bei der Frauen-WM zum Einsatz kommt, hat er die gleichen Maße wie der Bundesliga-Ball der Männer. Laut Fifa-Regeln sind das 68,5 bis 70 Zentimeter Durchmesser und 410 bis 450 Gramm Gewicht.

Genau, das war das Merkwürdige gestern: die Größe des Balles. Der ragte mit seinen “68,5 bis 70 Zentimetern Durchmesser” den Spielern schließlich bis über deren Knie.

Für dieses Nichtauseinanderhaltenkönnen von Durchmesser und Umfang soll man übrigens zahlen — es handelt sich um einen “Bild plus”-Artikel.

Mit Dank an Stephan J. für den Hinweis!

Nachtrag, 15:23 Uhr: Die Bild.de-Redaktion hat die Stelle — ohne irgendeinen Korrekturhinweis — geändert. Dort steht nun richtig: “Laut Fifa-Regeln sind das 68,5 bis 70 Zentimeter Umfang und 410 bis 450 Gramm Gewicht.” Es gibt also offenbar keine neuen “Fifa-Regeln”, die das Spielen mit Riesenbällen vorschreiben und von denen die “Bild”-Medien exklusiv wussten.

Außerdem haben uns mehrere Leserinnen und Leser noch auf diesen Satz von Bild.de hingewiesen: “Obwohl er bei der Frauen-WM zum Einsatz kommt, hat er die gleichen Maße wie der Bundesliga-Ball der Männer.” Und ja, der ist tatsächlich dämlich und nicht besonders respektvoll den Fußballerinnen gegenüber.

Bild  

AfD-Anfrage landet ungeschminkt in “Bild”

Wenn die AfD-Fraktionen inhaltlich schon nichts in den Landtagen und im Bundestag beizutragen haben, wollen sie wenigstens durch sinnlose Kleine Anfragen an die jeweiligen Regierungen den Apparat ein bisschen lahmlegen. Sie fragen dann zum Beispiel nach Vergewaltigungen in Parks, die gar nicht existieren (PDF), oder nach einer angeblichen “militanten Szene der Veganer in NRW” (PDF) . Eine der peinlichsten Anfragen auf Bundesebene dürfte jene nach dem Einsatz von “Visagisten, Stilberatern und Friseuren” bei “der Bundeskanzlerin, den Bundesministern, den Staatsministern oder anderen hochrangigen Regierungsvertretern” sein (PDF).

Die (bereits zwei Wochen alte) Antwort darauf (PDF) könnte unspektakulärer nicht ausfallen: Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung Annette Widmann-Mauz nahm im Zusammenhang mit ihren beruflichen Aufgaben zweimal die Dienste eines Visagisten in Anspruch, Finanzminister Olaf Scholz einmal, genauso Außenminister Heiko Maas, Umweltministerin Svenja Schulze viermal, Bildungsminist …

… Pardon, wir sind kurz eingenickt …

… Bildungsministerin Anja Karliczek einmal und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner “in Einzelfällen”.

Joar.

Wer diese ganze Sache nicht spätestens jetzt wegen Bedeutungslosigkeit ignoriert, dem ist nicht mehr zu helfen. Oder er arbeitet bei “Bild”. Oder beides. Florian Kain gestern in der “Bild”-Zeitung:

Ausriss Bild-Zeitung - Die ungeschminkte Wahrheit über unsere Minister - Welche Minister haben sich in dieser Legislatur einen Visagisten gebucht, um sich vor Auftritten schminken zu lassen?

Es folgt dann lediglich noch die Aufzählung aus der Antwort der Bundesregierung. Sonst nichts weiter. Keine Einordnung, keine weiteren Gedanken, nichts. Wobei, nicht ganz — es gibt noch eine Quellenangabe ganz am Ende des Artikels:

Ausriss Bild-Zeitung - Quelle: Regierungsantwort auf AfD-Anfrage

“Bild” und andere Medien des Axel-Springer-Verlags akzeptieren grundsätzlich keine Anzeigen der AfD. Aber das ist letztlich auch gar nicht nötig — der Nonsens der Partei landet ja auch so ungefiltert im Blatt.

Bild  

Ganz Deutschland findet noch immer: “Bild” tut nichts für das Gemeinwohl

Nach dem ersten “GemeinwohlAtlas” der Universität St. Gallen aus dem Jahr 2015 gibt es nun, in Kooperation mit der HHL Leipzig Graduate School of Management, die zweite Ausgabe. Dieser “Atlas” soll den “gesellschaftlichen Nutzen von deutschen sowie internationalen Organisationen und Institutionen” systematisch untersuchen und transparent abbilden:

Im Jahr 2019 nahmen insgesamt 11.769 Personen im Alter zwischen 18 und 93 Jahren an der Befragung teil.

Kannten die Befragten mindestens eine der aufgelisteten Organisationen, wurden sie aufgefordert, für einzelne, randomisiert ausgewählte Organisationen den Beitrag zum Gemeinwohl in den vier Dimensionen Lebensqualität, Aufgabenerfüllung, Zusammenhalt und Moral zu bewerten.

Dieses Mal wurden 137 Unternehmen, Marken, Organisationen und Institutionen bewertet. Dabei ganz vorne: Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Deutsches Rotes Kreuz und der Weiße Ring. Auf dem letzten Platz landete Marlboro. Auf dem vorletzten die FIFA. Und auf dem drittletzten:

Screenshot des GemeinwohlAtlas - auf dem Drittletzten Platz dabei Bild

… noch hinter solch ausgesprochenen Sympathieträgern wie Deutsche Bank, UEFA, Facebook, Twitter und Nestlé.

Beim ersten “GemeinwohlAltas” landete “Bild” noch auf dem letzten von 127 Plätzen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich der Ruf des Blattes seit 2015 verbessert hat — im Gegenteil: Marlboro und FIFA waren damals schlicht noch nicht dabei; die “Gemeinwohl”-Werte von “Bild” sind im Vergleich zu vor vier Jahren noch einmal gesunken (Durchschnitt 2015: 2,37 – Durchschnitt 2019: 2,26 – die Skala geht von 1 bis 6, der Median lag 2019 bei 3,79).

Andere Medien schnitten deutlich besser ab: Die Dritten der ARD liegen auf Platz 16, die ARD auf Platz 18, das ZDF auf Platz 21, die “Süddeutsche Zeitung” auf Platz 32, die “FAZ” auf Platz 36, die “Welt” auf Platz 65 und der “Spiegel” auf Platz 67. Nur die TV-Sender Vox (120), Sat.1 (122) und RTL (128) können einigermaßen mit dem schlechten “Bild”-Ergebnis mithalten.

Wer den Schaden hat, braucht für die “Bild”-Erfindung nicht zu sorgen

Screenshot Bild.de - Nach KSC-Aufstieg in Münster - 100.000 Euro Schaden durch Platzsturm

titelte Bild.de am Samstagabend, nachdem die Drittliga-Fußballer des Karlsruher SC 4:1 beim SC Preußen Münster gewonnen und damit den Aufstieg in die 2. Bundesliga klargemacht hatten. Joachim Schuth, bei “Bild” stellvertretender Sportchef für Nordrhein-Westfalen, beschreibt das Ganze hinter der “Bild plus”-Paywall so:

Über 3000 mitgereiste Karlsruher Fans feierten nach dem 4:1-Erfolg bei Preußen Münster die geglückte Zweitliga-Rückkehr. Mit dem Abpfiff von Schiri Lasse Koslowski (Berlin) gab’s kein Halten mehr, kletterten die freudetrunkenen Anhänger der Badener über die Barrikaden. (…)

Dabei ging im alten Stadion an der Hammer Straße einiges zu Bruch. Kaputte Zäune, LED-Anzeigen und auch die Trainerbänke mussten dran glauben.

Erste Schätzung der Schadenshöhe: über 100.000 Euro. Doch der KSC hat bereits angekündigt, die Kosten zu übernehmen.

Und auch in der Stuttgart-Ausgabe der “Bild”-Zeitung steht zu den Vorkommnissen in Münster:

Wilde Szenen nach Abpfiff: Gäste-Fans stürmen den Rasen, zerstören Zäune, LED-Bildschirme und Trainerbänke. Es soll ein Schaden von mehr als 100 000 Euro entstanden sein.

Auf eine Nachfrage der Fanhilfe Karlsruhe, woher denn diese Summe stamme, antwortet Preußen Münster:

Screenshot eine Antwort von Preußen Münster bei Twitter - Frage: Wie hoch ist der Sachschaden im Innenbereich? Wirklich 100.000 Euro wie die Bild berichtet? Woher hat die Bild diese Zahl? - Antwort: Eine finale Schadenserhebung liegt noch nicht vor, da insbesondere die überrannten LED-Banden noch ausgiebigen Funktionstests unterzogen werden müssen. Woher die 100.000 Euro stammen, wissen wir nicht.

Und Bernhard Niewöhner, Geschäftsführer bei Preußen Münster, sagt, die Summe von 100.000 Euro sei frei erfunden.

Bei Bild.de stehen die angeblichen Kosten von 100.000 Euro unverändert in Überschrift und Artikel.

Mit Dank an Sebastian F. und Nicolaj Z. für die Hinweise!

Bild  

“Bild” lässt Kriminalität an Dresdens Schulen explodieren

Geht es darum, mit falschen Fakten Angst und Schrecken zu verbreiten, leben “Bild” und AfD in wunderbarer Symbiose. In Dresden konnte man das in den vergangenen Tagen gut beobachten: Eine AfD-Abgeordnete stellte eine Kleine Anfrage an die Sächsische Staatsregierung, die Dresdner Regionalausgabe der “Bild”-Zeitung berichtete über die Antwort des Staatsministeriums des Innern (PDF), und die Abgeordnete, die die Kleine Anfrage gestellt hatte, nutzte wiederum den “Bild”-Artikel für ihre Stimmungsmache. Bloß: “Bild” hat Zahlen verglichen, die man nicht vergleichen kann, dadurch falsche Schlüsse gezogen und diese zu einer Explosion der Kriminalität an Dresdens Schulen aufgeblasen.

Ausriss Bild-Zeitung - Kriminalität an Dresdens Grundschulen um 224 Prozent gestiegen

Im vergangenen Jahr ist die Kriminalität in Klassenräumen und auf Schulhöfen in unserer Stadt explodiert! Die erschreckenden Zahlen veröffentlichte Innenminister Roland Wöller (48, CDU) auf Anfrage der AfD.

Seinen Artikel teilt “Bild”-Redakteur Tom Rosin nach den verschiedenen Schularten auf. Zu den Grundschulen, dies es ja auch in die Titelzeile geschafft haben, schreibt er:

An GRUNDSCHULEN (1. bis 4. Klasse) gab es im vergangenen Jahr 107 Straftaten, im Jahr zuvor waren es dagegen nur 33. Das ist ein Anstieg von 224 Prozent.

Es handelt sich dabei nicht um Schulhofrangeleien. Ermittelt wurde u.a. wegen Körperverletzung, Brandstiftung und Diebstahl!

Beim Blick auf die Statistik (PDF, Grundschule (“GS”) gemeinsam mit Oberschule (“OS”) und Mittelschule (“MS”) in einer Datei, aber jeweils gesondert ausgewiesen) sieht man, dass die in “Bild” genannten Zahlen zu den Straftaten stimmen, und der “Bild”-Redakteur hat auch richtig gerechnet. Nur ist der Vergleich an sich schon falsch und damit auch die genannte Steigerung von 224 Prozent. In der Antwort des Staatsministeriums des Innern steht extra:

Recherchiert wurde für den Tatzeitraum vom 1. Januar 2014 bis zum 31. Dezember 2018 in der Kreisfreien Stadt Dresden. Zu beachten ist hierbei, dass bei verschiedenen Delikten (z. B. Körperverletzung gemäß § 223 Strafgesetzbuch [StGB] oder Diebstahl gemäß § 242 StGB) Aussonderungs- und Löschfristen von 24 Monaten bestehen und damit bei diesen Delikten valide Angaben nur noch für das Jahr 2018 zur Verfügung stehen.

Die Polizei in Sachsen löscht also bei bestimmten Delikten nach einer bestimmten Frist (hier: nach zwei Jahren) Straftaten aus ihrem System. Durch dieses Löschen sind die Zahlen zu den verschiedenen Jahren aus der Antwort zur Kleinen Anfrage schlicht nicht miteinander vergleichbar. Für 2018 sind allein schon wegen dieser Löschfristen mehr Straftaten aufgelistet als für die Jahre zuvor. Wir haben nachgeschaut: Tatsächlich werden Körperverletzungen (§ 223 StGB) und Diebstähle (§ 242 StGB) nur für 2018 genannt — in den Angaben zu 2014, 2015, 2016 und 2017 fehlen sie komplett. Und das macht einen deutlichen Unterschied: Bei den Dresdner Grundschulen findet man für 2018 18 Körperverletzungen und 24 Diebstähle, was zusammen bereits 42 der von “Bild” genannten 107 Straftaten sind.

Die besondere Löschfrist von zwei Jahren gilt aber auch noch für weitere Straftaten, so die Sächsische Staatskanzlei:

– Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung (§§ 185, 186, 187 StGB), soweit diese nicht eine nachhaltige Rufschädigung der Betroffenen zur Folge haben, öffentlich oder mittels Druckschriften begangen wurden oder sexuellen Bezug haben;

– Hausfriedensbruch (§ 123 StGB);

– Fahrlässige Körperverletzung (§ 230 StGB);

– Vorsätzliche Körperverletzung (§ 223 StGB) mit geringen Folgen;

– Sachbeschädigung (§ 303 StGB) bis zu einer Schadenshöhe von 100 EUR;

– Diebstahl und Unterschlagung bis zu einer Schadens-höhe von 100 EUR, soweit es sich nicht um Fälle nach §§ 243 und 244 StGB handelt;

– Erschleichen von Leistungen (§ 265a StGB);

– Betrug (§ 263 StGB) bis zu einer Schadenshöhe von 100 EUR.

An den Grundschulen waren es 2018 laut Statistik fünfmal § 185 StGB, einmal § 187 StGB, dreimal § 123 StGB und fünfzehnmal § 303 StGB. Will man die Straftaten des vergangenen Jahres also unbedingt mit jenen des Jahres 2017 vergleichen, müsste man von den 107 Straftaten 66 abziehen, da die jeweiligen Delikte wegen der Löschfristen nur im Jahr 2018 vorkommen. Die “Kriminalität an Dresdens Grundschulen” wäre dann also nicht innerhalb eines Jahres von 33 auf 107 Straftaten gestiegen, sondern von 33 auf 41; und damit nicht “um 224 Prozent”, sondern nur um 24 Prozent (doch es bleibt dabei: Der Vergleich ist an sich schon nicht sinnvoll).

Ähnlich falsch ist Rosins Vergleich zu den Dresdner Ober- und Mittelschulen. In “Bild” schreibt er:

Oder die 52 Straftaten vor zwei Jahren — 2018 waren es dann schon 173 — ein Plus von 233 %. Erpressungen, sexueller Missbrauch, gefährliche Körperverletzung waren dabei.

(In der Statistik zu den Ober- und Mittelschulen gibt es für 2018 keinen Fall des sexuellen Missbrauchs.)

Bei einem Vergleich auf Biegen und Brechen müsste man allerdings 97 von den 173 Straftaten aus dem Jahr 2018 abziehen, da sie zu den Delikten gehören, die wegen der Löschfristen 2017 gar nicht auftauchen können. Die Steigerung betrüge dann nicht 233 Prozent, sondern nur 46 Prozent.

An den Berufsschulen wäre es nicht das von Rosin genannten Plus von 77 Prozent, sondern von 9,3 Prozent. Und an den Gymnasien “stieg die Zahl der Straftaten” nicht, wie in “Bild” steht, “um 60 %”, sondern sank um 23 Prozent.

Und selbst ohne diese Fehler wäre eine Aussage wie “ist die Kriminalität in Klassenräumen und auf Schulhöfen in unserer Stadt explodiert” nicht wirklich passend, denn in der Antwort des Staatsministeriums des Innern steht auch:

Recherchiert wurde im Polizeilichen Auskunftssystem Sachsen nach Straftaten mit den Tatörtlichkeiten “Grundschule”, “Mittelschule/Oberschule” (nicht alle Mittelschulen wurden in Oberschulen umbenannt, so dass Mittelschulen und Oberschulen erfasst wurden), “Sonstige Schule” (Förderschulen werden nicht gesondert ausgewiesen), “Gymnasium” und “Berufsschule”.

Diese Auswertung erfolgte nach dem Tatortprinzip “Tatörtlichkeit = Schule”, so dass es sich bei den Opfern und ermittelten Tatverdächtigen nicht zwingend um Schüler bzw. Lehrer handeln muss, sondern möglicherweise auch
um andere Personen, welche sich zur Tatzeit auf dem Schulgelände aufhielten.

Da die Straftaten jeweils mit Datum aufgelistet sind, kann man nachschauen, welche von ihnen während der Schulferien, an Wochenenden oder Feiertagen begangen wurden — und somit nicht in der Schulzeit, sondern nur auf dem Schulgelände oder in der unmittelbaren Nähe. An den Grundschulen zum Beispiel waren es im vergangenen Jahr 23 (von 107) Straftaten, darunter besonders schwere Fälle des Diebstahls und sexueller Missbrauch von Kindern. An den Ober- und Mittelschulen registrierte die Polizei 16 (von 173) Straftaten, während die Schulen geschlossen waren.

Bei “Bild” gibt es diese Differenzierungen nicht. Stattdessen hat Redakteur Tom Rosin mit seinem Murks der sächsischen AfD-Fraktion eine traumhafte Vorlage geliefert, die die Abgeordnete Karin Wilke, die auch die Kleine Anfrage gestellt hatte, für ihre Angstmacherei verwendet:

Screenshot eines Posts der AfD-Fraktion - Karin Wilke - Kriminalität und Gewalt an Dresdner Grundschulen um 224 Prozent gestiegen

Mit Dank an @mschwarz87!

Blättern:  1 ... 35 36 37 ... 1084