Oh, nein! Nun ist es passiert. Nun haben auch wir die kleine “Bild”-Korrekturspalte vergessen, die, als sie auf die Welt kam, auf das staunendeInteressederWeltöffentlichkeit stieß, aber schon ihren ersten Geburtstag im vergangenen Jahr allein feiern musste (wir berichteten). Dass sie bereits am 14. Juli 2008 zwei Jahre alt wurde, daran erinnerten auch wir uns erst, als uns diese Aufnahme von BILDblog-Leserreporter Jojo Beetlebum erreichte, die die Stimmung während der Feierlichkeiten eindrucksvoll dokumentiert:
Wir sind tief beschämt und gratulieren nachträglich — mit der Siegerin der Wahl der “Bild”-Berichtigung 2007/2008. Gewonnen hat …
… die Korrekturspalte vom 20. Juli 2007!
Es war ein knappes Rennen, aber am Ende musste sich die Korrekturspalte vom 4. Dezember 2007, die vor allem auf der nach oben offenen Kryptik-Skala punktete, geschlagen geben:
Chancenlos waren Kandidatinnen wie die Korrekturspalte vom 28. November 2007, trotz ihrer demonstrativen Bereitschaft, auch gravierende Fehler der “Bild”-Zeitung nicht unberichtigt zu lassen:
Die Heimatstadt Sundern von Ex-Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) im Sauerland hat nicht, wie gestern auf Seite 1 berichtet, 3000, sondern 30 000 Einwohner.
Der Vollständigkeit halber dokumentieren wir auch in diesem Jahr, in welchem Maß die “Bild”-Zeitung noch von der Möglichkeit Gebrauch macht, die Fehler, wie “Bild”-Sprecher Tobias Fröhlich es einmal formulierte, da zu korrigieren, wo sie passieren:
In einem erstaunlichen Akt hausinterner Kollegenschelte geißelt die “Bild”-Zeitung heute das Fehlen einer funktionierenden Schlusskorrektur im Schwesterblatt “Welt”.
Nee, doch nicht.
Die Fehler-Expertin geißelt dann doch nur den Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, weil der in einem ihr politisch suspekten Gastbeitrag für die gestrige Ausgabe der “Welt” den Namen Ludwig Erhards genauso oft falsch wie richtig geschrieben hat. “Bild” macht ihn zum “Verlierer des Tages”(siehe Ausriss rechts) und “meint”: “Setzen, 6!”
Dass das bei der “Welt” niemandem auffiel, ist allerdings kein Wunder.
Die Erhard-Ehrhard-Schwäche
der “Welt”:
“… für Ludwig Ehrhard, jedenfalls …” (“Welt”, Leitartikel, 7.5.2007)
“… nur Ludwig Ehrhard und …” (“Welt”, 20.12.2006)
“… gab Ludwig Ehrhard die …” (“Welt am Sonntag”, 13.11.2005)
“… im Ludwig-Ehrhard-Haus …” (“Welt”, 14.10.2005)
“… aus. Ehrhard war …” (“Welt”, 20.3.2005)
“… auf Ludwig Ehrhard hätte …” (“Welt”, Leserbrief, 17.3.2005)
“… Ludwig Ehrhard, Ordnungspolitiker …” (“Welt”, Bildtext, 19.2.2005)
“… der Ludwig-Ehrhard-Stiftung …” (“Welt am Sonntag”, 22.7.2001)
“… Ludwig Ehrhard wusste …” (“Welt am Sonntag”, 17.6.2001)
Ein BILDblog-Leser schilderte uns vorgestern folgendes Erlebnis:
Am heutigen Montag, dem 4. August, hatte ich einen handgeschriebenen Zettel im Briefkasten auf dem stand “Lieber , bitte ruf mich an Jörg Bergmann” und eine Handynummer (siehe Ausriss). Mein Vater hatte den Zettel gefunden, und weil ich keinen Jörg Bergmann kenne, rief mein Vater die Handy-Nummer an. Er gab sich zunächst als ich aus, reichte das Telefon aber kurz darauf an mich weiter. Der Mann am anderen Ende erklärte kurz, er sei Journalist, und sagte, es ginge um einen gewissen Stefan B. und ob ich mit ihm befreundet sei. Auf meine Frage, für welche Zeitung er denn arbeitet, antwortete der Mann zunächst nur, er sei freier Journalist. Aber ich wollte es genauer wissen und bekam etwas zögerlich zur Antwort: “Konkret für die ‘B.Z.’ und ‘Bild’.”
Ich gab dem Mann deutlich zu verstehen, dass er nichts von mir erfahren wird, und dass er keine Zitate von mir veröffentlichen darf. Daraufhin sagte der Mann, dass das dann so am nächsten Tag in der Zeitung stehen würde. Mir kam das ein wenig wie eine Drohung vor. Ich sagte dem Mann, dass ich auf keinen Fall Bestandteil der Berichterstattung werden möchte und dass er nicht mehr anrufen soll. Damit war das Gespräch beendet und ich kontaktierte noch einige Leute, die Stefan B. auch kannten, und riet ihnen, nicht mit Journalisten über Stefan B. zu reden. Zum Wohle Stefans, seiner Eltern und ihrem eigenen.
Soweit die Schilderung unseres Lesers.
Gestern fand sich dann folgende Meldung in der “Bild”-Zeitung:
Abiturient Stefan B. (20) ist im grünen Skoda seiner Eltern unterwegs. Er ist mit der Schule fertig, wartet auf einen Studienplatz. Medizin oder Psychologie will der Musterschüler (Abischnitt 1,6) vom -Gymnasium in studieren. Doch dann rast der junge Mann gegen einen Straßenbaum. (…)
Bergmann in “Bild”:
“Sex-Unfall: Foto-Model (20) tot nach Fessel-Spielen” (31.7.2008)
“Anna (11) in diesem Keller vergewaltigt – Straßenmusiker festgenommen” (23.7.2008)
“Ihr Herz schlägt jetzt in der Brust eines 7-Jährigen: Michelle (15) totgerast” (16.2.2008)
“Mädchen (6) auf Schulweg vergewaltigt – Polizei jagt Mann mit weißen Schuhen” (31.1.2008)
“Liebes-Terror! Anna (13) schickte Prügel-Bande zu ihrem Ex” (29.1.2008)
Es ist keine besonders große Geschichte. Vielleicht gab es nichts übermäßig Aufregendes oder gar Skandalöses über Stefan B. zu berichten. Vielleicht hatte Bergmann bei anderen Mitschülern von Stefan B. genauso wenig Glück wie bei unserem Leser. Vielleicht gab es aber auch Wichtigeres.
Anscheinend hat Bergmann aber immerhin ein Foto des tödlich Verunglückten auftreiben können, wie sich aus einem Foto-Nachweis ergibt. Es ist ein wenig unscharf, und Bergmann könnte es aus einem Internet-Angebot wie StudiVZ oder SchülerVZ haben. Das sind bekanntlichbeliebte und ergiebige Quellen für “Bild”-Mitarbeiter auf der Suche nach privaten Fotos von Unfall-Opfern. Und bei StudiVZ beispielsweise gibt es tatsächlich diverse Abi-Fotos des Abschlussjahrgangs von Stefan B.
Allerdings ist der junge Mann auf dem “Bild”-Foto, das einen kleinen Ausschnitt eines Gruppenfotos vom Abi-Ball zeigt, nicht der tödlich verunglückte Abiturient Stefan B. Es ist nur ein junger Mann aus demselben Jahrgang. Stefan B. war nach unseren Informationen überhaupt nicht anwesend, als das Foto entstand.
P.S.: Interessanterweise steht nirgends in der “Bild”-Meldung explizit, dass das Foto Stefan B. zeigt. Wir hoffen, das liegt nicht daran, dass man bei der “Bild”-Zeitung wusste, dass das Foto nicht Stefan B. zeigt.
Nachtrag, 18.44 Uhr: Jörg Bergmann teilt uns auf Anfrage mit, er habe das Foto nicht aus dem Internet, sondern aus dem Umfeld von Stefan B. bekommen. Den Umständen nach habe er keine Zweifel gehabt, dass Stefan B. darauf zu sehen sei. Sonst fände er das sehr schlimm.
Nachtrag, 7.8.2008: “Bild” veröffentlicht heute diese Gegendarstellung:
Selbst wenn man sie Tag für Tag liest, die ganzen unrecherchierten, unredigierten Artikel auf Bild.de, deren Fehler wir in der Masse längst aufgehört haben zu korrigieren — manchmal ist es trotzdem schockierend zu sehen, welche Gleichgültigkeit und Verachtung die Redaktion Tatsachen entgegenbringt. Wie sie nicht einmal das Minimum an Arbeit und Sorgfalt investiert, um bei Artikeln, die sie nur aus anderen Boulevardzeitungen abschreibt oder übersetzt, den Originaltext wenigstens im Kern verstanden zu haben.
Vielleicht ist es auch so, dass Bild.de-Mitarbeiter in diesen Fällen in einer Art redaktionsinternem Memory-Spiel die jeweilige Quelle nur eine Minute gezeigt bekommen und dann mit verbundenen Augen aufschreiben müssen, was sie behalten haben.
Jedenfalls glaubt Bild.de, diese Neuigkeiten über den Fall Maddie aus der britischen Zeitung “Daily Mail” übernommen zu haben:
Aber das Foto, das Bild.de zeigt, ist nicht von der Polizei geheim gehalten worden. Es ist nicht in einem “Supermarkt in Holland” aufgenommen worden. Es wurde auch nicht “nur Stunden nach dem Verschwinden von Madeleine McCann (5) aus der Ferienanlage in Portugal in einem Amsterdamer Geschäft gefilmt”. Und das behauptet auch nicht die “Daily Mail”.
Das Foto, das Bild.de zeigt, ist einen halben Tag nach Maddies Verschwinden in einer Tankstelle in Portugal aufgenommen worden. Es ist ihren Eltern noch am selben Tag gezeigt worden, die sofort ausschlossen, dass es sich um ihre Tochter handele. So berichtet es die “Daily Mail”.
Die “Daily Mail” berichtet in ihrem Artikel auch davon, dass einige Tage später ein Mädchen in einem Geschäft mit Partyartikeln in Amsterdam gesehen worden sei, bei dem es sich um Maddie gehandelt haben könnte. Davon gibt es aber keine Videoaufnahmen oder Fotos. Der “Daily Mail”-Artikel ist also ein Artikel über mehrere Vorfälle.
Die gedruckte “Bild”…
hat es übrigens geschafft, das Foto dem richtigen Land, Zeitpunkt und Vorfall zuzuordnen, fügt aber hinzu: “War es Maddie?” — eine Frage, die die Eltern laut “Daily Mail” längst mit Nein beantwortet haben.
Das ist schon zuviel für die Aufmerksamkeitsspanne der Bild.de-Mitarbeiter. Sie haben die Fakten der beiden Fälle so gründlich durcheinander gewürfelt, dass im Ergebnis nichts mehr stimmt. Sie sind schon an der Aufgabe gescheitert, auf der Grundlage eines Artikels einen eigenen Artikel zu schreiben.
Ein “FLUCH” liegt auf dem Batman-Film, glaubt “Bild”, weil es — spätestens seit dem Autounfall des Schauspielers Morgan Freeman am vergangenen Sonntag — eine “unheimliche Häufung von Unglücksfällen in der Crew des neuen ‘Batman’-Films ‘The Dark Knight'” gebe.
“Erschossen”? Wickliffe kam ums Leben, als er im September vergangenen Jahres am Set mit einem Auto in einen Baum fuhr.
Last September special effects technician CONWAY WICKLIFFE, 41, was killed during shooting of a truck stunt near Chertsey, in Surrey.
So gesehen ist es ein Wunder, dass bei den ganzen Schießereien, zu denen es bei der Produktion von Filmen im Englischen regelmäßig kommt, nicht viel mehr passiert.
Mit Dank an Niklas V., Malte L., Jens K., Mutlu Y., Michael M., Jonas G., Robin D., Konstantin, Sven, Axel L., Eugen, Sebastian F. und Tobias R.!
Der Vergleich hinkt, aber stellen Sie sich vor, es ist Bundestagswahl —
und der Wahlzettel sähe ungefähr so aus:
Entscheidungshilfe:
“Gratis in der 1. Klasse war Ver.di-Chef Frank Bsirske Anfang Juli mit seiner Frau in den Südsee-Urlaub geflogen.
Und das ausgerechnet mit der Fluglinie, die seine Gewerkschaft massiv bestreikte. Während die Ver.di-Mitglieder für höhere Löhne kämpften, nutzte Bsirske als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Lufthansa Gratis-Flüge des Unternehmens.
Politiker sind empört. (…)”
Denn als Bild.de am Samstag die “Bild”-Kampagne gegen Ver.di-Chef Frank Bsirske mit einem Bericht über die “Riesen-Wut über Gratis-Flug” fortsetzte (siehe Kasten), fand sich am Ende folgende Abstimmung:
Gratis 1. Klasse in die Südsee – muss Gewerkschaftsboss Bsirske zurücktreten?
Ja, das ist eine Frechheit
Nein, an dem Urlaubsflug ist nichts zu beanstanden
Und Sie kommen nicht drauf, wie die Bild.de-Leser (die sich nicht zu doof für sowas sind) abgestimmt haben! Brauchen Sie aber auch gar nicht. Bild.de fand das in keiner Weise repräsentative Resultat der 15.921 Stimmabgaben selbst bemerkenswert genug, um es als eigene Nachricht zu verbreiten:
Unverständnis in Deutschland! Bei BILD.de forderten 83 Prozent der Leser Bsirskes Rücktritt. Nur 17 Prozent fanden in unserer Abstimmung, dass es an dem Gratis-Flug nichts zu beanstanden gebe.
Mehr über die politischen Hintergründe der “Bild”-Kampagne bei der “taz” und in einem NDRinfo-Kommentar.
Nachdem die “Bild am Sonntag” in der vergangenen Woche mit einer Geschichte über Radovan Karadzic aufgemacht hat, die sich als ziemlich falsch herausstellte (wir berichteten) …
Unser Vorwurf, Pajdak habe eigene Nachfragen nur vorgetäuscht, war wohl unberechtigt. Mehr dazu hier.
Weil Bild.de-Autorin Karolina Pajdak mit frappierender Ahnungslosigkeit über eine Studie über die sich verändernden Blauwalgesänge berichtete, schrieben wir gestern:
Der Bild.de-Artikel behauptet, dass Bild.de selbst mit einer Autorin der Studie gesprochen habe. Das erscheint unwahrscheinlich, aber schlimmer wäre es eigentlich noch, wenn es stimmte.
So gesehen, sind wir froh, heute melden zu können: Es stimmte nicht.
Sarah Mesnick vom Center for Marine Biodiversity and Conservation in San Diego teilt uns mit, nicht mit “Bild” oder Bild.de gesprochen zu haben. Es habe zwar eine Anfrage per E-Mail gegeben, und sie habe zugesagt, Fragen zu beantworten — daraufhin habe sich aber niemand mehr bei ihr gemeldet.
Bild.de hatte einen Artikel aus der “New York Times” über die Arbeit von Mesnick und ihren Kollegen fundamental missverstanden. Bild.de gab aber nicht nur die “New York Times”, sondern auch Mesnick direkt als Quelle an:
Nach unserem Eintrag gestern änderte Bild.de den eigenen Artikel grundlegend und überraschte mit einem neuen Zitat Mesnicks, das der bisherigen Bild.de-Darstellung komplett widersprach:
Diese Äußerung der Wissenschaftlerin “zu BILD.de” findet sich verblüffenderweise ganz ähnlich im Artikel der “New York Times”. Oder auch nicht verblüffenderweise, denn mit Bild.de hat sie ja nach eigenen Angaben nicht gesprochen.
Wir müssen uns korrigieren. Ursprünglich hatten wir an dieser Stelle behauptet, Bild.de-Autorin Karolina Pajdak habe, anders als sie in einem Bild.de-Artikel schreibt, nicht mit der Wissenschaftlerin Sarah Mesnick gesprochen. Das hatte uns Mesnick auf Anfrage mitgeteilt.
Uns war aber nicht klar, dass Mesnick das in einem sehr wörtlichen Sinne meinte. Sie hat zwar nicht mit Pajdak und Bild.de gesprochen — aber Fragen offenbar per E-Mail beantwortet, wie sie nach Veröffentlichung unseres Eintrages klarstellte.
Unser Vorwurf, Pajdak habe eigene Nachfragen nur vorgetäuscht, war also wohl unberechtigt. Wir bitten Frau Pajdak und unsere Leser um Entschuldigung!
Die 2005 verbindlich eingeführte “Schlechtschreibreform” hat den Schülern das Leben nicht leichter gemacht, sondern schwerer!
“Schlechtschreibreform” hatte “Bild” die Rechtschreibreform zwischen 2004 und 2006 genannt — also in dem Zeitraum, in dem sie die Änderungen, die sie 1997 begrüßt und 1998 selbst übernommen hatte, massiv und vergeblich bekämpfte und zeitweise sogar zur alten Rechtschreibung zurückkehrte.
Doch so ein Kulturkampf hinterlässt Spuren. Und wenn wegen einer solchen Reform nun die Schüler tatsächlich mehr Fehler machen als vorher, war sie sicher mehr schlecht als recht.
“Bild”-Redakteur Hans-Jörg Vehlewald bezieht sich auf die Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS), die er immerhin zu Recht “reformkritisch” nennt, und schreibt:
Die Fehlerquote in Aufsätzen und Diktaten hat sich teilweise massiv erhöht. So stieg die Zahl falsch geschriebener Wörter in Aufsätzen (4. Klasse) um 80 %, in Diktaten der Unterstufe (Gymnasium) um 110 %, in Abituraufsätzen sogar um 120 % im Vergleich zu früheren Jahrgängen.
Die Fehlerzahl bei s-Lauten habe sich etwa verdoppelt, so die Auswertung vorliegender Studien. Bei Groß- und Kleinschreibung sei die Fehlerquote gar um 176 % angestiegen.
Das sind große Prozentzahlen — eindrucksvoll und ohne jede Aussagekraft, wenn man nicht dazu schreibt, worauf sie sich beziehen. Der Preis der “Bild”-Zeitung zum Beispiel ist um 566 Prozent gestiegen! (Verglichen mit 1965.) Was “Bild” nur als “frühere Jahrgänge” verbrämt, ist in Wahrheit entscheidend: Bei den Diktaten der Unterstufe handelt es sich konkret um die Jahre 1970/1972. Und um festzustellen, dass die Zahl falsch geschriebener Wörter in Abituraufsätzen “sogar um 120 %” gestiegen ist, hat die “Studie” deutsche Zahlen von 2000-2002 mit Schweizer Zahlen von 1962-1978 verglichen.
Der Linguist Anatol Stefanowitsch weist im FDS-kritischen Bremer Sprachblog darauf hin, dass es in den siebziger Jahren radikale Reformen im Deutschunterricht gab, die einen “drastischeren Einschnitt” in die Ausbildung von Schülern darstellte als die sogenannte Rechtschreibreform, und urteilt:
Es gibt deshalb keinen Grund anzunehmen, dass die Unterschiede bei den Fehlerquoten in Schülerdiktaten von damals und heute irgendetwas mit der Rechtschreibreform zu tun haben. Genausogut könnte man die Unterschiede auf die Ölkrise 1973, den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980, den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1990 oder Roman Herzogs “Ruck”-Rede 1997 zurückführen.
Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache selbst hat sich alle Mühe gegeben, diese Lücken in ihrer Argumentation zu verschleiern. Aber sowohl aus der am Montag veröffentlichten Kurzfassung der Studien, die offenbar die Grundlage für den “Bild”-Artikel ist, als auch aus einem Vortragsmanuskript ihres Autors Uwe Grund [pdf] hätte “Bild”-Redakteur Vehlewald erkennen können, dass seine Aussage “Wegen Rechtschreibreform machen Schüler mehr Fehler” nicht gedeckt ist.