1. Wissenschaft meets BILD (inkladde.blog, Nicola Wessinghage)
Vergangenen Freitag haben sich der neue “Bild”-Chef Johannes Boie sowie einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu einem “Dialog zur Rolle des Boulevardjournalismus in Zeiten der Pandemie” getroffen. Die Diskussion sei erstaunlich zahm gewesen, findet Nicola Wessinghage und fragt sich: “Wie kann eine Zusammenarbeit überhaupt denkbar sein, wenn BILD bleibt, was BILD ist? Und wie eng sollten Wissenschaft und Medien überhaupt ‘kooperieren’?”
2. Gnade, bitte: Wir verklagen Bundespräsident (fragdenstaat.de, Arne Semsrott)
Ähnlich wie in den USA hat der deutsche Bundespräsident das Recht, Menschen zu begnadigen. Doch in welchen Fällen das geschehe, halte das Bundespräsidialamt geheim. Dagegen hat “FragDenStaat” nun Klage eingereicht. Der Inititator der Klage und Projektleiter Arne Semsrott kommentiert: “Das Begnadigungsrecht ist eigentlich ein Überbleibsel aus vordemokratischen Zeiten, in denen Herrscher Entscheidungen der Justiz einkassieren konnten. Dass der Bundespräsident überhaupt Entscheidungen der Bundesgerichte faktisch außer Kraft setzen kann, hat in einem Rechtsstaat eigentlich nichts verloren, schon gar nicht, wenn dies intransparent geschieht.”
3. “Die Knappheit erhöht den Preis” (taz.de, Anna Meyer-Oldenburg)
Zeitungsverlage habe es eh schon schwer, ihre gedruckten Inhalte an den Mann und die Frau zu bringen. Zu den systemischen Schwierigkeiten kommt aktuell eine weitere hinzu: ein volatiler und unsicherer Papierpreis. Was bedeutet das für die Zukunft von Printzeitungen? “taz”-Geschäftsführer Andreas Bull setzt aufs Digitale: “Wenn alles digital läuft, zahlt die Kundschaft für die Inhalte und nicht für das Papier, auf dem diese stehen. So kommt am Ende auch mehr bei den Redaktionen an.”
4. Zwei Jahre Corona: Jeden Tag 10 Stunden am Bildschirm (medienpolitik.net, Helmut Hartung)
Die Corona-Pandemie habe nach Erkenntnissen einer repräsentativen Befragung dazu geführt, dass die durchschnittliche Bildschirmzeit derzeit zehn Stunden pro Tag, also 70 Stunden in der Woche betrage. Dieser Wert sei seit Beginn der Pandemie vor zwei Jahren von damals acht um zwei Stunden pro Tag gewachsen.
5. Diversität: MDR startet “50:50-Challenge” nach BBC-Vorbild (dwdl.de, Alexander Krei)
Der MDR ermuntert seine Redaktionen, sich an der sogenannten 50:50-Challenge zu beteiligen, um ein ausgeglichenes Verhältnis von Frauen und Männern in den Programminhalten zu erreichen. Die BBC habe eine solche Challenge bereits vor fünf Jahren eingeführt, was für mehr Frauen im Programm gesorgt habe.
6. FR gibt AfD Podium gegen Impfpflicht? (verdi.de, Günter Herkel)
Auf einer ganzen Seite und unter der Überschrift “Werden Grundrechte künftig dauerhaft vom Impfstatus abhängig gemacht?” warb die AfD in der “Frankfurter Rundschau” gegen die Corona-Impfpflicht. Die Verlagsverantwortlichen verteidigten die Schaltung der Anzeige zunächst als “Teil der geltenden Meinungsfreiheit”, ruderten dann jedoch zurück: Geschäftsführer Max Rempel bat um Entschuldigung und versprach, “dass es künftig keine Anzeigen der AfD mehr in der Frankfurter Rundschau geben wird”.
1. ARD abschalten? Warum die CDU-Forderung aus Sachsen-Anhalt reiner Populismus ist (rnd.de, Imre Grimm)
Die CDU in Sachsen-Anhalt hat für ihre Forderung, das ARD-Hauptprogramm “Das Erste” abzuschaffen, viel Aufmerksamkeit bekommen. Natürlich stehe es jedem frei, über eine Reform der Öffentlich-Rechtlichen zu debattieren, so Imre Grimm, die sachsen-anhaltinische CDU agiere jedoch populistisch und spiele mit den Grundfesten der Meinungsfreiheit: “Gewiss ist nicht jeder radikale Kritiker von ARD und ZDF ein rechtstendenziöser Populist. Dass sich aber auch die CDU klar AfD-Positionen zu eigen macht und dabei auch noch Einfluss auf die Inhalte der Sender nehmen möchte, ist ein Tabubruch, den der designierte CDU-Chef Friedrich Merz schnellstens einhegen muss.”
2. Was tun gegen die App der Corona-Leugner:Innen (belltower.news, Simone Rafael)
Die Diskussion über Telegram ist in vollem Gange. Der Dienst ist nicht nur Messenger, sondern durch seine Gruppenfunktion eine Art Soziales Netzwerk, in dem Hass und Hetze gedeihen. Was tun? Die App verbieten oder sie mit Anfragen bombardieren, wie das Bundeskriminalamt es vorschlägt? Simone Rafael, Leiterin des Digitalteams der Amadeu Antonio Stiftung, antwortet auf diese und die damit im Zusammenhang stehenden Fragen.
3. Wer berichtet noch aus dem Landtag? (flurfunk-dresden.de, Christine Keilholz)
“Die Landespolitik hat als journalistischer Centercourt abgedankt. Das hat auch zu tun mit einem Wandel in der Presselandschaft.” Christine Keilholz beschreibt am Beispiel Sachsens, wie schwer es regionaler Parlamentsjournalismus und landespolitische Berichterstattung heutzutage haben.
4. Aufmärsche sind keine Spaziergänge! (migazin.de, Clara Herdeanu)
“Haben Sie in den letzten Tagen eine Einladung zu einem Spaziergang ausgesprochen – und dann schnell erschrocken eine Erklärung hinterhergeschickt, dass Sie kein Querdenker seien und nicht der Meinung seien, wir lebten in einer Diktatur. Willkommen im aktuellen Corona-Diskurs!” Die Linguistin Clara Herdeanu erklärt aus sprachwissenschaftlicher Sicht, warum bestimmte Wörter ihre Unschuld verloren haben und andere banalisiert werden.
5. Auf wen kommt es noch an? (faz.net)
Vor etwa zwei Jahren hat die “FAZ” 30 seinerzeit vielversprechende Youtuberinnen und Youtuber vorgestellt. Nun verrät die Redaktion, wie es bei den jeweiligen Personen weitergegangen ist: “Wenn wir uns diese individuellen Biografien anschauen, erzählen diese nicht nur etwas über einzelne Personen, sondern zeigen uns auch die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre.”
6. Analyse-Hammer: Häufigste “Bild”-Phrase aufgedeckt (dwdl.de, Uwe Mantel)
Hammer, was Uwe Mantel da gelungen ist: In seinem Analyse-Hammer deckt er die meistbenutzte Hammer-Phrase der “Bild”-Redaktion auf. Es ist im wahrsten Sinne ein Hammer-Beitrag.
Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!
***
1. Christian Wulff – der Fall des Bundespräsidenten (ardaudiothek.de, Christopher Jähnert & Kilian Pfeffer, Podcast-Reihe mit sieben Folgen zwischen 17 und 31 Minuten)
Der Fall des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff gleicht einem Politkrimi: Anfangs von vielen Medien hochgejubelt, folgte der Sturz ins Bodenlose. Christopher Jähnert und Kilian Pfeffer haben die Geschichte in einem hörenswerten siebenteiligen Podcast aufgearbeitet, in dem sie sich auch kritisch mit Medien, insbesondere der “Bild”-Zeitung, befassen. Auch der ehemalige “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann und Christian Wulff selbst äußern sich zu den Vorgängen.
2. Wie recherchiert man als Journalist in pädokriminellen Foren? (uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 42:09 Minuten)
Holger Klein hat mit Daniel Moßbrucker darüber gesprochen, wie man als Journalist in pädokriminellen Foren recherchiert. Aus gutem Grund ist dem Gespräch eine Warnung vorangestellt: “In diesem Gespräch zwischen Holger Klein und Daniel Moßbrucker wird sexuelle Gewalt gegen Kinder thematisiert. Einzelne Passagen können verstörend wirken. Weil Moßbrucker über Recherchen zu Foren mit pädosexuellen und pädokriminellen Inhalten spricht, ist dies unausweichlich.”
3. Viel reden, wenig sagen – Sind politische Interviews verzichtbar? (ardaudiothek.de, Christoph Sterz, Audio: 40:54 Minuten)
Es werden viele politische Interviews geführt und veröffentlicht, doch der Erkenntnisgewinn hält sich oft in Grenzen. Welche Rollen Journalistinnen und Journalisten einerseits und Politikerinnen und Politiker andererseits in diesen Gesprächen einnehmen, diskutieren Deutschlandfunk-Redakteur Thielko Grieß, die Medientrainerin Sabine Appelhagen, Christoph Sterz aus der Medienredaktion des Deutschlandfunks (Dlf) und Dlf-Hörer Christoph Diekmann, der sich nicht nur bessere und kritischere Fragen wünscht, sondern vor allem insgesamt weniger Interviews.
4. Olaf Scholz und die Medien: Viele Worte, wenig Inhalt (ndr.de, Daniel Bouhs, Video: 12:45 Minuten)
Olaf Scholz ist bekannt für seinen besonderen Umgang mit Medien und seine ausweichenden Antworten auf konkrete Fragen. Seit seiner Kanzlerschaft zeigt sich Scholz nahbarer, war bei Joko und Klaas zu Gast, hatte Auftritte bei “Bild TV” und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Daniel Bouhs fragt sich: “Hat Olaf Scholz etwa seine Medienstrategie geändert? Und was bedeutet das für uns Wählerinnen und Wähler?”
5. Kollegiales Streitgespräch über ein AfD-Interview (deutschlandfunk.de, Sören Brinkmann, Audio: 28:12 Minuten)
Nach einem Deutschlandfunk-Interview mit der AfD-Politikerin Beatrix von Storch gab es Kritik von Hörerinnen und Hörern. In einem “kollegialen Streitgespräch” geht die Debatte weiter. Der wegen des Interviews kritisierte Tobias Armbrüster spricht mit Sina Fröhndrich aus der Dlf-Redaktion Meinung & Diskurs sowie mit Stephan Beuting und Sören Brinkmann aus der Medienredaktion über Interviewstrategien und gute Interviewführung.
6. Exposed: Wie Influencer sich an SHEIN verkaufen (youtube.com, Simplicissimus, Audio: 12:05 Minuten)
“Shein ist derzeit der vielleicht schlimmste Modekonzern der Welt. Wie ist er so groß geworden und welche Rolle spielen Influencer dabei?” Das Team von “Simplicissimus” hat einen passenden Vergleich parat: “Shein ist das Polyester-Benzin für TikTok-Modecontent.” Ein interessanter Bericht über eine verstörende Parallelwelt voller Wegwerfklamotten.
1. Die Abschreckung (zeit.de, Meike Laaff)
Viele hatten es befürchtet, jetzt ist es bittere Realität: Der Londoner High Court hat entschieden, dass Wikileaks-Gründer Julian Assange nun doch in die USA ausgeliefert werden könne. Das Urteil sei “ein schlechtes Signal für die Pressefreiheit und für die Fähigkeit westlicher Demokratien, mit Whistleblowing umzugehen”, kommentiert Meike Laaf bei “Zeit Online”: “Assanges Fall taugt längst schon zur Abschreckung: Je härter er bestraft wird, desto größer ist künftig das Risiko für Quellen und Journalisten, wenn sie versuchen, Missstände aufzudecken.”
Weiterer Lesehinweis: Assange soll Schlaganfall erlitten haben (tagesschau.de).
2. Die “Skandal-Macher”: Corona und die Berichterstattung der BILD (wdr.de, Andreas Maus & Luisa Meyer, Video: 7:03 Minuten)
“Seit Monaten stellt BILD Politiker oder Wissenschaftler, die vor Corona warnen, an den Pranger und raunt von einem autoritären Staat. Wen wundert es da noch, wenn solche Schlagzeilen auch Wirkung entfalten.” Andreas Maus und Luisa Meyer zeigen, wie Deutschlands reichweitenstärkstes Medium zur Radikalisierung der Corona-Leugner-Szene beiträgt.
3. Achtung, fragile Männlichkeit (taz.de, Anne Fromm)
In der “Zeit” hatte der ehemalige “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt jüngst die Gelegenheit, in einem Interview seine Version seines Rauswurfs lang und breit unter die Menschen zu bringen. “taz”-Redakteurin Anne Fromm erklärt, warum aus ihrer Sicht das “Zeit”-Gespräch wenig geeignet sei, Klarheit zu schaffen, und sogar Risiken berge: “Ein Interview ist die am besten kontrollierbare Form für den Interviewten – kritischen Fragen kann man ausweichen, Fakten widersprechen und die eigenen Aussagen vor der Veröffentlichung weichspülen. Viele Medien interviewen deshalb AfD-Politiker*innen nicht mehr direkt, auch die Bild macht das übrigens nicht mehr. Sie berichten und recherchieren über die AfD, drucken ihre Statements, aber keine Interviews mit AfD-Politiker*innen. Weil Aussagen, vor allem gedruckte, schwer zu kontrollieren sind.”
4. “Gesichert extremistisch” (tagesschau.de, Michael Götschenberg)
Der Verfassungsschutz bewertet das als Sprachrohr der “Neuen Rechten” geltende “Compact”-Magazin nicht mehr als Verdachtsfall, sondern als gesichert extremistisch. Auf eine Anfrage des ARD-Hauptstadtstudios habe das Bundesamt für Verfassungsschutz mitgeteilt: “Die Compact-Magazin GmbH trägt Positionen und Aussagen in die Öffentlichkeit, die eindeutig als völkisch-nationalistisch sowie minderheitenfeindlich zu bewerten sind. Die Äußerungen enthalten wiederholt antisemitische Verschwörungsmythen und islamfeindliche Motive. Zudem sind sie durch eine Verächtlichmachung und Verunglimpfung der politischen Parteien, Politiker und Repräsentanten der Bundesrepublik gekennzeichnet.”
5. #trending: The End (meedia.de, Jens Schröder)
Nach 1.000 Ausgaben beendet Jens Schröder seinen “#trending”-Newsletter, in dem er stets lesenswerte Social-Media-Analysen präsentierte. In seinem Abschiedstext äußert sich Schröder zu den Gründen und spricht ein schwieriges Dilemma an: “Ich habe mich in vielen Phasen politischer Aufregerwellen und seit 2020 in vielen Phasen von Corona-Wellen immer wieder gefragt, ob ich dieses Missverhältnis zwischen lauter Minderheit und leiser Mehrheit durch meine Betrachtungen nicht verstärke. Die viel beschworene ‘Spaltung’ der Gesellschaft sehe ich nämlich nicht. Allenfalls einen kleinen Spalt am Rande der Gesellschaft. (…) Auf der anderen Seite gehört es eben auch zum Journalismus, diese Tendenzen in den sozialen Netzwerken zu beobachten – und sie einzuordnen.”
6. Welche Partei hat in punkto DSGVO die beste Webseite? (blog.wdr.de, Jörg Schieb)
“Wie gut halten deutschen Parteien im Bundestag geltende Datenschutzregeln auf ihren Webseiten ein?” Dieser Frage ist der Datenschutzexperte Klaus Meffert nachgegangen, der sich in seinem Blog “Dr. DSGVO” nennt. Jörg Schieb kommentiert die Ergebnisse von Mefferts Untersuchung: “Auf den Webseiten von Bundesparteien darf man zu Recht erwarten, dass die quasi selbst gemachten Regeln eingehalten werden. Genau das scheint aber nicht der Fall zu sein.”
1. AfD nicht mehr im MDR-Rundfunkrat (deutschlandfunk.de, Alexander Moritz)
Die AfD sehe sich als Opfer einer “Intrige”, die anderen Parteien sprächen von einer Stärkung der Opposition: Am Freitag hat der sächsische Landtag drei Mitglieder des neuen MDR-Rundfunkrats gewählt. Entsandt werden je ein Abgeordneter der Regierungsparteien CDU und SPD sowie eine Vertreterin der Linken. Die AfD als zahlenmäßig größte Oppositionskraft ging leer aus und wittert finstere Absichten – man prüfe eine Klage.
2. Warum wir unser Corona-Dashboard überarbeitet haben (blog.zeit.de, Christian Endt)
“Zeit Online” bietet bereits seit Längerem eine umfangreiche Coronavirus-Karte für Deutschland mit vielen Zusatzinformationen an, die auf den Daten von 400 Kreisen basiert und täglich aktualisiert wird. Nun haben die Macherinnen und Macher des komplexen Datenwerks einige Änderungen vorgenommen und unter anderem einen neuen Wert hinzugefügt: die Hospitalisierungsinzidenz. In einem Blogbeitrag erklärt “Senior Data Analyst” Christian Endt, welche Änderungen sonst noch vorgenommen wurden, und schreibt über die Beweggründe dahinter.
3. Geschlechtsspezifische Gewalt im TV: Betroffene kommen selten zu Wort (dwdl.de, Timo Niemeier)
Eine Studie der Hochschule Wismar und der Universität Rostock, initiiert und gefördert durch die MaLisa Stiftung sowie die UFA, (PDF), hat die Darstellung von geschlechtsspezifischer Gewalt im deutschen Fernsehen untersucht. In 34 Prozent der betrachteten Sendungen habe es diese Form von Gewalt gegeben, dabei handele es sich vor allem um schwere Gewalt gegen Frauen und Kinder. Studienleiterin Christine Linke kommentiert: “Geschlechtsspezifische Gewalt ist vielfach im deutschen Fernsehen sichtbar, die Perspektive von Betroffenen steht aber nur selten im Zentrum. Besonders ernüchternd ist, dass Möglichkeiten der Prävention und Hilfsangebote kaum vermittelt werden. Die Studie zeigt klar: Es besteht Handlungsbedarf. Über geschlechtsspezifische Gewalt im deutschen Fernsehen müssen wir diskutieren.”
4. Transparenz gefordert (djv.de, Hendrik Zörner)
Nachdem bekannt geworden ist, dass Google mehreren großen Verlagen, darunter “Zeit” und “Spiegel”, Zahlungen in bislang unbekannter Höhe gemäß dem neuen Urheberrecht hat zukommen lassen, fordert der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) Transparenz: “Es ist das gute Recht der Autorinnen und Autoren”, so der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall, “dass sie die Summen kennen, an denen sie partizipieren.” Es sei befremdlich, dass es bisher kein Übereinkommen zwischen Google und der zuständigen Verwertungsgesellschaft Corint Media gebe. Corint fordere 420 Millionen Euro, Google halte diese Summe für überzogen.
5. Taliban verbieten Serien mit Frauen (taz.de)
In Afghanistan haben die regierenden, militant-islamistischen Taliban weitreichende Einschränkungen für Fernsehinhalte verhängt: TV-Sender sollen keine Filme oder Serien mehr zeigen dürfen, in denen Frauen eine Rolle spielen oder die der islamischen Scharia widersprechen, heiße es in einer Anweisung des Ministeriums “für die Förderung der Tugend und Verhütung des Lasters”, die am Sonntag an Fernsehsender ausgegeben worden sei.
6. Welche Talkshows lassen Publikum ins Studio? (tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Ein Sender, zwei Produktionen und offenbar zwei verschiedene Ansichten: Während das “ZDF Magazin Royale” mit Jan Böhmermann am vergangenen Freitag auf Publikum im Studio verzichtete, gab es bei der “heute show” mit Oliver Welke volle Zuschauerränge. Auch das Vorgehen der anderen Talk- und Show-Produktionen sei höchst uneinheitlich, so Markus Ehrenberg in seiner kleinen Bestandsaufnahme.
Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!
***
1. Auf der Spur des Geldes (arte.tv, Susanne Binninger & Britt Beyer, Video: 1:27:27 Stunden)
Die Regisseurinnen Susanne Binninger und Britt Beyer haben für Arte über Monate das Investigativteam von “Correctiv” begleitet. Ihr Film zeichnet die Wege von zwei Recherchen nach, die in letzter Zeit große Aufmerksamkeit bekamen: die internationalen Enthüllungen rund um den Cum-Ex-Steuerraub und der AfD-Spendenskandal, der ein immer größeres Ausmaß annehme.
2. Die letzten Reporter (ardmediathek.de, Jean Boué, Video: 1:33:33 Stunden)
Der Dokumentarfilm “Die letzten Reporter” begleitet drei Journalistinnen und Journalisten, die für Lokalzeitungen schreiben: eine Nachwuchsjournalistin, einen Gesellschaftsreporter und einen Sportberichterstatter. Der Film bietet interessante Einblicke in den Berufsalltag der drei Medienschaffenden, wurde aber auch kritisiert, unter anderem, weil er zu wenig hinterfrage.
3. Medien und Klima: Versagt?! (ndr.de, Daniel Bouhs, Video: 20:34 Minuten)
Der Klimawandel ist das Top-Thema unserer Zeit. Das spiegelt sich jedoch nicht in der medialen Berichterstattung wider. Daniel Bouhs hat sich mit Experten wie dem ARD-Meteorologen Karsten Schwanke über die Defizite in der Behandlung dieses wichtigen Themas unterhalten. Schwanke wünscht sich von seinem Haus mehr Unterstützung: “Es würde der ARD gut zu Gesicht stehen, eine Sendung zu kreieren, bei der das Wort ‘Klima’ wirklich im Titel steht – neben der Berichterstattung in allen anderen Formaten. Wir können auch nicht sozusagen die Ausputzer für die ARD sein, für das, was vielleicht noch nicht gemacht wird.”
4. Verbindend? – das Lesen (wdr.de, Jürgen Wiebicke, Audio: 55:53 Minuten)
“Das Lesen hat ein gutes Image. Es bringt die Persönlichkeit weiter und auch die Gesellschaft, so heißt es oft. Aber worüber genau reden wir eigentlich, wenn wir über das Lesen sprechen?” Darüber sprechen im “philosophischen Radio” der Hörfunk-Journalist und Schriftsteller Jürgen Wiebicke und die Philosophin Julika Griem.
5. Fakten, Folter, Fakenews: Interview mit einem globalen Wikipedia-Administrator (youtube.com, Niklas Steenfatt, Video: 1:59:54 Stunden)
Wer sind eigentlich die Menschen, die hinter der Wikipedia stecken? Youtuber Niklas Steenfatt hat mit einem von ihnen gesprochen: “Martin Rulsch ist eine der aktivsten und einflussreichsten Figuren in der Wikipedia-Szene. Unter dem Benutzernamen ‘DerHexer’ wirkt er seit 16 Jahren an Wikipedia und ihren Schwesterprojekten mit. Er schreibt Artikel, nimmt Fotos auf, organisiert Community-Projekte, programmiert Software-Tools und bekämpft Vandalismus.” Ein Gespräch, das tiefe Einblicke in das Online-Lexikon liefert. Tipp: In der Videobeschreibung auf Youtube gibt es Kapitelmarken (“Timestamps”), über die man die einen interessierenden Themen direkt anspringen kann.
6. Wie Kommunisten-Nazis in Deutschland Nordkorea-Propaganda machen (ernsthaft!) (youtube.com, Walulis Story – SWR3, Philipp Walulis, Video: 15:52 Minuten)
Das nordkoreanische Regime betreibt seit jeher einen großen Aufwand zur medialen Selbstinszenierung, seit Kurzem auch auf Social Media und in deutscher Sprache. Das Walulis-Team hat sich die Medienarbeit der Nordkoreaner angeschaut – wie immer mit der nötigen Portion satirischer Distanz.
Ende vergangener Woche konnte die “Bild”-Redaktion einen alten Bekannten präsentieren, ein “Schreckgespenst”, immer gut für große Aufregung und Blutdruckerhöhung bei den Leserinnen und Lesern:
Er war DAS Schreckgespenst der Griechenland-Krise, Frauenschwarm (polierte Glatze, muskulös, enge Hemden, dickes Motorrad) und Finanzminister der radikal-linken Syriza-Regierung auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise im Jahr 2015.
Gemeint ist: Yanis Varoufakis. Und der jagt den deutschen Steuerzahlern laut “Bild” gleich wieder einen Riesenschreck ein:
Buh!
Dieses Zitat, das Bild.de am Donnerstagabend auf der Startseite veröffentlichte, und die “Bild”-Zeitung in leicht abgeänderter Form …
… am Freitag im Blatt druckte, steht höchstens noch im losen Zusammenhang mit dem, was Varoufakis tatsächlich gesagt hat. Die linke Bewegung DiEM25, deren Gründer Varoufakis ist, hat auf ihrer Website die drei Fragen, die “Bild” geschickt hatte, und Varoufakis’ Antworten darauf in voller Länge veröffentlicht. Dort liest sich das alles etwas anders:
BILD: Will we ever get our money back?
Yanis Varoufakis: If you are one of the German or Greek oligarchs who benefitted immensely from the Greek state’s bailout, you have already received gargantuan returns – and you will receive even more in the future. Alas, if you a German or a Greek worker or middleclass person, you will be paying, and paying and paying…
(Hervorhebungen im Original, hier auch als deutsche Übersetzung lesbar.)
Anders als die “Bild”-Redaktion es darstellt, geht es Yanis Varoufakis offensichtlich nicht um einen vermeintlichen Konflikt zwischen den zahlenden Deutschen und den kassierenden Griechen, sondern, plakativ gesagt, um Oben gegen Unten – die deutschen oder griechischen Oligarchen, die Profiteure, auf der einen Seite und die deutschen oder griechischen Arbeiter und Mitglieder der Mittelschicht, die Zahlenden, auf der anderen.
Die Griechen, die laut Varoufakis ebenfalls “zahlen und zahlen und zahlen” werden, hat “Bild” einfach rausgestrichen. Das wörtliche Zitat, wie es auf der Bild.de-Startseite erschienen ist, ist eine Erfindung der “Bild”-Redaktion.
Im Text zitieren Peter Tiede und Liana Spyropoulou zwar etwas originalgetreuer, aber auch dort fehlten die zahlenden Griechen gänzlich:
Und heute?
Rechnet er knallhart ab und prophezeit den “deutschen Arbeitern und Mittelständlern” gegenüber BILD in Athen: “Sie werden leider zahlen und zahlen und zahlen …”
Profiteure der Krise: “Deutsche oder griechische Oligarche”, die laut Varoufakis “immens vom Rettungspaket des griechischen Staates profitiert haben” – und in Zukunft noch weiter profitieren werden.
Wir haben bei “Bild” nachgefragt, warum das Varoufakis-Zitat derart verfälscht wiedergegeben wird. Ein Sprecher antwortete uns:
Wir haben bei BILD nicht das vollständige Wortlautinterview mit Herrn Varoufakis veröffentlicht, sondern aus diesem insbesondere seine konkrete Antwort auf die Frage, ob wir (Deutsche) unser Geld wiederbekommen werden, in den Mittelpunkt des Beitrages gestellt.
Dabei wurde in der ursprünglichen Fassung des Artikels ein Zitat von Herrn Varoufakis nicht vollständig wiedergegeben. Er sprach nicht nur von deutschen Arbeitern und Mittelschichtlern, die “leider zahlen und zahlen und zahlen”, sondern von deutschen und griechischen. Wir haben dies inzwischen für unsere Leser transparent präzisiert.
Inzwischen befindet sich unter dem Bild.de-Artikel eine entsprechende “Anmerkung der Redaktion”. Die Überschrift lautet nun nicht mehr “‘Die Deutschen werden leider zahlen und zahlen und zahlen …'”, sondern “Deutsche Arbeiter werden ‘leider zahlen und zahlen und zahlen …'”. Und im Text steht jetzt:
Und heute?
Rechnet er knallhart ab und prophezeit: “Wenn Sie ein deutscher oder griechischer Arbeiter oder Mittelschichtler sind, werden Sie leider zahlen und zahlen und zahlen …”
Dass die “Bild”-Redaktion reagiert und transparent korrigiert, ist gut, dürfte aber herzlich wenig bringen. Zahlreiche Medien haben das falsche Varoufakis-Zitat längst abgeschrieben: n-tv.de, “Focus Online”, Merkur.de, das Mitglieder-Magazin der AfD, das Rechtsaußen-Verschwörungsblatt “Compact”. Und auch in den Sozialen Medien wurde der Bild.de-Artikel mit der falschen Überschrift kräftig rumgereicht, unter anderem vom Werteunion-Vorsitzenden Max Otte, von AfD-Politiker Stefan Wirtz und in der Facebook-Gruppe “Dr Hans-Georg Maaßen für Kanzler”.
Unser Buch ist überall erhältlich, zum Beispiel bei euren lokalen Buchhändlern, bei GeniaLokal, bei Amazon, bei Thalia, bei Hugendubel, bei buch7, bei Osiander oder bei Apple Books. Es ist auch als eBook und Hörbuch erschienen.
In unserem Buch “Ohne Rücksicht auf Verluste” schreiben wir in einem Kapitel über die Feindbilder, die “Bild” seit Jahrzehnten kreiert und bedient – von den 68er-Studenten über die Wölfe bis zu den Geflüchteten. Und es geht auch um die Griechen und deren früheren Finanzminister Yanis Varoufakis. Hier ein Auszug:
“EURE neue griechische Regierung ist dreist, unverschämt und tritt auf wie eine Horde von ungehobelten und manierlosen Pennern. Dieses Pack repräsentiert Griechenland, weil die Mehrheit Eures Volkes diese Leute gewählt hat !” So beginnt ein Brief, der im März 2015 ohne Absender, aber ordentlich frankiert mit 62 Cent, im Briefkasten eines griechischen Restaurants in Düsseldorf landet:
In der Sonne liegen ist doch viel bequemer, insbesondere wenn andere dafür aufkommen … So geht es nicht !! Wir werden, solange diese Regierung derart schäbig, insbesondere fleißige und sparsame Europäer und Deutsche verunglimpft und beleidigt, ganz sicher keine griechischen Waren mehr kaufen, sondern auch Euren Laden ab sofort nicht mehr betreten !! Verkauft doch Eure Waren besser nicht mehr an die “Scheißdeutschen”, sondern macht Euch auf zurück in Euer korruptes, stinkendfaules und total unfähiges Drecksgriechenland
Und als letzten, fett gedruckten Satz: “Griechenland NEIN DANKE !!!!!!!!!”
Als sie den Brief gelesen habe, sei sie geschockt und verängstigt gewesen, erzählt die Restaurantbetreiberin später “Spiegel Online”: Sie habe sich gefragt, was als Nächstes komme. Stehe bald jemand vor der Tür und bedrohe sie, wenn sie abends das Lokal verlasse?
In seinem Brief greift der anonyme Verfasser jene Vorwürfe auf, die von den “Bild”-Medien in den Wochen zuvor nahezu täglich wiederholt wurden. Am 26. Februar 2015 etwa druckt “Bild” das Wort “NEIN” – quer über die gesamte Breite der Seite 2 der Bundesausgabe.1 Darunter die Forderung oder vielmehr der Befehl: “Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen!” In einem Kommentar daneben schreibt Julian Reichelt, seinerzeit Chef von Bild.de, zu der Verlängerung der Finanzhilfen für Griechenland:
Was am Freitag im Deutschen Bundestag geschehen wird, mag man eigentlich keinem vernünftigen Menschen mehr erklären. Zusammengefasst: Wir überweisen weiter Milliarden nach Griechenland dafür, dass man uns ALLE bisher gebrochenen Versprechen (z. B. Kampf gegen Korruption und Steuerhinterziehung) NOCH MAL verspricht.
Wir kaufen Griechenland also im wahrsten Sinne des Wortes seine alten Reformlügen mit neuem Geld ab. Und das, obwohl inzwischen JEDER weiß, dass wir unser Geld niemals wiedersehen werden.
Sind wenigstens die griechischen Politiker, die uns ihr Versprechen geben, glaubwürdiger als ihre Vorgänger?
NEIN!
Dazu startet “Bild” eine “große Mitmach-Aktion”: Man solle die “NEIN”-Seite hochhalten, ein Selfie damit machen und an die Redaktion schicken. So könne und solle man zeigen, dass man “auch gegen weitere Milliarden-Hilfen für die Griechen” sei.
Solche Lesermobilisierungsaktionen setzt die “Bild”-Zeitung schon seit ihren frühen Jahren immer wieder ein, vor allem gegen ihre Gegner. “Durch Appelle an die Lesermeinung fordert die Redaktion politische Willensbekundungen ihrer Leser heraus, die – obwohl demokratisch verbrämt – bisweilen undemokratische Formen annehmen”, schreibt Peter Jordan 1970. So startet “Bild” etwa nach dem Mauerbau 1961 eine Leserbrief-Aktion gegen jene westdeutschen Theaterintendanten, die weiterhin Stücke des bekennenden Marxisten Bertolt Brecht spielten (“Millionen verfluchen diesen Mann”2). “Diese zur Volksabstimmung erhobene Aktion” sei “in wüste Beschimpfungen” ausgeartet, schreibt Jordan. “Bild” sei eben sehr bemüht gewesen, “die ohnehin bewegte deutsche Öffentlichkeit weiter aufzustacheln”.3
Um die bewegte deutsche Öffentlichkeit des Jahres 2015 aufzustacheln, beginnt “Bild” im Frühjahr damit, die Griechen – die währenddessen durch die Sparvorgaben massenhaft in die Armut getrieben werden – als “Raffke-Griechen” und “Griechen-Raffkes” zu bezeichnen. Damit wird der von “Bild” in den Jahren zuvor eifrig verwendete Begriff der “Pleite-Griechen” abgelöst, denn jetzt haben sie ja Geld: “unser Geld”! Die neu gewählte griechische Regierung nennt “Bild” “Radikalos-Regierung” oder “Griechos Radikalos”, aus Finanzminister Varoufakis machen sie wahlweise Finanzminister “Varoutricksis”, den “Krawall-Griechen” oder “Griechenlands Radikalo-Naked-Bike-Rider”. (Ein “Naked Bike” ist einfach ein Motorrad ohne Verkleidung, für “Bild” weckt es aber offenbar aufregend-düstere Assoziationen.) Der damalige Politik-Chef Béla Anda etwa schreibt in seinem “Politik-Briefng”:
Wie lederbejackte Rüpel-Rocker röhren Griechenlands Neo-Premier und sein Posterboy-Finanzminister seit ihrem mit platten Parolen erzielten Wahlsieg durch Brüssel. Ihr Gesetz ist die Straße. Hier sind sie (politisch) groß geworden. Hier ist ihre Hood. Deren Unterstützung wollen die Kawa-Naked-Biker (zumindest Varoufakis hat eine) nicht verlieren.
Vor allem auf Varoufakis, den neuen, linken Finanzminister, schießen sich die “Bild”-Medien ein. Sie engagieren beispielsweise eine Grafologin, die seine Handschrift untersucht und darin “Pathos und Geltungsbedürfnis” feststellt; die Schrift wirke “selbstgefällig” und gehe merkwürdigerweise im “Schlusszug wieder scharf nach links”, das wirke, “als würde er sich selbst wieder durchstreichen, als würde er unbewusst das zuerst Gesagte wieder zurücknehmen”.
Wenig später ist “Bild” maßgeblich an einer bizarren Mittelfinger-Diskussion beteiligt, die sich tagelang hinzieht und weltweit für verwundertes Kopfschütteln sorgt. Im Kern geht es um ein Video, in dem Varoufakis, wie “Bild” entrüstet schreibt, “uns den Mittelfinger” zeige. Tatsächlich muss man die Geste im Kontext sehen: Das Video ist mehrere Jahre alt, Varoufakis zu dieser Zeit noch gar kein Minister und die Geste zur Illustration eines hypothetischen Szenarios gedacht, in dem Varoufakis den deutschen Banken den Finger gezeigt hätte. Eine ebenso komplizierte wie belanglose Geschichte, die in den “Bild”-Medien auf die Nachricht reduziert wird, Varoufakis habe den Mittelfinger “gen Deutschland” gereckt:
Keine Krawatte, der Kragen seines Sakkos hochgestellt, Hände in den Hosentaschen: So zeigen die meisten Fotos Yanis Varoufakis. […] Mit einer drastischen Geste – dem gestreckten Mittelfinger – zeigte er in der Vergangenheit auf Deutschland!
Die Diffamierungskampagne – die bis heute immer mal wieder aufflammt – beschränkt sich aber nicht bloß auf die Politiker Griechenlands, sondern trifft immer wieder auch die Griechen als gesamtes Volk. Seit Beginn der “Pleite-Griechen”-Berichterstattung werden “Bild”-Attacken häufig so formuliert, dass sie sich auf alle Griechen beziehen: “So verbrennen die Griechen die schönen Euros!”4“Wer soll den Griechen noch glauben?”“Keine Gnade mit den Griechen!” Michalis Pantelouris, Journalist und Sohn eines Griechen, schreibt schon 2010:
Es wird das Bild gemalt von einer Nation, die in fauler Gier anstatt zu arbeiten lieber die EU ausgenommen hat und jetzt überversorgt und fett am Strand liegt, während in Deutschland hart gearbeitet wird, um ihnen das Geld hinterher zu werfen. Natürlich braucht man keinen Nobelpreis, um zu erkennen, dass es so nicht stimmt. Man braucht gerade mal ein Gehirn.
Aber auch: ein Mindestmaß an Informationen, um sich ein realistisches Bild machen zu können. Doch wie bei den Studenten der 68er, den Wölfen und anderen Feinden ersetzt “Bild” bei den Griechen Fakten durch Gefühle. In einer Untersuchung der Griechenland-Berichterstattung deutscher Medien kommt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in der Hans-Böckler-Stiftung 2016 zu dem Ergebnis:
“Bild” berichtete in 81,6 Prozent der Artikel und damit am stärksten negativ über die griechische Regierung, setzte am intensivsten auf Negativismus, war im geringsten Umfang ausgleichend zwischen verschiedenen Positionen, setzte gezielt Akteure mit negativen Positionen gegenüber der Regierung Griechenlands als Zitatgeber ein und stimmte dann in Artikeln am stärksten mit diesen überein. Die Reformagenda wurde zudem bei der Boulevardzeitung “Bild” im geringsten Umfang thematisiert. Es wurde sich nur auf sehr wenige Reformziele konzentriert, wie z. B. die Einführung einer Großvermögenssteuer, die Reform des Rentensystems oder eine Mehrwertsteuerreform. 73 spezifische Reformen wurden hingegen komplett ausgelassen, soviel wie bei keinem anderen Medium.
Ende Februar 2015 ist die Berichterstattung auch im Bundestag ein Thema. Axel Schäfer, damals stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion, hält die (von ihm durchgestrichene) “NEIN”-Seite aus der “Bild”-Zeitung zu Beginn seiner Rede hoch und sagt unter Applaus:
Wir sind hier sicherlich in einer Reihe von Punkten unterschiedlicher Auffassung. Das ist auch gut so, dass wir das diskutieren. Aber in einem Punkt sollten wir uns hier alle […] einig sein: Wir unterstützen keine Kampagnen gegen andere Länder. Wir unterstützen das nicht!
“Die ‘Bild’ spricht von den gierigen Griechen”, fügt er später in einem Interview hinzu, “aber wir beleidigen niemals ein Land. Wir gegen die – das gibt es nur im Fußball …”
1. Indirekte Medienförderung als Einfallstor für Korruption? (deutschlandfunk.de, Christoph Sterz & Isabelle Klein, Audio: 7:08 Minuten)
Dem gerade zurückgetretenen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz wird unter anderem vorgeworfen, sich mit Steuergeldern eine positive Berichterstattung erkauft zu haben. Für den Medienforscher Andy Kaltenbrunner zeigt diese Art der möglichen Inseratenkorruption, “was seit vielen Jahren in Österreich systematisch möglich ist”. Kaltenbrunner hat die Inserate der Bundesregierung und der Ministerien in Österreichs Tageszeitungen und die Presse- und Rundfunkförderung für eine Studie (PDF) analysiert. Insgesamt habe die öffentliche Hand in Österreich 222 Millionen Euro für Inserate ausgegeben. Verglichen mit Deutschland sei das das Fünf- bis Zehnfache pro Kopf.
2. “Für beide Seiten nützlich” (journalist.de, Christian Rath)
Carsten Brennecke ist Rechtsanwalt in der Kölner Medienrechtskanzlei Höcker und berät das Erzbistum Köln bei der Pressearbeit zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Im Januar endete ein Pressetermin des Bistums im Fiasko, weil sich die eingeladenen Journalistinnen und Journalisten weigerten, die geforderte Verschwiegenheitsvereinbarung zu unterzeichnen. Im Interview geht es um die Frage, ob solche Verschwiegenheitserklärungen im Vorfeld von Presseterminen in Ordnung sind, und wie weit der Einfluss von Rechtsanwaltskanzleien in die Berichterstattung geht beziehungsweise gehen darf.
3. “So werden Schulkinder schlauer” (medien-doktor.de)
Unter der Überschrift “So werden Schulkinder schlauer” hat der “Nordkurier” einen Online-Beitrag mit Ernährungstipps für Schulkinder veröffentlicht, die sich angeblich förderlich auf die Gedächtnisleistung und die Konzentrationsfähigkeit auswirken würden. Der “Medien-Doktor” hat den Beitrag genauer gelesen und vermisst Zahlen und Belege für die Behauptungen. Außerdem würden die Leserinnen und Leser über die Aktualität des Beitrags getäuscht: “Dass es sich bei dem Artikel um eine fast vollständig kopierte Pressemitteilung eines Ärzteverbands aus dem Jahr 2007 handelt, und ein Arzt als Pressesprecher zitiert wird, der dies gar nicht mehr ist, verschweigt das Medium.”
5. Löschung von #allesaufdentisch-Videos war nicht rechtmäßig (zeit.de)
Youtube hat zwei Videos der umstrittenen Aktion #allesaufdentisch gelöscht. Zu Unrecht, wie nun das Landgericht Köln entschieden hat: “Das Gericht erließ auf Antrag der Initiatoren von #allesaufdentisch zwei einstweilige Verfügungen gegen YouTube. Die Plattform habe den Kanalbetreibern nicht konkret genug mitgeteilt, welche Passagen gegen welche Vorschrift ihrer Richtlinie verstießen”.
6. “Warner Late Show”: Neuer LateNight-Anlauf mitten in Köln (dwdl.de, Thomas Lückerath)
Die Film- und Fernsehproduktionsfirma Warner Bros. startet auf eigenes Risiko den Versuch, eine Late-Night-Show zu etablieren. Man wolle dafür nicht länger auf einen Sender oder Plattform-Partner warten: “Wir drehen das Geschäft mal um: Wir machen jetzt erstmal was, wie wir es uns vorstellen, probieren aus und schauen dann, ob sich dafür jemand findet”, so Warners “Head of Comedy” Martin Brindöpke.
1. Starke Botschaft für mutigen Journalismus (reporter-ohne-grenzen.de)
Die Organisation Reporter ohne Grenzen freut sich über die Verleihung des Friedensnobelpreises 2021 an Maria Ressa und Dmitri Muratow: “Sie verkörpern in ganz besonderer Weise den Kampf für die Unabhängigkeit des Journalismus. Diese Auszeichnung ist eine Würdigung des Journalismus, aber auch ein Aufruf zur Mobilisierung, denn das vor uns liegende Jahrzehnt wird entscheidend sein für die Zukunft des Journalismus. Es ist eine starke Botschaft in einer Zeit, in der Demokratien weltweit durch Desinformation und Hassrede bedroht werden.”
Weiterer Lesehinweis: “Gerade erst wurde Maria Ressa mit dem Friedensnobelpreis geehrt. In einem ihrer ersten Interviews attackiert sie Facebook. Die Algorithmen der Plattform würden eher Lügen und Hass streuen, als Fakten zu verbreiten” – Nobelpreisträgerin Ressa nennt Facebook Gefahr für Demokratie (spiegel.de).
2. Könnten in der ARD-Mediathek bald Werbespots laufen? (rnd.de, Matthias Schwarzer)
Eigentlich sind die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Mediatheken werbefrei, doch bei einem Branchentreff empfahl der scheidende Intendant des Hessischen Rundfunks listig eine Art Revolution von unten: “Sie sollten sich dafür einsetzen”, empfahl er den Werbekunden und Agenturchefs, “dass Sie bei uns auch in der Mediathek und in der Audiothek werben dürfen, wenn Sie weiterhin Menschen erreichen wollen, die Qualität suchen und denen Gemeinwohl am Herzen liegt. Wir sind da eher schüchtern und zurückhaltend, wie es unsere Art ist. Aber Sie können das zum Thema machen.”
3. Der einsame Klimakampf der Wetteransager (spiegel.de, Christian Stöcker)
Wenn TV-Meteorologen immer deutlicher über Extremwetterkatastrophen reden, habe das auch mit dem Versagen öffentlich-rechtlicher Sender zu tun, findet Christian Stöcker in seiner “Spiegel”-Kolumne: “Tatsächlich ist der Wetterbericht in vielen Nachrichtensendungen mittlerweile politischer – oder vielmehr: relevanter als weite Teile der übrigen Berichterstattung. Das liegt daran, dass die einst so unpolitischen Wetterleute offenkundig die Nase voll davon haben, dass das wichtigste Thema der Gegenwart auch in den Öffentlich-Rechtlichen oft noch immer wie eine Randnotiz behandelt wird.”
4. Polizei behindert mehrfach Pressearbeit und nimmt Fotografen in Gewahrsam (tagesspiegel.de, Madlen Haarbach)
Am Rande einer Demonstration gegen die Räumung des linksalternativen Køpi-Wagenplatzes in Berlin habe die Journalistengewerkschaft dju am Samstagabend mindestens drei Verstöße gegen die Pressefreiheit durch die Polizei registriert. Insgesamt seien ihm zwei grobe Behinderungen und ein tätlicher Angriff seitens der Einsatzkräfte bekannt, so dju-Landesgeschäftsführer Jörg Reichel.
Weiterer Lesetipp: “Das Netzwerk ‘Copservation’ will polizeiliches Fehlverhalten dokumentieren. Fast jeden Tag erhalten die Mitglieder in sozialen Medien Berichte über Vergehen” – “Das Einzelfall-Narrativ ist absurd” (taz.de, Emeli Glaser).
5. Was mit Medien? Das braucht Hartnäckigkeit (verdi.de, Susanne Stracke-Neumann)
Im Journalismus Fuß zu fassen, ist oftmals gar nicht so leicht. Obwohl in manchen Bereichen, wie den Lokalredaktionen, von Nachwuchsmangel die Rede sei, hätten es junge Leute schwer mit dem Berufseinstieg. Susanne Stracke-Neumann hat für das Verdi-Medienmagazin zwei junge Frauen auf ihrem Weg in den Beruf begleitet.
6. Ich habe einen langen Atem. (planet-interview.de, Jakob Buhre & Adrian Arab)
Tilo Jung ist mit seinen Interviews für das Format “Jung & Naiv” und seinen regelmäßigen Berichten von der Bundespressekonferenz inzwischen fester Bestandteil des Politikjournalismus in Deutschland. Im ausführlichen Interview spricht er über die Ära Merkel, heikle Interview-Partner, Absagen von der AfD, seine Kritik an Boris Reitschuster, über die Frage, wo er die Öffentlich-Rechtlichen als “staatstragend” empfindet. Und er beantwortet die Frage, unter welchem Kanzler er Regierungssprecher werden würde: “Ich werde niemals Sprecher eines Politikers oder einer Politikerin, das habt ihr hiermit auf Band. Ich glaube, das wird auch nie irgendjemand wollen. Okay, eine Ausnahme würde ich machen: Wenn Jürgen Todenhöfer Kanzler wird.”
1. So gefährlich können die “Papers”-Recherchen sein (deutschlandfunk.de, Isabelle Klein & Michael Borgers, Audio: 9:58 Minuten)
“Panama Papers”, “Paradise Papers”, “Luxemburg Leaks” und nun die “Pandora Papers”: Die internationalen Recherchen über kriminelle Machenschaften und fragwürdige Offshore-Geschäfte reißen nicht ab. Hintergrund sei erneut ein Datenleck mit fast zwölf Millionen vertraulichen Unterlagen, die dann mehr als 600 Journalistinnen und Journalisten aus 117 Ländern ausgewertet haben. Der Deutschlandfunk hat mit Petra Blum über den aktuellen Fall gesprochen. Blum ist Mitglied des Investigativ-Zirkels ICIJ, dem die “Pandora Papers” zugespielt wurden.
2. Frontex will kein Bargeld von FragdenStaat (netzpolitik.org, Markus Reuter)
Es ist ein Vorgang, der selbst vom EU-Parlament getadelt wird: Frontex, die milliardenschwere Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, hat die vergleichsweise kleine Transparenzinitiative “FragDenStaat” mit einer Forderung von mehr als 10.000 Euro überzogen. Arne Semsrott von “FragDenStaat” sieht darin eine Reaktion auf eine Bitte um Auskunft: “Unsere Klage ist der erste Fall, in dem eine NGO von Frontex vor Gericht die Herausgabe von Dokumenten verlangt hat. An uns soll ein Exempel statuiert werden.”
Auf Twitter berichten die wackeren Streiter für mehr Transparenz von ihrem vergeblichen Versuch einer Geldübergabe: “Wir haben heute versucht, der EU-Grenzpolizei Frontex in Brüssel 10.520,76 Euro bar zu übergeben. Aber Frontex hat die Tür nicht aufgemacht. Offenbar wurde das gesamte Gebäude nach unserer Ankündigung der Geldübergabe geräumt, Polizei war vor Ort.”
3. Handyvideo von einem Polizeieinsatz ist zulässig (lto.de)
Weder Bild- noch Tonaufnahmen eines Polizeieinsatzes im öffentlichen Raum sind strafbar. Die Beschlagnahmung des dazu benutzten Handys sei daher nach Ansicht des Landgerichts Osnabrück rechtswidrig. “Legal Tribune Online” fasst die Entscheidung zusammen: Letztlich habe das Gericht ausgeführt, “dass gem. § 201 a StGB das Anfertigen von Bildaufnahmen im öffentlichen Raum grundsätzlich straffrei sei. Warum das Anfertigen von Tonaufnahmen in demselben Raum strenger geahndet werden sollte, sei nicht ersichtlich.”
4. ARD-Programmdirektorin Strobl attackiert “Bild TV”: “Ausrichtung auf Spaltung der Gesellschaft” (augsburger-allgemeine.de, Daniel Wirsching)
In einem Gespräch mit der “Augsburger Allgemeinen” wirft die ARD-Programmdirektorin Christine Strobl den Springer-Medien und der AfD vor, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk diskreditieren zu wollen. Auf den neuen Wettbewerber “Bild TV” angesprochen, antwortet Strobl: “Der ambitionierte Versuch, Zeitung und Fernsehen zusammenzubringen, ist nicht uninteressant. Aber ich finde die Art der Berichterstattung hochproblematisch: diese Art des Zuspitzens, diese Ausrichtung auf eine Spaltung der Gesellschaft und der Umgang mit Fakten.”
5. Dritte Mahnwache vor Verleger-Villa (verdi.de, Frank Biermann)
Thomas Hoof war Landesgeschäftsführer der NRW-Grünen, bevor er das Versandhaus Manufactum (“Es gibt sie noch, die guten Dinge”) gründete. 2008 verkaufte Hoof die Firma für einen zweistelligen Millionenbetrag an das Versandunternehmen Otto und konzentriert sich seither auf seine (zweifelhaften) verlegerischen Aktivitäten. In Hoofs Verlagsbuchhandlung in Lüdinghausen tummeln sich allerlei Autoren der Neuen Rechten. Nun regt sich Widerstand von Kritikern und Kritikerinnen: “Sie haben mit zwei Mahnwachen und in Presseerklärungen bereits deutlich gemacht, was sie von Autoren des Verlages wie den AfD-Politikern Björn Höcke und Alexander Gauland, dem Verschwörungsideologen Jürgen Elsässer und dem Rechtspopulisten Acif Pirincci (‘Die große Verschwulung’) halten.”
6. WDR startet neue Newsmarke tickr im Netz (dwdl.de, Manuel Weis)
Der WDR hat mit “tickr” ein weiteres junges Online-Newsformat gestartet. Das Angebot richte sich an Menschen unter 25 Jahren und finde auf den Plattformen Instagram und Snapchat statt. Montags bis freitags soll es dort in rund drei Minuten die wichtigsten News, Bilder und Statements des Tages im Hochkantformat geben.