Archiv für Westdeutsche Zeitung

Meute- und Jagd-Reflexe – und wie man sich davor schützt

Ein Gastbeitrag von Ulli Tückmantel, 48, seit Mai 2014 Chefredakteur der „Westdeutschen Zeitung“ in Düsseldorf.

Soll ich mal sagen, wie es sich anfühlt, wenn man die eigene Zeitung als Deppen-Medium im BILDblog zitiert findet? Es ist Mist. Die Westdeutsche Zeitung gehörte zu den Blättern und Online-Auftritten, die Mats Schönauer am 31. März im Beitrag „Quelle: Pizzabäcker“ als eine der Zeitungen aufführte, die die Erkenntnisse des Düsseldorfer Pizzabäckers Habib Hassani über die Essgewohnheiten des Germanwings-Co-Piloten (Pizza und Tiramisu) in den Rang einer Nachricht erhob.

Mich hat nicht geärgert damit im BILDblog zu landen, weil Reporter im Wohnumfeld des Co-Piloten Menschen befragt haben, die etwas über ihn sagen können (oder auch nicht). Das muss dem BILDblog nicht gefallen, gehört aber zum Geschäft, und ich erwarte von unseren Reportern, dass sie diese Informationen beschaffen. Dass ich zunächst nicht glauben wollte, dass die Pizzabäcker-Quelle tatsächlich ins Blatt gerutscht war (auf einer hinteren Seite unserer Düsseldorfer Lokalausgabe), hatte andere Gründe: Wir hatten am Mittag des Vortags entschieden, genau das nicht zu tun, weder im Mantel noch im Lokalen.

Zur Erinnerung: In den ersten Tagen nach dem Absturz war keineswegs alles über die beiden Piloten, die Crewmitglieder und die Passagiere von Flug 4U9525 öffentlich bekannt. Unsere Redaktion wusste sehr früh sehr viel — und damit auch, dass eine detailliertere Veröffentlichung als zum Verständnis des Ereignisses notwendig war, die Gefahr barg, unbeteiligte Angehörige, Freunde und Verwandte der Toten im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung zu weiteren Opfern zu machen.

Für uns war damit klar, wo wir die Grenze unserer Berichterstattung zu ziehen haben: Keine Nahaufnahmen, auch keine gepixelten, von trauernden Angehörigen am Düsseldorfer Flughafen, keine Namensnennung, auch nicht abgekürzt, von Co-Pilot und Pilot, keine Details im Text (Ortsteil, Straßennamen, Anwohner etc.), die unbeabsichtigt zur Identifizierung unbeteiligter Dritter führen können.

Der Pizzabäcker-Text, auch wenn es nur ein Einspalter in nur einer Lokalausgabe war, verstieß gegen unsere eigenen Maßgaben und eine wichtige Erkenntnis, die wir zu diesem Zeitpunkt bereits als Regel für die weitere Berichterstattung und künftige Großschadensereignisse dieser Art eingeführt hatten: Reporter sammeln die Informationen — aber sie entscheiden nicht, was davon auf welchem Kanal und wie publiziert wird. Das entscheiden die Redakteure am Desk.

Denn das eine ist das Recherchieren von Informationen. Das andere aber ihre redaktionelle Bewertung, Bearbeitung und Verbreitung. Wir sind überzeugt, dass die klare Trennung zwischen Autoren und Editoren der beste Schutz davor ist, Meute- und Jagd-Reflexen zu erliegen und Grenzen zu überschreiten, die für genau solche Nachrichtenlagen gesetzt sind. Bei der Gelegenheit ist uns aufgefallen, dass wir in Wahrheit kein einfach zu handhabendes Regelwerk für solche sich schnell entwickelnden Lagen haben. Wenn die Lage da ist, hat in keinem Newsroom irgendjemand Zeit, in aller Ruhe noch einmal den Pressekodex zu studieren oder die 50-seitige Empfehlung des Presserats für Amok-Berichterstattungen (PDF) nachzulesen. Wir brauchen ein DIN-A4-Blatt, fünf oder sechs klare Ansagen, die jeder am Desk und in den lokalen Teams versteht; wir arbeiten daran.

Das wird uns im Zweifelsfall auch künftig nicht vor Fehlern wie dem Pizzabäcker-Blödsinn schützen. Aber es schützt uns davor, besinnungslos und aus falschem Selbstverständnis die falsche Zeitung zu machen.

Vielen 4U9525-Seiten etlicher Regionalzeitungen, die von eigentlich sehr vernünftigen Leuten gemacht werden, sieht man in der Nachschau an, dass bei ihnen im Eifer des (vermeintlichen) nachrichtlichen Wettbewerbs die inneren Kompassnadeln komplett rotiert haben müssen. Wenn es um die Nennung von Namen und die Präsentation von Bildern von Tatverdächtigen und Opfern geht, werden deutsche Medien — vorausgesetzt, sie halten sich an deutsches Recht und deutsche Regeln — im Wettbewerb mit britischen und amerikanischen Medien immer verlieren, denn dort gelten andere Regeln.

Die Berliner Büroleiterin der New York Times fühlte sich in einem etwas wirren Text jüngst bemüßigt, ihren amerikanischen Lesern das offenbar als Frechheit empfundene Verschweigen vollständiger Namen von Opfern, Angehörigen und Trauernden zu erklären: Die von Nazi- und Stasi-Zeit gebeutelten Deutschen machten aufgrund ihrer Geschichte ein riesen Gewese um ihre Privatsphäre, schrieb sie sinngemäß.

Selbst wenn es keine rechtlichen oder ethischen Gründe gäbe, dem Sensationstaumel reißerischer, identifizierender Berichterstattung in einem ungewinnbaren Wettbewerb nicht zu erliegen, bliebe für jede Regionalzeitung am Ende immer noch die Frage, warum sie sich mutwillig selbst beschädigen sollte. Wenn, wie der Tagesspiegel das Schweizer Institut Mediatenor zitiert, das Thema bei ARD und ZDF in der Spitze 59 Prozent aller Nachrichtenplätze besetzt hielt (WM-Sieg 2014 und Fukushima laut dieser Quelle: jeweils 41 Prozent) und damit einen Allzeit-Rekord aufstellt — was kann die Redaktion einer Regionalzeitung eigentlich tun, um in diesem Information-Overkill einen Unterschied zu machen?

Bei ruhiger See und klarem Tagesverstand wissen die meisten Regionalzeitungen, dass sie weder für die Weltöffentlichkeit schreiben, sondern für eine klar umrissene Leserschaft in einem geografisch begrenzten Raum, noch für Leute, die gern in 80-Punkt-Überschriftengröße angeschrien werden, sondern für Menschen, die eine sachliche Nachrichten-Sortierung wünschen. Fragen Sie einen beliebigen Kioskbesitzer oder Tankstellenpächter ihres Vertrauens: Wenn Leser zu einer regionalen Tageszeitung ein weiteres Presseprodukt im Bundle kaufen, dann ist es in überwiegend ein Boulevard-Titel, seltener eine überregionale Zeitung — und fast nie der örtliche Konkurrenz-Titel.

Wenn Leser von mir gar nicht erwarten, dass ich mich aufführe wie die New York Times oder wie BILD, wenn zudem journalistisch nichts oder wenig dafür spricht — warum sollte eine Redaktion es dann um den Preis der Beschädigung ihres Markenkerns eigentlich tun? Nicht obwohl, sondern weil Zeitungen gegenüber der Öffentlichkeit ihre Gatekeeper-Funktion verloren haben, sind Redaktionen heute freier denn je, sich zu entscheiden, welches Produkt sie ihren Lesern bieten wollen.

Wir haben unseren Lesern in einem längeren Lesestück erklärt, wie wir uns in der 4U9525-Berichterstattung derzeit verhalten und warum. Wir haben den Halterner Schüler Mika Baumeister in gleicher Textgröße schildern lassen, wie er das Auftreten der Medien erlebt hat. Die Resonanz aus unserer Leserschaft war fast durchweg positiv. Einige haben uns darauf hingewiesen, dass wir wenig Anlass haben, uns moralisch über andere zu erheben (stimmt), viele waren regelrecht dankbar. Kein einziger hat sich beschwert, dass wir ohne Namensnennung und ohne geklaute Facebook-Bilder arbeiten. Unsere Leser wissen, dass wir Fehler machen. Aber sie nehmen uns ab, dass wir weder absichtlich alles falsch machen noch beim ersten nachrichtlichen Windstoß alle Regeln über Bord werfen.

Beim Presserat stapelten sich acht Tage nach dem Absturz bereits mehr als 400 Beschwerden von Lesern über die 4U9525-Berichterstattung. Noch nie haben sich zu einem Thema so viele Chefredakteure und redaktionell Verantwortliche gegenüber ihren Lesern verteidigt, entschuldigt oder erklärt wie nach dem Germanwings-Absturz. Die Reaktion der Menschen, die einmal das Publikum waren, wird wahlweise als vollkommen überzogenes Medien-Bashing oder als Sieg der fünften Gewalt über die vierte wahrgenommen, den der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen (zuletzt in seinem getarnten Entschuldigungsschreiben für den vergeigten „Zeit“-Titel der Vorwoche) ja seit Jahren postuliert.

So oder so: Hinter diese Zäsur kann künftig keine Redaktion mehr zurückfallen. Das bleibt jetzt so. Wir werden mehr und häufiger mit unseren Lesern darüber sprechen müssen, was wir machen und was nicht. Und ob man dabei ins Gespräch oder ins Gerede kommt, hat man — wie meistens im Leben — selbst in der Hand.

Die dümmste anzunehmende Verwechslung

Vor dem Bonner Landgericht begann gestern der Prozess gegen eine 16-jährige Schülerin, die im Juni einen Amoklauf an ihrem Gymnasium im nahe gelegenen Sankt Augustin verüben wollte, aber in letzter Minute gestoppt wurde.

Die „Westdeutsche Zeitung“ begann ihre Prozess-Berichterstattung, für die gleich zwei Autoren verantwortlich zeichnen, mit einem überraschenden Satz:

Die 16-jährige Blondine scheint so gar nicht dem Täterprofil eines Amokläufers zu entsprechen.

Überraschend ist daran weniger, dass 16-jährige Blondinen nicht unbedingt dem „Täterprofil eines Amokläufers“ entsprechen (das sind ja immer nur verpickelte Jungs, die den ganzen Tag Computer spielen und Pornos gucken), sondern dass die Angeklagte gar nicht blond ist.

Die „Blondine“, von der die „Westdeutsche Zeitung“ schreibt, ist nämlich gar nicht die mutmaßliche Täterin, sondern das Opfer. Sie hatte die Angeklagte bei deren Vorbereitungen überrascht und war von ihr schwer verletzt worden.

Weil der Prozess unter striktem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet (ein Vorgang, den ein Gerichtssprecher im Hinblick auf das Alter der mutmaßlichen Täterin als „zwingend“ bezeichnete), gibt es keine aktuellen Fotos der Angeklagten. Dass dpa deshalb nur Fotos des leeren Gerichtssaals und der anonymisierten Zeugin im Angebot hatte, schien manchen Redaktionen allerdings nicht aufzufallen.

So untertitelte die „Westdeutsche Zeitung“ – passend zu ihrem Einleitungssatz – ein Foto der Zeugin wie folgt:

Die 16-Jährige soll versucht haben, einen Lehrer niederzustechen. (Foto: dpa)

Auch „Welt Online“ vergriff sich böse beim Versuch, eine Bildunterschrift für ein Foto des Opfers zu finden:

Die Angeklagte im Prozess wegen der vereitelten Amoklaufs von Sankt Augustin

Auch wenn beide Fotos von dpa stammen: An der Deutschen Presseagentur hat’s nicht gelegen — die hat uns gegenüber bestätigt, dass alle Bildbeschreibungen unmissverständlich mit der Formulierung „Anna P. (…) am Dienstag (27.10.2009) im Landgericht in Bonn – sie hatte die Amokläuferin auf der Toilette überrascht.“ beginnen.

Sowohl bei wz-newsline.de als auch bei welt.de wiesen alsbald mehrere Kommentatoren auf die dümmstmögliche Verwechslung hin, doch in beiden Fällen dauerte es länger, bis die Fotos entfernt wurden.

Immerhin erklärten beide Onlinemedien in den Kommentaren, dass sie einen Fehler gemacht hatten, und entschuldigten sich dafür. (Dass bei der „Westdeutschen Zeitung“ auch der Artikelanfang zunächst ganz anders ausgesehen hatte und klammheimlich korrigiert worden war, erwähnte die dortige Redaktion allerdings nicht.)

Der erste Hinweis auf das falsche Foto wurde bei „Welt Online“ gestern Abend um 17:56 Uhr gegeben, eine halbe Stunde, nachdem der Artikel online gegangen war.

Heute gegen 12:20 Uhr wurde der Fehler korrigiert — wie es sich für ein Onlinemedium gehört nach einem telefonischen Hinweis:

Ein Anruf bei der Redaktion bringt was! - Binnen Minuten ist das kritische Bild aus dem Netz genommen.

PS: Und so sieht das bei Bild.de aus:

Prozessbeginn: Amok-Mädchen legt Geständnis ab

Mit Dank an Andreas S.

Nachtrag, 29. Oktober: Die „Westdeutsche Zeitung“ brachte heute auf Seite 3 ihrer Printausgabe folgende Korrektur:

KORREKT: In dem Bericht über den Prozess um den geplanten Amoklauf an einem Gymnasium in Sankt Augustin ist uns gestern ein bedauerlicher Fehler unterlaufen: Das Bild mit der unkenntlich gemachten Person zeigt nicht die mutmaßliche Täterin (16), sondern das Opfer. Die 17-Jährige hatte die Angeklagte bei der Vorbereitung zum Amoklauf überrascht. Nach Überzeugung der Anklage wollte die 16-Jährige ihre Mitschülerin töten, stach mit einem Schwert auf sie ein und schnitt ihr dabei einen Daumen ab. Der 17-Jährigen gelang es dennoch, einen Lehrer zu alarmieren. Sie hat damit ein mögliches Massaker verhindert. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Mit Dank an Thorsten L.