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Ganz massive Probleme

Arbeitslose zum Intim-Verhör

Unter obiger Überschrift berichtete die „Bild am Sonntag“ gestern, dass die Agentur für Arbeit plane, zukünftig „detaillierte Gespräche mit jedem Arbeitslosengeld-II-Empfänger“ zu führen. Genauer gesagt hieß es in der „BamS“:

„Bevor sie eine Stelle vermittelt bekommen, sollen alle Empfänger von Arbeitslosengeld II bei ihrer Arbeitsagentur zum Intim-Verhör!“

Das ist falsch.

Die „Fragen nach privaten Details“ („Wie eng sind Ihre Beziehungen zu Freunden? Gehen Sie regelmäßig zum Arzt? Welche Kontakte zu Ihren Nachbarn pflegen Sie?“), die von der „BamS“ aus einem durchaus umstrittenen, internen „Fachkonzept Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement im SGB II“ zitiert werden, sollen nicht, wie die „BamS“ pauschal behauptet, „die Hartz-IV-Betroffenen beantworten, wenn sie einen neuen Job wollen“.

Die Fragen stammen vielmehr aus einer knapp 100-seitigen „Handlungsempfehlung“ der Arbeitsagentur und seien „nur für Langzeitarbeitslose mit ganz massiven Problemen“ gedacht bzw. „Langzeitarbeitslose mit massiven Schwierigkeiten, zum Beispiel Suchtproblemen“ bzw. „Menschen, die wegen teils massiver persönlicher Problemsituationen von so genannten Fallmanagern betreut werden“ und betreffen „nur wenige ALG-II-Empfänger“ – weshalb denn auch beispielsweise die „Allgemeine Zeitung Bad Kreuznach“ weitaus korrekter titelt:

BA: Kein "Intim-Verhör" für Arbeitslose

Überraschend ist etwas anderes II

Amigo-Affäre um Grünen-Chefin Roth — Warum bekam ihr Freund so lukrative Staatsaufträge?

So schrieb „Bild“ am 20. April 2005. Die Antwort auf die von „Bild“ gestellte Frage muss offen bleiben, denn Roths Freund bekam die „lukrativen Staatsaufträge“ schon, als er noch gar nicht ihr Freund war, was es ein bisschen knifflig macht, darin eine wie auch immer geartete „Amigo-Affäre“ zu sehen.

Erstaunlicherweise blieb die „Bild“-Zeitung dennoch bei ihrer Darstellung, und Claudia Roth musste sich ihr Recht auf eine Gegendarstellung erst vor Gericht erkämpfen. Heute nun steht sie im Blatt. Und der Artikel, von dem ein „Bild“-Sprecher zuletzt noch sagte, die Fakten seien korrekt und man habe sich nichts vorzuwerfen, ist spurlos aus dem Online-Angebot verschwunden.

Korrektur, 14. Mai: Nur der Online-Ableger von „Bild“ hat die Gegendarstellung akzeptiert und gedruckt. Die „Bild“-Zeitung geht weiterhin juristisch dagegen vor.

Nachtrag, 13.6.2005:
Über den aktuellen Stand der juristischen Auseinandersetzung informiert heute (unter dem Titel „Vorentscheid für Roth“) die kommerzielle Dementi-Plattform Fairpress.biz von Ex-„Bild“-Chef Udo Röbel.

Porno auf der Titelseite

Jetzt wird’s erstmal stinklangweilig, denn laut Umsatzsteuergesetz unterliegen hierzulande u.a. Zeitungen und andere Erzeugnisse des graphischen Gewerbes – mit Ausnahme der Erzeugnisse, für die die Hinweispflicht nach § 4 Abs. 2 Satz 2 des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften besteht oder die als jugendgefährdende Trägermedien den Beschränkungen des § 15 Abs. 1 bis 3 des Jugendschutzgesetzes unterliegen, gemäß Anlage 2 (zu § 12 Abs. 2 Nr. 1 und 2) dem ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent. Darüber hinaus aber beträgt die Steuer gemäß UstG § 12 Abs. 1 für jeden steuerpflichtigen Umsatz sechzehn Prozent der Bemessungsgrundlage.

Anders gesagt: Pornohefte beispielsweise sind jugendgefährdende Schriften oder Trägermedien und u.a. deshalb so teurer, weil in ihrem Verkaufspreis der volle Umsatz- oder Mehrwertsteuersatz von sechzehn Prozent enthalten ist, wohingegen die meisten Zeitungen und Zeitschriften mit nur sieben Prozent besteuert werden.

Und jetzt kommt „Bild“:

Überschrift: "Politiker wollen Pornos teurer machen"

Weiter heißt es in der gerade mal 27-zeiligen Meldung auf der Titelseite:

Politiker von SPD und Union fordern, daß die Mehrwertsteuer auf Sexmagazine von zur Zeit sieben auf 16 % erhöht wird!

Im Anschluss zitiert „Bild“ dann u.a. den niedersächsischen SPD-Fraktionschef Sigmar Gabriel mit der Aussage:

„Das ist doch obszön! Uns fehlt das Geld (…), aber gleichzeitig subventionieren wir Pornohefte.“

Das Zitat fiel, wie man nicht aus „Bild“, wohl aber aus Gabriels Büro erfährt, tatsächlich in der „Sabine Christiansen“-Sendung vom vergangenen Sonntag — und ist (peinlicherweise) sachlich falsch, weil Pornohefte, wie gesagt, ohnehin mit dem „normalen“ Steuersatz von 16 Prozent besteuert werden.

Und man kann nun spekulieren, ob von Gabriel womöglich gar nicht Pornohefte, sondern „Schmuddelhefte“ (also frei verkäufliche Druckerzeugnisse mit mehr oder weniger nackten, sexuell anregenden Inhalten wie „Playboy“, „Coupé“, „Bild“…) gemeint waren, um deren Besteuerung offenbar schon länger gestritten wird. Man kann es auch mit Recht schlimm finden, dass Politiker öffentlich über Dinge reden, von denen sie offensichtlich nichts verstehen, aber…

… aus dem Porno-Unsinn eine ähnlich unsinnige Seite-1-Schlagzeile machen und ohne jeden Sachverstand daherreden, Pornohefte könnten in Deutschland bald deutlich teurer werden“, kann man eigentlich nicht.

„Bild“ hat es getan.

„Billiger Nationalismus“

Aus einen Spiegel-Online-Interview mit dem Historiker Hans-Ulrich Wehler:

Wehler: Ich hielt schon die Triumph-Zeile der „Bild“-Zeitung „Wir sind Papst“ für billigen Nationalismus. Ich will es den deutschen Katholiken nicht absprechen, dass sie sich darüber freuen und ein bisschen stolz sind, aber Ratzinger ist aus allen möglichen Gründen gewählt worden, aber nicht wegen der Tatsache, dass er Deutscher ist. Die englische Reaktion der „yellow press“ ist Ausdruck der Kontinuität dessen, was man im Jargon „German bashing“ nennt, der Antipathie gegen die Deutschen, die vor allem in den Unter- und Mittelschichten herrscht und die von diesen Zeitungen bedient wird.

SPIEGEL ONLINE: Und die heutige Reaktion der „Bild“-Zeitung?

Wehler: Sie bedient einen deutschen Gegen-Nationalismus. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt und nicht der richtige Ort, um nach der Diskussion über Vertreibungen und über Luftangriffe auf deutsche Städte, nun darüber zu diskutieren, welche Rolle die HJ für Millionen von Deutschen gespielt hat. Das muss man in einem ganz anderen, abwägenden Ton tun. Hängt man das Ganze auf an der punktuellen Vergangenheit des neuen Papstes, dann kann das nur in die Irre führen.
(Verlinkung von uns.)

„Bild“ übersieht KZ

Wenn das Fernduell zwischen den britischen Tageszeitungen und der „Bild“-Zeitung über den „deutschen Papst“ weiter so eskaliert, müssen wir damit rechnen, dass nächste Woche eine englische Zeitung behaupten wird, dass Kardinal Ratzinger Hitler war, und „Bild“ antworten wird, dass es Hitler nie gegeben hat.

Alles begann am Mittwoch. Während die „Bild“-Zeitung groß berichtete, dass Ratzingers Eltern Maria und Joseph „waren“ (nicht hießen), fanden die britischen Zeitungen die Jugend Ratzingers im Dritten Reich ungleich spannender. „Bild“ antwortete mit einer verwirrenden doppelten Verteidigungsstrategie. Einerseits sei es eine ungeheure Beleidigung, zu schreiben, dass Ratzinger in der Hitler-Jugend gewesen sei. Andererseits sei es überhaupt nicht ehrenrührig, in der Hitler-Jugend gewesen zu sein.

Heute nun ruft „Bild“ den britischen Zeitungen zu:

Shut endlich up!

Die „Papst-Hetze“ der Engländer werde „immer geschmackloser“. „Allen voran“ hetze die „sonst so seriöse Tageszeitung ‚The Independent'“. Als Beleg dient „Bild“ dieser gestern erschienene Artikel. Der Reporter berichtet darin aus Traunstein über die Massaker, die dort im Dritten Reich verübt wurden, und kritisiert, dass der Papst darauf in seiner Auto-Biographie nicht eingehe.

„Bild“ zitiert aus dem „Independent“: „In seiner Biographie erwähnt er [Ratzinger] Todesmarsch und Massaker nicht. Dabei dürfte es gerade in dieser Gegend schwierig gewesen sein, vom KZ in der Nähe Traunsteins nichts mitzubekommen.“

„Bild“ kommentiert:

In der Nähe Traunsteins gab es gar kein KZ, Ratzinger (damals 18) war desertiert, zu der Zeit untergetaucht.

Das ist falsch. In der Nähe Traunsteins gab es eine Außenstelle des KZ Dachau, und zwar in Trostberg, rund 20 Kilometer von Traunstein entfernt.

Oder wie der „Independent“ schreibt:

Trostberg was among several Dachau sub-camps set up towards the end of the war to evade Allied bombing.

An den Anfang ihres Artikels stellt die „Bild“-Zeitung ein Zitat aus dem „Independent“, wohl, weil sie es für besonders bemerkenswert hält. Es lautet:

„In der Heimatstadt des Papstes wurden Nazi-Greuel gegen Juden verübt.“

Wenn „Bild“ schon mit der Formulierung dieser Tatsache ein Problem hat, dann hat „Bild“ wirklich ein Problem.

Quizfrage

„Bild“ (also die Zeitung, die gut zwei Monate vor der Papstwerdung Kardinal Ratzingers behauptet hatte, „nach 944 Jahren gäbe es mit ihm erstmals wieder einen deutschen Papst“, obwohl das doch, wie wir jetzt längst wissen, gar nicht stimmt) hatte vor knapp drei Wochen eine Art Paparazzifoto der FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper in hochhackigen Schuhen abgedruckt (siehe Ausriss) und dazu (unter dem Stichwort „Bandscheiben-Schwindel“) berichtet, Pieper „habe einen Bandscheibenvorfall erlitten“. „Merkwürdig“ hatte „Bild“ das damals gefunden und gefragt:

„Ist dieser Bandscheibenvorfall nur ein Polit-Schwindel?“

Nun, knapp drei Wochen später, druckt „Bild“ (unter dem Stichwort „Nach Bandscheiben-OP“) endlich die Auflösung. Zusammengefasst lautet sie überraschenderweise:

Nein.
 

Überraschend ist etwas anderes

„Die Geschichte geht so: Da gibt es einen Volker Schäfer aus Kassel. Der ist gelernter Kunstlehrer, freiberuflicher PR-Berater und steht den Grünen nahe. In jeder Beziehung! ‚Das ist mein Lebensgefährte, wir lieben uns‘, stellte Grünen-Parteichefin Claudia Roth den Mann aus Kassel vor wenigen Monaten überglücklich vor, nahm ihn mit zu einer Gala beim französischen Botschafter.

So weit, so gut. Überraschend ist etwas anderes: Der ‚Kulturexperte‘ Volker Schäfer verdient seit einiger Zeit kräftig Geld nebenbei dazu – als Kommunikationsberater für das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).“

So ähnlich geht die „Geschichte“ noch eine ganze Weile weiter. Und weil sie gestern unter der Überschrift „Amigo-Affäre um Grünen-Chefin Roth – Warum bekam ihr Freund so lukrative Staatsaufträge?“ in der „Bild“-Zeitung stand, konnte der Eindruck entstehen, es gebe einen kausalen Zusammenhang zwischen der Beauftragung Schäfers als Kommunikationsberater des BfS und seiner Beziehung zu Roth.

Roth jedoch ließ nach dem „Bild“-Bericht mitteilen, der Eindruck, es gäbe einen kausalen Zusammenhang zwischen der Beauftragung Schäfers als Kommunikationsberater des BfS und seiner Beziehung zu Roth, „entbehrt jeglicher Grundlage“. So heißt es jedenfalls in einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, die außerdem einen „Bild“-Sprecher zitiert, der sagt, die Fakten in „Bild“ seien korrekt und würden nicht bestritten. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen“ lautet das Resümee bei „Bild“, das allerdings leider nicht so ganz nachvollziehbar ist.

Denn Roth hat nicht nur rechtliche Schritte gegen „Bild“ angekündigt, ihr Anwalt weist zudem ausdrücklich darauf hin, Roth habe Schäfer „zu einem Zeitpunkt kennen gelernt, als dieser bereits seit über einem Jahr als Kommunikationsberater für das Bundesamt für Strahlenschutz tätig war“. Und das bedeutet doch, die Fakten in „Bild“ (egal wie „korrekt“ und „nicht bestritten“ sie auch sein mögen) sind derart unvollständig, dass von einer „Amigo-Affäre“ womöglich überhaupt gar keine Rede sein kann, oder?

Mit Dank an Max P., CS und Pascal-Nicolas B. für die Hinweise.

Nachtrag, 22.4.2005:
Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet (siehe Netzeitung.de), hat Roth nach Angaben einer Parteisprecherin vorm Landgericht Berlin wegen des „Bild“-Berichts eine Einstweilige Verfügung gegen die „Bild“-Zeitung erwirkt, wonach das Blatt eine Gegendarstellung abdrucken müsse. Weiter heißt es: Das BfS und das Bundesumweltministerium betonten, der Vertrag Schäfers sei einwandfrei, er arbeite projektbezogen seit März 2001 für das BfS. Der Axel Springer-Verlag will dennoch Rechtsmittel einlegen.

„Bild“ holt Papst aus der Nazi-Ecke

Die „Bild“-Zeitung. Erst seit einem Tag Papst, und schon alle Hände voll zu tun. Zum Beispiel den Mit-Papst Benedikt XVI. vor fiesen Angriffen zu schützen. Und die sind nirgends schlimmer als im Inland. Außer im Ausland.

Engländer beleidigen deutschen Papst

empört sich „Bild“ und regt sich vor allem über die „Sun“ auf, die gestern mit der zweifellos grenzwertigen Schlagzeile „Von der Hitler-Jugend zum Papa Ratzi“ aufmachte.

„Bild“ schreibt:

60 Jahre nach Kriegsende zerrt das Blatt die Jugend des Papstes ins Rampenlicht, drängt ihn in die Nazi-Ecke: „Es gab Fan-Gesänge für den Ex-Feindsoldaten im Zweiten Weltkrieg, der jetzt Papst Benedikt XVI. ist.“

Um zu behaupten, dass die „Sun“ den Papst in eine Nazi-Ecke drängt, muss man allerdings, wie „Bild“, den Schluss des „Sun“-Artikels ignorieren. Er lautet:

Er war 14, als er gezwungen wurde, der Hitler-Jugend beizutreten. Später war er deutscher Flak-Helfer — bevor er desertierte.

In ihrem Kommentar fügt die „Sun“ in Bezug auf die Position Ratzingers zu moralischen Fragen hinzu:

Wir applaudieren einem Mann, der erkannt hat, dass Werte nicht verhandelbar sind.

Auch skandinavische Zeitungen „verzerren“ nach Ansicht von „Bild“ Ratzingers Vergangenheit:

Das „Aftonbladet“ (Schweden) schreibt: „Der neue Papst war in Hitlers Armee Kindersoldat. (…) Am Ende packte er es nicht mehr, und er desertierte.“

Fest steht: Der neue Papst war in Hitlers Armee Kindersoldat. Am Ende packte er es nicht mehr, und er desertierte. Offen ist: Welchen Teil dieser Aussage findet „Bild“ ehrenrührig?

Wie der Blinde vom Sehen

Da freuen sich die Rechtschreib-„Experten“ bei „Bild“, und schlagzeilen anlässlich der Vorschläge der Arbeitsgruppe des Rats für Rechtschreibung, einige Regelungen der Rechtschreibreform wieder zu ändern:

Schlechtschreib-Reform: Endlich ändert sich was!

Im Text heißt es dann, der Rat für Rechtschreibung wolle die „schlimmsten Murks-Regeln der Schlechtschreibreform kippen“, und „Bild“ behauptet, dass „kaum eine wichtige Neuerung überleben“ wird, wofür sie Rechtschreibrats-Mitglied Theodor Ickler als einzigen Kronzeugen heranzieht* (ohne zu erwähnen, dass seine Auffassung nicht ganz unumstritten ist). Nun ja, dass „Bild“ (übrigens ebenso wie Ickler) nicht gerade von der Rechtschreibreform begeistert ist, wissen wir ja.

Dass „Bild“ weder in neuer noch in „bewährter“ oder „klassischer“ Rechtschreibung, wie sie es nennt, besonders bewandert ist, wissen wir zwar auch, müssen aber trotzdem mal wieder darauf hinweisen*. Zumal sie vollmundig schreibt: „BILD sagt, was jetzt Sache ist.“ Unter anderem sei das die Tatsache, dass „fast alle Wörter“ wieder „zusammengeschrieben“ werden dürften. Und auch, wenn wir davon ausgehen*, dass „Bild“ mit „fast alle Wörter“ nur diejenigen Wortgruppen meint, die eine idiomatisierte Gesamtbedeutung haben (so jedenfalls der Vorschlag der Arbeitsgruppe), wirft der Kasten, den „Bild“ hier wohl als Service anbieten will (siehe Ausriss), doch einige Fragen auf: Warum taucht beispielsweise auf der „bisher“-Seite der Begriff „kalt stellen“ auf, wenn doch nach den „Murks-Regeln“ „kaltstellen“ richtig ist (außer „Bild“ dachte an einen Pudding, den man allerdings auch vor der Reform schon „kalt stellen“ musste)? Und warum steht dort „fest nageln“, wenn es doch nach den „Murks-Regeln“ „festnageln“ heißt? Falsch geschrieben ist übrigens auch „kopf stehen“, da es sich hierbei um eine Zusammensetzung aus nicht verblasstem Substantiv und Verb handelt, die folglich „Kopf stehen“ geschrieben wird. Bei „Acht geben“ sollen nach dem Änderungsvorschlag beide von „Bild“ gegenüberstellten Schreibweisen möglich sein. Ebenfalls nicht begriffen hat „Bild“ offenbar, dass „vorher gehen“ schon immer getrennt geschrieben wurde, wenn damit „früher gehen“ gemeint ist. Wird der Begriff jedoch im Sinne von vorausgehen* gebraucht, wird er, „Murks-Regeln“ hin oder her, zusammengeschrieben*.

*) Alle gekennzeichneten Wörter wurden nach den Regeln der reformierten Rechtschreibung zusammengeschrieben.

Nicht neu: „Bild“ tut Grünen-Politiker Unrecht

Sinnentstellende Montagetechniken beherrscht „Bild“ übrigens nicht nur beim Arrangement aus dem Zusammenhang gerissener Zitate. Das geht auch mit Fotos.

Grad jüngst zum Beispiel sah’s so aus, als illustriere „Bild“ ihre Berichterstattung über den „Grüne Jugend“-Sprecher und Graffiti-Befürworter Stephan Schilling mit einem großen Foto, das ihn vor einer fies beschmierten Häuserwand zeigt.

Nur gibt es dieses Foto gar nicht.

Zwar hatte sich Schilling tatsächlich für „Bild“ vor einer Graffiti-Wand fotografieren lassen, wie er sagt, wenn man ihn fragt. Doch habe man sich ausdrücklich darauf verständigt, dass ihn die Fotos „nicht vor irgendwelchen Schmierereien“ zeigen. Das Foto, so Schilling, sei dauraufhin auf einem alten Fabrikgelände vor einer Wand bei einem Jugendfreizeitklub entstanden – und sieht deshalb ursprünglich genau so aus wie das bei Bild.de (siehe Ausriss links).

Für die gedruckte „Bild“ hingegen (siehe Ausriss rechts) wurde das Originalfoto manipuliert: Die farbenfrohe Graffiti-Wand im Bildhintergrund wurde gegen eine weitaus tristere, mehrere Kilometer entfernt und ohne Schilling entstandene Aufnahme ausgetauscht. Und selbst die dazugehörige „Bild“-Formulierung über Schilling („Findet Graffiti (wie auf dem Foto im Hintergrund) in Ordnung“) wirkt derart suggestiv montiert, als wolle sie in die Irre führen und die Wirklichkeit bewusst verschleiern.

Aber wie gesagt: Dass (und wie) sich „Bild“ gern kritisch mit Politikern der Grünen auseinandersetzt, ist ja nicht neu.

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