Archiv für Moralisches

„Bild“ will Gaby Kösters Privatsphäre zurück

Noch einmal zum Mitschreiben:

  • Die Komikerin Gaby Köster ist erkrankt.
  • Und „Bild“ berichtet.
  • Gaby Köster bittet darum, von weiterer derartiger Berichterstattung Abstand zu nehmen.
  • Aber „Bild“ berichtet erneut.
  • Ein Gericht erklärt die „Bild“-Berichterstattung für rechtswidrig und Gaby Köster bittet erneut, von entsprechender Berichterstattung Abstand zu nehmen.
  • „Bild“ löscht die bisherigen Berichte aus dem Online-Angebot, veröffentlicht aber einen neuen („Fans beten für Gaby Köster“), der u.a. dadurch besonders perfide erscheint, dass „Bild“ selbst nur noch vage von einer „schweren Erkrankung“ schreibt, aber auch einen Genesungswunsch zitiert, der dann doch detaillierter auf die Erkrankung eingeht…

Anders gesagt: Warum lässt „Bild“ Köster nicht einfach in Ruhe?!

Wem würde es schaden, wenn „Bild“ Kösters Wunsch respektieren würde? Die Frau ist krank und möchte nicht, dass darüber berichtet wird. Das ist ihr gutes Recht, das „Bild“ ohne Not missachtet. Nach der gestrigen Titelschlagzeile sagte Kösters Anwalt dem Fachdienst epd, „Bild“ versuche mit Artikeln über ein persönliches Schicksal Auflage zu machen. Für den vergleichsweise kleinen „Fans beten“-Artikel heute kann das kaum noch gelten. Warum also steht er überhaupt in „Bild“? Aus Trotz? — Kösters Anwalt jedenfalls will auch dagegen juristisch vorgehen.

Gerührt oder geschüttelt

Gestern illustrierte die „Bild am Sonntag“ einen Bericht über den tragischen Skiunfall zweier Freundinnen (bei dem die eine schwer und die andere tödlich verletzt worden war) u.a. mit Fotos der beiden Unfallopfer — ohne Unkenntlichmachung und möglicherweise auch ohne Erlaubnis. Das Foto der Toten jedenfalls (und weitere persönliche Angaben zur Person) hatte die „BamS“ aus dem Internetangebot von SchülerVZ übernommen. (Wir berichteten.)

Nun hat sich, entsetzt über das Vorgehen der Zeitung, eine Bekannte der Unfallopfer bei uns gemeldet, weil ihr einer der „BamS“-Autoren gestern über ihren SchülerVZ-Account eine Nachricht zukommen ließ, die wir (mit ihrem Einverständnis) hier dokumentieren. Denn so bekommt man eine genauere Vorstellung davon, wie es klingt, wenn „Bild“ Witwen schüttelt versucht, an persönliche Informationen zu kommen.

Liebe             , entschuldige bitte, dass ich Dich hier so von der Seite anschreibe. Mein Name ist Sven Kuschel. Ich bin Journalist und bearbeite gerade diesen furchtbar tragischen Ski-Unfall in Österreich. Wir werden für morgen in der BILD noch einmal auf einige Details eingehen (Pistengefahren und was man in Zukunft besser machen kann, um ähnliches zu verhindern: Helme, etc.). Es tut mir sehr leid, dass Eure Freundin so schwer verunglückt ist. Für uns wäre es wichtig, noch einmal einige Details von der Piste zu bekommen. Hast Du denn einen Draht zur            [zweites Unfallopfer]? Gestern haben die Behörden gesagt, sie sei mittlerweile ausgeflogen und es gehe ihr den Umständen entsprechend. Vielleicht kann sie bei all der Tragik zumindest noch dabei helfen, ein Problem mit der Piste oder ähnlichem aufzuklären. Wie gesagt, bitte entschuldige den „Überfall“ hier. Ich bin entweder hier erreichbar oder telefonisch in der Redaktion Köln unter 0221            .

Ich wünsch Dir einen nicht ganz so schweren Tag
Sven

PS: Soweit wir wissen, ist Kuschels Service-Artikel über „Pistengefahren und was man in Zukunft besser machen kann“ bislang noch nicht in „Bild“ erschienen. Der „Bild am Sonntag“-Artikel allerdings wurde am heutigen Nachmittag komplett aus dem Angebot von Bild.de entfernt.

„Bild“ belohnt Gaffer mit 500 Euro

Vor einer Woche sind eine Frau und ihre 18-jährige Tochter bei einem Verkehrsunfall mit ihrem Auto in den Main gestürzt. Beide konnten sich glücklicherweise rechtzeitig aus dem Wagen befreien und ans Ufer retten. Ein „Bild“-Leser fotografierte die Szene und schickte das Foto an „Bild“. Die zahlt dafür 500 Euro und druckte es am Donnerstag bundesweit ab:

"Auto versenkt! Hier retten sich Mutter und Tochter"

Am Freitag berichtete die „Main-Post“ über den Unfall:

"Unter den Bildern, die der Mutter im Nachhinein kommen, ist eines besonders haften geblieben. Sie kann sich an viele Menschen erinnern, die herum gestanden, geguckt und fotografiert haben, während sie und ihre Tochter um ihr Leben kämpften. Einer hat sein Foto gar an eine Boulevard-Zeitung verkauft. (...) Aber nur ein einziger Mann hat beherzt zugegriffen,..."

Mit Dank an Heiko S. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 24.01.2008: Wie die „Main Post“ berichtet, hatten die Unfallopfer „gegen die Laienfotografen Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung“ und offenbar gegen die „Bild“-Zeitung wegen Aufforderung zu einer Straftat gestellt. Die Staatsanwaltschaft habe jedoch die Auffassung vertreten, „dass keine Aufforderung zu einer Straftat vorliege, weil es nur um die Zusendung von Bildmaterial und die urheberrechtliche Nutzung gehe.“ Auch die Ermittlungen wegen Unterlassener Hilfeleistung wurden eingestellt. Offenbar, weil die Unfallopfer zum Zeitpunkt des Fotos „bereits gerettet“ gewesen seien.

Scheinheiligenscheinkontrolle!

Der australische Oppositionsführer Kevin Rudd, der als konservativer Christ gilt, ist in die Defensive geraten, weil er vor vier Jahren einen Strip-Club in New York besucht hat. Die „Bild“-Zeitung macht ihn deshalb zum „Verlierer“ des Tages und urteilt:

Geschmacklos!

Das harsche Urteil der „Bild“-Redaktion wirkt noch eindrucksvoller, wenn man es im redaktionellen Kontext auf sich wirken lässt:

Apropos „geschmacklos“. Über die Dame, die das dieswöchige halbnackte „Montags-Mädchen“ darstellt, hat „Bild“ groß geschrieben:

Claudia (20) fühlt sich im Keller wohl

Wenige Zentimeter entfernt steht der „TV-Tipp“ des Tages:

Extra Spezial: Natascha Kampusch — Mein neues Leben!

Mit Dank an Spießer Alfons!

Blut-Konserve

Im Iran habe ein Löwe in seinem Käfig einen Pfleger angegriffen und schwer verletzt. Der Mann habe einen Herzstillstand erlitten, sei jedoch wiederbelebt worden, nachdem es einem herbeieilenden Polizisten gelungen sei, den Löwen zu erschießen.

"Löwe zerfleischt Pfleger"Soweit die Geschichte in 35 Wörtern. „Bild“ braucht 95, berichtet aber auf einer halben Zeitungsseite darüber (siehe Ausriss). Der weit überwiegende Teil davon besteht aus Bildern, die einem „Privatvideo“ entnommen wurden. Die Bilder sind ebenso spektakulär wie blutig. Eines zeigt den auf dem Boden liegenden Pfleger mit weit aufgerissenen Augen.

Das ist an sich schon widerlich. Und wird noch widerlicher dadurch, dass das „Privatvideo“ mindestens seit dem 19. April im Internet kursiert*. Der Unglücksfall dürfte fast drei Monate oder noch länger zurück liegen. Die Geschichte hat keinerlei Neuigkeitswert. Sie dient ausschließlich zur Befriedigung der Sensationslust der Leser.

*) Aus naheliegenden Gründen verzichten wir auf einen Link zum Video.

Mit Dank an Klaus, Peter N., Andreas und Markus F. für den Hinweis.

Was „Bild“ mit den Bohlen-Nacktfotos zu tun hat

"B.Z."-Titelseite mit Fotos, die Dieter Bohlen und seine Freundin Carina nackt zeigenKurze Frage: Ist es eigentlich eine Geschichte über „Bild“, dass die „B.Z.“ (die wie „Bild“ im Verlag Axel Springer erscheint) kürzlich Nackfotos von Dieter Bohlen und seiner Freundin druckte?

Kurze Antwort: Ja.
 
Lange Antwort: Ja, denn „Bild“ meldete anschließend nicht nur (wie berichtet), dass „eine Berliner Zeitung“ (gemeint war das Schwesterblatt „B.Z.“) die Fotos nicht mehr zeigen dürfe. Und „Bild“ druckte nicht nur in rund dreieinhalb Millionen Exemplare die komplette Adresse einer Internetseite, auf der die verbotenen „B.Z.“-Seiten mit den Nacktfotos (hochgeladen von einem anonymen Nutzer) zu sehen waren.

Nein, offenbar gibt es sogar einen Grund dafür, dass die Fotos überhaupt in der kleinen „B.Z.“ erschienen und nicht in der großen „Bild“: Nach unseren Informationen erfuhr Bohlen schon vor der Veröffentlichung, dass Nacktfotos von ihm und seiner Freundin gemacht worden waren und in „Bild“ erscheinen sollten. Und so gingen beim Verlag Axel Springer zwei vorbeugende einstweilige Verfügungen von Bohlens Anwalt ein, die „Bild“ den Abdruck der Fotos gerichtlich untersagten: Anscheinend mit einem enormen Teleobjektiv, aber ohne Wissen und Einverständnis der Fotografierten entstanden, verletzten sie die Intimsphäre und den geschützten Bereich der Privatsphäre Bohlens und seiner Freundin.

Und tatsächlich veröffentlichte „Bild“ die Nacktfotos nicht. Stattdessen landeten sie beim „Bild“-Schwesterblatt „B.Z.“, die sie (am selben Tag, an dem die Verfügungen bei Springer eingingen) auf dem Titel und als „Bilder des Tages EXTRA“ auf einer Doppelseite in größtmöglicher Aufmachung veröffentlichte. Und als die „B.Z.“ nach Erscheinen der Nacktfoto-Ausgabe eine Unterlassungserklärung abgegeben hatte, die Fotos nicht mehr zu zeigen, berichtete „Bild“ wie beschrieben.

Wie niederträchtig. Wir hatten deshalb allerlei Fragen an den Verlag: ob Springer gegen die immerhin urheberrechtsverletzende Veröffentlichung der „B.Z.“-Seiten im Internet vorgehen werde*, ob Springer der anonyme Nutzer, auf dessen Internetseite „Bild“ verwies, bekannt sei, ob es zu den Gepflogenheiten des Verlags gehöre, auf derart anonyme Quellen zu verweisen und warum „Bild“ zwar die komplette Internetadresse druckte, den Namen der „B.Z.“ jedoch verschwieg…

Die Antwort des Verlagssprechers Tobias Fröhlich lautete:

Von unserer Seite aus gibt es dazu nichts zu sagen.

Von unserer Seite aus schon.
 
*) Dafür, dass die faksimilierten „B.Z.“-Seiten aus dem Internetangebot entfernt wurden, sorgte nach unseren Informationen übrigens nicht Springer, sondern Bohlen.

„Bild“ ekelt es vor sich selbst

WIDERLICH! Porno-Produzent wirbt mit Katja RiemannEin Sexfilm-Produzent entdeckt, dass der neue Freund von Schauspielerin Katja Riemann in mehreren seiner Hardcore-Pornos mitgewirkt hat, und versucht nun, aus dieser Tatsache Kapital zu schlagen.

„Bild“ spricht heute von einer „widerlichen Kampagne“, und wir würden da ausnahmsweise nicht widersprechen. „Bild“ wörtlich:

Und ER steckt hinter dieser widerlichen Kampagne: Pornoproduzent Fritz Gröger (58).

Und auch das scheint zu stimmen. Denn auf Gröger berief sich diejenige Zeitung, die am Samstag groß auf der Titelseite mit der widerlichen Kampagne begann: die „Bild“-Zeitung.

Ihr Neuer war Porno-Star

„Bild“ schrieb:

Katja Riemann: Ihr Neuer drehte drei Pornofilme

Pornoproduzent Fritz Gröger (58) aus Ochsenburg (Baden-Württemberg) zu BILD: „Ich habe B.* im Frühstücksfernsehen entdeckt — an der Seite von dieser Schauspielerin. Ich dachte mir gleich „‚Hey, den kenn ich doch!'“

*) Name von uns anonymisiert.

Zu Grögers widerlicher Kampagne gehörte es, die „Bild“-Zeitung mit mehreren Fotos aus den Pornofilmen zu versorgen, die „Bild“ notgedrungen abdruckte, ebenso wie das von Gröger zur Verfügung gestellte Foto des Darstellers mit Personalausweis und Vertrag. Gröger schreckte nicht einmal davor zurück, „Bild“ detailliert zu berichten, wie die entsprechenden Filme heißen und wo sie zu erwerben sind, und die Zeitung kam ihrer Chronistenpflicht nach:

Die Filme tragen die Namen „Inferno, Vol.2“ und „Torture, Vol.3“. Der dritte Film kommt in wenigen Monaten auf den Markt, hab noch keinen Titel. Die Filme (…) sind bei „Beate Uhse“ und in gut sortierten Videotheken erhältlich. Die Handlung: Gruppensex in allen erdenklichen Lagen.

(Genauere Preisangaben und Hotline-Nummern fehlen erstaunlicherweise.)

In seine widerliche Kampagne spannte Gröger dann anscheinend auch noch Sandra B. (29) ein, eine mehrfache Partnerin von B. in den Pornos.

Sex-Model erzählt: So war mein Porno-Dreh mit Katja Riemanns Berliner Freund

„Bild“ zeigte pflichtschuldig ein großes Foto von Sandra B. im Lederdress, beschrieb ihre Rolle in den Filmen, ließ sich von ihr erklären, wie angenehm die Zusammenarbeit mit dem Mann war, und sah sich gezwungen, die Begegnung der beiden mit einem Bild zu dokumentieren, das Sandra B. beim Geschlechtsverkehr mit ihm zeigt, während sie einen anderen Mann oral befriedigt.

Zu Komplizen in der widerlichen Kampagne wurden dann noch fünf prominente Frauen (Jasmin Wagner, Andrea Ballschuh, Brzeska, Kristina Bach und Jana Ina), die für „Bild“ Riemanns private Situation kommentieren mussten.

Schlimm, diese Porno-Produzenten. Schlachten so eine Geschichte skrupellos aus und ziehen nicht nur die arme Katja Riemann, sondern auch eine große deutsche Boulevardzeitung mit in den Dreck. Widerlich.

PS: Katja Riemann und ihr Freund gehen juristisch gegen „Bild“ vor.

Bundeswehr „erschüttert“ über „Bild“-Zeitung

Gestern befand sich auf Seite 2 der „Bild“-Zeitung ein großes Foto. Es zeigte einen „blutüberströmten“ Bundeswehrsoldaten, der am vergangenen Samstag bei dem Selbstmordanschlag auf einem Marktplatz in Kundus offenbar verletzt wurde. „Bild“ hatte den Mann nicht unkenntlich gemacht, so dass deutlich sein verstörter Gesichtsausdruck zu sehen war (wir berichteten).

"Lafontaine soll sich bei Soldaten entschuldigen"Heute zeigt „Bild“ noch einmal das gleiche Foto des Soldaten auf ihrer Seite 2. Wieder ist er nicht unkenntlich gemacht worden (siehe Ausriss). Als Anlass für die erneute Abbildung des Mannes dient „Bild“ der Auftritt von Oskar Lafontaine bei „Sabine Christiansen“. Lafontaine habe der Bundeswehr vorgeworfen, „mittelbar in terroristische Aktionen verwickelt“ zu sein. Und „Bild“ schreibt unter der Überschrift „Lafontaine soll sich bei Soldaten entschuldigen!“:

Hat er nicht einen Moment an die Opfer gedacht, an die trauernden Angehörigen?

Eine Frage, die man auch „Bild“ stellen kann. Denn der Sprecher des Bundeswehr-Wiederaufbauteams im nordafghanischen Kundus, Oberstleutnant Günter Schellmann, zeigte sich „erschüttert über die Berichterstattung“ in Teilen der Presse zum Anschlag in Afghanistan, wie es in einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa heißt:

„Ich glaube, da ist viel kaputt gemacht worden“, sagte er am Dienstag am Rande eines Besuchs von Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Es sei sehr schwer gewesen, die Soldaten und auch die Führung zu beruhigen, als die „hässlichen Bilder“ in Teilen der deutschen Presse kursierten und auch die Familien der unmittelbar Betroffenen des Anschlags erreicht hätten. „Das hat uns alle tief getroffen. Ich habe nicht geglaubt, dass so was in Deutschland möglich ist.“ Nach dem Anschlag am Samstag waren drastische Bilder einer privaten afghanischen Fernsehstation auch von einigen deutschen Medien übernommen worden.

Im Stil einer Terroristengeisel

So sieht die heutige „Bild“-Schlagzeile aus:

Und wir fassen zusammen: „Bild“ findet es nicht lustig, dass in der Pro7-Show „TV total“ der ausgeschiedene DSDS-Kandidat Max Buskohl von Moderator Stefan Raab „im Stil einer Terroristengeisel“ gezeigt wurde. Ja, „Bild“ findet die „widerliche Kopie“ sogar „total geschmacklos“, behauptet, das fraglos umstrittene Motiv „verhöhnt RAF-Opfer“ — und fragt:

DAS SOLL KOMISCH SEIN?

Desweiteren berichtet „Bild“, die Familie des 1977 von der RAF ermordeten Hanns-Martin Schleyer sei „entsetzt“, und zitiert dann auch noch den Kulturstaatsminister Bernd Neumann mit den Worten:

„Wer Fotos von RAF-Opfern für Show-Effekte nutzt, handelt unverantwortlich. (…)“

Fragt sich bloß, was Schleyers Familie und der Kulturstaatsminister wohl zu folgender „Bild“-Werbung gesagt hätten:

Mit Dank an Fabian K. für den sachdienlichen Hinweis.

Symbolfoto XLVII

Ein 15-jähriges Mädchen ist brutal ermordet worden, der mutmaßliche Täter geständig, der Fall seit Monaten in den Schlagzeilen.

Am Donnerstag war Prozessauftakt. Die Eltern des Opfers saßen in einem Gerichtssaal in Hagen, und sie waren nicht allein. O-Ton „Westfalenpost“: „Vor Sitzungssaal 201 ist um 8.54 Uhr der Andrang bereits so groß, dass Reporter, interessierte Zuschauer und neugierige Gaffer vor der verschlossenen Saaltür einen bunten Pulk bilden. (…) Um 9.05 Uhr werden die Einlasskarten verteilt. Gedränge, Geschiebe, wie beim Sommerschlussverkauf. (…) Um 9.58 Uhr betritt das Gericht den Raum. Blitzlichtgewitter der Pressefotografen, TV Kameras surren, dann Abgang, raus.“

Und man muss sich das vorstellen: Inmitten dieses Blitzlichtgewitters und der surrenden TV-Kameras also, in einem Raum mit dem Oberstaatsanwalt, der gleich die Anklageschrift verlesen, und dem mutmaßlichen Mörder, der anschließend möglichst detailliert Auskunft über seine Tat geben sollte — die Eltern des Opfers. Klick!

Das ist schlimm, aber vielleicht ist es doch nicht das schlechteste Foto, weil es so eindringlich die Erschütterung zeigt, die ein solches Verbrechen auslöst:

Tiefe Trauer und Nervösität bei den Eltern von Nadine kurz vor Beginn der Gerichtsverhandlung

So steht es unter dem Foto in der „WAZ“. Und sogar in „Bild“, die vorgestern fast dasselbe Foto druckte, steht es ähnlich:

(…) die Eltern der toten Nadine sammeln Kraft für die schrecklichen Einzelheiten des Todes ihrer Tochter

Denjenigen aber, die bei „Bild“ tagtäglich aus den Geschichten „Bild“-Schlagzeilen machen, war das nicht genug: „kurz vor Beginn“? „sammeln Kraft für“? Geht’s nicht besser, schlimmer? Ja:

Es hat also einen Sinn, dass es ab Prozessbeginn nicht mehr gestattet war, zu fotografieren: „Bild“, so lehrt uns die kleine, fette Lüge in der Überschrift, hätte die Fotos zu gern gedruckt.

Mit Dank an Tim E. — auch für das „WAZ“.

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