Ein Endspiel zeichnet sich normalerweise dadurch aus, dass es in einer Partie um alles oder nichts geht. Bei Bild.de ziehen sich Endspiele über mehrere Wochen, und nach dem einen Endspiel gibt es dann noch ein weiteres und dann noch eins und noch eins und dann vielleicht noch eins.
Los ging es am 18. November — da begannen die “Bild”-“Endspiel”-Wochen für BVB-Trainer Peter Bosz:
Die “zwei Endspiele” sollten die Champions-League-Partie gegen Tottenham Hotspur und “das Derby” gegen den FC Schalke 04 sein. Gegen Tottenham verloren die Fußballer des BVB und Bosz 1:2, gegen Schalke gab es ein 4:4, nachdem der BVB bereits 4:0 geführt hatte.
Die Vereinsführung des BVB entschied sich allerdings dafür, an Bosz festzuhalten. Und schon gab es laut Bild.de das nächste “Job-Endspiel”, dieses Mal in der Bundesliga gegen Bayer 04 Leverkusen:
Der BVB spielte in Leverkusen 1:1. Und obwohl seine Mannschaft im Endspiel nach dem Endspiel nach dem Endspiel nich gewonnen hat, durfte Peter Bosz Trainer in Dortmund bleiben.
Für die “Bild”-Medien bedeutet das: Die Bundesliga-Partie des BVB am kommenden Samstag ist das “Endspiel” für Bosz (während das heutige Champions-League-Spiel gegen Real Madrid lediglich als “Endspiel-Training” durchgeht):
Auch im Sportteil verbreitet “Bild” immer wieder ziemlichen Unsinn. Gerade beim Fußball und auffallend oft über die Dortmunder Fußballer. Wir erinnern gern noch mal an den Sicher-nein-ja-oder-doch-nicht-Wechsel von BVB-Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang nach China im vergangenen Sommer.
Über BVB-Verteidiger Neven Subotic schrieb Bild.de vergangene Woche, dieser habe “keine Chance mehr” bei seinem Klub:
Vor 5 Jahren war Subotic in Dortmund noch gefeierter Double-Held, gesetzt als Abwehr-Bank bei Ex-Coach Jürgen Klopp (50). Unter Neu-Trainer Peter Bosz (53) muss der Innenverteidiger froh sein, wenn er überhaupt im Kader ist.
Vier Tage später stand Subotic in der Startelf gegen Bayer 04 Leverkusen.
Ebenfalls vergangene Woche behauptete die Bild.de-Redaktion, es gebe beim BVB einen “Not-Plan” mit Trainer Armin Veh, falls “Endspiel”-Trainer Peter Bosz nicht bald gewinne:
BILD weiß: Armin Veh (56) ist Kandidat als Not-Nagelsmann bis zum Saisonende.
Heute meldete auch Bild.de, dass Armin Veh neuer Sportdirektor beim 1. FC Köln ist.
In diesen 27 Zeilen plus Überschrift stecken gleich mehrere Fehler.
Erstmal grundsätzlich, um das Wirrwarr etwas zu ordnen: Die Zahl 1558 (die auch nicht ganz richtig ist — dazu gleich mehr) bezieht sich auf die durchschnittlich täglich angezeigten Straftaten im Jahr 2016. Die Zahlen zu den Rauben (5146), Taschendiebstählen (44.722) und Kfz-Diebstählen (7349) beziehen sich hingegen auf das komplette Jahr 2016. Völlig falsch sind die Sternchen an den jeweiligen Zahlen, die darauf hinweisen sollen, dass es sich um “Straftaten pro 100.000 Menschen” handelt. Das stimmt nicht — es sind die in Berlin insgesamt angezeigten Straftaten pro Tag beziehungsweise Raube, Taschen- und Kfz-Diebstähle pro Jahr.
Gehen wir der Reihe nach durch. Die Überschrift:
Jeden Tag 1558 Straftaten
Wenn die “Bild”-Redaktion den Anspruch hätte, exakt zu berichten, müsste sie schreiben: “Jeden Tag 1554 Straftaten”. In Ordnung wäre auch noch “Jeden Tag 1559 Straftaten”. “Jeden Tag 1558 Straftaten” ist rechnerisch jedenfalls falsch. Die “Polizeiliche Kriminalstatistik 2016” des Bundeskriminalamts, auf die sich “Bild” bezieht, gibt für Berlin 568.860 “erfasste Fälle” an (PDF, Seite 25). 2016 war ein Schaltjahr mit 366 Tagen. Demnach gab es durchschnittlich gerundet 1554 angezeigte Straftaten pro Tag. Lässt man die Sache mit dem Schaltjahr weg und rechnet mit 365 Tagen, kommt man — wenn man richtig rundet — auf 1559 täglich angezeigte Straftaten.
Die Hauptstadt ist auch die Hauptstadt des Verbrechens
… und …
Auf die Bevölkerung gerechnet ist das mehr als in jedem anderen Bundesland.
Beides stimmt — wenn man es wie “Bild” “auf die Bevölkerung” rechnet. In Berlin gab es 2016 pro 100.000 Einwohner 16.161 angezeigte Straftaten (PDF, Seite 25). In Bremen waren es mit 13.687 am zweitmeisten, Hamburg lag mit 13.384 auf Platz 3. Absolut lag Nordrhein-Westfalen ganz vorne: Im bevölkerungsreichsten Bundesland gab es 2016 1.469.426 angezeigte Straftaten. Nimmt man nicht die Bundesländer, sondern die Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern, hat Berlin immer noch die höchste Quote, allerdings ist der Vorsprung deutlich geringer als bei den Bundesländern: In Leipzig waren es 15.811 angezeigte Straftaten pro 100.000 Einwohner, in Hannover 15.764 und in Frankfurt am Main 15.671 (PDF, Seite 27).
Es werden die meisten Raube (5146) begangen
Das ist doppelt falsch. Tatsächlich waren es laut “Polizeilicher Kriminalstatistik 2016” für Raubdelikte (PDF, Seite 28) 5156 Raube. Die Statistik zeigt auch, dass Berlin weder bei den absoluten Zahlen noch bei der 100.000-Einwohner-Quote auf Platz 1 liegt: In Nordrhein-Westfalen gab es 2016 12.647 angezeigte Raube. In Bremen gab es pro 100.000 Einwohner 172,9 Raub-Anzeigen — und damit mehr als in Berlin (146,5).
Das ist wiederum falsch. Die Zahl stimmt zwar, es waren aber nicht “die meisten Autos”. In Nordrhein-Westfalen (7518) wurden 2016 mehr Kfz-Diebstähle angezeigt als in Berlin (PDF, Seite 76).
Der Rest müsste stimmen, wobei es in anderen Bundesländern 2016 mehr Ermittlungen “gegen Täter aus dem Bereich Organisierte Kriminalität” gab (Nordrhein-Westfalen: 107, Bayern: 76, Niedersachsen: 66) als in Berlin (PDF, Seite 7) und es in anderen Bundesländern 2016 mehr Tatverdächtige gab (Nordrhein-Westfalen: 494.885, Bayern: 446.433, Baden-Württemberg: 251.141, Niedersachsen: 222.092, Hessen: 178.260) als in Berlin (PDF, Seite 48).
Ein BILDblog-Leser braucht unsere Hilfe. Er arbeitet in einem großen deutschen Unternehmen und ärgert sich jedes Mal, wenn er in die Kantine kommt — weil dort die “Bild”-Zeitung verkauft wird. Und zwar nur “Bild”, keine andere Zeitung.
Nachdem er darum gebeten hatte, sie nicht mehr zu verkaufen oder zumindest nicht mehr als einzige Zeitung, wurde er prompt zum Betriebsrat einbestellt. Dort muss er in dieser Woche erscheinen, offenbar um zu erklären, warum er die “Bild”-Zeitung denn so schlimm findet.
Nun hat er uns gebeten, ihm Links zu BILDblog-Artikeln zu schicken, mit denen er belegen kann, dass “Bild” alles andere als Journalismus ist. Weil wir aber viele Schandtaten der letzten Jahre inzwischen erfolgreich verdrängt haben, würden wir die Bitte gerne an Euch weitergeben, also: Welche unserer Artikel zeigen Eurer Meinung nach am eindrucksvollsten das wahre Gesicht der “Bild”-Zeitung?
Postet die Links bei Facebook und Twitter unter dem Hashtag #KeineBILDinderKantine — dann können wir ihm ein Worst-of zusammenstellen, damit er für das Gespräch beim Betriebsrat gerüstet ist. (Und falls sonst noch jemand versuchen möchte, seine Kantine, seinen Friseur oder seine Arztpraxis von “Bild” zu befreien, leiten wir die Sammlung natürlich gerne weiter.)
Julian Reichelt will nicht über Geld reden. Über sein eigenes jedenfalls nicht. Über das Geld anderer Leute reden und schreiben Reichelt und seine “Bild”-Kollegen liebend gern: So viel verdient Bundesliga-Star XY, das bekommt DAX-Manager Soundso, lesen Sie mal, wie viel Moderator Trallala kassiert. Kaum eine Woche, in der “Bild”, “Bild am Sonntag” und Bild.de nicht über das hohe Einkommen und das immense Vermögen einzelner Personen berichten.
Geht es allerdings um seine eigenes Gehalt, findet Julian Reichelt dieses Verhalten hochgradig gefährdend. Als das Medienmagazin “kress pro” in der Titelgeschichte seiner Oktoberausgabe über die Jahresgehälter von Verlagsmanagern und Chefredakteuren schrieb, kam darin auch der “Bild”-Oberchef vor:
Im nationalen Geschäft liegt die Schallmauer inzwischen bei 500.000 Euro, die aber nur eine Handvoll erreichen. “Spiegel”-Chef Klaus Brinkbäumer dürfte geschätzt in dieser Liga spielen, auch “FAZ”-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron gilt als Kandidat. “Stern”-Chef Christian Krug und die “SZ”-Doppelspitze liegen geschätzt 50.000 bis 100.000 Euro darunter. Deutlich darüber liegen müssten Julian Reichelt, Chef der “Bild”-Gruppe, und “Zeit”-Chef Giovanni di Lorenzo. Reichelt verantwortet den umsatzstärksten Titel und offenbar zahlt Springer mit einem guten Anteil variabler Vergütung. Reichelts Vorgänger Kai Diekmann soll nach seinem Abgang eine deutlich siebenstellige Summe bekommen, was auf ein siebenstelliges Gehalt hinweist. Diekmann dürfte jahrelang der bestbezahlte Chefredakteur gewesen sein. Reichelt müsste also irgendwo zwischen 500.000 Euro und 1 Million liegen.
Diese wenigen, nüchtern gehaltenen Zeilen passten Reichelt offenbar überhaupt nicht. In der November-Ausgabe von “kress pro” schreibt Chefredakteur Markus Wiegand über “die Widersprüche des ‘Bild’-Chefs”:
Einige der Betroffenen kommentierten die Schätzung informell, die meisten verzichteten jedoch auf einen Kommentar.
Julian Reichelt war der einzige Chefredakteur, der uns bat, auf eine Schätzung zu verzichten. Er argumentierte, dass eine Schätzung seines Gehalts das Risiko finanziell motivierter Straftaten gegen seine Familie erhöhen würde.
Wir konnten die Argumentation nicht nachvollziehen, boten aber ein informelles Gespräch an, um den Fall zu klären. Reichelt lehnte dies ab.
Die Logik hinter Reichelts Argumentation scheint zu sein: Kriminelle, die bisher dachten, dass der Chef von “Bild”, “Bild am Sonntag”, Bild.de und “B.Z.” vielleicht 3000 oder 4000 Euro im Monat verdiene, dürften durch die Veröffentlichung einer groben Schätzung seines Gehalts verstanden haben, dass bei ihm deutlich mehr zu holen sein könnte.
Sollte dieser Gedanke stimmen, ergibt sich automatisch die Frage: Bringen Julian Reichelt und die “Bild”-Medien seit Jahren regelmäßig die Familien anderer Menschen in Gefahr?
Zum Beispiel die Familie von WDR-Intendant Tom Buhrow. Vor etwas mehr als zwei Monaten titelte Bild.de:
Im dazugehörigen Artikel steht:
Angeführt wird die Liste von WDR-Intendant Tom Buhrow. Sein Verdienst: 399 000 Euro im 2016 — umgerechnet auf 12 Monate wären das 33 250 Euro!
Auf den folgenden Plätzen liegen:
• Ulrich Wilhelm, der Intendant des BR, mit 367 000 Euro
• NDR-Intendant Lutz Marmor, welcher 348 000 Euro verdiente.
Das niedrigste Gehalt der ARD-Bosse bezog bei 237 000 Euro Jahresvergütung der SR-Chef Thomas Kleist.
Oder die Familie von “Radio Bremen”-Intendant Jan Metzger.
Als Sender ist Radio Bremen der kleinste unter den neun ARD-Anstalten. Doch sein Chef ist beim Verdienen ganz vorne mit dabei.
242 000 Euro erhielt Intendant Jan Metzger im Jahr 2011. So zumindest steht es im Branchen-Nachrichtendienst “Funkkorrespondenz”.
Oder die Familie von TV-Moderator Günther Jauch.
Und wie viel verdient Jauch wirklich? Fakt ist: Ein Vielfaches vom jährlichen Bruttogehalt der Kanzlerin. Angela Merkel erhält 194 000 Euro im Jahr.
Die ARD überweist Jauchs Produktionsfirma “I & U” nach BILD-Informationen allein für die Talk-Sendungen 10,5 Mio. Euro im Jahr. Nach Branchenschätzungen sollen ihm davon mehr als 1 Million bleiben. Dazu kommen TV-Honorare für die RTL-Shows “Wer wird Millionär?” und “5 gegen Jauch”. Außerdem produziert er mit seiner Firma bis zu 130 weitere Sendungen im Jahr.
Oder die Familien verschiedener BBC-Moderatoren und -Moderatorinnen.
Das höchste Gehalt bei der BBC bezieht demnach der Moderator Chris Evans: Er bekam im vergangenen Jahr ein Gehalt von umgerechnet rund 2,5 Millionen Euro.
Der ehemalige Fußballstar und Sportmoderator Gary Lineker verdiente umgerechnet rund 2 Millonen Euro.
Die am besten verdienende Frau bei der BBC ist die TV-Moderatorin Claudia Winkleman — sie erhält ein jährliches Salär zwischen umgerechnet rund 509 000 und 565 000 Euro.
Oder die Familie von Fußballer Matija Nastasic.
Schalkes Neuer verdient 250 000 Euro im Monat!
BILD enthüllt die Details des Nastasic-Vertrages:
► Der Nationalverteidiger erhält ein monatliches Grundgehalt von exakt 250 000 Euro, für das halbe Jahr also fixe 1,5 Mio Euro.
► Dazu kommt noch eine Prämie, wenn er mit Schalke die Champions League erreicht.
Oder die Familie von Daimler-Boss Dieter Zetsche.
Erfolg zahlt sich für ihn buchstäblich aus: Daimler-Chef Dieter Zetsche streicht erneut mehr Gehalt ein.
Nach mehr als 8,2 Millionen Euro im Vorjahr kassiert der Konzernlenker für 2014 knapp 8,4 Millionen Euro.
Oder die Familie von Zetsches Pendant bei BMW, Harald Krüger.
Oder die Familie von Tennisspieler Alexander Zverev.
Oder die Familie von Fußballer Franck Ribéry.
Oder die Familie von Burkhard Jung, Oberbürgermeister in Leipzig.
Oder die Familie von Fußballtrainer Jürgen Klopp.
Oder die Familie von Sängerin Taylor Swift.
Oder die Familie von SAP-Chef Bill McDermott.
Wir könnten diese Liste noch ewig weiterführen. Mit Bundesliga-Torwart René Adler, mit “Deutschlands Top-Managern”, mit HSV-Profi Bobby Wood, mit Fußballtrainer Carlo Ancelotti, mit den “wichtigsten Berlin-Managern”, mit “Promis in Politik, Wirtschaft, Show und Sport” und mit vielen, vielen anderen.
Einen Widerspruch zwischen dem, was er für sich selbst einfordert, und dem, was er und seine Kollegen Tag für Tag, Woche für Woche produzieren, scheint Julian Reichelt nicht erkennen zu können.
“Deutscher Raketeningenieur” schreibt die “Bild”-Redaktion in der ganz kurzen Biografie über Wernher von Braun, der das heutige “ZITAT” des Tages auf der Titelseite des Boulevardblatts liefert. Dabei war von Braun viel mehr: Vater der Raumfahrt, in leitender Position bei der NASA, ausgestattet mit 25 Ehrendoktortiteln, großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, Goldene Medaille der Humboldt-Gesellschaft und so weiter.
So jemanden kann man zitieren.
Vorher war Wernher von Braun NSDAP-Mitglied. Er machte Karriere bei der SS, bis zum Sturmbannführer. Adolf Hitler ernannte ihn persönlich zum Professor. 1944 bekam von Braun das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern verliehen. Er forderte immer wieder KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte an, war an ihrer Ausbeutung beteiligt. Wernher von Braun war im Konzentrationslager Buchenwald und suchte dort selbst Häftlinge aus, die in der Raketenproduktion arbeiten mussten. Er sah nach eigener Aussage die “Hungergestalten”, die bei der unterirdischen Produktion in einem Stollen eingepfercht waren. Rund um den Bau von von Brauns V2-Rakete sollen nach SS-Akten 12.000 Zwangsarbeiter gestorben sein, manche Schätzungen gehen von mehr als 20.000 Toten aus. Zeitzeugen berichten, dass von Braun die Leichen bei seinen Inspektionen nicht habe übersehen können.
Will man wirklich ein Zitat dieses Mannes auf der eigenen Titelseite haben?
Denn die Frage ist doch auch: Womit war Wernher von Braun “nie zufrieden”? Mit seiner eigenen Leistung und der seiner NASA-Kollegen beim Wettlauf um die erste Mondlandung? Oder mit den sich zu Tode schuftenden Zwangsarbeitern aus den Konzentrationslagern? Sowohl als auch?
Man kann sich nicht mit der einen Seite von Wernher von Braun auf der eigenen Titelseite schmücken, ohne die andere dazuzubekommen.
In der “Bild”-Zeitung von heute kann man mal wieder sehr schön sehen, wie unsauber “Bild”-Oberchef Julian Reichelt arbeitet, wie egal es ihm ist, seine Leserschaft ordentlich zu informieren, wie sehr er auf journalistische Verantwortung und verantwortlichen Journalismus pfeift. Und das alles nur, um mal wieder so richtig losknallen zu können.
Es geht um eine Entscheidung des Landgerichts Frankfurt am Main. Das hat gestern Ansprüche eines Studenten aus Israel gegen “Kuwait Airways” auf Beförderung sowie auf Entschädigung wegen Diskriminierung zurückgewiesen. Der junge Mann wollte mit der staatlichen Fluglinie von Frankfurt nach Bangkok reisen, mit Zwischenstopp in Kuwait. Als die Airline von seiner Staatsangehörigkeit erfuhr, stornierte sie sein Ticket. In Kuwait gibt es ein Gesetz, das Geschäftsbeziehungen jeglicher Art mit Staatsbürgern Israels verbietet. Dieses “Einheitsgesetz zum Israel-Boykott” kann man empörend und das Verhalten von “Kuwait Airways” schäbig finden. Genauso kann man es völlig zurecht schrecklich finden, dass einem Menschen aufgrund seiner Staatsangehörigkeit ein Flug verweigert wird.
Das Landgericht Frankfurt gab “Kuwait Airways” gestern allerdings recht — es entschied, dass es den israelischen Studenten nicht befördern müsse. “Bild”-Chefchef Julian Reichelt kommentiert dazu heute in “Bild” und bei Bild.de:
Der Israeli klagt in Deutschland — und verliert. Der Israeli sei Kuwait Airways — und jetzt kommt ein Zitat — “nicht zumutbar”, so das Landgericht Frankfurt.
Dass Juden in irgendeiner Weise “nicht zumutbar” sein sollen, ist die Sprache der “Nürnberger Rassengesetze”, die wiederum Grundlage für Boykott, Deportation und schließlich “Endlösung” waren.
Dass ein deutscher Richter sich dieser Sprache bedient, um ein Skandalurteil zu rechtfertigen, ist eine Schande für Deutschland.
Was noch bemerkenswerter ist: Auch wenn Julian Reichelt sich alle Mühe gibt (“und jetzt kommt ein Zitat”), es so aussehen zu lassen, als würde er in seinem Kommentar sauber zitieren, arbeitet er extrem unsauber. Er reißt die zwei Worte “nicht zumutbar” komplett aus dem Zusammenhang.
Das Landgericht Frankfurt hat — anders als Reichelt es darstellt — nicht gesagt, der Israeli sei “Kuwait Airways” “nicht zumutbar”. Stattdessen schreibt es in einer Pressemitteilung, dass es für die Fluglinie “nicht zumutbar” sei, gegen ein in Kuwait geltendes Gesetz zu verstoßen und damit rechtliche Folgen für die eigenen Mitarbeiter in Kauf zu nehmen:
Das Landgericht hat heute entschieden, dass es der kuwaitischen Fluggesellschaft aus rechtlichen Gründen unmöglich ist, den Kläger aufgrund seiner israelischen Staatsbürgerschaft zu befördern. Das Einheitsgesetz zum Israel-Boykott verbiete es nämlich der kuwaitischen Fluggesellschaft als juristischer Person des Staates Kuwait, einen Vertrag mit einem israelischen Staatsangehörigen zu schließen. Verstöße dagegen würden in Kuwait mit Gefängnisstrafe, harter Arbeit oder Geldstrafe geahndet. Es sei einer Vertragspartei nicht zumutbar, einen Vertrag zu erfüllen, wenn sie damit einen Gesetzesverstoß nach den Regeln ihres eigenen Staates begehe und sie deswegen damit rechnen müsse, dort bestraft zu werden. Das Landgericht hat ausgeführt: “Es geht bei der Beurteilung einer rechtlichen Unmöglichkeit nicht darum, aus Sicht eines deutschen Gerichts zu beurteilen, ob das Gesetz eines fremden Staates — hier das Gesetz (…) des Staates Kuwait — sinnvoll ist und ob es nach den Wertungen der deutschen und europäischen Rechtsordnung Bestand haben könnte.” Eine inhaltliche Bewertung des kuwaitischen Einheitsgesetzes zum Israel-Boykott ist mit dem heute verkündeten Urteil daher nicht — auch nicht mittelbar — verbunden.
Julian Reichelt ist ja nicht doof, er kann lesen. Er ist in der Lage, die Begründung des Gerichts zu verstehen. Er will sie aber nicht verstehen. Ihm ist es offenbar egal, dass er seinen Leserinnen und Lesern falsche Fakten präsentiert.
Auch nach der (noch nicht rechtskräftigen) Entscheidung des Landgerichts Frankfurt kann man das kuwaitische “Einheitsgesetz zum Israel-Boykott” erbärmlich finden. Man kann die Begründung des Landgerichts Frankfurt für völlig falsch halten und von einem “Skandal-Urteil” sprechen. Man kann auch, so wie es Reichelt in seinem Kommentar tut, die Bundeskanzlerin auffordern, “Kuwait Airways” die Start- und Landerechte in Deutschland zu entziehen. Man sollte aber, damit alles zur eigenen Meinung passt, nicht irgendwelche Zitate erfinden.
Diese Passage hier zum Beispiel — gibt es an der irgendetwas Offensichtliches auszusetzen?
Immerhin: Torwart Manuel Neuer (31) steht trotz drei Mittelfußbrüchen 2017 hinter Braun, schrieb bei Facebook: “Ihn trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.”
Sie stammt aus einem Text, der in der “Bild”-Ausgabe vom Mittwoch erschienen ist. In dem Artikel “Brazzo wollte Bayern-Doc loswerden” geht es um die Trennung des FC Bayern München und Volker Braun, der bis vor Kurzem noch Mannschaftsarzt der Profifußballer war.
Die zwei “Bild”-Autoren lassen es so erscheinen, als hätte sich Manuel Neuer einfach mal so und ohne äußeren Anlass in einem Facebook-Post für Braun starkgemacht. Die Information, die sie weglassen: Neuer äußerste sich nur deswegen öffentlich zum “Bayern-Doc”, weil er keine Lust hatte, sich von den “Bild”-Medien instrumentalisieren zu lassen.
Nach BILD-Informationen waren Mannschaft und Klub-Mitarbeiter überrascht vom plötzlichen Braun-Aus. Intern allerdings war der Doc seit einiger Zeit umstritten. Unter anderem, weil er bei Verletzungen nicht die idealen Behandlungsmethoden gewählt hatte, Spieler nach Rückschlägen für längere Zeit ausfielen. Bestes Beispiel: Manuel Neuer (31). Der Torwart brach sich im September zum dritten Mal in diesem Jahr den Mittelfuß.
Das wollte Manuel Neuer so nicht stehen lassen und verfasste am Dienstag einen Facebook-Post:
Einen Tag später nutzte “Bild” dann Neuers “Bild”-Kritik — ohne den “Bild”-kritischen Teil –, um einen neuen “Bild”-Artikel zu füllen. Das schafft auch nur diese Redaktion: Jemanden, der sich nicht von ihr instrumentalisieren lassen will, direkt wieder zu instrumentalisieren.
Mit Dank an Julia F. und @tuschelball für die Hinweise!
Es braucht nicht viel, um für die “Bild”-Redaktion der “VERLIERER” des Tages zu sein. Ein Tweet reicht schon. Und in diesem Tweet muss nur ein einziger Buchstabe an der falschen Stelle stehen — schon landet man schwarzumrandet auf der “Bild”-Titelseite:
Da müssen wir aber erstmal schauen, ob in dem Raum mit all den Nachsitzern noch Platz für Christian Lindner ist. Dort befinden sich schließlich schon einige Mitarbeiter der “Bild”-Medien.
Regt sich hier irgendjemand über die Millionäre, Milliardäre und Riesenkonzerne auf, die laut “Paradise Papers” der “Süddeutschen Zeitung” in Steuerparadiesen und mit Briefkastenfirmen unglaublich viel Steuern sparen? Ja? Dann mal halblang! “Die kleinen Leute” machen das doch auch:
So sah vorgestern die Titelseite der “Bild”-Zeitung aus. Bild.de stellte bucklige Einkaufstütenschlepper und lachende Champagnerschlürferinnen gegenüber:
Auf Seite 2 der “Bild”-Zeitung war es schon keine Frage mehr, ob “die kleinen” besser sind als die “großen Fische”:
Was soll das werden? Das typische “Bild”-Spiel, das auch Gertjan Verbeek, einst Trainer des VfL Bochum, erkannte, als er einen “Bild”-Reporter bei einer Pressekonferenz anblaffte: “Warum schreibt ihr dann immer solche Scheiße? Warum spielt ihr immer zwei Parteien gegeneinander aus?” Will die “Bild”-Redaktion eine Neid-Debatte? Will sie die Enthüllungen der “Paradise Papers” kleinschreiben, weil ja auch der Büroangestellte bei der Pendlerpauschale schummelt, und die Putzfrau zweimal die Woche schwarz arbeitet: Schaut da, die Kleinen, die machen das doch auch — regt euch also mal nicht so auf?
Natürlich summiert sich dieses Ergaunern im Kleinen bei Millionen jährlichen Familienfeiern, die als Geschäftsessen deklariert werden. Dem Staat fehlt dadurch enorm viel Geld, das er eigentlich bekommen müsste. Darüber kann man sich zurecht ärgern. Aber die Schwerpunktsetzung, die Aufmachung und der Zeitpunkt der “Bild”-Titelgeschichte vom Dienstag nehmen Dampf aus einem aktuellen, wichtigen Thema: das systematische Verhindern von Steuerzahlungen durch Reiche und Superreiche in einem riesigen Ausmaß. Und dank “Paradise Papers” gibt es für manche dieser Fälle nun Unterlagen, die dies nahelegen oder sogar beweisen.
Wirklich konsequent ist das Relativieren der “Bild”-Redaktion auch nicht. Normalerweise regt sie sich tierisch auf, wenn der Staat von Einzelpersonen übers Ohr gehauen wird.
Ein Beispiel. Wenn ein Asylbewerber aus dem Sudan sich mit Hilfe von sieben verschiedenen Identitäten 21.701 Euro ertrickst, titelt “Bild” groß:
Das sei “ein krasser Fall von Sozialbetrug”, schreiben die Autoren dann. Ralf Schuler, Leiter des “Bild”-Parlamentsbüros, kommentiert, dass der Fall “richtig wütend” mache. Das sei “kriminelle Energie. Sozialbetrug als Geschäftsmodell!” Kriminelle Energie, Betrug als Geschäftsmodell — das passt auch zu zahlreichen Fällen in den “Paradise Papers”. Nur die Wut verspürt Schulers Redaktion dazu offenbar nicht.
Noch ein Beispiel. Wenn eine Frau “(31, polizeibekannt)” aus Serbien in Berlin lebt und mit ihren sechs Kindern “Tausende Euro Leistungen bezogen” hat, “obwohl ihr Asylantrag abgelehnt wurde”, titelt “Bild” groß:
Das sei “ein unglaublicher Fall”, schreiben die Autoren dann. In seinem Kommentar fordert Dirk Hoeren, Chefkorrespondent der “Bild”-Zeitung, “Missbrauch und Betrug” zu stoppen.
Noch ein Beispiel. Wenn ein Mann aus Deutschland bei seinem Antrag auf Sozialhilfe Einkünfte aus Häusern im Ausland verschwiegen haben soll, schreibt “Bild” tagelang:
Noch ein Beispiel. Wenn sich eine obdachlose Hartz-IV-Empfängerin, die für ihre Essens-Bons keinen Alkohol und keinen Tabak bekommt, 113 Flaschen Mineralwasser besorgt, diese direkt vor dem Geschäft auskippt und sich vom Pfandgeld Alkohol und Tabak kauft, schreibt “Bild”:
Wegen einer 50-Euro-Trickserei mit Steuergeld echauffiert sich die “Bild”-Redaktion und stellt diese Frau, die wohl zu den Ärmsten der Armen gehört, an den Pranger.
Wenn einige Millionäre und Milliardäre sich niedrige bis gar keine Steuern erschummeln, die dem Staat dadurch fehlen, titelt “Bild” zwar auch groß, aber nur um mit dem Finger auf die buckligen Einkaufstütenschlepper zu zeigen und zu fragen: Und was ist mit den Kleinen?
Mariah Carey soll sich den Magen verkleinert haben lassen. Das berichtet Bild.de und beruft sich dabei auf einen Artikel des “Promi-Portals ‘Page Six'”, das sich wiederum auf eine “anonyme Quelle” beruft:
Ja, zugegeben, wir haben auch schon mal eine bessere Quellenlage gesehen. Doch ob es nun stimmt oder nicht, dass die Sängerin sich “bereits vor einem Monat” von einem “Star-Chirurgen aus Bevery Hills” “Teile ihres Magens” operativ entfernen lassen hat, ist gar nicht so wichtig. Interessant ist der angebliche Grund, den Bild.de nennt:
Der Grund demnach: das explodierende Gewicht von Mariah Carey — und fiese Online-Kommentare von bösen Mobbern!
Nein! Da machen sich Leute im Internet lustig über das Gewicht von Mariah Carey? Denken sich blöde Wortspiele zu ihrer Figur aus? Schau an!
Wir wissen sogar, wo manche dieser “bösen Mobber” sitzen und ihre “fiesen Online-Kommentare” verfassen: im Axel-Springer-Hochhaus.
Pop-Presswurst Mariah Carey (47, “Butterfly”) treibt die Zahl überzeugter Vegetarier mit ihren ewig einschneidenden Bühnenoutfits dramatisch in die Höhe.
Fleischeslust wecken ihre hautfarben bestrumpften XL-Kurven im XS-Fummel nämlich NICHT!
Carey klettert von einer Millionen-Dollar-Jacht und lässt sich von ihrem Gefolge helfen, wie es sich für eine Pop-Prinzessin gehört. Dabei trägt sie einen hautengen Neopren-Anzug, der ihre prallen Kurven zusammenquetscht — der dazugehörige Reißverschluss hat allerdings schon aufgegeben und bleibt auf Bauchnabel-Höhe hängen.
In China war es gerade wieder so weit: für ein Konzert zwängte sich Mariah Carey (44) in einen Ultra-Mini und bewies einmal mehr, dass sie die prominenteste Presswurst der Welt ist.