Überraschend ist etwas anderes

„Die Geschichte geht so: Da gibt es einen Volker Schäfer aus Kassel. Der ist gelernter Kunstlehrer, freiberuflicher PR-Berater und steht den Grünen nahe. In jeder Beziehung! ‚Das ist mein Lebensgefährte, wir lieben uns‘, stellte Grünen-Parteichefin Claudia Roth den Mann aus Kassel vor wenigen Monaten überglücklich vor, nahm ihn mit zu einer Gala beim französischen Botschafter.

So weit, so gut. Überraschend ist etwas anderes: Der ‚Kulturexperte‘ Volker Schäfer verdient seit einiger Zeit kräftig Geld nebenbei dazu – als Kommunikationsberater für das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).“

So ähnlich geht die „Geschichte“ noch eine ganze Weile weiter. Und weil sie gestern unter der Überschrift „Amigo-Affäre um Grünen-Chefin Roth – Warum bekam ihr Freund so lukrative Staatsaufträge?“ in der „Bild“-Zeitung stand, konnte der Eindruck entstehen, es gebe einen kausalen Zusammenhang zwischen der Beauftragung Schäfers als Kommunikationsberater des BfS und seiner Beziehung zu Roth.

Roth jedoch ließ nach dem „Bild“-Bericht mitteilen, der Eindruck, es gäbe einen kausalen Zusammenhang zwischen der Beauftragung Schäfers als Kommunikationsberater des BfS und seiner Beziehung zu Roth, „entbehrt jeglicher Grundlage“. So heißt es jedenfalls in einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, die außerdem einen „Bild“-Sprecher zitiert, der sagt, die Fakten in „Bild“ seien korrekt und würden nicht bestritten. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen“ lautet das Resümee bei „Bild“, das allerdings leider nicht so ganz nachvollziehbar ist.

Denn Roth hat nicht nur rechtliche Schritte gegen „Bild“ angekündigt, ihr Anwalt weist zudem ausdrücklich darauf hin, Roth habe Schäfer „zu einem Zeitpunkt kennen gelernt, als dieser bereits seit über einem Jahr als Kommunikationsberater für das Bundesamt für Strahlenschutz tätig war“. Und das bedeutet doch, die Fakten in „Bild“ (egal wie „korrekt“ und „nicht bestritten“ sie auch sein mögen) sind derart unvollständig, dass von einer „Amigo-Affäre“ womöglich überhaupt gar keine Rede sein kann, oder?

Mit Dank an Max P., CS und Pascal-Nicolas B. für die Hinweise.

Nachtrag, 22.4.2005:
Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet (siehe Netzeitung.de), hat Roth nach Angaben einer Parteisprecherin vorm Landgericht Berlin wegen des „Bild“-Berichts eine Einstweilige Verfügung gegen die „Bild“-Zeitung erwirkt, wonach das Blatt eine Gegendarstellung abdrucken müsse. Weiter heißt es: Das BfS und das Bundesumweltministerium betonten, der Vertrag Schäfers sei einwandfrei, er arbeite projektbezogen seit März 2001 für das BfS. Der Axel Springer-Verlag will dennoch Rechtsmittel einlegen.

„Bild“ holt Papst aus der Nazi-Ecke

Die „Bild“-Zeitung. Erst seit einem Tag Papst, und schon alle Hände voll zu tun. Zum Beispiel den Mit-Papst Benedikt XVI. vor fiesen Angriffen zu schützen. Und die sind nirgends schlimmer als im Inland. Außer im Ausland.

Engländer beleidigen deutschen Papst

empört sich „Bild“ und regt sich vor allem über die „Sun“ auf, die gestern mit der zweifellos grenzwertigen Schlagzeile „Von der Hitler-Jugend zum Papa Ratzi“ aufmachte.

„Bild“ schreibt:

60 Jahre nach Kriegsende zerrt das Blatt die Jugend des Papstes ins Rampenlicht, drängt ihn in die Nazi-Ecke: „Es gab Fan-Gesänge für den Ex-Feindsoldaten im Zweiten Weltkrieg, der jetzt Papst Benedikt XVI. ist.“

Um zu behaupten, dass die „Sun“ den Papst in eine Nazi-Ecke drängt, muss man allerdings, wie „Bild“, den Schluss des „Sun“-Artikels ignorieren. Er lautet:

Er war 14, als er gezwungen wurde, der Hitler-Jugend beizutreten. Später war er deutscher Flak-Helfer — bevor er desertierte.

In ihrem Kommentar fügt die „Sun“ in Bezug auf die Position Ratzingers zu moralischen Fragen hinzu:

Wir applaudieren einem Mann, der erkannt hat, dass Werte nicht verhandelbar sind.

Auch skandinavische Zeitungen „verzerren“ nach Ansicht von „Bild“ Ratzingers Vergangenheit:

Das „Aftonbladet“ (Schweden) schreibt: „Der neue Papst war in Hitlers Armee Kindersoldat. (…) Am Ende packte er es nicht mehr, und er desertierte.“

Fest steht: Der neue Papst war in Hitlers Armee Kindersoldat. Am Ende packte er es nicht mehr, und er desertierte. Offen ist: Welchen Teil dieser Aussage findet „Bild“ ehrenrührig?

Seit 23.16 Uhr ist dieser Text online

„Bild“ kennt sich aus mit dem Papst. Schließlich hatte sie ihm vor nicht allzu langer Zeit eine Bibel geschenkt. Und wenn etwas passiert, jetzt zum Beispiel, protokolliert „Bild“ das Geschehen minutiös.

Vor ein paar Tagen etwa titelte „Bild“ auf Seite 2:

„Um 19.12 Uhr verlor der Papst das Bewusstsein“

Das stimmte zwar nicht (weil die Bewusstlosigkeit bereits um 19.11 Uhr von verschiedenen Nachrichtenagenturen ohne genaue Zeitangabe, dafür aber unter Berufung auf den Fernsehsender Sky Italia, der sich seinerseits auf die Nachrichtenagentur Apcom berief, vermeldet worden war) — aber was soll’s: In derselben „Bild“-Ausgabe stand schließlich auch, wann genau die rechte Bronzetür des Petersdoms geschlossen wurde – nämlich wahlweise um „19.12 Uhr“ („Bild“, Seite 1) oder um „19.14 Uhr“ („Bild“, Seite 2).

Und gestern? Da hat sie’s wieder getan, die „Bild“: Wo andernorts bloß vage von „kurz nach 20 Uhr“ oder „kurz nach acht Uhr abends“ die Rede war, wusste sie’s wieder ganz genau und schrieb:

„Um 20.06 Uhr jubelte die Menge auf dem Petersplatz. Grauer Rauch quoll aus dem Schornstein auf der Sixtina, wurde heller — und färbte sich schwarz. Der erste Wahlgang im Konklave hat keinen Papst gebracht.“

Und wieder hatte es nicht gestimmt, hatten verschiedene Nachrichtenagenturen bereits um 20.05 Uhr vermeldet, was laut „Bild“ doch erst um 20.06 Uhr stattfand.

Womöglich ließe sich daraus ableiten, dass „Bild“ dann am genauesten berichterstattet, wenn sie sich Sachen ausdenkt. Aber, wie gesagt, was soll’s… Schließlich hat der Erdkreis ja doch noch einen neuen Papst bekommen – und die „Bild“-Redaktion offenbar eine neue Uhr.

Zumindest tickt die jetzt genauso wie der Vatikan.

Allgemein  

Im Nichtspielen stark

Aber wer glaubte, die „Bild“-Zeitung, die gestern zusammen mit Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt wurde, sei nun unfehlbar, sieht sich enttäuscht.

Schulz: 4. Fahrenhorst: 2„Stark“ findet sie in dem „Zeugnis“, das sie den Spielern des DFB-Pokal-Halbfinales ausstellt, die gestrige Leistung des Verteidigers von Werder Bremen, Frank Fahrenhorst, und gibt ihm eine „2“. Fahrenhorsts Kollege Christian Schulz erhält von „Bild“ für seine „ausreichende“ Leistung nur eine „4“.

Beide haben nicht gespielt.

Danke an die zahlreichen Hinweis- und Pointengeber!

Habent papam

Wir sind Papst!

Joseph Kardinal Ratzinger ist Papst Benedikt XVI., der erste Papst mit eigener Boulevardzeitung.

„Schummel-Gracia“

Es gibt keinen Betrugsvorwurf gegen Gracia. Liebe „Bild“-Mitarbeiter, wir haben Ihnen einen kleinen Notizzettel geschrieben. Nur damit Sie nicht irgendwann selbst glauben, was Sie seit Tagen suggerieren. Wenn Sie die Sängerin Gracia, gegen deren Produzenten es Manipulations-Vorwürfe gibt, „Schummel-Gracia“ nennen. Oder wenn Sie ihren Namen ganz dicht unter den Begriff „Grand-Prix-Betrug“ schreiben. Oder wenn Sie unter ein Foto von ihr den Satz schreiben: „Grand-Prix-Gewinnerin Gracia ist sich keiner Schuld bewußt.“ Oder wenn Sie die Frage formulieren: „Glaubt Gracia, daß ihre Karriere nach den Betrugsvorwürfen überhaupt noch eine Chance hat?“

Das ist alles so geschickt zweideutig formuliert. Im Gegensatz zu dem ganz und gar eindeutigen Satz in der Pressemitteilung der deutschen Phonoverbände:

Der Manipulationsverdacht richtet sich ausdrücklich weder gegen die betroffenen Künstler noch gegen die Vertriebsfirmen.

Struve dementiert „Struve“

Seit Tagen kämpft „Bild“ gegen eine Teilnahme der Sängerin Gracia am Eurovision Song Contest. Weil ihr Manager beschuldigt wird, er habe die Plazierung ihrer Single „Run And Hide“ in den Charts künstlich verbessert, zitiert „Bild“ immer neue Unbeteiligte mit der Forderung, Gracia dürfe nicht beim Finale in Kiew antreten. Es gab allerdings nach Angaben des NDR, der dafür verantwortlich ist, keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Chart-Plazierung und Gracias Teilnahme am Vorentscheid zum Song Contest.

Bislang hat die ARD immer betont, an Gracia festzuhalten, weil sie von der Mehrheit der Zuschauer rechtmäßig per Telefonabstimmung gewählt worden sei. Die „Bild“-Zeitung tut heute so, als habe sich an dieser Position der ARD etwas geändert:

Immerhin will sich Programmdirektor Günter Struve (65) jetzt persönlich um den Fall kümmern. Struve zu BILD: „Wir werden auf unserer nächsten Sitzung darüber diskutieren. Wenn sich herausstellt, daß massiv betrogen wurde, ist Deutschland in Kiew nicht dabei.

Dieses Zitat von Struve geistert heute durch viele Medien. Fragt man jedoch bei der ARD nach, heißt es, Struve habe sich nie so geäußert.

Heute nachmittag trat Struve im ARD-Boulevardmagazin „Brisant“ auf. Dort sagte er über Gracias Teilnahme in Kiew exakt das Gegenteil von dem, was er angeblich „Bild“ gegenüber gesagt haben soll:

„Es gibt gar keinen ernsten Grund, weshalb sie es nicht tun sollte, denn sie ist auf rechtmäßige Weise zustande gekommen. (…) Sie wird nicht nur in Kiew starten, sondern sie muss es, denn sie hat einen Vertrag mit uns.

Allgemein  

Als glaube „Bild“ sich selbst

„And if all others accepted the lie (…) — if all records told the same tale — then the lie passed into history and became truth.“ (George Orwell, „1984“)
 
Sabine Christiansen beispielsweise hat jedoch nie bestritten, Teilhaberin eines Hundesalons zu sein – im Gegenteil: „Bild“ hatte im Dezember 2004 bloß wieder und wieder behauptet, Christiansen bestreite die Beteiligung – und ihren Lesern bis heute die Wahrheit vorenthalten.

Und heute? Heute schreibt „Bild“ wieder und wider besseres Wissen:

Ihre Beteiligung hatte für einigen Wirbel gesorgt. Nachdem BILD über ihr neues Geschäftsfeld berichtet hatte, bestritt Christiansen, Teilhaberin zu sein. Sie behauptete, nur die Schirmherrschaft übernommen zu haben. Einen Tag später erklärte das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg, daß Christiansen im Handelsregister sehr wohl als Gesellschafterin eingetragen ist.
(Nachweislich falsche und irreführende Formulierungen gefettet.)

Verlust der Realität

Es gibt Geschichten in „Bild“, die sind widersprüchlich, andere haben übergeigte Überschriften, und wieder andere erwecken durch das Verschweigen wesentlicher Informationen einen falschen Eindruck. Auf diese hier, die heute in der Berliner Ausgabe steht, trifft alles drei zu:

Sie beginnt mit folgendem Satz:

Er kann’s nicht lassen – der irre Film-Star aus dem ICE fuchtelt schon wieder mit einer Knarre rum…

Es geht um Alexander Scheer, und dazu, was es mit dem Vorfall im ICE auf sich hatte (worüber „Bild“ gestern schon berichtete), kommen wir noch.

Zunächst zum Text in der heutigen „Bild“:
Dort wird zwar nirgends verraten, wann und wo Scheer „schon wieder“ mit einer „Knarre“ rumgefuchtelt haben soll, aber „Bild“ fasst seinen neuesten Film kurz zusammen:

Darin rennt er bewaffnet durch Berlin, jagt einer schwarzen Tasche nach. Es gibt blutige Schießereien, Tote.

Mangels anderer Hinweise auf Knarren-Rumgefuchtel, müssen wir also davon ausgehen, dass „Bild“ mit Überschrift und Einleitung den Film meinte.

Und mal abgesehen davon, dass das Wort „wieder“ hier zeitlich nicht passt, es ist auch inhaltlich Blödsinn – Es sei denn, man trennt nicht zwischen der Rolle eines Schauspielers und der Person des Schauspielers, was natürlich auch Blödsinn wäre. Das weiß sogar „Bild“, wie dieses Zitat zeigt:

Wer ist der durchgeknallte Kerl eigentlich – verwechselte er im Zug Bühne und Realität?

Andererseits steht etwas weiter unten dann dieser Satz über Scheer:

In seinen Rollen zeigt er sich gerne nackt, greift seinen Bühnenpartnern schon mal ans Gemächt.

Halten wir also fest:
1. Übergeigte Überschriften haben zwar laut Chefredakteur und Herausgeber Kai Diekmann nichts in „Bild“ zu suchen, kommen aber trotzdem zum Einsatz.
2. „Bild“ unterscheidet zwischen Bühne und Realität, wenn das hilft, jemanden als „durchgeknallt“ darzustellen.
3. „Bild“ unterscheidet nicht zwischen Bühne und Realität, wenn das hilft, jemanden als durchgeknallt darzustellen.

Und nun zum Vorfall im ICE, den „Bild“ u.a. „Wahnsinns-Tat“ und „Pistolen-Auftritt“ nennt und im zweiten Absatz so skizziert:

Mit Alkohol-Fahne und blutigem Hemd stoppte (…) Scheer den ICE (…), verursachte einen Großeinsatz der Polizei.

Und jetzt lesen Sie bitte kurz diesen Text hier in der „Welt“. Ist Ihnen da zufällig das Wort Spielzeugpistole aufgefallen? Sehr schön, in der „Bild“ von heute fehlt es nämlich völlig.

Allgemein  

„Jetzt“ II

Das ist eine merkwürdige Frage, die die „Bild am Sonntag“ am vergangenen Wochenende stellte:

Spionierte ER den Papst für die Stasi aus?

Merkwürdig nicht nur, weil die „BamS“ die Antwort kennt und diese Antwort unwidersprochen ist: Ja, dieser Mann spionierte den Papst für die Stasi aus. Merkwürdig auch, weil diese Antwort seit vielen Jahren bekannt ist.

Ein Teil der Geschichte stand bereits am 17. Januar 1999 in der „Bild am Sonntag“:

Die Stasi bespitzelte sogar den Papst. Das geht aus Unterlagen der Gauck-Behörde hervor, die erst jetzt entschlüsselt werden konnten. Danach lieferten zwei Spione mit den Decknamen „Lichtblick“ und „Antonius“ 760 Informationen aus dem Vatikan an Markus Wolfs Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) in Ostberlin (…). „Antonius“ wurde in den 60er Jahren angeworben und soll für die Katholische Nachrichtenagentur gearbeitet haben.

Wer sich hinter „Antonius“ und „Lichtblick“ verbarg, ist ebenfalls schon lange kein Geheimnis mehr. Nachzulesen war es z.B. in der Ausgabe 1/2000 der kritischen Kirchenzeitschrift „Imprimatur“. Bernd Schäfer vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden nannte darin nicht nur den Namen des IM „Antonius“, sondern auch, was aus ihm wurde:

Nach seinem Ausscheiden aus der [Katholischen Nachrichtenagentur] KNA wurde er, trotz kirchlicher Kenntnis über seine MfS-Verbindungen, Leiter der Koblenzer Pressestelle des Bistums Trier und inzwischen sogar Ordinariatsrat.

Diese Karriere kann man — wie Schäfer — scharf kritisieren. Aber was die „Bild am Sonntag“ aufschreibt und was laut „Bild am Sonntag“ „jetzt entschlüsselt“ wurde, ist lange bekannt. Die „BamS“ erzählt es einfach alles noch einmal nach und tut so, als sei es neu. Kein Wunder, dass der Trierer Bistumssprecher gegenüber der Zeitung „Trierischer Volksfreund“ den Bericht als „Alten Hut“ bezeichnet:

„Das ist doch alles lange bekannt, eine uralte Geschichte. (…) Wir wissen, was damals gelaufen ist. Die Einstellung des Mannes lief unter dem Stichwort Versöhnung. Das steht uns Christen gut an.“

Danke an Tim R. für den sachdienlichen Hinweis.

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