Schnellstmögliche Aufklärung

Stiftung Warentest hat herausgefunden, dass in Gläsern mit Babynahrung der möglicherweise gesundheitsschädliche Stoff Semicarbazid enthalten sein kann, der beim Aufschäumen von Kunststoffdichtungen in Metalldeckeln entsteht.

„Bild“ schreibt deshalb auf Seite 1 unter der Überschrift „Krebsgefahr aus Baby-Gläschen?“: „In Tierversuchen wirkt die Substanz krebserregend“ (weist aber anders als Stiftung Warentest nicht darauf hin, dass „bisher nicht geklärt“ ist, ob sich diese Erkenntnis auf den Menschen übertragen lässt). Außerdem zitiert „Bild“ den „FDP-Ernährungs-Experten“ Hans-Michael Goldmann, der fordert, dass sich die Verbraucherministerin schnellstmöglichst um „Aufklärung“ bemühen solle.

Was da nicht steht, ist, dass das offenbar längst geschehen ist. „Bild“ weiß lediglich, dass der Hersteller Alete „sofort“ auf den Test reagiert habe und „nach eigenen Angaben inzwischen andere Deckel auf die Gläser“ schraube.

Stimmt. Nach eigenen Angaben ist das, wie dpa herausgefunden hat, allerdings „schon vor längerer Zeit“ geschehen, nicht erst jetzt. Dem Verbraucherministerium ist die Problematik bereits seit 2003 bekannt. Die Industrie wurde aufgefordert, unbedenklichere Stoffe bei der Deckelherstellung zu verwenden. „Seit einigen Monaten wird bereits ein alternativer Deckel eingesetzt“, hat Alete-Pressesprecher Hartmut Gahmann dpa verraten.

Und Alete schreibt auf seiner Website unter Bezug auf den Test:

„Von den hier festgestellten Spuren der Substanzen sind (…) keine Auswirkungen auf die Gesundheit zu befürchten. Darüber sind sich Gesetzgeber und Lebensmittelindustrie einig. Aus Vorsorgegründen haben Babynahrungs- und Deckelhersteller dennoch umgehend nach Lösungen geforscht, um auch diese unerwünschten Spuren zu vermeiden.“

Sowie weiter unten:

„Unabhängig davon können alle Babynahrungsgläschen auf dem Markt ohne Einschränkung verwendet werden.“

Sicher, man muss der Industrie und ihren Pressemitteilungen nicht immer alles glauben. Aber Nachfragen hätte auch nicht geschadet. Für ein Telefonat mit Herrn Goldmann von der FDP hat die Zeit ja schließlich auch gereicht.

Um weitere Verwirrung zu verhindern

Vielleicht sind wir zu streng. Bei vielen Ereignissen, über die „Bild“-Mitarbeiter schreiben müssen, waren sie gar nicht dabei. Oft haben sie von ihnen nur aus älteren Ausgaben anderer Zeitungen erfahren, die manchmal sogar in fremden Sprachen verfasst sind. Und manche Sachen müsste man sich erst langwierig von jemandem erklären lassen, der sie versteht. Kein Wunder, dass nicht jeder „Bild“-Artikel stimmt. Gut, dass es manchmal Themen gibt, bei denen man dabei ist, die man selbst veranstaltet, wo man sich auskennt, kurz: über die man endlich einmal wirklich genau berichten kann.

Wie diese „Bild-Ted“-Aktion Anfang der Woche, deren Ergebnis „Bild“ gestern mit diesen Worten verkündete:

Kein Pardon für Joschka Fischer! 87 Prozent der BILD-Leser können dem Außenminister seine Fehler in der Visa-Affäre nicht vergeben, wollen seinen Rücktritt.

Okay, das ist ein klitzekleines bisschen ungenau. Denn es waren nicht 87 Prozent der „Bild“-Leser (das wären rund zwölf Millionen), sondern 87 Prozent der „Bild-Ted“-Anrufer (das waren rund 38.000). Und auch die haben mit ihrem Anruf eigentlich nicht gesagt, dass sie dem Außenminister nicht vergeben können, sondern dass sie meinen, „die Deutschen sollen“ ihm nicht verzeihen. Und von einem Rücktritt war überhaupt nicht die Rede. Aber der „Bild“-Artikel geht noch weiter:

Viele Anrufer zeigten sich von der Standard-Ansage der Telekom („Dieser Anruf kostet 62 Cent pro Minute“) irritiert. Doch keine Sorge: Wer aus dem deutschen Festnetz beim BILD-TED angerufen hat, zahlt — wie in BILD angekündigt — nicht mehr als 6 Cent pro Anruf. Um weitere Verwirrung zu verhindern, beendete BILD den TED schon um 14 Uhr.

Eigentlich hatte „Bild“ angekündigt, dass man bis 18 Uhr anrufen könne. Aber besser man bricht die Wahl ab, als noch mehr Verwirrung zu stiften. Das entsprechend unbrauchbare Ergebnis muss man natürlich wegwerfen abdrucken.

Wetten, dass nicht…?

Es gibt Themen, bei denen man nun wirklich denken sollte, dass „Bild“ sich auskennt. Die ZDF-Sendung „Wetten, dass“ zum Beispiel ist exklusiver Partner der Internet-Schwester von „Bild“, die für die Show einen eigenen „Channel“ eingerichtet hat (siehe Ausriss rechts). Beste Voraussetzung dafür, gut informiert zu sein. Theoretisch.

Am vergangenen Sonntag berichteten „Bild am Sonntag“ und Bild.de, dass „Europas erfolgreichste Unterhaltungssendung“ im Mai „erstmals nicht an einem Samstag ausgestrahlt werde“:

Das gab es noch nie in der 24jährigen Geschichte von „Wetten, dass . .?“.

staunte „Bild“ und spekulierte ausführlich über die Konkurrenz zwischen ARD-Volksmusik-Moderator Florian Silbereisen und ZDF-Mann Thomas Gottschalk. Was auch immer hinter der Entscheidung des ZDF für den Sonntags-Termin steckt: Eine Premiere ist es nicht. „Wetten, dass“ lief schon drei Mal an einem Sonntag: am 20. Dezember 1987, am 3. April 1988 und am 2. Dezember 1996.

Der Bild.de-Teaser (Ausriss links) ist sogar gleich doppelt falsch, weil die Sendung aus der Türkei, um die es geht, keineswegs das „nächste Mal“ ist. Das nächste „Wetten, dass“ kommt aus Berlin — klassisch am Samstag.

Danke an Richard J. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 21.50 Uhr: Anstatt die Fehler zu korrigieren, hat Bild.de den Artikel heute Abend kurzerhand ganz entfernt.

Tröpfchenweise

Folgende Geschichte steht heute in der Berliner „Bild“-Ausgabe:

Das wird ja im allgemeinen ganz interessant gefunden, wenn Prominente Clubs aufmachen, lesen wir mal weiter:

Jetzt macht Schauspielerin Mariella Ahrens (35) Werbung für einen Club erfolgreicher junger Frauen.

Aha, Ahrens macht also doch keinen Club auf, sondern bloß Werbung für einen. Lesen wir noch weiter:

„Mariella Ahrens ist nur eines von über hundert festen Mitgliedern unseres Clubs“

Aha. Ahrens macht also weder einen Frauen-Club auf, wie in der Überschrift behauptet wird, noch macht sie offenbar Werbung für einen, wie im ersten Absatz behauptet wird, sie ist lediglich Mitglied im „Women’s Cats Club“, wie dessen Sprecherin endlich im dritten Absatz klarstellt. Und da ist es nur gut, dass „Bild“ die Sprecherin überhaupt befragt hat, und der Text auch kurz danach endet, sonst wäre womöglich noch herausgekommen, dass Mariella Ahrens noch nie von dem Club gehört hat, den sie doch eigentlich aufmacht.

Die Dummen

In der vergangenen Woche zeigten ARD und ZDF probeweise Fußballspiele im 16:9-Format, weswegen bei vielen TV-Geräten, die ein Bild im Verhältnis 4:3 zeigen, am oberen und unteren Bildschirmrand schwarze Balken zu sehen waren.

„Bild“ motzte daraufhin (wieder) über den „Balken-Fußball“:

„So ein Nerv-Bild droht uns auch bei der WM 2006!“

Fakt ist: Die Fifa hat vor, die WM 2006 im Format 16:9 zu produzieren. Die Sender aber, darauf weist auch „Bild“ hin, dürfen selbst entscheiden, ob sie das Format übernehmen.

Nach der Probe-Ausstrahlung waren die Zuschauerreaktionen eher negativ. Die Nachrichtenagentur ddp zitiert etwa die ARD-Zuschauerredaktion damit, dass das Format „beim größten Teil der Bevölkerung (…) nicht besonders gut angekommen“ sei.

Auch „Bild“ berichtet von „überwiegend negativen Reaktionen“, kann sich allerdings nicht so recht darüber freuen, dass das (anderswo empfohlene) „Quetsch-TV“ bzw. die „geplante 16:9-Ausstrahlung der Spiele (…) angesichts der überwiegend negativen Zuschauerreaktionen nicht wahrscheinlicher geworden“ ist, wie ddp vermutet. Denn:

„Entscheiden sich die Sender bei der WM für das alte 4:3-Format, ärgern sich die Besitzer der 16:9-Fernseher. Die haben dann rechts und links schwarze Balken. Wie gesagt – der Fan ist immer der Dumme…

Mit anderen Worten: Für welches Format auch immer sich die Sender entscheiden, sie entscheiden sich – zumindest wenn man der merkwürdigen Argumentation von „Bild“ folgt – falsch. Und sind damit immer die Dummen.

Dank an Axel W. für den sachdienlichen Hinweis.

Allgemein  

Immer am Limit

Am Dienstagabend überfährt ein Mercedes-Testfahrer in Mittelschweden eine Fußgängerin. Am Donnerstag kennt „Bild“ bereits die Unfallursache:

Mercedes-Testfahrer rast Mutter tot

Die Überschrift lässt keinen Zweifel: Der Mercedes war zu schnell.

Auch am Tag darauf tut „Bild“ alles, um diesen den Eindruck zu verstärken (alle Hervorhebungen von uns):

Mußte eine Mutter sterben, weil sich ein Mercedes-Testfahrer überschätzte? Am Dienstag rauschten elf schicke Mercedes (neue S-Klasse, neue R-Klasse) durch die Kleinstadt Ytterhogdal in Mittelschweden. (…)

Geht jetzt die ganze Raser-Diskussion wieder los?

Samstag. „Bild“ setzt seine Berichterstattung mit einem Artikel über Testfahrer fort. Tenor: Die rasen und trinken; kein Wunder, dass es zu solchen Unfällen kommt.

Sie führen ein Leben auf der Überholspur, immer am Limit, immer in Gefahr: Testfahrer, die für internationale Automobilkonzerne, für Reifenhersteller oder Bremsenbauer Prototypen probefahren. Jetzt starb in Schweden eine Passantin, weil ein Mercedes-Testfahrer von der Straße abkam (BILD berichtete). Traumberuf oder lebensgefährliche Raserei? (…)

Mit schwarz getarnten Autos jagen sie über Teststrecken und öffentliche Straßen: die Testfahrer der Automobilkonzerne.

Ja: Vielleicht, möglicherweise, eventuell ist der Mercedes zu schnell gefahren. Radio Schweden International berichtet allerdings, dass die Wagenkolonne, in der der Unglückswagen fuhr, nach Zeugenaussagen nur mit etwa 55 Stundenkilometern auf einer 70er-Strecke unterwegs war. Auch Alkohol sei nicht im Spiel gewesen. Stattdessen wird in Schweden über eine mögliche Unglücksursache diskutiert, die die „Bild“ in ihrer Fixierung aufs „Rasen“ bislang nicht einmal erwähnt hat*: Der Unglückswagen fuhr mit Ganzjahresreifen, die angesichts der Witterung in Schweden eine äußerst schlechte und gefährliche Wahl seien.

Am Freitag veröffentlicht „Bild“ außerdem dieses Foto mit der Überschrift „Hier wird der Todes-Fahrer abgeführt“. Richtig ist, dass gegen den Mann ermittelt wird und er befragt wurde. Dass er in Gewahrsam genommen worden sein soll, wie die „Bild“-Überschrift behauptet, also quasi verhaftet, ist eine „Information“, die „Bild“ exklusiv hat. Überhaupt können vermutlich nur „Bild“-Redakteure auf diesem Foto einen Polizisten erkennen, der den Mercedes-Fahrer gerade abführt.

(Inzwischen ist bei Bild.de das Foto entfernt worden, die falsche Überschrift ergibt nun gar keinen Sinn mehr.)

Danke an Jörg J. und Uwe K.

Nachtrag, 27.2.: Offenbar ist uns entgangen, dass „Bild“ in der allerersten Meldung einen Polizisten zitiert, der dort bereits auf das Reifenproblem zu sprechen kam. Um so unverständlicher aber, dass „Bild“ diesen Umstand hernach zu Gunsten der angeblichen „Raserei“ komplett aus den Augen verlor.

Allgemein  

Kylie wächst über „Bild“ hinaus

Am 30. Januar erschien in der britischen Boulevardzeitung „The People“ eine Meldung, dass Kylie Minogue in ihrem neuen Video ein paar Zentimeter wachsen werde: Dank eines Computertricks werde sie auf ihren Wunsch hin statt 5 Fuß (1,52 Meter) dann 6 Fuß (1,83 Meter) groß erscheinen.

Heute, am 25. Februar, taucht die Meldung bei Bild.de auf:

Kylie (…) trällert plötzlich mit Modelmaßen ihren neuen Song.

Wie das Briten-Blatt „The People“ berichtet, wurde Kylie mit Hilfe modernster Video-Technik gestreckt. So wurde aus dem 1,50 Meter „kleinen“ Pop-Floh ein 1,80 Meter großes Super-Model gemacht. Damit erfüllten die Produzenten der Sängerin einen ihrer sehnlichsten Wünsche: Endlich lange Beine! Und sogar noch mehr Kylie-Knack-Po.

Das Deutschen-Blatt hat also die vier Wochen seit der Veröffentlichung in „The People“ dazu genutzt, die Geschichte ein bisschen auszuschmücken. Es hat die vier Wochen nicht dazu genutzt, zu recherchieren, ob sie stimmt. Sie stimmt nicht. Jedenfalls nicht ganz.

Kylie wird, wie der Screenshot ahnen lässt und das Video eindeutig zeigt, nicht 1,80 Meter groß, sondern mindestens 2,50 Meter. Und das wäre nun relativ egal, wenn dadurch nicht auch der ganze Rest der „Bild“-Geschichte, all das mit den „Modelmaßen“ und den lange lang gewünschten Beinen und dem XXL-Kylie-Knack-Po, als das entlarvt würde, was es ist: Quatsch.

Quatsch, den Bild.de bei „The People“ abgeschrieben hat, und den „Focus Online“ nun seinerseits bei Bild.de abschreibt, mit der Überschrift „Kylie plötzlich 1,80 Meter groß“, einem alten Foto und dem Bildtext: „Superlange Beine sind Kylies Traum“.

Mit Dank an Dan für den sachdienlichen Hinweis.

„Bild“ wirkt

„Spiegel Online“ berichtet:

Morddrohung gegen SSW-Spitzenkandidatin

(…) Dass Rot-Grün im Norden weiterregieren kann, obwohl die CDU bei der Wahl am 20. Februar die meisten Stimmen bekommen hatte, hat in den vergangenen Tagen zu einem erbitterten politischen Streit in Schleswig-Holstein geführt. Mitglieder der dänischen Minderheitenpartei wurden beschimpft, unmittelbar vor Beginn des Parteitages des SSW gab es sogar eine Morddrohung gegen Spitzenkandidatin Anke Spoorendonk. Die Drohung werde sehr ernst genommen, sagte ein SSW-Mitarbeiter in Flensburg. Das Bundeskriminalamt bestätigte den Vorfall.

Wäre es nicht schön, wenn die größte Boulevardzeitung des Landes angesichts dieser Entwicklung von sich sagen könnte, sie habe unabhängig, zurückhaltend und sachlich korrekt berichtet, keine Ressentiments gegen Ausländer und Minderheiten geschürt und nicht Überschriften verfasst wie „Warum dürfen diese zwei Dänen die deutsche Politik bestimmen“?

Deutliche politische Willenserklärung

Am Sonntag war Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Die „Bild“-Zeitung ist, kurz gesagt, unglücklich mit dem Ausgang und sehr, sehr, sehr unglücklich, dass womöglich Heide Simonis Ministerpräsidentin bleibt. Und bei Zeitungen ist das nicht anders als bei Menschen: Wenn jemand emotional sehr aufgewühlt ist, leidet häufig die Rationalität.

Am Dienstag beginnt der „Bild“-Kommentar zur Wahl mit folgendem Satz:

Deutlicher als die Wähler in Schleswig-Holstein kann man eine politische Willenserklärung kaum abgeben.

Wenn Kommentator Georg Streiter ein bisschen weniger erregt gewesen wäre, wären ihm vielleicht doch ein paar Möglichkeiten eingefallen, eine noch deutlichere Willenserklärung abzugeben als eine, bei der CDU und FDP zusammen 46,8 Prozent der Wählerstimmen bekommen haben. Etwa die Möglichkeit, dass sie zusammen eine knappe Mehrheit im Landtag bekommen hätten. Oder die Möglichkeit, dass sie zusammen eine deutliche Mehrheit im Landtag bekommen hätten. Oder die Möglichkeit, dass die CDU eine absolute Mehrheit der Stimmen bekommen hätte. Doch, doch, sowas gibt’s, und das sind deutliche politische Willenserklärungen.

Am Mittwoch titelt „Bild“ „Aufstand gegen Dänen-Partei“. Wer probt den Aufstand? Nicht die Mitglieder des SSW, wie man annehmen würde, oder das Volk an sich, sondern der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU, der ihr das Recht zum Mitregieren abspricht.

Am Donnerstag schreibt „Bild“, jetzt sei „eine offene Diskussion über Neuwahlen in Schleswig-Holstein entbrannt!“ Die „offene Diskussion“ besteht darin, dass zwei CDU-Politiker aus Schleswig-Holstein und ein CDU-Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern Neuwahlen fordern.

Ebenfalls am Donnerstag schreibt „Bild“, es werde „bereits über mögliche Abweichler in den Reihen der SPD spekuliert, die der Wahlverliererin, Ministerpräsidentin Heide Simons, bei der geplanten Wiederwahl am 17. März ihre Stimme versagen könnten“. Wer spekuliert? Richtig: Die CDU, genauer: ihr Landessprecher Henning Görtz.

Und wenn man also so richtig emotional aufgewühlt ist und die Unzufriedenheit so gar nicht weggehen will, suchen sich Menschen gerne Außenseiter, Minderheiten, auf die sie ihren Zorn projizieren können. Wie praktisch, dass sich da im konkreten Fall gleich eine Gruppe anbietet: die Dänen.

Warum dürfen diese zwei Dänen die deutsche Politik bestimmen?

fragt „Bild“ groß am Dienstag, worauf mindestens dreierlei zu antworten ist: Erstens ist der eine „Däne“ gar kein Däne, sondern Friese. Zweitens haben beide „Dänen“ die deutsche Staatsbürgerschaft (was „Bild“ konsequent verschweigt). Und drittens entscheiden nicht so sehr „zwei Dänen“ als vielmehr 51.901 Wähler des SSW.

„Bild“ bringt außerdem die Frage auf, ob auch andere Minderheiten die deutsche Landespolitik mitbestimmen könnten, „(z. B. eine ‚Türken-Partei‘ in NRW)“, und beantwortet sie so:

Ja. Voraussetzung ist aber der deutsche Paß, um für ein deutsches Parlament zu kandidieren. Für eine „Türken-Partei“ würde die übliche Fünf-Prozent-Hürde gelten. Und: Nur Türken mit deutschem Paß dürften sie wählen.

Der letzte Satz ist gleich doppelt irreführend: Natürlich dürften auch nicht-türkischstämmige Deutsche eine solche „Türken-Partei“ wählen. Vor allem aber suggeriert „Bild“, dass der SSW auch von Dänen ohne deutschen Pass gewählt werden durfte. Keineswegs. Wahlberechtigt waren auch in Schleswig-Holstein ausschließlich deutsche Staatsbürger.

Deutlicher als „Bild“ kann man eine politische Willenserklärung kaum abgeben.

Vermischtes III

Seit vergangenen Samstag ist es endlich raus! Nein, nicht ob Jennifer Lopez schwanger ist! Vielmehr ist (spätestens) seit vergangenen Samstag bekannt, dass „Bild“ nicht in die Zukunft sehen kann. Zwar hatte sie vor „Wetten dass…?“ so getan (siehe Ausriss), wer sich aber die Sendung daraufhin gespannt ansah, wurde enttäuscht. Tatsächlich sagte Lopez nämlich nichts zu dem Thema.

Und „Bild“ hat sogar noch größere Probleme mit dem Sehen, als bisher angenommen, wovon man sich am Montag überzeugen konnte. Im Text zur Titelgeschichte, „Brötchen-Millionär Kamps: Heimliches Baby mit ihr“, stand nämlich über den dreijährigen Marc W.: „Strahlemann-Lachen und süße braune Knopfaugen, ganz wie sein Papa, Multimillionär Kamps“. Tatsächlich hat Heiner Kamps jedoch eher blaue Augen, wie Märchentante Autorin B.A. Friedrich leicht hätte feststellen können, wenn sie einen Blick auf das in „Bild“ veröffentlichte Foto geworfen hätte (siehe Ausriss).

Themawechsel: „Kann ein Gorilla-Weibchen seine Pflegerin sexuell belästigen?“ Eine ziemlich blöde Frage, vor allem, weil sie über einem Text auf Bild.de steht, in dem es eigentlich um sexuelle Belästigung durch den Arbeitgeber geht, auch, wenn eingangs fälschlich behauptet wird, der Gorilla solle „zwei Tierpflegerinnen sexuell belästigt haben“.

Mit Dank für die sachdienlichen Hinweise an Christoph W., Sven B. und Alexander S.

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