“tz” macht der sichersten Großstadt Deutschlands Angst

128.141 Straftaten hat die Polizei München im vergangenen Jahr registriert. Das seien zwölf Prozent weniger als ein Jahr zuvor, sagte Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä gestern bei seiner Präsentation der neuesten Kriminalstatistik. München sei damit zum 41. Mal die sicherste Millionenstadt Deutschlands.

Die “Süddeutsche Zeitung” macht ihren München-Teil heute so auf:

Die Münchner Boulevardzeitung “tz” berichtet auf ihrer Titelseite heute ebenfalls über die neue Kriminalstatistik, setzt dabei aber einen etwas anderen Schwerpunkt:

Beide Schlagzeilen — mit ihrem jeweils gewählten Ausschnitt der Statistik — stimmen. Denn tatsächlich nimmt nicht in jedem Bereich die Zahl der Delikte ab. 2016 gab es in der Stadt und dem Landkreis München mehr Sexual- und Gewaltverbrechen und mehr Einbrüche als ein Jahr zuvor. Diesen Aspekt hat sich die “tz” für ihre Titelschlagzeile gegriffen.

Bei der “Süddeutsche Zeitung” gibt es diese Infos auch bereits in der Unterzeile:

Im Text jubelt die “SZ”-Redaktion nicht nur über die Sicherheitsspitzenposition in Deutschland. Sie schreibt auch, dass aus dem Zwölf-Prozent-Rückgang schnell ein Sechs-Prozent-Zuwachs im Vergleich zu 2015 wird, wenn man bei beiden Jahren die illegalen Einreisen von Asylbewerbern herausrechnet:

Jede illegale Einreise schlägt sich in der Statistik als Straftat nieder. Inzwischen kommen nur noch etwa fünf Asylbewerber pro Tag neu in der Stadt an, es waren mal Tausende.

Rechnet man die Einreiseverstöße heraus, landet man bei 110 399 Straftaten. Das sind zwar immerhin sechs Prozent mehr als im Vorjahr, im langjährigen Vergleich ist es aber dennoch ein guter Wert. 2007 waren es rund 121 000 Straftaten, 1997 sogar 125 000. Obwohl die Bevölkerungszahl seitdem stark zugenommen hat, ist die Zahl der Delikte kontinuierlich gesunken.

Diese differenzierte Betrachtung der Zahlen, für die auf einer Boulevard-Titelseite natürlich kein Platz ist, widerspricht dann doch der Angst-und-Panik-Schlagzeile der “tz”.

Gefunden bei @alex_ruehle.

Maaslos, T-Offline, Dschungelliebe

1. Auf Hass gezielt, die Meinungsfreiheit getroffen
(zeit.de, Patrick Beuth)
Der Gesetzentwurf von Justizminister Maas soll dafür sorgen, dass soziale Netzwerke rechtswidrige Inhalte schneller löschen. Doch der Entwurf stößt auf breite Kritik, nicht nur von Seiten der Industrie, sondern auch von Juristen und Bürgerrechtlern: Er sei verfassungs- und europarechtswidrig, würde eine Aufgabe der Politik auf die Privatwirtschaft abwälzen und gravierende Folgen für die Meinungsfreiheit haben. “Zeit”-Autor Patrick Beuth hat sich den 29-seitigen Entwurf vom Ministerium zusenden lassen und die wichtigsten Kritikpunkte zusammengefasst.

2. Das musst du wissen, um Fake News zu verstehen
(perspective-daily.de, Dirk Walbrühl)
“Perspective Daily” versteht sich als mitgliederfinanziertes Online-Medium für “konstruktiven und lösungsorientierten Journalismus” und liefert pro Tag nur einen Beitrag aus. Aktuell beschäftigt sich der Autor Dirk Wahlbrühl mit dem Thema Fake News, welche Gründe dahinter stecken und was man dagegen tun kann. Er hat sich dazu zwei Gesprächspartner aus dem Medienbereich zu Hilfe geholt. Gelungen: Eine Grafik schlüsselt die unterschiedlichen Arten von Fake News auf.

3. 211 Medienschaffende im Bürgerkrieg getötet
(reporter-ohne-grenzen.de)
Syrien ist das weltweit gefährlichste Land für Journalisten: In den letzten sechs Jahren sind im Bürgerkrieg mindestens 211 Medienschaffende in direktem Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet worden. “Reporter ohne Grenzen” verlangt, dass Kriegsverbrechen an Journalisten in Syrien dem internationalen Strafgerichtshof vorgelegt werden. Bei den Vereinten Nationen wirbt die Organisation außerdem für die Einsetzung eines UN-Sonderbeauftragten für die Sicherheit von Journalisten, um die diversen UN-Resolutionen gegen die Straflosigkeit für Verbrechen an Medienschaffenden endlich durchzusetzen.

4. Der schleichende Tod der T-Online-Redaktion
(hessenschau.de, Mark Weidenfeller)
Für das Online-Portal “T-Online” arbeiteten jahrelang über 100 Redakteure, doch nach dem Verkauf des Portals wird die Redaktion aufgelöst und in Berlin mit deutlich weniger Personal neu aufgebaut. Aus dem Mitarbeiterkreis stamme die Information, es würden gerade einmal eine Handvoll Kollegen nach Berlin wechseln… Mark Weidenfeller berichtet von den unwirklichen letzten Tagen in der Redaktion und dem langsamen Abschied.

5. F wie Frittieren statt Fasten
(taz.de, Carolina Schwarz)
Vier Absolventinnen der Henri-Nannen-Journalistenschule wollten ein Magazin machen, das sie selbst gerne lesen. “Gruner + Jahr” hat den Versuch gewagt und das “F Mag” mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren herausgebracht. Carolina Schwarz hat sich das Blatt angeschaut: “F Mag kann etwas Neues sein und eine Lücke auf dem Markt schließen, wenn sie über das Empowerment mutiger Frauen hinausgehen und selbst etwas Mut beweisen.”

6. Liebe zum Dschungel
(sueddeutsche.de, Kathrin Hollmer)
Die Trash-TV-Kolumnen von Anja Rützel sind legendär: Ihre Dschungelcamp-Abhandlungen auf “Spiegel Online” werden von einigen Lesern lieber konsumiert als die Sendung selbst. Nun erscheint von ihr bei Reclam die 100-seitige Fibel “Trash-TV”.

Der “Wochenblick” sieht exklusiv den “Volks-Austausch in Deutschland”

Der “Wochenblick” hat mal wieder was rausgefunden. Es gebe “ein geheimes Papier der deutschen Bundesregierung”, berichtet die wöchentlich erscheinende Zeitung aus Oberösterreich, “welches die Masseneinwanderung nach Deutschland feiert.” Die Redaktion zitiert anonyme “Kritiker”, die sagen sollen, “dass dieses Strategiepapier ‘den Volks-Austausch in Deutschland dokumentieren’ würde”. Schlagzeile bei wochenblick.at:

Diese Infos hat das “Wochenblick”-Team aus “britischen Medien”, genauer: aus einem Artikel von express.co.uk vom 11. Februar, denn:

Man muss es heute schon aus britischen Medien erfahren

“Die Medien hierzulande” hätten schließlich noch gar nicht …

Die Medien hierzulande haben noch gar nicht über das Strategiepapier berichtet, welches Anfang Februar zur internen Verwendung verbreitet worden sein dürfte. Im Dokument heißt es gar wörtlich: “Aus bevölkerungswissenschaftlicher Sicht erscheint auch eine höhere dauerhafte Zuwanderung von 300 000 möglich.”

Was haben wir hier also? “Ein geheimes Papier” der Bundesregierung, das den “‘Volks-Austausch in Deutschland dokumentieren'” soll, und alle deutschsprachigen Medien würden mal wieder beim Schweigekartell mitmachen.

So viel schon mal jetzt: Das ist gleich mehrfacher Blödsinn.

Dennoch — oder gerade deswegen — drehte der “Wochenblick”-Artikel in den vergangenen Tagen eine ordentliche Online-Runde: Die rechten Blogger von “Politically Incorrect” übernahmen die Geschichte eins zu eins, allein auf der Facebook-Seite des “Wochenblicks” wurde der Text über 1600 Mal geteilt:

Viele Anti-Asyl-Gegen-Merkel-Hier-kein-Flüchtlingsheim-Seiten verbreiteten den Beitrag ebenfalls bei Facebook:








Den “Wochenblick” gibt es noch gar nicht so lange, vor knapp einem Jahr wurde die Zeitung gegründet. Seitdem hat die Redaktion, die “Berichterstattung ohne Scheuklappen” verspricht, es aber locker geschafft, richtig Mist zu bauen. Sie war zum Beispiel eine der treibenden Kräfte bei der Verbreitung über Falschmeldungen zur Silvesternacht in Dortmund.

Beim aktuellen Artikel über die Zuwanderungspolitik der Bundesregierung sind gleich mehrere Punkte falsch. So handelt es sich ganz gewiss nicht um “ein geheimes Papier”, auch wenn die “Wochenblick”-Redaktion sich große Mühe gibt, ihrer Geschichte Exklusivität zu verleihen:

Die sogenannte “Demografiebilanz” des Bundesinnenministeriums, auf die sich der “Wochenblick” bezieht, ist seit Februar für jeden im Internet abrufbar (PDF). Darin auch der zitierte Satz: “Aus bevölkerungswissenschaftlicher Sicht erscheint auch eine höhere dauerhafte Zuwanderung von 300 000 möglich.”

Der Vorwurf, dass die Medien in Deutschland und/oder Österreich “gar nicht über das Strategiepapier berichtet” hätten, den ja auch einige Facebook-Seiten übernommen haben, ist Lüge Nummer zwei. Sie haben über die “Demografiebilanz” berichtet. Viele sogar. “RP Online” zum Beispiel:

Welt.de:

n-tv.de:

Die “Huffington Post”:

Oder die “B.Z.”:

Und alle bereits am 1. Februar. Der “Wochenblick” liegt mit seinem Artikel also nicht nur doppelt daneben, sondern ist mit seinem Märchen auch ziemlich spät dran.

Mit Dank an Christoph für den Hinweis!

Klima-Demagogie, Trampelwerbung, Trumps Steuererklärung

1. Michael Miersch: Bild-schöne Klima-Demagogie
(klima-luegendetektor.de)
Einige kennen den Publizist Michael Miersch als einen der Mitgründer der “Achse des Guten”, der seit vielen Jahren hingebungsvoll Öko-Bashing betreibt. Vor mittlerweile knapp zwei Jahrzehnten erschien Mierschs “Lexikon der Öko-Irrtümer”, das er zusammen mit dem anderen Achse-des-Guten-Mitgründer Dirk Maxeiner verfasste. Ein Buch, über das die “Zeit” seinerzeit schrieb, es entlarve “Öko-Irrtümer”, die gar keine seien. Nun hat Miersch “Bild” ein Interview zur “Klima-Hysterie” gegeben, wie er sie bezeichnet. Die Fachleute vom “Klima-Lügendetektor” haben sich drei Passagen vorgenommen und auf ihre Wahrheit hin überprüft. Ohne spoilern zu wollen: All zu viel blieb nicht übrig …

2. Mädels, aufgepasst: Die „Brigitte“ will ALLES haben!
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
In fremdschämverdächtiger Tonlage bejubelt die “Brigitte” Produkte aus dem “Aldi”- und “Tchibo”-Waren-Imperium. Stefan Niggemeier hat bei der “Brigitte” nachgefragt, was die mal im Plauderton und mal hysterisch aufgeregt daherkommenden Werbetexte kosten würden. Die Pressestelle hat geantwortet und in geschraubten und salbungsvollen Worten erklärt, dass die penetrante TrampelSchleichwerbung Teil des redaktionellen Auftrags der “Brigitte” und somit ein Dienst an den Leserinnen sei.

3. Hacker schmähen Deutschland und die Niederlande auf Twitter
(zeit.de)
Hacker haben sich Zugang zu zahlreichen prominenten Twitter-Profilen (Unicef, Amnesty International, ProSieben, Borussia Dortmund etc.) verschafft und in deren Namen politische Schmähungen gegen Deutschland und die Niederlande verbreitet. In den Tweets fanden sich die Hashtags #Nazialmanya und #Nazihollanda sowie Hakenkreuz-Symbole. Die Angriffe erfolgten über den Twitter-Analysedienst “TwitterCounter”, der den Vorgang untersuchen will und momentan nicht erreichbar ist.

4. Der Journalist, der Trumps Steuererklärung im Briefkasten hatte
(sueddeutsche.de, Kathleen Hildebrand)
Einem amerikanischen Reporter wurde die Steuererklärung von Donald Trump aus dem Jahr 2005 zugespielt. Dank seines Auftritts bei “MSNBC” wussten einen halben Tag später Millionen von Zuschauern über die grobe Einkommenslage des Präsidenten Bescheid. Donald Trump wütete auf Twitter von einem “Reporter, von dem noch nie irgendjemand gehört hat”. David Cay Johnston ist jedoch nicht der unbekannte Reporter, als den ihn Trump hinstellt, sondern ein renommierter Investigativjournalist. Kathleen Hildebrand stellt Johnston in einem Porträt vor und zeichnet seine Reporterkarriere nach.

5. 99 posen online, der 100. ermordet jemanden
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo beschäftigt sich mit den Verrohungstendenzen im Internet bzw. den als solche wahrgenommenen. Eines seiner Beispiele sind die Poserbilder von Gewalttätern: “Es handelt sich meiner Einschätzung nach um eine fehlgeleitete Form digitaler Männlichkeitsbeweise, eine Mischung aus Netzmutprobe, dem Kampf gegen die eigenen Minderwertigkeitskomplexe und einem Rollenspiel der Provokation. Bloß, dass nicht nur die Clique zuschaut, sondern potenziell die ganze Welt, was anstachelnd wirken kann.” Der Gesetzesentwurf des Bundesjustizministeriums zur Eindämmung von Hate Speech hält er für gut gemeint, aber dumm. Lobos Schlussworte: “Verrohung war immer, und wir führen einen immerwährenden, aber inzwischen nicht unerfolgreichen Kampf dagegen. Er heißt Zivilisierung. Davon brauchen wir jetzt die Digitalausgabe.”

6. When the Children Crashed Dad’s BBC Interview: The Family Speaks
(wsj.com, Alastair Gale, Video, 1:58 Minuten)
Vielleicht haben Sie in den letzten Tagen das BBC-Interview mit dem Asienexperten Robert Kelly gesehen. Mitten in die Liveschalte hinein platzten seine beiden kleinen Kleinkinder. Kelly hatte vergessen, das Arbeitszimmer abzuschließen. Das Video des Überraschungsbesuchs ging in der Folge viral. Nun hat das “Wall Street Journal” die komplette Familie vor die Kamera geholt.

Kalter Kaffee & paste

In der “Bild”-Zeitung von heute findet man eine ganze Seite über die Türkei und Präsident Recep Tayyip Erdogan:

Einer der sieben Artikel fragt “WER IST WER IM ERDOCLAN?” und gibt ein paar kurze Informationen über Erdogans Ehefrau, seine Kinder und Vertraute. Bei Bild.de ist der Text in einer ausführlicheren Version erschienen. Auch dort die Frage:

Wer gehört zu seinem engsten Kreis? BILD erklärt den Erdogan-Clan

Ein Abschnitt befasst sich mit der ältesten Tochter des türkischen Präsidenten, Esra Erdogan, und ihrem Ehemann Berat Albayrak:

Esra Erdogan (35) und Berat Albayrak (39)

Ein enger Vertrauter Erdogans ist sein Schwiegersohn und gleichzeitig Energieminister.

Albayrak ist seit 2004 mit der ältesten Erdogan-Tochter Esra verheiratet, gilt als glühender Verehrer seines Schwiegervaters.

Esra Erdogan sitzt neben ihrem Bruder Necmettin Bilal Erdogan im Vorstand der dubiosen Türgev-Stiftung. Ihr Mann könnte nach dem Davutoglu-Rücktritt neuer türkischer Ministerpräsident werden.

Nun ist Ahmet Davutoglu schon längst als Ministerpräsident der Türkei zurückgetreten, seit dem 22. Mai 2016 ist er nicht mehr im Amt. Sein Nachfolger steht seit dem gleichen Tag fest: Binali Yildirim. Berat Albayrak, der Ehemann von Esra Erdogan, kann also gar nicht mehr “nach dem Davutoglu-Rücktritt neuer türkischer Ministerpräsident werden.”

Der Fehler von Bild.de ist ziemlich einfach zu erklären: Faulheit. Das Portal veröffentlichte am 7. Mai vergangenen Jahres bereits einen Artikel mit der Überschrift “Erdogans schillernder Clan”. Darin diese Passage über Esra Erdogan und Berat Albayrak:

Sie sitzt neben ihrem Bruder im Vorstand der dubiosen Türgev-Stiftung.

Ihr Mann könnte nach dem Davutoglu-Rücktritt neuer türkischer Ministerpräsident werden.

Die Bild.de-Kopierer haben ganze Absätze aus dem alten Artikel übernommen, sie teilweise neu zusammengesetzt, dabei aber nicht überprüft, ob die Informationen noch aktuell sind.

Mit Dank an Savas D. für den Hinweis!

WDR  

WDR verbreitet wilde Wilders-Verschwörung

Es gibt gute Gründe, gegen Geert Wilders zu sein. Zum Beispiel die Hetze gegen den Islam und die Hassparolen, die der niederländische Politiker bei seinen Auftritten immer wieder verbreitet. Er will den Koran verbieten, Moscheen schließen, früher wollte Wilders auch mal eine Steuer auf Kopftücher einführen. Dennoch könnte der Rechtspopulist mit seiner “Partei für die Freiheit” (PVV) bei der heutigen Parlamentswahl stärkste Kraft in den Niederlanden werden (auch wenn die PVV, aufgrund der zersplitterten Parteienlandschaft des Landes, dabei vermutlich nicht mal 20 Prozent der Stimmen bekommen wird).

Anlässlich der Wahl im Nachbarland hat der WDR vor einer Woche die Dokumentation “Holland in Not — Wer ist Geert Wilders?”* gezeigt:

Der 44-minütige Film ist zum größten Teil schon einige Jahre alt, er basiert auf einem längeren BBC-Beitrag von 2011. Vereinzelt sind neu gedrehte Passagen dazwischen geschnitten, nur selten wird so richtig klar, welche Aufnahmen nun aktuell sind und welche nicht.

Obwohl die meisten Szenen bereits einige Jahre alt sind, ist die Dokumentation über weite Strecken ganz interessant. Reporter Joost van der Valk spricht mit Wilders-Anhängern, begleitet sie beim PVV-Flyer-Verteilen, folgt dem Politiker zu Wahlkampfveranstaltungen.

Im letzten Drittel des Films gibt es allerdings neun Minuten (ab Minute 29:21) zu sehen, die ausgesprochen seltsam und problematisch sind: Auf einmal geht es nicht mehr um Geert Wilders’ politische Forderungen oder seine Auftritte. Der Beitrag beleuchtet plötzlich Wilders’ Verbindungen zum Judentum, zu jüdischen Geldgebern und zu Israel. Van der Valk und der WDR setzen verschiedene Versatzstücke so zusammen, dass der Zuschauer am Ende die vermeintliche Enthüllung sehen könnte: Geert Wilders’ Kampf gegen den Islam sei eigentlich der Kampf Israels gegen den Islam. Hinter Wilders Islam-Hetze steckten die Juden.

Aus allen möglichen Ecken schnappt sich der Film Hinweise auf angebliche oder tatsächliche Verbindungen: Wilders’ Großmutter sei Jüdin gewesen, seine Frau sei Jüdin, er selbst habe häufig das israelische Konsulat in Den Haag besucht. Außerdem habe Wilders, der eindeutiger Israel-Unterstützer ist, als junger Mann ein Jahr in dem Land gelebt. Joost van der Valk reist sogar dorthin, um nach Spuren und Verbindungsleuten von Geert Wilders zu suchen.

In den Niederlanden spricht der Reporter mit einem Anhänger der “Jewish Task Force”, einer extremen kahanistischen Organisation, der bekennender Wilders-Wähler ist:

Außerdem besucht van der Valk Chaim Ben Pesach in den USA, der auch Victor Vancier heißt und Gründer der “Jewish Task Force” ist:

Chaim Ben Pesach saß mehrere Jahre im Gefängnis, weil er an 18 Sprengstoffanschlägen beteiligt war. Das war seine Art des Protests gegen den Umgang der Sowjetunion mit Juden. Diese Haftstrafen erwähnt auch der WDR-Beitrag. Und es wird schnell klar, dass dieser Terrorist Geert Wilders ebenfalls bewundert. Der Subtext dabei: Wenn selbst diese zwei jüdischen Extremisten Wilders toll finden, dann muss doch auch der niederländische Politiker jüdischer Extremist sein — als wäre es möglich, sich all seine Anhänger auszusuchen.

Dazu kommen zwei Unterstützer, die Wilders finanziell geholfen haben und die der WDR-Beitrag nun als eine Art Beleg für die Verbindung des niederländischen Politikers zu jüdischen Geldgebern in den Raum wirft: Daniel Pipes übernahm mit seinem “Middle East Forum” Kosten in sechsstelliger Höhe, die bei einem Prozess gegen Wilders angefallen waren. Mit dem “David Horowitz Freedom Center” gebe es “einen weiteren großen amerikanischen Sponsor”. Horowitz stammt genauso wie Pipes aus einer jüdischen Familie.

Der dämlichste Aspekt zur Verbindung von Geert Wilders nach Israel, der in der WDR-Dokumentation genannt wird, ist dieser hier:

Wenn man Geert Wilders und Israel im Internet sucht, ergibt das über eine halbe Million Einträge.

Wenn man WDR und Fake News bei Google sucht, ergibt das 370.000 Einträge, was genauso wenig aussagt wie das Suchergebnis im WDR-Beitrag. Dort wird es aber als weiteres Indiz genannt, dass irgendwie irgendwas zwischen Geert Wilders und Israel laufen könnte.

Und auch die Auswahl der Bilder für den Beitrag unterstützt den Eindruck möglicher Seilschaften. Bei der Überleitung zu den Finanziers aus den USA ist ein religiöser Jude auf New Yorks Straßen zu sehen:

Es wird ein altes Foto von Geert Wilders ausgegraben, das ihn mit Kippa vor der Klagemauer zeigt:

Sein Gesicht wird vor eine israelische Flagge montiert:

All die Punkte, die in den neun Minuten der WDR-Dokumentation vorkommen, sind mehr oder weniger starke Indizien, die auch in klassische Verschwörungstheorien zur jüdischen Weltherrschaft passen könnten. Klischees werden bedient. Es fehlt eigentlich nur noch die Andeutung einer Verbindung zur Familie Rothschild.

An keiner Stelle behauptet der Beitrag konkret, dass Geert Wilders in irgendeinem Auftrag oder als Marionette handele. Dem Zuschauer wird alles immer nur als interessante Information präsentiert, über die man sich ja mal Gedanken machen könnte. Das Zusammenführen der einzelnen Puzzleteile überlässt Joost van der Valk dem muslimischen Prediger Scheich Khalid Yasin. Im WDR-Beitrag wird Khalid Yasin als “muslimischer Lehrer” eingeführt, der bei jungen Muslimen extrem beliebt sei und sich gegen radikale Ideen einsetze. Dabei fällt er tatsächlich immer wieder mit hasserfüllten Aussagen auf, gegen Nichtgläubige, gegen Andersgläubige, gegen Homosexuelle. Nachdem die BBC den Beitrag im Februar 2011 gezeigt hatte, gab es eine Beschwerde, in der es auch um die Rolle von Khalid Yasin ging:

Complaint
A viewer complained that the programme was biased against Geert Wilders, inaccurately portrayed him as guilty of wrongdoing, and misleadingly portrayed Sheikh Khalid Yasin as someone engaged in de-radicalising youth whereas he is known to hold and preach extreme views.

Outcome
The programme was neither biased nor inaccurate in relation to Geert Wilders, but did give the misleading impression that Sheikh Khalid Yasin was a man of moderate views.
Partly upheld

Als Konsequenz beschloss der Sender:

the programme will not be re-broadcast without appropriate editing.

Dieses “appropriate editing” hat sich der WDR offenbar geschenkt. In der Doku vom vergangenen Mittwoch darf Khalid Yasin über Wilders und den “modernen Zionismus” sagen:

“Ich glaube, er hat die Idee des modernen Zionismus begriffen und angenommen. Er benutzt den modernen Zionismus, um die gleichen Ansichten über Muslime und über den Koran zu verbreiten, die sich die Juden in Israel nicht trauen zu sagen. Aber Herr Wilders kann ihnen einen Gefallen tun. Er kann außerhalb Israels die Palästinenser so charakterisieren, wie es die Zionisten tun, um ihre Macht zu rechtfertigen. Herr Wilders kann den Islam auf die gleiche Weise beschreiben.”

Es gibt gute Gründe, gegen Geert Wilders zu sein. Die Vermutung, dass eine jüdische Verschwörung hinter seinen Parolen stecken könnte, gehört nicht dazu.

Mit Dank an @bjoernstritzel für den Hinweis!

Nachtrag, 19:06 Uhr: Der WDR hat inzwischen bei Twitter auf eine kritische Nachfrage von @hanvoi reagiert:

*Nachtrag, 16. März: Obwohl der WDR gestern noch schrieb, dass der Film “grundsätzlich nicht zu beanstanden” sei (siehe Nachtrag weiter oben), hat der Sender ihn aus der Mediathek genommen:

Hinweis
Der Film ist derzeit aus redaktionellen Gründen nicht abrufbar.

Nachtrag, 17. März: Gestern Abend äußerte sich die WDR-Presseabteilung bei Twitter erneut zu dem Fall:

Die WDR-Dokumentation über Geert Wilders ist inzwischen also wieder online, allerdings knapp vier Minuten kürzer als noch vor zwei Tagen. Die Aussagen des Hass-Predigers Khalid Yasin wurden komplett rausgeschnitten. Außerdem hat der Sender einen Hinweis hinzugefügt, der in weiten Teilen dem Tweet von gestern ähnelt:

Hate-Speech-Gesetz, Fake-News-König, ClaimChecker

1. Analyse: So gefährlich ist das neue Hate-Speech-Gesetz für die Meinungsfreiheit
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Justizminister Heiko Maas hat einen Gesetzenwurf gegen Hate Speech und Fake News vorgestellt (“Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung
in sozialen Netzwerken”). Experten kritisieren das Vorhaben. Markus Reuter fasst auf “Netzpolitik.org” zusammen: “Würde der Entwurf Gesetz werden, macht man die betroffenen Netzwerke ohne vorhergehende richterliche Überprüfung zu Ermittler, Richter und Henker über die Meinungsfreiheit.” Des Weiteren zitiert Reuter aus einer Stellungnahme der “Digitalen Gesellschaft”, welche die Meinungsfreiheit in Gefahr sieht: “Da eine vorherige gerichtliche Kontrolle nicht vorgesehen ist, müssen die Anbieter selbst entscheiden, ob diese Verpflichtung im Einzelfall greift oder nicht. In Anbetracht der hohen Bußgeldandrohungen bei Verstößen dürfte dies zu einer höchst proaktiven Löschpraxis der Anbieter führen, die im Zweifel stets zu Lasten der Meinungsfreiheit gehen wird.”

2. Der Fake-News-König bereut sein Tun
(spiegel.de, Fabian Reinbold)
Jahrelang hat der Amerikaner Jestin Coler das Internet mit Falschnachrichten geflutet, die sich viral verbreiteten. Die von ihm gebastelte Fake-Seite “Denver Guardian” wurde bis zur amerikanischen Wahl 500.000 Mal geteilt und kommentiert. Auf der aktuell stattfindenden Tech-Konferenz “South by Southwest” gibt sich Coler geläutert, doch “Spiegel”-Reporter Fabian Reinhold ist skeptisch.

3. Fake News und Wahlen: Danke, Donald Trump!
(blmplus.de, Stephan Weichert)
Der Blog der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien hat den Journalismus-Professor Stephan Weichert gefragt, wie Fake News Wahlen beeinflussen und was sie für den Journalismus bedeuten. Donald Trump sei ein Desaster für den Journalismus und werde ihm dennoch nutzen: Die Relevanz qualifizierter Berichterstattung werde erhöht und es komme zu einem Glaubwürdigkeitsverlust von Populisten. Außerdem hätte Trump viele Journalisten zu Aktivisten gemacht und damit eine Repolitisierung unter Intellektuellen, Medienschaffenden und Kreativen bewirkt.

4. Sparen am falschen Ende
(djv.de, Anna-Maria Wagner)
Das ZDF will im Zuge seines Sparprogramms das fast 30 Jahre alte Traditionsmagazin „ML mona lisa“ einstellen. Die Referentin für Digitale Kommunikation beim “Deutschen Journalisten-Verband” Anna-Maria Wagner kritisiert die Entscheidung. Selbst wenn die Sendung in der bisherigen Form nicht mehr den Zeitgeist treffe, gäbe es einen wachsenden Markt für anspruchsvolle Frauen-Formate: “Der Erfolg neuer, feministisch geprägter Medienangebote zeigt aber, wie antiquiert die Begründung des ZDF-Intendanten ist, ein frauenspezifisches Format als solches sei überholt. Das Gegenteil ist richtig.”

5. “Darüber berichten die Medien nicht!” Wirklich nicht?
(deutschlandfunk.de)
Ob AfD, Pegida, Lügenpresse-Rufer oder Verschwörungstheoretiker: Immer wieder wird unterstellt, dass bestimmte Themen von den Medien totgeschwiegen werden würden. Doch stimmt das? Für eine schnelle Überprüfung haben der Journalist Marc Krüger und der Internetentwickler Rolf-Thomas Langer den “Claim Checker” ins Leben gerufen: Eine Google-Suchmaske, die es einfacher macht, gezielt bei GoogleNews auf bestimmten Medienseiten nach einem Thema zu suchen. Der “Claim Checker” soll in Zukunft noch ausgebaut werden, die Entwickler freuen sich über Ideen, Kritik und Anregungen dazu.

6. Ryan Gosling Impersonators Have Been Fooling Conan For Years
(youtube.com, Video, 2:54 Minuten)
Der Ryan-Gosling-Prank während der “Goldenen Kamera” hat sich bis nach Amerika rumgesprochen. Nun behauptet der US-amerikanische Talkshow-Moderator Conan O’Brien, ebenfalls Opfer von Gosling-Doppelgängern geworden zu sein.

Diese Recherche wurde inszeniert

Im US-Bundesstaat Pennsylvania ist vor wenigen Tagen ein kleines Mädchen bei einem Brand gestorben. Vermutlich hat sich ein Hoverboard beim Aufladen entzündet, die Wohnung der Familie ging daraufhin in Flammen auf, das Mädchen konnte nicht mehr gerettet werden.

Nun war das nicht der erste Vorfall, bei dem ein Hoverboard abbrannte und dadurch für eine gefährliche Situation sorgte. Immer wieder gibt es solche Meldungen. Deswegen brachte Bild.de gestern einen Artikel, der nicht nur von dem tragischen Unfall in den USA handelt, sondern auch von der allgemeinen Gefahr, die von Hoverboards ausgehen kann:

Am Ende des Textes schreibt das Portal:

Doch nicht nur schadhafte Akkus machen den Hoverboard-Spaß zur Gefahr: Auch während der Fahrt können sich Geräte automatisch nach 20 Minuten wegen Überhitzungsgefahr abschalten, die Räder blockieren — im Straßenverkehr kann das tödlich enden.

Was ohne diese Not-Abschaltung passiert, zeigen zahlreiche YouTube-Videos.

Von den “zahlreichen YouTube-Videos” hat Bild.de exemplarisch dieses ausgewählt und in den Artikel eingebettet:

Die Aufnahmen stammen von dem YouTuber “Bule British”, dessen Videos in der Regel zwischen 2000 und 20.000 Aufrufe haben. Sein 5:31-Minuten-Clip mit dem Hoverboard wurde bisher 6,6 Millionen Mal aufgerufen.

Das Blöde für Bild.de: Auch wenn der Titel des Videos es in Großbuchstaben verspricht — es zeigt gar kein “FIRE EXPLODING HOVERBOARD”. Also, klar, es sind durchaus Flammen zu sehen und auch ein Hoverboard. Aber YouTuber “Bule British” schreibt extra:

This Video was staged the hoverboard did not really explode. You can now stop with the comments about how it is not turned on or that i overcharged it. Thank You

Mit zwanzig Sekunden Recherche hätten die Mitarbeiter von Bild.de diesen Hinweis ebenfalls gefunden und ihren Leser nicht ein Fake-Video präsentiert.

Mit Dank an Wolf D. für den Hinweis!

Fakenews-Rapid-Response, GWB-Novelle, Twitter-Bots

1. “Wir müssen das stoppen”
(spiegel.de, Marcel Rosenbach)
Robby Mook arbeitet seit den Neunzigerjahren als Berater für die Demokratische Partei und war Hillary Clintons Wahlkampfmanager in ihrem Kampf ums Weiße Haus. Zur Zeit ist er auf einer Rundtour durch Berliner Parteizentralen. Im Gespräch mit dem “Spiegel” erzählt er von seinen Erfahrungen und erklärt, wie sich Parteien gegen Fake News wehren können. “Sie sollten “Rapid-Response”-Teams einrichten, schnelle Eingreiftruppen, die sämtliche relevanten Onlineplattformen ständig im Auge behalten und sehr schnell reagieren können. Wir hatten eine solche Abteilung, aber sie war nicht auf Fake News spezialisiert – das würde ich heute anders machen. Diese Teams müssen in engem Dialog mit den sozialen Netzwerken stehen und von ihnen einfordern, Fake News zu löschen.”

2. Was die 9. GWB-Novelle den Verlagen wirklich bringt (und was nicht)
(kress.de, Jochen Zenthöfer)
Das “Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen” (GWB) ist die zentrale Norm des deutschen Kartell- und Wettbewerbsrechts. Nun steht die 9. GWB-Novelle an, die es Verlagen in Zukunft erleichtert, in allen verlagswirtschaftlichen Bereichen zusammenzuarbeiten. Der Bundestag hat das Gesetz bereits beschlossen, noch im März soll die Bestätigung durch den Bundesrat folgen. Der Präsident des Bundeskartellamtes stört sich an der Freistellung vom Kartellverbot für Presseverlage: “Es ist nicht ersichtlich, dass eine solch weitreichende Privilegierung erforderlich wäre, um den legitimen Kooperationsinteressen von Presseverlagen angemessen Rechnung zu tragen. Die Freistellung, die auch Kernbeschränkungen wie Preisabsprachen erfasst, erscheint systemwidrig und sendet ein falsches Signal.” Und auch andere Experten sehen das Ganze skeptisch, insbesondere was die erhofften, positiven Folgen angeht.

3. Studie: Bis zu 15 Prozent aller aktiven, englischsprachigen Twitter-Konten sind Bots
(netzpolitik.org, Lennart Mühlenmeier)
Forscher der Universitäten von Indiana und Southern California in den USA haben ein Vorgehen zum Erkennen von Twitter-Bots entwickelt. Das Ergebnis ihrer Untersuchung: Hochgerechnet auf die gesamte Nutzerbasis würde es sich bei 48 Millionen Twitter-Konten um automatisierte, Interaktivität vorgebende Bots handeln.

4. “Kronen Zeitung”: Katzen retten, Frauen treten
(derstandard.at, Lisa Mayr)
Die österreichische “Kronen Zeitung” hat sich in kritikwürdiger Weise über die Literatin Stefanie Sprengnagel geäußert, indem Dinge aus dem Zusammenhang gerissen und skandalisiert wurden. Dies löste einen regelrechten Shitstorm gegen die Künstlerin aus und führte zu ihrer (mittlerweile aufgehobenen) Sperrung bei Facebook. Lisa Mayr findet im “Standard” deutliche Worte für die Causa “Krone”: “Bevor Frauen Opfer tätlicher Gewalt werden, werden sie praktisch immer verbal als Mensch abgewertet. Diesen Teil hat die “Krone” erledigt. Jede Partei und jede Firma, die die “Krone” über öffentliche Gelder, Inserate und Presseförderung mitfinanziert, muss sich bewusst sein, dass sie damit die Menschenhatz fördert.”

5. „Dokus sind nachhaltiger“
(taz.de, Daniel Bouhs)
Die “Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten” (KEF) hat das ZDF zum Sparen verdonnert. In der Folge trennte man sich von Magazinen wie „ZDF Reporter“, „ZDF Umwelt“ und „ML mona lisa“ und setzt stärker auf Dokus. Eine strategische Entscheidung wie ZDF-Chefredakteur Peter Frey im Interview zugibt: “In Magazinen laufen häufig dieselben Themen, nur anders aufbereitet. Dokumentationen bieten mehr Chancen zu Originalität und Vertiefung. Außerdem bleiben sie länger frisch und können so immer wieder eingesetzt werden – im Hauptprogramm, auf ZDFinfo, 3sat und Phoenix. Dokus sind nachhaltiger als Magazine.”

6. Peter Schilling, Gründer Media Partisans, im Video-Interview
(horizont.net, Video, 4:33 Minuten)
Im Interview erklärt der “Heftig.co”-Gründer Peter Schilling wie das erfolgreiche Clickbait-Portal funktioniert, welche “Verticals” man noch am Start hat und was für die Zukunft geplant ist.

Nix gemerkt

Norbert Körzdörfer hat neulich den Film “Moonlight” gesehen, und der hat ihm wohl ziemlich gut gefallen. Für seine Kritik “Körzdörfers Kino-Abenteuer” vom vergangenen Donnerstag wählte der “Bild”-Autor sogar den Supersuperlativ:

Und das bereits im März.

Am Ende seines Textes wirkt Körzdörfer ziemlich überrascht. Da sitzt man fast zwei Stunden im Kino, hat das Gefühl, einen richtig guten Film zu sehen. Und plötzlich fällt einem auf: Da spielen ja “nur schwarze Schauspieler” mit! Körzdörfer schreibt in seiner Beurteilung:

Man merkt nicht, dass nur schwarze Schauspieler mitspielen.

Dass man das nicht merke, soll an einer “empfindsamen Seele” liegen:

Eine empfindsame Seele ist farbenblind.

Die “empfindsame Seele” Körzdörfer ist so “farbenblind”, dass er auf den etwas mehr als 40 Zeilen lediglich viermal erwähnt, dass die “Moonlight”-Schauspieler Schwarze sind:

Im Licht des Mondes (“Moonlight”) wirken Schwarze am Meer blau.

Wir begleiten in diesem leisen, traurigen und gleichzeitig schönen Film. Ein schwarzes Ghetto-Kind mit drogensüchtiger Mutter (007-Star Naomie Harris, 40).

Im Kino wird man zum kleinen, schwarzen Jungen, der doch nur glücklich werden will.

Und eben das bereits zitierte Artikel-Ende mit der Erkenntnis, dass man gar nicht merke, dass in “Moonlight” “nur schwarze Schauspieler mitspielen.”

Wahrscheinlich ist Körzdörfers Satz gar nicht so übel gemeint, wie man ihn verstehen kann. Aber er lässt eben sehr viel Raum für mindestens zwei Interpretationen: Die erste klingt nach dem alten weißen Mann, der ganz verblüfft ist, was die Schwarzen bei “Moonlight” doch so alleine hinbekommen haben. Wie konnte es denn passieren, dass ein Film so gut wird, obwohl da “nur schwarze Schauspieler mitspielen”? Das merkt man gar nicht.

Interpretation Nummer zwei zielt nicht auf die Quantität schwarzer Schauspieler, sondern auf ihre Qualität: Ach, da sind ja bloß schwarze Schauspieler dabei.

Offenbar hat auch bei Bild.de irgendjemand gemerkt, dass Körzdörfers Aussage mindestens merkwürdig ist. In der Onlineversion hat sich seine Kinokritik inzwischen leicht verändert — aus “nur” wurde “ausschließlich”:

Man merkt nicht, dass ausschließlich schwarze Schauspieler mitspielen.

Immerhin: Interpretation Nummer zwei ist damit nicht mehr möglich.

Mit Dank an Simone M. für den Hinweis!

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