Archiv für Juni 6th, 2008

“Bild” verzichtet auf Urinprobe

Anscheinend ist es ja nicht so, dass “Bild” dieses kleine, nützliche Wort nicht kennte:

  • WER WIRD KANZLERKANDIDAT FÜR DIE BUNDESTAGSWAHL 2009? Dabei ist anscheinend längst alles klar: Außenminister Frank-Walter Steinmeier wird’s!
  • Anscheinend wollen viele Frauen wahrgenommen werden als furzende, stinkende, schwitzende Urgeschöpfe.
  • Sie war die wildeste Pop-Diva der 80er – jetzt ist ihr anscheinend eher nach gediegenen Abenden: Sängerin Annie Lennox (53) war gemeinsam mit Ur-Rocker Mick Jagger (64) bei einem noblen Bankett in London.

Beliebt ist es bei “Bild” anscheinend aber nicht, das kleine Wort.

Kürzlich zum Beispiel, als die rechts-konservative “Junge Freiheit” zu berichten wusste, dass auf der Internetseite der Grünen Jugend Fotos vom 30. Bundeskongress zu sehen waren, auf denen u.a. drei junge Männer “offensichtlich eine Deutschlandfahne geschändet” hätten, hieß es in dem Bericht:

Unter den Bildern vom ersten Tag fanden sich bis gestern vier Fotos, auf denen drei Männer vor einer Deutschlandfahne stehen. Der Mittlere läßt dabei die Hosen herunter und uriniert anscheinend auf eine am Boden liegende Deutschlandfahne.

Doch als “Bild” die “Junge Freiheit”-Story anschließend weiterverbreitet, ist darin von einem Anschein keine Spur mehr:

"Grünen-Nachwuchs pinkelt auf Deutschland-Flagge!

Berlin - Drei junge Männer stehen im Kreis, lassen ihre Hosen herunter – und urinieren auf die deutsche Flagge. (...)"

Jedoch heißt es in einer Stellungnahme der Grünen Jugend zu der Entgleisung:

Bislang wurde von Augenzeugen klar bestätigt, dass auf die Deutschlandfahne nicht uriniert wurde, wie etwa von BILD berichtet wurde.

Und weil die sächsische NPD-Fraktion verbreitet, ihr Geschäftsführer Frank Ahrens habe Strafanzeige wegen Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole gestellt, schreibt “Spiegel Online”:

Sollte der Fall tatsächlich vor Gericht landen, werden die Details des Vorfalls beim Strafmaß (…) eine große Rolle spielen.

Gerichtsrelevante Fragen sind: Woher stammte die Fahne? Fand der Vorfall am Rande, während, vor oder nach dem Bundeskongress statt – wurden die Hosen also privat oder öffentlich heruntergelassen? Und schließlich: Pinkelten sie oder pinkelten sie nicht?

Dabei hatte “Bild” doch die letzte Frage schon beantwortet — aber anscheinend nur scheinbar.

*) Über die “Bild”-kritische Stellungnahme der Grünen Jugend heißt es in “Bild” übrigens nur: “Die Nachwuchsorganisation hat sich mittlerweile zu dem Vorgang geäußert. ‘Wir begrüßen, dass die Grüne Jugend sich eindeutig von dem Vorgang am Rande ihres Bundeskongresses distanziert hat’, sagt die Bundesgeschäftsführerin von Bündnis 90/Die Grünen, Steffi Lemke, in BILD.”

Nachtrag, 7.6.2008: Die Grünen-Politikerin Julia Seeliger schreibt auf ihrer Homepage unter der Überschrift “Von der ‘Jungen Freiheit’ zu ‘Bild'” u.a. über ihren Versuch, “herauszufinden, wer denn mit dem ‘Pinkel-Vorwurf’ begonnen hatte”.

Zu sexy, um nicht wahr zu sein

Auf sueddeutsche.de gibt es ja heute dieses Interview mit dem Paartherapeuten Ragnar Beer, aus dem wir mal kurz zitieren:

sueddeutsche.de: Eine Tageszeitung titelte kürzlich: “Jede zweite Ehefrau geht fremd” …

Beer: Woher wissen die das?

sueddeutsche.de: Die berufen sich auf Ihre Theratalk-Studie.

Beer: Dann haben die wohl etwas falsch verstanden.

sueddeutsche.de: Moment, in dem Artikel steht, dass 55 Prozent der Frauen und 49 Prozent der Männer schon einmal eine Affäre hatten.

Beer: An unserer Studie nahmen aussschließlich Untreue teil. Davon sind 55 Prozent Frauen, 45 Prozent Männer. Mit dem Anteil der Untreuen in der Gesamtbevölkerung hat das nichts zu tun.

Aus der “Abendzeitung”

“55 Prozent der Frauen, auch verheiratete, gaben an, dass sie in ihrer Partnerschaft einen Seitensprung begangen haben. Männer (49 Prozent) leisten sich demnach zwar etwas weniger oft eine Affäre, sind dafür aber häufiger Wiederholungstäter (…).”

Aber wenn Sie jetzt glauben, Sie wüssten längst, welche “Tageszeitung” da wohl gemeint war… Irrtum: Es war die Berliner “Bild”-Schwester “B.Z.”. Und sie war nicht einmal allein. Auch der “B.Z.”-Konkurrent “Berliner Kurier” berichtete: “Jede 2. Ehefrau geht fremd”. Und die “Augsburger Allgemeine”. Und Oe24.at. Und “Men’s Health”. Und alle hatten die falschen und falsch interpretierten Zahlen offensichtlich aus der Münchner “Abendzeitung” abgeschrieben, die bereits vorgestern über Beers Studie berichtet und sogar (anders als “B.Z.” und “Kurier”) mit Beer gesprochen zu haben scheint — und dennoch schrieb: “Jede zweite Frau betrügt ihren Partner” (siehe Kasten).

“Bild” wäre jedoch nicht “Bild”, wenn man sich so eine Geschichte entgehen ließe und den Unsinn nicht wenigstens online ebenfalls ungeprüft weiterverbreitete:

Männer, ihr müsst jetzt stark sein. Eine Umfrage enthüllt: Jede zweite Frau betrügt ihren Partner! Häufigster Grund: Sex-Frust.

Über diese Studie berichten die Berliner “B.Z.” und die Münchener “Abendzeitung”: Der Psychotherapeut Dr. Ragnar Beer (Universität Göttingen) ließ für die Treue-Studie “Theratalk” 5934 Männer und Frauen, viele verheiratet oder in langjährigen Partnerschaften lebend, zu ihrer Treue-Einstellung befragen.

Ergebnis: Die Frauen treiben’s schlimmer als die Männer. 55 Prozent gaben an, schon einmal ihren Partner betrogen zu haben. Das sagte bei den Männern nicht mal jeder Zweite (49 Prozent).

Mit Dank an Carsten K. für den Hinweis.

Allgemein  

Wie sich “Bild” gegen ein “Bild”-Opfer wehrt

In der kommenden Woche wird die Axel Springer AG vermutlich zu mindestens 50.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt, weil die Münchner “Bild”-Zeitung die Persönlichkeitsrechte einer Frau in “schwerwiegender Weise” verletzt und sie auch noch beleidigt habe. Das Landgericht München I verkündet am Mittwoch das Urteil in einem seit zweieinhalb Jahren laufenden Rechtsstreit.

Die Geschichte dieses Falls ist nicht nur eine Geschichte darüber, wie “Bild” berichtet und mit welchen Methoden sie recherchiert. Es ist unserer Meinung nach vor allem eine Geschichte darüber, mit welchen Methoden sich der Verlag dagegen wehrt, Verantwortung für die Folgen seines Handelns zu übernehmen — und mit welchem Zynismus er Beleidigungen in die “Erweckung von Mitgefühl” uminterpretiert.

6 vor 9

Plädoyer für eine Neudefinition von Realität auf der EM
(taz.de, Tom Kummer)
Tom Kummer, der früher Interviews “fast komplett inszenierte”, will diese Taten nicht rechtfertigen, gibt aber zu bedenken, dass die journalistischen Gestaltungsmöglichkeiten bei Poolinterviews sehr klein sind (hier eine gelungene Verwertung). Ihm habe es immer widerstrebt, “den PR-Bulldoggen in den Arsch zu kriechen”. Lesen!

Weidmannsheil!
(nzz.ch, ras.)
“Ein Kameraauge ist fast immer dabei. Prominente Personen stehen freiwillig oder unfreiwillig im Blitzgewitter. Ihr Verhalten, ihre Haut und ihre Kleider werden erbarmungslos bis ins Detail seziert.”

Die neuen Herren des «Journal»
(bilanz.ch, Peter Hossli)
“Gratisabonnements gibt es nur für Angestellte. Selbst US-Präsidenten bezahlen für die noble Lektüre – egal, ob online oder gedruckt. Das ‘Wall Street Journal‘ ist die einzige Zeitung, die gewinnbringend Inhalte online nur gegen Bezahlung vertreibt.”

Verleger und SRG in den Presserat aufgenommen
(impressum.ch)
Trotz Protesten der Gewerkschaft Comedia werden die Verleger und Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft in den Presserat aufgenommen.

“Das darf nicht zu einem Mob 2.0 degenerieren”
(16vor.de, Nicole Zillien)
Interview mit dem Trierer Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Bucher: “Die Gefahr, dass das Web 2.0 zum Mob 2.0 degeneriert, ist groß und kann sowohl auf spickmich.de als auch auf meinprof.de täglich beobachtet werden. Es ist deshalb nur folgerichtig, dass viele kommunale Web 2.0-Aktivitäten eine formelle Anmeldung verlangen.”

Grassierende Draufgeberitis
(999blogs.de/clap-club)
“Ein aktueller Blick in die Zeitschriftenregale lässt vermuten: Magazine allein reichen nicht aus, um Käufer zu begeistern. Mit Booklets sollen Attraktivitäten gesteigert und Begehrlichkeiten geweckt werden.”