Archiv für Juni 6th, 2007

“Bild” ist treuer als Oliver Pocher

Wenn sich eine Frau mit Körbchengröße 75 G plötzlich erinnert, dass sie vor sieben Jahren mal mit Oliver Pocher “ganz öffentlich ins Kino, Hand in Hand über die Straße gegangen” sei (und Oliver Pocher sich dazu bislang “gegenüber BILD nicht äußern” wollte), dann…

… muss das natürlich auf die Tittelseite von “Bild” (siehe Ausriss). Zumal die Frau doch laut “Bild” behauptet, dass sie auch “die Geliebte von Oliver Pocher” gewesen sei bzw. (wie “Bild” selbst es formuliert) “eine Affäre mit dem TV-Star” hatte und “Oliver Pocher ganz nahe kam”.

Überrascht fragt “Bild” deshalb: “Wer ist die hübsche Blonde?” Und hat sogar eine Antwort:

Annina wurde in Bremerhaven geboren, arbeitet heute als selbstständige Immobilienmaklerin in Köln. Sie ist Single, ließ sich in drei Operationen den Busen auf Körbchengröße 75 G vergrößern.

Das ist dann zwar alles, was “Bild” heute über “Annina U. (29)” zu berichten weiß — aber längst nicht alles, was es über Annina Ucatis (so ihr voller Name) zu berichten gäbe. Allein im “Bild”-Archiv fände sich da beispielsweise der Hinweis, dass Ucatis im Frühjahr 2003 von “Bild” als “Bingo-Fee” entdeckt wurde und anschließend in einer “BILD-Sommeraktion” wochenlang “den leckersten Kerl vom Bau” suchen durfte — aber auch diese zweifellos etwas übergeigte “Bild”-Geschichte vor anderhalb Wochen:

"Busen-Süchtig! Maklerin gefeuert"

Oder diese aus dem Januar:

""Schönheits-Wahn -- Maklerin ließ sich 3-mal ihre Brüste vergrößern"

Ja, damals wusste “Bild” sogar noch, dass Ucatis “als TV-Assistentin von Harald Schmidt und Verona Feldbusch” aufgetreten ist.

Außerdem tingelte Ucatis mit ihrer “Busen-Sucht” in den vergangenen Monaten durch die diverse TV-Boulevardmagazine. Und RTL fasste zusammen:

Annina (…) entdeckte, dass zwei Argumente reichten, um in den Medien und auf Promi-Parties Karriere zu machen. Annina trat als Nummerngirl in der Erotik-Sendung “Peep” auf, lernte Dieter Bohlen kennen, hatte Kurzauftritte bei “Veronas Welt” und war die Assistentin von Harald Schmidt. Und irgendwann (…) wurde Annina angeblich auch die Freundin von Party-König Michael Ammer. (…) Doch irgendwie verlief sich Anninas Medien-Karriere. Je riesiger ihr Busen wurde, desto weniger war sie gefragt. (…) Zur Zeit ist Annina Single. Ihr letzter Freund hat sie verlassen, weil er ihre Begeisterung für die Riesenbrüste bei nunmehr drei Kilogramm Silikon nicht mehr teilen konnte. Die 29-Jährige will sich jetzt ganz auf ihre Arbeit als Immobilienmaklerin konzentrieren. Nebenbei macht sie Fotos, die in den pornografischen Bereich gehen. (…)

Es wäre jetzt natürlich völlig unangebracht, einen Zusammenhang zwischen Körbchengröße und Glaubwürdigkeit herzustellen. Aber jede Wette, dass “Bild” demnächst wieder Neues von Frau Ucatis zu berichten hat — und sei’s auch sieben Jahre alt.

Mehr dazu hier.

Fotobetexter verliert beim Teekesselchen-Spiel

Lieber Norbert Körzdörfer,

ich habe mal irgendwo gelesen, Ihre Chefs würden über Sie sagen: “Körzi kannst Du um drei Uhr in der Nacht anrufen. Er schreibt Dir jeden Nachruf, ohne irgend ein Faktum nachgucken zu müssen”. Und ich muss gestehen, ich hatte, als ich das las, so meine Zweifel…

Und nun ist also Jean-Claude Brialy gestorben, der französische Schauspieler, der eng mit der vor 25 Jahren gestorbenen Romy Schneider befreundet war — und Sie mussten für “Bild” drüber schreiben. Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie Brialy persönlich kannten. Oder gut. Aber immerhin: Sie haben sich vorbereitet und für Ihren kleinen Nachruf dieses Interview gelesen, das Brialy kürzlich dem “Spiegel” gegeben hatte. Zumindest zitieren Sie daraus wörtlich, wenn Sie heute schreiben:

Romy-Tochter Sarah Biasini (29) hatte rotgeweinte Augen. Brialy fand ihre tote Mutter: “Wunderschön, schlafend, lächelnd.”

Solche Formulierungen, lieber Norbert, macht Ihnen keiner nach. Allein dieser fast lyrische Doppelpunkt! Ganz schön gewagt auch. Fand Brialy jetzt die tote Romy? Oder die tote Romy wunderschön? Ich weiß: Sie und ich kennen die Antwort — steht ja lang und breit in dem zitierten “Spiegel”-Interview, dass Brialy “im Radio, um 8 Uhr morgens” von Romys Tod erfahren hat, aber wissen das auch Ihre Leser? Oder sehe ich jetzt schon Gespenster?!

Falls ja, will ich nichts gesagt haben…
Mit Gruß
Ihre Clarissa

Ach, eins noch: Weil ja nicht jeder schreiben kann, “ohne irgend ein Faktum nachgucken zu müssen”, sagen Sie doch bitte beim nächsten Mal den Kollegen in der Fotobetextungsabteilung von “Bild” kurz Bescheid, wie Sie was meinen. Bei der Illustration Ihres Nachrufs haben die nämlich heute neben ein Brialy-Foto das hier geschrieben:

"Vor 25 Jahren fand er Romys Leiche"

Mit Dank an Oliver S. für den Hinweis.

6 vor 9

Auf ein Schnitzel mit Zilk
(falter.at, Florian Klenk und Armin Thurnher)
Helmut Zilk wird achtzig. Hoch oben im Ringturm spricht er über die Wandlung der “Krone”, das autoritäre Österreich der Sechzigerjahre, mutiges Fernsehen, die trinkfesten Russen und die von ihm “balkanisierte” Stadt.

Anwalts Lieblinge
(taz.de, Claudia Wente)
Wegen der Verletzung von Urheber- oder Persönlichkeitsrechten werden Blogger zurzeit von einer Abmahnungswelle überrollt – für die Blogger verzichtbarer Ärger, für die Anwälte ein einträgliches Geschäft.

“Wir polarisieren sehr stark”
(persoenlich.com, David Vonplon)
Die Basler “Startup”-Agentur Trigami vermittelt Firmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz Einträge in Weblogs. Für die bezahlten Beiträge werden die Blogger finanziell entschädigt. Trotz grossen Vorbehalten ist das Interesse an der neuen Verdienstmöglichkeit beträchtlich: Bereits haben sich 1’500 Blogger bei Trigami angemeldet. Jungunternehmer Remo Uherek, Gründer des Internetprojekts, erklärt im Interview mit “persoenlich.com”, weshalb die Kommerzialisierung der Blogosphäre seines Erachtens nicht schadet.

Die Netzeitung soll zur echten Zeitung werden
(welt.de, Kai-Hinrich Renner)
Die Netzeitung wird an die BV Deutsche Zeitungsholding verkauft. Damit dürfte sich ihre Ausrichtung grundlegend ändern.

Eine Zigarettenlänge mit Harald Martenstein
(watchberlin.de, Video, 4:47 Minuten)
Was Helmut kann, kann Harald schon lange – Martenstein raucht, denkt und stellt dabei fest: An sich ist Berlin super, nur die Leute, die hier wohnen, stören.

Aufmerksam verblödet
(sueddeutsche.de, Gustav Seibt)
Millionen Stunden werden in aller Welt so verbracht – aber wir haben uns noch nicht klargemacht, wie das aussieht: Wolfram Hahn hat Kinder beim Fernsehen fotografiert. Wir zeigen die Bilder.

Neue EM-Trikots des DFB jetzt auch in “Bild”

Gut möglich, dass sich inzwischen herumgesprochen hat, dass das Wort exklusiv in “Bild” gelegentlich etwas anderes bedeutet als im allgemeinen Sprachgebrauch.

Gut möglich aber auch, dass “Bild” sich davon nicht beirren lässt — und auch heute wieder (mit entsprechender Ankündigung auf der Titelseite) in einer angeblich “exklusiven” Meldung behauptet:

Es ist geheime Kommandosache, soll erst im November vorgestellt werden. BILD enthüllt es jetzt: Das Deutschland-Trikot für die Europameisterschaft 2008!

Dabei findet sich z.B. im offiziellen Forum des FC Schalke 04 offenbar bereits seit Freitag letzter Woche ein Link, der die “Bild”-Behauptung (“jetzt”, “exklusiv”, “enthüllt”) eindeutig widerlegt.

Mit Dank an Sascha M. für den Hinweis.
 
Nachtrag, 10.40 Uhr (mit Dank an Alex W., Heiko E. und andere): Auch hier und hier wird bereits seit dem 31. Mai in aller Öffentlichkeit über das neue Trikot-Design diskutiert.

Nachtrag, 8.6.2007: Auch einen Tag nach der angeblichen “Exklusiv”-Meldung blieb die “Bild”-Zeitung bei ihrer Darstellung und behauptete unter der Schlagzeile “Riesen-Diskussion um das neue Deutschland-Trikot”:

BILD hat es gestern exklusiv enthüllt — und jetzt diskutiert Fußball-Deutschland (…).

Nachtrag, 10.6.2007: Auch Bild.de beharrt auf der nachweislich falschen Behauptung, dass das neue Trikot erst durch “Bild” öffentlich geworden sei und schreibt:

BILD hat das Design des neuen Nationaltrikot exklusiv enthüllt.