Generation Pornojournalismus

In Thüringen wird zurzeit viel über den Sexualkundeunterricht gesprochen. Die Landesschülervertretung zum Beispiel beklagte sich vergangene Woche darüber, dass das Thema Sexualität in den Schulen zu kurz komme, während die AfD bei jeder Gelegenheit panisch gegen die „Frühsexualisierung“, „Gleichmacherei“ und „ideologisch geprägte Pseudo-Pädagogik“ wettert.

Die Nachrichtenagentur dpa nahm die Debatte zum Anlass, den Biologieprofessor Uwe Hoßfeld von der Uni Jena zum Thema Aufklärungsunterricht zu interviewen.

Eine Frage lautete:

Jugendliche sind heute im Internet nur wenige Klicks von pornografischen Inhalten entfernt, von einer „Generation Porno“ ist sogar die Rede. Wie färbt das auf den Unterricht ab?

Antwort des Professors:

Das bedeutet, dass wir im Unterricht stärker Medienkompetenz vermitteln müssen. Pornos sind Märchen für Erwachsene, die wenig mit der Realität zu tun haben. Wir als Lehrer und Eltern müssen das den Kindern klar machen – sonst besteht die Gefahr, dass sie Komplexe entwickeln. Und die Schüler müssen ganz anders abgeholt werden als früher. Wir müssen ihnen stärker vermitteln, welche Rollen Liebe und Gefühle spielen. Auch sehe ich den Unterricht bei Fragen der Verhütung gefordert. Für mich ist es ganz erstaunlich, dass das Thema Aids weitgehend aus den Medien verschwunden ist – nur weil es eine Tabletten-Therapie gibt und man nicht mehr daran stirbt.

Und nun zusammengefasst von Bild.de:

Pfui! Und was kommt als nächstes? Nazi-Unterricht? In dem die Kinder etwas übers Dritte Reich lernen?

Aber im Ernst. Mit den Aussagen des Profs hat die Schlagzeile freilich nichts mehr zu tun, und was an der ganzen Sache „gewagt“ sein soll, verrät Bild.de auch hinter der Paywall nicht.

Auch der Professor war überrascht, als er diese Schlagzeile heute Morgen lesen musste, sagte er uns auf Nachfrage. In Wirklichkeit fordere er keinen „Porno-Unterricht“, sondern — wie man dann ja auch im Bild.de-Artikel (in dem übrigens die gleichen Antworten stehen wie im dpa-Interview) nachlesen könne — „eine gute Gesundheitserziehung für Kinder und Jugendliche“. Aber das wäre als Überschrift natürlich nur halb so geil gewesen.