Bild.de verbreitet Vergewaltigungslüge

Verglichen mit umliegenden Städten und Gemeinden in Westsachsen, ist die Kriminalitätsrate in Plauen ziemlich hoch: Auf zehn Einwohner komme eine Straftat, sagte der Zwickauer Polizeipräsident Conny Stiehl zur Kriminalstatistik, die im April dieses Jahres veröffentlicht wurde.

Bei Bild.de wollten sie damals dazu wissen:

Screenshot Bild.de - Sex-Verbrechen, Gewalt und Drogen - Herrscht in Plauen wirklich das Grauen?

Um darauf eine Antwort zu bekommen, fragte „Bild“, wo offensichtlich Freunde des flotten Reims arbeiten, „Frauen in Plauen“ nach deren Erfahrungen in der Stadt. Fünf Antworten konnte er präsentieren, darunter diese einer 18-Jährigen:

„Am Bahnhof saß neulich ein halbnacktes Mädchen und weinte. Sie ist vergewaltigt worden.“

Diese 18-Jährige, deren Zitat Bild.de verbreitete, saß nun als Angeklagte vor dem Amtsgericht Auerbach wegen Vortäuschen einer Straftat, wie die „Freie Presse“ berichtet. Die Staatsanwaltschaft warf ihr vor, die Vergewaltigung erfunden zu haben. Und auch das Gericht entschied, dass sie gelogen hatte: Die Vergewaltigung hat es nie gegeben.

Die richterliche Entscheidung stützt sich vor allem auf die Ermittlungsarbeit der Polizei. Manuela Müller schreibt in der „Freien Presse“:

Die Polizei begann von selbst zu ermitteln, nachdem der Text in Umlauf war. Die Beamten suchten ein Vergewaltigungsopfer, fanden aber keine Spur.

Ein Hauptkommissar fragte bei Kolleginnen und Kollegen der 18-Jährigen nach, ob diese von dem Vorfall erzählt hatte. Hatte sie nicht. Auch für einen angeblichen Anruf bei der Polizei, der sie nach eigener Aussage von einem halbnackten Mädchen in einer Unterführung erzählt haben will, fand man keine Belege. In den internen Polizei-Lagefilmen, in denen alle Informationen erfasst werden, die die Polizei erreichen — nichts. Auch nicht bei der Bundespolizei. Und sowieso war das alles letztlich ein fragwürdiges Zusammenreimen. So soll die Angeklagte gesagt haben: „Oben auf der Treppe saß ein Asylant. Da kann man sich doch seinen Teil denken.“

Wir haben bei „Bild“-Sprecher Christian Senft nachgefragt, ob die Redaktion damals die Behauptung der 18-Jährigen, etwa bei der Polizei, gegengecheckt hat, bevor sie sie weiterverbreitete. Auf die konkrete Frage ging er nicht ein und schrieb stattdessen von „journalistischen Mängeln“ und „technischen Fehlern“:

Die Geschichte ist vor Andruck aufgrund journalistischer Mängel aus der Printausgabe entfernt worden. Online wurde sie durch einen technischen Fehler veröffentlicht. Wir haben den Artikel inzwischen gelöscht und bedauern den technischen Fehler.

Tatsächlich ist der Beitrag nach unserer Anfrage von Bild.de verschwunden.

Gesehen bei @LarsWienand. Mit Dank an @twigigitwi und O.S. für die Hinweise!