Indianer-Kostüme an Fasching: „Bild“ verwechselt „bitten“ und „verbieten“

An der heutigen „Bild“-Titelseite kann man gut sehen, wie „Bild“ Fakten verzerrt und aufbläst, wie das Blatt versucht, Aufreger zu setzen, und es dabei im Sinne des größtmöglichen Knalls nicht so genau nimmt mit der Genauigkeit:

Ausriss Bild-Titelseite - Damit sich ja niemand diskriminiert fühlt - Erste Kita verbietet Indianer-Kostüme - Dafür sollen Kinder Meerjung-Männer und Senftuben gehen

Wichtig ist dabei schon mal das Wort „Erste“, weil es auf den möglichen Start einer Serie von indianerkostümverbietenden Kitas hinweist, ohne dass es dafür konkrete Hinweise gibt.

Noch wichtiger aber ist das Wort „verbietet“, weil es bei der Leserschaft direkt zu erhöhtem Blutdruck führen kann. Liest man den Artikel bei Bild.de, kann man ziemlich schnell erste Zweifel bekommen, dass in der Hamburger Kita, um die es geht, wirklich etwas verboten wurde. Bereits in der ersten Bildunterschrift schreibt die Redaktion:

Die Kita-Leitung bat in einem Schreiben an die Eltern auf Indianer-Kostüme, wie in diesem Symbolfoto, zu verzichten

„bitten“ und „verbieten“ mögen für „Bild“-Mitarbeiter vielleicht irgendwie ähnlich aussehen. Die zwei Begriffe haben aber dennoch recht unterschiedliche Bedeutungen.

Im Text zitieren die „Bild“-Medien ein Schreiben der Kita an die Eltern:

Darin wurde darum gebeten, „bei der Auswahl des Kostüms darauf zu achten, dass durch selbiges keine Stereotype bedient werden“. Und: „Beispielsweise möchten wir nicht, dass Kinder als „Indianer“, „Scheich“ oder ähnliches verkleidet sind“.

Auch hier: „möchten wir nicht“ statt „verbieten wir“.

Man kann das Vorgehen der Kita-Leitung natürlich dennoch bescheuert finden. Man kann aber nicht einfach behaupten: „Die verbieten da was!“ Dass die Bitte, auf bestimmte Kostüme zu verzichten, auch sehr kritisch gesehen werden kann, schreibt Kita-Betreiber „Elbkinder“, zu dem auch die Kita von der „Bild“-Titelseite gehört, selbst in einer Stellungnahme von heute. Sowieso klingt die ganze Sache dort deutlich differenzierter als in „Bild“:

Das Projekt erkennt an, dass man Stereotype braucht, um die Komplexität der Welt zu reduzieren, es soll aber sensibilisieren für Stereotype, die für die Betroffenen schmerzhaft, z.T. sogar entwürdigend sein können. Einen solch sensiblen Umgang mit Stereotypen erwarten wir von allen unseren Kitas; wie sie das an Fasching einbeziehen, ist aber doch sehr unterschiedlich und bleibt den einzelnen Kitas überlassen.

Verkleidungen an Karneval basieren auf Stereotypen und das gehört zum Feiern dazu. Außerdem ist es wichtig zu unterscheiden, wie Kinder und wie Erwachsene Fasching feiern: bei dem öffentlich in den Medien sichtbaren Karneval geht es oft um Kritik an Politikern oder anderen öffentlichen Personen und meist geht es dabei ziemlich derb zu. Für Kinder ist Fasching aber eine Gelegenheit, sich in jemanden zu verwandeln, den sie als Held sehen und der sie selbst gerne sein möchten. Über die von der Kita gewählten Beispiele „problematischer“ Kostüme kann man deshalb durchaus streiten.

In derselben Stellungnahme klingt es auch wahrlich nicht nach einem Indianer-Kostüm-Verbot:

Und natürlich wären Kinder, die doch als Indianer oder Scheichs verkleidet zum Fasching gekommen wären, genauso willkommen gewesen.

Eine von 185 „Elbkinder“-Kitas, von Hunderten Kitas in Hamburg, von Tausenden Kitas in Deutschland bittet darum, unter anderem nicht als Indianer verkleidet zum Fasching zu kommen. Und kommt dann doch ein Kind als Indianer, ist das auch kein Problem. Das Ganze wird erst dadurch zum Skandal, dass die „Bild“-Redaktion diese Bitte zu einem Seite-1-Verbotsskandal macht.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!