„Bild“ lässt falsche Geburtenrate in Afrika rasant steigen

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel vergangene Woche verschiedene afrikanische Länder besuchte, ging es für „Bild“, Bild.de und „Bild“-Parlamentsbüro-Leiter Ralf Schuler vor allem um eine Frage:

Ausriss Bild-Zeitung - Kann Merkel in Afrika Flüchtlinge aufhalten?
Screenshot Bild.de - Kann Merkel in Afrika Flüchtlinge aufhalten?

Die Dringlichkeit dieser Frage unterstreicht Schuler unter anderem mit dieser Aussage:

Aber es ist auch ein Wettlauf gegen die rasant steigenden Geburtenraten, zwischen fünf und sieben Kinder sind üblich.

Das ist schlicht falsch.

Es gibt kein afrikanisches Land, in dem die Geburtenrate „rasant steigt“ (wobei Schuler sowieso wohl eher die Fruchtbarkeitsrate und nicht die Geburtenrate meint). Im Gegenteil: Die Geburtenraten auf dem afrikanischen Kontinent gehen seit Jahren und Jahrzehnten zurück. Für die drei Länder Senegal, Ghana und Nigeria, in die Ralf Schuler die Bundeskanzlerin bei ihrer Reise begleitet hat, sieht das laut Weltbank so aus:

Senegal:
1960: 7,0
1970: 7,3
1980: 7,3
1990: 6,5
2000: 5,5
2010: 5,1
2016: 4,8

Ghana:
1960: 6,7
1970: 7,0
1980: 6,5
1990: 5,6
2000: 4,8
2010: 4,3
2016: 4,0

Nigeria:
1960: 6,4
1970: 6,5
1980: 6,8
1990: 6,5
2000: 6,1
2010: 5,8
2016: 5,5

Auch für die gesamte Region südlich der Sahara geht die Rate deutlich nach unten.

Schulers Behauptung, dass „zwischen fünf und sieben Kinder“ üblich seien, passt auch nicht mit den vorliegenden Statistiken zusammen. Laut Weltbank hatten 2016 nur zwölf der 54 afrikanischen Länder (mit der nur teilweise anerkannten Westsahara sind es 55) eine Fruchtbarkeitsrate von über fünf: Niger (7,2), Somalia (6,3), Demokratische Republik Kongo, Mali (je 6,1), Tschad (5,9), Burundi, Angola (je 5,7), Uganda (5,6), Nigeria (5,5), Gambia, Burkina Faso (je 5,4) und Mosambik (5,2). Im „World Factbook“ der CIA, wo es bereits die geschätzten Zahlen für 2017 gibt, sind es 13: Niger (6,5), Angola (6,2), Mali, Burundi (je 6,0), Somalia (5,8), Burkina Faso, Uganda (je 5,7), Sambia (5,6), Malawi (5,5), Mosambik, Südsudan, Nigeria und Liberia (je 5,1). Üblich ist also eine Fruchtbarkeitsrate von weniger als fünf Kindern.

Bevor man mit großen Fragen (etwa: „Kann Merkel in Afrika Flüchtlinge aufhalten?“) in den Diskurs eisnteigen will, sollte man vielleicht erstmal die kleinen Fakten richtig haben.

Mit Dank an Jonas H. für den Hinweis!