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Weimerer Replik

Wolfram Weimer ist einer der bekanntesten konservativen Publizisten Deutschlands. Er war Chefredakteur von „Welt“ und „Berliner Morgenpost“, Gründer und Chefredakteur von „Cicero“ und kurzzeitig Chefredakteur des „Focus“. Bevor er dort ging, um sich „neuen Projekten zuwenden zu können“, gab es Irritationen, weil Weimer in seinen Texten Passagen recycelte, die er zuvor schon an anderen Stellen geschrieben hatte.

Nun, da er beim „Focus“ weg ist, kann er natürlich in seinen Texten Passagen recyceln, die er zuvor schon im „Focus“ geschrieben hatte.

In seiner aktuellen Kolumne in der „ADAC Motorwelt“, die unter dem wortverspielten Titel „Weimer autonom“ läuft, widmet er sich dem „Gouvernantenstaat“, von dem sich Weimer offenbar konsequent bevormundet fühlt:

Früher durfte man sich anschnallen. Heute muss man. Und wenn die Polizei es nicht erzwingt, dann die dauernd piependen Gurtwarner. Die Sache ist gut gemeint, aber sie nervt. Das Auto behandelt uns wie Kleinkinder. Und das ist leider typisch. Vom Glühbirnenbefehl bis zur Mülltrennung, von der Skihelmpflicht bis zum Schornsteinfeger-Zwang reicht der Tugendwille in einem Staat, der zusehends auftritt wie eine Supernanny. Selbst wenn wir bürokratisch schon halb ersticken, hat Supernanny noch eine Vorschrift, eine Warnung, eine Regulierungsbehörde mehr parat. Allein 20 Millionen Straßenschilder hat sie aufgestellt, alle 28 Meter steht eines. Fehlt nur noch, dass die auch anfangen zu piepen.

Bis hierhin ganz normale Anbiederung an eine Leserschaft, die auch schon mal „freie Fahrt für freie Bürger“ fordert.

Dann wird Weimer grundsätzlich. So grundsätzlich wie im Juli 2011, als er in einer der letzten von ihm verantworteten „Focus“-Ausgaben über das undurchschaubare deutsche Steuersystem schrieb, das er als Symptom eines „Gouvernantenstaats“ ausgemacht hatte.

Und weil wir leider nicht Zugriff auf die Funktion „Änderungen nachverfolgen“ in Weimers Textverarbeitungsprogramm haben, müssen wir das so lösen:

„ADAC Motorwelt“
„Focus“
Vom Glühbirnenbefehl bis zur Mülltrennung, von der Skihelmpflicht bis zum Schornsteinfeger-Zwang reicht der Tugendwille in einem Staat, der zusehends auftritt wie eine Supernanny. Von Finanzamt-Sheriffs bis zu den in Büschen kauernden Polizisten, die brave Muttis auf breiten Ausfallstraßen mit ihren Blitzgeräten abkassieren, vom Glühbirnenbefehl bis zum ARD-ZDF-Gebühren-Zwang reicht die Alltagserfahrung in einem Staat, der zusehends auftritt wie eine Super-Nanny.
[…] […]
Mit Quoten und Verboten kommen Supernannys Gehilfen daher, die Gleichstellungsbeauftragten und Integrationsberater. Mit Quoten und Verboten kommen sie daher, die Verbraucher- und Familienschützer, die Gleichstellungsbeauftragten, Präventionsräte und Integrationsberater.
Sie tragen Menschen teure Bildungspakete hinterher, die gar keine haben wollen. Sie tragen Menschen teure Bildungspakete hinterher, die gar keine haben wollen, denn sie wissen alles besser.
[…] […]
Der Gouvernantenstaat wird uns irgendwann verbieten, Süßigkeiten zu naschen oder Ski zu fahren – zu gefährlich, zu teuer für das Kollektiv, zu schädlich für die Natur. Der Gouvernantenstaat wird uns irgendwann verbieten, Süßigkeiten zu naschen oder Ski zu fahren – zu gefährlich für uns, zu teuer für das Kollektiv, zu schädlich für die Natur.
Er wird uns Wein und Bier madig machen, Autorennen verbieten und beim Essen ermahnen, was gesund ist. Er wird uns Wein und Bier so madig machen wie Nikotin und beim Essen genau erklären, was gesund ist und was nicht.
Alles im Gestus der Gurtpflicht. Supernanny – bei dir piepst es langsam! Der nächste Totalitarismus kommt nicht in der Uniform einer Ideologie daher, er kommt im fließenden Gewand der Bemutterung.

Mit Dank an Twipsy.

Weimerer Klassizismus

„Weimers Woche“ ist erstens eine Alliteration und zweitens der Titel einer Kolumne, die der damalige Chefredakteur des Politmagazins „Cicero“, Wolfram Weimer, bis Ende 2009 fürs „Handelsblatt“ und für stern.de geschrieben hat. Dann wurde Weimer Chefredakteur der Illustrierten „Focus“, wo er im Juli dieses Jahres nach einem „Machtkampf“ mit „Focus“-Gründer Helmut Markwort gehen musste — bzw. um sich nach offizieller Sprachregelung „neuen Projekten zuwenden zu können“.

Zuvor wendet sich Wolfram Weimer aber erst mal alten Projekten zu und hat fürs „Handelsblatt“ seine Kolumne wiederbelebt. In der ersten Ausgabe vergangene Woche widmete er sich den „Sündenböcken“ des politischen Berlins, also dem Papst, den Banken und der FDP:

Regierung schwach, Börsen panisch, Euro marode, Sonntag zu selten, Auto kaputt, Milch sauer? Berlin weiß: Entweder war es Philipp Rösler, Josef Ackermann oder Benedikt XVI.

Dabei ist die Bundesregierung mindestens so schlimm wie die Banken, sagt Weimer, und hebt zur Verteidigung der letzteren an:

Unsere Generation hat über Jahrzehnte noch nicht ein einziges Jahr mit einem ausgeglichenen Bundeshaushalt erlebt – egal übrigens, welche Partei gerade regiert hat. Selbst wenn wir all unsere Banken – private haben wir sowieso kaum noch welche – verstaatlicht hätten und den Euro wieder abschafften – der Schuldenberg Europas müsste doch bezahlt werden. Dass Berlin also die Banken in Frankfurt als „verantwortungslose Kreditteufel“ attackiert, ist ein Witz.

Ja, das ist ein Witz. Sogar einer mit einer Pointe.

Denn was findet man, wenn man bei Google nach „verantwortungslose Kreditteufel“ sucht?

Wenig, sehr wenig. Genau genommen nur eine einzelne Kolumne über die amerikanische Bankenkrise aus dem Jahr 2008.

Vor allem die Politiker Europas werfen sich in diesen Tagen eifernd ins Zeug. In besserwisserischen Posen schwadronieren sie über den Atlantik, als gäbe es da drüben nur verantwortungslose Kreditteufel, während hier alle Soliditätsengel zu Hause seien.

Bei der Kolumne handelte es sich um „Weimers Woche“ und es sieht ganz so aus, als hätte bisher niemand Wolfram Weimer den Gefallen getan, die „verantwortungslosen Kreditteufel“ zu einem geflügelten Wort zu machen — zumindest so lange, bis Wolfram Weimer zurückkam.

P.S. Im Juli, als Weimer noch „Focus“-Chef war, hatte der Branchendienst „Werben & Verkaufen“ geschrieben:

Unterdessen ist die positive Aufbruchstimmung vom Juli 2010 mittlerweile verflogen, die Redaktion spart nicht an Kritik. So mancher wundert sich, dass Weimer Texte, die er bereits an anderer Stelle veröffentlicht hat, im „Focus“ reycelt. Wie beispielsweise im Text „Der Überflieger“ (50/10) über Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg – ein Recycling seiner Laudatio, als der Ex-Verteidigungsminister „Politiker des Jahres 2009“ wurde. Ebenfalls mehrfach genutzt: Ein Beitrag aus Weimers Vorgänger-Blatt „Cicero“ vom August 2006 erschien erneut in „Focus“ 18/11 als „Die Lücke, die Gott lässt.“ Und: Im Extra-Heft zur Katastrophe in Fukushima brachte Wolfram Weimer in „Focus“ die gleiche Zitate-Sammlung, wie sie schon in „Cicero“ 2/05 zu lesen war. Auch das Memo „Die spielen Schuldenmonopoly“ (51/10) erinnert stark an einen Blog-Beitrag Weimers aus dem Jahr 2008.

Mit Dank an Basti.