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Vorsicht, Paparazzi!

Es gibt bekanntlich verschiedene Dinge, mit denen „Bild“ so ihre Probleme hat. Um nur zwei zu nennen: Manchmal müssen Mitarbeiter Fotos betexten, obwohl sie gar nicht wissen, was darauf zu sehen ist. Und manchmal veröffentlicht „Bild“ Fotos, mit denen sie möglicherweise Persönlichkeitsrechte verletzt.

Während der WM hat „Bild“ nun einen Weg gefunden, wie sich diese beiden Probleme hervorragend kombinieren lassen: Den „BILD-Handy-Reporter“. Und wer nun gehofft hatte, dass diese Aktion mit dem Ende der WM ausläuft, der wird enttäuscht:

Natürlich kann jeder selbst entscheiden, ob er für „Bild“ den Paparazzo machen will, oder nicht. Aber man sollte dabei zweierlei bedenken. Erstens können die Fotografierten meist nicht entscheiden, ob sie überhaupt fotografiert werden wollen (Stichwort: Persönlichkeitsrechte). Und zweitens gibt es keine Garantie dafür, dass die Geschichte, die „Bild“ dann zu dem Leser-Foto macht, auch stimmt (Stichwort: Ahnungslos Fotos betexten).

Diese Ahnungslosigkeit demonstriert „Bild“ schon gleich zum Auftakt der Aktion. So schreibt sie zum heutigen Schnappschuss, der einen Polizisten zeigt, der während der Fahrt mit dem Handy telefoniert:

Lieber Schutzmann – das ist dreister, als die Polizei erlaubt. Dafür sind wohl mindestens 40 Euro für die Kaffeekasse seiner Polizeiwache fällig.

Denn laut Bußgeldkatalog gibt es für diese Ordnungswidrigkeit 40 Euro Strafe und einen Punkt in Flensburg.

Nun ja, nicht unbedingt. Denn was „Bild“ dabei nicht berücksichtigt: Polizisten genießen nach Paragraph 35 der Straßenverkehrsordnung (StVO) Sonderrechte. Das heißt, sie sind von den Vorschriften der StVO befreit, „soweit das zur Erfüllung hoheitlicher Aufgaben dringend geboten ist“.

Ob Paragraph 35 StVO hier greift, wissen wir natürlich nicht, „Bild“ und der Leser-Reporter aber offenbar auch nicht. Deshalb, wie gesagt: Paparazzi, Vorsicht!

Mit Dank an Conrad G. für den sachdienlichen Hinweis.

„Bild“ bezahlt Spanner und Schaulustige

Ein Biker kollidierte in Berlin mit einem Radfahrer. Beide Männer liegen verletzt auf der Straße. Rettungskräfte leisten Erste Hilfe. Robert S[…] drückte auf den Auslöser.

Jaha, denn der Robert hat mitgemacht bei der „großen BILD-Aktion“ und ist „BILD-LESER-REPORTER“ geworden. Und deshalb kann Robert sich jetzt über 500 Euro Honorar freuen und die „Bild“-Zeitung über ein schönes Farbfoto, auf dem man alles sieht: die beiden Unfallopfer, die schwer verletzt und mit bloßen Oberkörpern auf der Straße liegen, die Feuerwehrleute, die neben ihnen knien und sich über sie beugen, die anderen Passanten, die offenbar keine „Bild“-Zeitung lesen und deshalb nur glotzen und nicht fotografieren.

Das hier ist knapp die obere Hälfte des „Schnappschusses“ („Bild“) — unten ist dann das eigentliche Geschehen:

Über dieses Foto und fünf andere hat „Bild“ folgende Schlagzeile gesetzt (das rote unten sind die Geldscheine, die bei der Veröffentlichung winken):
Die tollen Fotos unserer Leser

Zu den weiteren veröffentlichten Fotos gehört auch ein Bild, das Veronica Ferres und ihren Mann bei einem privaten Gespräch in einem Café zeigt, und eines, auf dem angeblich der Fußballspieler David Odonkor zu sehen ist, wie er anscheinend auf einem Parkplatz uriniert.

Angeblich haben schon „weit über 1000 BILD-Leser-Reporter ihre Schnappschüsse“ an die Redaktion geschickt. Und was die „Bild“-Zeitung in Zukunft u.a. sehen möchte, beschreibt sie so:

— Blitzte für Sekunden der Busen eines prominenten Stars unter der Bluse hervor?
— Wurden Sie Zeuge eines Großbrandes oder eines Unfalls?

Viel genauer kann man die Begriffe „Spanner“ und „Schaulustige“ nicht umschreiben. Es sei denn, man würde juristische Begriffe verwenden.

Vielen Dank an Sascha F., Mulle M. und Benjamin B.!

Vorsicht, Paparazzi! (2)

Die „LeserReporter„-Aktion von „Bild“ zeigt offenbar Wirkung. Jedenfalls bei den Fußballspielern Lukas Podolski und David Odonkor. Von beiden veröffentlichte „Bild“ in den letzten Tagen Leser-Fotos, ohne die Einwilligung dafür zu haben, wie der „Tagesspiegel“ berichtet:

(…) Fotos von Lukas Podolski auf Mallorca und David Odonkor auf einem Parkplatz sind in diesen Tagen erschienen, beide Male sollen die „Leser-Reporter“ mit 500 Euro für das Einsenden der Handy-MMS belohnt werden. Die Fußballer gehen dagegen vor, sagte ihr Spielerberater Kon Schramm dem Tagesspiegel. Ihr Anwalt Christian Schertz bestätigte, in beiden Fällen Unterlassungserklärungen zu fordern. Er fühlt sich an Orwells „1984“ erinnert: Der „Bild“-Aufruf an die Leser führe dazu, „dass ganz Deutschland versucht, Abschüsse aus dem Privatleben herzustellen“. Dieser Art von Hetzjagd müsse ein Riegel vorgeschoben werden. Trotzdem werden es manche nicht lassen können.

Mit Dank an Mathias H. für den Hinweis.

Vorsicht, Paparazzi (3)

Die „Bild“-Leser-Reporter haben fleißig geknipst: Nicht nur süße Tiere und eindrucksvolle Gewitter, sondern auch drastische Unfallbilder, Ralf Schumacher mit Ehefrau beim Mittagessen im Strandlokal, Veronica Ferres mit Ehemann beim Kaffeetrinken im Hotel, Gerhard Schröder beim vegetarischen Essen mit Unbekannten, DJ Ötzi beim Eisessen, Graciano Rocchigiani, Dieter Bohlen und Lukas Podolski beim Sonnenbaden… All diese Motive hat die „Bild“-Zeitung in den vergangenen Tagen veröffentlicht und die allgegenwärtigen „Bild“-Leser mit 500 Euro entlohnt.

Doch der Preis könnte hoch sein, denn die Veröffentlichungen sind nicht nur für die Zeitung, sondern auch für die Amateurfotografen juristisch heikel.

Fotos von versehentlich entblößten Brüsten zum Beispiel, die „Bild“ sich ausdrücklich wünscht, stellen in der Regel eine Verletzung der Intimsphäre dar und sind daher unzulässig, sagt der Berliner Anwalt und Medienrechtsexperte Markus Hennig. Und wer bei einem Unfall Fotos macht, auf denen Verletzte oder Zeugen mit panikverzerrten Gesichtern zu sehen sind, könnte im Fall einer Veröffentlichung mit Geldforderungen konfrontiert werden. Dass unter bestimmten Umständen Prominente auch in der Öffentlichkeit ein Recht auf Privatsphäre haben und schon das Fotografieren eines Prominenten in einer intimen Situation teuer werden kann, darüber informiert die „Bild“-Zeitung ihre Hobby-Fotografen nicht.

PS: Auch der „Spiegel“ fragt heute, wer bei den Fotos der „Westentaschen-Paparazzi“ für eventuelle Rechtsverstöße haftet, und schreibt: „Bei ‚Bild‘ heißt es, man prüfe die Leserfotos genauso wie die Angebote professioneller Fotografen.“

Und wie die „Bild“-Zeitung die Angebote professioneller Fotografen prüft, beschrieb Nicolaus Fest, Mitglied der „Bild“-Chefredaktion, noch im Oktober 2005 so:

Aber wenn Sie Fotos angeboten bekommen und der Fotograf sagt Ihnen ‚Ham wir gestern geschossen…‘ — warum sollten wir denen nicht glauben?

Allgemein  

Biere zu Apfelsaftschorlen

Hä? Am Montag zahlte „Bild“ zwei „BILD-Leser-Reportern“ 500 Euro für ein Foto, das einen Polizisten beim Apfelsaftschorle-Trinken zeigt.
 
Aber vielleicht sollte man die Geschichte ein wenig anders erzählen. Denn „Bild“ behauptete u.a. (zumindest in Teilen ihrer Auflage und online), auf dem Foto sei „ein Polizist beim kühlen Bierchen am Vormittag“ zu sehen. Darüber hinaus hieß/heißt es suggestiv eher vage:

[Die „Bild“-Leser] erwischten diesen relaxten Polizisten beim Trinken. Ein Bierchen oder doch nur eine Apfelschorle? Hoffentlich hatte der schon Feierabend

Allerdings stand anderntags in der „Korrekturspalte“ von „Bild“:

Das Polizeipräsidium Bielefeld legt Wert auf die Feststellung, daß der Beamte der Stadtwache auf Fußstreife in der Innenstadt war und bei seiner kleinen Pause kein Bier getrunken hat.

Deutlicher wurde die „Neue Westfälische“, die ebenfalls gestern ausführlich über das falsch beschriftete „Bild“-Foto berichtete (siehe Ausriss):

Das vermeintlich kühle Bier ist eine Apfelsaftschorle, die der Polizeikommissar vormittags am Stehtisch auf der Bahnhofstraße (…) trank. „In diesem Geschäft gibt es nicht einmal Bier“, sagt Polizeisprecher Martin Schultz.

Was abermals die Frage aufwirft, wie es dazu kommen kann, wenn „Bild“ tatsächlich (wie behauptet) die Leserfotos genauso prüft wie die Angebote professioneller Fotografen. Eine Frage, auf die wir von „Bild“ bislang noch keine Antwort bekommen haben.

Mit Dank an Jan. G, padeluun, Dirk B. und Markus P. für die Scans.

Es muss nicht immer Apfelsaftschorle sein

Nichts als Ärger, und wir fassen zusammen:

  • „Bild“ veröffentlicht von „BILD-Leser-Reportern“ eingesandte Fotos von Prominenten, die durch die Veröffentlichung ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sehen.
  • „Bild“ veröffentlicht von „BILD-Leser-Reportern“ eingesandt Fotos von Nicht-Prominenten, die gar nicht das zeigen, was „Bild“ behauptet.
  • Und heute veröffentlicht „Bild“ von „BILD-Leser-Reportern“ eingesandte Fotos wie dieses:

    [Am 1. Mai 2010 entfernt.]

    In „Bild“ heißt es dazu:

    [Der „Bild“-Leser] aus Düsseldorf entdeckte dieses Sonderangebot…

    Wo der „Bild“-Leser es „entdeckte“, lässt „Bild“ offen. Entdecken können hätte er es beispielsweise im Februar bei Spiegel Online, im Oktober 2005 hier, im September 2005 hier oder bereits im Februar 2005 hier.

AUFGEMERKT! „Bild“ zahlt für lustige Internetfotos 500 Euro.

    Ach ja, angekündigt werden den „Bild“-Lesern die heutigen „Bild“-Leserfotos übrigens mit den Worten:

    "Laß dich nicht verar..."

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 22.17 Uhr: Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet heute, dass „Bild“ wegen der Veröffentlichung eines Laienpaparazzifotos von David Odonkor eine Unterlassungserklärung abgegeben habe.

Nachtrag, 1.5.2010: Wir haben das Foto, das in diesem Eintrag zu sehen war, auf Wunsch des Urhebers entfernt. Auch von allen der oben verlinkten Seiten ist es verschwunden.

„Bild“ bezahlt Spanner und Schaulustige (2)

Na, haben wir diese Foto nicht schon mal irgendwo gesehen?

Aber ja: Es war – zumindest in Teilen der Auflage – schon vor zwei Wochen in „Bild“ abgedruckt, eingesandt von einem „Bild“-Leser bzw. „BILD-Leser-Reporter“, der schaulustig der Unfallszene am unteren Bildrand (von uns nicht abgebildet) beigewohnt und u.a. die dort zu sehenden hilflosen, schwer verletzten Unfallopfer fotografiert hatte, wofür er von „Bild“ mit 500 Euro belohnt worden war.

Und am vergangenen Samstag, zwei Wochen nachdem der abgebildete Unfall passiert war, druckte „Bild“ dasselbe Leserfoto noch einmal — diesmal in anderen Teilen der Auflage als zuvor, also quasi dort, wo es bislang den „Bild“-Lesern erspart vorenthalten geblieben war. Mit anderen Worten: „Bild“ zahlt ihren Lesern offenbar nicht nur 500 Euro für die Einsendung irgendwelcher Schnappschüsse, die schon seit geraumer Zeit im Internet kursieren. Nein, bei Bedarf druckt und honoriert Europas größte Tageszeitung auch ohne aktuellen Bezug und Nachrichtenwert irgendwelche geilen Unfallfotos. Gut zu wissen auch das.

„Bild“ durfte zwei Laienpaparazzifotos nicht zeigen

Die „Bild“-Zeitung darf mehrere Fotos ihrer „BILD-Leser-Reporter“ nicht mehr verbreiten. Der frühere Außenminister Joschka Fischer und der Fußballspieler Lukas Podolski haben am Dienstag vor dem Landgericht Berlin entsprechende einstweilige Verfügungen erwirkt. Das bestätigte ihr Anwalt Christian Schertz auf Anfrage. Im Fall eines Leser-Fotos, das David Odonkor angeblich beim Urinieren auf einem Parkplatz zeigt, hatte „Bild“ bereits eine Unterlassungserklärung abgegeben.

Bei Fischer und Podolski lehnte „Bild“ einen Verzicht auf die weitere Veröffentlichung dagegen ab, beide zogen deshalb vor Gericht. Ein Foto zeigte Fischer beim Verlassen einer französischen Bäckerei, ein anderes Podolski im Urlaub am Strand. Solche und ähnliche Aufnahmen von den beiden darf „Bild“ nun vorläufig nicht mehr veröffentlichen.

Untenrum

„Alle Informationen, die BILD erhält, werden überprüft und journalistisch nachrecherchiert.“ (Bild.de-Hinweis für „BILD-Leser-Reporter“)
 
Gestern zeigte „Bild“ ein Foto von Dieter Bohlen am Strand von Mallorca (siehe Ausriss).

Geknipst hatte es ein „BILD-Leser-Reporter“. Zu sehen ist auf dem Foto laut „Bild“:

„Dieter Bohlen mit zwei weiblichen Fans“

Nach „Bild“-Angaben konnte sich der „BILD-Leser-Reporter“ mit dem „hier abgedruckten Foto 500 Euro verdienen!“. Und das ist erstaunlich: Schließlich hatte „Bild“ doch bereits vor zwei Wochen ein anderes Foto von Dieter Bohlen am Strand von Mallorca gezeigt (siehe Ausriss).

Geknipst hatte es ein „Bild“-Fotograf. Und zu sehen ist auf dem Foto laut „Bild“:

„Dieter Bohlen mit Anne (19) und Nadine (22)“

Das heißt, vor zwei Wochen kannte „Bild“ sogar noch Namen und Alter der beiden jungen Frauen. Und das ist auch kein Wunder: Schließlich handelt es sich, wie der untere Teil des „Bild“-Fotos zeigt (siehe Ausriss), bei den „zwei weiblichen Fans“ doch eigentlich um zwei Teilnehmerinnen am Casting für die RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ bei einem „Bild“-Fotoshooting. Und beim journalistischen Nachrecherchieren des „Bild“-Leserfotos hat das bestimmt auch „Bild“ herausgekriegt — bloß nicht für nötig befunden, es den „Bild“-Lesern mitzuteilen.

Mit Dank an Steffen G. für den sachdienlichen Hinweis.

Es muss nicht immer Apfelsaftschorle sein (2)

Soso, aha: Da hat also Maurizio M. bei der tollen „BILD-Leser-Reporter“-Aktion mitgemacht und per MMS, E-Mail oder Upload sein tolles „Leser-Reporter“-Foto an „Bild“ geschickt, richtig?

Na, es muss ja so sein. Schließlich wird das doch alles „überprüft und journalistisch nachrecherchiert“. Steht doch so auch bei Bild.de — beziehungsweise stand. Denn zur Zeit ist der Hinweis auf die angebliche journalistische Nachrecherche dort, wo er kürzlich noch stand, nicht mehr zu finden. Jetzt steht da bloß:

„Wichtig! Teilnehmen können nur Fotos, dessen Urheber Sie auch sind, das bedeutet, Sie selbst haben das Foto gemacht.“

Was wiederum nicht stimmt. Denn „das Foto von Maurizio M.“, dem „Leser-Reporter“, hat teilgenommen, obwohl Maurizio M. wohl eher nicht der Urheber ist. Zumindest findet sich dasselbe Foto ursprünglich (wie viele andere ähnliche Fotos) auf der Homepage des Straßenmalers Julian Beever sowie auf irgendwelchen Websites und nun eben auch bei Bild.de — als eines der „25 Top-Fotos der Leser-Reporter“.

Mit Dank an Daniel R. für den Hinweis.

Nachtrag, 24.8.2006: Bild.de hat das Foto (das übrigens nicht einmal „auf einem Pariser Bürgersteig“ aufgenommen wurde, sondern am selben Ort wie dieses Foto) aus der Bilder-Galerie entfernt.

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