Posts Tagged ‘Anonymität’

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W. wie Wiederholungstäter

Daniela W. starb 2001 an Krebs. Doch weil Daniela W. letztlich doch nur als exemplarisches Schicksal im Zusammenhang mit einem ganz anderen Fall herhalten muss, erscheint es uns überaus einleuchtend, dass „Bild“ sich gestern offenbar entschieden hatte, den Nachnamen von Daniela W. durch Abkürzung zu anonymisieren.

Weniger einleuchtend erscheint uns hingegen wieder einmal, dass es „Bild“ nicht gelungen ist, den Nachnamen von Daniela W. auch auf dem großen Foto ihres Grabsteins unkenntlich zu machen.

Mit Dank an Simon H. für den Hinweis und Daniel F. für den Scan.

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Unverbesserlich

Im September 2004 rügte der Presserat die „Bild“-Zeitung wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Unter der Überschrift „Sie ist die Mutter des toten Babys vom Gruselwald“ hatte „Bild“ zwei Monate zuvor über eine 15-Jährige berichtet, der vorgeworfen wurde, ihr neugeborenes Kind getötet zu haben. Illustriert hatte „Bild“ den Artikel mit einem Foto des Mädchens, das zwar gepixelt war, nach Ansicht des Presserats „jedoch trotzdem eine Identifizierung zuließ“.

Heute nun berichtet „Bild“ im Raum Rhein-Neckar unter der Überschrift „Das Horror-Geständnis der Todes-Mutter“ über eine 24-Jährige, der vorgeworfen wird, ihr neugeborenes Kind in einer Plastiktüte im Gebüsch vor einem Krankenhaus abgelegt zu haben, wo es kurz darauf verstarb. (Die Polizei fahndete deshalb in den vergangenen Tagen intensiv nach der mutmaßlichen Kindsmutter und veröffentlichte sogar ein von einer Überwachungskamera gemachtes — und vorgestern natürlich auch von „Bild“ gezeigtes — Fahndungsfoto der Frau, die sich gestern schließlich selbst stellte.) „Bild“ nennt heute jedoch nicht nur ihre Haarfarbe, Statur und Nationalität sowie Wohnort und Lebenssituation, sondern illustriert den Artikel zudem mit einem großen Paparazzifoto („die Mutter verlässt gerade das Amtsgericht Lampertheim“), das zwar mit einem schwarzen Balken über den Augen versehen ist…

… doch bereits damals, im September 2004, hatte der Presserat die „Bild“-Redaktion ausdrücklich daran erinnert, „dass Maßnahmen zur Anonymisierung einer Person auch wirksam sein müssen. So müssen Augenbalken soviel verdecken, dass eine Identifizierung über die nicht verdeckten Teile eines Gesichtes nicht möglich ist“.

Dem haben wir nichts hinzuzufügen.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Nachtrag, 8.3.2007: Die identifizierende Darstellung der „Todes-Mutter“ hat für „Bild“ offenbar Methode. Am 3. und 5. März sahen die entsprechenden „Bild“-Berichte, die weitere Details zum Lebensumfeld der Frau enthielten, so aus:

Mehr dazu hier.

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Heute anonym XI

Gestern berichtete die Aachener Regionalausgabe der „Bild“-Zeitung über einen jüngst verurteilten Sexualstraftäter in Düren. Im Vergleich zur Berichterstattung etwa der „Aachener Nachrichten“ und der „Aachener Zeitung“ finden sich darin jedoch mehrere Ungereimtheiten: So behauptete „Bild“ beispielsweise pauschal, der Mann habe „fünf Jungen (…) in über 14 Fällen sexuell missbraucht“ und sei „wegen schweren sexuellen Missbrauchs an fünf Kindern“ verurteilt worden — wohingegen die Lokalzeitungen (übrigens vor knapp einer Woche!) berichtet hatten, er sei zwar „für insgesamt 14 Taten“ bzw. „14 Taten von sexuellem Missbrauch und sexueller Nötigung“ verurteilt worden, allerdings habe es sich nur „in einem Fall um schweren sexuellen Missbrauch gehandelt“.*

„Bild“ zeigt zudem ein Flugblatt („Warnung vor diesem Mann!!!! Er hat meine 6-jährige Tochter sexuell missbraucht!!!!“, siehe Ausriss), das eine Mutter der missbrauchten Kinder vor dem Prozess in der Nachbarschaft verteilt hatte. Und man mag darüber streiten, wie sachdienlich es ist, dieses Flugblatt abzubilden, obwohl ausgerechnet der auf dem Flugblatt geäußerte Vorwurf „vor Gericht nicht zweifelsfrei zu beweisen“ gewesen sei, wie die „Bild“-Zeitung schreibt, die den Artikel trotzdem mit den Worten beginnt: „Er soll eine Sechsjährige missbraucht (…) haben.“

Unstrittig aber ist, dass sich die Kollegen der Aachener „Bild“-Redaktion offenbar alle Mühe gegeben haben, den Verurteilten unkenntlich zu machen: Im Text ist sein Name durchgängig abgekürzt, und das Foto des Mannes (immerhin) mit einem schwarzen Balken versehen.

Genutzt allerdings hat die ganze Mühe nichts: Denn zwar hat „Bild“ auch das Foto auf dem abgebildeten Flugblatt unkenntlich gemacht, nicht aber (siehe Ausriss) den vollen Namen und die komplette Adresse des Verurteilten, die von der Mutter ebenfalls auf ihrem Flugblatt notiert worden waren…

Mit Dank an Martin M. für den Hinweis, den selbstlosen „Bild“-Zeitungskauf und den Scan!

*) Übrigens lagen die Lokalzeitungen offenbar zumindest näher an der Wahrheit als „Bild“. Wie uns das Landgericht Aachen auf Anfrage mitteilt, wurde der Mann für insgesamt 14 Fälle von sexuellem Missbrauch, versuchtem sexuellen Missbrauch und sexueller Nötigung verurteilt, darunter zwei Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch.

Heute anonym X

Am Donnerstag veröffentlichte die Zentralstelle Kinderpornografie des Bundeskriminalamtes Fotos von einem jungen Mädchen, das vermutlich Opfer eines sexuellen Missbrauchs wurde. Die Polizei hoffte, dass jemand das Kind erkennt. Die Sendung „Aktenzeichen XY“ zeigte das Foto. „Bild“ auch.

Tatsächlich hatte die Fahnung Erfolg, das Mädchen konnte aufgrund von Hinweisen identifiziert werden. „Bild“ berichtet heute darüber, zeigt ein verpixeltes Foto des Mädchens und erklärt dies so:

BILD hat das Gesicht des Kindes auf Wunsch der Polizei unkenntlich gemacht.

Feine Sache. Wörtlich las sich der „Wunsch der Polizei“ allerdings so:

Da mit der Identifizierung des Opfers der Grund für die Öffentlichkeitsfahndung entfällt, werden die Medien ersucht, bislang veröffentlichte Bilder nicht weiter zu verwenden und aus den Internetportalen zu entfernen.

Und einmal dürfen Sie raten, ob die „Bild“-Zeitung auch das unverpixelte Foto des Mädchens aus ihrem Internetportal entfernt hat.

Danke an Nils K., Gerald H., Mareike, Mike D. und Ulrich B.

Nachtrag, 14. Januar. Jetzt lautet die Antwort Ja.

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Heute anonym IX

Vor einigen Tagen hatten wir der „Bild“-Zeitung einige Päckchen Verpixelungen geschenkt, damit sie es schafft, Menschen, die anonymisiert werden sollten, tatsächlich zu anonymisieren. Anscheinend ist unser Präsent noch nicht angekommen.

Aber eigentlich gibt es keinen Grund zum Scherzen. „Bild“-Düsseldorf berichtet heute groß über den Prozess gegen einen Fahrer, dessen Bus in Kevelaer mit einem LKW kollidierte — bei dem Unfall waren 30 Menschen verletzt und einer getötet worden. Das Gericht verurteilte den Fahrer zu einer Bewährungsstrafe.

„Bild“ zeigt ein großes Foto von dem Mann und hat ihn darauf durch Verpixelungen anonymisiert. Eine Mühe, die sich die Zeitung hätte sparen können: Direkt darunter zeigt sie ihn auf einem weiteren Foto völlig unverfremdet.

Und wir wissen immer noch nicht, ob es bloße Unfähigkeit oder irgendein böses Kalkül ist, dass „Bild“ so etwas immer wieder passiert. Wir wissen aber auch nicht, was beunruhigender wäre.

Vielen Dank an Sylvio D. für Hinweis und Scan!

Heute anonym IX

In Teilen ihrer Ausgabe berichtet „Bild“ heute über „Uschi K.“ und „Ursula K.“ mit Sätzen wie:

„Ursula K. (64) ist …“
„… knöpfte sie Büffetkraft Uschi K. (58) die Ersparnisse ab.“
„… erzählt Frau K.“
„… lernte dabei Ursula K. kennen.“
„Ende Juli bat sie Uschi K. …“
„Als sie später Uschi Ks. Lebensgefährten aufsuchte …“
„Uschi K. hat per Quittung …“

Und so weiter. Mit anderen Worten: „Bild“ hat die beiden Frauen im Text konsequent anonymisiert — zum Schutz ihrer Persönlichkeit, was sonst? Nur ist so eine Anonymisierung bekanntermaßen nichts wert, wenn man sie nicht durchhält und beispielsweise im selben Artikel ein „Beweisstück“ mit den vollständigen Namen von „Ursula K.“ und „Uschi K.“ abbildet:

Mit Dank an Olav L. für Hinweis und Scan.

Heute anonym VIII

Wie schon so oft, war es Bild.de auch heute wieder nicht gelungen, die Unkenntlichmachung von Personen zum Schutz ihrer Persönlichkeit konsequent durchzuhalten. Seit heute mittag zeigte Bild.de auf ihrer „News“-Seite einen Teaser („Arbeitstag eines Strandhändlers – ‚Sonnebrille? Gutt Preiss“), auf dem „der Senegalese Latif (25, Name geändert)“ zu sehen ist. Doch während das Gesicht des Mannes im eigentlichen Artikel von Bild.de durch Verpixelung unkenntlich gemacht worden war, fehlte die Unkenntlichmachung im Teaser.

Nachdem wir Bild.de auf die abermalige Inkonsequenz beim Schutz der Persönlichkeit aufmerksam gemacht und um Stellungnahme gebeten hatten, erhielten wir abermals keine Antwort. Abermals aber wurde die unterlassene Unkenntlichmachung anschließend nachgeholt.

Mit Dank an die Hinweisgeber.

Heute anonym VII

Puh, zum Glück nennt „Bild“ nicht den echten Namen des 15-Jährigen Jungen, der auf die „Oppenheim-Oberschule in Berlin-Charlottenburg“ geht, „aus dem Libanon“ stammt und angeblich „das schlechteste Zeugnis aller 340 000 Schüler in der Hauptstadt“ hat. Fragt sich nur, warum man sich bei Bild.de die Mühe gemacht hat, das Gesicht des Jungen zu verpixeln. Macht „Bild“ doch auch nicht:

Mit Dank an Christopher R. auch für den Scan.

W.

„Bild“ berichtete gestern über eine Tote, die für 65 Tage ins Gefängnis sollte, weil sie eine Geldbuße nicht bezahlt hatte. „Bild“ nennt die Tote im Text Annilie W. und den Witwer Hans-Jürgen W. Auf dem Holzkreuz, vor dem „Bild“ den Witwer zeigt, wurde der Nachname der Frau verpixelt. Auf der Ladung zum Strafantritt, die „Bild“ abdruckt, sind alle Namen geschwärzt.

Es sieht also so aus, als habe „Bild“ sich mal wieder bemüht, den Nachnamen der Toten nicht zu nennen. Dass bloßes Bemühen bei „Bild“ aber nicht ausreicht, scheint man immer noch nicht begriffen zu haben. Die Sterbeurkunde, die „Bild“ abdruckt, wurde nämlich nicht geschwärzt, Nachname und Geburtsname der Toten sind darauf klar erkennbar.

Mit Dank an Alexander H. für den sachdienlichen Hinweis.

Heute anonym VI

„Bild“ berichtet über eine Mutter, die ihrer inzwischen vierjährigen Tochter über einen längeren Zeitraum hinweg mehrmals Kalkreiniger eingeflößt haben soll. Wegen Misshandlung Schutzbefohlener wurde die Mutter jetzt angeklagt. Der Vater des Kindes wurde ebenfalls angeklagt, wegen Beihilfe. „Bild“ illustriert die Geschichte mit Fotos aller Beteiligten.

Und wer weiß schon, was man sich bei „Bild“ gedacht hat, als es um die Frage ging, welche der Beteiligten man anonymisieren solle. Der Gedanke, dass die Tochter mit ihren vier Jahren und als Opfer der ganzen Geschichte besonders schutzbedürftig sein könnte, scheint jedenfalls niemandem gekommen zu sein. „Bild“ zeigt sie gleich zweimal unverfremdet:

P.S.: Bei Bild.de entschied man sich übrigens für eine, zwar seltsam anmutende, insgesamt aber nachvollziehbarere Anonymisierungspraxis.

Mit Dank an Frederik B. für den sachdienlichen Hinweis.

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