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“Bild” riskiert dicke Lippe

Das ist natürlich eine ganz billige Masche, mit der das britische Boulevardblatt “Sun” gestern ganz fies deutsche Soldaten verhöhnte. Sie würden Spiele spielen, während “unsere Jungs kämpfen” und seien “Kuchenesser”, schrieb das Blatt. Als Foto-Beweis hatte die “Sun” deutsche Soldaten in Afghanistan beim Tischfußball gezeigt.

Der “Sun”-Artikel
Primär geht es der “Sun” darum, dass sich deutsche Truppen nur im “sicheren Norden” Afghanistans aufhalten würden und die deutsche Regierung alles tue, um Verluste zu vermeiden. So dürften deutsche Soldaten ihre Basis nach Einbruch der Dunkelheit nicht verlassen und sich nicht weiter als zwei Stunden von einem Militär-Krankenhaus entfernen. Der “Sun” liege ein “geheimes Memorandum” deutscher Kommandeure vor, das Offiziere auffordere, nicht über Operationen zu sprechen, um die Diskussion um die “Kuchen-essenden Deutschen im Norden” nicht anzuheizen.

Aber was die “Sun” kann, kann die “Bild”-Zeitung natürlich schon lange (nur nicht so gut, wie wir gleich sehen werden) und revanchiert sich heute, indem sie sich über die gestrige “Sun”-Berichterstattung empört und ein Foto britischer Soldaten zeigt, die auch nicht kämpfen, sondern spielen.

Dumm ist allerdings, dass “Bild”* der “Sun” damit gleich Anlass zu neuerlichem Hohn gibt:

"Als wenn die Briten immer nur kämpften! Auch sie spielen in ihrer Freizeit -- z. B. Rugby, wie man sehen kann. Das Foto wurde im März 2007 in Camp Bastion, Süd-Afghanistan, aufgenommen."

Rugby ist ja dieses Feldspiel, das so ähnlich funktioniert wie American Football, aber ganz ohne Helm gespielt wird. Demnach kann das auf dem Foto-Beweis von “Bild” schon deswegen gar kein Rugby sein, weil die Soldaten sehr wohl Helme tragen:

"Kämpfen mit dem Brettspiel?"

Mit Dank an Chris H. für den sachdienlichen Hinweis.

*) Bei Bild.de hat man offenbar bemerkt, dass auf dem Foto kein Rugby gespielt wird und den Halbsatz “wie man sehen kann” inzwischen gestrichen.

Angst und Ambition

Heute fragt “Bild”:

Haben Sie einen neuen Mann, Frau Oettinger? (...) Die Antwort ist kurz und geheimnisvoll: "Kein Kommentar."

Geheimnisvoll, soso.

Hier zum Vergleich eine wirklich geheimnisvolle Antwort. Die Frage lautet ungefähr: Herr Oettinger, sind Sie von “Bild” dazu getrieben worden, in der Zeitung zu verkünden, dass Sie sich von Ihrer Frau getrennt haben? Seine Antwort steht heute in den “Stuttgarter Nachrichten” und lautet:

“Das werde ich später mal beantworten.”

Bis dahin kann man nur spekulieren, wie freiwillig der baden-württembergische Ministerpräsident gestern in “Bild” das “Liebes-Aus” erklärt hat:

Oettinger wäre nicht der erste Prominente, der berichten würde, dass die Zeitung ihn mit einer Mischung aus Drohungen und Angeboten dazu gebracht hätte, ihrem Willen nachzugeben, etwa, indem sie ihm verschiedene mögliche Formen der Berichterstattungen aufzeigt, je nach Grad der Kooperation mit “Bild”.

Die “Frankfurter Rundschau” spricht davon, dass die “Bild”-Zeitung in den vergangenen Tagen “ihre Folterwerkzeuge auspackte”:

Zuerst berichtete das Blatt in seiner Stuttgarter Regionalausgabe, Inken Oettinger habe 170 hochmögende Damen der Gesellschaft beim Adventskaffee in der Berliner Landesvertretung mit dem Hinweis auf das Fußballtraining des Sohnes einfach sitzen gelassen. Dann titelte sie in der Deutschlandausgabe “Deutschlands seltsamstes Politiker-Ehepaar”. Nun wurde Stufe drei gezündet: “Ehe kaputt”.

Auch die “Stuttgarter Nachrichten” formulieren, Oettinger habe “dem Druck der ‘Bild’-Zeitung nachgegeben” und berichten aus der Stuttgarter Regierungszentrale:

“Die haben dem Chef doch das Messer auf die Brust gesetzt”, meint einer. Was das heißen könnte? “Bild” soll gedroht haben, die Ehe-Probleme öffentlich zu machen. So viel ist klar: In der vergangenen Woche soll es ein Telefonat zwischen “Bild”-Chef Kai Diekmann und der Regierungszentrale gegeben haben.

Seit Monaten schon habe “Bild” Oettinger angeboten, “seine privaten Dinge über den Boulevard zu regeln”, was der Ministerpräsident abgelehnt habe, schreiben die “Stuttgarter Nachrichten”, und:

“In Berlin wird kolportiert, der Springer-Konzern habe für diese Woche mit der Veröffentlichung von Details aus dem Privatleben des Paares gedroht. Das aber wollten sich die Oettingers ersparen.”

In einem Leitartikel kritisieren die “Stuttgarter Nachrichten” Oettingers Art des Coming-Outs:

Politiker und Journalisten in Baden-Württemberg wissen seit langem von den Schwierigkeiten der Eheleute Oettinger – aus Respekt vor der Privatsphäre haben sie geschwiegen. Viele Redakteure, auch dieser Zeitung, haben Oettinger auf seine Ehe angesprochen – die Antwort “Kein Kommentar” wurde stets respektiert.

Auf die Frage, warum Oettinger sein Schweigen exklusiv für und in “Bild” brach, sei im Staatsministerium von einer “Zwangslage” die Rede: “Wir konnten doch nicht anders.”

Zu groß ist offenbar die Angst christlich-konservativer Landespolitiker mit Ambitionen in Richtung Berlin, es sich mit “Bild” zu verderben. Sicherheit gibt da wohl nur das Gefühl, von “Bild” geliebt zu werden, egal um welchen Preis.

Und der Boulevard dankt: Als “einen der mächtigen CDU-Kronprinzen” titulierte “Bild” den baden-württembergischen Ministerpräsidenten gestern prompt. Man kann das auch anders sehen: Ein mächtiger Kronprinz braucht ein starkes Rückgrat, er braucht Souveränität, er knickt auch vor “Bild” nicht ein.

Der Kommentar schließt:

Günther Oettinger […] lässt sich am Ende des “Bild”-Berichtes mit einem Satz zitieren, der angesichts der zweidrittelseitigen Aufmachung seines Ehe-aus-Bekenntnisses so absurd wie verzweifelt anmutet: “Wir haben die Bitte, dass die Öffentlichkeit unsere Privatsphäre akzeptiert.” Wir gehen davon aus, dass sein Appell nicht dieser und anderen seriösen Zeitungen gilt. Sondern der “Bild”-Zeitung, gern auch exklusiv. Seine Chancen stehen nicht schlecht. Den Preis für künftige Wohlbehandlung hat Oettinger schließlich schon bezahlt.

Bild.de verbreitet weiter “Bild”-Ente weiter

Bereits am Montag meinte “Bild” es ganz genau zu wissen: Der Dortmunder Fußballer Nelson Valdez habe das 1:0 beim Spiel gegen den VfB Stuttgart “nicht selbst geschossen”:

Fernseh-Bilder bewiesen: Der Stürmer stümperte den Ball erst hinter der Linie ins Netz. Das 0:1 war eigentlich ein Eigentor von Stuttgarts Abwehrspieler Delpierre — unter gütiger Mithilfe von Torhüter Schäfer. Die DFL führt trotzdem Valdez als Torschützen.

Und am Dienstag verkündete “Bild”:

"Valdez: DFL nimmt ihm das Tor weg"

Die DFL bestätigte BILD gestern offiziell: Das Tor wird dem kleinen Stürmer aus Paraguay aberkannt und statt dessen als Eigentor des Stuttgarters Delpierre geführt.

Kurioserweise hatte die DFL jedoch “nach dem Studium der TV-Bilder” und am selben Tag, als diese “Bild”-Meldung erschien, entschieden, das Tor doch zugunsten von Valdez zu werten — was “Bild” immerhin einen Tag darauf richtig stellte (“Chaos um Valdez-Tor”).

Darüber, ob die DFL “Bild” am Montag wirklich das Gegenteil “offiziell” bestätigt hatte, wollte man uns bei der DFL keine Auskunft geben.

Falsch ist die “Tor-weg”-Meldung vom Dienstag jedenfalls. Bei Bild.de jedoch findet sie sich auch zwei Tage nach der nun wirklich offiziellen Entscheidung noch immer auf der Startseite der “Borussia Dortmund Klub-News”, und die Korrektur sucht man vergebens*:

Mit Dank an Sebastian L. und Frank für den sachdienlichen Hinweis.

*) Die Korrektur der “Tor-weg”-Meldung wurde zwischenzeitlich über das Sport-Telegramm bei Bild.de verbreitet, wo sie aber nicht mehr zugänglich ist.

  

Wie enttäuscht sind Lesben von Männern?

“Bild” fühlt sich heute durch das Coming-Out von Anne Will animiert, die Sexualpsychologin Christine Baumanns zu fragen: “Was ist bei lesbischer Liebe anders?” Konkret will “Bild” wissen, ob das Lesbischsein angeboren ist — “oder sind die Männer schuld?” Und Baumanns antwortet, bei manchen Lesben sei das genetisch, “viel häufiger ist aber eine große Enttäuschung mit einem Mann der Auslöser” (siehe Ausriss links). Wir sprachen darüber mit Renate Rampf, der Sprecherin des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD).

Renate Rampf: Die Behauptung, dass Frauen lesbisch sind, weil sie enttäuscht sind, ist völliger Unsinn. Dann müsste Deutschland zu 90 Prozent lesbisch sein. Meiner Erfahrung nach sind die meisten Frauen, die schwerwiegende, dramatische Enttäuschungen mit Männern erleben, heterosexuelle Frauen. Die werden verlassen, die werden betrogen, die werden geschlagen — manche haben natürlich auch ganz wunderbare Beziehungen. Aber wo Liebe ist, ist auch Enttäuschung, und deshalb gehe ich mal davon aus, dass die Enttäuschung von den heterosexuellen Frauen gegenüber den heterosexuellen Männern viel größer ist. Lesbische Frauen sind meistens gar nicht so enttäuscht von Männern, sie erwarten nicht so viel. Sie haben Freunde, sie haben Kollegen, sie haben Väter, sie leben mit denen so, wie Männer eben auch mit anderen Männern und anderen Frauen jenseits der Sexualität leben. Wir Lesben haben, ich möchte mal sagen, ein unspektakuläres Verhältnis zu Männern.

Wie “Bild” über Lesben berichtet

Claus Jacobi, “Bild”, 18.11.2006:
Ein Gericht im nahen New Jersey hat entschieden, dass zwei zusammenlebende Lesben als Eltern eines Neugeborenen anerkannt werden können. Und das ist auch gut so. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Unbeantwortete Nebenfrage: Wie kam die eine Lesbe zu dem Kind?

Claus Jacobi, “Bild”, 2.9.2006:
Ab Juni 2007 wird in Berlin ein Mahnmal an die “im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen” erinnern. Nach dem Entwurf soll im Innern ein Filmbild zwei einander küssende Männer zeigen. (…) Sogleich warnte der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit in “Emma” davor, “weibliche Homosexuelle” auszugrenzen und die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Monika Griefahn (SPD), die den Mahnmal-Entwurf “schlicht unangebracht” findet, möchte auch “ein küssendes Frauenpaar” sehen. Und das ist dann gut so?

“Bild”, 22.7.2006:
SIND DIE WIRKLICH ALLE ANDERSRUM? 450 000 Männer und Frauen werden heute in Berlin zum Christopher Street Day erwartet, der Parade der Schwulen und Lesben. Aber nicht alle, die kommen, sind auch wirklich so. Hier sehen Sie fünf junge Frauen, die mittanzen wollen. Schauen Sie sich die Bilder an und raten Sie, wer welche Vorlieben hat.

“Bild”, 1.6.2006:
Tina hat Sex mit Bette. Jenny knutscht mit Marina. Shane vernascht eine Nackte im Swimmingpool. Frauen lieben Frauen in der neuen TV-Serie “The L-Word” (…). Doch nur eine der Hauptdarstellerinnen ist auch im richtigen Leben lesbisch. Raten Sie mal, welche …

“Bild”, 10.5.2006
Lesbe (taubstumm) sticht Lesbe (taubstumm) nieder
… weil sie sie mit einem Mann (auch taubstumm) betrogen hat

“Bild”, 1.4.2006:
Jetzt packt Jürgen Krust (62) aus. Er war zwölf Jahre lang Trainer beim Bundesligisten FCR Duisburg, wurde dreimal Deutscher Meister. Sein Vorwurf: Intrigen, Eifersucht & Zicken-Zoff sind Alltag im Frauen-Fußball.
Krust über Homosexualität: “30 bis 50 Prozent der Fußballerinnen fühlen sich zum gleichen Geschlecht hingezogen. Die gleichgeschlechtliche Liebe ist aber zum größten Teil keine echte. Der hohe prozentuale Anteil der Lesben-Liebe hängt vor allem mit dem Zeitfaktor zusammen. Die Mädels sind an sechs Tagen in der Woche bis spät abends für den Fußball unterwegs. Sie haben kaum noch Zeit woanders hinzugehen. Es ist einfach problematisch, einen passenden Mann zu finden. Sie gehen dann den Weg des geringsten Widerstandes und verlieben sich innerhalb der Mannschaft. Natürlich gibt es auch ein paar echte Lesben. Die versuchen dann ihre Macht auszuspielen. Beim Hallen-Fußball-Masters zum Beispiel gibt es eine Players-Night. In internen Kreisen lautet das Motto: Heteros knacken.”

Claus Jacobi, “Bild”, 21.1.2006:
Das ist die Welt, in der wir leben: In Hamburg kann jeder fünfte Schulanfänger nicht richtig Deutsch. Das Fernsehen plant Serien über Schwule und Lesben. “Ich wollte ihn nur essen, nicht töten”, verteidigt sich ein Angeklagter vor Gericht. Manager, die Konzerne an den Rand der Pleite führten, erhalten zum Abschied Millionen Euro und Limousinen auf Lebenszeit. Deutsche Atomkraftwerke, die zu den sichersten der Welt zählen, sollen abgeschaltet werden. Die grüne Claudia Roth schwärmt von “Interkulturalität”. Eine Blinde möchte mit ihrem Blindenhund ins Kino. Susanne Osthoff wird für den Grimme-Preis vorgeschlagen. Schöne neue Welt …

“Bild”, 13.10.2005:
Lesben-Küsse im TV Ulrike Folkerts
Berlin – Privat küßt TV-Kommissarin Ulrike Folkerts (44, “Tatort”) schon lange nur noch Frauen. Jetzt tut sie es auch beruflich … (…) Für Barbara Rudnik, die privat nur Männer liebt, ist es der erste Lesben-Kuß. Wie fühlt es sich an, die Lippen einer Frau zu spüren?

“Bild”, 19.8.2005:
Lesben-Liebe
Ihr Ex jammert: Wir hatten doch so großartigen Sex!

“Bild”, 28.1.2005:
Die Geheimnisse der Liebe. Teil 4: Lieben Schwule und Lesben besser?
(…) Für Frauen sind Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht besonders wertvoll. (…) Vorsicht aber bei Dreiern. Mancher Mann träumt davon, daß zwei Frauen miteinander zärtlich sind. Sieht er es dann, kommt die Eifersucht: Er fühlt sich ausgeschlossen – gegen eine Frau kann er nie konkurrieren.

“Bild”, 28.12.2004:
Lesben-TV! Kommt das etwa auch zu uns?

“Bild”, 8.10.2004
Pocht das Herz der RTL-Lesbe jetzt für einen Mann? Dieser Frauen-Sex war wohl nicht scharf genug…

“Bild”, 9.8.2004:
Scheidung auf lesbisch: Erst Liebe, dann Hiebe!

“Bild” lässt sich erklären, warum Frauen lesbisch werden. Geht das überhaupt?

Renate Rampf: Grundsätzlich gilt für mich: Wer fragt, verdient eine Antwort. Insofern darf natürlich auch die Frage nach der Ursache für Homosexualität gestellt werden. Die Antworten sollten dann nur schon möglichst reflektiert sein. Wir müssen darauf hinweisen, dass die Frage “Warum ist eine Frau lesbisch?” genauso sinnvoll ist oder genauso unsinnig wie die Frage “Warum ist eine Frau heterosexuell?” Wir müssen auf beides antworten: “Wir wissen es nicht.” Wissenschaftlich ist das oft erforscht worden, leider meistens mit der Absicht, Homosexualität zu verhindern oder auszumerzen, und trotz all dieser Versuche kann man dazu nichts sagen. Die Suche nach dem “homosexuellen Gen” hat bis jetzt keine Ergebnisse gebracht, genauso wenig wie die Suche nach dem “heterosexuellen Gen”.

Es gibt lesbische Frauen, heterosexuelle Frauen, bisexuelle Frauen, es gibt Frauen, die viele, viele Jahre heterosexuell leben und dann mit 40 ihr Coming Out haben und ganz glücklich sind, aber vorher auch glücklich waren.

Was halten Sie von Fragen wie “Was ist bei lesbischer Liebe anders”?

Renate Rampf: Jede Liebe ist einzigartig. Das Traurige ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die wissenschaftlich betrachtet auch Patriarchat genannt wird, in der bestimmte Formen des Liebens mehr respektiert werden als andere. Die Form, die mehr geschätzt wird, ist die heterosexuelle, man macht es also am Geschlecht der Liebenden fest. Sinnvoller wäre es natürlich, es beispielsweise daran festzumachen, was die Liebenden einander geben, wie treu sie sind, was ihre Liebe für die Gesellschaft bedeutet.

Können Sie sich erklären, warum das Interesse an dem Coming Out von Anne Will im Jahr 2007 immer noch so groß ist? Sind Lesben für die Öffentlichkeit interessanter als Schwule?

Renate Rampf: Die Lesben und Schwulen haben in den letzten zwanzig, dreißig Jahren sehr viel gekämpft für eine öffentliche Anerkennung, wir haben jetzt die Lebenspartnerschaft, und wir haben offen schwule Bürgermeister und Politiker. Die Lesben haben da eine gewisse Leerstelle hinterlassen. Die Bürgerinnen und Bürger wollen jetzt wissen: “Wie sieht denn die Lesbe eigentlich aus?” Man hat schon ein Bild von Klaus Wowereit und Ole von Beust, aber die Lesbe an sich bleibt unbekannt. Es gibt nur so gewisse Schraffierungen: Manche denken, dass sind Frauen, die sich viel in Baumärkten rumtreiben, andere denken an Fußballerinnen, aber eigentlich weiß man oder frau nicht, wie eine Lesbe ist. Ich glaube, es gibt ein öffentliches Bedürfnis zu sehen, wer oder was die Lesben sind. Da wird man schnell feststellen: Es sind irgendwie ganz normale Frauen, es gibt solche und solche — lange Haare, kurze Haare, ganz besonders hübsche und einige, die sturznormal aussehen. Von den Lesben selber wiederum gibt es auch ein starkes Bedürfnis danach, dass jetzt endlich Frauen den Weg vorgehen und öffentliche Präsenz zeigen.

Denken Sie, dass das Interesse an Lesben und die häufige Fokussierung auf Sex daher kommt, dass viele Männer die Vorstellung von Lesbensex besonders anregend finden?

Renate Rampf: Sex ist an sich eine anregende Sache, es gibt auch keinen Grund, darüber nicht zu sprechen oder zu schreiben. Leider ist es so, dass sich die öffentliche Diskussion meistens nicht für Lesben interessiert. So wird zum Beispiel häufig in den Medien von der “Schwulenehe” gesprochen, obwohl es selbstverständlich eine Lesben- und Schwulenorientierte Lebenspartnerschaft ist. Das Interesse an Lesben ist nicht größer; es ist eher so, dass wir unter der Tradition der Unsichtbarkeit leiden. Lesbischsein wird erst dann als Lesbischsein gewertet, wenn wir öffentlich sagen: “Wir machen Sex mit Frauen!” Und dann haben wir das Problem, dass dann alle über Sex reden wollen.

Freuen Sie sich, wenn eine Zeitung wie “Bild” versucht, Aufklärung zu betreiben?

Renate Rampf: Ich freue mich, wenn über Lesben gesprochen wird. Ich hab mich auch gefreut, als es die Sendung “Hinter Gittern” gab, in der ja auch mehrere Lesben vorkamen und prominent besetzt waren. Noch mehr habe ich mich aber gefreut, als die lesbische Liebe nicht mehr hinter Gittern war. Man muss über Lesben schreiben, und das führt auch dazu, dass auch Falsches über Lesben geschrieben wird. Aber es ist besser, mal ins Fettnäpfchen zu treten und etwas zu sagen, was nur die Wiederholung eines Vorurteils ist, als überhaupt nicht über Lesben zu sprechen. Für die lesbischen Mädchen, die keine Vorbilder haben, für die lesbischen Frauen, die sich orientieren müssen, ist es gut und wichtig, dass das Thema auf der Tagesordnung steht. Lieber wäre mir natürlich, wenn man auch ein bisschen differenzierter aufklärt.

Insgesamt freuen Sie sich aber, dass das Thema durch das Coming-Out von Anne Will in die Presse gekommen ist und sich Leute damit auseinandersetzen?

Renate Rampf: Ja. Lesben sind überall, es sind Journalistinnen, Ärztinnen, Busfahrerinnen, Straßenbahnfahrerinnen, es sind Ministerinnen, Bürgermeisterinnen und und und. Wir hoffen, dass noch eine und noch eine und noch eine sich dazu bekennt, und ich freue mich, wenn ganz viel darüber geschrieben wird.

Schrottgarstige Rekordjagden

Der deutsche Fußballmeister VfB Stuttgart hat gestern in seinem vierten Champions-League-Spiel die vierte Niederlage kassiert. Damit sind selbst alle Chancen, noch im UEFA-Cup mitzuspielen, vertan.

Da kann man als Sportjournalist schon mal hämisch werden:

"Knackt Schrottgart den Flop-Rekord der Champions League?"

Aber Häme gehört sich nicht, hat meine Oma immer gesagt, deshalb versucht man sich bei Bild.de, dem VfB wenigstens den “ewigen Flop-Rekord der Champions League” schmackhaft zu machen:

Und es stellt sich die Frage, ob die Rot-Weißen sogar den ewigen Flop-Rekord der Champions League einstellen werden. (…)

Ein Team mit null Punkten aus den sechs Gruppenspielen hat es in der Champions-League-Geschichte bisher nur sechs Mal gegeben. Den ewigen Flop-Rekord halten die Rumpel-Russen von Spartak Moskau (0 Punkte, 1:18 Tore) im Jahr 2002 vor den Bulgaren von Levski Sofia (0 Punkte, 1:17 Tore) aus der Vorsaison.

Nun: Der VfB Stuttgart hat nach vier Spielen eine Differenz von 3:10 Toren, da müsste er in den verbleibenden zwei Partien schon zehn Gegentore kassieren und kein eigenes mehr schießen, um wenigstens in Sachen Tordifferenz mit Spartak Moskau gleichzuziehen.

Aber das ist Haarspalterei verglichen mit dem nächsten Absatz:

Kleiner Trost: Nach dem Lyon-Spiel, in dem der VfB mehr Tore geschossen hat, als in den gesamten drei Spielen zuvor, darf man zumindest auf einen VfB-Punkt rechnen. In diesem Fall wären sie dann “nur” noch das schlechteste deutsche Champions-League-Team aller Zeiten. Den Flop-Rekord für die Bundesliga hält der HSV mit drei Punkten (7:15 Tore).

Der HSV holte in der Saison 2006/2007 tatsächlich nur drei Punkte bei 7:15 Toren. Damit war er aber immer noch besser dran als der ebenfalls deutsche FC Bayern München, der in der Saison 2002/2003 mit nur zwei Punkten aus der Champions League ausschied.

In einem anderen Artikel schreibt Bild.de:

Vier Spiele, vier Pleiten – dieser traurige Rekord aus deutscher Sicht muss erst einmal gebrochen werden…

Da der HSV es in der letzten Saison geschafft hat, die ersten fünf Spiele zu verlieren, hat Stuttgart noch gar keinen Rekord aufgestellt, der “erst einmal gebrochen” werden muss, sondern hat allenfalls die Möglichkeit, mit einer Niederlage im nächsten Spiel den “Rekord” des HSV einzustellen.

Mit Dank an Florian, Alex G., Benjamin, Jan-Christoph K., Sven W. und Daniel S. für die Hinweise!

Nachtrag, 16.40 Uhr: Inzwischen hat Bild.de nachgebessert. Nun heißt es: “Den Flop-Rekord für die Bundesliga hält der deutsche Rekordmeister Bayern München mit zwei Punkten (9:13 Tore) aus der Saison 2002/2003.” Und bezüglich des “traurigen Rekords” heißt es nun: “Vier Spiele, vier Pleiten – der VfB ist auf dem Weg den traurigen Rekord aus deutscher Sicht (fünf Pleiten in fünf Spielen – der HSV in der vergangenen Champions-Laegue-Saison) einzustellen…”

“Bild” erzählt einen irischen Witz

Höhöö… witzisch: Am Tag, an dem die Fußballnationalmannschaften von Irland und Deutschland in Dublin in einem EM-Qualifikationsspiel gegeneinander antreten, berichtet “Bild” über den irischen Nationalspieler Stephen Ireland (O-Ton “Bild”: “heißt wirklich so”, höhöö). Ireland hatte nämlich kürzlich, als er beruflich in der Slowakei war, behauptet, seine Oma sei gestorben und war abgereist. Dabei war Oma gar nicht tot, höh. Und als das rauskam, hatte er gesagt, er habe ja auch seine andere Oma gemeint. Dabei war die… auch nicht tot. Und jetzt? Jetzt spielt der “Irrsins-Typ (wird nun von einem Psychologen betreut)” nicht mal beim heutigen Länderspiel mit:

Er sagt, er fühle sich nicht so gut. Die Reise vom Klub Manchester City nach Dublin (278 Kilometer) wäre zu weit!

Echt voll irre, dieser Ire Ireland! Oder um’s mit “Bild” zu sagen: “So einen hat Jogi Löw zum Glück nicht im Team…” Oder?

Oder auch nicht: Die Story mit den Omas stimmt zwar. Allerdings vergisst “Bild” vor lauter “Irrsin” [sic], auch nur ansatzweise zu erwähnen, warum Ireland gelogen hatte. Dabei steht das Warum in so ziemlich jedem Artikel, der Irelands Geschichte erzählt — und in einem ausführlichen Statement Irelands:

Meine Freundin war verzweifelt und teilte mir mit, dass sie gerade eine Fehlgeburt gehabt habe. (…) Die Fehlgeburt hat uns viel Kummer gemacht und uns beide in Panik versetzt.

Der irische Fußballverband und der irische Team-Manager zeigten im Nachhinein großes Verständnis für Irelands “traumatische Situation”, Team-Kollegen bekundeten ihr “Mitgefühl”: Dass eine Fehlgeburt eine ernste Sache sei, wisse schließlich jeder.

Jeder, scheint es, außer “Bild”.

PS: Die Info, dass Ireland heute deshalb nicht in Dublin sei, weil ihm die Reise zu weit wäre, hat “Bild” offenbar ganz exklusiv — oder erfunden.

Mit Dank an Gregor G. für den Hinweis.

Iranisch für Anfänger

Seit vergangenem Samstag ist bekannt, dass der deutsch-iranische Fußballspieler Ashkan Dejagah nicht am Spiel der U21-Nationalmannschaft gegen Israel teilnehmen will (wir berichteten). Die “Bild”-Zeitung hat die Zeit nicht genutzt, sich ein wenig sachkundig zu machen.

“Bild”-Mitarbeiter Karl Wendl beschäftigt sich in seiner aktuellen Kolumne “Wendls Welt” auf Bild.de mit dem, was er Dejagahs “privaten Judenboykott” nennt und kommt zu dem Fazit:

Natürlich steht es jedem Zuwanderer frei, die Staatsbürgerschaft seines Heimatlandes zu behalten. Vielleicht wird Dejagah im Iran auch seinen Militärdienst ableisten, um nur ja nicht die iranische Staatsbürgerschaft zu verlieren.

Ob in seinem Fall jedoch irgendeine Loyalität zu Deutschland besteht, ist mehr als zweifelhaft.

Das ist grob irreführend. Iranern steht es in der Regel nicht “frei”, die iranische Staatsbürgerschaft zu behalten, sie haben keine andere Wahl. Der Iran entlässt seine Bürger nämlich fast nie aus dieser Staatsbürgerschaft, auch wenn sie es möchten. Genau deshalb können sie in Deutschland aufgrund von Paragraph 12 des Staatsangehörigkeitsgesetzes eine doppelte Staatsbürgerschaft annehmen.

“Dejagahs Fürsorgepflicht”
 
Der deutsch-iranische Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour (Grüne) bewertet das Verhalten des Fußballers in einem “taz”-Interview so:
 
“Dejagah versucht nur, sich an die iranischen Gesetze zu halten. Für einen Doppelstaatler wie Dejagah heißt das, dass er nach dem Gesetz nicht nach Israel einreisen darf — das steht in jedem iranischen Pass. Sonst würden ihm bis zu zwei Jahre Gefängnis drohen. Und davor hat er Angst. Zudem hat er Familie im Iran, sein Bruder spielt in der Ersten iranischen Liga. Da hat er auch für seine Leute eine Fürsorgepflicht. Dejagah ist nicht für die falschen Gesetze im Iran verantwortlich.”

Wendl suggeriert, dass Dejagah bei einem Besuch Israels nur damit rechnen müsste, die iranische Staatsbürgerschaft zu verlieren, und er suggeriert, dass Dejagah das mit seinem “privaten Judenboykott” um jeden Preis vermeiden will. Doch die Konsequenz einer Teilnahme an dem Spiel wäre nicht der Verlust der Staatsbürgerschaft, sondern dass Dejagah vermutlich nicht mehr in den Iran einreisen könnte, wo ein Teil seiner Familie lebt.

Wendl aber erwähnt diese Tatsache nicht. Er behauptet stattdessen kryptisch, Dejagah habe den Eklat “aus privaten Gründen” gewollt — weil er, anders als der ehemalige iranische FC-Bayern-Spieler Vahid Hashemian vor drei Jahren, nicht einfach eine Verletzung vorgetäuscht hat, um nicht gegen israelische Spieler antreten zu müssen* — und unterstellt, Dejagah lehne “mit seinem Verhalten die Herbeiführung einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen ab”.

*) “Bild” berichtete am 23.11.2004 über den Fall so:

Politische Entscheidung

Gegen Maccabi Tel Aviv wird Bayern-Stürmer Vahid Hashemian (28), wie schon im Hinspiel, nur Zuschauer sein — aus politischen Gründen. Seit der islamischen Revolution 1979 ist es iranischen Sportlern per Gesetz verboten, gegen israelische Teams anzutreten.

“Schieß doch!”

“Bild”-Reporter Christian Kitsch überrascht heute mit einer interessanten Statistik. Die Erstliga-Fußballer des VfL Bochum nämlich kommen derzeit bloß auf durchschnittlich 44,37 Prozent Ballbesitz pro Spiel. Und weil man sich darunter ja nun nix vorstellen kann und jetzt auch irgendwie gar nicht so richtig weiß, wie gut oder schlecht das im Verhältnis zu anderen Mannschaften ist, steht da netterweise auch:

"Zum Vergleich: Der durchschnittliche Ballbesitz in der Liga liegt bei ziemlich genau 50 Prozent."

Glückwunsch! Der durchschnittliche Ballbesitz in der Liga liegt tatsächlich bei “ziemlich genau 50 Prozent”. War bestimmt keine leichte Aufgabe für Statistikfachmann Kitsch das auszurechnen.

Daraufhin haben wir uns die Mühe gemacht und schnell mal alle Spiele der laufenden und der letzten Bundesliga-Saison ganz genau angeschaut — und kommen zu noch viel überraschenderen Ergebnissen: Sogar in jedem einzelnen Spiel liegt der durchschnittliche Ballbesitz beider Mannschaften bei ziemlich genau 50 Prozent.

Und jetzt gucken wir mal, ob das beim Handball genauso ist …

Mit Dank an Stephan B., Johannes W., Marcel G. und Mark P. für den sachdienlichen Hinweis.

6 vor 9

Hört auf euren Mittelfinger
(zeit.de, Sebastian Reier)
Die papierene Musikpresse macht sich Gedanken um ihre Zukunft. Wenn sich alles gratis im Internet abspielt, wie sollen dann Verleger, Vertriebe und Künstler Geld verdienen?

Auch ein Internet Profi kann sich irren
(andreasvongunten.com)
Eine Replik auf Andrew Keen’s Anti-Web 2.0 Aufsatz im Magazin 38/07.

Das Rund ist leer
(taz.de, Markus Völker)
Die Frauenfußball-WM in China wird in dreimal mehr Länder übertragen als noch die WM 1999. Doch ist das Interesse wirklich gestiegen?

“Landkarten sind reif für Veränderung”
(welt.de, Martin Dowideit)
Mit Google Earth kann fast jeder Winkel der Erde im Internet erkundet werden. John Hanke heißt der Erfinder und Chef dieses Projekts. WELT ONLINE sprach mit ihm über unscharfe Luftaufnahmen, die Macht der Nutzer und Eingriffe in die Privatsphäre.

TalkTäglich mit Matthias Ackeret und Klaus J. Stöhlker
(telezueri.ch, Video, Dialekt, ca. 25 Minuten)
Bundesrat Christoph Blocher revolutioniert den Wahlkampf in der Schweiz. Jede Woche wendet sich der SVP-Magistrat eine knappe Viertelstunde lang mit seiner eigenen TV-Sendung direkt ans Volk. Befragt wird er von Matthias Ackeret, der bereits ein Interview mit Christoph Blocher in Buchform veröffentlicht hat. Medienrechtler und Politiker kritisieren das Projekt. Im ?TalkTäglich? diskutiert Matthias Ackeret mit Klaus J. Stöhlker kontrovers über ?Teleblocher?.

Ich lese gern Zeitung
(youtube.com, Video, 1:49 Minuten)

“Bild” brät sich eine Bratwurst-Abzocke

Vorgestern war Fußball-Länderspiel in Köln. “Bild” war dabei und berichtet heute über eine ganz böse “Abzocke”:

"Abzocke! 15-Euro-Geldkarte für eine Bratwurst"

Im Kölner Stadion kann man die Bratwurst nämlich nicht bar bezahlen, sondern es “regiert ein Bezahl-System mit Namen ‘justpay'”, wie “Bild” schreibt. Das heißt, man muss sich eine Geldkarte mit 15 Euro Guthaben holen (inklusive zwei Euro Pfand). “Bild” behauptet:

Wer dort nur eine Wurst will, hat Pech gehabt: Eine Auszahlung des Restbetrags gibt es nicht.

Das ist Unsinn, wie sich auf der Internetseite von justpay nachlesen lässt (“Was mache ich nach Spielende mit der justpay-Karte?”):

Sie können sich an den rund 20 Entladestationen in den Kassen vor dem Stadion das Guthaben auszahlen lassen und die Karte mit nach Hause nehmen. (…) Sie können die Karte komplett zurückgeben. (…) Sie bekommen dann das komplette Guthaben und das Pfand erstattet.

Es ist unwahrscheinlich, dass “Bild” das nicht wusste. Denn erstens weiß “Bild” durchaus, dass man die Karte zurückgeben kann, wie sich aus dem Text ergibt (in der Online-Version der Geschichte wird sogar ein “Bild”-Mitarbeiter zitiert, der beobachtet haben will, dass man “bis zu 20 Minuten” fürs Karten-Pfand habe anstehen müssen).

Und zweitens hat “Bild” sich zwar mit einer justpay-Sprecherin über das System unterhalten, zitiert sie aber nur mit den Worten: “Es verkürzt die Wartezeit an den Ständen.” Uns gegenüber sagte dieselbe Sprecherin auf Nachfrage:

Natürlich habe ich mit der “Bild”-Zeitung auch darüber gesprochen, dass man sich das restliche Karten-Guthaben auszahlen lassen kann.

Mit Dank an Pierre B. für den sachdienlichen Hinweis.

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