Die Überschrift ist etwas verwirrend, aber irgendwie unwiderstehlich:
Mit Ausweis von Uschi Glas zu Kinderpornos,
hat die “Bild”-Zeitung über eine Meldung geschrieben. Darin geht es um ein Urteil des Kammergerichts Berlin, wonach Porno-Anbieter im Internet dafür sorgen müssen, dass Kinder nicht einfach auf die Inhalte zugreifen können. Bei zwei Betreibern, die angeklagt waren, reichte es aus, die Nummer des Personalausweises einer beliebigen erwachsenen Person einzugeben, um Zugriff auf die Sex-Inhalte zu bekommen. Ein Polizist demonstrierte die Durchlässigkeit dieses Verfahrens dadurch, dass er die Nummer des Personalausweises von Uschi Glas eingab — der war nämlich kurz vorher (in einem ganz anderen Zusammenhang) deutlich lesbar in einer Zeitschrift abgebildet.
Meldungen über dieses Urteil finden sich heute in vielen Medien. Ausschließlich in “Bild” steht, dass es um eine Internetseite mit “widerlichen Kinderpornos” ging. Entweder hat “Bild” diese Information exklusiv oder sie ist falsch.
Nur, damit das keiner verwechselt: Linkerhand, das sind die sog. “Top-Themen”, anhand derer Bild.de seit geraumer Zeit auf ausgewählte redaktionelle Inhalte (Exklusiv-Storys etc.) aufmerksam macht. Das rechts hingegen sind die neuen “Shop-Tips”, also Hinweise auf das kommerzielle Online-Shopping-Angebot von Bild.de.
Der Innocentiapark ist die erste öffentliche Grünanlage Hamburgs gewesen und wurde im Stil eines Londoner Squares angelegt. Das ca. drei Hektar große Gelände, umgeben von vielen Bäumen und abgeschirmt von den umliegenden Straßen, galt schon damals als Erholungsort für die Anwohner. Bis heute ist der Park eine Idylle für jung und alt.
Ach? Eine “Idylle”? Das wissen “Bild”-Leser aber besser. Seit Anfang des Jahres berichtet das Blatt nach Recherchen der Zeitschrift “Message” häufig und ausführlich über die Grünfläche im exklusiven Stadtteil Harvestehude und meldet Erschütterndes über “Ohne-Leine-Hunde”, Hundekot, Tierbesitzer ohne Unrechtsbewußtsein und Polizisten, die erst mit fast einstündiger Verspätung die Verfolgung verbrecherischer Hundeleinen-Verweigerer aufnahmen. Als sei das nicht genug, zerstörte im Sommer auch noch ein Sturm Bäume im Park — “Bild” rief die Leser zu Spenden auf, um die Attraktivität der Villengegend zu erhalten.
Ist doch schön, dass “Bild” auch einmal für andere kämpft, nicht immer nur in eigener Sache.
Und damit zu einem anderen Thema: Wissen Sie, wo sich “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann und seine Frau Katja Keßler vor nicht all zu langer Zeit eine Villa gekauft haben? Die Zeitschrift “Message” weiß auch dies: In Harvestehude, ganz in der Nähe des Innocentiaparks. Der war die erste öffentliche Grünanlage Hamburgs, wurde im Stil eines Londoner Squares angelegt und ist bis heute eine Idylle für jung und alt…
Nach einem Artikel aus der Juli-Ausgabe von “Message”, der jetzt auch online zu lesen ist.
Nachtrag, 17.40 Uhr: In der aktuellen Ausgabe von “Message” hat Kai Diekmann in einem Leserbrief geantwortet: “(…) ich verlange ausdrücklich von allen Mitarbeitern, dass sie die Augen offen halten und sich, wie Message es nennt, ‘von ihrem persönlichen Umfeld inspirieren lassen’. Das ist keine Vermischung privater und journalistischer Belange, sondern Voraussetzung für eine gute, lesernahe Zeitung, die weiß, was die Menschen bewegt. Ihre Auslegung läuft hingegen darauf hinaus, dass ich selbst vor einer Kindesmisshandlung im Nachbarhaus die Augen schließen müsste — weil ich im Falle der Beendigung dieses Missstandes von der Ruhe profitieren würde. Wollen Sie das?”
Wenn man “Bild” liest, könnte man glauben, Sebastian Deisler sei glücklich über die Art, wie die Zeitung über seine gesundheitlichen Probleme berichtet. Der Spieler des FC Bayern gibt ihr nicht nur ein Exklusiv-Interview (das bei genauerem Lesen allerdings eher wie ein Versuch wirkt, einen “Bild”-Reporter am Telefon höflich, aber schnell abzufertigen). Er weigert sich angeblich auch, seinen Fall öffentlich zu “vertuschen”:
BILD erfuhr: Bayern wollte zunächst alles vertuschen! Deisler sollte in Turin mittrainieren, dann eine Verletzung vortäuschen. Aber da machte der Nationalspieler nicht mit. Deisler wollte erneut offen mit seiner Erkrankung umgehen.
Der Vertuschungs-These, die “Bild” am Mittwoch sogar auf die Titelseite brachte, hat Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge inzwischen vehement widersprochen. Und auch die “Offenheit” Deislers hat Grenzen. Die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” berichtet heute, daß Deisler mehrere zehntausend Euro Schmerzensgeld von dem Blatt fordert, weil “Bild” am Mittwoch ein großes Bild von ihm, seiner Freundin und einem Arzt auf dem Gelände der Klinik zeigte, wo er behandelt wurde. Genau solche Veröffentlichungen aus der Geheimsphäre sind “Bild” jedoch ausdrücklich gerichtlich untersagt, seit Deisler gegen ein ganz ähnliches Foto vorgegangen ist, das “Bild” Anfang August von ihm zeigte. Der Axel Springer Verlag hatte das Urteil am 27. September anerkannt. “Bild” schaffte es nicht einmal drei Wochen, sich an das Verbot zu halten.
Ehre, wem Ehre gebührt. In der jetzigen Situation ein Exklusiv-Interview mit dem angeschlagenen Bundesliga-Spieler Sebastian Deisler zu bekommen, ist ein Hammer. Wir gratulieren den Kollegen von “Bild” und bekunden unseren Respekt vor dieser journalistischen Leistung dadurch, dass wir das Gespräch in voller Länge dokumentieren:
BILD: Sebastian, wie geht es Ihnen? Sie hören sich gut an.
Deisler: “Danke, mir geht es auch gut.”
BILD: Wann werden wir Sie wieder bei Bayern sehen?
Deisler: “Dazu möchte ich noch nichts sagen.”
BILD: Wir wünschen Ihnen gute Besserung und freuen uns, Sie bald wieder zu sehen.
Deisler: “Danke, bis dann.”
Es ist d a s Thema der Frankfurter Buchmesse: Die “Bild”-Bestseller-Bibliothek von “Bild” und Weltbild! 25 Top-Bestseller zum Sensationspreis von 4,99 Euro!
Mag ja sein, und wer sich sehr anstrengt, der wird sicher auch auf der offiziellen Internetseite der Frankfurter Buchmesse irgendwo irgendwas dazu finden. LeichtersindInformationendarüber aber in “Bild” selbst aufzutreiben. Heute mal wieder auf der letzten Seite in der “In & Out”-Liste oder eben auf Seite 1 unter dieser Überschrift:
Literatur-Papst Karasek präsentiert die “Bild”-Bestseller-Bibliothek
So eine Empfehlung durch einen “Literatur-Papst” könnte man ja durchaus auch als eine Art von Qualitätssiegel begreifen. Ob zu Recht oder zu Unrecht soll hier gar nicht diskutiert werden, lediglich eine kleine Zusatzinformation, die in “Bild” leider fehlt, wollen wir noch gerne ergänzen:
Dr. Hellmuth Karasek, 70, wird (…) ab 1. Oktober 2004 exklusiv Autor der bei Axel Springer erscheinenden Zeitungen “Die Welt”, “Berliner Morgenpost” und “Welt am Sonntag”.
Vor zwei Wochen diskutierte “Bild am Sonntag”-Chefredakteur Claus Strunz bei Sat.1 unter anderem mit “Wetten dass…?”-Moderator Thomas Gottschalk über Sinn und Unsinn der Rundfunkgebühren für ARD und ZDF.
Gottschalk musste außerdem auf die Frage antworten, warum er denn in “Wetten dass…?” ständig für Telefonfirmen und Autohersteller schleichwerbe, ausgerechnet im gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen – und sagte darauf sinngemäß: Weil das ZDF sich die Show sonst nicht leisten könnte.
Strunz, der sich mit seiner überdeutlichen Rücksichtnahme auf die Interessen seines zweiten Arbeitgebers ProSiebenSat.1 ganz furchtbar blamierte, fand das befremdlich und ließ lieber vorschlagen, dass ARD und ZDF sich von Werbung und von Sponsoring wie in “Wetten dass…?” verabschieden sollten.
Heute nun läuft eine schöne Meldung von Strunz’ Kollegen bei Bild.T-Online über den Ticker: “Bild.T-Online mit eigenem ‘Wetten, dass ..?’ Channel.”
Hui! “Attraktive Inhalte auf hohem Online-Niveau” soll der “Channel” bieten. Und ein Rätsel für Gottschalk-Fans. Einer wird dann “in der (…) Sendung am 13. November 2004 als Gewinner von Thomas Gottschalk begrüßt (…) werden”.
Und man darf gespannt sein, ob Gottschalk sagen wird: “Das ist der Sieger des Rätsel beim Internetportal einer großen Boulevardzeitung, deren Namen wir hier nicht nennen wollen.”
Fest steht jedenfalls schon:
“Der neue Channel wird exklusiv von Bild.T-Online zusammen mit Dolce Media crossmedial sowohl Online als auch in der Bild.T-Online Beilage der BILD vermarktet.”
Wir müssen etwas korrigieren. Wir haben hier den Eindruck erweckt, “Bild” habe sich einfach mit ein Tagen Verspätung eine öffentlich zugängliche Pressemitteilung im Internet heruntergeladen, um daraus ein exklusives “Geheimpapier” zu machen. So einfach ist die Sache natürlich nicht.
Tatsächlich muss man die öffentlich zugängliche Pressemitteilung im Internet natürlich vor der Veröffentlichung erst retouchieren. Wenn Sie bitte vergleichen mögen:
Interessanterweise fehlen auf dem “Geheimpapier” von “Bild” zwei Details: Die Überschrift “TELEFAX” und das Datum. Was für ein Zufall. Auch ein durchschnittlich begabter “Bild”-Leser hätte sich vermutlich sonst gefragt, warum erstens ein “Geheimpapier” lustig durch die Gegend gefaxt wird und zweitens das ach-so-brisante Papier, dass ihm seine Zeitung da präsentiert, schon mehrere Tage alt ist.
Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, wie “Bild” immer an diese Exklusivmeldungen und Geheimpapiere kommt? Wie gestern, als das Blatt auf einer halben Seite einen “Geheimbrief an die Formel-1-Bosse” enhüllte, der “Bild” “vorlag”?
Klar, an sowas kommt man nicht einfach so. Da muss man sich über Jahre Kompetenz erarbeiten, muss Kontakte pflegen, Telefonnummern sammeln, Archive durchpflügen und im entscheidenden Moment zuschlagen und die brandheiße Ware veröffentlichen, möglichst ohne dabei die Quelle zu verbrennen, aber zur Not auch ohne Rücksicht auf Verluste. So geht das mit den Geheimpapieren.
Oder, im konkreten Fall: Man geht auf die Homepage des Rennsportverbandes FIA, klickt auf “Pressemitteilungen” und lädt sich die Geheimdokumente zwei Tage, nachdem sie dort veröffentlicht wurden, hier und hier herunter. Ach so, und damit die Geschichte heiß wird, muss man natürlich die Tatsache, dass es sich bei dem Inhalt um Vorschläge für mögliche Veränderungen handelt, ignorieren und so tun, als seien es bereits beschlossene Vorschriften.
Danke für den sachdienlichen Hinweis an Alexander S.
Was müsste passieren, damit diese “Bild”-Überschrift gerechtfertigt wäre? Liz Taylor könnte versucht haben, sich das Leben zu nehmen. (Hat sie nicht.) Liz Taylor könnte ein Interview gegeben haben, in dem sie ungefähr sagte: “Ich möchte gar nicht mehr leben!” (Hat sie nicht.) Freunde von Liz Taylor könnten erzählt haben, die Schauspielerin sei lebensmüde. (Haben sie nicht.)
Was ist tatsächlich passiert? Liz Taylor hat Parkinson und Altersdemenz. (Glaubt “Bild”, jeder Parkinson-Kranke sehne sich nach dem Tod?) Sie rüttelt an Türen, weil sie nicht merkt, dass sie verschlossen sind. (Weiß “Bild” exklusiv, dass Liz Taylor nur die Tür zum Himmel sucht?) Stundenlang sieht sie sich alte Filme von sich und ihrem Ex-Ehemann Richard Burton an. (Zählt das schon als Selbstmordversuch?)
Dann hat “Bild” noch diese Information:
Britische Medien berichten von Liz Taylors bizarrem Plan: Sie will Burton, der in der Schweiz begraben ist, umbetten lassen. Der Filmstar soll in seiner walisischen Heimat seine letzte Ruhe finden, die Taylor will sich neben ihm beerdigen lassen.
So bizarr klingt der Plan laut britischen Medien gar nicht: Das Grab neben dem von Burtons Eltern haben er und Taylor gemeinsam gekauft, als sie verheiratet waren, und Burton soll gesagt haben, dass er eigentlich dort begraben werden soll. Einige seiner Angehörigen haben Taylors Plan angeblich schon zugestimmt. Und dass eine parkinsonkranke 72-jährige Frau Pläne für ihr Begräbnis macht, ist ja nun so abwegig nicht.
Aber, hey, die Schlagzeile “Liz Taylor sehnt sich nach dem Tod” ist eindeutig besser als alles, was die Fakten hergegeben hätten. Mal abgesehen von “‘Bild’ sehnt sich nach Liz Taylors Tod”, natürlich.