Suchergebnisse für ‘LINK’

Guttenberg, Schuhbeck, Kämmerer

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Zehn Jahre indirekter freistoss – auch mein Jubiläum”
(indirekter-freistoss.de, Oliver Fritsch)
Die “Presseschau für den kritischen Fußballfreund” feiert das zehnjährige Jubiläum: “Gegründet habe ich den indirekten freistoss, um den seriösen Stimmen mehr Gewicht zu geben. Meinung gemacht wird ja nach wie vor woanders: bei Bild und im Fernsehen. Vielleicht ist deren Macht im Fußball im letzten Jahrzehnt ein wenig geringer geworden, ich kann mich aber auch täuschen.”

2. “Ein gefährlicher Mann”
(faz.net, Volker Zastrow)
Karl-Theodor zu Guttenberg ist nicht als reuiger Sünder zurückgekehrt, “sondern gepanzert mit Rechtfertigungen, bewaffnet mit Drohungen”. “Die unerzählte Geschichte geht so: Guttenberg hat es geschafft, fast in alle wichtigen Redaktionen dieses Landes belastbare Beziehungen aufzubauen, mit ungeheurem Charme. Das hat in einigen Häusern dazu geführt, dass Berichterstatter nicht so geschrieben haben, wie sie dachten. Die Redaktionen wurden auf Linie gebracht, soweit sie sich nicht ganz von selbst drauf brachten, längst vor der Affäre.”

3. “Mediale Steigbügelhalter”
(dradio.de, Bettina Schmieding)
Hat Guttenberg eine PR-Agentur beauftragt? “Wenn ja, dann hätte er das Geld echt besser ausgeben können. Schließlich gibt es genug Steigbügelhalter für den Baron in der deutschen Presse und die machen das total unentgeltlich.”

4. “Der scheinheilige Herr Schuhbeck”
(buggisch.wordpress.com)
Christian Buggisch schreibt über Fernsehkoch Alfons Schuhbeck, der “Gesundheit predigt und das Gegenteil verkauft”.

5. “So arbeiten Journalisten fair”
(ratgeber.presserat.ch)
Der neue Ratgeber “Was Medienschaffende wissen müssen” des Schweizer Presserats.

6. “Kurz vor Schluss”
(zeit.de, Roland Kirbach)
Die finanzielle Situation deutscher Kommunen: “Nachdem Cross Border Leasing unattraktiv geworden war, weil die Steuervorteile in den USA entfallen waren, wurden deutsche Kämmerer aus Verzweiflung zu Zockern. Gelockt von cleveren Bankern, schlossen sie mit Finanzinstituten Wetten auf die künftige Zinsentwicklung ab. Reihenweise haben die Städte verloren.”

Kaffeepads, Glogger, Guttenberg

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Drama bei SWR3latenight mit Pierre M. Krause”
(youtube.com, Video, 5:59 Minuten)
Wie aus einem einfachen Kauf von Kaffeepads ein großes Drama entstehen kann.

2. “Boulevard der Schäbigkeiten”
(spiegel.de, Frank Patalong)
Aussagen von Max Mosley und J. K. Rowling vor der Untersuchungskommission zum Abhörskandal der Boulevardzeitung “News of the World”. Und von Sienna Miller: “Sie erzählt, wie ihre intimsten Beziehungen belastet und in Frage gestellt wurden, als über Jahre Informationen in der Presse auftauchten, ‘von denen definitiv nur drei Personen wussten’. Es klingt, als könne sie es bis heute nicht fassen. Man spürt, dass sie über mehr als nur erschüttertes Vertrauen spricht, sie redet von intimen Beziehungen, die durch Verdächtigungen am Rande des Zusammenbruchs standen.”

3. “Medien sitzen Bigpoints ‘Umsatzrakete’ auf”
(meedia.de, Henning Ohlsen)
Henning Ohlsen fragt beim Mediensprecher von Bigpoint nach, ob mit einer virtuellen Drohne tatsächlich “in 4 Tagen 2 Mio. Euro” umgesetzt wurde, wie zum Beispiel Krone.at schreibt: “Es gab zehn Drohnen, die durchschnittlich rund 100 Euro kosteten. Hubertz’ Rechnung im Gamesbrief-Bericht sei lediglich ein Planspiel gewesen, das falsch wiedergegeben worden sei.”

4. “Glogger mailt. Aber tut er das wirklich?”
(superblaa.blogspot.com, Franky Armee)
“Glogger mailt” nennt sich eine tägliche Kolumne in der Gratiszeitung “Blick am Abend” von Helmut Maria Glogger. Doch werden diese E-Mails auch tatsächlich verschickt? Franky Armee fragt nach, siehe dazu auch den Beitrag “SP-Präsident Christian Levrat über Gloggers Mail”.

5. “Die neuen Gebrüder Grimm”
(taz.de, Felix Dachsel)
Große Männerwochen bei der “Zeit”: “Erst bescheinigt Helmut Schmidt, der Herausgeber, Peer Steinbrück, dem SPD-Fast-Kanzler-Kandidaten, das volle Zeug zum Kanzler (Titelzeile: ‘Die Partie ist eröffnet’), jetzt nimmt der Chefredakteur des Hamburger Blatts dem Exminister die Beichte ab (Titelzeile: ‘Es war kein Betrug’).” Zur “Zeit” und Guttenberg siehe auch das Interview mit FAZ-Redakteur Jürgen Kaube (dradio.de, Frank Meyer)

6. “Eurokrise macht Pause, damit deutsche Medien über Guttenberg-Comeback spekulieren können”
(der-postillon.com)

Schwer verliebt, Jena, Börse im Ersten

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “‘Schwer verliebt’: Rhein-Zeitung engagiert sich”
(ndr.de, Video, 6:44 Minuten)
Zapp spricht mit Sarah, Kandidatin der Sat.1-Sendung “Schwer verliebt” und Vera Müller, Redakteurin der “Rhein Zeitung”. In einer Stellungnahme bestreitet der Sender, dass Kandidaten “zu Handlungen und Aussagen gedrängt worden” seien: “Ein Drehbuch lag bei ‘Schwer verliebt’ nicht vor.”

2. “Wir erwarten eine öffentliche Entschuldigung des ZDF mindestens bei allen Bürgern Jenas”
(jenapolis.de, Arne Petrich)
Arne Petrich wehrt sich gegen einen “aspekte”-Beitrag mit dem Titel “Jena für Leute mit Migrationshintergrund – kein Paradies”. “Diese niederträchtige Art über eine Stadt und ihre Menschen zu urteilen, halten wir für nicht hinnehmbar. Noch dazu im öffentlichen-rechtlichen Sektor, dem Sektor, der von allen Bürgern, auch den Jenas, finanziert wird.” Siehe dazu auch die Beiträge von Thomas Uhlemann und Florian Freistetter.

3. “‘Dönermorde’ wird Unwort des Jahres”
(meedia.de, Christine Lübbers)
Patrick Gensing spricht im Interview mit Christine Lübbers darüber, wie Rechtsextreme in den Medien vorkommen: “Ich glaube, man würde es sich in keinem anderen wichtigen Gebiet erlauben, dass man über zehn Jahre nicht über Bildsprache nachdenkt. Natürlich gibt es noch Nazis, die Glatze tragen. Die sind aber mehr das Fußvolk, das nicht so ganz ernst genommen wird. Im organisierten Rechtsextremismus ist das Bild ein anderes.”

4. “Causa Kachelmann: Oberlandesgericht Köln gibt Bild.de recht”
(horizont.net)
Das Oberlandesgericht Köln entscheidet im Rechtsstreit zwischen Jörg Kachelmann und Bild.de in zweiter Instanz zugunsten von Bild.de: “Aus Sicht der Richter war die Berichterstattung von Bild.de im Fall Kachelmann nicht zu beanstanden.”

5. “Wer hat das Skript geschrieben?”
(faz.net, Hans Hütt)
“Börse im Ersten” sei “keine Informationssendung, schon gar nicht für Aktienbesitzer in Deutschland”, schreibt Hans Hütt. “Wer das behauptet, hat die Komposition der Sendung nicht verstanden. Sie zelebriert eine Andacht. Jeder Lidschlag des Moderators, jedes Senken seines Haupts folgen einem liturgischen Skript.”

6. “Meine (gezählten) Tage als Wikipedia-Autor”
(schweizer-degen.com)
Johannes F. Woll versucht, einen neuen Artikel in der Wikipedia anzulegen. Ein Tagebuch.

Döpfner, Schwer verliebt, Blick am Abend

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Der Werther-Effekt schadet, der Papageno-Effekt nützt”
(zeit.de, Parvin Sadigh)
Medienpsychologe Benedikt Till wünscht sich mehr Beachtung für die 2008 aus der Forschung abgeleiteten Medienrichtlinien zur Berichterstattung über Suizid (PDF-Datei auf suizidforschung.at). Verpflichtend sollen diese aber auf keinen Fall sein: “Die Pressefreiheit sollte nicht beschnitten werden.”

2. “Der Gute Mann von Axel Springer”
(stefan-niggemeier.de)
Die Begeisterung von deutschen Medien über die Ankündigung von Mathias Döpfner, Vorgänge in den 1970er-Jahren bei “Bild” “minutiös zu ergründen und aufzuklären”. “Natürlich ist es begrüßenswert, wenn Springer jetzt tatsächlich die Vorgänge rund um Wallraffs Enthüllungen aufarbeiten will. Aber wäre es vom Vorstandsvorsitzenden wirklich zuviel verlangt, sich zumindest auf den Stand von 1979 zu bringen, bevor er öffentlich den Aufklärer gibt?”

3. “Medienrechtler hält Sat.1-Kuppelshow-Vertrag für sittenwidrig”
(rhein-zeitung.de, Regina Theunissen)
Medienrechtler Martin Huff hält einen Kandidatenvertrag (Auszüge) der Sat.1-Sendung “Schwer verliebt” für sittenwidrig. Siehe dazu auch den Artikel “Schwer verletzt statt schwer verliebt – Sarah kämpft mit den Folgen der SAT.1-Kuppelshow” (rhein-zeitung.de, Vera Müller).

4. “Blog aus Bremen: Fremdschämen”
(derstandard.at, Peter Illetschko)
“Ein PR-Mann erzählt auf der ‘Wissenswerte’, dem Bremer Forum für Wissenschaftsjournalismus, über seine Erfahrungen mit einem Journalisten. Man habe ein Interview via Mail vereinbart. Nach wenigen Tagen kam ein wütender Anruf des Zeitungsmanns. Wo denn das Interview bliebe, wollte dieser wissen. ‘Aber sie haben ja noch keine Fragen geschickt!’ war die logische Antwort. Worauf der Journalist fragte: ‘Schreiben sie die Fragen denn nicht selber?'”

5. “Wissen, wie man richtig zitiert”
(superblaa.blogspot.com, Mad Crawler)
Der “Blick am Abend” zitiert aus “Welt Online” – und schreibt darauf gleich mehrere Sätze 1:1 ab.

6. “Woran man erkennt, welchen Fernsehkanal man sieht”
(graphitti-blog.de, katja)

Hans Esser, Klaus Kinski, Bericht aus Berlin

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Informationen aus dem Hinterland”
(youtube.com, Video, 31:52 Minuten, 1977)
Günter Wallraff als Hans Esser bei “Bild” – ein WDR-Dokumentarfilm von Jörg Gfrörer aus dem Jahr 1977.

2. “Ein kurzer Leitfaden zu faulem EU-Journalismus”
(opalkatze.wordpress.com)
Opalkatze übersetzt einen Beitrag mit 20 Tipps für faule Journalisten, die über die EU schreiben: “1. Sie sind nicht sicher, wie die EU funktioniert oder welche Institutionen es gibt? → Schreiben Sie einfach ‘Brüssel’.”

3. “gehaltvolle berichterstattung”
(devianzen.de)
Devianzen widmet sich minutiös dem “Bericht aus Berlin” am 20. November (Video, 18:31 Minuten): “knapp 37% der sendzeit des ‘berichts aus berlin’ (inklusive an- und abspann!) verwendet man auf die frage zur neueinsetzung der vorratsdatenspeicherung.”

4. “Wir haben keine Fragen gestellt!”
(migazin.de, Marjan Parvand)
Nicht nur der Polizei und dem Verfassungsschutz würde Selbstkritik im Fall der Morde an Kleinunternehmern gut stehen, sondern auch den Journalisten, meint Marjan Parvand: “Jahrelang haben wir uns mit dem zufrieden gegeben, was uns Polizei und Behörden als mögliche Tatmotive genannt haben. Jahrelang haben wir die Begrifflichkeiten der Behörden – ‘Dönermorde’ oder ‘Soko Bospurus’ – nicht nur hingenommen sondern uns derselben menschenverachtenden Sprache bedient. Wir haben uns gemein gemacht, und eines der höchsten Güter unseres Berufs aufgegeben: die Unabhängigkeit.”

5. “Den Artikel haben wir schon Last Christmas geschrieben”
(kobuk.at, Helge Fahrnberger)
Die “Kronen Zeitung” und ein Konzert von George Michael in Wien.

6. “Mein liebster Feind”
(arte.tv, Video, 94:49 Minuten)
Ein Film von Werner Herzog über Klaus Kinski (online bis zum 27. November).

Wallraff, Abhängigkeit, Schockmeldungen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Das Fernsehen ist skrupelloser geworden”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath redet mit Stefan Niggemeier über Fernsehen in Deutschland: “Das ganze deutsche Fernsehen besteht aus Sendungen, die so sind, wie sie immer schon waren. Eine einzige Wiederholungsschleife.”

2. “Günter Wallraff, BILD und das Pressegesetz”
(youtube.com, Video, 15:27 Minuten)
Ein Film von Pagonis Pagonakis über Günter Wallraff und “Bild”.

3. “Natürlich sind wir abhängig”
(taz.de, Felix Dachsel)
Unabhängigkeit werde auch von den konventionellen Medien simuliert, sagt Journalist Christoph Scheuring, der Magazine für Unternehmen produziert. So sieht er das Feuilleton als ein “verwobenes Dickicht von persönlichen Beziehungen und Interessen und in Wahrheit eine einzige riesige PR-Maschine”: “Da werden Bücher gelobt, weil ein alter Freund darum bittet oder weil der Redakteur selbst für diesen Verlag schreibt oder schreiben möchte oder weil er mit dem Regisseur befreundet ist und so weiter. Auch Bücher, Filme, CDs sind zuerst Produkte, die jemand verkaufen will.”

4. “Außerhalb der Finsternis”
(matthias-schumacher.com)
Schockmeldungen überall: “Schade, dass das ständige Aufblasen von Nichtigkeiten zu Skandalen, Schockmeldungen und Sensationen dazu geführt hat, dass viele die wirklich harten Schläge nicht mehr spüren. Wir sind Dickhäuter geworden, rosarot bebrillt, Skandale erkennen wir nur noch als solche, wenn’s einer fett drüberschreibt, ob darunter oder dahinter ein wirklicher Skandal steckt, spielt kaum noch eine Rolle.”

5. “Schlagzeilen – ‘Der Spiegel unter den Erotikmagazinen'”
(kioskforscher.posterous.com, Markus Böhm)
Ein Interview mit Matthias Grimme, dem Verleger der BDSM-Zeitschrift Schlagzeilen: “In der Schlagzeilen-Redaktion hatten wir immer den Anspruch, das Heft so zu machen, dass wir es unseren Müttern zeigen können. Und dass die Mütter es dann – abgesehen vom Thema, mit dem sie nicht so viel anfangen können – irgendwie cool finden.”

6. “Bayern siegt nicht im Mega-Duell und Götze führt die BILD-Reporter vor”
(mediensalat.info, Ralf Marder)

Kafkaösk

Es geschieht eher selten, dass die renommierte “Frankfurter Allgemeine Zeitung” ihre Artikel mit einem Ausruf eröffnet. Und doch stand es gestern so im Blatt:

Ha! Europa ist besser, als man zu unterstellen bereit ist. Das Unterfangen des ominösen Gehlen & Schulz Verlags, massiv fehlerhafte, EU-subventionierte Kafka-Bücher an Schulen zu verschenken, über das auch dieses Feuilleton berichtete, hat sich als Kunstaktion der österreichischen Gruppe “The Birdbase”zu erkennen gegeben. Zu Recht also hat die EU-Kommission auf Nachfrage die Förderung dementiert.

Nun klingt “Ha!” vielleicht ein bisschen zu sehr nach “Siehste, hab ich doch immer gesagt!”. Der geeignetere Einstieg in den Artikel wäre vielleicht eher ein “Ups!” gewesen, im Sinne von “Oh Gott, ist uns das peinlich. Hamse mal grad ein bisschen Staub zur Hand, in den wir uns kurz werfen könnten?”.

Doch von Anfang an:

Anfang November hatte die österreichische “Kronen Zeitung” über eine “Sprach-Entgleisung” berichtet:

Franz Kafka würde sich im Grabe umdrehen! Ein von der EU groß gefördertes Buch für 40 heimische Schulen bringt den Jugendlichen nicht “Das Schloss” des deutschsprachigen Schriftstellers näher, sondern bloß eine Aneinanderreihung absurder Rechtschreibfehler, zu denen der Verlag “Gehlen und Schulz” sogar noch steht.

Von einem “hohen Fremdschämpotenzial” beim Durchblättern der fehlerhaften Schullektüre schrieben die beiden Autoren der “Kronen Zeitung” und zitierten aus der Pressemitteilung des Verlages:

“Schuld daran ist ein Softwarefehler”, erklärt der Herausgeber Adrian Schulz. “Das wird es bei den nächsten Büchern nicht mehr geben.” Der EU war die Pannenserie offensichtlich völlig egal – gefördert wurde das Projekt mit einem sechsstelligen Betrag.

Sofort stieg auch die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” mit ein und schrieb unter der Überschrift “Kafkas Hinrichtung, von der EU gefördert”:

Zurzeit beglückt das Verlagshaus Gehlen und Schulz ungefragt Schulen im deutschsprachigen Raum mit einem Kafka-Geschenk: je einem Karton Gratisexemplare des Romans “Das Schloss”. Den nämlich hat der zu diesem Behuf gegründete Verlag in einer sagenhaften Zwei-Millionen-Auflage gedruckt, und zwar in einer vor Fehlern nur so strotzenden Ausgabe. Softwareprobleme seien dafür verantwortlich, heißt es.

Man kann der “FAZ” (anders als der “Kronen Zeitung”) nicht vorwerfen, sich nur auf die schriftlichen Erklärungen des Verlags verlassen zu haben:

Bislang sind etwa zweitausend Bücher an vierzig Schulen gelangt. Im Gespräch mit dieser Zeitung weist [Verleger] Adrian Schulz darauf hin, dass auch alle weiteren Exemplare verschickt würden: Gedruckt sei gedruckt. Die Fehler verleugne man nicht, sondern gehe sie “aggressiv” an. Schulz bestätigt die Finanzierung durch ein EU-Programm: Eine sechsstellige Summe sei geflossen. Eine Agentur in Brüssel habe den Kontakt vermittelt, nähere Angaben mache er dazu nicht. Man habe bei der Sache nicht schlecht verdient. “Das Schloss” sei einfach deshalb ausgewählt worden, weil es auf den Curricula stehe. Die Geldgeber hätten sich für die Auswahl nicht interessiert.

Die Pressestelle der Europäischen Kommission hat eine zügige Stellungnahme zugesagt, die aber dennoch auf sich warten lassen könne, “weil man da tief graben muss”. Wir warten mit Spannung, denn sollte sich die öffentliche Förderung bewahrheiten, hätten sich vor allem die Geldgeber blamiert.

Blöderweise hat die “FAZ” nicht mit dem Verleger Adrian Schulz gesprochen (bzw. dem “Verleger” in Anführungszeichen, wie die Zeitung selbst schreibt), sondern einem Mann, der sich als Verleger Adrian Schulz ausgegeben hat. Vom Verlag Gehlen & Schulz, den es nicht gibt.

Edition: Diese Reihe an neu verlegeten Klassikern ist das Herz von Gehlen und Schulz. Die Idee war es, die besten deutschsprachigen Klassiker, von Goethe bis Schiller, in einer neuen Edition zusammenzustellen.

Andererseits gibt es da ja eine schmucke Internetseite über die Klassiker-Edition von Gehlen & Schulz und es könnte ja gut sein, dass der bisher völlig unbekannte Verlag tatsächlich “zu diesem Behuf gegründet” wurde. Um festzustellen, dass der Verlag nicht existiert, hätten die Reporter der “FAZ” also schon ins österreichische Handelsregister schauen müssen.

Bemerkenswert ist aber auch die Tatsache, dass es der “FAZ” offenbar reichte, dass der Mann, den die Zeitung für einen Verleger hielt, behauptet hatte, EU-Fördergelder erhalten zu haben. “Eine Quelle ist keine Quelle”, lernt man in der Journalistenschule, “Da könnte ja jeder kommen”, würden Großmütter sagen. FAZ.net reichte die eine Quelle, um in der Dachzeile “Steuerverschwendung” anzuprangern.

Bild.de, bekannt für editionsphilologische Arbeiten, gab den entsetzten Bildungsbürger:

Gut, dass Franz Kafka das nicht mehr erleben muss.

Der österreichische Verlag “Gehlen und Schulz” brachte Kafkas Roman „Das Schloss“ heraus, verteilte ihn an 40 Schulen – doch das Buch strotzt vor Rechtschreibfehlern. Der Skandal: Es wurde großzügig mit EU-Geldern gefördert.

Nach neun Tagen hatte die “FAZ” dann endlich eine Antwort von EU-Seite vor, die mehr Fragen aufwarf, als sie beantwortete:

Sowohl Gabriele Imhoff von der Berliner Pressestelle der EU-Kommission als auch Dennis Abbott, Pressesprecher der Kommission für Bildung und Kultur, haben dieser Zeitung inzwischen mitgeteilt, dass man keine Hinweise auf eine Förderung des Projekts durch die EU-Kommission gefunden habe. Der Verleger hat auf dieses – wenngleich nicht definitive – Dementi nun mit einer Stellungnahme reagiert, die sprachlos macht: “Ich habe keine Ahnung, wer das jetzt finanziert hat – EU, Österreich, BMVIT, egal. Ich habe auch keine Ahnung, wie diese Tippfehler in das Buch gekommen sind.”

Und obwohl die Stellungnahme des angeblichen Verlegers immer grotesker wurde (“In Nordkorea ist bestimmt jeder Buchstabe dort, wo er sein soll. Das wäre doch das, was ihr wollt. Staatskonformer Mist, richtig buchstabiert.”), schöpfte die “FAZ” offenbar keinerlei Verdacht. Zumindest keinen an der Existenz des Verlags:

Zu klären bleibt neben allem haarsträubenden Amüsement gleichwohl, ob hier allein österreichische Mittel verbrannt wurden oder doch auch EU-Gelder.

Die “Kronen Zeitung” ist, wie man beim Topfschlagen sagen würde, ganz “heiß” dran, scheint die Spur aber nicht weiter verfolgen zu wollen:

Verliert dieser Verleger völlig den Bezug zur Realität, oder macht er sich über alle lustig? (…) Kenner der Szene sind erstaunt. Ein Insider: “Niemand kennt diesen Verlag. Man könnte fast glauben, es handle sich um ein Kunstprojekt.”

Inzwischen hatte die Geschichte auch boersenblatt.net erreicht, seines Zeichens Zentralorgan des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels:

Die “FAZ” hat nun recherchiert, dass das Buch, anders als vom Verlag angegeben, soweit bekannt ist, gar nicht durch EU-Gelder mitfinanziert wurde. Man habe keine Hinweise auf eine Förderung, hat die EU mitgeteilt.

Spätestens beim Börsenverein, dem Veranstalter der Frankfurter Buchmesse, hätte jemandem auffallen sollen, dass der Verlag nicht existiert.

Doch erste Zweifel traten erst zwei Tage später auf, als die österreichische “Presse” von einer erstaunlichen Entdeckung berichtete:

Nun dürfte es neuen Ärger geben Und zwar rechtlichen: Die ISBN, die im Buch angegeben wird, ist vom österreichischen Autor Thomas Glavinic abgeschrieben, dessen Roman “Lisa” unter der Nummer läuft. Nur die Prüfziffer am Ende der Nummer ist mit “0” anders als die von Glavinic mit “3”.

“Dabei handelt es sich um einen echten Betrüger. Die Nummer gehört dem Hanser Verlag”, sagt Mirjam Glaser von der deutschen ISBN-Stelle. Der Hanser Verlag selbst möchte nun die Adresse von “Gehlen & Schulz” ausfindig machen und auffordern, die Verwendung der Nummer zu unterlassen. Auch rechtliche Schritte hält der Verlag für nicht ausgeschlossen.

Es war also offensichtlich nicht damit zu rechnen, dass irgendjemand auf Medien- oder Buchhandelsseite in absehbarer Zeit durchschauen würde, was hier gespielt wurde — und das, obwohl das absichtsvolle Täuschen von Journalisten spätestens seit einigen Jahren zum Standardrepertoire von PR gehört. The BirdBase, die Erfinder von “Gehlen & Schulz”, “Adrian Schulz” und der “Klassiker-Edition” gingen also am Donnerstag von sich aus an die Öffentlichkeit:

Dahinter steht die Aktionsgruppe “The BirdBase”, die mit der ungewöhnlichen Aktion Kritik am schlechten Bildungssystem in Österreich üben wollte. “Wir wollen, dass über das Bildungs- und Schulsystem in Österreich gesprochen wird, wir wollen, dass ein Land wieder redet, denkt und nicht vor sich hin schweigt. Denn wenn sich nichts ändert, werden vielleicht in 20 Jahren solche Bücher der Normalfall sein”, schrieb die Gruppe gestern, Mittwoch, in einem E-Mail an die “Presse”.

boersenblatt.net berichtete über die neuerliche Entwicklung in dem Fall, die “FAZ” nutzte die Gelegenheit zu ihrem unpassend triumphalen “Ha!” und verschwand dann zwischen allen Wirklichkeitsebenen:

Vielleicht ist die ominöse Künstlergruppe auch nur eine Erfindung der EU, um sich elegant aus der Affäre zu ziehen?

Und die “Kronen Zeitung”, bei der alles angefangen hatte? Nun, die gibt sich weniger zerknirscht und mehr angepisst:

Sie haben alle gefoppt – und sind auch noch stolz darauf. Hinter dem Kafka- Buch mit den 1.850 Rechtschreibfehlern (siehe Infobox) steckt die Aktionsgruppe “The BirdBase”, die vor schlechter Bildung warnen will. Ziele hat die Clique aber keine.

Videospiele, Günter Wallraff, Terror

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Fehlerhaftes Buch: Mit Kafka die Medien getäuscht”
(diepresse.com, Eva Winroither)
Die Gruppe “The Birdbase” baut nach eigenen Angaben 1850 Rechtschreibefehler in das Buch “Das Schloss” von Franz Kafka ein, druckt davon 1000 Exemplare und verschickt es an Schulen und Medien (Video). Auf der Facebookseite der Gruppe werden Medien aufgelistet, die im Sinne der Aktion berichten, darunter faz.net, bild.de oder krone.at. Eine Sprecherin des Projekts: “Es gibt diese Auflage so nicht, es gibt auch keinen Verlag, keine weiteren Bücher und schon gar keine Fördermittel.”

2. “Perpetuiertes Stigma”
(stigma-videospiele.de)
Ein Blick in das Archiv von Spiegel.de zum Thema Videospiele: “Konkret werden von sieben gefundenen falschen Darstellungen drei in anderen Spiegel-Artikeln richtig wiedergegeben. Es wird beinahe der Eindruck erweckt, als ob man es dem Leser überlasse sich die ihm passende Wahrheit herauszusuchen.”

3. “Springer geht auf Bild-Kritiker Wallraff zu”
(sueddeutsche.de, Oliver Das Gupta)
Am Samstagabend sendet der WDR ab 23.30 Uhr “Die Günter Wallraff Nacht”. Zu Wort kommen soll auch der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner: “Laut WDR bedauert er, wie die Bild-Zeitung Mitte der 1970er Jahre mit Wallraff umgegangen ist.”

4. “Schöne Trottel”
(zeit.de, Matthias Daum)
Matthias Daum fragt nach den wirtschaftlichen Komponenten der “Petarden-Trottel”-Kampagne der Ringier-Boulevardzeitung “Blick”.

5. “Brauner Terror in Deutschland”
(tagesschau.de, Video, 29:11 Minuten)
Eine ARD-Sondersendung zur Mordserie an Kleinunternehmern. Siehe dazu auch die “Todesopfer rechter Gewalt 1990 – 2010” (zeit.de) und einige Gedanken “zur Ikonographie des Terrors” (security-informatics.de).

6. “Die Hartz-Maschine”
(ardmediathek.de, Video, 43:57 Minuten)
Eine Reportage von Rita Knobel-Ulrich über Geschäftszweige, die ihr Geld mit der Arbeitslosigkeit in Deutschland verdienen. Ab Minute 34 ein Besuch in den Niederlanden mit einem Blick auf die Situation dort.

Auf dem Boulevard wird schon Salz gestreut

So lag “Bild” gestern in Berlin am Kiosk:

So zeigt sich ein Berliner Abgeordneter im Internet

Im Inneren erklärte die Zeitung dann, wer der Abgeordnete ist (Simon Weiß von der Piratenpartei) und was er da auf dem Foto macht:

Ein junger Mann beugt sich über eine Linie weißes Pulver. An seine Nase hält er eine Papierrolle. Und deutet an, die weiße Substanz hochzuziehen als wäre es Kokain. Daneben steht ein Salzstreuer. Das Foto zeigt Pirat Simon Weiß (26), der im Abgeordnetenhaus sitzt. Er hat es über den Internetdienst Twitter veröffentlicht.

Bei Bild.de ging die Geschichte erst nach einer Drehung an der Meta-Schraube online und klang dann so:

Seine Idee: ein bisschen Drogen-Provokation. Wie originell!

Auf seinem Twitter-Account hat er ein neues Profilfoto eingestellt. Zu sehen: Simon Weiß, wie er seinen Kopf über eine Tischplatte beugt, mit der linken Hand hält er sich das linke Nasenloch zu, an das rechte Nasenloch drückt er eine Papierrolle, deutet an, eine helle Substanz hochzuziehen als wäre es Kokain. Links im Bild: ein Salzstreuer. Ha-ha!

Die Salz-Schnupf-Experten von Bild.de finden das offenbar nicht lustig:

Lustig hin, lustig her, Fakt ist: Der Landespolitiker täuscht eine Straftat vor.

Denn der Konsum von harten Drogen ist in Deutschland verboten!

Das stimmt so nicht: Der reine Konsum von Kokain ist in Deutschland nicht verboten, wohl aber der Besitz, die Herstellung oder der Handel (der Konsum ohne vorherigen Besitz ist natürlich ein wenig knifflig). Und unter “Vortäuschen einer Straftat” versteht man die Anzeige einer nicht begangenen Straftat wider besseres Wissen.

Simon Weiß zeigte sich angesichts der großen “Bild”-Geschichte über seine Person auf Twitter recht entspannt und wollte die Aktion als “privat betriebene Satire” verstanden wissen. Dem Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses, der bei Bild.de erklärt hatte, dass seines Erachtens “durch das Foto der Konsum von harten Drogen verharmlost wird”, warf Weiß vor, den “Stichwortgeber” für das “Hetzblatt” “Bild” zu “spielen”. Abschließend verwies er auf die Fotografin des Salzbildes, die “Bild” nach eigenen Angaben darauf hingewiesen hatte, dass die Zeitung das Foto nicht ohne weiteres hätte abdrucken dürfen.

Mit Dank an Brainfucker, Markus M. und Sebastian C.

Familien im Brennpunkt, Redezeit, Zitate

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Boah, voll krass: Brennpunkt Drehbuch”
(fernsehkritik.tv, Fernsehkritiker)
Das Drehbuch “Gutmütiger Teenie-Vater wird von dreister Ex-Freundin ausgenutzt” der RTL-Pseudo-Doku-Soap “Familien im Brennpunkt”.

2. “Begrenzte Redezeit für Frankreichs Politiker”
(wissen.dradio.de, Audio, 8:34 Minuten)
Die Behörde Conseil Superieur du l’Audiovisuel (CSA) wacht in Frankreich darüber, dass Regierung, Opposition und die restlichen Parteien am Radio und Fernsehen sekundengenau die ihnen zustehende Redezeit erhalten. “Wer grob und wiederholt gegen die Auflagen verstösst, zahlt oder verliert gar seine Sendelizenz.”

3. “Realitätsverlust in der PR-Branche”
(saschalobo.com)
Sascha Lobo schreibt über PR-Leute, die sich über das Desinteresse an ihrer Arbeit beklagen. “Statt nämlich zuzugeben, dass sie es nicht schaffen, Journalisten (und die Öffentlichkeit) für ihre Themen zu interessieren, klagen sie über ‘desinteressierte Journalisten’. Das ist Realitätsverdrehung, ja, Realitätsumdrehung der kontraproduktivsten Sorte.”

4. “Nazi-DVD – Mediengeschäft mit rechtem Terror”
(ndr.de, Video, 4:45 Minuten)
Nach Zapp-Informationen kaufte “Der Spiegel” das Bekennervideo der Mordserie an Kleinunternehmern exklusiv vom Antifaschistischen Pressearchiv. Inzwischen sind weitere Kopien aufgetaucht.

5. “Beziehung”
(el-futbol.de, Sidan)
Sidan denkt nach über das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken.

6. “Citogenesis”
(xkcd.com, englisch)
Woher die Zitate kommen.

Blättern:  1 ... 170 171 172 ... 290