Suchergebnisse für ‘BILD’

DuMont, Huffington, Bild, Pattaya

1. Interview mit Arianna Huffington

(sueddeutsche.de, Leif Kramp und Stephan Weichert)

Die Herausgeberin der Huffington Post, Arianna Huffington, glaubt, dass sich Online-Abonnements nur bei Porno und bei der Finanzberatung durchsetzen werden. Den Journalisten sagt sie: “Ein Großteil der Unzufriedenheit mit dem traditionellen Journalismus rührt daher, dass die meisten Journalisten anscheinend vergessen haben, dass ihre erste Pflicht darin besteht, der Wahrheit nachzuspüren – egal, welche Konsequenzen ihnen blühen.”

2. “Klick auf den tiefgefrorenen Fuchs”

(fr-online.de, Daniel Bouhs)

Bild und sein Onlineangebot bild.de setzen konsequent auf Inhalte aus den Regionen, sei es von lokalen Ablegern der Zeitung oder von Leserreportern. Refinanziert werden diese teilweise mit Gebührengeldern, dann nämlich wenn die Boulevardmagazine der Öffentlich-Rechtlichen solche einkaufen.

3. “DuMont – Alles auf Print”

(zeit.de, Christian Meier)

“Die Kölner Mediengruppe DuMont steigt nach Zukäufen in Frankfurt am Main und Berlin zum drittgrößten Zeitungsverlag in Deutschland auf.”

4. “Bei den Rohstoffrebellen”

(medien-monitor.com, Katharina Kruppa)

Klaus Werner-Lobo gibt sich für eine Recherche im Kongo aus als Rohstoffhändler Robert Mbaye Leman und “verspricht, er könne das Tantal zu einem besonders günstigen Preis besorgen. Er bekommt sofort Rückmeldungen – unter anderem auch von der Bayer AG.”

5. Interview mit Geert Lovink

(futurezone.orf.at, Patrick Dax)

Geert Lovink über Bezahlen im Internet: “Ich würde eine technische Lösung bevorzugen, bei der man über Mikrobezahlungen im Hintergrund einfach für das bezahlt, was man sich ansieht.”

6. “Tod im Paradies”

(spiegel.de, Alexander Osang)

“Tausende deutsche Pensionäre leben im thailändischen Pattaya. In dem Hotel ‘Villa Germania‘ verwirklichen sie ihren Traum von Freiheit, mit Alkohol und Frauen. Es ist ein Leben unter der Zeitglocke: Ihr Kanzler heißt Helmut Schmidt, ihr Kapitän Franz Beckenbauer.”

Auf Opfer kann “Bild” keine Rücksicht nehmen

Das ARD-Magazin “Panorama” hat sich bei der “Bild”-Zeitung nach den von ihr und der “Bild am Sonntag” veröffentlichten Fotos von den Opfern des Amoklaufes in Winnenden erkundigt:

“Hat die BamS-Redaktion diese Fotos von den Angehörigen oder Freunden erhalten oder sie aus dem Internet heruntergeladen?

Haben die Angehörigen dieser Veröffentlichung zugestimmt?

Wenn nicht, warum haben Sie die Fotos ohne Freigabe durch die Familien veröffentlicht?

Was sagen Sie zu dem Vorwurf des Vaters von Chantal S.: ‘Die Bild-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.'”

“Bild”-Sprecher Tobias Fröhlich antwortete schriftlich :

“Entgegen Ihrer Annahme dürfen Fotos von Opfern auch ohne Genehmigung gezeigt werden, sofern es sich um Bildnisse im Zusammenhang mit wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen handelt. Der Redaktion fällt eine solche Entscheidung nicht leicht und sie muss in jedem Einzelfall sorgfältig abwägen, ob das öffentliche Interesse so überragend ist, dass man die Fotos auch ohne Einwilligung zeigen darf. Offensichtlich haben das auch alle anderen Zeitungen und Zeitschriften so beurteilt, die die besagten Bilder veröffentlichten.

Natürlich gehört unser Mitgefühl den vielen Familien in Winnenden, denen der schlimmstmögliche Schicksalsschlag widerfahren ist. Nichts kann den Schmerz und die Trauer über Verlust eines Kindes und eines Angehörigen lindern. Leider gehört es zu den Aufgaben von Journalisten, auch über solch dramatischen Ereignisse und die dahinter stehenden Schicksale zu berichten — sowohl über Täter, als auch über Opfer.”

Medienanwalt Christian Schertz widerspricht:

“Wenn ein Schüler oder ein Student sein Foto bei StudiVZ einstellt, willigt er damit noch lange nicht ein, dass dasselbe Foto im Falle eines Unglücksfalles, an dem er beteiligt ist, auf der Titelseite einer Boulevardseite veröffentlicht wird. (…)

Das Leid von anderen Menschen ist natürlich auch etwas, das die Sensationsgier befriedigt und damit Auflage macht. Und da ist es oft eine Abwägung von möglichen Anwaltskosten und den vielleicht noch zu zahlenden Schmerzensgeldern und dem, was man mit der Auflagensteigerung erreicht. Und dann ist das Ergebnis relativ eindeutig aus Sicht mancher Chefredakteure.”

Der “Panorama”-Beitrag greift auch den Fall von Sara L. auf, einer jungen magersüchtigen Frau, die im vergangenen Jahr starb. Fotos: INTERNETGegen den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern hatte “Bild” damals einen großen Artikel mit Fotos von Sara veröffentlicht, die das Blatt sich im Internet besorgt hatte (wir berichteten).

“Bild”-Sprecher Fröhlich gibt den Eltern indirekt die Schuld daran, dass “Bild” das Schicksal ihrer Tochter ausgeweidet hat. Sie hätten Sara dadurch, dass sie einem Nachruf auf Sara im “Tagesspiegel” zugestimmt hätten, zu einer “relativen Person der Zeitgeschichte gemacht”, behauptet Fröhlich:

“In solch einem Fall bedarf es keiner Zustimmung des Abgebildeten oder der Hinterbliebenen.”

“Bild” lässt Schläger-Opfer für sich kämpfen

Es ist nicht Neues, dass “Bild” Probleme mit der Tatsache hat, dass für Kriminelle die gleichen Rechte gelten wie für alle anderen Bürger.

Wenn ein junger Mann, der wegen versuchten Mordes im Gefängnis sitzt, seine langjährige Freundin heiraten will, mit der er ein Kind hat, ist das für “Bild” etwa ein “Trick”, um der Abschiebung zu entgehen. Wenn ein Anwalt nach Unregelmäßigkeiten während der Polizei-Verhöre Freispruch für seinen Mandanten fordert, nennt die Zeitung diesen Vorgang “unfassbar”.

Auch braucht es in der Regel mehrere Gerichtsurteile, bis “Bild” zähneknirschend und unter “Aber die Pressefreiheit!”-Gemurmel darauf verzichtet, aktuelle Fotos von freigelassenen Ex-Terroristen zu zeigen.

Was also ist es für “Bild”, wenn einer der Münchener “U-Bahn-Schläger” vor dem Landgericht Hamburg erwirkt, dass die Zeitung sein Foto nicht mehr unverfremdet zeigen darf?

Na sicher:

Skandal um U-Bahn-Schläger

“Bild” ereifert sich aber nicht selbst, sondern überlässt die Empörung jemandem, bei dem sie jeder noch so skeptische Leser nachvollziehen kann: dem Opfer.

Prügelopfer entsetzt über Gerichtsurteil

Spiridons Opfer Bruno N. (76): “Ich kann das nicht verstehen. Die wollten mich totschlagen. Bei so einer Tat gibt es keinen Anspruch auf Privatsphäre. BILD hat die Leser aufgeklärt, indem Fotos der Täter veröffentlicht wurden.”

Quasi über Bande kann die “Bild”-Redaktion so deutlich machen, was sie von dem Urteil hält, ohne sich selbst zu Wort zu melden.

Na ja, fast:

Gegen das Foto-Urteil wird BILD Berufung einlegen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

“Bild” im Abwrackwahn

Die Rechnung mit der Abwrackprämie ist im Grunde ganz einfach: Jeder, der seit mindestens einem Jahr Halter eines mindestens neun Jahre alten Autos ist, bekommt, wenn er es verschrotten lässt und sich einen Neu- oder Jahreswagen kauft, einen Zuschuss von 2.500 Euro (erstaunlicherweise können laut “Bild” offenbar auch neun Jahre alte Autos noch “fast neu” sein). Da die Bundesregierung dafür insgesamt 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt hat, reicht das also für 600.000 Fahrzeuge.

Laut dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) sind bis heute, 16. März 2009, “bereits 246.853 Anträge auf Gewährung der Umweltprämie eingegangen”:

Bei der Berechnungsgrundlage von 600.000 möglichen Anträgen können noch 353.147 Anträge gestellt werden.

Vergangenen Freitag schrieb “Bild”:

"Abwrackprämie nur noch für 147.000 Autos"

“Bild” hat diese Zahl vom Kfz-Händlerverband ZDK, laut dem bis vergangenen Donnerstag “rund 453.000 Neu- und Jahreswagen mit Prämie (2500 Euro) verkauft” worden seien. Das ist durchaus möglich, da es sicherlich einige Zeit dauert, bis alle Anträge beim BAFA eingehen.

Am Samstag aber berichtete “Bild”:

"Ansturm auf die Autohäuser: Abwrackprämie heute ausverkauft?"

Das scheint weniger eine Überschrift zu sein, als eine Text-Aufgabe, deren Beantwortung selbst Leuten mit rudimentären Mathe-Kenntnissen leicht fallen dürfte. Denn der ZDK rechnete laut “Bild” damit, dass am Samstag “noch mal 30.000 Autos mit Abwrackprämie abgesetzt werden.” Das machte dann also 483.000 Autos, wenn man die ZDK-Zahlen vom Freitag zugrunde legt, und die Prämie würde noch für rund 117.000 Fahrzeuge reichen. “Bild” löst die Aufgabe im Text denn auch richtig, aber nicht sehr präzise:

Damit dürften bis heute Abend rund 500 000 Autos mit Prämie verkauft worden sein. Das Geld (1,5 Milliarden Euro) reicht für insgesamt 600 000 Fahrzeuge, ist in Kürze aufgezehrt.

Und während “Bild” es sich offenbar zum Ziel gesetzt hat, die Leute scharenweise in die Autohäuser zu treiben, indem sie einen so nicht vorhandenen Zeitdruck suggeriert (vergangenen Donnerstag hieß es in “Bild” noch: “Abwrackprämie reicht nur noch für vier Wochen”), berichtet beispielsweise die “Welt” heute schon über das “Risiko Abwrackprämie”:

Das Staatsgeld verführt manche auch bei leerer Haushaltskasse zum Autokauf

(…) Verbraucherzentralen warnen bereits, dass die Abwrackprämie Menschen verlockt, sich ein neues Auto zu kaufen, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten könnten. “Die Kunden fühlen sich wie im Schnäppchenmarkt, und die Autohändler nutzen diese Situation aus”, sagt Leif Rättig von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein.

Es sieht nicht so aus, als ob die “Bild”-Zeitung sich die Aufgabe gesetzt hat, dem entgegen zu wirken.

Mit Dank an Rainer S., Georg G., Heiko T., Melvin B., Björn K., Philipp W.

Dieter Althaus in der “Bild”-Reha

Ob die “Bild”-Zeitung positiv über jemanden berichtet, ist unter Chefredakteur Kai Diekmann nicht unbedingt eine Frage der Ideologie. Viel entscheidender ist es, ob jemand bereit ist, mit “Bild” zu kooperieren. Das wichtigste Prinzip ist das des Geben und Nehmens.

Wie das funktioniert, lässt sich sehr plastisch am Fall des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus zeigen. Althaus gibt der “Bild”-Zeitung exklusive Informationen. Dafür gibt “Bild” ihm die Berichterstattung, die er sich wünscht.

  • Schon im vergangenen Sommer nutzte Althaus die “Bild”-Zeitung, um Gerüchte zu dementieren, er habe ein Kind mit seiner Sekretärin. “Bild” nannte diese Gerüchte prompt eine “BABY-LÜGE”.
  • Im Februar veröffentlichte “Bild” das erste Foto von Althaus nach dem Unfall. Es zeigt ihn beim Spaziergang in Konstanz, in der Nähe seiner Reha-Klinik. “Bild” druckte es unter der Überschrift: “Es geht ihm endlich wieder besser!”
  • Bei der Beerdigung seines Vaters wurde Althaus von Polizisten und Sicherheitsleuten mit Regenschirmen abgeschirmt; Fotos und Fernsehaufnahmen waren nicht erlaubt. Für den Fotografen der “Bild”-Zeitung scheint Althaus dann aber noch einmal am Grab posiert zu haben, so dass sie ein Exklusiv-Foto präsentieren konnte. Wie zum Dank machte die Zeitung eine Kehrtwendung und beschrieb sein Auftreten bei der Beerdigung nun nicht mehr als “geschwächt”, sondern stark — ganz wie der designierte Spitzenkandidat und seine Partei es wünschten (wir berichteten).
  • Auch über die Verurteilung Althaus’ zu einer Geldstrafe berichtete “Bild” ganz in seinem Sinne (wir berichteten).

Vorgestern nun nominierte die CDU Althaus zu ihrem Spitzenkandidaten — in Abwesenheit. Der Kandidat war offensichtlich noch nicht fit genug, um vorbeizuschauen, er schickte nicht einmal eine Videobotschaft. Die Aufgabe, alle Zweifel auszuräumen, ob sein Gesundheitszustand gut genug ist, übernahm — “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann höchstpersönlich.

“Exklusiv” und “als erster Journalist” traf er “jetzt” den Ministerpräsidenten “in der Reha-Klinik” und berichtet darüber in größter Aufmachung in der gestrigen “Bild am Sonntag” und der heutigen “Bild”:

Daran, wie es Althaus geht, lässt Diekmann nicht den Hauch eines Zweifels:

Gedanken, Erwartungen: Wie wird er wohl aussehen? Gebrechlich? Vielleicht sogar gebrochen? Stützen ihn seine Leibwächter vom Landeskriminalamt? Muss er nach Worten ringen? Verliert er im Gespräch immer wieder den Faden? NICHTS VON ALLEDEM. Es ist kurz nach 13 Uhr, als der Ministerpräsident Dieter Althaus vor dem Hotel aus einem schwarzen Suzuki-Geländewagen steigt. Aus eigener Kraft, ohne fremde Hilfe. Er trägt eine schwarze Hose, einen schwarzen Pullover, dazu ein weißes Hemd mit dunkelrot gestreifter Krawatte. Mit schnellen Schritten durchquert er den Kreuzgang des uralten Hauses, sein Händedruck ist kräftig. Ein wenig schmaler ist er geworden, seine Augen schauen hell und wach, als hätte es den Albtraum auf der Riesner-alm nie gegeben. Ein älteres Ehepaar schaut verblüfft herüber, sie flüstert: "Ist das nicht der Althaus, der mit dem Unfall?"

Heute in “Bild” muss man sogar nur die Bildtexte lesen, um die entscheidende Botschaft des Interviews zu erfahren (die Botschaft, die mit der identisch ist, die Althaus und seine Partei den zweifelnden Wählern, Parteimitgliedern und Kommentatoren vermitteln wollen):

So funktioniert “Bild”: “Bild” hat eine große Exklusiv-Geschichte, Althaus hat eine Berichterstattung in seinem Sinne, und alle sind glücklich. (Außer vielleicht diejenigen, die eine unabhängige, wahrheitsgemäße Berichterstattung erwarten.)

Wohlgemerkt: Es kann durchaus sein, dass Althaus wirklich wieder stark und gesund ist und einen kräftigen Händedruck und helle, wache Augen hat. Nur ist “Bild” dafür keine verlässliche Quelle.

Mit Dank an Falk H.

Die Amok-Opfer der “Bild am Sonntag”

Aus einem Internetforum:

Mein geschäft ist genau neben dem Geschäft von Herr K        , was meinst du wie viele Reporter zu mir kommen und mich belagerten und fragen gestellt haben. Am Samstag war es so gar so das die Bild am Sonntag für ein Bild von Herr K         mir 1500 € geboten und wenn die ganze Familie drauf sein sollte würde er sagar 4500 € zahlen, das meinte ich damit !!! Ich bekomm da ein hass !

Wir haben diese Behauptung sorgfältigst nicht überprüft. Wir können nicht sagen, ob sie stimmt. Unwahrscheinlich ist es nicht.

In der heutigen Ausgabe der “Bild am Sontag” findet sich kein Foto von Herrn K., dem Vater des Attentäters von Winnenden, sondern nur ein Foto, mit dem Tim K. sich für die kaufmännische Privatschule bewarb, ein Foto, das seine zugedeckte Leiche auf dem Parkplatz zeigt, ein Foto von ihm als Zweijähriger (“ein unschuldiges Lächeln”), ein Foto von Tim K. mit seiner Großmutter (“Der Amokläufer liebte ihre handgeriebenen Spätzle”), ein Foto vom Haus seiner Familie, ein Foto von ihrem Türschild und ein Foto, das angeblich den Teich im Garten zeigt (“Vater […] und Sohn Tim waren leidenschaftliche Sammler von Koi-Karpfen”).

Die “Bild am Sonntag” hat sich zudem entschieden, ihre Anteilnahme mit den Todesopfern dadurch auszudrücken, dass sie alle, von denen sie Fotos auftreiben konnte, und das sind 14 von 15, auf der Titelseite groß herausbringt:


(Unkenntlichmachung von uns.)

Auf fünf Seiten im Inneren zeigt sie noch einmal Fotos und erzählt Details aus dem Leben von jedem einzelnen der meist jungen Mädchen.

“Witwenschütteln” nennt man in der Branche die übliche Recherchemethode für solche Geschichten. Besonders groß scheint die Bereitschaft vieler Angehöriger und Freunde, der “Bild am Sonntag” den Stoff zu liefern, allerdings nicht gewesen zu sein. Einige der Artikel sind offenkundig mühsam aus dem zusammengestrickt, was die Internetseiten der Opfer zum Beispiel über ihre Hobbys verrieten. In den sozialen Netzwerken wie Kwick hat sich “Bild am Sonntag” auch bedient, um Fotos der Opfer zu bekommen.

Und über eines der getötetes Mädchen schreibt die “Bild am Sonntag”:

[…] hatte an die Haustür des Mehrfamilienhauses in […] einen Zettel geklebt, auf dem sie sich bei den Nachbarn entschuldigte, sollte die Party lauter werden. Unter den Gästen: bestimmt auch ihre beste Freundin, mit der sie oft zu Hip-Hop-Musik auf der Straße tanzte. Sie stellte ein Foto von […] am Ort des Schreckens auf. “Abf 4 ever” steht darauf — “Allerbeste Freunde für immer”. Es zeigt die beiden Mädchen in inniger Umarmung.

Auf dem Foto, das die “Bild am Sonntag” von dem Opfer zeigt, ist nur ihr Kopf zu sehen. Aber man kann noch erkennen: Es zeigt sie in inniger Umarmung mit einem anderen Mädchen. Auf dem Fotopapier scheinen Regentropfen zu liegen. Es ist leicht zu erraten, wie die “Bild am Sonntag” wohl an dieses Foto gekommen ist.

Mit Dank an Andreas S.!

Die kranke Welt der “Bild”-Zeitung (2)

Am Freitag zeigte “Bild” in gewaltiger Größe ein aus dem Internet stammendes Foto eines zehnjährigen Jungen und behauptete fälschlicherweise, es handele sich um den Amokläufer von Winnenden, Tim K. (wir berichteten).

Gestern veröffentlichte “Bild” neben Fotos von Tim K. als Tischtennisspieler, als Konfirmand und als Zweijähriger folgenden Text:

Der Amoklauf von Winnenden. Fotoverwechslung! Bei der Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden ist es in unserer gestrigen Ausgabe zu einem bedauerlichen Fehler gekommen. Zu einem Artikel auf Seite 2 zeigten wir das Foto eines zehnjährigen Jungen mit einem Luftgewehr und schrieben: "Das Auge am Visier, den Finger am Abzug: Früh lernte Amokläufer Tim K. den Umgang mit Waffen. Das Foto zeigt ihn als Zehnjährigen beim Schießen mit einem Luftgewehr." Das ist falsch! Der Junge auf dem Foto ist nicht Amokläufer Tim K. als Kind, mit dem Drama von Winnenden hat er nichts zu tun. BILD bittet den Jungen und seine Eltern um Entschuldigung. Dass diese Verwechslung trotz sorgfältigster Prüfung geschehen ist, bedauert niemand mehr als wir selbst. Die BILD-Redaktion

Nachtrag, 16.3.2009: Wie die “Stuttgarter Nachrichten” berichten, wurde wegen der Foto-Veröffentlichung inzwischen eine Einstweilige Verfügung gegen die “Bild”-Zeitung erwirkt. Außerdem soll “Bild” dem Jungen “bereits Schadenersatz angeboten” haben.

Die kranke Welt der “Bild”-Zeitung

Vielleicht wäre es am besten, wenn die “Bild”-Zeitung zukünftig gar keine Fotos mehr veröffentlichen würde. Sie hat ja einen “BILD-Zeichner”. Der hat bekanntlich genügend Fantasie, um sich beispielsweise vorzustellen, wie der Amokläufer von Winnenden in einem Kampfanzug ausgesehen haben könnte, als er vorgestern 15 andere Menschen tötete (dabei trug er womöglich gar keinen Kampfanzug [siehe Kasten]).

Kampfanzug? Sweatshirt?

Eine Augenzeugin heute in “Bild” über den Amokläufer:
"Schwarze Hose, dunkelgraues Sweatshirt und die Waffe in der Hand"
Etwas weiter unten auf derselben “Bild”-Seite:
"BILD-Zeichnung des Amokläufers. Tim K. trug einen schwarzen Kampfanzug"

Und sicher hätte der “BILD-Zeichner” auch kein Problem damit, sich vorzustellen, wie der Amokläufer Tim K. im Alter von zehn Jahren ausgesehen hätte, während er an einem Schießstand mit einem Luftgewehr zielte. Er hätte eine große Zeichnung davon machen können, und “Bild” hätte dazu schreiben können:

So sieht es der BILD-Zeichner: Da war er erst 10! Das Auge am Visier, den Finger am Abzug. Früh lernte Amokläufer Tim K. den Umgang mit Waffen. Die Zeichnung zeigt ihn als Zehnjährigen beim Schießen mit einem Luftgewehr

Doch “Bild” beschäftigt schließlich eine Menge Leute, die quasi darauf spezialisiert sind, Fotos zu beschaffen – auf welchen Wegen auch immer. Und manchmal, so wie heute, schreibt “Bild” inzwischen sogar “Fotobeschaffung” in den Quellennachweis.

“Fotobeschaffung” heißt hier offenbar (wie so oft), dass “Bild” sich ein Foto eines jungen Luftgewehrschützen aus dem Internet besorgt hat, ohne den Rechteinhaber um Erlaubnis zu fragen.

Das Ergebnis dieser “Fotobeschaffung” kann man heute groß auf Seite 2 als Blickfang unter der Überschrift “Die kranke Welt des Killers” sehen (Unkenntlichmachung von uns):

"Die kranke Welt des Killers"

Der Text beginnt mit den Worten:

"Wir sehen einen Jungen, zehn Jahre alt, konzentriert zielt er mit seinem Luftgewehr. Der Junge auf dem Foto ist Amokläufer Tim K., aufgenommen vor sieben Jahren – als noch nicht das Böse in ihm wohnte."

Doch das Foto zeigt nicht den Amokläufer Tim K. Es zeigt einen ganz anderen, völlig unbeteiligten Jungen aus einem von Winnenden rund 80 Kilometer entfernten Schützenverein, wie man uns dort bestätigt.

Mit Dank an Mario S.

“Bild” und die lange Leitung der ARD

Die ausufernde Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden nimmt die “Bild”-Redaktion nicht so sehr in Beschlag, dass sie sich nicht noch um einen ihrer Lieblingsgegner kümmern könnte, die ARD. Heute erklärt “Bild” sie wieder einmal zum “Verlierer” des Tages:

Natürlich haben nicht “alle Privatsender” live über den Amoklauf berichtet. Genau genommen hat sogar kein privates Vollprogramm sein Programm geändert. Sender wie RTL 2 oder Kabel 1 berichteten erstmals am Nachmittag oder Abend in ihren regulären Nachrichtensendungenen über die Vorfälle.

Und was die “lange Leitung” angeht:

Um 11:04 Uhr unterbrach die ARD (wie auch “Bild” schreibt) ihr reguläres Programm für ein dreiminütiges “Tagesschau-Extra”. Weitere Extra-Ausgaben der “Tagesschau” liefen um 12:00 Uhr (Länge: 17 Minuten), 12:50 Uhr (3 Minuten) und 13:44 Uhr (25 Minuten).

Das ZDF sendete um 11:12 Uhr ein zweiminütiges “heute Spezial” und berichtete ab 12:00 Uhr mehrmals in seinen regulären Sendungen “heute Mittag”, “Drehscheibe Deutschland” und “ZDF-Mittagsmagazin”.

RTL begann mit der Berichterstattung in seiner Sendung “Punkt 12” um 11:56 Uhr. Pro Sieben zeigte um 12:24 Uhr Kurznachrichten, Sat.1 um 12:58 Uhr eine dreiminütige Sondersendung.

Aber tatsächlich übertrug die ARD zwischen 12:17 Uhr und 13:41 Uhr (unterbrochen durch ein kurzes “Tagesschau”-Extra) den Ski-Weltcup und hatte vermutlich das Pech, das gerade in dieser Zeit ein “Bild”-Redakteur vorbeizappte.

Wie “Bild” den Amoklauf in Szene setzt

Die “Süddeutsche Zeitung” hat die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg gefragt, wie hoch die Nachahmungseffekte bei Amokläufern sind, und sie hat geantwortet:

Sehr hoch. Auch wegen der Medien, die das Gesicht des Täters, seine Waffen, seine schwarze Kleidung zeigen und ein mystisches Bild von ihm zeichnen. Das wirkt wie ein Vorbild. Bei Selbstmorden sind die Medien sehr zurückhaltend, um nicht Nachahmer zu provozieren. Bei Amokläufen gilt leider das Gegenteil. Ab jetzt besteht die große Gefahr, dass wir es in den nächsten Wochen oder Monaten mit einem Nachahmungstäter zu tun bekommen.

Dieser Gedanke kommt oft zu kurz in den Medien: dass nicht nur Killerspiele möglicherweise eine gefährliche Wirkung auf labile Jugendliche haben können, sondern auch ihre eigene Berichterstattung. Das betrifft nicht nur “Bild”, sondern fast alle Medien. Aber wenn es vor allem wichtig ist, die Täter nicht in einer Heldenpose zu zeigen, hatte “Bild” eine besonders schlechte Idee. Die Zeitung zeigt Tim K., den Amokläufer von Winnenden, in einer Pose, die ihm selbst bestimmt am besten Gefallen hätte. Sie hat sein Gesicht auf das Foto eines Mannes in schwarzer Kampfuniform montiert, die Waffe drohend in Richtung Kamera gerichtet. Das Heldenfoto hat Postergröße, ist fast einen halben Meter hoch:


(Rote Unkenntlichmachung von uns.)

Zusätzlich hat sich der “Bild”-Zeichner ausgemalt, wie das wohl ausgesehen hat in dem Klassenzimmer zwischen Tafel und Overheadprojektor, als Tim K. in seiner schwarzen Rächeruniform gerade ein Mädchen erschoss.

Anders als die “Süddeutsche Zeitung” heute (und Bild.de gestern) nennt “Bild” nicht den Nachnamen des Täters. Und anders als die “Berliner Zeitung” gibt “Bild” auch nicht die exakte Anschrift des Hauses an, in dem seine Familie lebt.

Dafür hat Bild.de ein kleines Familienalbum des siebzehnjährigen Täters im Angebot — nicht weniger als sieben private Fotos, die ihn als kleines Kind und als Jugendlicher zeigen und die vor allem bei Tischtennisturnieren entstanden sind.

Aber die “Bild”-Zeitung hält nicht nur den Täter für eine Person der Zeitgeschichte, sondern identifiziert auch einige seiner Opfer. Sie zeigt vier getötete Mädchen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, ein Gesicht fast lebensgroß, mit Fotos, die offensichtlich von SchülerVZ und ähnlichen Internetseiten entnommen wurden.


(Rote Unkenntlichmachung von uns.)

Im Pressekodex heißt es:

Opfer von Unglücksfällen oder von Straftaten haben Anspruch auf besonderen Schutz ihres Namens. Für das Verständnis des Unfallgeschehens bzw. des Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Ausnahmen können bei Personen der Zeitgeschichte oder bei besonderen Begleitumständen gerechtfertigt sein.

Nachtrag, 13. März. Eines der vier angeblich toten Mädchen, die “Bild” gestern gezeigt hat, lebt. “Bild” schreibt heute:

Sie wurde zunächst selbst als tot gemeldet – doch Selina lebt! In BILD schildert sie die schlimmsten Minuten ihres Lebens – und den Tod ihrer Schulfreundinnen Chantal und Jana.

Blättern:  1 ... 98 99 100 ... 1084