Franz Josef Wagner schreibt heute an die “WM-Schiedsrichter” und beschwert sich, ups, Verzeihung, beschwert sich, dass die zu viele gelbe und rote Karten zeigen. Dabei stellt er fest:
Wir operieren inzwischen in den Gehirnen und Zellen der Menschen, Flugkörper fliegen außerhalb unserer Galaxie.
Und wenn Wagner hier nicht außerirdische Flugkörper meint, dann ist das natürlich Unsinn. Der am weitesten von der Erde entfernte von Menschen gebaute Flugkörper ist nämlich die Sonde “Voyager 1”. Sie durchfliegt gerade die Grenze unseres Sonnensystems in rund 14 Milliarden Kilometern Entfernung. Das ist ganz schön weit weg. Um aber unsere Galaxie, also die Milchstraße, auf dem kürzesten Weg zu verlassen, müsste “Voyager 1” noch mal rund 1000Lichtjahre, bzw. 9,5 Billiarden Kilometer zurücklegen – wenn sie die richtige Richtung eingeschlagen hat.
Mit Dank an Roland W. und Klemens K. für den Hinweis.
“Schlägereien auf dem Schulhof, Handyklingeln im Unterricht, Klappmesser in der Hosentasche – an vielen Schulen ist das Alltag. Die Gesamtschule Badenstedt (Niedersachsen) macht Schluß damit!”
Nur haben wir nicht den blassesten Schimmer, wie “Bild” darauf kommt, dass es an der “Gesamtschule Badenstedt” den “1. Friedensvertrag in deutscher Schule” gebe — mit strengen “Friedensregeln” wie “züchtige Kleidung”, “keine elektronischen Geräte” oder “Fotografier- und Filmverbot” und “harten Strafen”, denn…
… so ziemlich alles, was “Bild” da als “1. Friedensvertrag in deutscher Schule” auflistet, ist in Schulverträgen, Schulordnungen und/oder Hausordnungen vieler,vieler,vielervielerandererdeutscherSchulen schon seit Jahren Gang und Gäbe. Und am Schulzentrum Badenstedt hat man sich unlängst bloß entschieden, die eigene Schulordnung entsprechend zu erweitern und zu aktualisieren, wie uns Thomas Fitzner als einer der Schulleiter sagt.
Und so sind offenbar auch die angeblichen “Friedensregeln” aus dem angeblichen “Friedensvertrag” nichts weiter als ein bunter “Bild”-Mix von z.T. bereits seit 2002geltenden Regelungen und der nun aktualisierten Schulordnung.
Und weil sich an Fitzners Schulzentrum partout kein “Friedensvertrag” finden lässt, ist das Stück Papier, das der Schulleiter für “Bild” so schön in die Kamera hält (O-Ton: “Thomas Fitzner, Leiter der Hauptschule, zeigt den Vertrag”), laut Fitzner auch nichts weiter als der ohnehin schon länger gültige und eher unspektakuläre “Schulvertrag”.
Anders als der Big Mac — und anders als Bild.de den Bild.de-Lesern erzählt — kommt das “US-amerikanische Wirtschaftsmagazin ‘The Economist’” bekanntlich nicht aus den USA, sondern seit über 160 Jahren aus Großbritannien.
Mit Dank an Tilman K. für den Hinweis.
Nachtrag, 26.6.2006, 9.30 Uhr: Guten Morgen. Bild.de hat den Fehler korrigiert.
Wir müssen noch mal kurz auf diese merkwürdige In-&-Out-Geschichte zurückkommen.
Dass “Bild” plötzlich dringend vor dem Nichtstun warnte und zum Lesen aufforderte, ist nämlich nicht mehr ganz so abwegig, wenn man weiß, von wem das empfohlene Buch stammt. Die Herausgeberin heißt Ulla Bohn, und bis vor einem Jahr stand sie noch im Impressum der “Bild”-Zeitung: als Kulturchefin.
Richtig ist, dass Norbert Röttgen in der Kritik steht, weil er vom kommenden Jahr an sowohl Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) als auch Bundestagsabgeordneter für die CDU sein will.
Unwahrscheinlich ist aber, dass er nun auch noch SPD-Mann wird.
Nachtrag, 9.00 Uhr. Ah, nun heißt es bei Bild.de: “SPD über Röttgen”.
Die WM wird sehr viele Völker zusammen führen, denn es geht nicht nur um Kommerz, sondern auch darum, dass sich die Menschen annähern und besser kennen lernen.
Na, das ist mal ein schöner Gedanke. Der ecuadorianische Schamane Tzamarenda Naychapi hat ihn formuliert. In allen zwölf Stadien der Fußball-WM hat er eine Friedens- und Reinigungszeremonie vollzogen. Nach eigenen Worten, “um die gute Energie der Natur hierher zu bringen”.
Auf Einladung seines Landes besuchte er Deutschland, um uns seine Kultur näher zu bringen.
Auch ein schöner Gedanke. Aber damit das funktioniert, muss der Schamane natürlich auf Menschen treffen, die sich so eine fremde Kultur näherbringen lassen wollen. Bei “Bild” hat er sie nicht gefunden.
Es liegt nicht daran, dass “Bild” — was für eine vermeintlich christliche Zeitung eigentlich nahe läge — an den Zauber von Amuletten und Reinigungstänzen an sich nicht glaubte. Im Gegenteil: “Bild” pflegt einen ganz eigenen Okkultismus, einen Aberglauben an FlücheundVerwünschungen.
“Bild” glaubt, dass die Rituale des Schamanen wirken. Was “Bild” nicht glauben kann, ist, dass er es gut meinen könnte.
Wie abwegig, dass “Bild” sich von einem Fremden dessen Kultur “näher bringen lassen” könnte! Der Schamane sagt, sein Zauber sei nicht patriotisch: Er verbreite positive Energie, die für alle Mannschaften gelte. “Bild” dagegen behauptet einen direkten Zusammenhang zwischen den Ritualen und den erfolgreichen ersten Spielen Ecuadors und schreibt:
Unser letzter Gruppengegner Ecuador greift zu faulen Tricks, um erfolgreich zu sein. (…) Ein Schamane gegen Klinsi!
Die “Bild”-Zeitung hat einen “Hexer und Voodoo-Experten” aus Bremen als “Gegenzauberer” “gefunden”. Der erklärte, der Zauber des Schamanen (“ein raffinierter Bursche”) sei böse, er habe ihn aber “neutralisiert” und gleich mal bei der Gelegenheit die Beine der Gegner schwerer gemacht, damit die Deutschen gewinnen.
Nett. Da bringt die “Bild”-Zeitung den “Freunden”, die da zu Gast bei uns sind, gleich mal unsere ihre Kultur nahe.
Danke an Andreas G., Markus L., Joern H. und Tobias M.!
Eine geile Geschichte hat Bild.de da aufgetan. 250 japanische Pärchen hatten in einer Lagerhalle Sex miteinander, übten in Reih und Glied diverse Praktiken synchron aus. Und weil alles gefilmt wurde, kann Bild.de schöne Fotos davon zeigen.
Bild.de schreibt:
Äh, nein. Keine Kunst. Ein Porno.
Nein, keine neue Kunst-Sparte. Eine neue Porno-Sparte.
Nicht im Namen der Kunst. Im Namen der Pornographie!
Hä? Porno.
WEIL ES SICH UM EINEN POR-NO-FILM HANDELT! Mit dem Titel “500 Person Sex”. Produziert von der Firma “Soft On Demand”. Angekündigt mit den Worten: “Imagine going into a large room and see 500 people giving oral sex and screwing their brains out.” Kostenpflichtig im Netz herunterzuladen.
Über jedes Bild in der Galerie hat Bild.de den Satz geschrieben:
Soll er gar nicht. Er soll sich nur gut verkaufen. Darauf hätte auch Bild.de kommen können, denn auf einem der abgebildeten Fotos steht sogar noch der Name des Internet-Sex-Anbieters, von dem die Porno-Promo-Bilder stammen.
— Und wenn jetzt vielleicht jemand mal die Klimaanlage in den Bild.de-Büros reparieren könnte? Danke.
Vielen Dank auch an cocolo für den Hinweis.
Nachtrag, 21.17 Uhr. Na sowas: Bei Bild.de ist der Artikel spurlos verschwunden.
Nachtrag, 19.7.2006(mit Dank an Tamino G. für den Hinweis): Sooo “spurlos” hat Bild.de ihn offenbar doch nicht verschwinden lassen…
…fragte die sächsische Ausgabe der “Bild”-Zeitung gestern. Ja, lautet die klare Antwort (übrigens z.B. auch zu Weihnachten und zum Frühjahrsputz, aber das steht so nicht in “Bild”). Und doch bleiben Fragen offen.
Etwa ob der Mann mit der Fahne nun Jens heißt oder Lars. Und ob er seinen Nachnamen lieber nur abgekürzt in der Zeitung gelesen hätte. Vor allem aber, wie es die Volkskammer der DDR geschafft hat, “schon” zehn Jahre nach ihrer Selbstauflösung die Entfernung der Flagge von allen öffentlichen Gebäuden anzuordnen:
Vielleicht ist “Bild” die berechenbarste Zeitung der Welt.
Der WDR-Fußballreporter Manfred Breuckmann kritisiert, dass jeder, der in diesen Tagen irgendetwas an der Fußball-WM kritisiert, sofort von der “Bild”-Zeitung “in die Pfanne gehauen wird”. Die “Bild”-Zeitung haut ihn daraufhin sofort in die Pfanne. Also, konkret: Entledigt seine Zitate ihres Zusammenhangs, unterstellt ihm ein “böses Foul” und macht ihn zum Verlierer des Tages:
Der WDR-Mann macht unsere schöne WM mies. 1. Die Stimmung in den Stadien sei nicht immer euphorisch. 2. Das Programm mit 32 Mannschaften sei zu aufgebläht. 3. Patriotischer Habitus komme für ihn nicht in Frage. BILD meint: Dann bleib doch zu Hause, Manni!
Nun ja: Breuckmann hatte in dem “taz”-Interview, auf das sich “Bild” bezieht, “diese phantastische Stimmung in den Stadien” gelobt, aber beim Eröffnungsspiel sei es “relativ ruhig auf den Rängen” gewesen — der Reporter führt das auch darauf zurück, dass zu wenige Tickets frei verkauft wurden. Und über das, was “Bild” den “patriotischen Habitus” nennt, hatte Breuckmann gesagt:
Ich glaube auch, dass man eine Fußballmannschaft unterstützen kann, ohne die Hand aufs Herz zu legen. Das ist nicht meine Welt. Solange aber kein aggressiver Nationalismus draus wird, ist die Sache in Ordnung. (…)
Patriotismus wird damit verbandelt, dass man alles kritiklos hinnehmen muss. Wer keine positive Einstellung hat, wird ausgegrenzt.
Was “Bild” also prompt tat. Die Erklärung zum “Verlierer des Tages” nimmt Breuckmann nun als “Adelung”: “Ich fühle mich geehrt.”
Durch die Ausgrenzung aller, die sich nicht in den schwarz-rot-goldenen Taumel einreihen wollen, verliere die patriotische Stimmung etwas von ihrem “unaggressiven Charakter”, hatte Breuckmann gesagt. Das lässt sich ganz gut an der “Bild”-Zeitung ablesen.
“Die Sonne geht auf. Die Schatten sind weg. (…)
Ja zu Deutschland-Fahnen am Auto!
Ja zu deutschem Bier!
Ja zur deutschen Hymne! (…)
Ja zur deutschen Frau, die lächelnd zuschaut!
Danach wurde deutlich, dass das weniger Tatsachen-Beschreibungen als Forderungen waren. “Bild” verlangte fast täglich das Mitsingen der Nationalhymne. Michael Ballack wurde gerüffelt, weil er in seiner Freizeit ein Italien-Shirt trug (“Bild”: “Was soll das?”). Wegen vermeintlicher Patriotismus-Defizite und Miesmacherei rügte “Bild” außerdem u.a.: die Lehrer-Gewerkschaft GEW, die die zwiespältige Geschichte des Deutschlandliedes thematisieren wollte (“Bild”: “selbsternannte Volkserzieher wollen uns die WM-Laune verderben”), die Politiker Hans-Christian Ströbele und Heiner Geißler, die das Fahnengeschwenke nicht so gut fanden, sowie den Kabarettist Dieter Hildebrandt, der dagegen war, vor Fußballspielen Hymnen zu singen (“Bild”: “notorische Miesmacher … immer was zu meckern … griesgrämiges Deutschlandbild”).