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“Bild” schürt Krebs-Angst

Die große Schlagzeile auf der heutigen “Bild”-Titelseite ist wohl gar nicht mal falsch. Wahrscheinlich beschreibt sie sogar ziemlich gut, was sie selbst auslöst:

"Krebs-Angst -- So stark strahlt ihr Handy"

“Bild” beruft sich auf eine jüngst veröffentlichte Studie, über deren Ergebnisse die “Süddeutsche Zeitung” bereits gestern auf der Titelseite unter der falschen Überschrift “Handys können Krebs auslösen” berichtet hatte. Ähnlich berichtet heute auch “Bild” und schreibt auf Seite 1:

Also doch — Handys können bei Viel-Telefonierern Gehirntumore auslösen!

Direkt im Anschluss nennt “Bild” diese zunächst so eindeutige Aussage zwar einen “Verdacht”, der sich aus der Studie ergebe, doch schon das ist übertrieben. Die Autoren der Studie selbst schreiben nämlich:

We found no evidence of increased risk of glioma related to regular mobile phone use.

(Wir haben keinen Beweis für ein erhöhtes Gliom-Risiko bezogen auf regelmäßigen Mobiltelefongebrauch gefunden.)

Und gegenüber der Nachrichtenagentur dpa fasste einer der Autoren der Studie ihre Grundaussage so zusammen:

“Insgesamt wurde keine (Risiko-)Erhöhung gefunden, aber die Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen (Handy-)Langzeitgebrauch und dem Tumorrisiko auf der Seite, wo das Telefon gehalten wird, rechtfertigt eine weitere Untersuchung.”

Der “Bild”-Text auf Seite 15 zum Thema wird diesem Ergebnis (anders als die Aufmachung und der Text auf der Titelseite) sogar einigermaßen gerecht.

Völlig ungerechtfertigt ist allerdings die alarmierende und gleich drei Mal aufgestellte Behauptung von “Bild”, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) habe “sofort” eine “Sondersitzung” einberufen, “als die Ergebnisse der Studie gestern vorlagen”. Sie ist nämlich schlicht falsch. Zwar hat das BfS als Reaktion auf die irreführende Berichterstattung der “SZ” gestern eine Pressemitteilung herausgegeben (“Studie bestätigt Vorsorgegedanken des BfS”), zu der vermeintlich einberufenen Sondersitzung sagt man uns jedoch beim BfS:

Das ist falsch. Wir haben keine Sondersitzung einberufen.

 
P.S.: Der “Bild”-Kommentar beschäftigt sich heute übrigens auch mit dem Thema und fordert “Aufklärung statt Panikmache”. Aber dabei muss es sich wohl um eine Einzelmeinung innerhalb der “Bild”-Redaktion handeln — oder die Berichterstattung in derselben Ausgabe gilt bei “Bild” als “Aufklärung”.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Wie “Bild” aus einem Irrtum Irrsinn macht

Wir stellen uns das etwa so vor: Neulich bekam Katja S. (29) aus Leipzig ein Schreiben vom Leipziger Amt für Bauordnung und Denkmalpflege. Es ging darin um ein angeblich von ihr gebautes Haus, das aber gar nicht existierte. Ganz klar, es musste sich bei dem Schreiben um einen Irrtum handeln. Und die clevere Katja S. dachte sich, der Irrtum müsse sich doch rasch aufklären lassen…

…und wendete sich an die “Bild”-Zeitung.

Und die “Bild”-Zeitung tat, was sie in solchen Fällen zu tun pflegt: ließ sich von Katja S. das Behörden-Schreiben geben, schickte eine Fotografin los, die Katja S. vor dem unbebauten Grundstück fotografierte und machte den Fall gestern öffentlich:

"Behörden-Irrsinn: Ich soll ein Haus abreißen, das es gar nicht gibt"

Die Überschrift ist falsch. Katja S. soll gar kein Haus abreißen, wie man dem Schreiben der Behörde entnehmen kann, das “Bild” abdruckt. Sie sollte lediglich statische Unterlagen nachreichen. Und tatsächlich ist auch im “Bild”-Text gar keine Rede davon, dass Katja S. irgendwas abreißen soll. Am Ende heißt es lediglich:

Einen “Schwarzbau” müsste sie abreißen — aber den sieht ja nur die Behörde.

Auch das ist falsch. Wie uns der Amtsleiter der Leipziger Bauaufsicht, Hans-Gerd Schirmer, sagt, wäre ein Abriss “unzumutbar” gewesen. Schlimmstenfalls hätte man eine “Nutzungsuntersagung” ausgesprochen. Aber es habe sich im Fall Katja S. ohnehin um das “Versehen eines Mitarbeiters” gehandelt. Nach dem “Bild”-Bericht habe sich die Bauaufsicht auch bei Katja S. für die Verwechslung entschuldigt. Früher ging das offenbar nicht. Denn, so Schirmer etwas irritiert:

Weder die Betroffene noch die “Bild”-Zeitung haben wegen des Schreibens bei uns nachgefragt.

Mit Dank an Dirk W. für den sachdienlichen Hinweis.

Wie “Bild” eine Vorverurteilung wieder gutmacht

Dass eine Überschrift “Das ist der Rotkohl-Killer. Er hat das Baby seiner Freundin zu Tode gefüttert” über dem unverfremdeten Foto eines nicht verurteilten Menschen eine unzulässige Vorverurteilung darstellt, findet sogar der Presserat. Er hat auf unseren Antrag hin daher eine “Missbilligung” ausgesprochen. Im Nachhinein hatte sich sogar der ganze Tathergang, den “Bild” am 14. Januar 2006 minutiös als Tatsache beschrieben hatte, als falsch herausgestellt.

Interessanter als der Beschluss des Beschwerdeausschusses (eine Missbilligung ist zwar Ausdruck eines “schwerwiegenden” Verstoßes gegen den Pressekodex, aber für die betroffene Zeitung folgenlos*) ist die Argumentation der Rechtsabteilung der Axel Springer AG in dieser Sache. Sie erklärte, das Verfahren sei “wegen Wiedergutmachung … für beendet zu erklären”. Die “Wiedergutmachung” habe darin bestanden, dass “Bild” am 3. November 2006 einen Artikel veröffentlichte, in dem es hieß:

“Das Kind starb wegen eines ausgesetzten Schluckreflexes aufgrund des Schüttelns — nicht wie BILD im Januar berichtet hatte, weil Markus V. es mit Rotkohl gefüttert hatte. BILD hatte Markus V. damit zu einem Zeitpunkt zum Täter gemacht, als das Gericht seine Schuld noch nicht festgestellt hatte.”

Das sind für “Bild” ungewöhnliche Formulierungen. Und anzunehmen, dass diese Offenheit etwas mit dem zu diesem Zeitpunkt bereits laufenden Presserats-Verfahren zu tun hat, ist natürlich reine Spekulation.

Tatsächlich scheint die vermeintliche “Wiedergutmachung” in einigen “Bild”-Ausgaben erschienen zu sein (z.B. in Hamburg). In der Regionalausgabe Berlin-Brandenburg aber haben wir sie weder am 3. noch am 4. November 2006 gefunden — obwohl auch hier zehn Monate zuvor der falsche und vorverurteilende, fast halbseitige Artikel veröffentlicht wurde. Auf unsere Frage, ob die “Wiedergutmachung” in Berlin-Brandenburg nicht erschienen sei, teilte uns “Bild”-Sprecher Tobias Fröhlich mit, da könne er uns “leider nicht weiterhelfen”.

Wie auch immer: Der Presserat sah in diesem “Versuch einer Korrekturmeldung” keine “Wiedergutmachung”.

*) Es besteht nach der Beschwerdeordnung des Presserates “zwar keine Pflicht, Missbilligungen in den betroffenen Publikationsorganen abzudrucken. Als Ausdruck fairer Berichterstattung empfiehlt der Beschwerdeausschuss jedoch eine solche redaktionelle Entscheidung”. Die “Bild”-Zeitung verzichtet in der Regel auf diesen Ausdruck fairer Berichterstattung.

Was “Bild” (nicht) am Fall Kurnaz interessiert

Bereits gestern hatte Rolf Kleine sich in “Bild” irreführend und tendenziös mit dem Fall Kurnaz/Steinmeier auseinandergesetzt (wir berichteten). Heute legt Kleine nach — auf noch irreführendere und noch tendenziösere Weise:
"
Eine befremdliche Frage (die online gar “Wie gefährlich ist er wirklich?” lautet), die in letzter Zeit recht wenig diskutiert wurde. Mit gutem Grund: Schon seit längerem ist nämlich klar, dass Kurnaz offenbar nie gefährlich war. Doch das ficht Kleine nicht an. Er schreibt:

Tatsache ist, noch 2005 waren sich deutsche Ermittlungsbehörden sicher: Kurnaz ist brandgefährlich!
(Hervorhebung von uns.)

Wie Kleine auf diese Idee kommt, wissen wir nicht. Belege für diese vermeintliche “Tatsache” liefert er keine. Stattdessen schreibt er im folgenden Satz:

In einem Vermerk des LKA Bremen vom Mai 2002 heißt es: Es “besteht Grund zu der Annahme, dass Kurnaz nach Pakistan gereist ist, um von dort aus an der Seite der Taliban in Afghanistan gegen die USA zu kämpfen.”
(Hervorhebung von uns.)

Weiter erzählt “Bild” von einem Freund von Kurnaz’, dem “das LKA ‘erkennbar hohe Gewaltbereitschaft'” bescheinigt habe. Von einem anderen Freund weiß “Bild” zu berichten, dass er für Kurnaz das Flugticket nach Pakistan bezahlt und angeblich Kontakte zu “den radikalen Taliban” habe. Außerdem habe der “Vorbeter der Bremer Abu-Bakr-Moschee” Kurnaz zum “militanten Islam bekehrt”.

Das sind alles weiß Gott keine Neuigkeiten. “Bild” beschreibt heute vielmehr die Ausgangslage, die die Bremer Staatsanwaltschaft dazu bewogen hatte, ab Oktober 2001 gegen Kurnaz und drei seiner Bekannten zu ermitteln. Der “Spiegel” (und danach die “taz”) hatte bereits im Januar 2002 im Wesentlichen über dieselben Verdachtsmomente berichtet, die “Bild” heute hervorkramt. Allerdings ließen sich zu keinem Zeitpunkt Belege für Kurnaz’ Schuld finden — woran auch die wenigen Details nichts ändern, die “Bild” heute dem längst Bekannten hinzufügt. Die Bremer Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen Kurnaz, das während seiner Inhaftierung geruht hatte, kurz nach dessen Rückkehr nach Deutschland im Oktober 2006 ein. Die Bundesanwaltschaft, die das Verfahren gegen Kurnaz Anfang 2002 auf Betreiben der Bremer Staatsanwaltschaft geprüft hatte, wollte schon im Februar 2002 nicht mal Ermittlungen aufnehmen, weil sie keinen Anfangsverdacht erkennen konnte. Und eine Amerikanische Bundesrichterin verwarf im Januar 2005 sämtliche Vorwürfe, die von amerikanischen Behörden gegen Kurnaz vorgebracht worden waren.

Und was tut “Bild”? “Bild” ignoriert all das, kramt uralte Indizien hervor (noch mal: von denen keine zu einer Erhärtung des Verdachts gegen Kurnaz führten), tut dabei so, als wären das Neuigkeiten (und hat damit auch noch teilweise Erfolg), um was zu erreichen? Um den Eindruck zu erwecken, es habe Kurnaz ganz Recht geschehen, viereinhalb Jahre lang ohne rechtsstaatliches Verfahren in Guantanamo inhaftiert und offenbar gefoltert worden zu sein?

Nachtrag, 25.1.2007: Die “Süddeutsche Zeitung” zeichnet in ihrer heutigen Ausgabe den Gang der Ermittlungen gegen Kurnaz nach und fasst das interessanterweise so zusammen: “Bis heute streuen Politiker Verdächtigungen gegen Murat Kurnaz, obwohl ihn die Justiz längst für unschuldig hält.”

Nachtrag, 26.1.2007: Nachdem Rolf Kleine also in den vergangenen Tagen wie beschrieben über den Fall Kurnaz/Steinmeier berichtet hatte, führt er heute ein recht ausführliches Interview mit Steinmeier.

Was “Bild” (nicht) am Fall Steinmeier interessiert

Man kann wahrlich nicht behaupten, “Bild” berichte übermäßig viel über die Vorwürfe gegen Frank-Walter Steinmeier, die nach Veröffentlichungen der “Süddeutschen Zeitung” vielen Medien in den vergangenen Tagen die ein oder andere Titelgeschichte Wert waren. Der Außenminister soll in seiner Rolle als Kanzleramtsminister dafür verantwortlich gewesen sein, dass die Entlassung des in Guantanamo inhaftierten Türken Murat Kurnaz über Jahre verzögert oder verhindert wurde. Bis heute bestand der ausführlichste “Bild”-Bericht über den Fall aus einer Meldung vom vergangenen Samstag. “Verhinderte Berlin Freilassung von Kurnaz?” hieß es dort auf Seite 2. Der Name des Außen- und ehemaligen Kanzleramtsministers kommt im Text nicht mal vor.

"Beck stützt Steinmeier"Am Montag fand “Bild” dann Platz für eine weitere kleine Meldung (siehe Ausriss), die besagt, dass der SPD-Vorsitzende Kurt Beck “das Verhalten von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) im Fall Kurnaz als ‘einwandfrei’ bezeichnet” habe. Das hatte Beck so direkt zwar nicht gesagt, aber er scheint sich immerhin sicher zu sein, dass Steinmeier, wenn er im eingesetzten Untersuchungsausschuss aussagt, klarstellen könne, “dass er auch in dieser Frage sich einwandfrei verhalten hat”.

Heute widmet “Bild” sich etwas ausführlicher dem Fall Kurnaz/Steinmeier:
"Warum ist eigentlich die deutsche Regierung für diesen Türken zuständig?"

Im Text heißt es:

Der Vorwurf lautet: Die rot-grüne Bundesregierung und ihr damaliger Kanzleramtsminister Steinmeier hätten verhindert, dass Kurnaz schon vor Jahren von den USA freigelassen wurde.

Mehr allerdings erfährt der “Bild”-Leser nicht von den Vorwürfen gegen Steinmeier, über die andere Medien (unter ihnen übrigens auch die “BamS”) so intensiv berichten und berichteten. Im Gegenteil, aber dazu gleich. Zunächst fragt “Bild” — gerade so, als hätte die Religion eines Menschen irgendeinen Einfluss darauf, ob sich die Bundesregierung für ihn einsetzen müsse oder nicht:

Was ging das Schicksal des türkischen Staatsbürgers und streng gläubigen Muslims die deutsche Bundesregierung überhaupt an?
(Hervorhebung von uns.)

Eine Antwort auf diese Frage indes bleibt “Bild” (anders als übrigens die “FAZ” auf ihrer heutigen Seite 2) schuldig und schreibt, dass Kurnaz zwar in Bremen geboren sei, aber “nie einen deutschen Pass” gehabt habe, dass er “drei Wochen nach den Terror-Anschlägen auf das World Trade Center” nach Pakistan gereist sei, um den “Islam zu studieren”, und dass er dort “im November 2001 unter Terrorverdacht gefangengenommen — und ins US-Hochsicherheitslager in Guantánamo/Kuba gebracht” worden sei. Dass kaum Zweifel an Kurnaz’ Unschuld bestehen können, und dass schon seit langem bekannt war, dass Gefangene in Guantanamo gefoltert wurden, erwähnt “Bild” hingegen nicht.

So richtig merkwürdig und vollends irreführend wird der “Bild”-Artikel allerdings erst danach. Plötzlich heißt es nämlich:

Warum bemühte sich die rot-grüne Bundesregierung seit Februar 2002 in Washington um die Freilassung des Bremer Türken?

Dabei geht es bei den aktuellen, schwerwiegenden Vorwürfen gegen Steinmeier doch genau darum, dass die Bundesregierung sich eben nicht um die Freilassung Kurnaz’ bemüht, sondern sie womöglich aktiv verhindert habe. Was “Bild” als Fakten darstellt, ist lediglich die Version der Bundesregierung(en). Die “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” schreibt heute beispielsweise:

Die Dokumente widersprechen zumindest auf den ersten Blick vollkommen der bisherigen Darstellung der Regierung, der zufolge sie, insbesondere aber das Auswärtige Amt, sich zwischen 2002 und 2005 unermüdlich aber leider vergeblich um eine Freilassung von Kurnaz bemüht habe.

Um das klarzustellen: Es geht uns nicht darum, dass “Bild” genau so vorverurteilend berichten soll, wie wir es leider von ihr gewohnt sind — sondern darum, dass sie leider genau so irreführend berichtet, wie wir es von ihr gewohnt sind.

Mit Dank an Jason M. für den sachdienlichen Hinweis.

“Bild”-Enttarnung enttarnt

“Bild” behauptete gestern:

"BILD enttarnt Z9"

Eigentlich aber zeigte “Bild” nur zwei (als “Fotomontagen” gekennzeichnete) Computerzeichnungen, die beispielsweise bei auto-motor-sport.de schon mindestens seit September 2006 zu begutachten sind — und (wenn uns nicht alles täuscht) damals auch schon bei Bild.de zu sehen waren.

PS: Bild.de behauptet derweil außerdem auf der Startseite, es handle sich dabei um “erste Bilder”, zeigt aber zumindest noch zwei Fotos eines getarnten (!) Z9-Erlkönigs, die kürzlich jedoch auch schon anderswo zu sehen waren.

Mit Dank an Albert G. für den Hinweis.

“Bild” und der “Aids-Afrikaner”

Nachdem es “Bild” im Fall des “unheimlichen Aids-Manns” heute sogar berichtenswert findet, dass einem rechtskräftig Verurteilten (ganz so, wie es das Gesetz vorsieht) die Untersuchungshaft auf seine Haftstrafe angerechnet wird…

… müssen wir wohl doch mal auf einen Halbsatz zu sprechen kommen, mit dem “Bild” und Bild.de frühere Berichte über den Fall garniert hatten. Der Fall an sich ist schlimm und verzwickt, aber unstrittig: Beim “unheimlichen Aids-Mann” handelt es sich um den HIV-positiven Kennedy O., den “Bild” auch schon mal den “Aids-Afrikaner” nannte. Obwohl bereits 1999 von einem Gesundheitsamt verpflichtet, seine Sexpartnerinnen über seine HIV-Infektion zu informieren, hatte O. offenbar “mindestens eine seiner Liebhaberinnen” angesteckt und wurde “wegen gefährlicher Körperverletzung und neunfacher versuchter gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt”.

Doch vor dem Urteil schrieb “Bild”:

Anwalt Hanjo Schrepfer kämpft dafür, dass O. nach drei Jahren und sechs Monaten wieder freikommt – und bis an sein Lebensende auf Krankenkassenkosten in Deutschland behandelt wird.
(Hervorhebung von uns.)

Und nach dem Urteil schrieb Bild.de:

Anwalt Hanjo Schrepfer hatte dafür gekämpft, dass O. nach drei Jahren und sechs Monaten wieder freikommt – und bis an sein Lebensende auf Krankenkassenkosten in Deutschland behandelt wird.
(Hervorhebung von uns.)

Ein merkwürdiger Halbsatz: Wäre es “Bild” lieber, wenn der HIV-positive Mann nicht bis an sein Lebensende behandelt würde? Nicht auf Krankenkassenkosten? Nicht in Deutschland? Merkwürdig ist der Halbsatz aber auch, weil Anwalt Schrepfer auf unsere Nachfrage hin bestreitet, dafür gekämpft zu haben, dass O. bis an sein Lebensende auf Krankenkassenkosten in Deutschland behandelt wird. Vielmehr handelt es sich bei der “Bild”-Formulierung offensichtlich um eine Umschreibung dafür, dass Schrepfer sich auch dafür einsetzt, dass sein Mandant, dessen medizinische Versorgung täglich 70 Euro koste, aus humanitären Gründen nicht in sein Heimatland Kenia abgeschoben wird.

Und so gesehen wäre es von “Bild” genau so sinnlosvoll gewesen, zu behaupten, die Staatsanwaltschaft hätte mit ihrem Antrag auf acht Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung dafür gekämpft, dass der Angeklagte jahrelang auf Staatskosten behandelt wird.

“Bild” verzählt sich bei Rechtsextremen (3)

Im vergangenen Frühjahr berichtete “Bild”, die Zahl der rechtsextremen Straftaten sei 2005 “offenbar zurückgegangen”. “Bild” nannte sogar konkrete Zahlen, die das deutlich belegten, insbesondere für Gewaltverbrechen.

Die Meldung war bekanntlich falsch. Sowohl die Zahl der Gewalttaten als auch die der Straftaten insgesamt hat 2005 zugenommen, um jeweils rund ein Viertel. “Bild” hatte vorläufige Zahlen von 2005 mit endgültigen von 2004 verglichen – eine unzulässige Rechnung, vor der zum Beispiel die Bundesregierung zuvor und regelmäßig ausdrücklich gewarnt hatte (siehe Kasten links). “Bild” rechnete falsch — und die falsche Rechnung wurde von mehreren Agenturen verbreitet.

Wir hielten das Vorgehen von “Bild” für grob fahrlässig und forderten den Presserat auf, “Bild” zu rügen. Der Presserat sieht dazu aber keinen Anlass. Einstimmig urteilte er, dass die Zeitung die vorläufigen Zahlen als korrekt ansehen durfte. Und:

Dass es sich dabei nicht um die endgültigen Zahlen handelt, hat BILD mit der Formulierung im ersten Satz “offenbar zurückgegangen” deutlich gemacht.

 
PS: Wir wissen nicht, wie sehr sich der Beschwerdeausschuss in seinem Urteil von der mit Unwahrheiten gespickten Stellungnahme der “Bild”-Chefredaktion hat beeindrucken lassen. Nach Angaben des Presserates gab “Bild” u.a. zu Protokoll, “dass die Zahl der Gewalttaten mit rechtsextremistischem Hintergrund und fremdenfeindlicher Tendenz laut Verfassungsschutzbericht zurückgegangen sei” (was nachweisbar falsch ist), dass BILDblog “mit einem niedersächsischen Bericht aus dem Vorjahr verwirre” (was nachweisbar falsch ist) und dass sich “erst im Nachhinein herausgestellt habe”, dass das Zahlenmaterial noch einmal verändern würde (was nachweisbar falsch ist).

Allgemein  

Köhlbrandbrücke von “Bild” verloren

Hamburg ohne Köhlbrandbrücke – unvorstellbar, aber wohl doch bald Realität!

So steht es heute in der “Bild”-Zeitung (Hamburg). Halbseitig wird dort auf der Titelseite der “Abriss” des bekannten Bauwerks annonciert (siehe Ausriss). Weiter heißt es dort ohne Wenn und Aber: “Hamburg verliert ein Wahrzeichen.” Der Hamburger Senat müsse “in Kürze” über einen Neubau oder Ersatz beschließen.

Erste Zweifel an ihrer Titelgeschichte kommen “Bild” selbst offenbar erst acht Seiten später. Dort heißt es nämlich plötzlich nur noch:

Hamburg verliert möglicherweise eines seiner Wahrzeichen.

Jetzt muss der Senat nach BILD-Informationen in absehbarer Zeit über einen Abriss der 1970 bis 1974 errichteten Köhlbrandbrücke entscheiden!
(Hervorhebungen von uns.)

Die im Hamburger Senat für den Hafen zuständige “Hamburg Port Authority” (HPA) hat die schöne “Bild”-Schlagzeile dennoch umgehend dementiert:

Ein Abriss der Köhlbrandbrücke ist nicht geplant.

Und die HPA-Sprecherin weist uns darauf hin, dass zwar auch die Zukunft der Köhlbrandbrücke in die vielen Überlegungen für eine Neugestaltung der Hafenquerspange über den Köhlbrand miteinbezogen werde. Allerdings befinde sich diese “noch im gröbsten Planungsstadium”. Zur Zeit würden “lediglich Machbarkeitsstudien erstellt”. Die Frage, ob die Brücke abgerissen wird oder nicht, die “Bild” heute auf die Titelseite beantwortet, stelle sich konkret “vielleicht in zwanzig, dreißig Jahren”.

Mit Dank an Michael H. für den Hinweis, Martin G. für den Scan und Martin A. für alles.

“Bild” sieht 1000 Jahre in die Zukunft

"Vor 6000 Jahren im All: Explosion verwüstet Sternenbild"

Ja, es stimmt. Eine Explosion im Sternenbild Schlange hat (höchstwahrscheinlich) die drei Staub- oder Nebelsäulen des “Adlernebels” zerstört, wie “Bild” heute auf der letzten Seite schreibt. Tatsächlich geschah das Astronomen zufolge wahrscheinlich vor rund 6000 Jahren. Ein jüngst veröffentlichtes Bild, das vom Spitzer Weltraumteleskop aufgenommen wurde, zeigt Spuren der Explosion, die der Zerstörung voran gegangen war. Ein im Jahr 1995 vom Hubble-Weltraumteleskop aufgenommenes Bild enthielt offenbar keine Hinweise auf die Explosion.

“Bild” stellt nun diese beiden Aufnahmen einander gegenüber und schreibt zu dem von Hubble:

"1995 hatte der "Adler-Nebel" seine drei markanten Säulen noch."

Und zur neueren Spitzer-Aufnahme schreibt “Bild”:

"Neue Aufnahmen aus der Region zeigen nun ein völlig anderes Bild (siehe oben): Die Säulen sind verschwunden, der "Adler-Nebel" zerstoben."

Auf der Internetseite des Spitzer-Teleskops lässt sich allerdings (wenn man Englisch kann) das Gegenteil nachlesen. Übersetzt heißt es dort:

Eine neue, eindrucksvolle Aufnahme Spitzers zeigt die intakten Nebelsäulen neben einer gigantischen Wolke heißen Staubs (…) Weil Licht aus dieser Region 7000 Jahre braucht, um auf die Erde zu gelangen, wird es wohl erst in weiteren 1000 Jahren möglich sein, Fotos der Zerstörung aufzunehmen.
Hervorhebung von uns.

Daraus lernen wir erstens, dass Dinge nicht deswegen weg sind, weil “Bild” sie nicht sieht. Und zweitens, dass es gut möglich ist, dass “Bild”-Leser auf “Wikifehlia” Einträge bearbeiten. Der Wikipedia-Eintrag zum Adlernebel wurde nämlich heute Nachmittag so ergänzt:

Januar 2007 zeigten Aufnahmen, dass [der Adlernebel] sich nun komplett zersetzt hat und ein komplett anderes Bild (ohne den Typischen drei Säulen) hat. Er wurde warscheinlich vor 6000 Jahren von einer Supernova “verweht”. Erst vor kurzem ist dessen Licht vor 6000 Jahren nach uns gelangt.

Mit Dank an Torsten R. und Manfred P. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 19.28 Uhr: Die fehlerhafte Ergänzung bei Wikipedia wurde inzwischen entfernt.

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