Es ist seltsam: Der Fußballtrainer Giovanni Trapattoni ist gerade mit seiner Mannschaft Benfica Lissabon portugiesischer Meister geworden und jetzt “fliegt” er. So steht’s jedenfalls bei Bild.de:
Trap feiert – und fliegt!
Und im Text heißt es dann:
Trotzdem hat Trap fertig. Fans und Presse lästern über seinen Mauer-Fußball.
Wir wissen natürlich nicht, welche Presse und welche Fans da gemeint sind, wundern uns aber doch etwas, dass hier zum Beispiel dieses steht:
Die Fans von Benfica Lissabon liegen “Maestro” Giovanni Trapattoni zu Füßen. (…) Auch die Gazetten stimmten in den Jubel-Chor um “Trap” ein. “Er kam, sah, triumphierte und sagt jetzt auf Wiedersehen”, titelte die Zeitung “A Bola”. “Die Großen sind unter Trapattoni wieder auferstanden”, schrieb Zeitung “Record”, “Danke, Trap, Benfica ist wieder da”, meinte “A Capital”.
Entsprechend ist auch die Überschrift bei Bild.de natürlich völliger Unsinn. Trapattoni “fliegt” nicht, er denktlediglich über seinen Rücktritt nach, weil er seine Familie vermisst. Und das weiß sogar “Sport Bild”.
Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Schon M.
In jeder Stadt und in jeder kleinen Gemeinde gibt es Menschen, die man nicht so sympathisch, vielleicht auch etwas merkwürdig findet und neben denen man deshalb nicht wohnen möchte. Manchmal kann man sich das allerdings nicht aussuchen.
Dann ruft man einfach die “Bild”-Zeitung an. Und die schreibt daraufhin:
So stand’s am 14. Mai in der Ausgabe Mainz/Wiesbaden. Außerdem wusste “Bild”:
“Sie sind wie Heuschrecken, die von Ort zu Ort ziehen und Verwüstung hinterlassen: Deutschlands Horror-Mieter. Eine dieser Familien lebt jetzt in Westhofen.”
Ein Nachbar erklärte “Bild”:
“Die übergeben sich aus dem Fenster, lassen ihre Hunde wild in den Garten, verwüsten hier alles.”
Und “Bild”-Autorin Pilar May hat nicht nur recherchiert, dass die “Müll-Mieter” die Mietwohnung ihres letzten Wohnorts in Trümmern hinterlassen haben, sondern auch, dass die Familie eine “240-Quadratmeter-Edel-Wohnung” nun “auf Kosten der Gemeinde” bewohnt und zitiert Heiner Michel, Pressesprecher der Kreisverwaltung Alzey, der “zugibt”:
“Ja, die Familie bekommt von uns Arbeitslosengeld II, davon wird auch die Miete bezahlt.”
Darüber hat sich Michel ziemlich geärgert. Zum einen, weil natürlich nicht die Kreisverwaltung die Wohnung bezahlt, sondern die Agentur für Arbeit, wie er es der “Bild”-Reporterin gesagt hat, und zweitens, weil “Bild” nicht erwähnt, dass die Wohnung laut Auskunft der Agentur für Arbeit für neun Personen angemessen teuer ist und deshalb den ALG-II-Vorschriften entsprechend bezahlt wird.
Forscht man ein bisschen weiter nach, erfährt man, dass die Großfamilie mit ihrem kleinen Zoo in Westhofen zwar nicht allzu beliebt ist, sich aber in ihrer neuen Wohnung bisher nichts zu schulden kommen ließ.
Das Veterinäramt, das laut “Bild” in der vergangenen Woche “endlich einschreiten” wollte, ist eingeschritten – und konnte keinen Verstoß gegen eine artgerechte Haltung der Haustiere feststellen. Den Hunden gehe es gut, versichert Michel.
Dem Ordnungsamt der Verbandsgemeinde Westhofen liegen keine konkreten Beschwerden vor, sagt Leiter Lothar Renz. Nicht über Leute, die sich aus dem Fenster übergeben und ebenso wenig über Wohnungen, die in Trümmer gelegt wurden. Auch für das Jugendamt gab es bisher keinen Anlass, aktiv zu werden.
Die “Bild”-Berichterstattung scheint dennoch gewirkt zu haben: Seit der Beitrag erschienen ist, haben sich die Nachbarn, die sich schon vorher nicht leiden konnten, offenbar gar nichts mehr zu sagen. Stattdessen müssen die in “Bild” abgebildeten Wohnungsbesitzer nun wenig freundliche Kommentare der ungeliebten Nachbarn über sich ergehen lassen. Ein Sat.1-Team war auch schon in Westhofen. Manch einer spricht schon von einer “Hexenjagd”.
Bislang kam es zu keiner Auseinandersetzung, die so heftig war, dass die Polizei einschreiten musste. Hoffentlich bleibt das so.
Schwer zu sagen, ob das “brutale Grand-Prix-Debakel” (also die Tatsache, dass der deutsche Beitrag beim Eurovision Song Contest in Kiew am vergangenen Samstag auf dem letzten Platz landete) “jetzt” tatsächlich “Konsequenzen” hat, wie es heute in der “Bild”-Zeitung steht, ob es also irgendwie gerechtfertigt ist, wenn “Bild” behauptet:
Tatsache ist, dass der für den Grand Prix zuständige NDR bereits gestern bekannt gab, der bisherige Grand-Prix-Verantwortliche Jürgen Meier-Beer höre “auf eigenen Wunsch” auf.
Tatsache ist auch, dass die Nachrichtenagentur ddp daraufhin schrieb:
“Meier-Beer unterstrich, sein Abgang habe nichts mit dem Grand-Prix-Debakel (…) zu tun (…). Die Gespräche über eine neue Aufgabe für ihn hätten bereits vor einem halben Jahr begonnen.”
Und der NDR legte heute, nach den “ARD feuert Grand-Prix-Chef”-Behauptungen, mit einer zweiten Pressemitteilung nach, in der es heißt:
“Spekulationen in Teilen der Presse, der NDR habe seinen Grand-Prix-Verantwortlichen strafversetzt oder gar gefeuert, entbehren jeder Grundlage (…). Tatsächlich hat Herr Dr. Meier-Beer bereits vor sechs Monaten darum gebeten, nach zehn Jahren mit einer neuen Aufgabe betraut zu werden. Zu diesem Zeitpunkt haben wir gemeinsam begonnen, seinen Wechsel vorzubereiten (…)”
Und wenn sich der NDR nun abermals (und derart ausdrücklich) an die Öffentlichkeit wendet und betont, die Personalie stehe “in keinem Zusammenhang mit dem Abschneiden der Sängerin Gracia beim ‘Eurovision Song Contest'”, dann sollte man sich den “Bild”-Text vielleicht doch noch einmal genauer anschauen. Schließlich findet man dort zwar jede Menge Ausrufezeichen (“Gracia Letzte! Miese Quote! Falsches Konzept!”, “Das brutale Grand-Prix-Debakel in Kiew, jetzt hat es Konsequenzen!”, “Die ARD feuert Grand-Prix-Chef Jürgen Meier-Beer (53)!”, “Null Punkte für den Ex-Unterhaltungs-Chef!”, “Sinkende Einschaltquote!”, “Katastrophales Ergebnis!”, “Hohe Kosten!”, “Falsches Auswahlsystem!”) — aber kein einziges Indiz für die Behauptung, Meier-Beer sei gefeuert worden.
Stattdessen findet man unter dem Stichwort “Traurige Fakten” den Satz:
2000 schauten noch 12 Millionen zu, dieses Jahr nur rund 7 Millionen.
Und das ist in der Tat traurig, weil es nämlich 2000 nicht “12 Millionen”, sondern 10,03 Millionen Zuschauer waren, was hier nur deshalb Erwähnung finden soll, weil “Bild” nicht einmal dort, wo sie ausdrücklich mit “Fakten” aufwartet, mit Fakten aufwartet.
Nachtrag, 18.6.2005:
Bild.de muss eine Gegendarstellung des NDR-Intendanten Jobst Plog u.a. veröffentlichen, in der es heißt, “daß Herr Dr. Meier-Beer bereits vor mehreren Monaten darum gebeten hat, mit einer neuen Aufgabe betraut zu werden und bereits vor Durchführung des ‘Eurovison Song Contest’ feststand, daß Herr Dr. Meier-Beer den Posten des „Grand-Prix-Chefs“ abgeben würde.” Der “Bild”-Artikel selbst ist online nicht mehr verfügbar.
So berichtete “Bild” am Montag über die Ablösung Fritz Egners als Moderator der Sat.1-Show “Die witzigsten Werbespots der Welt” durch Ingo Oschmann. Die (ebenfalls im Springer-Verlag erscheinende) “Welt” hatte darüber bereits am 11.12.2004 ausführlich berichtet – und alles weitere überlassen wir gern dem Online-Medienmagazin DWDL.de, wo es dazu heißt:
Erschreckend an der Geschichte sind zweierlei Dinge: Zunächst die fast ernst gemeinte Sorge, wieso Fritz Egner es nötig hat, mit Monate alten Themen noch einmal durch die Boulevard-Presse zu ziehen. Auf der anderen Seite aber erschreckt die Art und Weise, wie hier der Leser getäuscht wird. Eine Meldung bei “Bild” bedeutet einmal mehr nicht, dass es auch eine Neuigkeit sein muss. Ein sechs Monate altes Thema wird mit Kampagnen-Journalismus der Marke “Wir packen das Reizthema Jugendwahn noch aus” aufgewärmt.
Unser Kanzler ist Putins Kumpel, seine Frau wirbt so lieb für Hundefutter und unser Konsulat in der Ukraine läßt jede Menge schräge Vögel rein.
Anlässlich des Eurovision Song Contest widmet sich “Bild”-Kolumnist Hauke Brost heute Grundsätzlichem. Und wir widmen uns “Bild”-Kolumnist Hauke Brost. Denn das Leben ist eine Achterbahn, nur ungerechter.
Jeder kennt Franz-Josef Wagner. Viele wundern sich über die Texte von Norbert Körzdörfer. Zu unrecht vernachlässigt wird allzu oft der “Bild”-Kolumnist und frühere “Teuro-Sheriff” Hauke Brost. Mit ihm beginnen wir eine lose Reihe über die Autoren der “Bild”-Zeitung.
Hauke Brost (56) ist ein wichtiger Mann bei “Bild”. Früher war er Chef von “Bild Hamburg”, wo er heute noch täglich eine Kolummne schreibt. 2001 machte ihn Kai Diekmann zum Textchef, um — wie der “Tagesspiegel” damals schrieb — “sprachliche Mängel” zu beseitigen, die der Chefredakteur in “Bild” beklage.
An sich eine schöne Idee. Machen wir also aus aktuellem Anlass eine Reise in die Welt von Hauke Brost.
Männer haben zwei Wahrheiten. Die eine sagen sie am Frühstückstisch. Die andere spüren sie, wenn sie die Hand in die Hosentasche stecken.
Wenn Hauke Brost sein Geschlechtsteil fühlt, spürt er eine von zwei Wahrheiten. Das mag zunächst verblüffend klingen, erklärt aber viel. Zum Beispiel einen Bild.de-Artikel vom Mai 2004, in dem es eigentlich nur um die Vorteile des Grillens mit Holzkohle gehen soll. Brost beginnt ihn mit folgenden Worten:
Grillen ist wie guter Sex. Es muss knistern, es muss riechen, es muss spritzen.
Es erklärt auch, warum Brost kein Verständnis hat für Frauen, die darüber klagen, dass ihre Männer fremdgehen. Hauke Brost, Autor des Standardwerkes “Kopf hoch, Männer. Ein Scheidungsbrevier nur für ihn” (darin u.a.: “Wie drückt man sich vor Unterhalt?”), dessen Ehen nach eigenem Bekunden “bisher ein begrenztes Haltbarkeitsdatum hatten”, fährt dann zu großer Form auf, wenn eine prominente Ehe scheitert. Uschi Glas zum Beispiel regte Brost im Februar 2002 zu dem Hosentaschen-Zitat oben an. Und als Roberto Blanco im Oktober 2004 als Ehebrecher dastand, schrieb Brost in “Bild” eine flammende Verteidigungsschrift:
Roberto Blanco ist ein ganz normal empfindender Mann so wie du und ich. Er liebt Wein, Weib, Gesang. Er sagt nicht nein, wenn man ihm Gratis-Schampus einschenkt oder wenn so eine blutjunge Hupfdrossel vor ihm die Brüste blanklegt. (…) Können Sie ihm wirklich verdenken, dass er zugreift? Ich kann es nicht.
Dann wandte er sich direkt an Frau Blanco:
Wann hatten Sie eigentlich das letzte Mal Sex mit Roberto? Wann haben Sie ihm das letzte Mal gesagt, dass er ein toller Typ ist? (…) Und wie sehen Sie eigentlich morgens aus, wenn er tatsächlich mal wieder neben Ihnen aufwachen würde?
(Wie Hauke Brost aussieht, nicht nur morgens, können Sie übrigens auf seiner Homepage sehen.)
Im November 2003 zitiert ihn der Südwestrundfunk mit dem Satz: “Bei der BILD gibt es keine Frauen in Führungspositionen”, was scheinbar gegen “Bild” spricht, tatsächlich aber nur gegen Brost. Denn es gibt bei “Bild” eine Frau in einer Führungsposition: Marion Horn, seit 1. Januar 2001 stellvertretende Chefredakteurin.
Aber zurück zu Roberto Blanco, den Brost in seinem Artikel gleich dreimal “schwarzer Mann” nennt. Immerhin empfindet der trotz seiner Hautfarbe nach Ansicht von Brost “ganz normal”. Aber nicht jeder Fremde ist so nett und berechenbar. Anlässlich des deutschen Fiaskos beim Eurovision Song Contest macht Brost heute seinem Unmut mal Luft:
Gestern noch Papst. Heute letzter Platz. Das Leben ist eine Achterbahn, nur ungerechter: Die Achterbahn fährt schließlich alle, die zahlen. Wir zahlen für alle und die geben uns 0 Points als Dank.
Was will uns diese Metapher sagen? Dass die anderen nicht selber für ihre Achterbahn zahlen? Dass wir in der Achterbahn mitfahren müssen, obwohl wir schon für die anderen gezahlt haben? Dass uns die anderen, wo wir schon für die Achterbahn gezahlt haben, hinterher nicht wenigstens eine Zuckerwatte kaufen?
Gestern noch Papst, heute letzter Platz, Brost glaubt:
Wir haben keine Freunde.
Das Gefühl kennt Brost. Auf seiner Homepage schreibt er:
Auch verringert sich die Zahl meiner Freunde langsam, aber stetig auf einen sehr, sehr kleinen Kreis.
Woran liegt das? Brost weiß: An ihm Deutschland liegt es nicht.
Nehmen wir mal die Polen.
Wer sich da drüben einen gebrauchten Skoda leisten kann, wo hat der denn die Kohle her? Auf deutschen Baustellen Fliesen verlegt oder in deutschen Schlachthöfen Rinder zerlegt. Dankbarkeit? Stinkefinger (0 Points von Polen).
Sind wir Deutschen nicht die Lieben? Aber ja, obwohl wir merkwürdige EU-Ressentiments haben:
Wir Deutschen sind die Lieben. Wir zahlen für alle, bald auch für Rumänien (die gaben uns übrigens auch 0 Points, na super, willkommen in Europa).
Und sein Abendessen, weiß Brost, holt der Deutsche aus reiner Großzügigkeit nicht beim Deutschen, sondern beim Türken. Und zahlt auch noch dafür!
Wir kaufen dem Türken sein Döner ab, und aus lauter Freundschaft haben wir gleich 10 Points in die Türkei geschickt, und was schallt zurück? 0 Points von der Türkei. Ey, Alda, kraß, voll der Hammer, ey.
(Wie sich “der Türke” in Hamburg, dem Brost “sein Döner” abkauft, dafür beim Grand Prix hätte revanchieren können, lässt der Autor leider offen.)
Wir Deutschen sind die Guten.
So schreibt Brost und was er danach schreibt, ist vielleicht nur eins von mehreren “gewissen satirischen Elementen”, die sein Text enthalten soll, wie Brost uns auf Anfrage mitteilte. Vielleicht enthält es aber auch nur in außergewöhnlich konzentrierter Form all das, was Brost über Ausländer, schwarze Männer und Frauen denkt:
Wir Deutschen sind die Guten. Wir lassen Heidi Klum ihren Seal heiraten (…).
Nachtrag, 25. Mai: Brost hat seine Homepage inzwischen überarbeitet. Deshalb finden sich dort zur Zeit nicht die oben zitierten Hinweise auf seinen kleinen Freundeskreis und auf sein Buch, das er dort zuvor als “fieser kleiner Macho-Scheidungsratgeber nur für ‘ihn'” bezeichnete und aus dessen Inhalt er unter anderem die Frage “Wie drückt man sich vor Unterhalt?” hervorhob.
Unter obiger Überschrift berichtete die “Bild am Sonntag” gestern, dass die Agentur für Arbeit plane, zukünftig “detaillierte Gespräche mit jedem Arbeitslosengeld-II-Empfänger” zu führen. Genauer gesagt hieß es in der “BamS”:
“Bevor sie eine Stelle vermittelt bekommen, sollen alle Empfänger von Arbeitslosengeld II bei ihrer Arbeitsagentur zum Intim-Verhör!”
Das ist falsch.
Die “Fragen nach privaten Details” (“Wie eng sind Ihre Beziehungen zu Freunden? Gehen Sie regelmäßig zum Arzt? Welche Kontakte zu Ihren Nachbarn pflegen Sie?”), die von der “BamS” aus einem durchaus umstrittenen, internen “Fachkonzept Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement im SGB II” zitiert werden, sollen nicht, wie die “BamS” pauschal behauptet, “die Hartz-IV-Betroffenen beantworten, wenn sie einen neuen Job wollen”.
Am vergangenen Sonntag stand im “Tagesspiegel” ein Text von Marie Theres Kroetz-Relin. Kroetz-Relin ist die Tochter der Ende April verstorbenen Maria Schell, und sie beschreibt in diesem Artikel anschaulich und detailliert, “wie sie nach dem Tod ihrer Mutter von der Boulevardpresse belagert wurde”. Zwar nennt Kroetz-Relin keine Namen einzelner Boulevardmedien, es gibt in dem Text aber einen Absatz, bei dem man unweigerlich an diese, nein, diese – Verzeihung: bei dem man an folgende Geschichte erinnert wird, die am 29. April auf Seite vier in “Bild” stand:
In dem seitenfüllenden “Bild”-Text geht es um Maria Schells Bruder, Carl Schell. Der habe sich Jahre nicht um seine “kranke Schwester” gekümmert, sei jetzt aber “plötzlich wieder da” und wolle “an ihrer Beerdigung teilnehmen”.
Außerdem wird Kroetz-Relin in dem “Bild”-Text zitiert – allerdings nicht, ohne dass “Bild” noch ein paar Sätze dazuschreibt. So heißt es dort:
“Es gibt Leute, die sich jetzt auf Kosten meiner Mutter in den Vordergrund drängen.”
Wen sie damit meint, ist klar! Marias Bruder Carl Schell (77). Hervorhebungen von “Bild”
Und der Text endet folgendermaßen:
Und niemand ist glücklich über das Wiedersehen!
Düster klingt, was Marie Theres Kroetz-Relin vor der Beerdigung sagt: “Wenn jemand, der da nicht hingehört, meiner Mutter am Grab zu nahe kommt, dann raste ich aus.” Hervorhebungen von “Bild”
Das klingt tatsächlich nach Familienkrach – Kroetz-Relin hat es ja quasi bestätigt. Oder? Im “Tagesspiegel” allerdings klingt das völlig anders:
Nach so vielen Würdigungen war die Zeit reif für Schmutzwäsche: Eine Boulevardzeitung brauchte eine Story und konfrontierte mich mit Zitaten, die angeblich von meinem Onkel Carl stammen sollten. Ich verweigerte dazu jede Stellungnahme, da ich meinen Onkel 16 Jahre nicht gesehen hatte, und erklärte im strengen Ton, dass ich dieses pietätlose Verhalten der Journalisten widerlich finde und ich das auch öffentlich am Grab meiner Mutter sagen würde. Hervorhebungen von uns
Anschließend erzählt Kroetz-Relin im “Tagesspiegel” vom Tag der Beerdigung:
Wütend rief ich den Journalisten an und schrie: “Wie kommen Sie dazu, meine Zitate zu entfremden und gegen meinen Onkel anzuwenden? Sie wissen genau, dass es gegen euch, die Medien, gerichtet war! Ich würde nie ein Wort gegen meine Familie sagen…” “Tut mir leid, aber die Story über Vicky Leandros ist ausgefallen, und da hab ich Ihre Antworten vom Band abgetippt…” Ich war fassungslos: Das Gespräch wurde ohne mein Wissen mitgeschnitten und meine Worte zum reißerischen Aufmacher verdreht. Hervorhebungen von uns
(…) Der neue Protz-Trend kommt – logisch – aus den USA. Dort haben Rap-Ikonen wie Snoop Dogg, 50 Cent oder Namensgeber Pimp Daddy eine Pimp-Mania ausgelöst. (…)
Aha, möchte man da sagen. Oder doch lieber: Ach ja?
Denn selbst, wenn wir den Trendscouts von Bild.de nicht unterstellen wollten, dass sie womöglich was verwechselt und peinlicherweise nicht “Pimp Daddy” sondern Puff Daddy bzw. P. Diddy gemeint haben könnten (ja, sogar, wenn man nach längerem Suchen tatsächlich einen irrelevanten Rap-Musiker gleichenNamens ausfindig zu machen vermag), geht die angebliche “Pimp-Mania” natürlich mitnichten auf irgendeine namensgebende Rap-Ikone zurück, sondern – wie die “Pimpen”-Experten von Bild.de leider verschweigen – bloß auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes pimp, also “Zuhälter”, weshalb dann auch der Begriff Pimp Daddynichts anderes bezeichnet als ein dazugehöriges (nicht nur in Rapper-Kreisen beliebtes) Klischee, das in den letzten Jahren durch Lieder wie dieses, TV-Sendungen wie diese und diese oder sowas noch populärer wurde.
Mit anderen Worten: Die Bild.de-Mär vom “Namensgeber Pimp Daddy” ist ebenso dumm wie dreist (insbesondere dort, wo dann auch noch von “weiblichen Pimps” und dem “Pimp-Doc” die Rede ist), wäre aber kaum der Rede wert, zeigte sie nicht, wie man im Hause “Bild” sogar bei unreif zusammengeschusterten Artikelchen ungeniert drauflosfantasiert.
Mit Dank an Perry für die Anregung und Hannah R. für den Hinweis.
In der vergangenen Woche rief ein Redakteur der “Bild am Sonntag” in der Programmdirektion der ARD an. Zahlreiche Leser hätten sich beschwert, sagte er, dass die Harald-Schmidt-Sendung nur so selten im Fernsehen komme. Ein Pressesprecher erklärte ihm, dass das von vornherein so geplant gewesen sei; nur am vergangenen Donnerstag habe die Sendung relativ kurzfristig für “Speer und Er” den Platz räumen müssen. Die “Bild am Sonntag” könne ihren unzufriedenen Lesern aber eine frohe Botschaft mitteilen: Harald Schmidt werde in diesem Jahr häufiger als geplant auf Sendung gehen, nämlich 71 statt 64 mal. Eine Handvoll Shows, die eigentlich im Umfeld der Fußball-WM stattfinden sollten, habe man von 2006 auf 2005 vorgezogen, als man feststellte, dass an vielen Terminen abends gar keine Übertragungen von Spielen stattfanden. Deshalb werde Harald Schmidt in diesem Jahr schon früher als geplant aus der Sommerpause zurückkehren.
Im Klartext: An der Gesamtzahl der mit Schmidt in den nächsten Jahren vereinbarten Shows ändert sich laut ARD nichts, und mit der dünnen Präsenz der vergangenen Wochen hat das nichts zu tun.
Vielleicht hat der “Bild am Sonntag”-Redakteur das nicht verstanden. Vielleicht hat er sich auch nicht besonders viel Mühe gegeben, es richtig zu verstehen. Jedenfalls erschien in der Zeitung und im Online-Auftritt dann ein Artikel mit folgenden Aussagen:
Zu wenig gearbeitet!
ARD kürzt Harald Schmidt den Urlaub
Nachsitzen für Harald Schmidt (47)! Weil der TV-Satiriker in den letzten Wochen so selten auf dem Bildschirm zu sehen war, muß er in der zweiten Jahreshälfte mehr Sendungen produzieren als geplant. (…) 71 Sendungen muß der Ex-SAT.1-Star in diesem Jahr abliefern, doch das ist mit der ursprünglichen Programmplanung nicht zu schaffen.
Das ist in dieser Form, nun ja: falsch.
Wäre aber vielleicht nicht so schlimm, denn die “Bild am Sonntag” schreibt häufiger mal Dinge, die nicht stimmen. Schlimm ist, dass diese Dinge von anderen Zeitungen abgeschrieben werden, auch solchen, die sich als seriös ausgeben. Dass an der Meldung der “Bild am Sonntag” etwas faul ist, hätte jeder aufmerksame Redakteur auch ohne weitere Recherche und durch einen Blick ins eigene Archiv wissen können: Bislang war nämlich immer davon die Rede gewesen, dass Schmidt jährlich 64 Sendungen für die ARD produzieren muss, und nicht 71. Warum sollten es plötzlich mehr sein? Und warum sollte die ARD im Mai feststellen, dass diese 71 nach der bisherigen Planung nicht unterzubringen sind? Und wieso sollte es die Schuld von Harald Schmidt sein, dass er u.a. “Speer und Er” weichen musste?
Genug offene Fragen, sollte man denken, um die “Bild am Sonntag”-Geschichte nicht ohne weitere Recherche einfach zu übernehmen. Stattdessen stand sie in den folgenden Tagen fast überall, oft mit den wortgleichen — falschen — Formulierungen: in “Spiegel Online”, bei der “Süddeutschen Zeitung” sowohl Online als auch heute noch einmal in anderer Form in der Druckausgabe, bei “Focus Online”, im Kölner “Express”, in der Österreichischen “Krone”, bei den Nachrichtenagenturen AFP am Sonntag um 12.09 Uhr, AP am Sonntag um 13.47 Uhr, dpa am Sonntag um 13.55 Uhr, dpa am Sonntag um 16.31 Uhr, AP am Montag um 16.25 Uhr, dpa am Montag um 10.40 Uhr und und und.
Keine der genannten Agenturen oder Zeitungen hat den offensichtlichen Widerspruch zwischen den 64 geplanten und 71 von “Bild am Sonntag” behaupteten jährlich zu produzierenden Sendungen erwähnt. Keine fand es nötig, in irgendeiner Form selbst zu recherchieren. Alle haben sich blind auf die ExklusivFalsch-Meldung von “Bild am Sonntag” verlassen.