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Verstärker für AfD-Unsinn

Die Redaktion von „MDR Aktuell“ twitterte heute diese joar, also, ähm Nachricht:

Screenshot eines Tweets von MDR Aktuell - AfD-Abgeordnete fordern Verbot der Antifa: Die Antifa müsse als terroristische Vereinigung eingestuft werden.

Ohne Link zu einem weiterführenden Artikel. Ohne Hintergrundinfo. Nicht mal ein Hashtag, das irgendwas einordnet. Nix. Nur die pure AfD-Forderung.

Etwa zwei Stunden später folgte immerhin ein zweiter Tweet der Redaktion:

Screenshot eines Tweets von MDR Aktuell - Quelle des Tweets ist folgende Agenturmeldung des Evangelischen Pressedienstes epd von heute Vormittag: Fünf AfD-Abgeordnete aus verschiedenen Bundesländern haben ein Verbot der Antifa gefordert. Die Antifa müsse als terroristische Vereinigung eingestuft werden, erklärten die an der Kontrolle der Verfassungsschutzbehörden ihrer Bundesländer beteiligten Parlamentarier nach einem am Montag zu Ende gegangenen gemeinsamen Treffen in Potsdam. Straftaten der Antifa richteten sich in schwerwiegender Weise gegen die innere Sicherheit der Bundesländer und gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland. Zur Begründung benannten die fünf AfD-Abgeordneten eine Antifa-Broschüre aus Augsburg, die Ausschreitungen am Rande des G20-Gipfels in Hamburg im vergangenen Jahr und einen Angriff auf einen Bus mit AfD-Demonstrationsteilnehmern in Stuttgart.

Diese epd-Meldung hat auch die Online-Redaktion der „Thüringer Allgemeinen“ übernommen.

Was sowohl beim epd als auch bei der „Thüringer Allgemeinen“ und im Tweet von „MDR Aktuell“ fehlt: Es gibt nicht „die Antifa“. Es gibt keinen Antifa e.V. mit Mitgliedsausweisen, Satzung und Vereinslokal, den man nun verbieten und als „terroristische Vereinigung“ einstufen könnte. Es gibt Antifaschistinnen und Antifaschisten. Und die haben verschiedenste Hintergründe: einen bürgerlichen, einen kirchlichen, einen autonomen, einen anarchistischen, einen radikalen. Manche von ihnen akzeptieren Gewalt, manche wenden sie an, manche sind komplett gegen Gewalt. Hinter ihnen allen steht keine homogene Vereinigung. Wen oder was genau wollen die fünf AfD-Abgeordneten also verbieten?

Wenigstens das müssten Redaktionen, Journalistinnen und Journalisten doch hinbekommen: Kurz mal überlegen, ob das, was eine Partei fordert, zumindest ansatzweise Sinn macht; ob eine Umsetzung überhaupt möglich ist; ob die damit verbundene Grundaussage — Antifaschismus ist per se Terrorismus — richtig ist. Und die Forderung einordnen, wenn sie keinen Sinn macht, statt sich zum willfährigen Verstärker für Unsinn machen zu lassen.

Weniger ist mehr

Die Onlineauftritte der „Thüringischen Landeszeitung“ und der „Thüringer Allgemeinen“ vermelden heute:

Mehr Jugendliche landen mit Vollrausch im Krankenhaus.  Junge Männer werden im Freistaat nach Alkoholmissbrauch häufiger als Frauen in die Klinik eingeliefert. In Thüringens Krankenhäusern wurden vergangenes Jahr mehr Jugendliche wegen Alkoholproblemen behandelt. Dies teilte das Landesamt für Statistik am Dienstag in Erfurt mit.

Sie haben dafür eine Meldung des Thüringer Landesdienstes der Nachrichtenagentur dapd aufbereitet, die folgendes besagte:

Krankenhäuser behandeln mehr Jugendliche wegen Alkoholproblemen

Erfurt (dapd-lth). Wegen Alkoholproblemen sind im vergangenen Jahr mehr als 100Jugendliche unter 15 Jahren stationär im Krankenhaus behandelt worden. Dabei wurden ungefähr gleich viele Mädchen wie Jungen eingeliefert, wie das Landesamt für Statistik am Dienstag in Erfurt mitteilte. Die Zahl lag leicht über dem Vorjahreswert. (…)

Die Behauptung, die Zahl habe „leicht über dem Vorjahreswert“ gelegen, und die Überschrift sind schlicht falsch.

Wie aus der Pressmitteilung des Thüringer Landesamts für Statistik (PDF) hervorgeht, wurden im vergangenen Jahr 103 Jugendliche unter 15 Jahren „alkoholbedingt“ in Thüringer Kliniken behandelt — immerhin zwei weniger als im Jahr 2009. Auch bei den Patienten zwischen 15 und 30 Jahren sank die Zahl der alkoholbedingten Behandlungen leicht von 1.667 auf 1.625, bei denen zwischen 30 und 40 immerhin von 1.613 auf 1.546.

Den mit 59,7 Prozent deutlich größten Anteil machten die 40 bis 60-Jährigen aus. Ihr Wert stieg auch von 6.985 auf 7.130.

Auch kann man aus der Statistik nicht ohne weiteres ablesen, wie viele Patienten welcher Altersgruppe „im Vollrausch“ in die Thüringer Krankenhäuser eingeliefert wurde. Das Thüringer Landesamt für Statistik schreibt dazu:

Häufigster Anlass für einen alkoholbedingten Krankenhausaufenthalt waren die so genannten psychischen und Verhaltensstörungen. Dazu gehören vor allem das Abhängigkeitssyndrom, das Entzugssyndrom und der akute Rausch. In 9 734 Fällen (81,4 Prozent) wurden im Jahr 2010 diese Krankheitssyndrome behandelt. Mehr als ein Fünftel (2 130 Personen bzw. 21,9 Prozent) davon waren Frauen. In 3 352 Fällen wurde das Abhängigkeitssyndrom, in 2 520 Fällen das Entzugssyndrom und in 3 025 Fällen der akute Rausch diagnostiziert.

Richtig wäre also die Überschrift gewesen:

Ungefähr gleich viele Menschen unterschiedlicher Altersgruppen landen mit verschiedenen Alkoholproblemen im Krankenhaus

Aber das klingt natürlich nicht so geil.

Mit Dank an André.

Unter uns Pastorentöchtern

Am 23. September, so viel ist offenbar jetzt schon klar, wird sich im Erfurter Augustinerkloster ein „historisch bedeutsames Treffen“ ereignen: Papst Benedikt XVI. wird sich mit Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) treffen. Dieser Termin wird nun „um eine weitere Facette bereichert“, wie die „Thüringer Allgemeine“ berichtet: Auch die Kanzlerin wird an dem ökumenischen Wortgottesdienst teilnehmen.

Der Gottesdienst am 23. September soll die Gespräche würdevoll abrunden. Damit wohnen diesem Ereignis ganz im Sinne der Ökumene mit Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) eine protestantische und mit Angela Merkel eine katholische Pfarrerstochter aus Ostdeutschland bei.

Sagen wir mal so: Wenn Frau Merkel tatsächlich eine katholische Pfarrerstochter wäre, wäre dieser Umstand vermutlich um einiges bekannter. Tatsächlich ist Merkels Vater Horst Kasner evangelischer Theologe.

Nachtrag, 15.49 Uhr: Die „Thüringer Allgemeine“ hat ihren Fehler online korrigiert und weist auch darauf hin:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes war von einer „katholischen Pfarrerstochter Angela Merkel “ die Rede. Richtig ist jedoch, dass Angela Merkels Vater evangelischer Pfarrer war. Wir bedauern den Fehler und haben ihn korrigiert.