Archiv für Rheinische Post

Überschrift egal

Es war eine wissenschaftliche Sensation, die die „Rheinische Post“ da in einer kleinen bunten Meldung verkündet hat:

Pinguin-Kolonien in der Arktis entdeckt

Waren Pinguine bisher doch unter anderem dafür bekannt, dass sie sich ausschließlich auf der Südhalbkugel und damit in der Antarktis aufhielten.

Andererseits hält die Meldung darunter dann auch nicht mehr viel von dem, was die Überschrift verspricht:

Pinguin-Kolonien in der Arktis entdeckt. London (afp). Wissenschaftler haben bislang unbekannte Kolonien von Kaiserpinguinen in der Antarktis aufgrund von Kotspuren entdeckt. Laut einer Studie bieten die Spuren den Vorteil, dass sie auf Satellitenfotos zu sehen sind. Bei einzelnen Pinguinen ist dies wegen der zu geringen Auflösung der Bilder nicht der Fall. Mit Hilfe der dunklen Kotspuren auf dem weißen Polareis konnten nun 38 Pinguin-Kolonien ausgemacht werden, darunter zehn neue.

An jenem 3. Juni scheinen die Mitarbeiter der „Rheinischen Post“ aber sowieso erhebliche Schwierigkeiten damit gehabt zu haben, fertigen Agenturmeldungen passende Überschriften zu verpassen.

Einer Agenturmeldung, die AFP unter der Überschrift „Britisches Paar springt mit totem Sohn in den Tod“ verbreitet hat, verpasste die Zeitung einfach eine Brücke:

Britisches Paar springt mit totem Sohn von Brücke. London (afp). Ein trauerndes britisches Elternpaar ist mit der Leiche seines toten Sohnes im Rucksack in den Tod gesprungen. Beamte der Küstenwache entdeckten die Leichen der dreiköpfigen Familie am Fuße einer 122 Meter hohen Steilklippe in Beachy Head an der englischen Südküste. Das tote Kind wurde in einem Rucksack an der Seite seiner Eltern gefunden. Die Eltern hätten ihrem Leben laut einem Polizeisprecher aus Kummer um den Tod ihres fünfjährigen Sohnes ein Ende gesetzt, nachdem dieser an den Folgen einer Pneumokokken-Meningitis am Freitagabend gestorben war.

Möglicherweise hatte einfach der ÜberschriftenMacher von „RP Online“ Dienst bei den Print-Kollegen.

Mit besonderem Dank an Walter K.

Netzwerk Recherche

Am Montag hatten wir darüber berichtet, wie StudiVZ darauf reagiert, dass sich Medienvertreter in dem sozialen Netzwerk mit Fotos und Informationen über Jugendliche eindecken.

Logo der StudiVZ-Gruppe "Wenn ich tot bin, soll mein Bild nicht in die Bild-Zeitung!"Im Anschluss daran schrieben uns Leser, die fragten, wie sie einem solchen Bilderklau Vorschub leisten könnten (Korrektur von 16:19 Uhr: BILDblogger scheitert an der deutschen Sprache) einen solchen Bilderklau verhindern könnten. Eine richtige Antwort darauf hatten wir auch nicht, bis uns ein weiterer Leser schrieb, er habe gerade eine neue Gruppe bei StudiVZ gegründet: „Wenn ich tot bin, soll mein Bild nicht in die Bild-Zeitung!“ Eine vielleicht etwas hilflose und symbolische Aktion, die aber immerhin auf das Problem aufmerksam macht.

Der folgende Tag allerdings zeigte, dass das Problem der Recherche in Sozialen Netzwerken kein „Bild“-spezifisches ist — und dass man nicht unbedingt tot sein muss, um unfreiwillig seine privaten Fotos in der Boulevardpresse wiederzufinden:

In Sankt Augustin hatte eine Schülerin offenbar einen Brandanschlag auf ihr Gymnasium geplant. Eine Mitschülerin stellte sich ihr in den Weg und wurde mit einem Messer verletzt. „Bild“ berichtete am Dienstag groß über die „Heldin“ und veröffentlichte dabei eine Kurz-Charakterisierung, die sich liest, als sei sie direkt aus dem Profil einen Sozialen Netzwerks zusammenkopiert:

Wer ist die hübsche Schülerin? Sie geht in die 11. Klasse und möchte später gerne in Paris studieren. Dennoch ist Ankes Lieblingsfach Englisch. Die begeisterte Tennis-Spielerin geht gerne shoppen, liest und reist viel. Raucher mag sie dagegen überhaupt nicht.

Auch der „Express“ überrascht mit erstaunlichem Faktenwissen:

Ihr Opfer Janine, die davon träumt an der Sorbonne in Paris zu studieren, ist inzwischen in der Uni-Klinik notoperiert worden.

Beide Zeitungen haben nach eigenen Angaben den Namen der Verletzten geändert. Ihre Berichte sind mit Fotos des Mädchens garniert, auf denen das Gesicht verpixelt wurde. Es sieht ganz danach aus, dass sie aus dem Profil des Mädchens in einem Sozialen Netzwerk entnommen wurden. Auf Nachfrage erklärte SchuelerVZ, man prüfe gerade, ob die Fotos aus dem eigenen Angebot stammen.

Einen besonderen Einblick in den Arbeitsalltag von Boulevardjournalisten liefert ein Artikel in der „Rheinischen Post“ (die in ihrer Printausgabe sogar den vollen Namen der 16-jährigen Tatverdächtigen angegeben hatte). Man meint, dem Autor Jürgen Stock seine Enttäuschung regelrecht anmerken zu können:

Alternativ hätte sie der „Rheinischen Post“ kurz vor ihrem geplanten Amoklauf vielleicht auch einfach kurz ein paar biographische Notizen faxen können — das hätte Herrn Stock auch viel Zeit gespart.

Mit Dank auch an Falk E., Leonard E., Birgit H. und Fabian P.

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