Archiv für März 2nd, 2005

Schnellstmögliche Aufklärung

Stiftung Warentest hat herausgefunden, dass in Gläsern mit Babynahrung der möglicherweise gesundheitsschädliche Stoff Semicarbazid enthalten sein kann, der beim Aufschäumen von Kunststoffdichtungen in Metalldeckeln entsteht.

“Bild” schreibt deshalb auf Seite 1 unter der Überschrift “Krebsgefahr aus Baby-Gläschen?”: “In Tierversuchen wirkt die Substanz krebserregend” (weist aber anders als Stiftung Warentest nicht darauf hin, dass “bisher nicht geklärt” ist, ob sich diese Erkenntnis auf den Menschen übertragen lässt). Außerdem zitiert “Bild” den “FDP-Ernährungs-Experten” Hans-Michael Goldmann, der fordert, dass sich die Verbraucherministerin schnellstmöglichst um “Aufklärung” bemühen solle.

Was da nicht steht, ist, dass das offenbar längst geschehen ist. “Bild” weiß lediglich, dass der Hersteller Alete “sofort” auf den Test reagiert habe und “nach eigenen Angaben inzwischen andere Deckel auf die Gläser” schraube.

Stimmt. Nach eigenen Angaben ist das, wie dpa herausgefunden hat, allerdings “schon vor längerer Zeit” geschehen, nicht erst jetzt. Dem Verbraucherministerium ist die Problematik bereits seit 2003 bekannt. Die Industrie wurde aufgefordert, unbedenklichere Stoffe bei der Deckelherstellung zu verwenden. “Seit einigen Monaten wird bereits ein alternativer Deckel eingesetzt”, hat Alete-Pressesprecher Hartmut Gahmann dpa verraten.

Und Alete schreibt auf seiner Website unter Bezug auf den Test:

“Von den hier festgestellten Spuren der Substanzen sind (…) keine Auswirkungen auf die Gesundheit zu befürchten. Darüber sind sich Gesetzgeber und Lebensmittelindustrie einig. Aus Vorsorgegründen haben Babynahrungs- und Deckelhersteller dennoch umgehend nach Lösungen geforscht, um auch diese unerwünschten Spuren zu vermeiden.”

Sowie weiter unten:

“Unabhängig davon können alle Babynahrungsgläschen auf dem Markt ohne Einschränkung verwendet werden.”

Sicher, man muss der Industrie und ihren Pressemitteilungen nicht immer alles glauben. Aber Nachfragen hätte auch nicht geschadet. Für ein Telefonat mit Herrn Goldmann von der FDP hat die Zeit ja schließlich auch gereicht.

Um weitere Verwirrung zu verhindern

Vielleicht sind wir zu streng. Bei vielen Ereignissen, über die “Bild”-Mitarbeiter schreiben müssen, waren sie gar nicht dabei. Oft haben sie von ihnen nur aus älteren Ausgaben anderer Zeitungen erfahren, die manchmal sogar in fremden Sprachen verfasst sind. Und manche Sachen müsste man sich erst langwierig von jemandem erklären lassen, der sie versteht. Kein Wunder, dass nicht jeder “Bild”-Artikel stimmt. Gut, dass es manchmal Themen gibt, bei denen man dabei ist, die man selbst veranstaltet, wo man sich auskennt, kurz: über die man endlich einmal wirklich genau berichten kann.

Wie diese “Bild-Ted”-Aktion Anfang der Woche, deren Ergebnis “Bild” gestern mit diesen Worten verkündete:

Kein Pardon für Joschka Fischer! 87 Prozent der BILD-Leser können dem Außenminister seine Fehler in der Visa-Affäre nicht vergeben, wollen seinen Rücktritt.

Okay, das ist ein klitzekleines bisschen ungenau. Denn es waren nicht 87 Prozent der “Bild”-Leser (das wären rund zwölf Millionen), sondern 87 Prozent der “Bild-Ted”-Anrufer (das waren rund 38.000). Und auch die haben mit ihrem Anruf eigentlich nicht gesagt, dass sie dem Außenminister nicht vergeben können, sondern dass sie meinen, “die Deutschen sollen” ihm nicht verzeihen. Und von einem Rücktritt war überhaupt nicht die Rede. Aber der “Bild”-Artikel geht noch weiter:

Viele Anrufer zeigten sich von der Standard-Ansage der Telekom (“Dieser Anruf kostet 62 Cent pro Minute”) irritiert. Doch keine Sorge: Wer aus dem deutschen Festnetz beim BILD-TED angerufen hat, zahlt — wie in BILD angekündigt — nicht mehr als 6 Cent pro Anruf. Um weitere Verwirrung zu verhindern, beendete BILD den TED schon um 14 Uhr.

Eigentlich hatte “Bild” angekündigt, dass man bis 18 Uhr anrufen könne. Aber besser man bricht die Wahl ab, als noch mehr Verwirrung zu stiften. Das entsprechend unbrauchbare Ergebnis muss man natürlich wegwerfen abdrucken.

Wetten, dass nicht…?

Es gibt Themen, bei denen man nun wirklich denken sollte, dass “Bild” sich auskennt. Die ZDF-Sendung “Wetten, dass” zum Beispiel ist exklusiver Partner der Internet-Schwester von “Bild”, die für die Show einen eigenen “Channel” eingerichtet hat (siehe Ausriss rechts). Beste Voraussetzung dafür, gut informiert zu sein. Theoretisch.

Am vergangenen Sonntag berichteten “Bild am Sonntag” und Bild.de, dass “Europas erfolgreichste Unterhaltungssendung” im Mai “erstmals nicht an einem Samstag ausgestrahlt werde”:

Das gab es noch nie in der 24jährigen Geschichte von “Wetten, dass . .?”.

staunte “Bild” und spekulierte ausführlich über die Konkurrenz zwischen ARD-Volksmusik-Moderator Florian Silbereisen und ZDF-Mann Thomas Gottschalk. Was auch immer hinter der Entscheidung des ZDF für den Sonntags-Termin steckt: Eine Premiere ist es nicht. “Wetten, dass” lief schon drei Mal an einem Sonntag: am 20. Dezember 1987, am 3. April 1988 und am 2. Dezember 1996.

Der Bild.de-Teaser (Ausriss links) ist sogar gleich doppelt falsch, weil die Sendung aus der Türkei, um die es geht, keineswegs das “nächste Mal” ist. Das nächste “Wetten, dass” kommt aus Berlin — klassisch am Samstag.

Danke an Richard J. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 21.50 Uhr: Anstatt die Fehler zu korrigieren, hat Bild.de den Artikel heute Abend kurzerhand ganz entfernt.