Archiv für Februar 24th, 2005

Deutliche politische Willenserklärung

Am Sonntag war Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Die “Bild”-Zeitung ist, kurz gesagt, unglücklich mit dem Ausgang und sehr, sehr, sehr unglücklich, dass womöglich Heide Simonis Ministerpräsidentin bleibt. Und bei Zeitungen ist das nicht anders als bei Menschen: Wenn jemand emotional sehr aufgewühlt ist, leidet häufig die Rationalität.

Am Dienstag beginnt der “Bild”-Kommentar zur Wahl mit folgendem Satz:

Deutlicher als die Wähler in Schleswig-Holstein kann man eine politische Willenserklärung kaum abgeben.

Wenn Kommentator Georg Streiter ein bisschen weniger erregt gewesen wäre, wären ihm vielleicht doch ein paar Möglichkeiten eingefallen, eine noch deutlichere Willenserklärung abzugeben als eine, bei der CDU und FDP zusammen 46,8 Prozent der Wählerstimmen bekommen haben. Etwa die Möglichkeit, dass sie zusammen eine knappe Mehrheit im Landtag bekommen hätten. Oder die Möglichkeit, dass sie zusammen eine deutliche Mehrheit im Landtag bekommen hätten. Oder die Möglichkeit, dass die CDU eine absolute Mehrheit der Stimmen bekommen hätte. Doch, doch, sowas gibt’s, und das sind deutliche politische Willenserklärungen.

Am Mittwoch titelt “Bild” “Aufstand gegen Dänen-Partei”. Wer probt den Aufstand? Nicht die Mitglieder des SSW, wie man annehmen würde, oder das Volk an sich, sondern der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU, der ihr das Recht zum Mitregieren abspricht.

Am Donnerstag schreibt “Bild”, jetzt sei “eine offene Diskussion über Neuwahlen in Schleswig-Holstein entbrannt!” Die “offene Diskussion” besteht darin, dass zwei CDU-Politiker aus Schleswig-Holstein und ein CDU-Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern Neuwahlen fordern.

Ebenfalls am Donnerstag schreibt “Bild”, es werde “bereits über mögliche Abweichler in den Reihen der SPD spekuliert, die der Wahlverliererin, Ministerpräsidentin Heide Simons, bei der geplanten Wiederwahl am 17. März ihre Stimme versagen könnten”. Wer spekuliert? Richtig: Die CDU, genauer: ihr Landessprecher Henning Görtz.

Und wenn man also so richtig emotional aufgewühlt ist und die Unzufriedenheit so gar nicht weggehen will, suchen sich Menschen gerne Außenseiter, Minderheiten, auf die sie ihren Zorn projizieren können. Wie praktisch, dass sich da im konkreten Fall gleich eine Gruppe anbietet: die Dänen.

Warum dürfen diese zwei Dänen die deutsche Politik bestimmen?

fragt “Bild” groß am Dienstag, worauf mindestens dreierlei zu antworten ist: Erstens ist der eine “Däne” gar kein Däne, sondern Friese. Zweitens haben beide “Dänen” die deutsche Staatsbürgerschaft (was “Bild” konsequent verschweigt). Und drittens entscheiden nicht so sehr “zwei Dänen” als vielmehr 51.901 Wähler des SSW.

“Bild” bringt außerdem die Frage auf, ob auch andere Minderheiten die deutsche Landespolitik mitbestimmen könnten, “(z. B. eine ‘Türken-Partei’ in NRW)”, und beantwortet sie so:

Ja. Voraussetzung ist aber der deutsche Paß, um für ein deutsches Parlament zu kandidieren. Für eine “Türken-Partei” würde die übliche Fünf-Prozent-Hürde gelten. Und: Nur Türken mit deutschem Paß dürften sie wählen.

Der letzte Satz ist gleich doppelt irreführend: Natürlich dürften auch nicht-türkischstämmige Deutsche eine solche “Türken-Partei” wählen. Vor allem aber suggeriert “Bild”, dass der SSW auch von Dänen ohne deutschen Pass gewählt werden durfte. Keineswegs. Wahlberechtigt waren auch in Schleswig-Holstein ausschließlich deutsche Staatsbürger.

Deutlicher als “Bild” kann man eine politische Willenserklärung kaum abgeben.

Vermischtes III

Seit vergangenen Samstag ist es endlich raus! Nein, nicht ob Jennifer Lopez schwanger ist! Vielmehr ist (spätestens) seit vergangenen Samstag bekannt, dass “Bild” nicht in die Zukunft sehen kann. Zwar hatte sie vor “Wetten dass…?” so getan (siehe Ausriss), wer sich aber die Sendung daraufhin gespannt ansah, wurde enttäuscht. Tatsächlich sagte Lopez nämlich nichts zu dem Thema.

Und “Bild” hat sogar noch größere Probleme mit dem Sehen, als bisher angenommen, wovon man sich am Montag überzeugen konnte. Im Text zur Titelgeschichte, “Brötchen-Millionär Kamps: Heimliches Baby mit ihr”, stand nämlich über den dreijährigen Marc W.: “Strahlemann-Lachen und süße braune Knopfaugen, ganz wie sein Papa, Multimillionär Kamps”. Tatsächlich hat Heiner Kamps jedoch eher blaue Augen, wie Märchentante Autorin B.A. Friedrich leicht hätte feststellen können, wenn sie einen Blick auf das in “Bild” veröffentlichte Foto geworfen hätte (siehe Ausriss).

Themawechsel: “Kann ein Gorilla-Weibchen seine Pflegerin sexuell belästigen?” Eine ziemlich blöde Frage, vor allem, weil sie über einem Text auf Bild.de steht, in dem es eigentlich um sexuelle Belästigung durch den Arbeitgeber geht, auch, wenn eingangs fälschlich behauptet wird, der Gorilla solle “zwei Tierpflegerinnen sexuell belästigt haben”.

Mit Dank für die sachdienlichen Hinweise an Christoph W., Sven B. und Alexander S.

Pfusch beim Sicherheitscheck

Wenn Sie sich jetzt bitte anschnallen, die Rücklehnen senkrecht stellen und die Tische nach vorne klappen — die “Bild”-Zeitung ist in die Luft gegangen und wir erwarten Turbulenzen. Bitte lassen Sie sich auch von der Überschrift nicht in die Irre führen:

Wie sicher ist meine Fluggesellschaft?

steht zwar über dem betreffenden Artikel bei Bild.de, aber er richtet sich auch an Menschen, die sich nicht extra eine Fluggesellschaft kaufen, um bequem eine Fernreise antreten zu können.

Die Zeitschrift “Aero International” hat, wie jedes Jahr, die Unfallstatistiken der 50 größten Fluggesellschaften ausgewertet. Grundlage ist das “Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre”. Bild.de bezieht sich in seinem Artikel auf “Aero”, verblüffenderweise unterscheidet sich das Bild.de-Ranking jedoch in wesentlichen Punkten von dem “Aero”-Ranking.

Auf Platz 4 steht bei Bild.de “El Al”:

Die Fluggesellschaft aus Israel fliegt seit dem Berechnungszeitraum von 1973 ebenfalls absolut unfallfrei.

Der Satz ist nicht nur grammatisch falsch: Am 4. Oktober 1992 stürzte eine 747-200 von El Al in Amsterdam in ein Wohnhaus; 3 Besatzungsmitglieder, ein Passagier und 43 Menschen am Boden kamen ums Leben. Aber “El Al” ist im “Aero”-Ranking 2004 ohnehin gar nicht vertreten, weil sie nicht mehr zu den 50 größten Fluggesellschaften gehört.

Platz 6 bei Bild.de: “Austrian Airlines”:

Die österreichische Fluggesellschaft, Gründungsjahr 1957, fliegt auch seit 1973 absolut unfallfrei.

Sicherheitsrate 0,00

Bei “Aero” liegen die “Austrian Airlines” nur auf Platz 16, und das aus gutem Grund: Am 4. Januar 2004 musste eine Fokker 70 dieser Gesellschaft nach einem Triebwerksschaden bei München notlanden. Die “Sicherheitsrate” liegt in Wahrheit nur bei 0,07.

Es gibt noch viel mehr Ungereimtheiten, und am Ende eine schlichte Erklärung für alle. Bild.de berichtete vor einem Jahr bereits über das damalige “Aero”-Ranking. Die Überschrift 2004 lautete:

Zum Vergleich die Überschrift von 2005:

Der Texte darunter wurde zwar leicht verändert, aber irgendwer hatte dann offensichtlich keine Lust mehr, auch noch mühsam die neuen Ergebnisse einzutragen, und kopierte stattdessen die Daten von 2004 einfach nach 2005. Und um das Chaos komplett zu machen, führen die Links im aktuellen Artikel zu zwei verschiedenen Adressen: Die Worte “Top-10-Airlines” führen zum Pop-up von 2004, die Worte “die zehn sichersten Airlines der Welt” zum Pop-up von 2005, dessen Daten allerdings bei Bild.de ja ohnehin fälschlicherweise mit denen von 2004 identisch sind.

Verwirrt? Ja, wir auch. Sagen wir es so: Wenn Bild.de eine Fluggesellschaft wäre, würden wir vor der Buchung dringend zu einem Sicherheitscheck raten.

Vielen Dank an Christoph W.!

Nachtrag, 25.02.: Bild.de hat den neuen Artikel mit den falschen Daten anscheinend als Totalschaden klassifiziert und nun komplett aus dem Verkehr gezogen.