TikToks Wortfilter, Ermittlungen ausgeweitet, NDR wehrt sich

1. TikTok schränkt Meinungsfreiheit ein
(tagesschau.de, Svea Eckert & Catharina Felke & Oskar Vitlif)
Tagesschau.de berichtet, dass die chinesische Videoplattform TikTok in Deutschland systematisch Wortfilter einsetzt. Recherchen von NDR, WDR und “Tagesschau” zufolge blockiere der hinter TikTok stehende Konzern mindestens 20 Wörter, darunter “Nazi”, “Sklaven” und “Gas”, aber auch “LGBTQ” und “schwul”. Die “Tagesschau” ist selbst bei TikTok mit einem Kanal vertreten.
Weiterer Lesehinweis: Bei “Message” fragen Florian Görres und Yaejun Rhee: “Immer mehr Medienhäuser platzieren journalistische Inhalte auf Tiktok – doch zu welchem Preis?” In Anspielung auf die aktuellen Enthüllungen zitieren sie “Tagesschau”-Chefredakteur Markus Bornheim, der 2019 gesagt habe: “Wenn wir merken, dass unsere Inhalte rausgenommen werden durch irgendeine Form von Moderation von TikTok, dann werden wir den Kanal sofort zumachen.”

2. NDR erwirkt einstweilige Verfügungen gegen “BI”, “Bild” und “Stern”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Das Landgericht Hamburg hat in mehreren Entscheidungen Verdachtsäußerungen von “Business Insider”, “Bild” und “Stern” in Bezug auf den NDR als unzulässig beanstandet. Der Springer-Konzern habe sich zwischenzeitlich rechtsverbindlich gegenüber dem NDR verpflichtet, nicht mehr zu verbreiten, dass der Chefredakteur und die Politik-Chefin im Landesfunkhaus Kiel ihre Jobs wegen Vorwürfen der Einflussnahme auf politische Berichte verlören.

3. Generalstaatsanwaltschaft weitet Ermittlungen aus
(sueddeutsche.de)
In der Affäre um den RBB hat die Generalstaatsanwaltschaft Berlin laut einem Behördensprecher die Ermittlungen ausgeweitet. Diese würden sich gegen zwei Führungskräfte aus der aktuellen Geschäftsleitung des Senders richten und den Verdacht der Untreue sowie der Beihilfe zur Untreue betreffen.

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4. “Es braucht eine Umverteilung”
(journalist.de, Jan Freitag)
Wer sich für die Hintergründe und die Arbeitsbedingungen in einem Sender wie dem RBB interessiert, sollte unbedingt das “journalist”-Interview mit der “Abendschau”-Moderatorin Eva-Maria Lemke und dem Investigativjournalisten Olaf Sundermeyer lesen. Beide sprechen in schonungsloser Offenheit, kritisieren die Senderführung und mahnen notwendige Reformen an.

5. “Tod auf Raten”
(taz.de, Ralf Leonhard)
Wie Ralf Leonhard aus Österreich berichtet, habe der dortige Ministerrat beschlossen, dass die bisherige Tageszeitung “Wiener Zeitung” nur noch monatlich erscheinen soll. Diese Entscheidung werde heftig kritisiert, sowohl von der Belegschaft als auch von der journalistischen Konkurrenz.

6. »Du bist ein Tyrann und eine Witzfigur«
(spiegel.de)
Der “Spiegel” berichtet von einem Fall, der in der Modewelt für viel Empörung sorgt: Eine Modejournalistin habe Kanye Wests Shirt mit dem Slogan “White Lives Matter” kritisiert. Daraufhin habe der Rapper sie auf Instagram beleidigt und spöttische und beleidigende Kommentare über sie veröffentlicht.

“Die Widerlich-Botschaft von K.I.Z” und “unser Oktoberfest, wie es wirklich ist”

Einst war die Rap-Crew K.I.Z für die “Bild”-Redaktion eine “Berliner Hip-Hop-Band” mit “Kultstatus”, ihre Live-Auftritte galten als “absolute Weltspitze”, und die Gruppe sei “schon länger dafür bekannt, sich zu Gesellschaftsthemen zu äußern.” Aber nun, wo sich Tarek, Maxim und Nico in einem neuen Song dem Oktoberfest gewidmet haben, ist alles anders:

Screenshot Bild.de - Song-Video stellt Wiesn als Suff-Koks-Kotz-Party dar - Berliner Deppen-Rapper verärgern Stadt und Wirte
(Der Vollständigkeit halber: Auf dem Weg vom “Kultstatus” zu den “Deppen-Rappern” gab es noch den Zwischenschritt “Gewalt-Verherrlicher”.)

K.I.Z und das Frankfurter Rap-Duo Mehnersmoos haben kürzlich einen Song mit dem Titel “Oktoberfest” veröffentlicht. Das dazugehörige Video, eine Collage mit allerlei Saufeireien, Pinkeleien, Torkeleien, Kotzereien, Prügeleien, Koksereien und Fummeleien vom Oktoberfest, wurde erst bei Youtube hochgeladen, dann von Youtube gesperrt, genauso wie der gesamte K.I.Z-Kanal, der inzwischen wieder erreichbar ist, allerdings ohne das “Oktoberfest”-Video. Und nun ist die “Bild”-Redaktion wütend, aber nicht, weil sie wie sonst immer, wenn etwas Künstlerisches gelöscht wurde, irgendwas mit “Cancel Culture” vermutet, sondern weil “unsere Wiesn” von den “Berliner Deppen-Rappern” besudelt werden:

Das Video, das die Berliner Rapper Tarek, Maxim und Nico (“K.I.Z”) zu ihrem neuen Song “Oktoberfest” auf YouTube hochgeladen hatten, zeigt unsere Wiesn als Suff-Koks-Kotz-Vergewaltigungs-Arie.

Die Widerlich-Botschaft von K.I.Z: Oktoberfest heißt knutschen mit Uli Hoeneß, koksen mit Markus Söder, vollgepisste Lederhosen, tausende bayerische Frauenschläger, überall Schnapsleichen. Ein mit 3 Promille tot gefahrenes Kind.

Die “Bild”-Autorin zitiert einen empörten “Wiesn-Wirte-Sprecher” (und auch nur den, sonst niemanden) und gibt sich große Mühe, das Bild vom Oktoberfest geradezurücken:

“Billige Effekthascherei”, schimpft Wiesn-Wirte-Sprecher Peter Inselkammer. “Die Bilder und Worte entsprechen nicht der Realität. Es ist leider ein Trend, dass Menschen die Wiesn benutzen, um selbst Aufmerksamkeit zu bekommen.”

Aber dass die Tatsachen falsch dargestellt werden, das ist eine neue, unschöne Variante der Oktoberfest-Sonnen-Mitnutzer. Die Wiesn 2022 war eine friedliche, fröhliche, ausgelassene. Es gab keine Schnapsleichen unter Tischen in Zelten. Es flogen keine Bierkrüge durch die Menge. Keine Koks-Linien auf den Biertischen.

Für die “Bild”-Redaktion steht fest:

Von Skandal keine Spur: die Wiesn 2022 waren fröhlich, friedlich und herzlich

So lautet eine Bildunterschrift. Und eine andere:

Wiesnchef Clemens Baumgärtner ist zu Recht stolz auf unser Oktoberfest, wie es wirklich ist

Wie das gerade zu Ende gegangene Oktoberfest “wirklich” war, kann man unter anderem herausfinden, indem man in die “Wiesn-Abschlussbilanz der Münchner Polizei” (PDF) schaut: Die Gesamtzahl der Straftaten sei im Vergleich zum Oktoberfest 2019 “etwa gelichbleibend”. Bei den Gewaltdelikten habe es einen Rückgang gegeben, bei den angezeigten Sexualdelikten einen leichten Anstieg. Im direkten Umfeld des Oktoberfests kam es zu einem versuchten Totschlag.

Wenn “Bild” schreibt, es seien keine Bierkrüge durch die Menge geflogen, ist das entweder völlig unwissend oder gelogen, jedenfalls schlicht falsch. 35 Fälle zählte die Polizei, in denen es zu Körperverletzungen mit dem Tatwerkzeug Maßkrug kam, drei mehr als 2019. Ein Beispiel aus einem Polizeibericht:

Zeitgleich kam ein dritter Täter hinzu, der mit voller Wucht dem immer noch am Boden liegenden 23-jährigen Geschädigten einen Maßkrug auf den Kopf schlug.

Ein weiterer beispielhafter Fall:

Am Samstag, 24.09.2022, gegen 22:00 Uhr, gerieten ein 25-Jähriger mit Wohnsitz in München und ein 22-Jähriger aus dem Landkreis Schwandorf in Streit. Im weiteren Verlauf des Streites warf der 25-Jährige dem 22-Jährigen einen Maßkrug ins Gesicht.

Und noch einer:

Am Mittwoch, 28.09.2022, gegen 19:00 Uhr, kam es in einem Festzelt zwischen einem 38-jährigen Franzosen und seinen Begleitern zunächst zu einem verbalen Streit mit einem 25-jährigen Australier. Im Laufe der Auseinandersetzung griff der Franzose nacheinander mehrere auf dem Biertisch stehende Maßkrüge und warf diese in Richtung des 25-Jährigen. Durch die Würfe wurde der 25-Jährige am Kopf getroffen und ging daraufhin mit einer Platzwunde zu Boden. Ein weiterer Maßkrug traf einen bislang unbekannten Geschädigten, der sich jedoch anschließend unerkannt entfernte.

Wenn es im Song von K.I.Z und Mehnersmoos also heißt “Heute schieß’ ich mir die Birne weg, Bierkrüge fliegen durchs Wiesn-Zelt” oder “Ich haue einem Bauern die Augen lila, mit einem Bierkrug von Augustiner” oder “Ich steh’ mit Motorradhelm, mitten im Bierkrughagel, werd’ dir das Riesenmaß, über die Rübe schlagen” ist das nicht völlig entkoppelt von der Realität.

Genauso die Textzeile “Bin hacke und mache den Hitlergruß”. Die Polizei berichtet von mehreren Fällen, in denen Personen den Hitlergruß gezeigt oder Äußerungen mit Bezug zur NS-Zeit getätigt haben sollen.

Und auch zur Songpassage “Heut begeh’ ich einen sexuellen Übergriff, Spießer sagen: ‘Vergewaltigung’, wir nennen es einfach nur ‘Tradition'” findet man Zahlen in der “Wiesn-Abschlussbilanz der Münchner Polizei”: Es gab in diesem Jahr Anzeigen zu drei Vergewaltigungen und einer versuchten Vergewaltigung auf dem Oktoberfestgelände. Insgesamt hat die Polizei 55 Sexualdelikte gezählt (2019: 47).

Dass es, wie “Bild” schreibt, “keine Koks-Linien auf den Biertischen” gegeben hat, ist eher unwahrscheinlich. Die Polizei schreibt in ihrer Abschlussbilanz:

Im Bereich der Aufgriffe von Betäubungsmittel wurde ein Rückgang festgestellt. Die Polizei leitete hier 184 (-22,7%; 2019: 238) Ermittlungsverfahren ein (Festnahmen: 2022: 174; 2019: 242). Hauptsächlich handelte es sich dabei um den unerlaubten Besitz von geringen Mengen von illegalen Betäubungsmitteln. Vorwiegend konnte Cannabis und Kokain festgestellt werden. Der Rückgang der Aufgriffe im Vergleich zu 2019 lässt sich vermutlich ebenfalls auf die schlechte Witterung zurückführen.

Angesichts der völligen Leugnung aller negativen Aspekte am Oktoberfest durch “Bild”, wo es noch nicht mal “Schnapsleichen unter Tischen in Zelten” geben darf, scheint ein Song mit dem gegrölten Refrain “O, o, o’zapft is, wenn du mich suchst, ich liege unterm Tisch, O, o, o’zapft is, die Lederhosen san vollgepisst” einer Band, die sich wahlweise als “Kannibalen in zivil” oder “Klosterschüler im Zölibat” bezeichnet, der Realität deutlich näher zu kommen als der Artikel einer Redaktion, die vorgibt, journalistisch zu arbeiten.

Auf der heutigen “Bild”-Titelseite findet man übrigens diese Geschichte:

Ausriss Bild-Titelseite - Er spricht von Raub. Er wurde gefesselt und festgesetzt - FDP-Politiker schlägt Frau ins Gesicht
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Wo das passiert sein soll? Auf dem “fröhlichen, friedlichen und herzlichen” Oktoberfest.

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Nichts begriffen, Amigo-Kultur?, “Stinkefinger an die Leserschaft”

1. “Die hat noch immer nicht begriffen, worum es wirklich geht”
(journalist.de, Jan Freitag)
Beim “journalist” sprechen Kayhan Özgenç und Jakob Wais von “Business Insider” über ihre Recherchen zum Fall der ehemaligen RBB-Intendantin Patricia Schlesinger, der sie wenig Einsicht attestieren: “Es mangelt ihr offenbar bis heute an Verständnis, Selbstkritik, Demut – von Reue gar nicht zu sprechen – darüber, dass sie womöglich übers Maß ihrer Privilegien hinausgeschossen ist. Und das, während kaum jemand im Sender sagt, wie schade es sei, dass Patricia Schlesinger gehen musste. Diese Stimmung überhaupt nicht wahrzunehmen, ist besonders für eine Journalistin, die ja davon lebt, Stimmungen zu erspüren, schon überraschend.”
Weitere Lesehinweise: In der Affäre um den RBB habe die Generalstaatsanwaltschaft Berlin die Ermittlungen auf den Verwaltungsdirektor und ehemaligen stellvertretenden Intendanten sowie die Juristische Direktorin ausgeweitet (sueddeutsche.de).
Außerdem hat die “Business-Insider”-Redaktion mit ihren Recherchen zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk nachgelegt: Amigo-Kultur? Wie der Nachbar und Mieter der stellvertretenden NDR-Intendantin vom öffentlich-rechtlichen Sender profitiert (Philip Kaleta).

2. Leuchtturm 2022 für Arndt Ginzel
(netzwerkrecherche.org)
Das Netzwerk Recherche (nr) hat auf seiner Jahreskonferenz den Journalisten Arndt Ginzel mit dem “Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen 2022” ausgezeichnet: “Arndt Ginzel ist mit seinen Recherchen wie kaum jemand sonst vor Ort russischen Kriegsverbrechen nachgegangen und hat damit dem deutschen Publikum auf herausragende Weise die Schrecken dieses Krieges Nahe gebracht. Wir freuen uns sehr, ihn mit dem diesjährigen Leuchtturm des Netzwerk Recherche auszuzeichnen”, so der nr-Vorsitzende Daniel Drepper. Die Laudatio hielt “Spiegel”-Reporter Christoph Reuter (youtube.com, 14:30 Minuten).

3. Der Nestbeschmutzer zu NR22 zum Nachlesen
(netzwerkrecherche.org)
Anlässlich der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche haben Studierende der Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg erneut eine Zeitung produziert. Der kostenlos als PDF verfügbare “Nestbeschmutzer” widmet sich unter anderem dem Klima- und Lokaljournalismus, den Schwierigkeiten der Kriegsberichterstattung und der mangelnden Diversität in Redaktionen.

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4. Warum SZ-Journalismus visueller wird
(sueddeutsche.de, Wolfgang Jaschensky & Astrid Müller & Christian Tönsmann)
Die “Süddeutsche Zeitung” will online visueller werden und setzt dabei auf ein Programm, das eine visuell ansprechendere Einbettung von interaktiven Grafiken, großen Bildern und Videos und damit ein ästhetischeres Layout ermögliche: “Die Software war ein Experiment, das bei seiner ersten Anwendung funktionieren musste: Es gab keine Erfahrung, geschweige denn Routine mit der Veröffentlichung, es gab nicht einmal einen Knopf, auf dem ‘veröffentlichen’ stand.” Ein lohnenswerter Blick in die Werkstatt.

5. Musk will Twitter jetzt doch kaufen
(tagesschau.de)
Nach einem schier endlosen Hin und Her will Tech-Milliardär Elon Musk den Onlinedienst Twitter nun wohl doch kaufen. Eigentlich sollte diesen Monat der Prozess über den möglichen Rücktritt vom Vertrag beginnen. Das kann allerdings vermieden werden, sollten sich beide Parteien auf die ursprünglichen Bedingungen verständigen.

6. Das Medium als Insel, die niemand verlassen darf
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Markus Reuter ärgert sich über etwas, über das wir uns alle schon geärgert haben: Die Unsitte großer Medienplayer, keine Links auf externe Webseiten zu setzen (und wenn sie Links setzen, dann oft nur zu irgendwelchen Seiten des eigenen Angebots). Reuter fasst zusammen: “Wer Links vermeidet, hat nicht genug Arsch in der Hose, um an die eigenen Inhalte und an die eigenen Leser:innen zu glauben. Es ist ein Stinkefinger an die Leserschaft. Und ein journalistisches Armutszeugnis.”

Verschlossene Auster Tesla, Doofe “Tausend Zeilen”, Precht & Welzer

1. Verschlossene Auster 2022 für Tesla
(netzwerkrecherche.org, Franziska Senkel)
Traditionell verleiht das Netzwerk Recherche, die Vereinigung der Investigativjournalistinnen und -journalisten, alljährlich einen Negativpreis für “den Informationsblockierer des Jahres”: die “verschlossene Auster”. Die fragwürdige Auszeichnung geht dieses Jahr an den Automobilhersteller Tesla. Das Unternehmen sei “seit Jahren dafür bekannt, Recherchen und Berichterstattung aktiv und aggressiv zu behindern. Elon Musk selbst hat in der Vergangenheit immer wieder Journalist:innen bedroht, verbreitet regelmäßig Falschnachrichten und manipuliert die Medien für seine persönlichen finanziellen Interessen”, so der Netzwerk-Recherche-Vorsitzende Daniel Drepper in seiner Begründung.

2. Wie doof kann ein Film sein? Bully: Ja!
(youtube.com, Wolfgang M. Schmitt, Video: 20:20 Minuten)
Regisseur Bully Herbig hat die “Spiegel”-Affäre um Claas Relotius verfilmt. Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt hat sich den Film “Tausend Zeilen” angeschaut. In seiner sehens- und hörenswerten Analyse befindet er: “Eigentlich ist das Kino der ideale Ort für eine Hochstaplergeschichte, da der Film ohnehin eine Kunst ist, die mit der Lüge flirtet. Daraus aber macht Herbig nichts – weder inhaltlich noch ästhetisch.”

3. «Man ist für jede staatliche Corona-Massnahme, oder man ist Schwurbler und Querdenker» – Richard David Precht und Harald Welzer rechnen mit den Medien ab
(nzz.ch, Lucien Scherrer)
“Richard David Precht und Harald Welzer gehören zu jenen Intellektuellen, die in den deutschsprachigen Medien fast noch wichtiger genommen werden, als sie sich selbst nehmen.” Die beiden Autoren würden mit ihrem jüngsten Buch über die “Selbstgleichschaltung” der Medien (so eine mittlerweile entfernte Formulierung aus der Vorankündigung des Buchs) ein seltsames Medien- und Demokratieverständnis offenbaren, findet Lucien Scherrer in der “NZZ”.

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4. Fluten wir die Wutmaschinen mit Journalismus!
(arminwolf.at)
“Ich finde ja, dass Social Media den öffentlichen Diskurs ziemlich versaut haben. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass es auf Social Media seriösen Journalismus geben muss und dass professionelle Medien dort aktiv sein sollen.” In seinem Essay plädiert ORF-Anchor Armin Wolf dafür, dass Medien sich in den Sozialen Medien weiterhin engagieren: “Sie sollen posten und aktiv sein und, soweit sie es personell und zeitmäßig schaffen, auch mit ihrem Publikum diskutieren. Sie sollen dort, wo Millionen Menschen sind, zuhören, Kritik annehmen, die eigene Arbeit erklären und auch zurückreden, wenn es notwendig ist. Aber die wichtigste Aufgabe ist: Flood the zone with journalism.”

5. “Querdenken schlägt Dich, Polizei schaut weg und das gericht interessiert es nicht”
(belltower.news, Luisa Gerdsmeyer)
Der Journalist Julian Rzepa wurde auf einer “Querdenken”-Demonstration in Freiburg von mehreren Demonstrierenden körperlich angegriffen, sein Kameraobjektiv wurde dabei zerstört. Rzepa habe gegen die Haupttäterin Anzeige erstattet, doch das Verfahren sei aufgrund von “mangelndem öffentlichen Interesse” eigestellt worden. Im Gespräch mit dem Opferfonds “CURA” berichtet er von seiner anstrengenden Arbeit, dem Angriff auf ihn und dem Ausgang des Verfahrens, das ihn desillusioniert habe.

6. Ein epd-Interview mit Günter Wallraff
(epd.de, Diemut Roether)
Die Lichtgestalt des Investigativjournalismus, Günter Wallraff, ist am vergangenen Wochenende 80 Jahre alt geworden. Diemut Roether vom Evangelischen Pressedienst sprach mit ihm über verdeckte Recherchen, seine zahlreichen Prozesse, das “Team Wallraff” und über Vorbilder im Journalismus.

KW 39/22: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich (langes) Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Mildes Urteil nach Nazi-Angriff auf Journalisten
(ndr.de, Zapp, Julian Feldmann, Video: 15:36 Minuten)
Vor vier Jahren kam es in Thüringen zu einem heftigen Zwischenfall: Als zwei Fotografen vor dem Haus eines NPD-Politikers fotografierten, wurden sie von zwei Neonazis angegriffen und schwer verletzt. Eines der Opfer erlitt einen Schädelbruch, das andere einen Messerstich ins Bein. Nach einem langwierigen Verfahren kam es nun zu einem Urteil, das sowohl von den Opfern als auch von Außenstehenden als verstörend mild empfunden wird. Julian Feldmann ist ins thüringische Fretterode gereist und hat mit einem der Opfer sowie dem Sprecher des Landgerichts gesprochen.

2. Markus Feldenkirchen in der “Hörbar Rust”
(ardaudiothek.de, Bettina Rust, Audio: 1:22:43 Stunden)
In der “Hörbar Rust” begrüßt Bettina Rust den Journalisten Markus Feldenkirchen, der im Hauptstadtbüro des “Spiegel” arbeitet und den “Spiegel”-Video-Talk “Spitzengespräch” moderiert. Darüber hinaus ist Feldenkirchen auch als Gast von TV-Talkshows und als Sachbuchautor (“Die Schulz-Story”) bekannt. Im Gespräch mit Bettina Rust geht es um seinen Werdegang, beginnend mit seiner “phantastischen Jugend” bis hin zur Jetztzeit.

3. Warum sollten sich Medienschaffende regelmäßig mit Medienrecht auseinandersetzen, Dr. Gabriele Stark?
(newsfluence.podigee.io, Eva-Maria Schmidt, Audio: 23:29 Minuten)
In der aktuellen “Newsfluence”-Folge erklärt die auf Medienrecht spezialisierte Juristin Gabriele Stark, wie sich Journalistinnen und Journalisten vor unnötigen Abmahnungen und teuren Strafen schützen können und welche Rechte sie kennen und beachten müssen.

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4. Wieso werden Werkstätten für behinderte Menschen in den Medien kaum kritisiert?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 15:33 Minuten)
Beim RBB-Hörfunksender Radio Eins sprachen vergangene Woche Menschen mit und ohne Behinderung täglich über Themen wie Barrierefreiheit und die Frage, wie inklusiv der RBB selbst ist. Dabei trafen der Aktivist Raul Krauthausen, der mit seinem Verein “Sozialhelden” für mehr Teilhabe kämpft, und Beatrix Babenschneider, eine ehemalige Werktstatträtin, aufeinander. Das Publikum der Diskussion sei offenbar fast ausschließlich mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Werkstätten für Menschen mit Behinderung besetzt gewesen. Das habe für eine erhebliche Schieflage gesorgt, so die vielgeäußerte Kritik in den Sozialen Medien. Holger Klein hat sich mit Raul Krauthausen über das Thema ausgetauscht.

5. Interviews freigeben – Fluch oder Segen?
(talkingdigital.de, Kristin Dolgner & Sachar Klein & Giuseppe Rondinella, Audio: 35:01 Minuten)
Bei “Talking Digital” geht es um den Freigabeprozess von Interviews: “Warum haben solche gescheiterte Interviews in den vergangenen Jahren gefühlt zugenommen? Warum überhaupt hat sich diese Autorisierungspraxis nur in Deutschland durchgesetzt? Was sind Vor- und Nachteile? Und warum machen Medien gescheiterte Interviews selbst zum Thema?”

6. “Markus Lanz” vom 29. September 2022
(zdf.de, Markus Lanz, Video: 1:16:05 Stunden)
Das neue Buch von Philosoph Richard David Precht und Soziologe Harald Welzer (“Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist”) kam in den bisherigen Rezensionen (“FAZ”, “Übermedien”, “Frankfurter Rundschau”, “Stern”) nicht allzu gut weg. In der Talksendung von Markus Lanz diskutierten die beiden Buchautoren mit der “Spiegel”-Journalistin Melanie Amann und dem “Welt”-Journalisten Robin Alexander. Ein bemerkenswertes Aufeinandertreffen.

Twitters Probleme, Scheitern an Google, Ohne Rückendeckung

1. Werbekunden fordern von Twitter Maßnahmen gegen Kindesmissbrauch
(spiegel.de, Torsten Kleinz)
Auf Twitter sollen mehr als 500 Accounts Werbung für Kindesmissbrauchsmaterial gemacht haben. Die Tweets hätten der Kontaktanbahnung gedient und seien mit Codewörtern oder einschlägigen Hashtags versehen worden. Als Reaktion darauf hätten einige Großkunden ihre Anzeigenkampagnen gestoppt. Twitters Nachlässigkeit in dem Bereich könnte also noch teure Folgen haben.
Weiterer Lesetipp: Porno-Riesen schränken Suchfunktion ein – teilweise: “Die drei weltgrößten Pornoseiten reagieren auf Fälle sexualisierter Gewalt. Sie schließen problematische Begriffe aus der Suche aus, Pornhub verlinkt gar auf Hilfsangebote. Im direkten Vergleich sticht eine Seite jedoch heraus.” (netzpolitik.org, Sebastian Meineck)

2. Buchtipp: Neuauflage “Der Aufmacher”
(verdi.de, Tilmann P. Gangloff)
Zum achtzigsten Geburtstag von Günter Wallraff veröffentlicht der Verlag Kiepenheuer & Witsch eine Neuauflage des “Bild”-kritischen Klassikers “Der Aufmacher”. Das Buch entpuppe sich als überraschend aktuell, wie Tilmann P. Gangloff findet. Die Mechanismen des Marktes seien die gleichen geblieben: “Die Digitalisierung hat diese Art von ‘Journalismus’ nicht verändert, er ist bloß noch überdrehter geworden.”
Weiterer Hinweis: Natürlich muss in diesem Zusammenhang auf das Buch meiner BILDblog-Kollegen Moritz Tschermak und Mats Schönauer verwiesen werden: Ohne Rücksicht auf Verluste – Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet (kiwi-verlag.de).

3. Hätten Precht und Welzer doch einfach mal jemanden gefragt!
(uebermedien.de, Nils Minkmar)
Vor wenigen Tagen haben der Philosoph Richard David Precht und der Soziologe Harald Welzer ihr neues medienkritisches Buch vorgestellt (“Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist”). Nach Harald Staun (siehe die “6 vor 9” vom 27. September) beschäftigt sich nun auch Nils Minkmar mit dem Werk. Sein Eindruck: “Was die beiden eigentlich mit diversen Gedankengängen und nur halb tauglichen Beispielen beklagen, ist ihre Minderheitenposition in der Ukrainefrage, denn beide verhalten sich abwartend bis neutral, was die Hilfe für Kiew angeht.”

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4. Was bekommen junge Erwachsene für ihren Rundfunkbeitrag?
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, 37:11 Minuten)
Jutta Harrer-Amersdorffer, Professorin für soziale Arbeit, will wissen, warum es für junge Erwachsene nicht mehr Angebote bei ARD und ZDF gibt. Darüber diskutiert sie mit HR-Intendant Florian Hager, bis vor Kurzem für die Entwicklung der ARD-Mediathek verantwortlich, und Annika Schneider aus der Deutschlandfunk-Medienredaktion.

5. Freie Krisen- und Kriegsreporter – Im Einsatz ohne Rückendeckung
(message-online.com)
Laurent Schons Film “Im Einsatz ohne Rückendeckung” (youtube.com, 12:11 Minuten) beschäftigt sich mit dem Thema Kriegsberichterstattung und lässt einige erfahrene Reporterinnen und Reporter zu Wort kommen: “Jörg Armbruster und Alex Chan Tsz Yuk – beide gerieten im Einsatz unter Beschuss. ‘Netzwerk Recherche’-Vorstandsmitglied Pascale Müller und Auslandskorrespondent Marc Engelhardt geben Einblicke in die Branche und ‘Reporter ohne Grenzen’-Sprecher Christopher Resch zeigt Wege aus der Krise auf.”

6. Deutsche Verlage scheitern an Google
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz & Alexander Fanta)
“Eigentlich sollten Google und weitere Tech-Konzerne den Medien in Europa Geld für die Nutzung ihrer Inhalte zahlen. Doch während die Presse anderswo Millionen an Lizenzgebühren kassiert, kommt hierzulande wenig an. Das Nachsehen haben insbesondere Journalist:innen.” Ingo Dachwitz und Alexander Fanta erklären, warum die deutschen Verlage nicht weiterkommen im Kampf um die Digitalgelder der Plattform-Giganten.

Führungskräfte versetzt, “Grow Greenhouse”, Whistleblowerschutz

1. Landesfunkhauschef versetzt Redaktions-Führungskräfte
(spiegel.de)
Obwohl ein interner Prüfbericht Norbert Lorentzen, Chefredakteur des NDR Kiel, und die Politikchefin Julia Stein hinsichtlich eines etwaigen “politischen Filters” in der Berichterstattung entlastet habe, werden beide versetzt. Nach Angaben des Landesfunkhausdirektors sei das Vertrauen verloren gegangen. Im Bericht sei ein schlechtes Briebsklima attestiert worden. Die zwei Führungskräfte sollen neue Aufgaben außerhalb des Landesfunkhauses Schleswig-Holstein erhalten.

2. Whistleblowerschutz unzureichend
(djv.de)
Ein Bündnis aus Medienorganisationen und -unternehmen kritisiert das neue Regelwerk zum Whistleblowerschutz – es seien Nachschärfungen nötig. Der aktuelle Gesetzesentwurf der Bundesregierung zum Schutz von Hinweisgebern bleibe nach wie vor hinter den Möglichkeiten der EU-Whistleblower-Richtlinie zurück und genüge nicht den Erfordernissen der Schutzbedürftigen und der Medienschaffenden. Der Bundestag soll heute in erster Lesung über das Gesetz beraten.

3. Wir bringen das Grow Greenhouse an den Start
(netzwerkrecherche.org)
Mit Unterstützung der Schöpflin Stiftung baut das Netzwerk Recherche ein Zentrum für gemeinnützigen Journalismus und Medienvielfalt auf: das “Grow Greenhouse”. Der Bezug zum Gewächshaus ist bewusst gewählt: “Ein Greenhouse ist ein Ort, der Pflanzen Schutz bietet und der für ein günstiges Klima sorgt. Wir schaffen einen solchen Schutzraum für den gemeinnützigen Journalismus”, so Thomas Schnedler, Projektleiter beim Netzwerk Recherche.

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4. Ferngespräche: China
(ardaudiothek.de, Holger Klein, Audio: 52:25 Minuten)
Im radioeins-Korrespondenteninterview spricht Holger Klein mit Benjamin Eyssel, der für die ARD aus Peking berichtet. Es geht dabei auch um die strikten Restriktionen und Kontrollen, denen sich Journalistinnen und Journalisten ausgesetzt sehen und die von offizieller Seite mit der Null-Covid-Politik begründet werden. Schlimmer sei die Situation jedoch für die inländischen Medienschaffenden, deren Lage Eyssel mit den Worten zusammenfasst: “Journalismus im Land selbst ist tot.”

5. Social Media Watchblog Briefing #828
(socialmediawatchblog.de)
Das “Social Media Watchblog” hat eine freie Ausgabe seines Briefings veröffentlicht, in dem es unter anderem um die jüngsten Entwicklungen bei TikTok geht. In den USA habe es erhebliche Sicherheitsbedenken gegeben, was die aus China stammende Plattform betrifft, doch nun stehe eine Einigung mit der US-amerikanischen Regierung bevor. Weitere Nachrichten betreffen social-media-relevante Themen aus Politik und Journalismus sowie neue Features bei den unterschiedlichen Plattformen.

6. How Cars Are Destroyed For Movies & TV
(youtube.com, Movie Insider, Video: 8:46 Minuten)
Hollywoods Regisseure lassen in ihren Actionfilmen gerne bildgewaltig Autos zu Bruch gehen, indem diese von der Straße abkommen, sich überschlagen, miteinander kollidieren oder niedergewalzt werden. Dafür bedarf es jedoch einer gewissen Vorbereitung. Kfz-Spezialisten präparieren die Fahrzeuge, damit es auch ja zu spektakulären Szenen kommt. Bei “Movie Insider” werden einige Ausschnitte aus Filmen gezeigt und deren Entstehungsgeschichten beleuchtet. Alles in englischer Sprache, aber eigentlich reichen schon die Bilder.

NDR-Untersuchung, Filmkritik zu “Tausend Zeilen”, Rundfunkbeitrag

1. NDR-Untersuchung findet keine Belege für “politischen Filter”
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Uwe Mantel berichtet über die Ergebnisse einer internen NDR-Untersuchung zu den Vorwürfen gegen das NDR-Landesfunkhaus Schleswig-Holstein. So etwas wie einen “politischen Filter” in der Berichterstattung soll es nicht gegeben haben, dafür aber Probleme beim Redaktionsklima. Auch der NDR berichtet über die eigene Aufarbeitung. Oder wie Fabian Goldmann auf Twitter zusammenfasst: “Nach Berichten des NDR, der NDR habe unzulässigen Einfluss auf die Berichterstattung des NDR genommen, habe der NDR den NDR nun von allen Vorwürfen seitens des NDR freigesprochen, berichtet der NDR.”

2. Die Zusatzeinnahmen der Intendanten
(tagesschau.de, Sebastian Friedrich & Katharina Schiele)
Die Intendanten und Intendantinnen der öffentlich-rechtlichen Sender beziehen recht unterschiedliche Jahresgehälter, und auch bei den möglichen oder tatsächlichen Zusatzeinnahmen gibt es starke Differenzen. Der NDR hat sich bei den unterschiedlichen Sendern nach den dort geltenden Regeln erkundigt.
Lohnenswerte anderthalb Hör-Minuten dazu: Nebeneinnahmen von ARD-Intendanten nicht einheitlich geregelt (tagsschau.de, Marcus Engert).

3. Rundfunkbeitrag steht nicht zur Debatte
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) spricht sich gegen Äußerungen von Politikern aus, die den Rundfunkbeitrag einfrieren wollen. Es sei “weder angemessen, noch politisch hilfreich”, wenn Spitzenpolitiker die Affäre um Ex-RBB-Intendantin Patricia Schlesinger zum Vorwand nähmen, um “die Axt an den Rundfunkbeitrag” zu legen, so der DJV-Vorsitzende Frank Überall: “Das wäre so, als ob nach einer politischen Affäre die Kürzung der Abgeordneten-Diäten oder eine Fusion von Ministerien diskutiert würde.”

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4. Facebook enttarnt Propagandanetzwerke, sperrt 1600 Accounts
(spiegel.de)
Das Unternehmen Meta habe auf seiner Plattform Facebook zwei Propagandanetzwerke enttarnt und im Zuge dessen über 1.600 Accounts gelöscht. Das erste Netzwerk sei bereits Ende August nach Recherchen von t-online.de aufgeflogen. Die andere Operation sei von China ausgegangen und habe offenbar versucht, den Wahlkampf in den USA zu beeinflussen. Neben Facebook seien auch die Plattformen Twitter und Instagram betroffen gewesen.

5. Filmkritik zu “Tausend Zeilen”: Eine augenzwinkernde Abrechnung
(fachjournalist.de, Dobrila Kontić)
Der Regisseur Bully Herbig hat die “Spiegel”-Affäre um Claas Relotius verfilmt. “Tausend Zeilen”, so der Titel des Films, kommt am morgigen Donnerstag in die Kinos. Die Journalistin und Filmkritikerin Dobrila Kontić konnte sich das Werk bereits ansehen. Sie ist mit einigen Dingen zufrieden, hätte sich aber mehr gewünscht: “In seiner Gesamtheit greift dieser Film aber – anders als Helmut Dietls Schtonk! (1992) – über die Kritik am Gebaren der Chronik-Verantwortlichen nicht weit genug hinaus, um wirklich als schonungslose Mediensatire zu gelten. Hier wäre stattdessen ein wenig mehr Vertrauen in die Differenziertheit und Nachdenklichkeit der weiterhin lesenswerten Buchvorlage wünschenswert gewesen.”

6. 10 Wege, um (online) immer Recht zu haben
(dirkvongehlen.de)
Dirk von Gehlen hat zehn Ratschläge, wie es gelingt, jederzeit Recht zu behalten. Es ist ein buntes Potpourri dessen, was man bei Online-Debatten alles falsch machen kann.

Irans Internetzensur, Milliarden-Begräbnis, Totgeschwiegene Promis

1. Wie wir die Internetzensur umgehen
(deutschlandfunk.de, Anh Tran & Brigitte Baetz)
Im Iran gehen immer mehr Menschen auf die Straße, um gegen das Regime zu protestieren. Vor allem in den Sozialen Medien kann man sehen, wie mutige Frauen sich öffentlich die Haare abschneiden oder ihre Hijabs vom Kopf reißen und verbrennen. Mittlerweile sperren Irans Herrscher rigoros Internetdienste, damit derartige Bilder nicht an die Öffentlichkeit gelangen, und sich die Leute nicht vernetzen können. Im Deutschlandfunk beschreibt Constanze Kurz vom Chaos Computer Club, wie man Menschen im Iran einen anonymen Online-Zugang ins freie Internet verschaffen kann.
Weitere Lesehinweise: Bei der “taz” erklärt “NetBlocks”-Gründer Alp Toker, wie die Internet-Blockaden funktionieren, und welche Alternativen die Menschen haben. Der Deutsche Journalisten-Verband fordert Bundesaußenministerin Annalena Baerbock auf, sich bei der iranischen Regierung für die sofortige Freilassung aller inhaftierten Journalistinnen und Journalisten im Land einzusetzen.

2. Die totgeschwiegenen Promis
(faz.net, Harald Staun)
Der Philosoph Richard David Precht und der Soziologe Harald Welzer haben ihr neues medienkritisches Buch vorgestellt. Es trägt den Namen “Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist”. Was die Resonanz betrifft, können die beiden Autoren nur gewinnen, findet Harald Staun: “Man wird, was immer man auch sagt, den beiden Denkern nur Recht geben können – sei es, indem man ihrer Diagnose von der ‘Einhelligkeit der veröffentlichten Meinung’ zustimmt; oder indem man ihnen widerspricht und damit die Intoleranz für abweichende Meinungen belegt, die sie beklagen.”

3. Scheinreferendum, hurra!
(t-online.de, Lars Wienand)
Bei den russischen Scheinreferenden in der Ost-Ukraine sind Recherchen von t-online.de zufolge mehrere Deutsche im Einsatz, darunter auch ein ehemaliger ARD-Moderator, der für allerlei Falschbehauptungen verantwortliche Betreiber der Seite “Anti-Spiegel” sowie ein langjähriger NDR-Redakteur. Letzterer hat inzwischen seinen Lehrauftrag an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft verloren.

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4. TikTok droht wegen möglicher Datenschutzverstöße Millionenstrafe
(zeit.de)
TikTok soll in Großbritannien zwischen 2018 und 2020 die Daten von Kindern ohne angemessene Einwilligung der Eltern verarbeitet haben. Dem Unternehmen drohe nun laut einer Mitteilung der britischen Datenschutzbehörde ICO eine Strafe in Höhe von 27 Millionen Pfund (etwa 30 Millionen Euro). TikTok habe der Einschätzung der Behörde widersprochen und eine Stellungnahme angekündigt.

5. Vor allem Bildung
(sueddeutsche.de, Aurelie von Blazekovic)
Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner und FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai stellten am Montag fünf Vorschläge für einen “modernen, leistungsfähigen und transparenten” öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor, die das Präsidium der Partei zuvor beschlossen hatte. Aurelie von Blazekovic fasst den Reform-Vorstoß für die “Süddeutsche” zusammen.

6. Wie “Oe24” und die “Krone” die Kosten für das Queen-Begräbnis maßlos in die Höhe schießen lassen
(kobuk.at, Elisabeth Kröpfl)
Wenn man den Angaben der österreichischen Boulevardredaktionen “Krone” und “Oe24” Glauben schenkt, hat das Queen-Begräbnis 6,8 Milliarden Euro gekostet. Elisabeth Kröpfl hat sich für das Medienwatchblog “Kobuk” angeschaut, wie es um die Mathematikfähigkeiten der beiden Blätter bestellt ist.

Rechnungshof rügt BR, Klagen gegen Netflix, Länder setzten Ultimatum

1. Teure Berater
(sueddeutsche.de, Claudia Tieschky)
Der Bayerische Oberste Rechnungshof hat den Bayerischen Rundfunk wegen dessen Auftragsvergabe gerügt. Der BR habe bei Beratungsaufträgen in den Jahren 2015 bis 2020 teilweise gegen seine eigene Beschaffungsordnung verstoßen. In seiner Stellungnahme zum Prüfbericht habe der Sender der Kritik des Rechnungshofs beigepflichtet und angekündigt, seine Prüf- und Kontrollverfahren zu überarbeiten.

2. Länder setzen ARD und ZDF ein Ultimatum
(faz.net, Helmut Hartung)
Die Rundfunkkommission der Bundesländer ist sich einig: Die jüngst bekanntgewordenen Vorfälle in mehreren ARD-Anstalten würden “dem gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk schaden”. Nun fordern die Länder von den Sendern “finanzwirksame Selbstverpflichtungserklärungen” und eine Überarbeitung ihrer Aufsichts- und Compliancestrukturen.

3. Reizüberflutete Reizlieferanten? Resilienter Journalismus
(sr.de, Thomas Bimesdörfer, Audio: 14:51 Minuten)
Im Interview mit Thomas Bimesdörfer spricht Stephan Weichert, Leiter des “Vocer”-Instituts, über die von ihm und Matthias Daniel (Chefredakteur “journalist”) herausgegebene Essay-Sammlung “Resilienz im Journalismus”: Wie kann sich der Berufsstand gegen Reizüberflutung schützen und für einen konstruktiven Dialog in der Gesellschaft sorgen?

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4. Maria Lorenz-Bokelberg über Podcasts und Perspektiven.
(turi2.de, Tim Gieselmann)
Maria Lorenz-Bokelberg gilt mit ihrer Firma Pool Artists als Deutschlands erfolgreichste Podcast-Produzentin. Im “turi2”-Interview geht es um den beschwerlichen Einstieg (“Es lief zwei Jahre scheiße”), die Frage, wie viel “Family and Friends” im Unternehmen steckt, und die Entscheidung, eine Zusammenarbeit mit Springer auszuschließen. Lesenswert, weil tiefergehend.

5. Ein Politikerleben ohne Twitter ist möglich. Oder nicht?
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Erst Robert Habeck, dann Kevin Kühnert, jetzt Jens Spahn – in letzter Zeit haben sich einige prominente Politiker von Twitter verabschiedet. Eine Tendenz, die Joachim Huber bedauert: “Sicher, das Diskursklima ist toxisch, mir will nur nicht in den Kopf, warum die Schreihälse, die Faktenverdreher, die Leugner und Verschwörungstheoretiker dadurch mehr Platz und Raum bekommen, dass die Vernünftigen und die Venunftbegabten diese räumen. Auf der Straße geht jeder für seine Überzeugungen demonstrieren, warum dann auch nicht im Netz?”

6. Zu falsch, um wahr zu sein?
(taz.de, Daniel Schütz)
Der Streaminganbieter Netflix wurde in Zusammenhang mit Biopics, also: Filmbiografien, diverse Male wegen Verleumdung verklagt – und zwar nicht von den im Zentrum des jeweiligen Films stehenden Hauptpersonen, sondern von Nebenfiguren. Daniel Schütz fragt sich, wie frei Fiktion mit Wahrheit umgehen darf und ob es nicht zumindest ein ethisches Gebot sein sollte, real existierende Personen vor fiktiven Zuschreibungen zu schützen, die negative Auswirkungen auf ihren Ruf haben könnten.

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BILDblog-Klassiker

Fotoklau statt Samenraub

Der Axel Springer-Verlag muss 10.000 Euro Geldentschädigung an zwei Sechsjährige zahlen, wie das Landgericht Köln in dieser Woche entschieden hat. Es ging dabei um einen angeblichen Fall von “Samenraub”, über den “Bild” und Bild.de am Anfang des Jahres groß berichtet hatten.

Die Zwillinge, deren Eltern inzwischen getrennt leben, wurden durch eine künstliche Befruchtung gezeugt. Nach der Trennung hatte der Vater die Geburtsklinik verklagt — mit der Begründung, er habe nicht zugestimmt, dass sein Sperma für die künstliche Befruchtung verwendet wird. Die Einwilligungserklärung habe er nie selbst unterschrieben, gab er an.

Bei Bild.de las sich das dann so:
Prozess um Zwillingsgeburt - Meine Ex hat mein Sperma geklaut ... und DAS ist das Ergebnis!

Mit “DAS” waren die Zwillinge gemeint, die Bild.de groß in einem Foto zeigte. Wie sich später herausstellte, stammte es von einer Danksagungskarte, die die Mutter nach der Geburt der Kinder an ausgewählte Personen geschickt hatte.

Drei Tage später fragte Bild.de:"Samen-Raub" - Warum werden Frauen nicht belangt, wenn sie Männern ein Kind unterjubeln?

Darunter erneut das Foto der Zwillinge, diesmal aber mit verpixelten Gesichtern. Daneben ein Foto des Vaters.

Ein Fall von Samenraub sorgte Anfang der Woche für Aufsehen. Die Ex von Peter (40, Name geändert) fälschte seine Unterschrift. Sie erschummelt sich damit sein Sperma aus einer Samenbank, lässt sich befruchten und bekommt Zwillinge. 

Wenige Tage später wurde die “Samenraub”-Klage abgewiesen. Die Behauptung des Vaters, seine Unterschrift auf der Einwilligungserklärung sei gefälscht worden, kauften ihm die Richter nicht ab. (Diese Nachricht war Bild.de übrigens nur noch eine kleine Tickermeldung wert.)

Schon während des Prozesses hatte die Mutter der Zwillinge begonnen, sich juristisch gegen die Berichterstattung von Bild.de zu wehren. Sie erwirkte unter anderem ein Verbot der Behauptung, dass sie die Unterschrift ihres Mannes gefälscht habe.

Auch gegen die Veröffentlichung des Fotos ging sie im Namen ihrer Kinder vor. Bild.de gab darauf hin zwar eine Unterlassungserklärung ab, aber nur gegenüber der Mutter — und nur aus urheberrechtlichen Gründen. Eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts der Kinder wollte das Portal aber nicht zugeben und lehnte eine entsprechende Erklärung ab.

Per einstweiliger Verfügung wurde die Veröffentlichung des Fotos Ende Februar dann erneut untersagt. Diesmal willigte Bild.de ein und gab eine Abschlusserklärung ab. Mit dem aktuellen Urteil des Landgerichts Köln wurde den Kindern beziehungsweise deren Mutter jetzt auch eine Geldentschädigung zugesprochen.

Die Richter werteten die Berichterstattung von Bild.de als “schwerwiegenden Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht”. Die Veröffentlichung des Fotos, das einen “rein privaten Moment” zeige, verletze das Recht der Kläger am eigenen Bild (Kläger sind die Zwillinge, vertreten durch ihre Mutter). Daran ändere auch die Verpixelung nichts. In der Urteilsbegründung heißt es:

Wer die Kläger kennt, wird sie auch trotz der Verpixelung erkennen können; wer sie nicht kennt, dem ist jedenfalls über die Zuordnung zu dem jeweils daneben abgebildeten Vaters eine Identifikation möglich.

Die Veröffentlichung sei schon deshalb rechtswidrig, weil weder die Kinder noch deren gesetzliche Vertreter eingewilligt hätten.

Zudem würden die Kinder “ohne jedes begründetes Berichterstattungsinteresse an ihrer Person” in den Zusammenhang mit dem angeblichen “Samenraub” gebracht, “als dessen ‘Ergebnis’ sie dargestellt werden”, befand das Gericht. Diese persönlichkeitsrechtsverletzende Berichterstattung wiege um so schwerer, als sie geeignet sei, “die ungestörte Entwicklung des Verhältnisses der Kläger zu ihrer Mutter zu beeinträchtigen, der [von Bild.de] – zu Unrecht – ‘Samenraub’ vorgeworfen wurde”.

Marcel Leeser, der Anwalt der Kinder, geht davon aus, dass in der Berichterstattung bewusst die Unwahrheit verbreitet wurde, …

[…] weil BILD zwischen der mündlichen Verhandlung im sog. “Samenraub-Fall” am OLG Hamm und der Urteilsverkündung wider besseres Wissen und hartnäckig noch von einem “Samenraub” sprach […], obwohl nach der Beweisaufnahme und den Hinweisen des Gerichts für den anwesenden BILD-Journalisten klar war, dass die künstlichen Befruchtungen mit Zustimmung des Vaters stattgefunden hatten und daher kein “Samenraub” vorlag.

Neverpay, Geldentzug, Wetterdichtung

1. Aus für Spiegel Plus? Keiner kauft Nachrichten im Netz
(jensrehlaender.com)
Jens Rehländer greift einen “Horizont”-Beitrag heraus, in dem von Querelen um das wenig erfolgreiche Spiegel-Online-Bezahlmodell berichtet wird. Rehländer nimmt den “Spiegel” in Schutz, um dann umso deutlicher zu werden: “Häme ist hier auch deshalb fehl am Platz, weil die Medien selbstverständlich nur durch Experimente herausfinden können, wie sie sich in Zukunft refinanzieren. Dass Experimente scheitern, liegt in der Natur der Sache und verdient keinen Tadel. Dass man aber Irrwege nochmal beschreitet, um genauso zu scheitern wie die anderen vorher – das verwundert dann doch.”

2. In Abwesenheit
(sueddeutsche.de, Paul-Anton Krüger)
Es ist schon makaber: Der ägyptische Fotograf Shwakan hat den “International Press Freedom Award” bekommen, kann ihn aber nicht annehmen, weil er sich in U-Haft befindet. Sein “Vergehen”: Shwakan hatte im Auftrag der Fotoagentur “Demotix” Bilder von einem der Protestcamps der islamistischen Muslimbruderschaft in Kairo gemacht. Seine Untersuchungshaft dauert nun schon drei Jahre an, obwohl sie selbst nach ägyptischem Recht auf zwei Jahre begrenzt ist. Dieses Jahr wurden zweifelhafte strafrechtliche Vorwürfe gegen ihn erhoben, weswegen ihm nun die Todesstrafe droht.

3. Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann
(geschichten.detektor.fm, Isabelle Klein, André Beyer)
Frauen haben es auch in der Musik nicht leicht. Bei großen Festivals wie “Rock am Ring” hätte in diesem Jahr nur bei jedem zehnten Act eine Frau auf der Bühne gestanden, bei Indie-Festivals wie dem “Appletree Garden Festival” bei jedem fünften. Isabelle Klein und André Beyer lassen in ihrem Longread über die männerdominierte Musikszene vor allem Frauen zu Wort kommen, so z.B. die “Spex”-Redakteurin Jennifer Beck: “Wenn über Künstlerinnen berichtet wird, dann häufig von älteren, weißen Männern.”

4. In Zeiten der Lügenpresse
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Ulrike Simon hat Nachrichten aus dem Deutschlandfunk: Dank des gestiegenen Interesses für Medien strahlt der Sender von März kommenden Jahres an ein tägliches Medienmagazin aus. Der Kulturchef hätte das Vorhaben bestätigt: “Ausschlaggebend war der Erfolg unseres wöchentlichen Medienmagazins “Markt und Medien”, das bei den Hörern einen hohen Einschaltimpuls erzeugt. Das Thema verdient einfach mehr Sendezeit. Die Zeit schreit geradezu danach. Medien stehen wie nie zuvor im Fokus der Öffentlichkeit. Daher braucht es mehr Orte wie diesen, um zu reflektieren, wie Medien funktionieren, um transparent zu machen, wie wir Journalisten arbeiten.”

5. Kein Geld Für Rechts. Lasst uns rechtsradikalen Medien den Geldhahn zudrehen.” berichten
(davaidavai.com, Gerald Hensel)
Gerald Hensel ist Strategy Director bei “Scholz & Friends” und betreibt unter “davaidavai.com” einen Blog, in dem er sich aktuell dafür stark macht, rechten Seiten die Geldquellen zu entziehen. Er appelliert dabei sowohl an Markeninhaber und Werbeagenturen als auch an die Verbraucher, ihren Einfluss zu nutzen.

6. Quatsch-Vorhersagen für alle! So machen Sie selbst schlecht Wetter
(uebermedien.de, Jörg Kachelmann)
Wetterexperte Jörg Kachelmann zeigt auf “Übermedien” wie man mit wenig Sachkenntnis und einer großen Vorliebe für Stuss schmissige Wetterschlagzeilen dichtet.

“BILD ist hier nichts vorzuwerfen”

Ernst Elitz ist Ombudsmann der “Bild”-Zeitung. Er schaltet sich ein, wenn Leser ihre politischen Ansichten falsch oder verzerrt dargestellt finden. Aber auch, wenn sie Zweifel an Fakten haben.

Seine erste Kolumne erschien am Donnerstag. Am Wochenende schrieb er gleich die nächste. Diesmal fand er sogar einen berechtigten Kritikpunkt. Nur leider schickte er die fertige Kolumne an die falsche E-Mail-Adresse. Sie landete bei uns. Wir veröffentlichen sie hier. Exklusiv bei BILDblog.

Liebe BILD-Leser,

zunächst muss ich Ihnen sagen: Julian Reichelt hat mich für meine erste Kolumne sehr gelobt. Darüber freue ich mich ganz besonders. Denn das zeigt: Er nimmt die kritische Auseinandersetzung mit BILD ernst. Aber kommen wir gleich zu den Zuschriften.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner “Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Ich bin den folgenden Fällen nachgegangen.

► BILD-Leser Maik Warschnitz schreibt: “Ich habe von verschiedenen Seiten gehört: Zu Karneval sind mehrere Pärchen in der Öffentlichkeit beim Liebesspiel gefilmt worden. Warum finde ich die Videos nicht bei Bild.de?”

Meine Antwort: Dafür habe ich leider keine Erklärung. Wir haben alle Aufnahmen veröffentlicht. Prominent auf unserer Startseite. Ich habe in der Chefredaktion recherchiert. Der Browser-Verlauf zeigt: Auch dort wurden sie gefunden.

Mein Urteil: BILD ist hier nichts vorzuwerfen.

► BILD-Leser Ferdinand Huhn fragt: “Früher habe ich immer gern die BILD-Korrekturspalte gelesen. Leider finde ich sie nicht mehr. Warum hat die Redaktion sie abgeschafft?”

Die Redaktion sagt: “Diese Frage hören wir oft. Die Antwort überrascht viele Leser: Wir haben die Korrekturspalte nicht abgeschafft. Im Gegenteil: Oft würden wir Fehler gern berichtigen. Aber leider ist unser Platz begrenzt. Unsere Aufgabe ist es, die wichtigsten Themen des Tages auszuwählen. Wenn dazu unserer Meinung nach ein Fehler zählt, werden wir die Korrekturspalte auch weiterhin nutzen. Sie bleibt also ein ebenso fester Bestandteil der BILD wie das kritische Urteil von Ernst Elitz.”

Mein Urteil: Stark!

► Bei der Berichterstattung über Verbrechen wirft BILD-Leser Gisbert Holunder uns vor, oft einen Teil der Wahrheit zu verschweigen. So würden in vielen Fällen lediglich Fotos veröffentlicht, die das Opfer vor der Tat zeigen.

Meine Antwort: BILD-Reporter sind auch nur Menschen. Sie können nicht gleichzeitig überall sein. Vor allem bei Verbrechen sind wir auf Augenzeugen angewiesen. Und dabei dürfen wir nicht vergessen: Das sind keine Profis. Diese Menschen sind meistens von der Situation überfordert. In ihrer Panik vergessen sie, vom Tatort ein Foto zu machen. Und oft holen sie zunächst Hilfe, statt unsere Reporter zu kontaktieren.

Mein Urteil: BILD trifft keine Schuld!

► BILD-Leser und Türkei-Kenner Hans-Eberhard Müller aus Torgau (Sachsen) fordert “deutliche Worte” zu den “Mätzchen” des türkischen Präsidenten Erdogan.

Meine Antwort: BILD hat dazu deutliche Worte gefunden. Wir werden auch weiter über die Türkei und Präsident Erdogan berichten.

Mein Urteil: BILD hat alles richtig gemacht.

► BILD-Leser Kevin Knoblikowsky möchte wissen: “Warum hat das BILD-Girl eine Hose an?”

Meine Antwort: Sie haben vollkommen Recht. Das muss nicht sein! BILD steht für transparenten Journalismus. Diese Frage müssen wir uns gefallen lassen.

Die Redaktion sagt: “Die Fotos werden uns zugeliefert. Mit Photoshop ist da nichts zu machen. Aber wir bleiben an der Sache dran.”

Mein Urteil: Hier muss sich dringend etwas ändern.

► Stichwort Kommentar!

Manche Leser sind unzufrieden mit Berichten und Formulierungen, die ihrer eigenen Vorstellung von Anstand und Redlichkeit zuwiderlaufen.

Meine Empfehlung: Stellen Sie sich nicht so an!

PS: Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan von BILDblog!

Herzlichst,

Ihr BILD-Ombudsmann
Ernst Elitz

Was tun gegen den Egg-Storm?

Viele Dinge aus dem Internet findet man im Offline-Leben so nicht vor. Ich habe zum Beispiel noch nie gehört, dass jemand wegen einer Äußerung auf der Straße stundenlang und gleich von mehreren Menschen auf Übelste angepöbelt wird, und das alles gar nicht aufhören will, weil immer neue Menschen hinzukommen, die ihrerseits die Chance nutzen, mal ihre ganze Wut loszuwerden, brüllen und drohen, um das am Boden liegende Opfer schließlich mit Hitler zu vergleichen — und dann abzuhauen.

Im Internet passiert das ständig. Da nennt man das Shitstorm.

Umgekehrt gibt es aber auch reale Phänomene, die in der digitalen Sphäre so nicht zu finden sind. Zum Beispiel den Egg-Storm. Menschen oder Gebäude werden mit rohen Eiern beworfen. Anders als beim Shitstorm ahnen die Opfer oder die Besitzer der Gebäude allerdings meistens gar nicht, wofür sie bestraft werden.

Vor ein paar Tagen ist es wieder passiert. Diesmal in Freilassing:

Dort sogar schon zum dritten Mal. Im Februar gab es diesen Fall aus Germering:

Ende Januar wurden in Meitingen vier Hausbesitzer Opfer von Eier-Attacken:

Und irgendwie ja schon bemerkenswert: Um das Problem mit den Hass-Kommentaren in den Griff zu bekommen, hat der deutsche Justizminister in aller Eile ein neues Gesetz zusammenschrauben lassen. Aber was unternimmt er gegen die Egg-Storms? Die sind ja auch nicht gerade ungefährlich.

Hass-Kommentare haben jedenfalls noch keinen Auffahrunfall verursacht.

Und ein hartes Vorgehen gegen Eierwerfer wäre im Interesse großer gesellschaftlicher Gruppen:

Das Problem tritt in den Fußballstadien auf:

Und eigentlich ist es ein Wunder, dass aus der Wirtschaft noch niemand ein neues Gesetz gefordert hat. Denn die sind ja auch betroffen:

Aber vielleicht kommt das noch, und bald sehen wir den ersten Referenten-Entwurf der neuen Eier-Bewegungs-und-Beförderungs-Verordnung. Oder es gelingt sogar der, ähm, nun ja, ganz große Wurf: Ein bundesweites Eierhandels-Gesetz (EiHG), das in einem Unterparagraphen auch die von rohen Eiern ausgehenden Gefahren regelt.

Viel wäre da zwar nicht zu erwarten, denn Christian Schmidt versteht sich in seiner Bundeslandwirtschaftsminister-Rolle ja so ein bisschen auch als Sprecher der Agrar-Lobby. Andererseits ist er natürlich in der CSU, und Eier im öffentlichen Raum — das zeigt die Vergangenheit — gefährden die Sicherheit der Menschen.

Was also tun? Mehr Überwachung? Härtere Strafen? Rigorose Vorschriften, die nach dem Vorbild des Waffenscheins eine staatliche Erlaubnis zur Voraussetzung für das Mitführen von rohen Eiern machen?

Oder wäre das gar nicht möglich, weil der Eierwurf doch im Grunde ein Akt der freien Meinungsäußerung ist? Der letzte große Angriff auf dieses Grundrecht ist schließlich so krachend gescheitert, dass er heute immer noch mit einem Jahrestag gefeiert wird.

Man muss allerdings auch sagen: Der Eierwurf als solcher ist zwar eine wunderbar geradlinige Form der Meinungsbekundung, die keinerlei Zweifel daran lässt, wie die werfende zu der beworfenen Person steht. Als Argument geht die Tat aber nicht durch.

Und daran gibt es Kritik:

Sollten diese Kritiker sich durchsetzen, werden stark reglementierende gesetzliche Vorschriften immer wahrscheinlicher. Denkbar wäre zum Beispiel Folgendes.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner “Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Das Beschädigen oder Zerstören von rohen Eiern außerhalb von Gebäuden könnte mit hohen Geld- oder Freiheitsstrafen belegt werden.

Was dann passieren würde, kennt man allerdings schon aus dem Straßenverkehr, wo Menschen wie Kriminelle behandelt werden, weil ihnen die Glühbirne vom Rücklicht durchgebrannt ist. Die Polizei würde sich vor Supermärkten postieren, und wenn dann einer alten Dame das Frühstücksei aus der Einkaufstasche fällt — Zugriff!

Oder der Handel mit rohen Eiern würde eben ganz verboten. Das Problem dann wäre allerdings, dass irgendwer die Eier vor dem Verkauf kochen müsste. Natürlich zum Mindestlohn. Das würde die Eierpreise sicher um zwei bis drei Cent in die Höhe treiben, was auf einem preisempfindlichen Markt wie diesem enorme Umsatzeinbußen zur Folge hätte. Das macht das Szenario sehr unwahrscheinlich.

Wie auch immer es ausgeht, eines steht fest: Irgendwas muss passieren, denn das Problem droht völlig außer Kontrolle zu geraten. Eierwerfer machen deutsche Städte unsicher:

Menschen leben in Angst und Schrecken:

Kulturelle Veranstaltungen müssen wegen der ständigen Bedrohung abgesagt werden:

Und um welche Dimensionen es hier geht, zeigt unter anderem dieses Bild:

Allerdings soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass gar nichts unternommen würde. Die Polizei erscheint in ihren Bemühungen zwar manchmal etwas hilflos …

… aber zwischendurch gelingt auch der ein oder andere Erfolg:

Dazu setzen die Behörden modernste Methoden ein:

Und fahnden großflächig nach Verdächtigen:

Nur oft stellt sich am Ende heraus: Das Problem ist einfach zu groß. Es ist ein aussichtsloser Kampf gegen einen übermächtigen Gegner, in dem einfache Beamte nichts ausrichten können. Das ist ein Fall für Heiko Maas — oder den Verfassungsschutz:

“… der ja in so einer Debatte auch nicht ganz irrelevant ist”

Bei seiner Suche nach Personen, die den am Montag erschienenen G20-“Verbrecher”-Fahndungsaufruf von “Bild” und Bild.de toll finden, ist “Bild”-Oberchef Julian Reichelt auf Bayerns Justizminister Winfried Bausback gestoßen. Der hatte bei Facebook etwas zu der Aktion des Boulevardblatts gepostet, und diese Aussage zitierte Reichelt später in einem Interview mit “radioeins”.

Er sagte dort:

Der bayerische Justizminister zum Beispiel, der ja in so einer Debatte auch nicht ganz irrelevant ist, sieht das anders und schreibt auf Facebook (…)

Reichelt las dann zwei Passagen aus diesem Posting von Bausback vor:

Der Fahndungsaufruf von Bild ist meiner Meinung nach zu begrüßen und nicht zu kritisieren! Es besteht ein hohes Interesse der Gesellschaft die linksradikalen Extremisten zu finden. Laserpointer gegen Polizeihubschrauber, Stahlkugeln, Molotowcoctails: Wer das Leben seiner Mitmenschen so gering achtet, hat kein Recht auf Annonymität. Und warum soll die Freie Presse hier nicht zur Aufklärung beitragen?
(Unkenntlichmachungen durch uns.)

Winfried Bausback hat dann offenbar noch einmal darüber nachgedacht, ob es wirklich so toll ist, wenn Zeitungsredaktionen oder Privatpersonen oder sonst wer, der nicht zur Exekutiven des Landes zählt, öffentliche Fahndungsaufrufe in Umlauf bringt. Knapp zwei Tage nach seinem ersten Posting zum Thema schreibt er:

Mit meinem persönlichen Post vom 11.7.2017, 12:27 h bin ich über das Ziel hinausgeschossen. Deshalb hier nochmals zur Klarstellung: Es war und ist für mich überhaupt keine Frage: Die Verfolgung und Ahndung von Straftaten sind alleinige Aufgaben des Staates. Ich habe in der Vergangenheit immer betont und betone auch hier: Effektive Strafverfolgung durch unsere Gerichte und Staatsanwaltschaften gehört zum Markenkern unseres Rechtsstaates. Das war so, das ist so und das wird auch so bleiben. Ich hoffe, dass Polizei und Staatsanwaltschaft möglichst schnell und möglichst viele der Hamburger Kriminellen ermitteln, damit sie auch entsprechend bestraft werden können. Der Rechtsstaat muss hier eine ganz klare Kante zeigen! Und ein Zweites: Es ist sehr wichtig, dass die Gesellschaft als Ganzes ein starkes Signal setzt: In Deutschland ist kein Platz für Extremisten, egal ob links, rechts oder islamistisch geprägt. Darum geht es mir! Wie die meisten Bürgerinnen und Bürger in ganz Deutschland war und bin auch ich persönlich empört darüber, dass vermummte Chaoten und Linksextremisten aus ganz Europa eine Großveranstaltung wie den G20-Gipfel dazu missbrauchen, um aus ideologischer Verblendung ganze Stadtteile einer deutschen Großstadt zu verwüsten. Das Recht der freien Meinungsäußerung und die Demonstrationsfreiheit sind für unsere Demokratie unerlässlich. Aber niemand hat das Recht, unter dem Deckmantel dieser Freiheiten Straftaten zu begehen. So etwas darf nicht sein. Wenn man die Bilder der Krawalle live im Fernsehen sieht, die beispiellose Brutalität, die Zahl der verletzen Polizisten, die Schäden für Unbeteiligte, dann macht dies einfach wütend und traurig. Aus dieser persönlichen Empörung heraus habe ich meinen Post verfasst.

Die Aussage eines bayerischen Justizministers soll “in so einer Debatte” laut Julian Reichelt ja “auch nicht ganz irrelevant” sein.

Mit Dank an Jona C. S. für den Hinweis!

Was für ein Chaos

In der 1. Fußball-Bundesliga finden seit Kurzem auch montags Spiele statt. Vergangene Woche gab es die Premiere zwischen Eintracht Frankfurt und RB Leipzig, gestern am Abend spielten Borussia Dortmund und der FC Augsburg gegeneinander. Insgesamt sind fünf Montagsspiele in der laufenden Saison vorgesehen. Bei den “Bild”-Medien wissen sie nicht, ob das nun für “Chaos” sorgt oder nicht.

Vielen Fans gefallen die Montagsspiele jedenfalls gar nicht. Sie sehen die Auffächerung des Bundesliga-Spielplans als Symptom der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs: Mehr Spiele an verschiedenen Tagen bringen mehr Übertragungsmöglichkeiten und damit mehr TV-Einnahmen. Außerdem mache es der Termin am Montagabend für sie schwerer, zu Auswärtsspielen ihrer Mannschaften zu fahren. Daher hatten Fangruppen schon im Vorfeld Proteste rund um die Montagsspiele angekündigt.

Vor der Partie Eintracht Frankfurt gegen RB Leipzig fragten “Bild am Sonntag” und Bild.de:

Ausriss Bild am Sonntag - Versinkt das erste Montagsspiel im Chaos?

Tat es nicht. Es gab in Frankfurt zwar ein Trillerpfeifenpfeifkonzert, Tennisbälle flogen auf den Platz, und einige Hundert Eintracht-Anhänger positionierten sich für einige Minuten im Stadioninnenraum hinter dem Tor. Das war aber jeweils angekündigt, alles blieb friedlich. Bei Bild.de stand noch am selben Abend:

Es war die Montags-Demo der Fans — ohne das befürchtete Chaos.

Und auch “Bild”-Sportchef Walter M. Straten kommentierte in Nachhinein:

Wer befürchtet hatte, dass das Frankfurt-Spiel im Chaos versinken und abgebrochen werden würde — der sah sich zum Glück getäuscht.

Gestern dann Montagsspiel Nummer zwei. Viele Dortmunder Fans entschieden sich dazu, aus Protest zu Hause zu bleiben. Das Stadion war nur zu zwei Dritteln gefüllt. Und bei Bild.de heißt es auf einmal:

Vor einer Woche gab es in Frankfurt noch Chaos und organisierten Platzsturm.

Mit Dank an Fabian für den Hinweis!

Im Namen des Volkszorns

Es ist schwierig mit der “Bild”-Redaktion und dem Rechtsstaat. Der heutige Kommentar im Blatt handelt vom Urteil im Prozess gegen eine Mutter, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten den eigenen Sohn missbraucht und an Pädophile verkauft hat. “Bild”-Ressortleiter Christian Stenzel schreibt:

Ausriss Bild-Zeitung - Kein Urteil im Namen des Volkes

Was muss man in Deutschland tun, um nicht mehr aus dem Gefängnis herauszukommen?

Seit gestern wissen wir: Als Mutter den eigenen Sohn zu missbrauchen und an Kinderschänder aus ganz Europa zu verhökern, reicht nicht. Es wird nicht einmal die Höchststrafe verhängt.

15 Jahre Haft wären laut Gesetz möglich gewesen. Nur 12 Jahre hat die Horror-Mutter von Staufen bekommen. Die Milde des Richters mag vom Gesetz gedeckt sein — wütend macht sie trotzdem. Aus drei Gründen besonders.

1.) Zugutegehalten wird Berrin T., dass sie ein zögerliches Geständnis abgelegt hat. Leugnen hätte sie aber auch kaum können — sie hat den Missbrauch selbst auf Film festgehalten!

2.) Die Horror-Mutter ist nicht vorbestraft.

Rechtlich ist sie vielleicht eine Ersttäterin. Doch kann jemand nach dem gesunden Menschenverstand ein Ersttäter sein, der sein Kind 19-fach missbraucht? Sie konnte ja auch nicht zuvor verurteilt werden. Warum nicht? Weil Jugendämter gepennt haben, ersten Hinweisen auf Missbrauch nicht nachgegangen sind.

3.) Sicherungsverwahrung war laut Gesetz nicht möglich, Wiederholungsgefahr bestünde auch nicht.

Der Gesetzgeber sollte darüber nachdenken, ob das Gesetz für Fälle wie in Staufen angepasst werden muss.

Wer tat, was Berrin T. tat, sollte das Gefängnis nie wieder verlassen dürfen. Ich bin kein Richter. Aber ich bin sicher: Das Urteil von Freiburg ist kein Urteil im Namen des Volkes.

“Bild”-Chef Julian Reichelt hat Stenzels Kommentar komplett bei Twitter gepostet und dazu wiederholt:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Die Täterin von Staufen hat nicht einmal die Höchststrafe bekommen. Sie habe ein Recht auf Resozialisierung, so der Richter. Wenn unsere Gesetze es nicht hergeben, solche Menschen für immer wegzusperren, sollte die Politik die Gesetze ändern.

Ja, der Missbrauch macht wütend. Und man kann sich definitiv darüber wundern, dass das Freiburger Landgericht darauf verzichtet hat, gegen Berrin T. die Höchststrafe von 15 Jahren zu verhängen, die für den besonders schweren Fall des sexuellen Missbrauchs von Kindern vorgesehen ist. In seiner Urteilsbegründung nannte der Vorsitzende Richter Gründe, die zur Strafmilderung führten, darunter das abgelegte Geständnis. Dennoch kann man sich der Frage anschließen, die Heribert Prantl bei Süddeutsche.de stellt:

Wann, wenn nicht in diesem Fall, soll denn bitte die Höchststrafe verhängt werden?

Einen wichtigen Punkt erwähnen Stenzel in seinem Kommentar und Reichelt in seinem Kommentar zum Kommentar interessanterweise überhaupt nicht: Im Prozess von Freiburg wurde jemand “für immer weggesperrt”, die Gesetze geben es also bereits her. Der Lebensgefährte von Berrin T., der ebenfalls angeklagt war, bekam zwölf Jahre Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung. Der Unterschied zwischen den beiden Angeklagten: Der Lebensgefährte war bereits vorbestraft wegen sexuellen Missbrauchs. Das Gericht entschied daher, dass von ihm als Wiederholungstäter auch weiter eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Für Berrin T. hingegen hat ein Gutachter festgelegt, dass sie nicht pädophil veranlagt sei. Daher sehe man keine Wiederholungsgefahr. Ihr stehe unter anderem deswegen die Chance auf Resozialisierung zu.

Wofür plädiert Christian Stenzel stattdessen in seinem Kommentar? Ein Strafmaß nach dem “gesunden Menschenverstand”? Gesetze und Urteile dem wutgeladenen Bauch nach? “Im Namen des Volkes” heißt nicht: im Namen des Volkszorns.

Aber noch mal zurück zur Resozialisierung: Dass die im Fall von Berrin T. kaum klappen wird, dafür wird die “Bild”-Redaktion schon sorgen, so, wie sie häufig dafür sorgt, dass die Resozialisierung von Straftätern nicht klappt. Sie legt damit heute schon los, indem sie die verurteilte Frau, anders als viele andere Medien, im Blatt und online ohne Verpixelung zeigt.

Wer in Deutschland ein Recht auf Resozialisierung hat, entscheidet laut “Bild” immer noch “Bild” und nicht so ein Pillepalle-Verein wie ein Gericht.

Ach, und eine Bitte noch, Christian Stenzel und “Bild”: Überlegen Sie doch mal, ob Ihnen nicht ein anderer Begriff als das unsägliche Wort “Kinderschänder” einfällt. Warum das im Sinne der Opfer dieser schrecklichen Taten ist, können Sie hier nachlesen.

Sachsens Presse-Unfreiheit, Mord ist kein Beziehungs-Drama, Unstatistik

1. Angriff auf die Pressefreiheit
(zdf.de, A. Ginzel & M. Haselriederr & C. Herrmann & U. Stoll, Video, 7 Minuten)
Ob aus Kalkül oder schlichter Unkenntnis der Rechtslage: Immer wieder zeigen AfD- und Pegida-Demonstranten Journalisten an. Die Journalisten hätten durch ihre Filmaufnahmen angeblich die Persönlichkeitsrechte der Protestierer verletzt. Was ausgemachter Unsinn ist, und was eigentlich auch die Polizei wissen müsste, die sich allzu oft von rechts instrumentalisieren lässt. “Frontal 21” zeigt im neuesten Beitrag die Strategien der Rechten und das fragwürdige Verhalten der Polizei.
Weiterer Lesehinweis: “Der Deutsche Journalisten-Verband rät allen Journalistinnen und Journalisten, die über die Demonstrationen in sächsischen Städten berichten, zu besonderer Vorsicht.” (Pressemitteilung des DJV vom 28. August 2018)
Bepöbelt und bedroht wurden aktuell auch “Spiegel”-Reporter, die bei der Demonstration in Chemnitz im Einsatz waren. Zu sehen in einem eindrücklichen Video. (spiegel.de, Video, 4 Minuten)
Und außerdem: Als Flüchtling in Chemnitz: “Manche zeigen mir den Mittelfinger, während der Bus wegfährt” (krautreporter.de, Josa Mania-Schlegel)

2. Unstatistik: Chinas CO2-Ausstoss grösser als der Nordamerikas
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Manche Vergleiche sind schlicht unfair. Aktuelles Beispiel: Die Ranglisten der größten Luftverschmutzer bei “NZZ” und “NZZ am Sonntag”. Dort wird China angeprangert, aber nicht die Relation zur Bevölkerung hergestellt. Dann sieht die Sache schon ganz anders aus: In einer derartigen Vergleichsliste rangiert das Land nämlich hinter Nationen wie den USA, Deutschland oder Norwegen.

3. Massiver Gegenwind stoppt rechtslastigen “Deutschland Kurier”
(wuv.de)
Der politisch rechtslastige und der AfD-nahe stehende “Deutschland Kurier” setzt auf den Huckepack-Vertrieb über Anzeigenblätter. Die sehen sich jedoch immer mehr missbraucht und wollen sich das nicht gefallen lassen wie jüngst in Aschaffenburg: “Ja, wir werden in Zukunft etwas unternehmen, dass so etwas nicht wieder passieren wird, das kann ich Euch garantieren. Auch wir waren, als wir am Sonntag diesen “Prospekt” in unserer Zeitung sahen, mehr als entsetzt. Es entspricht in keiner Weise der Philosophie unseres Hauses, solches unsägliches Gedankengut zu verbreiten.”

4. Erste Lehren aus drei Monaten SPIEGEL+
(medium.com/@devspiegel)
Es ist recht ungewöhnlich, wenn ein großes und etabliertes Nachrichtenmedium Einblick in seine Strategien gewährt und Zahlen offenlegt. Der “Spiegel” macht dies in unregelmäßigen Abständen, aktuell mit der Bilanz von drei Monaten “Spiegel+”. Wie viele Abonnenten konnte man gewinnen? Welche (Wechsel)Angebote hat man den Lesern und Leserinnen gemacht? Über welche Werbeplattformen lassen sich die meisten Probe-Abos generieren? Die gewonnenen Einsichten sind hochinteressant, nicht nur für Mitbewerber.

5. Mord ist kein “Beziehungs-Drama“
(kattascha.de, Katharina Nocun)
Wenn Männer Frauen ermorden sprechen die Medien all zu oft von “Beziehungsdrama”, “Familientragödie” oder “Eifersuchtsdrama”. Katharina Nocun kritisiert diese Formulierungen: “Mag sein, dass das nur “Kleinigkeiten” sind. Aber in der Summe ist es eine große Sache. Es geht darum, wie wir mit Mord und Totschlag gegen Frauen im Kontext von Familien und Beziehungen umgehen. Worte wie “Beziehungsdrama” oder “Familiendrama” sind einfach fehl am Platz, wenn ein Mensch umgebracht worden ist. Punkt.”

6. Keine Angst vor E-Sport
(innovation.dpa.com, Sebastian Zilles)
Bislang wurde das Thema E-Sport bei der Nachrichtenagentur dpa nur äußerst nebensächlich behandelt, doch die Agentur tastet sich mit zunächst kleinen und dann großen Schritten voran. Sebastian Zilles berichtet über die Annäherung an das immer wichtiger werdende Thema und träumt schon mal von den nächsten Ausbaustufen.

Woher kam der Mega-Hype um Sturm-Juwel Super-Fiete?

Screenshot Bild.de: 13 Monate kein Tor, nur Stürmer Nr. 3 - HSV Talent Arp zu früh hochgejubelt
(“Bild”, gestern)

Ja, Mensch, wer macht denn sowas?

Screenshot Bild.de: HSV-Fiete ganz groß
(“Bild”, 05.11.2017)

Der Junge ist rich­tig gut. Zu gut für den HSV? Ham­burgs Sturm-Ju­wel Fiete Arp (17) dreht bei der U17-WM in In­di­en auf.

(“Bild”, 17.10.2017)

Jann-Fiete Arp heißt der Stürmer, mit dessen Talent Hamburg seit vielen Jahren niemand Vergleichbaren mehr gesehen hat. Experten sagen ihm eine ganz große Karriere voraus.

(“Bild”, 06.11.2017)

HSV-Idol über Sturm-Juwel – Hrubesch adelt Arp: „Fiete wird ganz oben ankommen

(“Sport Bild”, 02.01.2018)

Ein Bubi als Hoffnungstäger – Nur Trainer Gisdol lässt sich nicht vom Arp-Hype anstecken

(“Sport Bild”, 18.11.2017)

Screenshot Bild.de: Jetzt gibt der HSV Vollgas bei Super-Fiete
(“Bild”, 17.05.2017)

Noch in dieser Woche soll geklärt werden, ob HSV-Sturmjuwel Fiete Arp (18) zu den Bayern wechselt.

(“Bild”, 18.7.2018)

Nach seinem spektakulären Einstand im Herbst 2017 mit zwei Toren in den ersten drei Spielen entwickelte sich ein Mega-Hype um das HSV-Eigengewächs

(“Bild”, 27.2.2018)

Screenshot Sportbild: "Super-Bubi Arp: Erst die WM gewinnen, dann die HSV retten"
(“Sport Bild”, 19.10.2017)

Wende beim größten HSV-Juwel!

(“Bild”, 20.7.2018)

18-jähriges Supertalent – Für den HSV: Arp verzichtete auf 8,5 Mio.

(“Sport Bild”, 23.8.2018)

Screenshot Sportbild: Kampf um HSV-Juewel! Chelsea will Top-Talent Arp
(“Sport Bild”, 12.05.2017)

Für das HSV-Sturmjuwel ist die Partie eine ganz besondere.

(“Bild”, 13.8.2018)

Verliert der HSV nach dem Abstieg sein größtes Juwel an Bayern München?

(“Bild”, 8.3.2018)

Screenshot Bild.de: Super-Fiete: HSV will sofort verlängern!
(“Bild”, 4.11.2017)

Warum das HSV-Juwel Chelsea absagt

(“Bild”, 2.8.2017)

Hamburgs Sturm-Juwel wird seinen bis 2019 laufenden Kontrakt beim HSV nicht verlängern.

(“Bild”, 17.5.2018)

Screenshot Bild.de: Erst Mathe-Abi, dann Werder-Finale - Die Wahnsinns-Woche von HSV-Juwel Arp
(“Bild”, 2.5.2018)

Mit Dank an @WarnenUndMahnen für den Hinweis!

“Bunte”, was hast du bloß aus diesem Mann gemacht?

Heute hat Marius Müller-Westernhagen Geburtstag. 70 Jahre alt wird er, und die “Bunte”-Redaktion gratuliert dem Musiker in ihrer aktuellen Ausgabe ganz herzl …

Nee.

Heute hat Marius Müller-Westernhagen Geburtstag. 70 Jahre alt wird er, und die “Bunte”-Redaktion schreibt den Musiker in ihrer aktuellen Ausgabe halb tot:

Ausriss Bunte-Titelseite - Marius Müller-Westernhagen - Rätselhaftes Killerbakterium - der Kampf der Ärzte um sein Leben

“Rätselhaftes Killerbakterium” … “KAMPF der Ärzte um sein Leben” … New York “brachte Marius Müller-Westernhagen immer Glück” … “seine zweite Frau, die Sängerin Lindiwe Suttle, 39, wurde in New York geboren” … als er neulich “wieder einmal nach New York reiste (…) endete der Aufenthalt fatal” … “Marius Müller-Westernhagen hatte sich lebensbedrohliche Bakterien eingefangen” … “erfährt BUNTE exklusiv” … “Es sei nicht klar gewesen, ob der Sänger je wieder vollständig genesen würde”. Und so weiter.

Zum Text der stellvertretenden “Bunte”-Chefin Tanja May hatte Marius Müller-Westernhagen noch was zu sagen. Bei Facebook schrieb er gestern:

Screenshot eines Facebook-Posts von Marius Müller-Westernhagen - Um das einmal klarzustellen! Liebe Bunte Illustrierte, erstens ich hatte mir in den USA keine lebensgefährlichen Bakterien eingefangen sondern einen Virus. Zweitens mein Leben war zu keinem Zeitpunkt in Gefahr. Demnach gab es zwar einen Arzt, der mich notgedrungen aber hervorragend behandelt hat, um mein Leben musste er Gott sei Dank nicht kämpfen. Aber Drama verkauft halt gut, richtig? Wo ich schon einmal dabei bin. Drittens meine Frau Lindiwe Müller-Westernhagen geb. Suttle ist nicht 39 Jahre alt sondern 42. Sie hat auch nicht das geringste Interesse daran sich jünger zu machen als sie ist. Viertens Lindiwe wurde nicht in NY sondern in Milwaukee geboren. Und so weiter. I am alive and cookin und habe alles ohne bleibende Schäden überstanden. Mit anderen Worten: Ich bin kerngesund. Get your fucking facts straight! Ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen Guten Rutsch in das neue Jahr wünscht Ihnen Ihr getreuer Arztpraxenleser Marius Müller-Westernhagen.

Mit Dank an Jonas W. für den Hinweis!