Alle sind gleich, aber manche sind Kai Diekmann

Es gilt die Unschuldsvermutung. Für jeden, und natürlich auch für „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann. Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt momentan gegen ihn, nachdem eine „Springer“-Mitarbeiterin Anzeige erstattet hatte. Im vergangenen Sommer soll Diekmann sie beim Baden sexuell belästigt haben, so der Vorwurf, den Diekmann bestreitet.

Der „Spiegel“ und „Spiegel Online“ schrieben vergangene Woche als Erste über die Anzeige, viele weitere Medien zogen nach. Anders als von einigen Leuten bei Facebook und Twitter behauptet, griffen auch die „Bild“-Redaktionen das Thema auf. Bild.de berichtete noch am Freitag, für einige Stunden war eine „dpa“-Meldung auf der Startseite klein verlinkt:

„Bild“ brachte am Samstag die gleiche „dpa“-Meldung, ganz unten auf Seite 2:

Und einen Tag später veröffentlichte „Bild am Sonntag“, wo Diekmann ebenfalls Herausgeber ist, auf Seite 2 einen eigenen kurzen Artikel:

Man kann also nicht sagen, dass „Bild“, Bild.de und „Bild am Sonntag“ das Thema totgeschwiegen hätten. Vielleicht kann man sogar sagen, dass sie angemessen berichtet haben: nüchtern, keine sensationsgierige „Sex“-Schlagzeile, nicht vorverurteilend (zugegeben: alles andere wäre im Fall des eigenen Herausgebers auch eine große Überraschung gewesen). Schließlich steht außer den Tatsachen, dass gegen Kai Diekmann eine Anzeige vorliegt und die Staatsanwaltschaft ermittelt, nichts fest.

Heute berichten die Berlin-Ausgabe der „Bild“-Zeitung und Bild.de über den „AfD“-Politiker Andreas Kalbitz. Gegen Kalbitz liegt eine anonyme Anzeige wegen sexueller Belästigung vor, die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft derzeit, ob sie ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einleitet. Der Stellvertreter des brandenburgischen „AfD“-Chefs Alexander Gauland soll sich bei einer Party der „Jungen Alternativen“ teilweise noch minderjährigen Jugendlichen „sexuell genähert“ haben, so der Vorwurf, den Kalbitz bestreitet.

Auch hier ist noch nicht klar, was an den schweren Vorwürfen dran ist. Doch statt wie bei Diekmann auf eine große Aufmachung und Reizwörter wie „Sex“ in der Überschrift zu verzichten, berichtet „Bild“ so:

Nicht falsch verstehen: Wir sind nicht dafür, dass „Bild“ über Kai Diekmann so berichtet wie in diesem Fall über Andreas Kalbitz. Andersrum wäre es wünschenswert: Dass die „Bild“-Medien — wie im Fall ihres Herausgebers — Ermittlungen abwarten, die ermittelnden Behörden und, sollte es zu einem Prozess kommen, die Gerichte ihren Job machen lassen, bevor sie riesige Artikel bringen. In der Vergangenheit, unter der Leitung von Kai Diekmann, hat sich zu oft gezeigt, dass die „Bild“-Redakteure mit ihren schnellen Schlagzeilen zu oft danebenlagen.

Mit Dank an alle Hinweisgeber!