2017: Auferstanden aus Ruinen

Schon wieder beginnt das Jahr mit einer Diskussion über die Geschehnisse der Kölner Silvesternacht. Doch abgesehen davon, dass die „beteiligten“ Gruppen zwar die gleichen, die Geschehnisse aber ganz andere waren, gibt es noch einen anderen fundamentalen Unterschied der diesjährigen Debatte im Vergleich zu der vor einem Jahr: Sie ist (zumindest sieht es jetzt so aus) differenziert und reflektiert, also angemessen (Nachtrag, 3. Januar: Heute würde ich das wahrscheinlich so nicht mehr schreiben).


(Foto: Sebastiaan ter Burg)

Im letzten Jahr war das anders. Da war sie so etwas wie die plötzliche Eskalation in einem rhetorischen Stellvertreterkrieg zwischen denen, die der Meinung waren, dass die Flüchtlingspolitik in diesem Land eine Katastrophe ist, und denen, die sie für grundsätzlich richtig hielten. Stellvertretend deshalb, weil die Streitpunkte wenig mit den Konsequenzen von Angela Merkels angeblicher Grenzöffnung zu tun hatten. Krieg deshalb, weil es keine tatsächlich dis­ku­tier­baren Argumente mehr gab, sondern nur noch Positionen. Es ging nicht um Lösungen, sondern um Angriff und Verteidigung.

Alle waren sich zwar einig darüber, dass „so etwas“ nicht mehr passieren darf. Aber schon die Frage, was da tatsächlich passiert war, war für beide Seiten nachrangig.

Die Karriere des Wortes „postfaktisch“ im Jahr 2016 hat viel damit zu tun, dass ihm zugeschrieben wird, ein neues Phänomen zu beschreiben. Dabei ist es das Wesen eines jeden Krieges (auch eines rhetorischen), dass es um Fakten nicht mehr geht. Wir wissen das. Aber wir hatten es vergessen. Denn: Die rhetorische Aufrüstung im Kalten Krieg stand der des letzten Jahres um nichts nach.

Bei einer offiziellen Feier zum zehnten Jahrestag der Deutschen Einheit (ich hatte dort als PR-Mann zu tun) hatte man mich neben den DDR-Grenzöffner Günter Schabowski gesetzt. Er fragte mich, was das denn sei, PR, und gleichzeitig lief im Hintergrund ein Video, in dem es darum ging, dass sich die DDR noch in den 80er-Jahren auch vom Westen weitgehend unwidersprochen als eine der zehn führenden Industrienationen bezeichnen konnte. Schließlich sagte Schabowski dann zu mir, dass die SED wohl ziemlich viel falsch gemacht habe. „Aber PR, das haben wir offensichtlich gekonnt.“

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Vielleicht muss man auch wirklich daran erinnern, wie ideologiegesteuert und wenig faktenbasiert viele Grundsatzdiskussionen vor dem Mauerfall im Westen abgelaufen sind. Über Integration etwa wurde quasi gar nicht ernsthaft diskutiert, weil die eine Seite mehr oder weniger behauptete, dass Einwanderung völlig problemlos sei, während die andere Seite erklärte, dass es Einwanderung gar nicht gebe. Völlig undenkbar damals die heutigen Diskussionen über PISA, vergleichbare Bildungsergebnisse und die Frage, wie man Bildung am besten gestalten könne, weil damals jeder Verbesserungsansatz zur politischen Systemfrage erklärt wurde.

Das Postfaktische am Jahr 2016 war vor allem, dass wir in ihm so etwas wie einen neuen Kalten Krieg im Zeitraffer erlebt haben. Ursache hierfür soll das Internet sein. Dabei ging es auch diesmal eigentlich um das, worum es immer geht: Weltanschauungen, Lebensweisen, Besitztümer, Ängste und Macht. Überall steht ebenfalls geschrieben, dass das Internet die derzeitige Dimension von Fake News erst möglich mache und dass dieses Phänomen immer schlimmer werden würde. Das kann natürlich sein. Aber das Jahr 2016 steht auch für eine ganz andere Annahme: Dass nicht nur das Nicht-Richtige, das Populistische immer stärker, schneller und mächtiger wird, sondern auch das Gegenteil: Die praktizierte Möglichkeit, Fakten und Mythen schneller als früher zu überprüfen, schneller und besser Populismus und Hysterie verstehen und erkennen zu können, und daraus zu lernen.

Ausgerechnet die Reaktionen auf den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz haben gezeigt, dass da etwas dran sein könnte. Das zeigt nicht nur die „angemessene“ relative Angstlosigkeit der Berliner nach dem Attentat. Das zeigt auch die überraschend nüchterne und faktenbasierte öffentliche Debatte danach. Diesmal waren es eben nicht die üblichen populistischen Verallgemeinerungen, die das größte Gehör fanden, sondern der wirkliche Wunsch, etwas verstehen und auch lernen zu können. Es ist eben nicht so, wie uns in Talk-Shows immer wieder erklärt wurde, dass die Stimmung in Deutschland eine ganz andere sein werde, wenn wir erstmalig mit den Folgen eines „richtigen“ Anschlags konfrontiert sind, womit immer gemeint war, dass es dann nicht mehr möglich sei, so übertrieben korrekt und differenziert zu argumentieren. Anders als noch beim Anschlag in München, waren es während der Suche nach dem Täter eben nicht die wilden und üblen Spekulationen, die das Internet beherrschten, keine Verschwörungstheorien, nicht die Rufe nach Vergeltung, nicht einmal nach Konsequenzen. Es gab nicht nur einen Konsens, keine Opfer-Videos zu verbreiten und das Verbreiten zu verurteilen, das gleiche galt auch weitgehend für voreilige und verallgemeinernde Zuschreibungen. Es gab Menschen, die bösen Blicken und rassistischen Anfeindungen ausgesetzt waren, nur weil sie dem Täter ähnlich sehen, aber nach allem, was man liest, kam es zu keinen besonders drastischen Vorfällen, wie sie für eine solche Situation befürchtet wurden.

So schlimm das auch klingt, aber in einem Sinne hat der Berliner Anschlag auch etwas Tröstliches: Solange es eine solche Tat in Deutschland noch nicht gab, gründeten die Forderungen der Populisten auf etwas, das man schwer widerlegen konnte: Auf einem zukünftigen Horrorszenario. Jetzt ist das Szenario da, aber nicht der Terror, der Schrecken, sondern der Wunsch nach Aufklärung und angemessenen Lösungen steht im Vordergrund. Und das Gefühl, dass sich Deutschland im Großen und Ganzen doch vielleicht vertrauen kann, auch und gerade dann, wenn etwas Schreckliches passiert ist. Das ist gut für unsere Debattenkultur, weil beide Seiten abrüsten können: Die Populisten, weil sie den Terror nicht mehr so einfach für ihre rassistischen und menschenfeindlichen Vorstellungen missbrauchen können. Und notorische Diskriminierungs-Erklärer wie ich, weil sie zugeben können, dass sie Deutschland doch für etwas hysterischer gehalten haben, als es womöglich ist.

Was davon im Laufe des Wahlkampfjahres übrig bleiben wird, wird auch davon abhängen, wie sehr sich die von Medien formatierten Debatten von ihrer kriegslogikhaften Duell-Inszenierung lösen können.

Doch, dass jetzt vor allem über den konkreten Umgang mit 400 „Gefährdern“ (auch wenn diese Begrifflichkeit nicht unproblematisch ist) und nicht pauschal über Hunderttausende Geflüchtete gestritten wird, sollte uns Hoffnung geben. Und, um noch mal auf Köln zurückzukommen: Ja, man muss darüber reden, was es heißt, wenn Silvester dort 1000 Menschen aufgrund ihres Aussehens unter einer besonderen Beobachtung stehen. Aber man kann hier weder so tun, als seien Rassismus-Vorwürfe abwegig, noch bringt es etwas, das ganze Vorgehen generell als rassistisch zu verurteilen. Es ist wie so oft: Es scheint den einen richtigen Weg nicht zu geben; wichtig ist es, sich der Alternativen und Gefahren bewusst zu sein, und eine der naheliegenden Gefahren ist eben Rassismus. Das Verhindern von Rassismus ist nicht wichtiger aber auch nicht weniger wichtig als das Verhindern von sexueller Gewalt. Ein solcher Polizeieinsatz und die politische Entscheidung dahinter ist immer auch ein Dilemma. Das Dilemma des letzten Jahres bestand auch darin, dass es ein Dilemma nicht geben durfte, sondern nur vermeintlich richtig und vermeintlich falsch.

Über dieses Silvester reden, bedeutet weder verurteilen noch abfeiern, sondern sich einem Austausch stellen. Davon auszugehen, dass es etwas bringt, wenn wir wirklich mehr darüber erfahren wollen, wie es gewesen ist und was wir daraus machen können.

Noch habe ich das Gefühl, dass das in diesem Jahr möglich ist.

Nachtrag, 6. Januar: PS: Wie sehr ich mich in meiner Einschätzung über die „angemessene“ Debatte geirrt habe, habe ich in meinem Blog aufgeschrieben. Meine Meinung zum Polizeieinsatz selbst hat sich nicht geändert. Im Gegenteil.